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Nr.ttl Zweiter Natt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Mittwoch, 20. Mai 1956

Jeu de boules.

Marseille zwischen Streik und Kugelspiel.

Bon unserem Dr V.-Berichterstatter

Aus aller Welt.

Die Einwanderungsquote für Luden nach Palästina erhöht.

Jerusalem, 19. Mai. (DNB.) Im Amtsblatt der Mandatsregierung wurde die neue Ein­wanderungsquote für Juden veröffent­licht. Sie ist erheblich höher als die bisherige. Da die Führung der Araber die sofortige vollkommene Unterbindung der jüdischen Zuwanderung gefordert hat, muß die Erhöhung der Einwanderungsquote der Juden als eine offene englische Absage an die Araberführer angesehen werden. Jerusalem gleicht mit seinen geschlossenen Lader, den Stachel­drahtverhauen in den Straßen und dem großen Mi- litöraufgebot einer belagerten Stadt.

Schwere Unwellerschäden in Spanien.

Aus mehreren spanischen Provinzen werden schwere Unwetterschäden gemeldet. Wolken­bruchartige Regen, verbunden mit einem heftigen Absinken der Temperatur, haben weite Strecken Landes unter Wasser gesetzt. In Gredos tobten S ch n e e st ü r m e, wie man sie zu dieser Jahres­zeit noch nicht gekannt hat. In der Provinz Sara­gossa wurden 160 Dörfer überschwemmt. Die Züge der Strecke BarcelonaMadrid können auf dierektem Wege nicht mehr verkehren, da die Bahn­dämme an vielen Stellen zerstört sind. Der größte Schaden ist jedoch durch die Vernichtung der Ernte entstanden. In Plasencia sind 90 Häuser unter Wasser gesetzt, von denen bereits 10 einstürzten. In vielen Bezirken gilt die Ernte als vollständig ver­loren. Mehrere Fabriken haben den Betrieb ein­stellen müssen. Seit 40 Jahren hat man ein der­artiges Hochwasser nicht mehr erlebt.

Schwere Sturmschäden am Schwarzen INeer.

Seit einigen Tagen herrscht im ganzen Gebiet des Schwarzen und des Asowschen Meeres ein schwerer N o r d o st st u r m , der die gesamte Schiffahrt lahm­gelegt hat. Die Küstenstationen melden Windstärke 11. Die Hafenbehörden von Noworossijsk, Odessa und anderen Schwarze-Meer-Häfen haben die Einfahrt von Schiffen verboten. Auch an Land hat der Sturm große Verheerungen angerichtet. Dächer wurden ab­gedeckt und Häuser beschädigt. Große Schäden haben die Gartenkulturen und Weinberge erlitten.

Von einem Lastauto tödlich überfahren.

Als ein Lastauto aus dem Kahlgrund in Richtung Wiesen am letzten Hause des Ortes Frammersbach im Spessart vorbeifuhr, lief ein Schwein unter den Wagen und wurde überfahren. Im gleichen Augen­blick wollte die Besitzerin des Tieres nach ihm sehen, lief ebenfalls auf die Straße und wurde von dem Fahrzeug erfaßt. Das eine Rad ging der Un­glücklichen über den Kopf, so daß der Tod auf der Stelle eintrat.

Schlimmes Ende einer nächtlichen Spritzfahrt an der Mosel.

Auf der Provinzialstraße zwischen Enkirch und Buch (Mosel) ereignete sich ein schwerer Kraft­wagenunfall. Ein Hamburger Wagenbesitzer hatte in einem Enkircher Gasthaus mehrere junge Leute zu einer nächtlichen Spritzfahrt nach Briedel eingeladen. Während dieser Fahrt standen insgesamt sechs junge Burschen auf den Trittbrettern des Wa­gens. Vor dem Ort Burg fuhr der Wagen gegen einen Baum, wobei die jungen Leute zu Boden geschleudert wurden. Der Wagenbesitzer und ein Einwohner aus Enkirch wurden mit schweren Verletzungen ins Trarbacher Krankenhaus ein­geliefert, während der 30jährige Franz aus En­kirch ums Leben kam.

