Nr. 22! Dritter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Montag, 21. September 1936
Aus der Provinzialhauptstadt.
Mithelfen wird zum Vergnügen!
Die Namen der bekannten Weinorte am Rhein, an der Mosel, der Ahr und der Saar, aus Rheinhessen und aus der Pfalz werden vom 19. bis zum 26. September in vielen deutschen Städten und Dörfern freundlich werbend in öie Ohren der Volksgenossen klingen.
Der deutsche Wein braucht keine Reklame, sondern Werbung. Er hat seinen Ruf in der ganzen Welt als ein gepflegtes und naturreines Erzeugnis, und die deutschen Gesetze wachen streng darüber, daß gegen diese Grundsätze nicht verstoßen wird. Unser Weinbau hat eine alte Tradition, die sich durch Jahrhunderte in den Winzersamilien fortgeerbt hat, er verfügt über ein einzig dastehendes Schulungswesen, das immer wieder die Erfahrungen auswertet und der Allgemeinheit zuführt.
Was ist die Ausgabe der Werbung? Es muß dem einzelnen Volksgenossen die Möglichkeit gegeben sein, sich für billiges Geld von der Güte und der Bekömmlichkeit des edlen Rebensaftes zu überzeugen. Damit werden am besten die falschen Vorstellungen erledigt, als ob der deutsche Wein nur ein Getränk für reiche Leute wäre.
Die Wein-Werbewoche ist keine Wohlfahrtsveranstaltung, sondern eine wichtige volkswirtschaftliche Lktion. Der Weinbauer will keine Wohltaten, sondern Verständnis für seine Lage und seine Erzeugnisse. Wenn in jedem Hause monatlich auch nur eine Flasche Wein bei einem frohen Ereignis, einem nationalen Fest oder zu Ehren lieber Gäste getrunken würde, so wäre alle Winzernot zu Ende. Und die gibt es! Die Menschen im Weingebiet Deutschlands werden zu Unrecht als leichtlebig hingestellt. Leider kämpfen Hunderttausende von Weinbauern einen schweren Existenzkampf. Die Arbeit auf den steilen Hängen der Weinberge ist schwer, der Ertrag hängt großenteils von den Zufälligkeiten des Wetters ab, der Absatz aber hat sich immer mehr verschlechtert. Insbesondere sind die Auslandsmärkte verschlossen, oder von den billigen Südwei- nen anderer Länder überschwemmt, die an Güte und Pflege sich gar nicht mit den deutschen Erzeugnissen vergleichen lassen.
Bringt die Weinwoche einen guten Erfolg, so werden in vielen Weinorten die Restbestände der vorjährigen Rekordernte abgesetzt. Dann sind die Fässer frei für das neue Jahr. Bekommt der Winzer Geld für fein Produkt, so kann er Steuern und Zinsen zahlen, Handwerker und Kaufleute in Nahrung setzten.
Die deutschen Gemeinden und das deutsche Gaststättengewerbe haben gemeinsam mit dem Reichsnährstand eine beherzigenswerte Tat geschaffen, als sie die „Patenschaften" für den deutschen Weinbau eingerichtet haben. Einige hundert Städte und grö- ßerö Landgemeinden haben sich verpflichtet, für einen bestimmten Weinort eine gewisse Menge edlen Rebensaftes abzunehmen und sie durch die Gaststätten zu verteilen. Bei einem Teil, z. B. bei Gißßen, sind es Weine aus Rheinhessen oder Moselweine, bei anderen solche vom Rhein oder aus der Pfalz, je nach dem Geschmack, der in der betreffenden Gegend vorherrscht. Großstädte haben auch mehrsre Kategorien des deutschen Weines eingeführt.
Jeder Volksgenosse möge nun zum Erfolg Mitwirken, denn es handelt sich um eine Werbung für echt deutsche Erzeugnisse, geschaffen aus deutschem Bauernfleiß: um den Wein!
Vornoiizen.
Tageskalender für Montag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Das Hermännchen". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Mädchenjahre einer Königin".
Aufhebung der Gerichtswachtmeistergebühren in Hessen.
Der Reichsminister der Justiz hat im Einvernehmen mit dem Reichsminister der Finanzen auf Grund des Artikels 5 des Ersten Gesetzes zur
Das erste Konzert der Lustwaffe im Gau Hessen-Nassau.
