Wandern und Reisen • Bäder und Sommerfrischen.
Zwischen Bodensee und Schwarzwald.
Von Wilhelm von Scholz.
In den alten romantischen Landschaftsschilderun- gen, die den Bodensee in den Kreis ihrer Betrachtung aufnehmen, ist es fast immer der Zug von Norden nach Süden, der den Fuß und das Auge des Wanderers führt. Es ist die ureingeborene deutsche Sehnsuchtsrichtung, die aus geschichtlichen, künstlerischen oder nur landschaftlichen Träumen entsprungen ist, in der fern ein unbestimmtes Italien dämmert; der aber auch das Alpenland mit seiner Großartigkeit und seinem neuen Charakter, namentlich am halbitalienischen Südhang, oft schon tiefe Erfüllung bietet, so daß die Sehnsucht dort in Verweilen mündet.
Der Bodensee, zu Füßen des Alpenwalls hingelagert, ist das erste große, zugleich das größte Ereignis auf dem Wege dieser 'Sehnsucht: die schimmernde Spiegelfläche, die das Bergland abrückt und zur Kette zusammenfaßt — mit Gipfeln und den wichtigeren Wegeinschnitten nach dem ersehnten Süden, dem sich breit öffnenden Rheintal vor allem; die gewaltige Wasserebene, gegen die das Gebirge vor dem Blick und mehr noch vor dem Gedanken die ganze Großartigkeit seines Wesens dartut: das senkrechte Ragen, das Felssein, das Tragen ewigen Schnees hinauf in einen von hochdrängender Erdkraft zackig zerrissenen Horizont.
So haben sich die alten Wanderer — dieses Ge- K, das Gott stets den lebendigsten Dank für eschenk der Erde spendet — nicht genug tun können, in immer neuer Entzückung den überraschenden Blick von Norden auf den See zu schildern. Ob sie aus dem bayerischen Allgäu herabsteigen auf Lindau zu oder im Württembergischen die inmitten ihrer düsteren Forste sich erhebende Waldburg zu erklimmen, um den weiten Blick auf See und Alpen zu gewinnen, oder im Badischen vom Schloß Heiligenberg ausschauen: in dem, was sich vor ihnen breitet, ist immer wieder die erste herrliche Erfüllung ihrer Sehnsucht. Aber es ist eine Erfüllung als Bild, in der die Sehnsucht nicht auslöscht, sondern fühlt, sie muß weiterwandern und auf dies selige erste Davorstehen verzichten, um durch Einzelheiten: Tal, Ufer, Gipfel, Schluchten und Pässe die Zielzusammenfassung dereinst nur im Geiste so schön schaffen zu können, wie sie hier vor dem körperlichen Auge sich aufstellt.
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Wir wollen vom Bodensee ausgehen und nordwärts reisen. So verweilen wir ohne Fernsicht zu Füßen des Heiligenberges im Salemer Tal und versenken uns in die Marmor- und Alabasterbildhauereien des bayerischen Rokokomeisters Johann Georg Dürr: Figuren, Altäre, Vasen mit reichen Reliefs, zierliche Prunkgeländer, ein vielschichtiges Werk durchaus über' dem Durchschnitt. 1779 ist dieser echte Künstler hier gestorben. Er muß jung die Welt gesehen haben, auf seinen Wanderungen wahrscheilich auch nach Italien gekommen sein. Dem Siebenunddreißigjährigen wird der ehrenvolle Auftrag, für den Salemer' Abt die Kirche zu schmücken. Er ist durch diese Aufgabe auf lange hinaus wirtschaftlich sichergestellt — und zog gewiß frohen Mutes in das stille hügelumstandene Wiesental. Aber ob er gedacht hat, hier zu enden? Nie wieder an einen der künstlerischen Mittelpunkte der Zeit zu kommen? Im dörflichen Frieden zu leben und zu sterben, er, ein Mann, der Pracht in sich trug, der an einem Würzburger oder Mainzer Hof hätte glänzen können? „In dem schönen Münster zu Salmansweil — „Salem" ist eine ver- biblischte Form der alten deutschen Ortsbezeichnung — hat er seinen Namen der Unsterblichkeit eingegraben." So rühmt mit Recht Dürrs Grabstein.