Ein Hase fliegt durch die Windschutzscheibe.

Ein nicht alltäglicher Vorfall ereignete sich zwischen Erzweiler und Niederalden (Rheinprovinz). Ein Hase sprang von einem Felsen auf die Motorhaube eines fahrenden Postautos; er wurde durch den An­prall durch die Windschutzscheibe geschleu­dert und blieb tot auf dem Schoße des Fahrers liegen. Der Wagenlenker brachte fein Gefährt sofort zum Halten, so daß ein Unglück vermieden werden konnte. Mehrere Wageninsassen erlitten leichtere Ver­letzungen.

Marseille, im Mai.

Es stand alles noch so wie vor fünf Jahren: Notre Dame de la garde auf beherrschender Höhe über der Stadt, das durch Balken vor dem Ein­stürzen bewahrte Haus mitten im Zentrum, die Schmutz- und Abraumhaufen in den Gassen, der Dunst über dem ungefügen Wirrwarr von Hafen­kränen, Masten, Lagerschuppen und Getreidehebern. Und trotzdem war Streik aller Verkehrsarbeiter und Angestellten. Hatten drüben in Italien Häfen ihr Gesicht verändert, hier schien alles stillgestanden zu haben. Beharrlich still im Schmutz, im behaglichen Wohlstand, an der Freude am Lärm, an vielen bunten Lichtern, an den Bergen von Muscheln, Krustentieren und Austern in den Ständen am vieux port!

Und da, wo noch vor zwei Jahren König Alexan­der von Jugoslawien unter den Kugeln eines fana­tischen Verbrechers sein Leben aushauchte, stehen wieder Truppen aufmarschiert, schmettern Clairons, um dem ägyptischen Thronfolger die Ehren zu erweisen, die ihm jetzt nach dem Tode seines Vaters zustehen. Lange Artikel in allen fran­zösischen Blättern. Der Prinz hat traditionsgemäß in Paris studiert. Er wird, so hofft man, noch öfter hier in Marseille an Land gehen. Und gerade hier hat man weniger denn in Paris vergessen, wer den Suez-Kanal gebaut hat und wer so töricht war, Aegypten aufzugeben ...

Italien hat vier Häfen von Bedeutung am Mittelmeer. Frankreich nur einen: Marseille. Alles was mit dem Riesenbesitz in Afrika zu tun hat, konzentriert sich hier. Und Afrika entsandte dafür seine Vertreter in allen nur denkbaren Haut- schattierungen vom dunkelsten Schwarz bis zur matten Tönung des reinblütigen Arabers in die Handelsmetropole. Gerade kommen Abteilungen der gemischten Regimenter an Land. In Tropenunifor­men, mit dem roten Fez auf dem Kopf. Schwarz und weiß gemischt. In der gleichen Uniform. Noch marschiert ein weißer Offizier an der Spitze der Abteilung. Wie lange noch? ...

Es scheint, als ob tatsächlich der Prozentsatz der Farbigen in den letzten Jahren stark zugenommen hätte. Nicht nur Afrika strömt hier zusammen, son­dern auch Annam, Jndochina und das bunte Volk Indonesiens. Sie tragen noch in Europa ihre Lan­destracht, während der Syrer, Araber und Berber sich in einen Europäer nach letztem Pariser Schnitt verwandelt. Und kein reicher Nigger wird vergessen, weiße Gamaschen über seine Schuhe zu ziehen, in deren Glanz sich die Sonne spiegelt. Und vergessen wir eins nicht: sie sprechen alle Franzö­sisch, reines Französisch, Syrer, Aegypter, Berber, Senegalesen, Jndochinesen und Annamiten! Die französischen Schulen leisteten seit über hundert Jahren wirkliche Vorarbeit. Französische Missio­nen gingen von Marseille nicht nur hinaus, um das Evangelium zu predigen, sondern ebenso um leidenschaftlich französische Kultur und Sprache im Orient, in Afrika wie in Hinterindien zu verbreiten. Und für alle diese Rassen, vor allem für ihre Intelligenz (gleichbedeutend mit ihren wohlhaben­den Schichten) ist Marseille nur Pforte nach Paris, dem Ziel ihrer Sehnsucht, mögen sie noch so leidenschaftliche Nationalisten sein.