Zehntausende begeisterte Zuhörer im Frankfurter Sportfeld.
LPD. Frankfurt a. M., 19. Sept. Der Auftakt der Konzertreise der Luftwaffe im Gau Hessen-Nassau zu Gunsten der NSV. im Frankfurter Sportfeld war ein voller Erfolg. Schon lange vor Beginn der großartigen musikalischen Darbietungen zogen Tausende von Volksgenossen hinqus nach der Kampfbahn des Sportfeldes, um sich einen günstigen Platz zu sichern. Das weite Rund war fast dicht besetzt mit einer erwartungsvollen Zuhörermenge, die im Verlaufe des Konzerts immer wieder in spontanen Beifall ausbrach in Heller Begeisterung über die meisterlichen Darbietungen.
Gauleiter und Reichsstatthalter Sprenger dankte den Musikern der Luftwaffe, daß sie sich bereitwilligst in den Dienst der guten Sache gestellt hätten. Damit hätten sie einen Beweis ihrer Volksverbundenheit gegeben, getreu den Richtlinien, die der Führer ausgestellt habe. Gewiß habe man auch früher versucht, den Armen zu Helsen, aber niemals habe man dies in einem derartigen Ausmaß wie heute zu Wege gebracht. Dafür gebühre auch der NSV. alle Anerkennung und Unterstützung.
Der Befehlshaber im Luftkreis IV, General der Flieger Halm, dankte für die warmen Begrüßungsworte durch den -Gauleiter, aus denen die Luftwaffe die Sympathie herauslefe, mit der sie in Frankfurt ausgenommen werde. Er wolle zum Ausdruck bringen, daß die Musiker der Luftwaffe mit freudiger Begeisterung die Anregung vernommen hätten, auch an dem sozialen Werk der NSV. tätig sein zu dürfen.
Unter der musikalischen Leitung des Luftwaffenmusikinspizienten Professor Hans Felix Hu s adel brachte dann das vereinigte Musikkorps von fünf Stabsmusik-Korps ein Programm zur Aufführung, das immer und immer wieder die helle Begeisterung der Massen auslöste. Von dem schneidigen Einmarsch bis zu dem großen Zapfenstreich waren die Musiker Gegenstand lebhafter Ovationen, und wenn auch im zweiten Teil ein ziemlich starker Regen niederging, so vermochte dieser der ausgezeichneten Stimmung doch keinen Abbruch zu tun. Besonders hervorzuheben sind die Märsche von Friedrich dem Großen, die Präsentiermärsche der Luftwaffe und vor allem auch der Einzug der Spielleute. Neben den Märschen verstanden die Luftwaffenmusiker aber auch ausgezeichnete Ouvertüren und sinfonische Tänze zu spielen, so daß jeder Geschmack auf seine Rechnung kam.
Das erste Auftreten der Musikkorps der Luftwaffe in Frankfurt war ein großer Erfolg, nicht zuletzt auch für den sozialen Zweck.
Besucht das Kor zert del Lußwaffe!
Vom Reichsluftschutzbund, Ortsgruppe Gießen, wird uns geschrieben:
Am 23. und 24. September findet ein Massenkonzert der Luftwaffe im Cafe Leib statt. Der Ortsgruppenführer der Ortsgruppe Gießen fordert hiermit sämtliche Amtsträger und Mitglieder des RLB. auf, i ihre Verbundenheit mit der Luftwaffe durch zahl- I reichen Besuch ihrerseits zu bekunden.
Das ist er!
Hier sehen Sie Herrn Hase, wie er leibt und lebt, den Helden vieler merkwürdiger Erlebnisse. Er ist ein netter Kerl und jedermann gefällig, aber leider, leider hat es einen Haken mit ihm! Das hübsche, alte Sprüchlein „Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts" — das paßt auf niemand bester als auf
Ueberleitung der Rechtspflege auf das Reich vom 16. 2.1934 verordnet:
Artikel 1.
Die hessische Bekanntmachung über die Gebühren der Gerichtswachtmeister vom 15.3.1928 (Hessisches Regierungsblatt Seite 28) tritt mit Ablauf des 30. September 1936 außer Kraft. Für die bis zu diesem Zeitpunkt vorgenommenen Zustellungen und Behändigungen, sowie für die vor diesem Zeitpunkt liegende Tätigkeit der Gerichtswachtmeister im Versteigerungstermin werden die Gebühren noch erhoben. Soweit in einer Sache von dem Kostenschuldner die Kosten ohne Ansatz dieser Gebühren vor dem Inkrafttreten dieser Verordnung bereits angefordert sind, ist von einer Nachforderung der Gebühren abzusehen.
