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Nr. 271 Zweites Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen) Donnerstag, 19. November <956

Brasilien.

Don unserem H. B.-Berichierstaiier.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)

Rio de Janeiro, November 1936.

Während die Kämpfe um die Auswahl des Kan- didatLn für die nächste Präsidentschafts-Periode Brasiliens schon in vollem Gange sind, führte sich zum sechsten Mal der Tag, an dem der heutige brasilianische Bundespräsident Dr. Getulio Var­gas, als Führer der siegreichen Oktober-Revolu­tion am 5. November 1930 die Leitung der brasi­lianischen Regierung übernahm. Die Erbschaft, die von der revolutionären Regierung Vargas damals übernommen werden mußte, hat ihr erster Finanz- minister, der konservative paulistaner Bankier W h i t a k e r in knappen Strichen gezeichnet:Das Land, das Schatzamt, ja selbst der Banco do Bra­sil wurden völlig erschöpft angetroffen." Die Le­bensader Brasiliens, die Kaffeewirtschaft, befand sich in einer ausweglosen Krise:In Sao Paulo hatte sich ein riesiger Kaffee-Stock gebildet, der wie eine Staumauer den freien Abfluß der Erzeugung dieses Staats verhinderte. Hinter dieser Mauer kämpfte die Landwirtschaft mit der entsetz­lichen Lage, ihr Erzeugnis weder verkaufen zu können, da es nach Santos erst nach zwei und einem halben Jahr Rückhaltungs-Lagerung gekom­men wäre, noch auf die Erzeugung irgendwelche Kredite aufnehmen zu kpnnen, die ihr privater Seite verweigert wurden und von den amtlichen Instituten nicht mehr gegeben werden konnten. Infolgedessen erfolgte die Lohnzahlung an die Landarbeiter und Kolonisten nur noch unregel­mäßig, wodurch wiederum die Kaufleute im In­nern auf ihren Forderungen sitzenblieben. Diese wieder konnten keine Zahlungen mehr an die Grossisten und Einfuhrhäuser leisten. Die so ein­geleitete Krisenwelle wirkte sich natürlich auch in der Industrie aus, die vollständig lahm- gelegt wurde."

Die Belastung durch dieses Erbe völliger wirt­schaftlicher Zerrüttung mußte für die Regierung Vargas um so drückender sein, als sie auch noch mit großen Schwierigkeiten im Lager der Reoolutionssieger selbst zu kämpfen hatte. Die Oktoberrevolution vereinte gegensätzliche Kräfte. Sie umspannte regionale politische Grup­pierungen, denen es nur auf Beseitigung der Vor­herrschaft des Staates Sao Paulo ankam, ober auch salonbolschewistische Träumer, für die sie eine Aera uferloser Experimente einleiten sollte. Dank dem seltenen diplomatischen Geschick des Präsidenten Vargas und seinem unbeirrbaren politischen Re­formwillen ist es dieser Regierung gelungen, sich zu halten und durchzusetzen, nicht durch einen Eier­tanz zwischen den Extremen, sondern durch kon­sequente Aufbauarbeit. Wenn sie auch die blutige Auseinandersetzung der paulistaner Revo­lution von 1932 nicht verhindern konnte, so gelang es ihr doch, energisch die Lehren aus diesem Bru- derkompf zu ziehen und die Wunden, die Brasi­lien durch diese neue Revolution geschlagen worden waren, so schnell zu heilen, daß schon zwei Jahre später das neugewählte brasilianische Parlament mit großer Mehrheit das Mandat der bisherigen t^he's der nrovisorifchen Regierung nunmehr als Bundespräsident um weitere 4 Jahre verlängerte.