Internationales Schachturnier in Bad-Nauheim.

In der dritten Runde des Bad-Nauheimer In­ternationalen Schachturniers mußte B e l l st a b (Deutschland) gegen A l j e ch i n (Frank­reich) aufgeben. Vidmar (Jugoslawien) spielte un­entschieden gegen A h u e s (Deutschland). Van den Bosch (Holland) verteidigte sich indisch gegen Weißgerber (Deutschland), konnte aber dem Punktoerlust nicht vusweichen. Stahlberg (Schweden) unterlief in einer versteckten Kombina­tion H e i n t ck e s ein Figurenverlust. Die Partie

Man streikt hier. Keine Tram, keine Taxi fährt. Am Abend stehen wohl die Männer in ihren blauen Arbeitskitteln zusammengeballt vor einigen Lautsprechern, in denen die Redner der Volksfront sprechen. Die kommunistischen Agitatoren haben den meisten Beifall. Sie nehmen langsam aber sicher den Sozialisten den Wind aus den Segeln. Das ist das eherne Gesetz der politischen Entwicklung. Im Wettlauf um die Massen gewinnt der Radikalste das Rennen, wenn die andern ihn mitrennen lassen.

Ach ja, ich vergaß es auch in der Stadt, man streikt. Aber ich sah fast nirgends etwas, was nach Streik im üblichen Sinne roch. Wir Deutschen, die wir das alles längst hinter uns wissen, betrachten diese Dinge fast mit der Neugierde von Touristen, denen eine interessante aber total fremde Kuriosi­tät irgendwo im Ausland vorgesetzt wird. Sie schei­nen, diese biederen Spießbürger in ihren blauen Kitteln, ja nur zu streiken, um sich den ganzen Tag über leidenschaftlich auf das Spiel von Marseille, Jeu de Boules, zu werfen. Unser Zoll­beamter, vielfacher Champion de Marseille, Besitzer wertvoller Trophäen, hält uns einen bewegten, ein­dringlichen Vortrag über dieses Marseille be­wegende Spiel mit den goldglänzenden, hohlen Me­tallkugeln. Ein Spiel, bei dem gutes Augenmaß und eine sichere Hand erforderlich sind, damit ähn­lich wie beim Billard eine Kugel die andere be­rührt.

Auf jedem freien Stückchen Erde stehen sie in Gruppen beieinander. Jung und cf t. Nur Männer. Ein Spiel für Männerfäuste. Ich sah es, mit Stein­kugeln gespielt, auch schon an der ligurischen Küste. Nichts vermag den Eifer, die Andacht, die Span­nung, die Energie richtig wiederzugeben, die ich in den Gesichtern der Kugelwerfer beim Wurf konzen­triert sah. Sie üben und spielen unermüdlich unter freiem Himmel, der heißen Sonne ihrer schönen Hei­mat tagsüber ausgesetzt. Ich sah sie um sieben Uhr bereits vor der Kathedrale spielen, da wo der Blick durch die elegante Eisenriesenkonstruktion der Hoch­fähre über den vieux port hindurch auf Notre Dame de la garde geht. Wo direkt unter uns Soldaten gelangweilt auf den Bastionen Vaubans zum Schutz der alten Hafeneinfahrt heute wie vor 200 Jahren marschieren. Sie spielten im Dreck von Alt-Mar­seille. Neben ihnen zerrte das Wasserrinnsal im Rinnstein vergeblich an dem Dreckhaufen, um sie in den Hafen zu schwemmen. Sie spielten an denselben Plätzen noch bei Sonnenuntergang. Trotz Streik, trotz Kammerwahlen, trotz Prinzenempfang am Hafen.

