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Aus der Provinzialhaupistadt.

Weinwerbewoche 1936.

Die Polizeidirektion Gießen teilt mit: Aus An­laß der in der Jett vom 19. bis 27. September stattfindenden Wemwerbewoche (Fest der deutschen Traube und des Weins 1936") hat der Herr Reichs- statthalter in Hessen verfügt, daß am Samstag, 19., Sonntag, 20., Samstag, 26., und Sonntag 27. September, Tanzveranstaltungen, die aus An­laß der Weinwerbewoche abgehalten werden und bei denen überwiegend Wein zum Ausschank kommt, gebührenfrei sind. Die Erlaubnisscheine, die in jedem Falle einzuholen sind, werden von der Poli­zeidirektion Gießen ohne Erhebung von Gebühren ausgestellt.

An den gleichen Tagen wird die Polizeistunde allgemein gebührenfrei bis 3.30 Uhr verlängert.

Offenhaltung der Geschäfte am Meffesonntag, dem 27. September.

Die Polizeidirektion Gießen teilt uns mit: Auf Grund der §§ 41a und 105b der Gewerbeordnung in der Fassung der Verordnung vom 5. Februar 1919 wird dem Handelsgewerbe der Stadt Gießen gestattet, am Sonntag, 27. September 1936 (Messe- Sonntag), in der Zeit von 12 bis 18 Uhr die Laden­geschäfte offenzuhalten, sowie Gehilfen, Lehrlinge und Arbeiter zu beschäftigen. Diese Anordnung gilt jedoch nur für den Einzelhandel.

Sonntagsrückfahrkarten zur Herbstmesse und zum Pferdemarkt.

Zu dem vom 20. bis 27. September in Gießen stattfindenden Herbstmarkt (Schau- und Verkaufs­messe) sowie zum Pferdemarkt am Mittwoch, 23. September, werden im Umkreis von 75 Kilometer Sonntagsrückfahrkarten mit folgender Geltungsdauer ausgegeben:

Am 20. September mit tarifmäßiger Geltungs­dauer (Samstag 12 Uhr bis Montag 12 Uhr, spätester Antritt der Rückfahrt).

Am 23. September mit einer Geltungsdauer von 0 bis 24 Uhr (spätester Antritt der Rückfahrt).

Am 26. und 27. September mit einer Geltungs- dauer von 0 bis Montag 12 Uhr (spätester Antritt der Rückfahrt).

Die deutsche Arbeitsfront n.5.=0emcinf(haft .firaft öurd) frcuöc"

Wein-Werbe-Doche.

Anläßlich der Wein-Werbe-Woche veranstaltet am heutigen Samstag die RSG.Kraft durch Freude" Winzerfeste mit Tanz an folgenden Orten: in Allen- dorf a. d. Lda. (Stadthalle), in Göbelnrod (Saal Schultheiß), in Wieseck (Saal Braun), in Lang-Göns (Turnhalle). Beginn jeweils 20 Uhr. Die Bevölke­rung der Orte wird zu reger Teilnahme eingeladen.

Omnibusfahrt nach WiesbadenTaunus.

Am Sonntag, 20. September, findet die Omni­busfahrt in den Taunus statt. Die Abfahrt erfolgt um 8 Uhr amHaus der Arbeit", Schanzenstr. 18.

Fußwanderung.

Am Sonntag, 20. September, findet eine Fuß­wanderung statt. Der Weg geht über Badenburg, Hangelstein, Lollarer Kopf, Staufenberg, Gießen. Treffpunkt 8 Uhr am Oswaldsgarten. Rucksackver­pflegung.

** E i n Achtzigjähriger. Der Rentner Wil­helm Pfeiffer, wohnhaft Liebigstraße 71, wird am kommenden Montag 80 Jahre alt. Herr Pfeif­fer befindet sich körperlich und geistig noch wohlauf.

** D i e Kirch st raße zwischen Sandgasse und Neustadt wird während der Dauer der Herbstmesse vom 20. bis einschließlich 27. September von 11 Uhr bis 22 Uhr täglich für den gesamten Fährverkehr gesperrt.

** D i e Bezirks sparkasse Gießen gibt im heutigen Anzeigenteil die Neuordnung ihrer Kas­senstunden bekannt. Auf die heutige Anzeige sei be­sonders aufmerksam gemacht.

