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Nr. 245 Zweites Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Montag. (9. Oktober (936

Tausend Kilometer Wüste.

Aus dem Tagebuch einer Libyenfahrt.

An der Straße NalutGhadames.

Nun rollen wir schon den dritten Tag durch die Wüste. Es ist immerhin ein weiter Weg von Tripo­lis nach Ghadames! Aber bald haben wir es ge­schasst. Nur 80 Kilometer trennen uns noch von jener seltsamsten der nordafrikanischen Städte, in der die fanatische Sekte der Senussi in geheimnis­vollen unterirdischen Räumen ihre religiösen Kulte ausübt.

Aber vorläufig kommen wir einmal nicht weiter! Unser Fiat hat einen hoffnungslosen Federbruch. Jetzt liegen wir hier mitten in der Wüste fest. Jede Woche fährt von Tripolis ein Lastwagenzug hier in die Hammada el Homra, um die einzelnen Forts mit Lebensmitteln zu versorgen. Einer dieser Rie­senlastwagen hat uns mitgenommen.

Andere Möglichkeiten, in der Wüste zu reisen, gibt es nicht. Kamelkarawanen gehen auf größere Entfernungen schon seit Jahren nicht mehr ab. Im Auto geht alles viel besser und schneller. Die Wüste ist ja für den Kraftwagenoerkehr auch die idealste Landschaft. Da braucht man keine kostspieligen Straßen zu asphaltieren. Der Boden ist hart und Regen gibt es so gut wie nie. Was sich hier stolz Straße nennt, ist nichts weiter als ein Wüsten­streifen, in dem die größten Steine rechts und links aus dem Wege geräumt find. Auf ihnen also rol­len Woche für Woche die hochbeladenen Fiats in die Sahara und halten die Verbindung mit den einsamen italienischen Forts aufrecht.

Heute morgen sind wir wieder einmal an einem Grab vorübergekommen. Es war noch ganz frisch. Von Soldaten in derBilderbuchoase" Sinaun er­fuhren wir, was sich hier zugetragen hatte:

Ein italienischer Leutnant der Eingeborenen-Ka- melreitertruppe war mit einer Abteilung von 60 Mann von Ghadames nach Tripolis unterwegs. Dort sollten sie nach Abessinien eingeschifft werden. Die Soldaten schienen darüber gerade nicht begei­stert zu sein. An der Stelle, wo wir das Kreuz ge­sehen hatten, zog der Schumbaschi (Feldwebel) plötz­lich den Revolver und jagte dem Offizier sechs Ku­geln in den Rücken. Dann machte er sich mit dem größten Teil der Araber auf und floh auf die tunesische Grenze zu. Vier Mann aber, die ihm nicht gefolgt waren, ritten nach Nalut und melde­ten dort den Vorgang. Sofort stieg ein Militär­flieger zur Verfolgung auf. Als er die Deserteure erreicht hatte, eröffneten diese ein so wildes Feuer, daß der Pilot schwerverwundet nur mit Mühe noch in Nalut landen konnte. Die französische Regierung jedoch lieferte die Deserteure aus, und der Schum­baschi wurde in Nalut vor aller Oeffentlichkeit ge­hängt. Seine Verwandten in Ghadames setzten die Italiener sofort in Gewahrsam, weil sie die landes­übliche Blutrache fürchteten.

Das sind so Dramen, wie sie sich hier häufig ab­spielen.

Jetzt sitzen wir immer noch hier und können nicht weiter. Uns macht das weiter nichts aus. Wir haben Proviant für gute drei Wochen, und Wasser ist auch genug da. Ein Militärauto, das alle 14 Tage von Ghadames in Tripolis die Poft holt, soll heute vorüberkommen und uns nach Nalut zurück- bringen. Dort müssen wir dann eine neue Fahr­gelegenheit abwarten. Das kann unter Umständen über eine Woche dauern.

