Samstag. l9. Dezember Mb
Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Ur. 29Z Zweites Blatt
Bücher unter dem Weihnachtsbaum.
Tagebuch und Memoiren
Frauenleben unter der Krone
und schließlich ein 3lürnbergbuth, wie wir es
Alter.
— Dr. A. St. W i t t l i n : Isabella, Begründerin der Weltmacht Spanien, mit 14 Bildtafeln, Preis in Seinen geb. 7,50 RM. Verlag Eugen Rentfch in Erlenbach-Zürich. — (454.) — Ein Tizian, ein Velasquez, ein Goya haben die spanischen Könige dreier Jahrhunderte „verewigt" im wahren Sinne des Wortes. Isabella brauchte nicht des großen Malers als Mittler für die Nachwelt. Ihr Werk spricht besser für sie, als die wenigen Bilder und Plastiken unbekannter Künstler in einer uns fremden Manier es tun könnten. Isabella war wie ihr Gatte Ferdinand von Aragon eine durch und durch moderne, in die Zukunft schauende Monarchin, aber sie stand doch ganz unter der doppelten Zwiespältigkeit ihrer Welt, an der Grenzscheide von Morgen- und Abendland und an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit. Grade diese Zwiespältigkeit ihres Wesens wie ihres Werks hat ihr Biograph A. St. Wittlin ohne jede falsche Betonung, aber doch sehr klar herausgearbeitet. Ihr Streben nach klaren und geordneten Verhältnissen, ihr Sinn für Sauberkeit im Persönlichen wie im Politischen, ihr erstaunliches Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge, das nüchtern- sachliche Ueberdenken einer guten Hausfrau, aber auch das Wissen um die Macht des Goldes, das alles traf sich mit dem kühl überlegenden Diplomaten Ferdinand, dem Meister des Abwartens, der nur einen Ehrgeiz kannte, in der europäischen Politik eine Rolle zu spielen, vereinigte sich mit dem einseitigen, grausigen Fanatismus des späteren Großinquisitors Torquemada und der phantastischen Abenteuerlust eines Columbus zu jener seltsamen Mischung von mittelalterlichen Kreuzzugsideen, absolutistischer Herrschsucht und Machtgier mit durchaus modernen Anschauungen über eine enge Verbindung zwischen Volk und Herrscher als sehr verschiedenartige, aber immer wieder zusammengefaßte Grundlagen eines Regierungssystems, das nur ein Ziel kannte, aus Konfessionen, Ständen, Stämmen und Ländern der Halbinsel ein Reich zu machen, ein Volk und einen Glauben. Das Buch Wittlins weiß dies alles aus dem Lebensgang Isabellas, aus ihrem Charakter und den Einwirkungen ihrer Mitarbeiter ungemein fesselnd und eindrucksvoll zu deuten, so daß wir hier nicht nur ein ausgezeichnetes Porträt dieser Frau bekommen, deren politisches Werk für Jahrhunderte bestimmend wurde, sondern auch ein vielfarbiges Bild dieser Zeitwende, die die moderne Weltgeschichte eingeleitet hat. Fr. W. Lange.
— Queen Victoria: E i n Frauenleben unter der Krone. Eigenhändige Briefe und
zutage, der Hauptmann fordert ihn auf Pistolen. Dohlen erschießt ihn und reift in der Welt umher. Sein älterer, ebenfalls verheirateter Bruder wird auf der Jagd erschossen, er selbst übernimmt das Dohlensche Stammgut. Eine Wirtschafterin bringt den Alternden nahezu in Hörigkeit. Er schüttelt den Bann ab, aber es ist zu spät. Der letzte der Dohlen, die soviele Frauenherzen gebrochen haben, verzehrt sich in Liebe nach einer längst Gestorbenen. Das Talion hat sich erfüllt.