** Sterbefälle in der Stadt Gießen in der Zeit vom 1. bis 15. September: 1.: Mar­garete Henriette Burkhardt, geb. Bartz, 70 Jahre alt, Beethovenstraße 6; Frieda Fischer geb. Weibel, 68 I., Hitlerwall 7; Karl Weidig, Kaufmann, 611., Schiffenberger Weg 2; Konrad Keuscher, Arbeiter, 66 I., Bahnhofstraße 34. 2.: Phil. Jakob Parten-

Kalk in das Gerstenschrot gemengt.

Oer Bericht der Kriminalpo'.izeistelle Gießen meldet: Zwei Äolksschädlinge festgenommen.

Eine größere Sendung Gerstenschrot, von der Mühle in Großen-Linden geliefert, wurde von dem Empfänger beanstandet. Die der Sendung entnom­menen Proben wurden der Lanüwirtschastuchen Versuchsstation Darmstadt zur Untersuchung über­geben, wo festgestellt wurde, daß dem Gerstenschrot 13'/- Prozent kohlensaurer Kalk beigemengt war. Auf die daraufhin bei der Staatsanwaltschaft Gießen erstattete Anzeige wurde die Krinnna - polizeistelle Gießen mit den Ermittlungen beauf­tragt. An Hand der beschlagnahmten Korrespondenz konnte festgestellt werden, daß der Inhaber der Mühle, der 31jährige Erich Berg, im Laufe eines Jahres über 1500 Zentner Schlämmkreide und kohlensauren Kalk, zum größten Teil von jüdischen Firmen bezogen hat, über deren Absatz und Ver­wendung er keinerlei Angaben machen konnte. Berg bestreitet Kalk dem Gerstenschrot beigemengt zu haben. Der Preis der Schlämmkreide bezw. des Kalkes beträgt nur einen Bruchteil des Preises für Gerstenschrot. Der in der Mühle tätige und ver­nommene Müllerbursche gab an, daß der Vater des Besitzers, der 61jährige Richard Berg, die Mischung des Gerstenschrotes mit Kalk zunächst allein vorgenommen hätte. Später habe auch er auf Anordnung des Besitzers diese Mischungen vor­genommen. Die beiden Berg stellen jegliche Be­schuldigung in Abrede; Erich Berg versucht sogar

die Schuld auf die Müllerburschen abzuwälzen. Bei der beschlagnahmten Korrespondenz wurden auch Schriftstücke gesichert, aus denen hervorgeht, daß Berg schon im vergangenen Jahre Gersten­schrot geliefert hat, bei dem bis zu 25 Prozent Kalkzusatz festgestellt wurde. Die Gründe, warum damals keine Strafanzeigen erstattet wurden, sind bis jetzt nicht bekannt. Der Inhaber der Mühle Erich Berg und dessen Vater Richard Berg wurden wegen Betrugs und Futtermittelfälschung dem Amtsgericht zugeführt und unter Haftbefehl gestellt.

Jugendliche Brandstifterin ermittelt.

Am 16. September brach in der Scheune des Landwirts Wilhelm Schmidt in Bellersheim em Brand aus. Den Flammen fielen die Scheune mit Nebengebäuden, sowie die gesamte Ernte, land­wirtschaftliche Maschinen und Geräte zum Opfer. Die Kriminalpolizeistelle Gießen stellte am 17. September an der Brandstelle eingehende Ermitt­lungen an. Als Täterin konnte die 16jährige P. H. aus Lich, die bei den Brandgeschädigten als land­wirtschaftliche Hilfe tätig war, überführt werden. Sie gab nach anfänglichem Leugnen die Tat zu und will aus Rache, da'man ihr mit Fürsorgemaßnah­men gedroht habe, den Brand in der Scheune un­ter dem Scheunendach angelegt haben. Die jugend­liche Täterin wurde dem Jugendrichter zugeführt.

draune Neffe - Deutsche Woche in Vorbereitung

Ein Ziergarten an der Volkshalle.