Jeu de Boules". 50 000 Francs ist der höchste Preis, der bei den großen Ausscheidungskämpfen der Meister von Marseille winkt. 50 000 Francs! Und jeder Straßenjunge kann sie holen, denn es ist ein Spiel für alle. Ein Spiel, wie wir es in Deutschland mit so einfachen Mitteln und so­viel gesunder Beweaung in frischer Luft leider als Volkssport nicht besitzen. Es versöhnt mit vielem. Mit dem unglaublichen Schmutz, dem Gesindel in der Altstadt. Es versöhnt fast ebenso, wie die Wall­fahrtskirche hoch über der Stadt uns über die Laster und Menschlichkeiten zu ihren Füßen hinwegsehen läßt.

wurde abgebrochen und später von Stahlberg ver­loren gegeben. K e r e s (Estland) verteidigte sich orthodox in einem Damengambit gegen Bogol- jubow. Nach Abbruch steht das Turmendspiel für Bogoljubow aussichtsreicher. Der Stand nach der dritten Runde: Ahues, Weißgerber und A l j e ch i n führen mit zwei Punkten, Heinicke und V i d m a r 1% Punkte Bogoljubow und K e r e s 1 Punkt und 1 Hängepartie, Stahlberg und R e 11 ft a b 1 Punkt.

Tanzturnier um die Weltmeisterschaft in Bad-Nauheim.

Die Weltmeisterschaft i m Gesell­schaftstanz wird erstmalig in Bad-Nauheim ausgetragen. Titelverteidiger ist das englische Paar W e l l s - S i s s o n s. Deutschland ist durch das Paar Lottersberger-Bößl vertreten. Außer­dem werden die Meisterpaare folgender Länder zum Turnier antreten: Dänemark, Norwegen, Kanada, Frankreich, Oesterreich, Danzig, Tschecho- slowakei, Jugoslawien. Auch das chinesische Meister- paar wird sich voraussichtlich beteiligen. Das Tur­nier wird veranstaltet vom Reichsverband zur Pflege des Gesellschaftstanzes und der Federation Internationale de Danse Amateurs (Fida).

AusstellungAus der Welk des Kindes" in Köln.

Im Staatenhaus der Kölner Messe und im an­grenzenden Rheinparkgebäude wird jetzt die Aus­stellungAus der Welt des Kindes" eröff­net. Die Kölner Mütterschule zeigt alles,'was sich auf die Kinderpflege, häusliche Gesundheitspflege und Krankenpflege bezieht. Auf die Abteilung Volkswirtschaft-Hauswirtschaft", die die Ernäh­rung des Klein- und Schulkindes behandelt, folgen die Räume des Jungvolks.Wir helfen beim Sied­ler, beim Bauern und im sozialen Hilfsdienst der überlasteten Frau", lautet das Motto der Schau des Frauendienstes. Das sozialpädagogische Semi­nar zeigt einen Froebelschen Kindergarten und Kin­derhort. In der zweiten Abteilung ist die große Ausstellung des NS.-Lehrerbundes untergebracht. Eine umfassende Reichsschau und die reizend aus- gestattete AbteilungKind und Märchen" wird allgemeines Interesse finden.

Reichskriegerlag 1936 in Kassel.

In Kassel findet vom 1. bis 6. Juli der Reichs­kriegertag 1936 des Deutschen Reichskrieger­bundes (Kyffhäuserbund) E. V. statt. Am 2. Juli wird die Haupttagung des Deutschen Reichskriegerbundes und der Deutschen Kriegerwohlfahrtsgemeinschaft abge­halten. Eine größere Anzahl Arbeitstagungen ist bereits vorgesehen, während im Rathaus ein Be­grüßungsabend stattfinden wird. Auf der Karls- roiefe findet der große Aufmarsch mit anschließen­dem Vorbeimarsch auf dem Friedrichsplatz statt; am Abend dieses Tages ist dann auf der Karlswiese die Festaufführung:150 Jahre Kyffhäuserbund". Der Reichskriegertag wird mit Ausflügen in die Um­gebung von Kassel abgeschlossen.

LZ.Hindenburg" nähert sich Lakehurst.