Was bic Regierung Vargas aus dem wirt­schaftlichen Ehaos, das sie angetroffen hatte, gemacht hat, zeigen Zahlen am besten. Die in­dustrielle Erzeugung des größten brasilianischen Industriestaates, Sao Paulo, stieg von 1,9 Millionen Contos im Jahre 1930 auf 2,3 Millio­nen Cantos im Jahre 1934. Für 1935 wird sie au; wenigstens 2,5 Millionen Contos geschätzt. Eine Reihe gerade der wichtigsten Grundindustrien Bra­siliens haben unter der Regierung Vargas einen besonderen Aufschwung genommen. So ist die Er­zeugung von Zement von 87 160 Tonnen im Jahre 1930 auf 362,99 Tonnen im Jahre 1935 gestiegen, die Erzeugung von Eisen und Stahl von 81892 Tonnen im Jahre 1930 auf 175 871

Tonnen im Jahre 1935. Die Lage der brasiliani­schen Landwirtschaft wurde durch eine große Entschuldungsaktion geregelt.

Gleichzeitig gelang es, die große Gefahr wirt­schaftlicher Erschütterungen, die in der ausschlag­gebenden Bedeutung des Kaffees für die brasilia­nische Gesamtwirtschaft lag, zu verringern. Einmal sorgte bereits die Ausdehnung der Jnlandsindustrie für einen gesicherten Binnenmarkt. In der Landwirtschaft selbst wurde die Monokultur des Kaffees beseitigt. Während 1930 nur 63 v. S). der Gesamtausfuhr auf Kaffee entfielen, waren es 1935 nur noch 53 v. H. In diesem Jahre wird sich der Prozentsatz noch weiter senken. Als wichtiges Ausfuhrerzeugnis der brasilianischen Landwirtschaft trat neben den Kaffee die Baum­wolle. Gleichzeitig stieg die Ausfuhrbedeutung der brasilianischen Fleischindustrie. Häute und Felle, Oelftüchte gewannen größeren Raum in der Ausfuhr. In den sechs Jahren der Regierung Dar­gas erhielt damit auch die brasilianische Ausfuhr ein anderes Gesicht. Früher nannte man Brasilien spöttisch einen Lieferanten vonNachtisch"-Erzeua- nifsen. Heute ist es Lieferland wichtigster Rohstoffe und Lebensmittel geworden. Durch die Schöpfung desBundesrats für Außenhandel" hat die brasi­lianische Regierung dieser Entwicklung auf zahl­reichen Gebieten systematischen Antrieb verliehen.

Finanzpolitisch war das Brasilien vor 1930 in einem Stadium völliger Desorganisation. Mit einer dauernden Defizitwirtschaft ging eine drückende und ungeordnete Verschuldung ans Ausland paral­lel. Nachdem der Umfang der Auslandsverschul­dung genau festgestellt war, wurde der Zinsen­dienst durch Vereinbarung mit den Gläubiger­banken neu geregelt. Und zwar zum ersten Mal durch Streichen eines Teils der Zinszahlungen. Die Regierung verfolgt das Ziel, durch Beseitigung des Transferproblems den Schuldendienst auf keinen Fall mehr zu einem Hemmnis der wirt­schaftlichen Entwicklung Brasiliens werden zu lassen. In den Staatshaushalt brachte die Regierung Vargas durch Einschränkung zahlreicher entbehr­licher Ausgaben gleichfalls Ordnung. Die Fehlbe­träge der letzten Jahre waren bereits wesentlich verringert, obwohl neuerdings eine allgemeine Er­höhung der Beamtengehälter vorgenommen wor­den ist. Die Einnahmen des Bundes sind von 1,7 Millionen Contos im Jahre 1930 auf 2,7 Millionen Contos im Jahre 1935 gestiegen, die Ausgaben nur von 2,5 auf 2,9 Millionen Contos.