— Fred Andreas: Das Gesetz der Liebe. Roman. Ganzleinen 3,80 RM. Ritter-Verlag, Oldenburg i. O. — (496.) — Der Roman beginnt im Berlin des Jahres 1805 und behandelt das Schicksal des Leutnants Hofstede, der das Opfer einer Intrige feiner Kameraden wird. Sie machen ihn in ein' Mädchen verliebt, das außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft steht. Trotz des entstehen- den Skandals ist Hofstede bereit, das Mädchen Madeleine zu heiraten, da er sie wirklich liebt. Da ihm als Offizier die Heirat nicht möglich ist, reicht er sein Abschiedsgesuch ein und macht nach dessen wiederholter Ablehnung einen Versuch zu desertieren. Er wird abgefangen und, vor die Wahl gestellt auf die Festung'Wesel oder als Spion des preußischen Königs nach Paris zu gehen, wählt er das letztere. Dort wird er eines Tages verhaftet. Madeleine, die ihn nach Frankreich begleitet hat, gelingt es, Hofstede aus der Festung La Rochelle zu befreien, wobei sie selbst den Tod findet. Der Roman ist ein lebensvolles Zeitbild und zugleich die Geschichte einer großen Liebe, die über alle Konflikte hinweg den Tod überwindet.
Deutsche AMer.
— Friedrich Schnack: Geschichten aus H e i m a t u n d W e l t. 78 Seiten. Insel-Bücherei Nr. 498. Im Insel-Verlag zu Leipzig. — (408.) — Friedrich Schnack, sonst bekannt durch große Romane, Gedichte und künstlerisch gehobene Naturschilderungen, hat in diesem Bande eine Reihe von kleinen Erzählungen, von Eindrücken und Erlebnissen gesammelt, die durch den gemeinsamen Titel hinlänglich gekennzeichnet sind. Dazwischen steht em Gedicht, „Im fremden Land", gleichsam auf der Mitte zwischen den beiden Welten und Erlebniskreisen, aus denen die Geschichten dieses Bändchens gespeist wurden, und in einer dichterischen Vision die Brücke schlagend vom fernen Tropenstrand zum heimatlichen Mainfranken; dies fügt die Teile zum Ganzen, so spürt man, daß sie aus der gleichen Hand hervorgegangen sind: die schöne Erzählung vom „Schattenzug der Väter", die den Anfang macht und das lebendige Erbe von den Vorfahren her dankbar ins Bewußtsein rückt; oder die Geschichte vom kleinen Vogel Federlos: oder der Nachruf auf getrocknete Blumen und Gräser. Aus der anderen Welt, die Schnack auf weiten Reisen sich er chloß, stammen etwa das abenteuerliche Erlebnis mit dem alten afrikanischen Zauberer in Sansibar oder der erregende Bericht vom Tanz der Wasserhosen im Indischen Ozean. Hans Thyriot.
Gedichte.
— Adolf von Hatzfeld: Gedichte des ' Landes. 65 Seiten. In Leinen 3,60 Mark. Rütten & Loening Verlag, Potsdam. — (399.) — Dieses Buch trägt seinen Namen in einem doppelten Sinne zu Recht: das Land, von dem hier, in einer gesteigerten, leidenschaftlichen, hymnischen Sprache, gesungen wird, ist einmal bezeichnet durch die vertraute und geliebte Landschaft der engeren Heimat Hatzfelds, der aus Münster stammt; in Gedichten wie „Soest" oder „Weftfalenballade" ist sie gewissermaßen mit Namen genannt, umschrieben und abgegrenzt. In den meisten Gedichten des schmalen und sehr sorgsam ausgeftatteten Bandes ist aber die so umschriebene Landschaft ihrer heimatlichen Bindung entkleidet, ins Allgemeine und zum Symbol erhoben, ins Kosmische geweitet. Und so sehr man die heimatlich-räumliche Bindung des Dichters an „fein" Land und seine Herkunft aus diesem Lande empfindet, so unverstellt klingt auch aus seinen Gedichten die uralte Anrufung der Natur, jener größeren, unbegrenzten Landschaft im Wandel der Jahreszeiten; da werden die Natur-Erscheinungen, Tier und Pflanze, Mond und Wolke, Morgen und Nacht, Gewitterschauer und Sonnenuntergang, zu den seit undenklichen Zeiten erlebten und besungenen Sinnbildern einer beseelten Welt, darin der Dichter mit Gott und Mensch und stummer Kreatur Zwiesprache hält und sich im Einklang fühlt. hth.