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Schloß Heiligenberg, das hell auf der höchsten Schneide seines nördlichen Bergzuges ins Land glänzt, lassen wir heute rechts liegen. Es ist Vormittag, wo die Alpenferne sicher schon in Sonnendunst schimmert und verschwimmt. Wir steuern den Wagen südlich in die Wälder. Durch ihre Hallen, dann an Aeckern und Wiesen vorbei, die zwischen Salem und Ueberlingen sich breiten, wollen wir den Zugang zum Hegau gewinnen.
Die einstige Reichsstadt Ueberlingen mit ihren Gräben, Türmen, Verschanzungen, Rathaus und Kirchen hat achtunggebietend die Fahrt des Wagens verlangsamt und dadurch sich vor unserem Gefühl beharrender, größer, wichtiger gemacht, als das rasch zurückgleitende freie, Land, das schon wieder in die Vergangenheit zu fliegen beginnt: steile Sandsteinfelsen, Waldberge neben der Straße und drüben üher dem Seearm, der schnell in eine Bucht von Ried einmündet, ehe wir an der Ach- quelle — die das Wiederhervortreten versickerten Donauwassers ist — vorüber das Hügelstädtchen Engen erreichen — verlassen, um die Hegauhöhe etwa in der Gegend von Neuhöwen zu gewinnen und zurückzuschauen.
Dort ist eine Bildperspektive, wie sie dem fliegenden Menschen längst ein Gewohntes geworden sein wird, die mir aber, wenn man sie auf dem Festen erreicht, als der romantischste, weil weltanschaulichste urtb sinnbildlichste Anblick deutschen Landes erscheint: alles, Höhen mit ihren Schlössern, Städte und Kirchtürme, auf dem Unter- und Hintergründe des Wälder und Felder tragenden Bodens zu sehen — unter* dem sich darüber wölbenden Himmel, der auf fernem Horizont seine blaue Kuppel aufsetzt, doch nichts gegen den Himmel, der auf fernem Porizont seine blauessssistß mel! Da wird Nähe und Weite zum gewaltigen Jnnenraum von Erde und Welt.
Wie stehen alle diese Vulkankegel, die um ihrer bescheidenen Nähe willen Hohentwiel, Ho- henhöwen, Hohen st offeln heißen — bedeutsame Rittersitze alle und der Hohentwiel nach Hadwigs Zeit wichtigste Festung — gegen Wälder, Aecker, Wiesen, Netz weißer Straßen, See; ganz anders in ihrer Zugehörigkeit zum Lande, als wenn sie in Blau und Wolken ragen dürften!
Der Hegau ist nicht, wie man zunächst glauben möchte, ein Ausläufer des Schwarzwaldes, sondern ein selbständiges vulkanisches Gebirge, das sich in frühen Erdzeitaltern hier gebildet und der flachen Abdachung vorgelagert hat, die auf der Südostseite die Schwarzwaldhöhe gegen den Westauslauf der bayerisch-schwäbischen Hochebene ausgleicht: die sogenannte Bar. Wir fahren sie vom Abschluß des Hegaus in ihrer sehr allmählichen Steigung bergan,
Donaueschingen zu; so wie auch die Bahn zieht, die aus der sanft sich hebenden Ebene hinter Dillingen plötzlich an deren Rand hervortretend hoch über den Schwarzwaldtälern hinrollt, deren Hauptrichtung nach Westen weist.
Donaueschingen ist Ziel und Abschluß der heutigen Fahrt. In schön gerundetem Becken ist dort die Donauquelle gefaßt. Aber in Wirklichkeit fließt der majestätischste Strom hier aus Breg und Bri- gach zusammen und nimmt seine Quelle, weil sie nun einmal mit ihrem Ursprung in fürstlichem Park das Vorrecht dieses Namens hat, höflich auch noch in sich auf und mit auf dem weiten Wege zum Schwarzen Meer.