Es gelang der Regierung Vargas neben dieser Arbeit einer durchgreifenden wirtschaftlichen Sa­nierung Brasiliens noch das Hauptwerk einer S o - z i a l r e s o r m in Angriff zu nehmen, dessen schrittweise Durchsetzung wohl eine der größten Taten des Bundespräsidenten Daraas darstellt. Der letzte Bundespräsident vor der Oktoberrevolution 1930, Washington Luiz, hatte noch in einer Bot­schaft an das Bundesparlament erklären können, die soziale Frage sei eine Polizeiangelegenheit. Wäre dieser feudalistische Geist auch der Geist der Regierung Vargas geblieben, so hätte sich die kom­munistische Wühlarbeit auf dem Nährboden der ein- setzAiden Industrialisierung Brasiliens in ganz an­derem Maße durchsetzen können, so wäre der No­vember 1935 nicht das Ende der kommunistischen Putschversuche, sondern mit viel mehr Wahrschein­lichkeit die Einleitung einer bolschewi­st i s ch e n Vera in Südamerika geworden. 1930 bestand nicht der Schaden einer Sozialgesetz­gebung in Brasilien. Die Regierung Vargas be­gann mit der Einführung des Achtstundentags, mit Schutzbestimmungen für die Frauen- und Kinder­arbeit. Dann folgte die Feriengesetzgebung, die dem Arbeiter und Angestellten bezahlten Urlaub sicherte, weiter ein ausgedehnter Kündigungsschutz und schließlich die Schaffung der Sozialversicherung, die Krankenkasse und Pensionsversicherung in sich ver­einigt. Diesem Werk sozialer Reform ist es zu ver­danken, daß die bolschewistische Agitation trotz ihrer jahrelangen Hetzarbeit in Brasilien zwar unter den intellektuellen Schichten und in unzufriedenen Mi­litärteilen festen Fuß fassen konnte, daß es ihr aber nicht gelang, die Massen aufzuputschen. Die kom­

munistische Revolte vom November 1935 vollzog sich daher unter völliger Teilnahmslosigkeit der Ar­beiterschaft, sie blieb ein Militärputsch und konnte als solcher leicht unterdrückt werden. Wenn nach Bekanntgabe der ersten Re­formpläne des französischen Volksfrontkabinetts deutsche Zeitungen mitleidig fragen konnten, ob diese in Deutschland seit Jahrzehnten selbstverständ­liche Dinge, die in Frankreich erst gefordert wer­den mußten, etwa alles seien, was der revolutio­näre Marxismus zu bieten habe, konnte immerhin auch die brasilianische Presse mit Stolz feststellen, daß in dem als rückständig verschrieenen Brasilien, das kaum den kolonialen Kinderschuhen entwachsen ist, die von der französischen Regierung Blum ge­forderten Reformen als soziale Tat der Regierung Dorgas bereits Wirklichkeit sind.

Die Regierung Vargas hat nicht nur in sechs Jahren Arbeit Brasilien wirtschaftlich wieder auf- gebaut und seine Sozialverhältnisse reformiert, sie hat überdies erstmals als nationale Regie­rung regiert. Bis 1930 bedeutete Regierung in Brasilien stets Vorherrschaft eines der großen Bun­desstaaten. Getulio Vargas, der Riograndenfer ist, hat oft genug wie z. B. auch gegenwärtig gegen die Opposition seines eigenen Heimatstaats regiert. Er hat durch die großen Arbeiten zur Be­kämpfung der Dürreplage den Norden Brasiliens

zu stützen gesucht. Er hat durch die Kaffeepolitik und durch die landwirtschaftliche Entschuldung den Faziendenbesitzer des Staates Sao Paulo vor siche­rem wirtschaftlichen Untergang gerettet. Seine Re­gierung hat die Regelung der Auslandsschuld für die Gesamtnation durchgeführt, ebenso wie fast alle andern großen Verwirklichungen während seiner Regierungszeit eine allgemein nationale Bedeutung für das gesamte Brasilien besitzen. Die Regierung Vargas hat es so vermocht, zum ersten Mal in der Geschichte Brasiliens dem traditionellen Regiona- lismus ein umfassendes Nationalgefühl entgegen­zustellen.

So steht am Ende der sechs Jahre dieser Regie­rung Brasilien wirtschaftlich gekräftigt, in einem sozialen Ausbau begriffen und von der Hand einer starken Regierung geeint da. Die Regierung des Bundespräsidenten Vargas hat erst in letzter Zeit eine Reihe neuer Aufbaupläne in Angriff genom­men. Immer merklicher beeinflußt dies die Debat­ten um die neue Präsidentenwahl, so daß sich die Stimmen mehren, die keine Unterbrechung der von Vargas eingeleiteten Arbeit zulassen wollen. Die Wiederwahl des Präsidenten Roosevelt, die mit dem Abschluß der sechsjährigen Regierungstätig­keit von Getulio Vargas fast zusammenfiel, hat des­halb in Brasilien als Beispiel besonders tiefen Ein­druck gemacht.