Vorhin bin - ich ein Stück in die Wüste hinaus­gegangen. Nach Süden, dort, wo Ghadames liegen muß. Von der Schönheit dieser Landschaft macht man sich bei uns zu Hause gar keinen Begriff. Die Wüste, wie sie hier so in unendlicher Weite vor uns liegt, ist nicht traurig und öde. Sie ist eine Sym­phonie von Farben in den feinsten Tönungen, vom zartesten Blau bis zum grellsten Rot. Trapezförmige Tafelberge stehen im Westen als dunkle Silhouetten gegen einen brennend roten Himmel, während von Osten bereits die Nacht sich gleich einer dunklen Wand heraufzuschieben beginnt. Die Sonnenscheibe ist noch nicht hinter den scharfen Konturen der Berge

verschwunden, da leuchtet ihr gegenüber schon die liegende Mondsichel vom dunkelblauen Himmel herab. Ganz unvermittelt, ohne weiche Uebergänge, löst hier die Nacht den heißen Tag ab.

Es wird bald finster. Ich kehre zu den Zelten zurück. Eine Horde Araber hat sich hier auf Ver­anlassung der Kolonialregierung niedergelassen, um bei etwaigen Pannen auf der wasserlosen Strecke den Autofahrern als Stückpunkt zu dienen. Wie segensreich diese Einrichtung ist, erfahren wir jetzt selbst. Zwei kleine Vorratszelte stehen neben den beiden großen Wasserbehältern. Die regelmäßig jede Woche verkehrenden Lastwagen bringen immer Frischwasser und Proviant aus dem 300 Kilometer entfernten Nalut.

Wir sitzen im Augenblick um ein kleines Feuer im Wohnzelt. Es ist nach Beduinenart aus Decken gebaut. Hier schlafen sonst die acht Araber des Postens. Vor ein paar Tagen sind sie nach Gha­dames zu dem großen mohammedanischen Fest ge­zogen. Nur einen vierzehnjährigen Jungen haben sie zurückgelassen. Seit heute morgen ist ihm der Proviant 'ausgegangen. Die Männer wollten wie­der frischen mitbringen.

Jetzt sitzen wir alle, d. h. unser italienischer Chauf­feur, dessen Beifahrer, ein achtzehnjähriger Neger, der Araberjunge und wir Deutschen um das Feuer herum und schlürfen aus winzigen Gläsern Tee. Der kleine Araber hat ihn nach Beduinenart (jede Portion einzeln mit viel Zucker) gekocht. Er schmeckt ausgezeichnet, besonders der Zimt gibt ihm eine pikante Note.

Es sind überhaupt die kleinen Freuden, die hier! in der Wüste das Leben lebenswert machen. Eine Pfeife, ein Gläschen Tee, ein warmes Feuer, das macht die Strapazen des ganzen heißen Tages ver­gessen. Was kümmert einen in solchen Augenblicken das Morgen. Wer denkt daran, daß draußen der Lastwagen mit dem Federbruch steht, und wenn kein Ersatz kommt, man hier vielleicht noch eine Woche warten muß! Der Augenblick ist zu schön, um Sorgen aufkommen zu lassen.

Da wird am Feuer gelacht und geschwatzt. Der Neaer erzählt eine lange Geschichte, wie er Cara- cciola beim Rennen um den großen Preis von Tri­polis in einer Minute die Reifen gewechselt hat. Wir lassen ihn reden, obschon wir wissen, daß alles gelogen ist. Was tut das auch! Vielleicht ist die Ge­schichte vom Scheich Kalem Muhammed, der vor drei Jahren eine Karawane von 500 Kamelen über­fiel, auch nicht wahr, wie sie eben der kleine Ara­berjunge erzählt hat. Was tut das alle? Am Feuer eines Beduinenzeltes kann auch das Unwahrscheim lichste zur Wahrheit werden. Sie wollen ja auch gar nicht ernstlich, daß man ihnen glaubt. Sie wol­len nur unterhalten und sich wichtig tun. Das ge­lingt ihnen ja auch.

Manchmal fällt unser Blick durch die Zeltöffnung ins Freie. Da dehnt sich in unendlicher Ebene die Wüste in die Nacht. Alles ist so still. Vielleicht heult einmal irgendwo in der- Ferne ein Schakal. Sonst ist hier nur Ruhe. Und über uns funkelt ein Ster­nenhimmel mit so viel tausend Lichtern, wie wir ihn in Europa niemals zu sehen bekommen. Das ist die Wüste! Nichts spüren wir von Verlassenheit, nichts von Oede oder bedrückender Einsamkeit. Wir haben nur das Gefühl einer grenzenlosen, unbän­digen Freiheit. Herbert Hörhager.