Das LuftschiffHindenburg befand sich am Mittwoch 8.30 Uhr etwa 130 Meilen östlich des Flug­hafens von Lakehurst. Nachdem das Luftschiff am Dienstag eine Zeitlang in 1500 m Höhe bei Sonnen­schein über Wolken gefahren war, traf es bald wieder Gegenwind an, dem nicht ausgewichen wer­den konnte. Trotzdem dürfte die fahrplanmäßige Zeit von drei Tagen eingehalten werden. Auf der Ozean­strecke zwischen Scilly und Neuyork herrschten von insgesamt 65 Stunden und 40 Minuten 47 Stunden hindurch stürmische Gegenwinde in Stärke 8 bis 10. An Bord ist alles wohl, die Stimmung ist ausgezeichnet.

Meine politische Nachrichten.

Der Führer und Reichskanzler hat auf Vorschlag des Oberbefehlshabers des Heeres dem Reichsarbeitsführer Hier! und dem Korpsführer des NSKK Hühnlein den Charakter als Ge­neralmajor verliehen.

Infolge der Vermittlung der Regierung ist der große Tabakarbeiter streik in Bulga- r i e n , der 25 000 Arbeiter umfaßte, nach dreitägiger Dauer beendet worden. Ungefähr 85 v. H. der Forderungen der Arbeiter wurden bewilligt.

schleussner Eni» mit Garantieschein

Gießener Stadttheater.

Bernard Shaw:Pygmalion".

Wir haben die 1913 entstandene KomödiePyg­malion" hier in den Jahren 1920 und 1927 auf der Bühne gesehen; vor wenigen Monaten erst ist in Gießen auch die von Shaw selbst in Angriff ge­nommene Verfilmung des Stoffes gezeigt und an dieser Stelle ausführlich besprochen worden. Im Hinblick auf solches Zusammentreffen wäre viel­leicht (der Fall liegt ähnlich wie beimKrach im Hinterhaus") zu erwägen gewesen, ob man nicht ein anderes, hier seltener oder noch gar nicht ge­gebenes Stück von Shaw hätte vorziehen sollen.

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Vielleicht hat man aber auch, eben um des Ver­gleiches willen,Pygmalion" wieder einmal in den Spielplan ausgenommen. Vergleiche solcher Art sind fast immer nützlich sofern sie nicht darauf hin­auslaufen, Theater und Film gegeneinander aus­zuspielen, womit keinem von beiden gedient wäre, dem Publikum am allerwenigstem Daß das Theater den Vergleich nicht zu scheuen braucht, ist in den früheren Besprechungen bereits angedeutet worden.

Auf den mythischen Urstoff nochmals einzugehen, dürfte sich erübrigen; es ist mehrfach, und erst vor kurzem wieder, davon die Rede gewesen. Es ge­nügt, wenn man sich erinnert, was es mit dem Namen auf sich hat, wenn man überdies weiß, worauf es bei Shaw ankommt. Wir befinden uns, statt in der griechischen Sagenwelt, auf dem realen Pflaster der englischen Hauptstadt, und es begibt sich alles, was man zu sehen und zu hören be­kommt, unter völlig irdischen Menschen in dieser unserer Zeit.

Daß es sich um Wesen von Fleisch und Blut bandelt, welche der alte Menschenkenner Shaw als Träger der Handlung gestaltet hat, das macht den immerhin nicht alltäglichen Reiz des Stückes aus und verleiht ihm, wie früher bereits ausgeführt morben ist, die Legitimation und den Ehrentitel einer Komödie. Denn die echte Komödie hat es immer mit wirklichen Menschen zu tun nicht bloß mitFiguren" oderPersonen" und sie ist auch, ihrem innersten Wesen nach, der Tragödie nah verwandt. Das wird gerade hier deutlich, wo hinter allem Scherz und Ulk immer ein dunkler Unterton spürbar mitschwingt. Wir hatten schon bei

der Besprechung des Films daran erinnert, wie leicht die Entwicklung, die sich da vor unseren Augen vollzieht, hätte entgleisen, sehr übel enden und einen bitteren Nachgeschmack beim Zuschauer hinterlassen können.