Kultur- und Rundfunkarbeit der HL.

Obergebietsführer Cerff gibt Richtlinien für die Neugestaltung.

Bei der Arbeitstagung des Kultur- und Rund­funkamtes der Reichsjugendführung in Berchtes­gaden beschäftigte sich Obergebietsführer C e r f f mit den kommenden Maßnahmen zur Neuge - staltung der Kultur- und Rundfunk­arbeit der HI. Er betonte zunächst, daß in der kulturpolitischen Arbeit der Begriff der Zahl zurück­gestellt werden müsse gegenüber dem Begriff der Leistung. Gerade die kulturelle Arbeit müsse sich vom äußeren Erscheinungsbild auf den inneren Ge­halt und bk innere Kraft verlegen. Die Kamerad­schaft in den engen Kreisen der Mitarbeiter allein genügt nicht, wenn nicht hinter ihr der unbedingte Wille zur Leistung und das notwendige technische Können stände.

Können macht den Künstler.

Unsere junge Arbeit darf sich nicht davor scheuen, bereits vorhandene Erkenntnisse und be­stehende Grundsätze in der Kunst zur Anwendung zu bringen. Im Handwerklichen darf sie getrost an Bestehendes anknüpfen. Der neue Geist und der neue Inhalt unserer Arbeit darf niemals zur Ent­schuldigung einfachster Formfehler herangezogen werden." Als einen solchen Formfehler z. B. auf dem Gebiete der Musikarbeit nannte Cerfs auch das Dirigieren von jungen musikalischen Werken ohne Anwendung des Dirigentenstabes. Die Diszi­plin der großen Konzertorchester müsse auch für das technische Können in der musikalischen Arbeit der HI. vorbildlich werden. Man dürfe diese Diszi­plin niemals übersehen wollen, nur weil man etwa nicht mit der Atmosphäre des Konzertsaales einver­standen sei.

Auch an das Gebiet der Feier - und Frer- zeitgestaltung legte C e r f f eine offene und strenge Kritik. Man erlebe es oft, daß eine noch so wertvolle Feier unter dem Mangel an Erleb­nisfähigkeit ihrer Teilnehmer und Träger leide. Gewiß sei ein starkes kritisches Gefühl in der HI. gut und notwendig. Das dürfe dann aber nicht so weit führen, daß nun immer wieder an die Dinge der Kunst, an die Vermittlung seelischer Werte, an Feierstunden u. a. mit der bangen Frage herangegangen wird:Wird es auch klap­pen? Werden auch die Fahnen richtig einmarschie­ren und die Formationen in einer tadellosen Ord­nung angetreten sein?" usw.

Keine Hofdichier in der HL.

Weiterhin erhob C e r f f die Forderung, daß dis Jugend zu allererst in ihren Reihen das Empor- kommen sogenannterHofdichter" ver­hindern müsse, die zu jedem noch so unbedeutenden Anlaß nun eine große Kantate oder ein neues Musikwerk schaffen zu müssen glaubten. Mit sofor­tiger Wirkung verbiete er deshalb die Anwendung einer Zweckmäßigkeitsdichtung, die von einer be­langlosen Alltäglichkeit ausgehe und schließlich bei der hymnischen Lobpreisung aller großen und un­serem Volke heiligen Bcgnsfe aufhöre. Auch hier zeige sich die Wahrheit des Wortes, daß vom Erha­benen zum Lächerlichen nur ein kleiner Schritt fei.

Bei der Durchführung kultureller Veranstaltungen sei zu beachten, daß auch die Vermittlung einer künstlerischen Schöpfung selbst wieder wahre Kunst sei, über die man nicht mit Oberflächlichkeit hin­weggehen dürfe.

Nur noch wenige Feierstunden.

Die Feiergestaltung der HI. werde in Zukunft einen strengen Trennungsstrich zwischen eigentlicher Feierstunde und feierlicher Umrahmung ziehen. Die eigentliche Feierstunde müsse sich auf wirklich wenige und innere Anlässe be­schränken.Es wird ab sofort in der HI. keine einzige Feier mehr stattfinden, ohne daß ein wirk­liches Bedürfnis dafür vorhanden ist. Feierstunden sind keine Lückenbüßer."