Artikel 2.
(1) Die am 30. September 1936 im Amt befindlichen Gerichtswachtmeister, in deren Aufgahenkreis die in der Bekanntmachung genannten Verrichtungen gehören, erhalten für ihre Person übergangsweise eine nichtruhegeldfähige Entschädigung in Höhe von zwei Dritteilen des Betrages, der ihnen als Gebühreneinnahmen in den letzten Jahren durchschnittlich zugeflossen ist.
(2) Diese Entschädigung vermindert sich vom Beginn des Rechnungsjahres 1937 ab um je ein Fünftel und fällt mit Ablauf des Rechnungsjahres 1940 oder dem früheren Ausscheiden des Beamten aus dem Gerichtswachtmeisterdienst fort. Auf die hiernach zustehenden Jahresbeträge werden Diensteinkommenerhöhungen, die sich durch Aufrücken
a) in ein höheres Grundgehalt, sei es durch Aufsteigen in eine höhere Dienstaltersstufe oder durch Beförderung,
b) in eine höhere Tarifklasse des Wohnungsgeldzuschusses infolge Erreichung eines höheren Grundgehaltes ergeben, in voller Höhe angerechnet.
(3) Die Entschädigung wird mit Wirkung vom 1.4.1936 gewährt. Auf die Entschädigung haben sich die Gerichtswachtmeister die Gebühren, die sie nach der hessischen Bekanntmachung vom 15.3.1928 in der Zeit vom 1.4.1936 bis 30.9.1936 bezogen haben, anrechnen zu lassen.
Nichts mit der Universität zu tun.
Von der Pressestelle der Universität Gießen wird mitgeteilt: _ ri
Die Universität Gießen legt Wert auf die Feststellung, daß die sogenannte Universitätsmühle in Großen-Linden keinerlei Beziehungen zur Universität Gießen besitzt.
Von „Hochzeiten" und „Zwiebelfischen"
Am morgigen Dienstag, 22. September, von 16.45 bis 17 Uhr wird der Frankfurter Rundfunk unter dem Titel „Von .Hochzeiten' und .Zwiebelfischen', wir besuchen eine Heimatzeitung" einen Rundfunkbericht aus Gießen bringen. Auf diese Lokalsendung sei besonders hingewiesen.
Die öcutfdic Arbeitsfront - n.9,--0emtinf(häft „Kraft öurdi frcuöc"
„Kraft durch Freude"-Vorslellungen im Stadttheater.
Im Lause der Spielzeit 1936/37 führen wir eine größere Anzahl geschlossener Vorstellungen durch.
Als erste Vorstellung bringen wir am Samstag, 26. September, 20 Uhr, „Donna Diana", ein entzückendes Lustspiel von Moreto, das allen Arbeitskameraden und Kameradinnen Freude und künstlerischen Genuß bringen wird.
Die Eintrittspreise betragen 50, 70 und 90 Pf. Karten find durch alle Betriebswarte zu haben. Vorverkauf für Einzelmitglieder und -perfvnen auf der Kreisdienststelle, Schanzenstraße 18. Die Betriebswarte reichen die Vorbestellungen bis spätestens Donnerstag, 12 Uhr, ein. Die Karten können ab sofort gegen Barzahlung in Empfang genommen werden.
Omnibusfahrt nach dem Edersee.
Am Sonntag, 27. September, findet eine Omnibusfahrt nach dem Edersee statt. Die Fahrtstrecke ist Marburg—Frankenberg—Edersee. Rückfahrt erfolgt über Bad Wildungen. Der Fahrpreis beträgt 4,70 RM. Abfahrt erfolgt in Gießen um 8 Uhr.
ihn, der auch so häufig nicht „im Bilde" ist.
So wird er in allerlei Abenteuer verwickelt, die wir Ihnen hier schildern wollen. Morgen kommt da- erste! Hier an dieser Stelle!
Anmeldungen auf der Kreisdienststelle Gießen, Schanzenstraße 18.
Keine Auslandsreise ohne Reisekreditbrief!