Die Braune Messe Deutsche Woche, die in der Zeit vom 25. September bis 4. Oktober in Gießen stattfindet, wird gegenwärtig mit großem Eifer vorbereitet. Sie wird, wie sich nach dem Meldeergebnis der Aussteller schätzen läßt, eine Ver­anstaltung sein, die über die lokale Bedeutung hin­ausgeht, denn es haben Firmen ihre Beteiligung zugesagt, die in unserem Vaterlande besten Ruf haben. Im übrigen läßt sich heute mitteilen, daß alle verfügbaren Ausstellungsräume schon seit ge­raumer Zeit vergeben sind.

Gegenwärtig herrscht in der Volkshalle ein eifri- aes Gehämmer, denn aus kräftigen Latten ent­stehen Kojen, die in einheitlicher Weise mit dem Dekorationsstoff bespannt werden. Die Aussteller finden bereits vorbereitete Räume vor, die sie nach eigenen Plänen und entsprechend der Branchen ausgestalten können.

Eine interessante Arbeit ist auf dem Platz unmit­telbar vor dem Seiteneingang der Volkshalle im Gange, der zu einem kleinen Teil als Ausstellungs­gelände einbezogen wird. Dort entstand in den letzten Tagen ein Gartenhäuschen und ein Garten,

der nach den Entwürfen eines hiesigen Garten­architekten gestaltet sehr reizvoll zu werden ver­spricht. Auf dem kargen Sandboden des Triebs war eine Schicht guten Mutterbodens aufgebracht worden. Rasenflächen wurden angesät, die bis zum Beginn der Ausstellung in zartem Grün prangen sollen. Die Rasenflächen werden belebt durch Plat­tenwege und durch zwei schöne, sauber mit Plätt­chen ausgemauerte Wasserbecken, die als Anregungs­beispiele für die Ausgestaltung eigener Gärten an­zusehen sind. In diese Wasserbecken sind gleichzeitig mehrere Springbrunnenrohre eingebaut, die in einem reizvollen Wasserspiegel sprühen werden. Die ganze Anlage wird ferner durch junge Baum­bestände umrahmt und belebt.

Die Volkshalle selbst erfährt durch den Anbau zweier seitlicher Terrassen eine architektonische Be­reicherung, die in den letzten Tagen ebenfalls weit vorgeschritten ist. Viele Hände sind hier am Werke, um auch durch die Fertigstellung dieser Terrassen zum Gelingen der großen Veranstaltung beizu­tragen.

Heimer, 38 I., Bahnhossttaße 50. 5.: Johannes Pfeil, Eisenbahnassistent, 79 Jahre, Horst-Wessel- Wall 42; Katharine Wasmuth geb. Weber, 83 I., Liebigstraße 14. Margarete Timpe geb. Köper, 34 I., Wartweg 96; Karl Steller, Schreinermeister, 84 I., Schillerstraße 9. 9.: Meta Werner geb. Puder, 38 I., Friedensstraße 49. 11: Margarete Marie Lina Nienhaus geb. Lehrmund, 311., Schloß­gasse 9. 12.: Dr. Hermann Alfred Hirt, Univ.- Professor i. R., 71 I., Löberstraße 23. 14.: Ludwig Mohr, Reichsbahn-Betriebsassistent, 50 I., Mühl­straße 8. 15.: Elise Mosbach geb. Enders, 71 I-, Steinstraße 85.

** Die Vereinigung des ehemaligen L. I. R. 116 zu Gießen veranstaltete, wie man uns berichtet, in diesen Tagen einen Kameradschafts­abend, der insbesondere dem Gedächtnis der 1914 in der Marneschlacht bei Vitry le Francois bei der Feuertaufe des Regiments gefallenen Kameraden gewidmet war. Der Führer der Vereinigung, Ka­merad B o p f, gedachte in einer kernigen An­sprache der ruhmreichen Taten des Regiments, das alle feine Stellungen an der Westfront tapfer ver­teidigte. Mehrmals wurde das Regiment infolge seiner Ruhmestaten im Heeresbericht erwähnt. Be­sonders wurde von einigen Kameraden auch wieder erwähnt, wie das ehemalige Regiment sich tapfer auch in den letzten Tagen des großen Krieges ge­schlagen hat. Landwehrkompanien von einer Ge­

fechtsstärke von 25 bis 40 Mann hielten mehrere Tage einige stark ausgerüstete französische Divisio­nen völlig in Schach. Zu Ehren der Gefallenen wurde am Ehrenmal des Regiments ein Kranz niedergelegt.