Der Mißbrauch der Feier berge die Gefahr einer Entgleisung ebenso in sich, wie der Mißbrauch des Sprechchors. Auf praktische Fragen der Feiergestaltung eingehend betonte Cerss, daß sich in der HI. wie überhaupt in der nationalsozialisti­sche^ Bewegung langsam aber unaufhaltsam ein beständiger Rhythmus herausbildet, der die Feier des Reiches und der Bewegung sowie die Feiern

gegen ^pröde Kauf

Fov unser.

23on Helene Doigt-Diedenchs.

Vormittag, naß und hell in den Straßen der großen Stadt. Der Wind hat sich geduckt. Es ist kälter geworden, überraschend blau zwischen schwe­ren Wolken; bersten sie, so werden sie statt der Regenstürze Schnee entlassen.

Brauner Schlamm klebt über dem Pflaster, sickert in Rinnen, schnalzt um Räder, spritzt um Huf und Fuß. Schweigsam überfragen Stockwerk und Dach Torweg und Läden, die vollgestaut sind mit Fleisch und Brot, mit Aepfeln, Fett und Wein, mit ge­stricktem, gegerbtem, gekacheltem Schutz- und Trutz­gerät gegen den Grobgesellen Winter.

Noveniber, November nichts gilt, nichts trö­stet. Was geht hinter diesem Riesenfenster vor? Ein Schmuckladen? Rundlich achatener Schimmer, Klein­odien aus gehämmertem, stumpfem, aufgerauhtem, seidig gebuckeltem Metall... Atemzuglang nur wirkt der Zauber. Statt seiner tut das Wunder unverstellter Wirklichkeit sich auf. Das Fenster einer Samenhandlung, auf gläsernen Simsen, von Spie­geln gedoppelt, ordnen sich Art bei Art die viel­gestaltigen Zwiebeln. Jede einzelne ein Geschöpf für sich, lebendiges Wesen, Osterling: durch den Winterberg hinausweisend in fernen, kaum erreich­baren Frühling.

Hier die ganz starken Knollen, veilchenfarben, manche auch 'rostdunkel oder grausilbern geschuppt; gebieterisch entspringt der Keimansatz ihrem Herzen. Ändere sind da, klein und fest, in em Netz von fase­rigen Adern gesponnen. Und wieder andere maha­gonirot, leblos: doch schon lüstet sich ihre glatt an­liegende Haut, blättert ab, das weiße Fleisch der Zwiebel pulst hervor. Dieser runden mutterguten Zwiebel, gläubiger Speicher von Kräften, der vor­geformt den ganzen Lebensaufbau bereit hält.

In Reihen, Bändern und Schnüren liegt es da, in lockeren Haufen oder hervorlugend aus Korb und Sack geordnet von einer Hand die fühlt, welch kostbares Gut ihr anoertraut ist. Holland unternahm man nicht dort während des siebenzehn­ten Jahrhunderts statt in Wertpapieren groß­zügige Handelsgeschäfte in Blumenzwiebeln? ... Hyazinthen, Tulpen, Schneeglöckchen, Krokus, Lilien vieler Art Amaryllis, Gladiolen und Kaiserkronen; gleichförmige Druckschrift der Namenschilder, aber schwellen nicht unsichtbar saftige Stengel, heben sich nicht Blätter, schimmern nicht Springbrunnen von Blüten, in milden und leichten Maienfarben?

Schon summt es fernher vom ersten Bienenflug um die Auslagen des Gärtners bald, bald auch

sprießt es auf den Rabatten des freien Landes, grüner Schopf, trockenhäutig umschlossenes Gold es weht um mich Narzissenduft" aber vergessen wir nicht des Märzbechers im feuchten Erlengebüfch, der lockeren doldenstrahligen Vogelmilch, der schma­len gelben Tulpe, die kelchlos nickend durch ver­wilderte Weinberge schwärmt...

Dank, Erdsegen, unerschöpflich harrendes Oster- wunder, entschleiert sich im braunen November, schneeschlackertrübe in den Straßen der großen Stadt.