23. 21. Eine Warnung, die weitesten Kreisen bekannt werden sollte, erläßt soeben das Reichswirtschaftsministerium. Immer mehr hat sich nämlich die Unsitte eingebürgert, daß Deutsche Auslandsreisen antreten, ohne die Aushändigung der von ihnen bet einem deutschen Reisebüro oder einer Devisenbank beantragten Reisekreditbriefe abzuwarten. Sie gehen dabei von der Hoffnung aus, daß ihnen die Reisezahlungsmittel alsbald nachgesandt werden. Demgegenüber kann nicht oft genug darauf hingewiesen werden, daß für Länder, mit denen sogenannte Reiseabkommen bestehen, jeweils nur beftimmte Devisenkontingente zur Verfügung stehen. Da diese regelmäßig hinter den Anforderungen des deutschen Reisepublikums zurückstehen, kann keine Gewähr dafür übernommen werden, daß die beantragten Devisen auch wirklich zugeteilt werden. Auch eine in den Reisepaß eingetragene sogenannte Vormerkung ist keine Besserstellung, da diese Vormerkung lediglich den Zweck hat, eine doppelte Anmeldung von Reisezahlungsmitteln zu verhindern. Es muß also dringend davor gewarnt werden, sich bereits auf Grund einer solchen Vormerkung ins Ausland zu begeben, ohne die tatsächliche Aushändigung der beantragten Reisekreditbriefe abzuwarten. Abgesehen davon, daß ein solches Verhalten die schwer um die Beschaffung von
Eine Mark und ein furchtsames Herz.
Von Gerhard Uhde.
Das Brot holte ich in der Mühle. Eins kostete 45 Pfennige. Das war ein großer, runder Laib. Wenn man zwei kaufte wie ich, gab es 5 Pfennige Rabatt. Aber man konnte auch 90 Pfennige auf den Glasteller legen und dann eine große Dute Schokoladenplätzchen zubekommen. Ich weiß nicht, ob andere auch diese Entdeckung gemacht hatten, oder ob ich allein so findig war; die Gewohnheit hatte Güte genug, solche Frage davonzutragen, bis sie zu fern war, um sich sichtbar zu erheben. Und wenn auf meinem Gang zllr Mühle trotzdem noch ein kleines Wölkchen im Gewissen wltwanderte, so wurde es weggeweht, sobald ich das Rauschen des stürzenden Wassers und das dumpfe Arbeiten des großen Rades hörte und dann den warmen, welchen Geruch von Kleie und Mehl 3n
dieser Geborgenheit gab es nichts Unrechtes. -Daß die ganze Mühle immerwährend zitterte, rührte ja von dem schweren Rade her, und wenn je em wenig Furcht aufkommen wollte, dann brauchte man nach dem Kaufe der Brote nur noch eine Weile in dem Dorraume stehen zu bleiben und den bestaubten Müllerknechten zuzusehen, wie sie die Säcke schleppten, oder ein bißchen weißes Mehl von der unteren Kruste des noch warmen, duftenden Brotes abzulecken.
Die Düte mit den Schokoladeplatzchen zog ich erst heimlich aus der Hosentasche, nachdem ich die Brote abgeliefert hatte. Niemand wußte etwas von diesem Schatze 6er sich jeden Fre.ta-, erneuerte Aber dem Aeppelt Sef e dem rothaarigen mit den Schielaugen, der stets in den Gassen herumstreifte, gelang es, Mitwisser zu werden und oft wenn ich aus der Mühle kam, war er da und forderte seinen Anteil. Einmal, als ich ihm schon entronnen zu sein glaubte, tauchte er plötzlich an der Löschung des Paches auf. Ich erschrak und faßte m die Hosentasche, um mich zu oergewstsern, ob ich neben der Düte auch noch die zehn Pfennige besaß, die ich aus der einen mitbekommenen Mark beraus^u- bringen hatte. Aber was war das? Es klimperte in meiner Tasche. Zwei Münzen em Zehnpfenmg- und ein silbernes Markstück! Und ehe ich meine Ueberraschung verbergen konnte, hatte sich der Aeppelt Sesse in mein Geheimnis eingeniftet. ,,Schon dumm wärst du, wenn du das abgeben wurdest , jagte er, „das gehört dir". Und mit brennenden
Farben malte er aus, was man alles für eine Mark kaufen könne. Der Wunsch, diese Dinge zu erwerben, überzeugte mich von der Rechtsmäßigkeit meines Besitzes, ich grübelte nicht mehr nach, wie der Reichtum in die Hosentasche gekommen war, und lieferte nur die zehn Pfennige ab.