— Erica Dieckerhoff: Anruf und Lobpreisung. Gedichte. 79 Seiten. Geh. 1,80, geb. 2,80 RM. Verlegt bei R. K. Jaeckel in Querfurt. — (514.) — Die Sammlung gliedert sich in fünf Themenkreise: „Eine Welt erblüht"; „Die Welt gewinnt Raum in uns"; „Die Frau"; „Die Aufgabe"; „Wandlung und Hinwendung". Vielleicht wird sich schon aus dieser stofflichen Ordnung — wenn solche Bezeichnung für ein Gedichtbuch gestattet ist — die (bei einer Frau überraschende) gedankliche Unterbauunq des Gefühlsausdrucks empfinden lassen, ein Einschlag von Reflexion, der den Leser über die rein gefühlsmäßige Aufnahme hinaus zum Nachdenken zwingt. Eine solche Haltung macht zwar, wie wir glauben, nicht jedes dieser Gedichte ohne weiteres, sozusagen auf den ersten Blick, zugänglich und faßbar, führt aber auch nicht zur Einseitigkeit oder Verengerung des Blickfeldes; der Umkreis der lyrischen Anregungen und Motive scheint vielmehr verhältnismäßig weit gespannt, und es wirkt wie ein Gegengewicht gegen den etwas philosophischen Unterton, daß vieles offenbar aus unmittelbarer Anschauung der uns umgebenden natürlichen oder künstlerischen Welt herooraegangen ist: Landschaft, Tier und Pflanze, Tanz und Plastik begegnen etwa als Träger des sogenannten „erregenden Moments". Ja, vereinzelt findet sich der Besuch, den herkömmlichen und gewohnten Umkreis der lyrisch faßbaren Welt zu durchbrechen, nrnn beispielsweise von einem reinen und abstrakten Farbeneindruck her ein Vorstoß in noch unerschlossene Bezirke der Empfindung und Gestaltimg gewagt wird. Natürlich wird sich — hier wie allent- hcrlben in der Lyrik — jeder Leser persönlich mit dem abstnden und auseinandersetzen müssen, was das Buch ihm erschließt ober anbietet. Uns ergaben sich die stärksten und unmittelbarsten Eindrücke aus den Gedichten „lieber mir", „Begegnung mit einer Pflanze", „Das Wunderbare", „Verkündigung", „Gelb", „Kleine Elegie" und „Noch diesseits". — Die gute verlegerische Ausstattung des Bandes, besonders der klare Druck aus einer alten Fraktur sollen nicht unerwähnt bleiben. . Hans Thyriot.
— Sally v. Kügelgen: Stilles Tagebuch eines baltischen Fräuleins (1855 bis 1856). Mit sechs farbigen Offsettafeln. Preis gebunden 3,60 Mark. Propyläen-Verlag, Berlin. — (468) — Dies Tagebuch vermittelt durch feine eigenartige, stille Atmosphäre ein deutliches Bild von Leben und Kultur in der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Während das historisch-politische Geschehen nur in kurzen Randbemerkungen notiert wird, wie zum Beispiel die Aufregungen des Krimkrieges, kommen Sitten, Familiensinn und Menschlichkeit breit zum Ausdruck, man gewinnt schon nach den ersten Seiten ein durchaus persönliches Verhältnis zu den Gestalten und Landschaften des Baltikums. In den östlichen Grenzbezirken trafen die Zeitströmungen Europas als äußerste Wellenausläufer erst um Jahrzehnte später in die aufnahmebereiten Kreise, und so erklärt sich, daß in diesem Tagebuch eines jungen Mädchens aus den Jahren 1855 und 1856 die Kennzeichen des Biedermeier noch unverfälscht anzutreffen sind. Sowohl die geschilderten Gebräuche des geselligen Zusammenseins wie auch die reizenden Aquarelle von der Hand der Sally v. Kügelgen, deren malerische Begabung ein Erbteil des Kügelgens war, tragen durchaus den Charakter jener beschaulichen Epoche. Ein einfaches Leben, nicht gesegnet mit irdischen Gütern, aber reich an ideellem Besitz, wird aus der Vergessenheit gehoben, ein schönes Beispiel für die Kraft, mit der in vorgeschobenen Kulturbezirken deutsches Bildungsgut und deutsche Art erhalten wurden.
brachte. Mit diesem Buch hat Ludwig Zügel ein Werk geschaffen, das in der reichen Vielfalt seiner Erscheinungen Kunde gibt von der Unbezwingbarkeit eines tapferen Volkes.