Johann Peter Eckermann.

Das Geheimnis eines Bucherfolges

Friedrich Nietzsche sagt in einem seiner Werke: Wenn man von Goethes Schriften absieht und namentlich von Goethes Unterhaltungen mit Ecker­mann, dem besten deutschen Buche, das es gibt; was bleibt eigentlich von der deutschen Prosaliteratur übrig, das es verdiente, wieder und wieder gelesen zu werden?" So unerfreulich und einseitig dies Urteil über die reiche Prosaliteratur Deutschlands sein mag, so ehrenvoll ist es für das Werk, das einen armen Hausierersohn aus Winsen an der Luhe, Johann Peter Eckermann, zum Verfasser hat. Und Nietzsche scheint recht zu behalten: Ecker­mannsGespräche mit Goethe", die bei ihrem ersten Erscheinen im Brockhausschen Verlag 1836 zweiundüreißig Jahre brauchten, um in 3000 Exem­plaren verkauft zu werden, sind heute das am meisten gelesene Buch Goethes, wie Hermann Bahr durch eine Rundfrage festgestellt hat. Sie werden in immer neuen Auflagen und Ausgaben verbreitet, und wo die vornehmste Auswahl unserer Klassiker beisammen ist, da wird auch der Name Eckermann genannt.

War es nur der unsterbliche Name Goethes, der dieses zu seiner Ehre geschriebene Buch seines Freundes", wie Eckermann sich mit Stolz nennen durfte, vor der Vergänglichkeit bewahrte? Aber die Goetheliteratur ist unermeßlich wie der Sand am Meere, und keine von diesen zahllosen Schriften kann sich in ihrer Wirkung denGesprächen mit Goethe" an die Seite stellen. Ihre Lebenskraft muß tiefer wurzeln. Eckermanns Buch breitet wie ein kristallenes Prisma die reiche Farbenpracht des Goetheschen Lebens leuchtend vor uns aus. Aber nicht nur dieser Farbenzauber, in dem Goethes ge­samtes Wirken und Schaffen vor uns ersteht, macht uns Eckermanns Gabe so lieb. Sein tiefster Wert und sein unvergänglichster Reiz liegen m dem Menschen Goethe, den Eckermann wie kein anderer der Mitlebenden uns so nahe gebracht hat, als ob

die hochgewachsene Gestalt noch eben mit uns im selben Raume geweilt, als ob der Klang ihrer Stimme noch zwischen den Wänden zitterte. Der alte Goethe ist dieser echte und große Mensch, den Eckermann uns zuführt, Hoheit und Milde in sei­nem durchdringenden Blick, Adel und Seelengröße in jeder Lebensäußerung. Nicht den jungen Goethe, der wie Dionysos einherschreitet und die Herzen der Menschen gewinnt, nicht den Mann, der wie ein Eroberer scheinbar muhelos seinen Weg er­zwingt, nur den siebzig- bis achtzigjährigen Greis hat Eckermann gekannt und in seinem Werke ge­schildert. Und so, wie Eckermann ihn sah, ist dieser alte Goethe bei der Nachwelt im besten Sinne po­pulär geworden und bis heute lebendig geblieben, ja eigentlich erst lebendig geworden.

Rastlose Tätigkeit, unstillbares Bedürfnis nach neuem Wissen und Wollen, leidenschaftliches Ein­dringen in alle Probleme, die der Tag ihm zuträgt, unendlicher Reichtum in Auffassung und Wieder­gabe und begeisterte Verteidigung der Jugend, dies alles macht den Goethe Eckermanns zum Symbol der immerfort schaffenden Menschenkraft. Und die­ser Heros gebärdet sich wie ein sterblicher Mensch, der sich in der Freude zum llebermut steigert und schließlich doch auch dem Schmerze erliegt. Ecker­mann zeigt ihn im behaglichen Hauskleid wie im ordengeschmückten Ministerrock, in gesunden und in kranken Tagen, als Hausvater und Gesellschafter; er schildert die überlegene Eleganz des Hofmanns und die urwüchsige Selbständigkeit des Frankfurter Patriziersohnes, der es wie selbstverständlich hin­nimmt, wenn er eines Tages geadelt wird; der tiefe Denker, der fortreißende Redner, der Freund seiner Freunde, der mahnende Berater, der zür­nende Got und der mephistophelische Schalk, alle diese Seiten des Goetheschen Wesens kommen in diesem einzigartigen Buche zur lebensvollsten Wir­kung.