Gondergencht in Gießen.

Wegen Vergehens gegen § 2 des Heimtücken- aesetzes wurde der aus Wiesbaden stammende Otto B ä r zu einer Gefängnis st rase von neun Monaten verurteilt. Der Angeklagte hatte un­wahre Behauptungen über führende Persönlich­keiten des Dritten Reiches aufgestellt und weiter­verbreitet. Da er hartnäckig leugnete, sah das Ge­richt von der Anrechnung der Untersuchungshaft bei dem Angeklagten ab.

Wegen Gefährdung des Staates und der Partei hatte sich der in Burg-Solms wohnhafte, aus der Untersuchungshaft vorgeführte Erwin Sarstedt zu verantworten. Trotz wiederholter Verwarnungen ließ der Angeklagte von seinem Tun und Treiben nicht ab, weshalb ihm durch Auferlegung einer Gefängnis st rafe von einem Jahre, unter Anrechnung der Untersuchungshaft mit sechs Wochen, einmal klar gemacht werden mußte, daß er auf dem von ihm beschrittenen Weg nicht roeiter? kommt.

Oberhessen.

Landkreis Gietzen.

£ Wieseck, 19. Sept. Unser Mitbürger Phll. Kimmel wird am 22. September 88 Jahre alt. Er war lange Jahre als Werkmeister bei der Zi­garrenkistenfabrik Andreas Euler tätig und erfreute sich bei seinen Mitarbeitern größter Wertschätzung. Kimmel, körperlich und geistig sehr rege, ist der älteste männliche Einwohner von Wieseck.

£ i e f e tf , 19. September. Wie wir bereits vor einigen Tagen berichteten, findet heute von 21 bis 22 Uhr eine Verdunkelungsübung, veran­laßt durch die Polizei im Zusammenwirken mit dem Reichslustschutzbund statt.

"X Watzenborn-Steinberg, 19. Sept. Am morgigen Sonntag, 20. September, begeht Mül­lermeister Johannes Philipp XII. in bester kör­perlicher und geistiger Frische seinen 81. Geburtstag. Seine Ehefrau konnte im Juni d. I. auf vollendete 80 Lebensjahre zurückblicken. Als eifriger Leser seiner Heimatzeitung, des Gießener Anzeigers, nimmt er regen Anteil an allen Geschehnissen.

/ Lich, 18. Sept. Für Dienstag, 22. Sep­tember, von 20 bis 21 Uhr wurde die erste D e r dunkelungsübung in unserer Stadt ange- setzt. In einer Anordnung der Bürgermeisterei wird die Bevölkerung aufgefordert, alle Maßnah­men zu treffen, damit die Hebung in jeder Weise erfolgreich und zufriedenstellend verläuft.

= Lich, 18. Sept. Am gestrigen Tag konnten die Eheleute Jak. Christian L e d e r m a n n und Marie Christine, geb. Fink, das Fest der Silbernen Hochzeit begehen. D-as gleiche Fest werden am Montag, 21. September, Dentist Karl Ludwig Insel und Ehefrau Anna Margarete, geborene Stengler, feiern.

* Grünberg, 19. Sept. Gestern früh ereignete sich in der Nähe des Schwimmbades ein Der- kehrsunfall. Ein Kraftwagen aus Gießen wurde von einem Fuhrwerk angefahren, das unvermutet und rasch aus einem Seitenweg auf die Hauptstraße einbog. Durch den Anprall zerbrachen einige Fensterscheiben. Glücklicherweise wurde niemand von den Insassen ver­letzt. Der Kraftwagen konnte seine Fahrt fort« setzen.

Preußen.

Kreis IDettlar.