Hitler-Iugenv beim Herbst-Geländespiel.

Grau und schwer hingen gestern morgen die Wol­ken am Himmel eine einzige Regendrohung als sich die Gießener Hit­lerjugend an den Aus­fallstraßen unserer Stadt nach Osten zu Fuß, zu Rad oder im Kraftfahr­zeug einfand, um hinaus­zumarschieren in das herbstliche Land. Der Wind blies heftig in kurzen Böen aus Süd­westen, rüttelte an den Bäumen und streute viel Laub auf die Straßen und Wege. Das wenig freundliche Wetter störte die Jugend aber nicht. Außerdem:Dienst ist Dienst"' Ganz abgesehen davon, daß rechte Hitler- Jungen keine Zaghaftig­keit kennen, wenn es gilt,

Ml

Scharf wird aus der Deckung heraus der Gegner beobachtet.

zu einem frisch-fröhlichen , ri. _ .

Spiel hinauszuziehen, das mit einem lustigen Kamps enden soll!

Marsch durch Wald und Feld.

So wie in der Stadt, so formierten sich auch auf dem Lande im Banngebiet die Hitlerjungen und rückten aus in Felder und Wälder durchaus nicht etwa planlos sondern in der Absicht, mit den Städtern" zusammenzutreffen, die man im allge­meinen zwar als Kameraden kennt, die aber für diesen Tag derGegner" sein sollten, der beobach­tet, beargwöhnt und möglichst gefangen oder ge­schlagen werden sollte.

Da gab es denn gestern Vormittag und um die Mittagsstunde allerlei Heimlichkeiten im Gelände zwischen dem Schiffenberger Wald und dem nahen Dorfe Watzenborn-Steinberg. Sorgfältig und auf geübte Art wurden von den Städtern die Gegner

angegangen, zunächst aus dem Dorfe hinausge­drängt und später im freien Felde gestellt. Aber die Jungens aus den Orten im Südwesten unserer Stadt ließen sich nicht überrumpeln. Sie wußten sich ebenso zu sichern wie diejenigen, die ihnen gegenüber lagen. Sie waren gefaßt genug, um nicht etwa plötzlich überrascht zu werden, und dabei den fürLeben" undTod" kennzeichnenden roten Faden zu verlieren.

In klassischer Stellung.

Die Jungen von den Gefolgschaften aus den Dör­fern Watzenborn-Steinberg, Dorf-Güll, Grüningen usw. hatten sich eine besonders interessante Linie ausgesucht, ja, eine geradezu klassische Verteidigungs­linie! Keine andere als die des Limes, der dicht vor Grüningen über die sanft gewellten Höhen ver­läuft und sich durch eine lange Reihe von Büschen

Die Orientierung nach der Karte. Die Melder erwarten die Befehle. (Aufnahmen [2]: Neuner, Giehener Anzeiger.)

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für das Auge deutlich abhebt bzw. verfolgen Unterhalb und etwa nördlich der Grüninger Warbt lagen sie, in Rübenäckern und im Kraut abgeernte* ter Kartoffelfelder, um die Kameraden von der an­deren Farbe zu erwarten. Drüben lag der Schiffen­berg bereits in vielfältiger herbstlicher Pracht der Laubbäume, die in allen Farben vom hellsten Gelb bis zum dunkelsten Braun schimmerten. Die Zeit wurde den Jungen, die am Limes lagen, zwar reich­lich lang, denn die Kameraden, die das Tal herauf auf die Höhen kommen sollten, taten sehr vorsichtig.

Lustiger Kampf um den Limes.

Es ließ sich aber ertragen, denn das Wetter hatte sich inzwischen gewandelt. Die Wolken lösten sich mehr und mehr auf. Bald schien die Sonne und machte die heimatliche Landschaft viel schöner, als sie unter regendrohenden Wolken sein konnte. Die Zeit vertrieben sich die Jungens aus den Dörfern in Erwartung des Kampfes mit heftigen Kraftaus­drücken, deren mancher im Reim besonders stark wirken sollte. Inzwischen rückten die Gießener immer näher heran. Schließlich kam es denn auch zum er­wartete Handgemenge um den Lebensfaden, das sich zum Teil recht dramatisch vollzog.