— Gertrud Fusfenegger: Geschlecht im Advent. Roman aus deutscher Frühzeit. 309 Seiten. Seinen 5,40 RD1. Rütten & Loening Verlag, Potsdam, 1937. — (362) — Der Erstlingsroman einer jungen Tiroler Dichterin macht den Versuch, Einzelschicksal und Gemeinschaftsschicksal in wechselseitiger Durchdringung zu verbinden. Wahrend das persönliche Geschick der Heldin als Frau und Mutter eine starke Steigerung durch den Dienst an der Gemeinschaft erfährt, finden die Gemeinschaftsgeschicke ihren Mittelpunkt in der tragischen Gestalt jener Frau. Die späte Karvlingerzett mit ihren politischen, sozialen und religiösen Wirren bildet den Hintergrund, der Norigau im Herzen Tirols den Schauplatz für den Untergang eines alten Geschlechtes. Diese düstere Zeit ist die Advents- 3eit des christlichen deutschen Reiches, und alles Geschehen wird nur als Gleichnis eines größeren Geschehens begriffen, welches das Gesicht der Welt verändern sollte.
— Rudolf Huch: Talion, Roman. Preis in Seinen geb. 3,80 Mark. Verlag Bernhard Sporn, Zeulenroda. — (362) — Talion ist die von Kant geforderte Vergeltung mit Gleichartigem. Der Roman spielt vor dem Weltkriege. Premierleutnant von Dohlen ist der Sprosse eines Geschlechts, in dem die männlichen Mitglieder von jeher gefährlich für Frauen waren Es verliebt sich die Frau feines Hauptmanns in ihn. Das Verhältnis kommt
— Ludwig Zügel: „Frau Geste auf Zrubernes. Eine Saga. In Leinen geb. 4,50 Reichsmark. Verlag Albert Langen - Georg Müller, München — (431) — Die neue Dichtung Ludwig Zügels ist die Entdeckung einer verschollenen Welt, weit, mächtig und leibenschaftttch bewegt ein großartiges Bild der Küsten- und Meereslandschaft unter dem fahlen, niederdeutschen Himmel, wo Natur, Mensch und Schicksal miteinander im Bunde stehen und ganz und gar eins Jinlx Der wilde Atem des Sturms und das dumpfe Drohnen der Flut sind die Orqelpunkte der schauerlichen Musik zu dem Totentanz der dort im Nodderlande anhebt vor hundert und aberhundert Jahren als der Vogt des Königs von Dänemark die Freiheit des Volkes fesselte Aber dieses Volk lebte noch im Gehorsam der alten Gesetze Der fremden Gewalt spottend, ging unter ihnen das Geheimzeichen des Sonnenrades um alle die zu heimlichem Schwur und Aufruhr zu laden, die lieber für die Freiheit sterben als in der Knechtschaft leben wollten und darum willig Kamps und Zod auf sich nahmen, der Unterdrückung ur immer ein Ende zu machen. Inmitten des Volkes steht Frau Geske auf Zrubernes, die, zwar des frem- hfter®n9grüN>r“Usinuu* TOtter’con®fjktamp, b£ -‘(555.)$erfönlid)tctt d-r"K°nigin Mki°. fe3 aefährli»e Spiel um die Befreiung der Heimat ria, die drei Menschenaltern -ngl,,cher Geschichte waat iws den Feind überwand, und dem Volke ihren Stempel aufdruckte, wird nirgenbs deutlicher fchUeßlich die Freiheit, Frau Geske aber den Tod als aus ihren Aufzeichnungen und Briefen. Ihr
Darmstädter Wötterbuch.