Entwicklung: das ist hier das oft vermißte Stichwort. Daß sich durch fünf Akte hindurch eine Verwandlung vollzieht, die Verwandlung des Blumenmädchens Eliza Doolittle nämlich zu einer vollendeten Dame der Gesellschaft", einer Her­zogin zum Verwechseln ähnlich, das macht aus der Fabel ein Drama. Daß diese Verwandlung sich unter so ungewöhnlichen Umständen vollzieht auf Grund einer echt englischen Wette, das macht das Drama zur Komödie; dies und auch der Um­stand, daß dasExperiment" schließlich doch ein ganz anderes Ende nimmt, als der Zaub"rkünftler Professor Higgins sich das vorgestellt hat. Die Liebe nämlich, mit der Shaw in seinen Stücken sparsam und vorsichtig umzugehen pflegt, triumphiert über die Philologie, die unverbildete und keinen Regeln unterworfene Sprache des Herzens über Lautlehre und Satzbau, . . sogar über die Makellosigkeit guter Manieren und des feinen Umgangstones in der Londoner Gesellschaft.

Daß nicht nur das Mädchen Eliza unter den Händen von Higgins, sondern auch der antike Mythos unter den Händen von G. B. S. sich ver­wandelt, davon ist ebenfalls die Rede gewesen. Das griechische Märchen war völlig unbelastet von satirischen Gebärden ... ein zartes, lyrisches Idyll. Shaw hat für Lyrik in seinen Stücken wenig Sinn; er liebt sie zu würzen und zu beizen mit boshaften Randbemerkungen und Seitenhieben, und mancher möchte vielleicht sogar bezweifeln, ob er das Stück überhaupt geschrieben haben würde, wenn die er­wähnte Verwandlung ihm nirgends die Möglichkeit zu solcher, mit Lust' geübten Betätigung geboten hätte.

Dem Dichter selber sind nachträglich über den im Stück wenn nicht ganz eindeutig festgelegten, so doch angedeuteten Ausgang des Abenteuers Be­denken aufgeftiegen. Er hat sie imNachwort zu Pygmalion" psychologisch begründet, wie man im Programmheft nachlesen mag. Es sind darüber hin­aus ' allerdings aus diesen Betrachtungen keinerlei Konsequenzen, etwa in Form von Regieanweisungen, gezogen worden, und für die Aufführung gilt von alters her nur, was im Buche steht.

Herr Kühne, der das Stück inszenierte, hat des öfteren bewiesen, daß er für derartige Mischungen aus ernsten und heiteren Elementen auf der Bühne Sinn und Fingerspitzengefühl besitzt; auch hier, wo Shaw jedenfalls in allen Stücken Genüge getan war, soweit das Textbuch in Betracht kam. Und etwas anderes konnte billigerweise, solange keine Neufassung vorliegt, nicht in Betracht gezogen wer­den. Also: eine Vorstellung, die mit Geschmack und . Sorgfalt vorbereitet war, in der sich Satire und Witz, Intellekt und Gefühl zu jener für Shaw typischen Einheit verbanden. Don Herrn Löff­lers Bildern gefielen uns besonders die St.-Pauls- Kathedrale im strömenden Regen und das Zimmer von Frau Higgins.

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Fräulein Henckell als Eliza war reizend. Sie genoß die Hemmungslosigkeiten der ersten Szenen (auf berlinerisch) in vollen Zügen, hatte aber Atem und Ueberblick genug, die erst später einsetzenden Schwierigkeiten überlegen und anmutig, mit fünfter Ironie und weiblichem Scharm der Lösung zuzu­führen.

Herr L ü p k e als Higgins betonte nicht so aus­geprägt die philologisch-pädagogische Besessenheit des Londoner Originals, sondern in zunehmendem Maße die Unbekümmertheit und gesellschaftliche Non­chalance des großen Jungen, der in diesem Pro­fessor immer wieder, oft überwältigend, zum Vor­schein kommt.