Bis 1908 waren sonst nur Schloßpark und Schloß in Donaueschingen sehenswert. Der große Brand jenes Jahres aber machte in dem freundlichen Landort den gleizeitigen Neubau eines ganzen Stadtviertels nötig. Eine ansteigende Straße war vor allem betroffen und ist jetzt bemerkenswert. Die kaum unterschiedene Höhe der Gebäude, die alle kahlen überragenden Brandmauern vermeidet, die mit zahlreichen Ueberschneidungen romantisch gegliederte Dächerreihe, die Stilähnlichkeit der Hau-
serzüge wirken zunächst rein erfreulich und zeigen, welcher Steigerung selbst ein gewiß bescheidenes Baubild durch einheitliche Behandlung ganzer zusammenhängender Bautengruppen fähig ist.
Dann freilich kommt dem Beschauer zu Bewußtsein, daß er mit diesen Giebeln, hohen Dächern, blumenbestellten Vorbauten, diesen Freitreppen, einspringenden Ecken, offenen Fluren eigentlich doch nur eine neue, wenn auch hübsche Dekoration zum dritten Akt der „Deutschen Kleinstädter" vor sich hat: neue „gute alte Zeit"! Er fühlt mit Bedauern das künstliche Zurückgreisen auf den Geschmack vergangener Tage, in denen das äußere Leben enger und dürftiger war; in denen es dafür aber auch innere Ruhe, Sammlung, Stille als allgemeine Güter befaß.
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Etwa von Donaueschingen ab beginnt der Schwarzwald — in dem es nördlich Tri- berg und Offenburg zu, südlich durchs H öl- len t a l in Richtung auf Freiburg hineingeht — der Landschaft sein Herrschaftszeichen aufzuprägen, wie noch bis über den Hegau hinweg der Bodensee mit der Krone von Fels- und Eisgipfeln ihr König war.
Wanderfahrten.
Gießen — krofdorfer Forst — Dünsberg — Fellingshausen — Vetzberg — Rodheim.
Wir wandern nach unferm Nachbarorte Krofdorf. Hier beginnt an der Hauptstraße die gelbe Strichmarkierung, die uns zunächst gemeinsam mit roten Strichen aufwärts zum Walde bringt, an dessen Rande sich ein hübscher Rückblick bietet. Die roten Striche wenden sich hier links, während wir geradeaus in den Wald gehen. Auf wenig begangenen stillen Wegen, viele Windungen machend, führt uns das Zeichen schließlich, die Frankenbacher Straße überschreitend, an den Fuß des Dünsberges und in bequemem Aufstieg zum Gipfel des Berges. (Sonntags sind oben Erfrischungen zu haben.) Nachdem wir von der Plattform des Turmes die herrliche Rundschau genossen haben, gehen wir ein kurzes Stück den vorher begangenen Weg zurück und folgen jetzt roten Strichen, die uns alsbald hinab nach dem anmutig gelegenen Fellingshausen leiten. Hier verlassen wir das Zeichen, steigen jenseits des Dorfes wieder in die Höhe, durchschreiten das Vetzberger Wäldchen und gelangen auf Feldwegen nach Vetzberg. (Reizende Blicke am Ein- und Ausgang des Wäldchens.) Ueberaus lohnend wegen der hübschen Fernsicht ist die Besteigung der Burgruine, deren Turm geöffnet ist. In wenigen Minuten erreichen wir Rodheim, von wo wir heim
fahren. Wanderzeit fünf Stunden, bei Benutzung des Postautos nach Krofdorf eine Stunde weniger. Reiskirchen — Londorf — Allendorf — Climbach —
Grohen-Bufeck.