— I. S. Dang: Darmstädter Wörterbuch. Mit vielen luftigen Zeichnungen von Hart- mutt) Pfeil. 280 Seiten. L. C. Wittich, Verlag, Darmstadt 1936. — (585.) — Dieses Wörterbuch ist aus einer Aufsatzreihe „Darmstadt und die Darm- tädter" entstanden, die im „Darmstädter Zagblatt' erschien und sich der tätigen Mitarbeit zahlreicher Leser zu erfreuen hatte. Der mit Liebe, Fleiß und Sachkenntnis gesammelte Stoff nahm allmählich Ausmaße an, die eine geordnete und übersichtliche Zusammenfassung in Gestalt eines Buches nahelegte: hier ist es — weniger ein „Wörterbuch der Darmstädter Mundart" als ein Spiegelbild des Darmstädter Wort- und Sprachschatzes. Und wenn dieser Sprachschatz auf den ersten Anhieb auch nicht erschöpft werden konnte (die richtigen „Heiner" warten wahrscheinlich schon auf den zweiten Band ober mindestens auf eine erweiterte Auslage) Jo ist doch schon diese erste reichhaltig und lustig genug. Der Verfasser hat keine Doktorarbeit machen wollen ober sonst übertriebenen wissenschaftlichen Ehrgeiz an ben Zag gelegt, — aber wer dieses Buch gelesen hat, der weiß für ben Hausgebrauch bei ben Darmstädtern, ihrer Mundart und ihren Lebensgewohnheiten Bescheid und hat überdies was zum Lachen; Dang hat erst mal aus dem Vollen gewirtschaftet und vom großen Stoff bas herausgegriffen, was ihm am nächsten zu liegen schien. So ergaben sich brei Hauptkapitel: bas erste und bei weitem umfangreichste betrifft ben Menschen, „bie Krone der Schöpfung", unb zwar natürlich hier bie Son- bergattung „Dammstädter Heiner"; bas zweite beschäftigt sich mit bem „Ding an sich"; unb bas britk hanbelt „Vunn Diescher unn annere Gewächse". Das ist klar unb übersichtlich. Außerbem ergibt sich eine Fülle köstlicher Einzelheiten: was man hier zum Beispiel über die menschliche Anatomie und bas menschliche Seelenleben, an Zätigkeits- und Verhältniswörtern, an Redensarten unb Zemperaments- ausbrüchen findet, ist herzerfreuend; befonbers fchön unb lehrreich ber kleine Vergnügungs- und Betriebsanzeiger, bie Kapitel vom Gelb, von der Siebe, vom Esten und Zrinken und, nicht zu vergessen, vom „haache" unter Darmstädter Buben. Das ist aber nur eine bescheidene Auswahl. Beim Vorlesen im Familienkreise empfiehlt sich immerhin eine gewisse Zurückhaltung; das wirb jedermann leicht einsehen, denn bie „Dammftäbter" Munbart ist nicht nur eine schöne, sonbern auch eine ziemlich beutliche und naturnahe Sprache. Im übrigen zweifeln wir nicht daran, daß bas Wörterbuch auch weit über bie Grenzen ber Lanbeshauptstadt hinaus viele Freunbe finden wirb. Die Zeichnungen von Hartmuth Pfeil bereichern ben Zext mit großer Anschaulichkeit.
Dr. H. Thyriot.
— (Harb von Olbenburg-Janufchau: Erinnerungen. Preis in Ganzleinen geb. 5,80 RM. Verlag Koehler & Amelang, Leipzig. — (523.) — Die Erinnerungen bes Kammerherrn von Oldenburg sind in mancher Beziehung eine Ergänzung zu dem zweibändigen Werk des Grafen Westarp über konservative Politik. Aber wie es ber Natur bes Januschauers entspricht, ist bei ihm Person und Sache nicht zu trennen. Sein Temperament, das ihn auch allein und auf verlorenem Posten mit ber ganzen Kraft feiner aufrechten, kantigen Persönlichkeit für seine Ueberzeugung einstehen ließ, verleugnet sich auch niemals in biesem Erinnerungsbuch eines Achtzigjährigen. Lanbwirtschaft und Heer waren für ihn die starken Stützen ber preußischen Krone unb nur in einem starken, sich selbst treu bleibenben Preußen sah er bas Rückgrat eines starken Deutschlanbs. So galt sein politischer Kampf immer roieber ben Parteien im besonderen, die Landwirtschaft und Heer in ihrer Lebenskraft schmälern wollten unb bem parlamentarischen System im allgemeinen, bas er für unvereinbar hielt mit bem Charakter bes preußischen Staates und mit ben wohloerstanbenen Interessen bes deutschen Volkes. Seine Erinnerungen sind aber über bas rein Politische, für die Erkenntnis mancher wichtiger Episoden deutscher Geschichte des letzten halben Jahrhunderts Bedeutsame hinaus auch wertvoll als ein interessantes Zeitbild ber ostbeutschen Lanbwirtschaft, bie in bem Kammerherrn von Oldenburg einen ihrer prägnantesten Vertreter gefunden hat. Fr. W. Lange.