Von diesem Tage an wich der Aeppelt Seffe nicht mehr von meiner Seite. Ich wollte ja auch gern in den Krämerladen gehen und für fünf Pfennige Honigbonbons kaufen, aber das war zu gewagt, wegen dieser kleinen Summe ein ganzes Markstück vorzuweisen. Der Krämer kannte meine Mutter, und wer wußte, ob er ihr das nicht bei Gelegenheit erzählte. Angsthase nannte der Seffe mich, doch als ich ihm das Geld in die Hand drük- ken wollte, redete er sich heraus, es sei ja meins, und da müsse ich hineingehen. Wenn ich die Mark jetzt noch den Eltern gab? — Aber die so leicht erfüllbaren Wünsche, die mir immer heißer vorgestellt wurden, besiegten die löbliche Regung. Ich bot dem Seffe die Hälfte des Geldes, nur daß er mit feinen Drohungen aufhörte, mich verpetzen zu wollen, wenn ich nicht endlich den Anfang nut dem Kaufen machte. Aber wechseln sollte er das Markstück. Er wußte sich wieder und wieder zu entwinden und entließ mich doch nicht aus seiner Gewalt. Wo ich nur einen Auftrag auszuführen hatte, immer war er zur Stelle, und was mir zu andrer Zeit lieb gewesen wäre, daß er mir beim Aepsel- pflücken half, ich suchte heute seine Hilfe abzuschütteln. c r,,
Auf dem Marktplatz wurden Buden aufgeschlagen, es nahte ein Tag besonderer Hochgefühle. Jahrmarkt! Dies Wort entzündete den Aeppelt Seffe zu letzter Beredsamkeit. Jetzt gab es kein Entrinnen mehr für mich. Wie konnte es beim Jahrmarkt auffallen, wenn man eine Mark vorzeigte? Die Budenbesitzer waren ja fremde Leute, die von auswärts tarnen. Das sah ich ein, und ich wurde froh, daß ich mich durch türkischen Honig, Pflastersteine, eine Pistole mit Zündblättchen und einen Peitschenriemen mit Vorschnürchen von der unbehaglichen Gesellschaft würde loskaufen können.
Aber an dem Morgen des entscheidungsvollen Tages, als mir der Vater ganze fünfzehn Pfennige für den Jahrmarkt gab, wurde ich so weich und gut im Herzen, daß mein Entschluß wankte, und diesem Wanken drängte ein Gedanke nach, der ganz und gar von mir Besitz nahm. Mein Vater wußte, daß ich eine Mark hatte. Ich sollte auf eine Probe gestellt werden. Man hatte mir, so dachte ich, das Geldstück heimlich in die Tasche ge- steckt und beobachtete, was ich wohl damit tun
würde. Und weil ich es noch besaß, deshalb hatte ich vom Vater zur Belohnung so viel Jahrmarktsgeld bekommen. Ganz gewiß durchsuchte die Mutter jeben Abend, wenn ich schon schlief, meine Hosentaschen und überzeugte sich davon, daß das Markstück noch da war. Ein neuer Entschluß stand fest, ich würde am Abend die Eltern fragen, ob ich das Geld in die Sparbüchfe werfen dürfte. Mein guter Wille hielt mich lange gegen die Drohungen des Seffe gefeit. Ich besänftigte ihn auch etwas dadurch, daß ich ihn an meinem türkischen Honig lecken ließ und ihm einen von meinen Pflaster - steinen gab. Aber den Abend zu, als er sehen mußte, daß er in seinen Erwartungen betrogen war, wurde er grimmig und boxte mich. Mit List entwischte ich ihm zu andren Kumpanen, die schon davon gemunkelt hatten, den Hauptspaß des Jahrmarktes wiederholen zu wollen.