Der intime Organismus des Goetheschen Lebens öffnet sich vok uns, der Duft und die Weihe des Goetheschen Hauses umgeben uns vollständig. Oben am Fenster stand er und tynfte feinen Eckermann lächelnd zu sich hinauf; wir sehen ihn mittags vor der Suppe feine Zeitung lesen und seinem Gaste über den Tisch hin Weintrauben und Früchte zu­stecken, ihm auch aus einer guten Flasche, die Freunde am Rhein geschickt haben, tapfer einschen­ken; wir sehen ihn hinausfahren im gemeinsamen Wagen und an einem Steinhaufen auf offener Chaussee mit ihm frühstücken, aus einem Becher mit ihm trinken; an einer Waldecke hingelagert, eine weite Welt vor Augen, schmiedet er, der Alte, Zukunftspläne mit dem Jungen. Er läßt sich er­zählen von den Liebhabereien seines Begleiters, er

entschuldigt mit freundlicher Duldung die kleinen Schrullen seiner Umgebung und ist sogar dem Stadt­klatsch nicht unzugänglich, den ihm seine Schwieger­tochter Ottilie aus der kleinen Residenz reichlich zu­trägt. Er wandert in den herrschaftlichen Vorder­zimmern seines Hauses umher, mit seinen Kunst­sammlungen beschäftigt, in der naiven Freude an seinem reichen Besitz, und fühlt sich doch erst be­haglich undproduktiv" gestimmt in den vier Wänden seines bescheidenen, fast düsteren Arbeits­zimmers mit dem Blick auf den Hausgarten und in das Schlafzimmer, das an Einfachheit einer Armenstube gleichkommt.

Für alle diese verschieden abgetönten Stimmungen hatte Eckermann eine ungemein feine Empfindung, für das Charakteristische all dieser intimen Situa­tionen einen ungewöhnlich scharfen Blick. Mit die­sen Fähigkeiten verband er die Gabe, den zarten Reiz des Äugenblicks in Worten festzuhalten. Allent­halben trägt sein Buch den Stempel des persön­lichsten Erlebens, und diese innere Lebenskraft ist die Gewähr der unbeschränkten Dauer. Eckermann war ein Meister des Wortes, das bei ihm wie von selbst ein Goethesches Gepräge annahm, und in der Schule Goethes hatte er eine Kunst der Dar­stellung gelernt, die das Nächste wieder in eins künstlerische Ferne rückt; wenn er uns Goethe schildert, wie er sich mit ihm im Hausgarten mit Bogenschießen belustigt, ganz nur dem Augenblick hingegeben, glauben mir eine unsterbliche Szene aus Homer gelesen zu haben, und wenn er uns berichtet, wie er an Goethes Totenbett steht, schenkt er uns eine vollkommene Dichtung von erschüttern­der innerer Größe.

Prof. Dr. H. H. H o u b e n.

Alte astronomische Instrumente.

Hinter einem Schrank im Observatorium von Oxford wurden verschiedene astronomische Instru­mente und solche für die Schiffahrt aus der ersten Zeit des 16. Jahrhunderts aufgefunden. Arbeiter, die einige Reparaturen auszuführen hatten, fanden alte Metallstücke, wie sie glaubten, ohne Wert, un6 erst die nähere Untersuchung zeigte die Bedeutung des Fundes. Unter den Gegenständen befindet sich ein Sternhöhenmesser, der der Königin Elisabeth gehörte und der den damaligen Seeleuten die Zeit nach den Sternen zu bestimmen ermöglichte. Be­merkenswert ist dabei besonders, daß die Funde zeigen, daß die Universität Oxford schon ein halbes Jahrhundert früher als das Observatorium von Greenwich, das erst 1670 seine Arbeit begann, gut für astronomische Beobachtungen ausgerüstet war.