Mderbiicker undZugendschriflen
— Ruth Schaumann: Lorenz^ und Elisabeth. Eine schattige Geschichte, für bie Jugend erzählt und gemalt. Mit sechs ganzseitigen farbigen Bildern unb 33 Feberzeichnungen. 70 Seiten Gebunden 3,80 Mark. Verlag Josef Kösel & Friedrich Pustet, München. — (587) — Dies neue Kinber- buch von Ruth Schaumann ist eine kleine Kostbarkeit in seiner lieblichen Verquickung von Leben und Dichtung, von Phantasie unb Wirklichkeit, in feiner reinen Sprache zwischen Märchenton und graziös- gravitätischem Chronikstil und seinen bezaubernben Bildern. Ruth Schaumann erzählt mit zarter Behutsamkeit von dem Leben ber kleinen Elisabeth Schattenfroh, bie ihre Gebauten unb Wünsche mit feinen, burchsichttgen Fingerchen bem schwarzen Schattenpapier entzaubert, ba ein Unglück ihrem Mund die Rede und ihren Füßen die Kraft nahm, zu gehen wie andere Kinder. Doch Schatten und Licht sind untrennbar verbunden. Die Zuneigung des ungestümen kleinen Junker Lorenz von Lichtenberg, der sein Leben lang Schusterbub fein wollte, wenn er ihr nur helfen könnte, wieder zu lachen und zu gehen, — erfüllt das Schattenleben der kleinen Elisabeth mit immer hellerem Leuchten, bis sie im flammenden Schein einer jähen Feuersbrunst von ihrem Unglück befreit wird und alles zu einem guten Ende kommt.
— Die Fen st er auf, bie Herzen auf! Ein Bilderbuch für Mütter und ihre lieben Kinder. Volkskinberreime und Volkslieder in Bildern von Luise Staudt-Zoerb. Umfang 16 Seiten, Alter 4 bis 10 Jahre. Halbleinen 2,80 RM. — (561.) — Eine glückliche Auswahl alter Kind er reime und Lieder wurde hier getroffen unb von Luise Staudt- Zoerb mit so kinblichen unb künstlerischen Bilbern versehen, baß Mutter unb Kinb bie gleiche Freude an diesem Bilderbuch haben werden. Sei es, daß bas Sandmännchen auf leisen Sohlen über die Wiese zur Stadt eilt, um ben Kindern Schlaf zu bringen, fei es in der köstlichen Zusammenstellung von Kind und Blumen, immer berührt einen auch im Bilb bas Volkstümliche ber Verse. Der Reichs- müttertnenft hat bie Veröffentlichung befürwortet unb sich entschlossen, es für das Deutsche Frauenwerk herausgeben zu lassen.
— Die Zeltbücherei, eine Reihe preiswerter erzählender Bände des Verlages Ludwig 23»ggenreiter, Potsdam, hat ihre Reihe um weitere 8 Bände vermehrt. (Band 15 bis 23. 80 bis 160 Seiten. Preis gebunden 0,90 RM., 1,35 RM. unb 1,80 RM. Viele Bilber. Mehrfarbiger Schutzumschlag.) — (524) — Zunächst fesselt eine packenbe Sübwesterzählung Maximilian Bayers: „I st O k o w i t r e u ?"; Gefahr unb Abenteuer in unserer heißumstrittenen Kolonie erlebt ber Leser in atemloser Spannung mit. Ein zweiter Band berichtet anschaulich von einem neuen Beruf, von bem anftrengenben Leben ber Fernlastfahrer, ber „K a p i t ä n e b e r L a n b st r a ß e". Ein anberer Banb („D i e Birkenbeine r") führt in bie Zeit ber Einigung bes norwegischen Volkes im späten Mittelalter zurück. Zwei Soldatenbücher machen bie Zeit des Weltkriegs mit feinen einfchnei- benben Wanblungen („F ahnen1914 — Zanks 1918") unb bie neue Rekrutenzeit lebendig („I u n g e Soldate n"). Den Kreis runden ab eine fesselnde Hundegeschichte („Schnuts neue E r l e b n i f f e"), eine aufschlußreiche Auswahl der „S ochsen märchen aus Siebenbürgen"
Zagebuchblätter, 1834—1901. Herausgegeben von
Dr. Kurt Iagow mit 17 Bildern unb einem ..... Faksimile. Preis in Leinen geb. 8,50 RM. Verlag dem Karl Siegismund, Berlin SW 68. Zweite Auflage.