Es herrschte aber bald wieder Friede, und die Führer der Gefolgschaften sammelten ihre Mann­schaften auf der Straße zwischen Watzenborn-Stein­berg und Grüningen, um dann nach Watzenborn- Steinberg zur Verpflegungspause zurückzukehren.

Und am Birklarer Wäldchen.

So wie sich der Kampf in der Gemarkung Watzen­born-Steinberg und Grüningen vollzog, so gestal­tete sich auch das Geländespiel in der Gegend von Lich, wo eine Gefolgschaft Gießener HI., sowie Marine- und Flieger-HI. gegen die Jungens von Lich standen. Auf langem Marsch in Wind und Regen waren die Gießener Hitlerjungen die Licher Straße hinaus, durch Steinbach hindurch, dem Geg­ner entgegengezogen. Als die Jugend durch Stein­bach marschierte, standen viele Einwohner des Dor­fes unter den Türen. Die jüngste Jugend, sofern sie überhaupt schon laufen konnte, begleitete die Mannschaften. Das Kampfgebiet für diese Gefolg­schaften unserer Gießener Hitler-Jugend war sehr groß. Es reichte vom Albacher Hof bis hinter Lich an das Birklarer Wäldchen, an der Straße zwischen Lich und Hungen. Dort gab es auch den Entschei­dungskampf. In gleicher Art stritten die Gefolg-

Gießener Giadiiheater.

3. Morgenfeier: Ferdinand Raimund.

Die gestrige dritte Sonntagmorgenfeier des Stadt­theaters war dem Andenken des österreichischen Dolksdichters Ferdinand Raimund gewidmet, dessen 100. Todestag wir am 5. September d. I. be­gehen konnten. Dramaturg Paul Nieren hielt eine Gedenkrede, in der er in großen Zügen entwickelte, welche Stellung Raimund in der deutschen Litera­tur und besonders in der Geschichte des deutschen Theaters einnimmt; darüber hinaus fei es die Auf- nabe dieser besinnlichen Gedenkstunde, dem hebens, mürbigen Dichter neue Freunde zuzufuhren. Herr Nieren schilderte die Jugend bes 1790 tn Wien Geborenen, seine benkwürbige erste Begegnung mit dem Theater als Verkäufer eines Zuckerbäckers, seine schwierigen Anfänge m dem von ihmi gebeb­ten und ersehnten Schauspielerberuf, auch den Zw

Sebeutenbes fu leisten. Es war auch die Rebe von Raimunds wenig glücklicher Eh-, von f-mer früh sich zeigenden Melancholie, die gewiß zu feinem späteren traurigen Ende mit beigetragen hat, der Vortragende schilderte Raimunds Entwicklung zum Dichter das Märchen als Ouelle und Anregung seiner unerschöpflichen Phantasie, und die richtung­gebende Begegnung mit Grillparzer, tnXe Wiener Lokalkolorit und die Geister- und Feenwelt^in ^Raimunds bekanntesten Stucken wie demBauern als Millionärs demVerschwender , hem Alvenkönia und Menschenfeind . Die -varilei-

W"Raimunds Wiener Lands­mann gab in Form. -iner zwanglofen und an- Ä bÄr ^L'LtHrlei inter- aS GnLiten und würdigte urz .e wichtig­sten österreichischen Tonsetzer welchen h Wg Raimunds Stücken zu verdankenst Wenzel Mui for ©nnrnhin Kreutzer und «30|ef ^recyper.

Wre d e leiste dann mit seiner Plaudere, zur Dar­bietung eines kleinen Straußes varmar, icherr W'-j ner Tbeatermusik über: Herr tt) n e t o e r - u sang von Kapellmeister Brauer am Flügel sem- innig begleitet, mit angenehmer Stimme und gutem Ausdruck eine Anzahl Lieder nach Ra,Munds Nxttnj H-rr Wreb- Ipratf) d>° verbindenden

Worte. Wir hörten da neben so bekannten Stücken wieWer niemals einen Rausch gehabt", dem be­rühmtenHobellied" undSo leb denn wohl, du stilles Haus" auch minder bekannte Lieder, dar­unter überraschenderweise eine Vertonung von Schubert.