Hinter Erlenbüschen versteckt hockten wir an der Landstraße und warteten, daß sich die ins Nachbardorf heimkehrenden Marktbesucher nach unsren ausgelegten Düten bückten. Die waren kunstvoll gepackt, den Kniffen der Budenbefitzer nachgefaltet und so unabsichtlich am Straßenrande hingelegt, als ob sie jemand verloren hätte. Und wenn sich nun ein Opfer, dessen Phantasie auf dem Jahr - markt genüglich erregt war, auf fo eine Düte stürzte, dann lachten Himmel und Hölle in uns, und schadenfroh platzten wir heraus, wenn die Betrogenen die Düte mit den Roßäpfeln schimpfend wegwarfen.
Mein Herz war im Einklang, dieser Streich hatte mir den letzten Mißton hinausgeläutet. Ich genoß schon die Behaglichkeit, die um mich fein würde, wenn ich meinen Eltern die eine Mark unversehrt vorwies. Aber wie erschrak ich: Als die Dämmerung mit dem aufsteigenden Nebel unsrem Spiele ein Ende machte, hatte ich meine Silbermark verloren. Ich durchsuchte wieder und wieder die Hosentaschen, ging auch noch einmal zu dem Platze, wo wir hinter den Erlenbüschen gehockt hatten und leuchtete mit Zündhölzern das erste Herbstlaub ab, die Mark blieb verloren.
Es dauerte eine Weile, bis ich mich mit dem Verluste abfinden konnte, aber dann wurde ich froh, als ob ich ohne Schaden genommen zu haben, den Fängen einer Versuchung entgangen war. Wohl war es schwierig, den Aeppelt Seffe, der mich am nächsten Tage wieder bedrängte, davon zu überzeugen, daß ich das Geld verloren hatte, doch die Unruhe der Begehrlichkeit, die ihm die Herrschaft über mich gegeben hatte, war von mir gewichen, und darum ließ er endlich von mir ab.
Johannesburg, die Stadt auf Goldgrund.
Wird Gold in der Geldwirtschaft feinen beherrschenden Platz weiter behaupten? Werden die Goldbergwerke noch eine größere Ausdehnung annehmen? Auf diesen beiden Fragen antwortete mit einem sehr betonten „Ja" einer der führenden Männer im südafrikanischen Bergbau, John Martin, in einer Rundfunkrede, die er kürzlich in England für die ganze englisch sprechende Welt hielt. Sein Hauptthema war Johannesburg, das in diesem Jahr das 50jährige Jubiläum seiner Gründung feiert. Das Bild, das die Jubiläumsstadt bietet, ist das eines blühenden, geschäftigen und fortschreitenden Gemeinwesens, das der Zukunft mit all ihren Problemen voll Freudigkeit und mit wohlbegründetem Vertrauen entgegensieht. Der Bergbau in großer Tiefe mit den damit verbundenen Schwierigkeiten wie Felsdruck, genügender Lüftung und der Frage der Arbeitskosten sind noch nidjt in höchster Vollkommenheit gelöst. Es bleibt noch viel zu tun übrig. Ein großer Fortschritt ist schon gemacht worden, indem man die Gefahrenquellen erkannte und zu vermeiden wußte, die die Schwindsucht des Bergmannes verursachten. Kein Bergmann, der seit 1923 neu eingetreten war, ist mehr an Schwindsucht oder Auszehrung erkrankt. Bergwerksunternehmungen, die schon im Gange waren, sind in einigen Fällen bis zu einer Tiefe von 2600 Meter getrieben worden. In Tiefen von 1000—2000 Meter sind Kraftstationen und elektrische Aufzüge errichtet, man findet dort riesige Ventilationsfächer, Untergrundreservoire und Maschinenkammern; die elektrische Kraft, die hier in den Bergwerken jährlich verbraucht wird, übertrifft die^ Menge, die Birmingham, Manchester, Liverpool, Sheffield und Glasgow zusammengenommen benutzen. Wenn man alle Schächte und Tunnels, die in diesen Bergwerken im letzten Jahr angelegt wurden, aneinander setzen könnte, so würden sie eine Tunnellänge von London nach Glasgow ergeben, in der vier Männer aufrecht und nebeneinander wandern könnten! Seit die Ausbeutung begann, haben die Randminen 300 000 000 Unzen reines Gold ergeben ober 12 500 Tonnen Gold von dem Ausbruch von 900 000 000 Tonnen Gestein. Niemals bis jetzt ist der Goldbergbau so intensiv und in solchen Tiefen durchgeführt worden, und nirgends hat sich das Ausmaß de» Ertrages und die Ertragsdauer so groß erwiesen wie hier.