Von unserem Ausgangspunkt Reiskirchen führt uns ein breiter Feldweg hinauf nach Bersrod, wo mir die von Gießen kommende blaue Punktmarkierung antreffen. Diesem Zeichen nachgehend kommen wir alsbald in den Wald und stoßen nach einiger Zeit auf rote Dreiecke, die nunmehr bis Londorf unsere Führungszeichen bilden. Beim Austritt aus dem Wald erschließt sich uns ein weiter Blick über die Landschaft. Wir gehen nun zumeist durch freie Gegend über Allertshausen hinab nach dem lieblich im Lumdatal gelegenen Londorf, dem Hauptort der Rabenau. Das Tal abwärts gehend erreichen wir alsbald das Städtchen Allendorf. Don hier steigen wir auf guter Straße hinauf nach dem hochgelegenen Climbach, unterwegs prachtvolle Rückblicke ins Lumdatal, auf Winnen, Nordeck und die umliegenden Höhen genießend. Von Climbach folgen wir roten Punkten, die uns über die Treiser Heide, einer aussichtsreichen Höhe und hierauf durch viel Wald über den Hohe Berg nach unserem Endziel Großen - Buseck bringen. Marschzeit fünf Stunden.
Mrkische Campagna.
Bilder aus dem Havelland.
Es wird keinem einfallen zu behaupten, daß die Umgebung Berlins häßlich ober eintönig fei. Die Schönheit ihrer Kiefernwälder und ihres weitgebreiteten Seengebietes, die der früheren Generation erst durch den Pinsel eines Leiftikow und anderer Künstler nahegebracht werden mußte, ist uns längst aufgegangen und selbstverständlich geworden. Als mir aber eines Tages ein alter Märker — ansässig in der flachen waldlosen Gegend hinter Brandenburg — ganz ernsthaft erklärte, seine Heimat erinnere ihn an die römische Campagna, machte ich doch sehr erstaunte Augen. Ich sagte nichts dagegen, denn man soll ja die Illusionen anderer nicht zerstören, ich lächelte nur ein wenig und dachte im stillen, daß es uns wohl mit der Heimat ebenso ginge wie einer Mutter mit einem häßlichen Kino, sie sieht es mit anderen Augen an, findet Schönheiten bei ihm, die wir nicht erkennen, und ist über eine abfällige Bemerkung auf das schwerste gekränkt. Ich wechselte daher das Gesprächsthema und vergaß später die Bemerkung des alten Herrn vollständig.
In diesem Sommer — viele Jahre später — fügte es sich, daß ich Gast in einem Landhaus war, das in dieser Gegend nicht unweit der Havel lag. Ein gerader Weg führte zwischen Wiesen an einem Kanal entlang, dem Fluß zu. Niederes Gebüsch verbarg den an dieser Stelle recht breiten Wasserlauf, man ahnte ihn nur an den vorübergleitenden Segeln oder Dampferschornsteinen. Am jenseitigen Ufer erhob sich eine bescheidene leichtgeschwungene Hügellinie, die die stolze Bezeichnung „Görzscher Berg" führte. Sonst war wohin ich sah, um mich her nur ein vollkommen flaches, waldloses Gebiet. Eine Pappelreihe stand auf einem Damm, endlose mit Obstbäumen bepflanzte Chausseen führten rechts und links in die Ferne. In der Nähe der Havel war das moorige Land durch den Arbeitsdienst zum Teil urbar gemacht und in fruchtbaren Acker verwandelt worden, der zum erstenmal trug — Neuland! Weit in das Land hinein breiteten sich
Kuckuck. Als letzter Sänger stieg die Lerche über den Wiesen in den Abendhimmel, Rehbock und Rieke traten aus dem niedrigen Gebüsch vor der Havel in das Freie hinaus, der Fuchs, der schlaue, schlich auf einem Jagdzug über die Wiesen. Ich beobachtete Reiher, die anmutig in der Haltung wie auf japanischen Zeichnungen nebeneinander standen, und Bekassinen. Birkhähne flogen vorüber und in der Dämmerung die Schleiereule mit weichen Schwingen.
Die Weizenfelder standen in das Land hinein, standen auf dem zum Teil neugewonnenen Baden, furchenlos und gleichmäßig, sie waren wie ein Meer der Fruchtbarkeit! Darüber aber breitete sich in der Glut des Sonnenunterganges der Himmel der „römischen Campagna" mit jenen eigentümlich getönten Wolkenbildungen, wie ich sie tatsächlich vorher nur dort gesehen hatte: Wenn ich an einem Tag goldene Schiffe mit weißen geschwellten Segeln am Himmel erkannte, so erlebte ich am nächsten die Erscheinung langgestreckter dunkler Ungeheuer, die mit feurigen Zungen züngelten. Oder es erwarteten mich schneeweiße Wolkenburgen, deren goldene Tore dem Besuch himmlischer Gäste geöffnet schienen, und gewaltige wundervoll über den Himmel geschwungene Fittiche eines Cherubs. Friedlich dagegen, einer Lämmerherde ähnlich, standen die Wolken am nächsten Tag über den Pappeln auf dem Damm.