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Eine köstliche Erscheinung war der Doolittle des Herrn Hub; er verzichtete auf die stets etwas unheimlichen und beklemmenden Züge des aus den unteren Regionen der großen Stadt unversehens an die Oberfläche (Betriebenen, die etwa in Klop­fers Gestaltung noch zu spüren waren; er machte nicht als sozialer Ankläger, sondern als ein mit Humor, mit Philosophie und einem entwaffnenden Gemüt gesegneter Biedermann in diesem Kreise Eindruck; er war unwiderstehlich komisch.

Vom übrigen Entsemble müssen Frau Mark­graf (mit ruhiger Sicherheit als Frau Higgins), der fymphatifche Gentleman Pickering des Herrn Lindt, die mütterlich besorgte Mrs. Pearce der Frau Schubert-Jüngling, ferner aus der guten Gesellschaft" die Damen S t i r l und Decker mit Auszeichnung genannt werden.

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Das Haus war erfreulich gut besucht; der Bei­fall hatte die Lautstärke und Herzlichkeit einer Ab­schiedskundgebung. hth.

Von derNeichspuppenbühne".

lieber das luftige Kasperle-Spiel in den Jahr­marktsbuden, das den Kindern schon so viele Freu­den bereitet hat, und das primittve Puppentheater für Schüleraufführungen hinaus führt das Ma- rionettenspiel von Fritz Gerhards, das um seines ernsten Strebens willen zurReichspuppen­bühne" erhoben wurde. Man erhält einen starken Eindruck von den Bildern der Marionetten und auch der Bühneneinrichtung, die von Dr. Erich Krafft inReclarns Universum" gezeigt werden. Gerhards begann, wie dazu erzählt wird, im Jahre 1925 in Wuppertal mit dem alten Volksschauspiel vomDoktor Faust". In unendlich mühseliger Ar­beit baute er fein Marionettenspiel auf, wobei er von der Stadt- und der Schulverwaltung Wupper­tals unterstützt wurde. DemFaust" folgten früh- liche Spiele des Grafen Pocci, ein inniges Spiel vomGotteskind", die MärchenSchneewittchen" undDer gestiefelte Kater" und die LegendeGe­vatter Tod". Mit jedem Stück, das er im Laufe der Jahre herausbrachte, kam er feinem Ziele näher. In umfangreichen eigenen Werkstätten wer­den mit hoher Kunst aus Lindenholz die Puppen geschnitzt und alle Kostüm- und Ausstattungsstücke hergestellt. Etwa 70 Mitwirkende arbeiten an einer solchen künstlerischen Schöpfung, die Gerhards Holzpartttur" nennt; sie stellt sich als eine Ge­meinschaftsarbeit dar, als ein Gesamtkunstwerk, für das Hunderte von Proben erforderlich sind, bis in Wort, Ton und Spiel die Vollendung erreicht wird. Ein großes Gerüst aus Zeppelin-Metall mit Trep- pen und Laufbrücken, das um die Marionetten­bühne herumgebaut ist, gibt einen Eindruck von der technischen Kompliziertheit der Vorgänge. An einer Vorführung sind etwa 20 Menschen beteiligt, wobei die Sprecher und die Puppenführer grundsätzlich getrennt arbeiten. Würde der Sprecher die Mario­netten gleichzeitig führen, so bestünde die Gefahr, daß er den Rhythmus der Sprache zu lebhaft auf die Puppen übertrüge, während diese durch mög­lichst große Schlichtheit und Harmonie wirken sol­len. Die eine Hand hält die Marionette, die an einem kleinen Rahmen hängt, die andere Hand führt die Fäden der einzelnen Bewegungen. Geistige Gespanntheit und feinstes Fingerspitzengefühl sind dafür erforderlich. Wichtig für die Wirkung ist auch die kunstgerechte Beleuchtung; dabei sind die Köpfe der Puppen verhältnismäßig größer geschnitzt als ihre Körper, so daß die Figuren Im Bnlmen- rahmen viel größer wirken als sie in Wirklichkeit sind