(V Krofdorf-Gleiberg, 19. Sept. Am 1. Oktober tritt Konrektor W. H. Drescher von unserer Schule in den Ruhestand. Damit scheidet ein Schulmann aus dem Dienst, der mit großem pädagogischem Geschick seine besten Kräfte der Ju­gend in den Orten Hochelheim und Krof­dorf-Gleiberg gewidmet hat. Aus Atzbach stammend, besuchte Konrektor Drescher das Lehrer- Seminar in Neuwied, amtierte ein Jahr in Daa­den (Westerwald), von wo es ihn bald wieder in den Heimatkreis zog. In Hochelheim verwurzelte er in etwa drei Jahrzehnte langer Tätigkeit aufs beste mit feiner Gemeinde, was heute noch in treuer Anhänglichkeit der dortigen Bewohner an ihrem ehemaligen Lehrer zum Ausdruck kommt. Der Kreis der Kulturaufgaben des verdienstvollen Ju­gendbildners ging bei dem geistig und körperlich stets frischen Manne weit über die eigentliche Unter­richtstätigkeit hinaus. Die Bekleidung verschiedener Ehrenämter waren das Ergebnis seines lauteren, biederen, zuverlässigen und allzeit verträglichen Cha­rakters. Ein besonderes Verdienst erwarb er sich als Dirigent des Gesangvereins, den er bei Wett­kämpfen von Erfolg zu Erfolg führte. Nur schwer trennte er sich von Hochelheim, als er im Jahre 1929 dem ehrenvollen Rufe als Konrektor nach Krofdorf- Gleiberg folgte. Auch in feinem neuen Wirkungs­ort zeigte er die gleiche Treue, Liebe zur Arbeit, eisernes Pflichtgefühl, unverrückbaren Sinn für Ver­antwortung und harmonische Zusammenarbeit mit seinen Kollegen. Trotz einer schweren Kriegs-Ver­wundung, die er als Leutnant der Landwehr 1917 in Flandern erhielt und die ihm zuweilen viel zu schaffen machte, hat er bis auf den heutigen Schul­tag vor den Herbstferien als nimmer rastender Beamter zur Zufriedenheit seiner vorgesetzten Be­hörde und der Bevölkerung seinen Dienst erledigt. Die besten Wünsche der Gemeinden Hochelheim und Krofdorf-Gleiberg für den Ruhestand begleiten ihn.

* Hörnsheim, 17. Sept. Wegen starken Auftretens der Masern unter den Schulkindern wurde heute die hiesige Schule bis auf wei­teres geschlossen. Die Krankheit hat auch bereits eine Anzahl Erwachsene ergriffen, jedoch bleibt sie bis jetzt in allen Teilen gutartig.

MUllMMM

Vornan von Ilse Schuster.

Copyright 1936 by Aufwärts - Verlag G. m. b. H., Berlin SW 68

2 Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Nur von zweien, von der dicken Hed und Tru­del Windisch. Aber das sind auch wieder lange Geschichten für sich, die ich dir später mal erzähle. Ich bringe dich bis zur U-Bahn, mir tut eine Nase voll frischer Luft auch ganz gut."

Sie zieht sich ein Mützchen über den Kopf, greift nach den Schlüsseln, die an einem Nagel neben der Tür hängen, und dann gehen die beiden Mädchen durch die fast nachtdunkle Straße zum Wittenberg­platz. Sie reden nicht mehr viel miteinander, jede denkt über das Schicksal der Anderen nach, bei Hanna Brandes ist es fast ein leises Neidgefühl auf die robustere seelische Beschaffenheit ihrer Be­gleiterin, und Liesel Gottschalk überfallen langsam die Ueberlegungen. Sie hat nicht viel im Kleider- schrank hängen, sicher paßte sie mit ihrer bescheide­nen Sonntagskluft recht wenig in die Villa in der Binger Straße. Aber hingehen wollte sie auf alle Fälle, es würde eine so herrliche Abwechslung sein und das Selbstbewußtsein wieder ein bißchen he­ben, das einen manchmal bei einem halben Liter Milch und einem Achtel Käse verlassen 'mnte. Vor der U.-Bahn verabschieden sie sich, und Hanna Brandes fährt sehr nachdenklich nach Hause.

Als sie das Haus betritt, fällt ihr erster Blick auf die kleine Glasplatte unter dem Spiegel. Die Handschuhe sind fort . . . Aufatmend steigt sie ein Stockwerk höher in ihr Zimmer.

2. Kapitel.

Die Handschuhe sind fort, aber Dr. Brandel's Hut und Mantel auch. Sie hängen neben dem leichten Abendmantel Melanie Morholts in der Garderobe eines Dachgartens in der Stadt. Bran­des hatte Lust auf einen eisgekühlten Drink ge­habt, vielleicht auch auf einen Tanz und nette Musik.