Der Horizont aber überstand durchsichtig blau, wie von Peruginos Pinsel gemalt, die bescheidene Hügellinie jenseits der Havel. Nur an Gewittertagen rückte sie schwer und dunkel näher, stand tintenblau am Horizont.
Wenn ich von meinen abendlichen Gängen znrück- kehrte, verhängte sich das Havelland mit schweren weißen Nebeltüchern. Der Mond ließ das dichte Weiß noch milchiger erscheinen. Die Kornfelder aber warteten in jenen Julinächten wie ein lichtes, unbewegtes Meer des Erntetages.
Margarete von Olfers.
Sommer am Chiemsee.
Von Wilhelm Kunze.
O ihr strahlenden Tage am grünen Wasser, ihr stillen Sonnenstunden an einsamen Ufern, wenn fern nur — weit drüben überm See — eine kleine Glocke läutet, wenn die Berge sich am Horizont emporheben; klar und blau ist der Himmel, und in der Windstille liegt die weite Fläche des Sees ruhig glänzend gebreitet, als wäre sie ohne Tiefe und ohne Tücke. Auf nackten Sohlen tastest du dich am Ufer ins seichte Wasser hinein, kleine glitzernde Fische umspielen deine Knöchel, und die Sonne knallt dir auf die Haut, daß die Wespen dich für eine Blütendolde nehmen ... Wohin du deine Blicke gleiten läßt, siehst du Wasser, und das Wasser von grünen Ufern umsäumt, selbst in fernster Ferne nimmst du gerade noch den feinen Uferstrich wahr. Und du weißt von idyllischen Ortschaften, die da und dort am See liegen: Chieming, Seebruck, Gstadt, Breitbrunn, Uebersee, Prien . . . und wie sie alle heißen mögen.
Einmal bin ich von Prien, das übrigens schon zu den sehr malerischen Winkeln dieser Welt gehört, nach Stock mit der kleinen Bahn gefahren und meinte wahrhaftig hundert Jahre zurück- und auf die erste Eisenbahn versetzt zu sein! Eine entzückende Fahrt, man beginnt sich schon zu erholen, ehe man das Dampfschiff betreten hat, das uns zur Insel Frauenworth bringen soll. Wer nach dem Bädeker reift, müßte sich ja wohl auch die Insel Herrenchiemsee mit ihren prächtigen Anlagen und dem prunkvollen Königschloß ansehen, doch zu gewissen Zeiten hat man kein Bedürfnis nach Pracht und Prunk, da mochte man gerade die Stille aufsuchen, das Einfache und in seiner Schlichtheit als Schönheit wirkende lieben dürfen... darum fährt man an der großen Herreninsel vorüber und läßt sich zur Fraueninsel bringen, die schon unferm Blick mit einem einzigen malerischen Bild vor Augen liegt.
Man kann es wahrhaftig verstehen, daß diese Insel immer wieder gerade den Malern Anregungen 3U geben weiß! Sie ist eine völlig in sich geschlossene Welt, nicht nur durch ihre Jnselhaftig- feit, sondern auch durch ihre stilvolle Gestaltung wirklich abgeschlossen und herausgehoben aus der weiten Umgebung, der sie sich jedoch in landschaftlicher Hinsicht so durchaus einfügt, daß sie mit ihren Gebäuden und Gärten geradezu als Typ dieser südbayerischen Landschaft erscheinen kann. Da ist ein altes Kloster, eine alte Klosterkirche mit dem getrennt davon stehenden Turm, dem Campanile. Da ist ein sehr schönes Jnselhotel. Da ist ein vom Kloster betreutes Kaffeehaus. Da sind, die Ufer entlana, reizvolle Fischerhäuschen, in denen man Dörr fische bekommt. Da sind über die Fläche der Insel verstreut Sommerhäuser und kleine Villen der Städter, die sich in dieser Einsamkeit wohlfühlen. Schöne Wege zwischen Gärten. Gepflegt und sauber so Häuser wie Hütten, Gärten rote Wege. Eine Märcheninsel! Eine Friedensinsel, die einer sich nach seinem Wunsch gemalt hat, der einmal alles beisammen haben wollte, Einfaches und Schönes, althergebrachte Frömmigkeit und weltliche Reminiszenz.