Unter Herrn Wredes verständnisvoller szeni­scher Leitung, der mit Humor und Temperament die Einführung sprach und zum Abschied auch den Schluß des Stückes erzählte, sahen wir zwei für Raimund als Theaterdichter recht charakteristische Szenen aus demBauern als Millionär". Mit­wirkende waren Fräulein Prinz, die Herren Hub, Geiger, Geißler und Brau n warth; besonders die berühmte Szene mit dem Duett Brüderlein fein" (Prinz; Hub) wurde sehr hübsch und stimmungsvoll herausgebracht. (Musikalische Leitung: Kapellmeister Ernst Bräuer.)

Die Morgenfeier war diesmal erfreulicherweise gut besucht; sämtliche Darbietungen fanden lebhaften Anklang. hth-

Kartoffelernte.

Bericht einer Landhelserin

7.30 Uhr! Der Wagen steht im Hof, Hilda und Molli, unsere beiden Pferde, sind schon angespannt. Der Knecht knallt mit der Peitsche. Wie sich jede eilt, um als erste im Wagen zu sein. Zusammen mit den Siedlern ziehen wir auf das Feld. Zu zweien klettern wir auf die schweren Ackergäule. Im Trab geht es hinaus aufs Feld. Ob wir wohl in zwei Tagen alle Kartoffeln heraus haben? Vier Morgen ist der Acker groß. Dort hinten liegt er; ein weites braun-grünes Feld!Brrr!", der Wagen hält. Wir springen ab.

Paul Göggelmann, der Siedler, schreitet sein Feld der Länge nach ab: 248 Schritt. Wir sind 14, je zwei arbeiten zusammen. Also 248 durch sieben er­gibt ein Stück von 35 Schritt Länge für jedes Paar. Am nahen Feldtümpel hat Oskar Weidenzweige ge­holt. Sie werden als Grenzzeichen eingesteckt. Am Feld entlang stchen fünf hohe, vierräderige Karren. Im ersten liegen unsere Kiepen. Der Landhelfer hat unterdessen die Pferde vor den Kartoffelroder

gespannt. , , .

Schon surrt der Kartoffelroder. Die acht hand- förmigen Kratzer reißen die Pflanzen aus dem Boden und schleudern die Kartoffeln zwei bis drei Meter auf die Seite. Wir gehen gebückt hinterher und sammeln di- Kartoffeln in di- Kiepe. Sind st- aefüllt, so leeren wir sie tn den nächst st eh end en Magen aus, und beginnen wiederi bucken, bucken.

bücken!, denn schnell ist die Maschine wieder zurück und 35 Schritt sind eine lange Strecke.

Von den fünf Kameradinnen sind gestern zwei neu ins Lager gekommen, Erna aus Stettin und Inge aus Berlin. Erna hat vor zwei Tagen ihr Wohlfahrtspflegerinnenexamen gemacht. Sie hat bis­her hinter einem Berg von Büchern gesessen, man merkt, daß ihr die Arbeit ungewohnt ist, und wir wollen ihr gerne helfen. Aber lachen müssen wir doch, als sie ein paar braune Lederhandschuhe her­auszieht und sie über die Finger streift. Den ganzen Tag in der Erde wühlen und die schmutzigen Kar­toffeln anfassen, ja, ja, da werden diefeinen Finger" ganz rauh und braungebeizt. Wir, die wir schon fast ein halbes Jahr die Arbeit auf dem Lande mitmachen, achten nicht mehr darauf. Braun und schwielig sind unsere Hände. Wir können Erna nicht bewegen, ihre Handschuhe auszuziehen.

9.30 Uhr; die Arbeit geht weiter. Immer wieder bücken! bücken! Wir frieren nicht, trotz des kühlen Windes. Im Gegenteil, schon nach der ersten Runde haben wir unsere Jacken ausgezogen und arbeiten in unseren ärmellosen blauen Kitteln. Sputen! Sputen! Dicht hinter uns rollt der Roder an, noch einen halben Meter; schnell, schnell!, die letzten Kartoffeln fliegen in die Kiepe. Schon stehen die Pierde hinter uns. Wir atmen auf. Doch halt! Das Stück vor uns lesen Erna und Martha ab. Sie sind noch weit zurück.Komm, Hedi, wir helfen schnell." Erna stöhnt:Wann ist Mittag?" Noch eine halbe Stunde! Verzweifelt schaut sie zu Boden, sie schweigt, arbeitet weiter, langsam, sehr langsam! Endlich ist auch dieses Stück abgetragen. Jetzt heißt es für uns doppelt schnell arbeiten; denn wir müssen für Erna einspringen, das ist selbstverständlich. Sie muß sich erst an die Landarbeit gewöhnen.