Nun sitzen sie sich an dem kleinen Tisch in Korb- stühlen gegenüber, haben Sektgläser vor sich stehen und sehen von dem hohen luftigen Dach auf die

Stadt, in der sie leben, arbeiten und ihr Glück suchen. Ein fahler Nachthimmel steht über ihnen, die Sterne flimmern nur matt, denn das Lichtge- funkel der Stadt hat aufdringlichere Strahlen. Sie haben noch nicht miteinander getanzt, unwillkür­lich hat ihr Gespräch eine Wendung bekommen, die der Stimmung des Ortes wenig entspricht.

Was hindert dich daran, endlich meine Fräu zu werden, Melanie?" fängt der Mann wieder an und siebt ihr forschend in das halb abgewandte Gesicht. Wir kennen einander seit fast zwei Jahren. Du kommst mit deinen Sorgen zu mir, und ich mit den meinen zu dir. Was wir an Freuden erleben, tei­len wir auch, sei es nun dein Erfolg an der Oper, oder die Tatsache, daß ich anfange, ein gesuchter Mann zu werden. Ich wüßte wirklich nicht"

Wirklich nicht, Herbert?" Die Sängerin sieht den Mann noch immer nicht an, sie hat die Hände, an denen nur ein einziger, sehr alter Ring glänzt, gefaltet und das Kinn darauf gestützt. Sie merkt nicht, daß sie verstohlen aus dem Publikum beob­achtet wird, sie hat ihre Gedanken ganz wo anders. Dann muß ich es dir sagen. Der Grund, dich nicht zu heiraten, ist deine Tochter."

Hanna?" Brandes ist verblüfft.

Sie liebt mich nicht."

Minutenlang gibt Brandes keine Antwort, an feine Tochter hat er in diesem Zusammen' ma, das wird ihm jetzt klar, noch gar nicht gedacht. Aber je mehr er das jetzt tut, um fo leichter wird ihm. Er lächelt.

Hanna ist doch kein kleines ftinb mehr, Melanie. Sie weiß, daß ich ihre Mutter geliebt und vermißt habe, sie weiß aber auch, daß ich dieses Leben der absoluten Arbeit nicht auf die Dauer ertragen Eann. Auerdem würde ich mir von ihr doch keine Vor­schriften machen lassen."

Du nicht. Aber ich fühle mich bedrückt, weil ich sie verstehen kann. Wir haben nur wenig mit ein­ander gesprochen, aber es hat mir zur Genüge ihre Einstellung gezeigt; sie hält mich für einen unwill­kommenen Eindringling. Vielleicht wäre es ein­facher, wenn ich nicht gerade Künstlerin wäre."

Du sagst, sie liebt dich nicht, Melanie. Es wuß ja auch nicht gleich Liebe sein, es genügt doch Sympathie, Achtung und gegenseitiger guter Wille," sagt Herbert Brandes kurz; er ist Widerstand wenig gewöhnt, und da, wo er sich zeigt, bricht er ihn.

Ich bin nur ächt Jahre älter als Hanna es ist ein Unding, die Frau ihres Vaters zu werden. Und nun wollen wir wirklich nicht mehr davon sprechen, Herbert, meine Gefühle zu dir sind und bleiben die gleichen willst du mich heimbringen, ich muß morgen fingen und möchte gut geschlafen haben, und das ist ein Thema, das mich ja schließ­lich bis in den Schlaf hinein beschäftigen kann."

Melanie Morholt steht auf und geht, während Brandes zahlt, langsam zur Garderobe. Diele sehen der schlanken, graziösen Frau nach und wechseln Blicke, als Dr. Brandes vorbeigeht.

Vor dem Hotel reißt ein Boy den Wagenschlag auf, und dann fahren sie in Richtung Halensee da­von. Der Abschied vor der Haustür ist nur kurz, sie lieben es nicht, sich neugierigen Blicken lange zu zeigen.

Schlaf gut, Melanie." Er küßt ihr die Hand. Wenn ich kann, bin ich morgen in der Oper, es ist ja dein letztes Auftreten vor den Ferien. Und, Melanie denk noch einmal nach, weise es nicht einfach so von der Hand, ich kann den Grund nicht akzeptieren und ich finde den Zustand uner­träglich."