aufrechter und selbstbewußter Charakter, der alle Eigenschaften einer liebenben Frau und besorgten Mutter mit einem starken Gefühl für bie Würde ihrer Stellung als Herrscherin des Britischen Weltreichs verband, ber Pflichteifer unb eisernen Fleiß so gut kannte wie Leidenschaft unb zähe Hartnäckigkeit, dieser Charakter erlaubte ber Königin keine diplomatische Verstellungen, keine Zweideutigkeiten, kein Ausweichen, kein Kompromiß. Einfach und klar, wie es ihrer Natur entsprach, sagt sie ihre Meinung auch bann, wenn sie weiß, baß man sie nicht gerne hört. Viele ihrer Briese, die aufschlußreichsten Dokumente ihrer Persönlichkeit und ihrer Zeit, liegen schon lange in mehreren Bänden, auch in deutscher Übersetzung, vor. Hier sind nun neu hinzugekommen fast zweihundert Briefe an Mitglieder des preußischen Königshauses, die aus dem Brandenburg-Preußischen Hausarchio erstmals veröffentlicht worden find und für uns deutsche Leser natürlich den besonderen Reiz haben, daß sie sich im Wesentlichen auf deutsche Dinge beziehen. Aber auch die Auswahl der andern, vor allem an ihren Onkel, den König der Belgier, an ihren ersten Premierminister Lord Melbourne und eine Reihe anderer Minister gerichteten Briefe gibt ebenso wie die Zagebuchauszüge ein ungemein fesselndes Bild der großen politischen Zusammenhänge während ihres langen Lebens. Wir lernen ihr Urteil über viele bedeutende Persönlichkeiten ihrer Zeit kennen, ungeschminkt und rückhaltlos offen, wie es ihrem graben Charakter entsprach. Wir erfahren inter- effante Aufschlüsse über bie Stellung der Königin wie ber britischen Politik zum großen Problem ber beutschen Einigung in allen seinen Phasen. So wenig sie ihre fast rein deutsche Abstammung, ben starken beutschen Einfluß auf ihre politische Bilbung burch Erzieher unb Gatten, die starke Verbundenheit mit deutschem Wesen und deutschem Geschehen durch ihre persönliche Freundschaft mit der Königin Augusta und ihre vielen verwandtschaftlichen immer wieder neu geknüpften Beziehungen jemals verleugnen konnte und wollte und ein gutes Verhältnis zwischen Deutschland und England für sie stets ein Grundprinzip ihrer Politik blieb, so tritt doch häufig eine ganz eigenartig englische Auffassung der deutschen Dinge zu Zage und es offenbart sich gelegentlich eine Naivität, deutsche Fragen vom britischen Standpunkt aus zu vereinfachen, wie wir sie ja auch heute oft genug als Mißverständnis englischer Staatsmänner empfinden müssen. Und es ist besonders reizvoll zu sehen, daß es häufig grabe bie preußische Kronprinzessin Viktoria gewesen ist, die trotz ihrer offenen Gegnerschaft zum
I Bismarck-Kurs ihrer Mutter, der Queen, gegenüber denselben Kurs verteidigt und deutsche Verhältnisse ins rechte Licht gerückt hat. Sv ist dies mit zayk- j lujiwpuuj «m v«. « r .. v M m *. i.,, v
reichen, nicht allgemein bekannten Bildern, ausge- uns ^on lange gewünscht haben: voll Verstandm» stattete Buch eine ungemein fesselnde Lektüre, gleich für bas Wesen ber Stabt ber Reichsparteitage. Die wesentlich für bie Persönlichkeit der Königin wie Bänbe sind auch äußerlich mit ein Schmuck icbcr für bie Geschichte der deutsch-englischen Beziehun- Bücherei und ein willkommenes Geschenk für jedes gen Fr. W. Lange. Alter.