Endlich 12 Uhr! Mittag! Die Pferde andere Siedler haben noch mit vier Gespannen ausgeholfen werden vor die hochbeladenen Wagen gespannt. Wir setzen uns oben auf die Kartoffeln. Ein langer Zug rollt heim. In unserer Mittagspause helfen wir noch abladen, und um 13.30 Uhr geht das Sammeln von neuem los. Erna versucht wieder mitzuarbeiten. Ihr Gesicht verrät, wie sauer ihr die Arbeit fällt. Sie soll sich nicht vor den Siedlern und den Landhelfern schämen. Wir vergrößern unser Stück um 15 Schritt. Lilo und Edeltraut, die an der anderen Seite angrenzen, nehmen auch 15 Schritt mehr. Den Rest lesen nun noch Erna und Martha ab. , .

15 Uhr! Arbeitsschluß! Erschöpft ziehen wir heim, aber stolz auf die geleistete Arbeit. Morgen geht es mit frischem Mut und neuer Kraft von neuem hinaus. L*

Schweninger.

Als der später sehr bekannt gewordene Arzt Dr. Schweninger zum ersten Male zu Bismarck gerufen wurde, stellte er unzählige Fragen an die­sen, bis Bismarck die Geduld ausging und er ärgerlich zu wissen verlangte, wann die endlose Fragerei aufhören würde. Schweninger wendete sich zum Gehen, nahm Hut und Mantel und sprach zum Kanzler gewendet:

Wenn Sie behandelt werden wollen, ohne durch Fragen behelligt zu werden, nehmen Sie am besten einen Tierarzt!"

Diese erfrischende Grobheit führte einen Stim­mungsumschwung herbei, und von da an hatte Bismarck ein stets wachsendes Vertrauen zu seinem neuen Arzte.

Als Bismarck eines Tages gefragt wurde, wie er sich die günstige Wirkung der Behandlung Schweningers erklärte, nachdem schon so viele Aerzte vergeblich an ihm herumgedoktert hätten, antwortete er:Schweninger ist der erste Arzt, der mich behandelt hat; die anderen Aerzte wurden alle von mir behandelt."

Zeitschriften

Der Bergsteige r." Herausgegeben vom D. u. Oe. Alpenverein. Verlag F- Bruckmann AG., München. Vierteljährlich 3,30 Mark. Die Zeit­schrift hat mit Beginn des neuen Jahrganges eine Vielseitigkeit erreicht, die beispielhaft ist. Aus dem Oktoberheft, das Aufsätze über schwere Bergfahrten im Kaisergebirge und in den Ammergauer Alpen enthält, ist hervorzuheben Josef Sitlingers Erzäh­lungDer Gang im Dunkel", ein rätselhaftes Er­lebnis, in dem der Verfasser ohne Wissen und Willen Grenzen überschritten hat, welche dem Men­schen gesteckt sind, sowieLetzte Zwiesprache mit dem Berg" von Hermann Hiltbrunner. Don den übrigen Beiträgen seien erwähnt:Hinter den Kulissen der Eistechnik" von H. Tomaschek, eine Erinnerung an die Ersteigung des Montblanc vor 150 Jahren von Will). Lohmüller, die Abhandlung , Wetterleuchten" von Gunther Langes. Den text­lichen Teil des Heftes beschließt Karl Springen- schmid mit einer heiteren BergführergeschichteDer unpraktische Christian". Spitzenleistunaen der Licht- bildkunst sind die KiinstdruckhilderWolkenmeer bei Sonnenaufgang",In der Watzmann-Ostwand , die Montblanc-Bilder und die Höhlenbilder (aus der ßurgrotte). Welch große Ausdrucksmöglichkeiten dem Künstler im Holzschnitt zur Verfügung stehen, zeigt das mehrfarbige Titelbild des HeftesHerbst im Stubai" von E. Lap.