Gute Nacht, Herbert," nickt ihm die Frau lächeln zu und verschwindet hinter den mächtigen Glasfenstern der Tür.

Aber Herbert Brandes hat keine gute Nacht, un­ausgesetzt drehen sich die Gedanken um die Frau, die er liebt, und die er ganz für sich haben möchte. Er liebt sie anders als Hannas Mutter, die ein sehr sanfter, sich stets unterordnender Mensch war, er liebt die Kämpfernatur der Sängerin, die sich zäh und verbissen aus der brodelnden Masse der Allgemeinheit hinaufgearbeitet hat, daß man sie nun sieht und beachtet. Er liebt ihre bewegliche Geistigkeit, selbst ihre kleinen Launen, er liebt den Aauch zarter Sinnlichkeit, der von ihrer dunklen Stimme ausgeht, und die knisternde Atmosphäre, die sie überall da verbreitet, wo sie auftaucht.

Hanna. Warum in aller Welt sollen sich die bei­den Frauen nicht verstehen! Das Mädchen liebt die Musik mcht weniger als es die Sängerin tut, sie hat selbst eine fast geschulte Alt-Stimme und spielt Klavier, daß er schon oft erstaunt in seinem Ar­beitszimmer gelauscht hat, woher sie die hochkünst­lerische Auffassung nimmt, denn er selber hat nicht viel Zeit, sich um die Kunst zu kümmern Aus­nahmen bilden seine Opernbejuche.

Der Anwalt erhebt sich an dem strahlenden Juli­morgen reichlich müde und zerschlagen. Als er ins Gartenzimmer kommt, ist das Gedeck seiner Tochter schon weggeräumt, und auf seine Frage sagt ihm das Hausmädchen, daß das Fräulein Tennis spie­len gegangen sei. Brandes ist erstaunt, denn es ge­hört zu den Seltenheiten, daß er allein frühstückt. Sein Unmut vertieft sich. Er war gerade in der Verfassung, einmal ein offenes Wort mit seiner Tochter zu sprechen und gerade das Thema vor­zubringen, das ihm am meisten am Herzen liegt: seine Ehe mit Melanie Morholt.

Er steht auf und sieht in das Blühen des Gar­tens, aber von aller Frühlingsherrlichkeit erfaßt er nichts, er hat auf einmal das Gefühl lähmender Einsamkeit und das Verlangen nach einem Men­schen, mit dem er ein ernsthaftes Wort reden kann, ein Männerwort. Mit einem unterdrückten Seufzer geht er in sein Zimmer. Auch das ist jetzt von Sonne erhellt, sie glitzert auf den farbigen Steinen des Kamins, der von hohen italienischen, schönen Renaissancestühlen flankiert ist, auch die ausdrucks­vollen Farben des schweren Teppichs leuchten kräf­tiger. Auch hier sind die Vorhänge weit aufgezo­gen, auf dem schlichten Renaissance-Schreibtisch steht ein hellgrünes Blattgewächs, liegen Zeitungen und Akten, in denen Dr. Brandes zerstreut lieft.

Ich habe Paul lange nicht gesehen, ich könnte denkt er, und schon will seine Hand zum Ap­parat greifen, als es klopft.

Morgen, Herbert! Wenn ich sehr störe, wirf mich postwendend raus! Ich bin im Vorbeigehen!" Paul!" Wie befreit lacht Brandes auf.Stell dir vor, ich habe eben bei dir anläuten wollen, ob du noch lebst. Komm, fetzt dich, ich lasse gleich einen guten Tropfen anfahren. Bordeaux, Bur­gunder? Was willst du?"

Bordeaux ist etwas für alte Leute, Burgunder trinke ich am liebsten nur mit einer Frau zu­sammen"

Dann sollst du mein lang gehütetes Geheimnis kennen lernen, Paul!", lachte der Anwalt.Ich habe eine große Liebe, die ich eifersüchtig hüte, und das ist ein fast vierzehnjähriger Ruwer-Wein, ein Maxim - Grünhäuser ° Herrenberg, von dem einmal ein Kenner behauptet hat, er fei ein Goethe'sches Jugendgedicht im Alter genossen und hier, Zigaretten oder Zigarre?"

(Fortsetzung folgt.)