Das Kloster ist ein Nonnenkloster, alt und mit einer Mauer umgeben. Aber man sieht die Frauen, wenn sie auf einem breiten Fahrzeug weit von drüben, von Uebersee herübergerudert kommen, wo sie Wiesen und Felder haben und nun das Heu ins Kloster heimbringen. Oder man hört sie, man hört eine von ihnen fingen, wenn man die stille dunkle Kirche betritt... man hört eine Stimme aufschweben, ohne zu wissen, woher sie kommt — sie muß wohl in irgendeiner Seitennische verborgen jein. Sie klingt melodisch und andächtig, sie hat etwas von Schwermut in ihrer Gehaltenheit, und in ihrem Tonfall lebt eine jahrhundertealte Tradition. So singt heute kein Mensch mehr, denkst du, so hast du noch in keinem Konzertsaal fingen hören, es ist wie eine Stimme aus frühen Jahrhunderten, eine Stimme, die schon Engelsstimme geworden ist. Und der wunderbare Raum selbst, in dem das Grab der heiligen Irmengard ist, fügt sich mit dieser Stimme zusammen, er ist eins mit ihr, er braucht es nicht erst zu werden; denn er tft ebenso zeitlos geworden vor Alter und Hingabe.
Vielleicht lassen wir uns von der Fraueninsel nach Gstadt im Kahn hinüberrudern oder wir warten ein Motorboot ab. Leicht bewegt sich der See. Leicht werden wir geschaukelt von den Wellen, die rasch und rascher gegen unser Fahrzeug angehen.
Irgendwo da draußen schwebt auf dem See unterm blauen Himmel ein Segelboot dahin. Irgendwoher, wo am Ufer eine Herde weidet, erklingt Rus und Lied eines Hirten und vielleicht geht eine Stimme jodelnd ins Blau empor... Plötzlich bricht sie ab. Plötzlich ist wieder diese Uferstille da, diese Sonnenstunde am grünen Wasser im Angesicht ferner Berge.
Obwohl man nun nicht behaupten konnte, daß diese Landschaft reich an Reizen war, nahm mich, als ich des Abends zum erstenmal allein den Havel- wiesen zuging, ein eigener Zauber sogleich gefangen. Die Sonne ging glühend hinter biaugrauen Weiden unter, Wolken zogen wie goldene Schiffe mit weißen gespannten Segeln am unendlichen Himmel, lieber den Pappeln aber stand ein blasser Mond. Es war eine Beleuchtung über diesem weiten, dämmrig hin- gestreckten Land, die mich an ähnliche denken ließ, die ich früher in südlichen Klimaten gesehen, und ganz unwillkürlich kam es mir über die Lippen: „Weite, Luft und Licht erinnern an die Campagna!"
Ich stand still und ließ den atmosphärischen Zauber auf mich wirken, und in diesem Augenblick dachte ich plötzlich der längst vergessenen Worte jenes alten Märkers... Ich mußte mir gestehen, daß er Recht behalten, und es verging kein Tag, an dem sich mir nicht die Wahrheit feiner Beobachtung neu bestätigt hätte.
Jedesmal, wenn ich des Abends hinaus ging, lag das weite sommerliche Land vor mir, in jener eigentümlichen Beleuchtung. Es war eine große Weltferne und Stille um mich her, ich ging wie in „Niemandsland", ich traf keinen Menschen, desto mehr regte sich das Leben der Fauna. Frösche quakten wohlig und behäbig im Wasser des Kanals, wieder und wieder rief der scheue Vogel, der
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