Nr. 166 vierter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, 18. Zull 1936
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Bei der Arbeit der Papier-Packpresse.
Im Eisenbahnwagen wandert das Altmaterial in die Industrie.
Der städtische Müllwagen wird entleert.
Ein großer eiserner Bottich wird verschrottet.
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alte Strümpfe, Kleider ufw. wandern in das Feuer, weil sie mit dem besten Willen nicht mehr und zu
Hochojeufertiges Elsey zum.Verladen bereis
Alteisen — Altpapier. Idyll vom Altmaterial-Lagerplatz.
Das Altmaterial als wertvoller Rohstoff.
Nichts darf umkommen! Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Altmaterials.
Auf diesem Wege gehen viele Werte verloren.
Sehr aufschlußreich, sich einmal mit dem Alt- materialien-chändler, dem „Platzhändler" zu unterhalten! Hier in Gießen ist es Herr Schmitt, der sein Lager an der Schlachthofstraße hat, und bei dem von Aufkäufern, von Klein- und Mittelhändlern viel Altmaterial zusammengetragen wird, das dann an die verarbeitenden Industrien weitergelangt, für die das Altmaterial wertvolles Rohprodukt dar- stellt. Aufschlußreich ist es immer, sich mit Leuten zu unterhalten, die etwas von ihrer Sache ver-
Spinnereien und Webereien in Grünberg in ihrer Produktion zu einem Teil auf die Spinnfaser aus Altmaterial stützen. Hier ist also die große wirtschaftliche Bedeutung im unmittelbaren Zusammen- hang zu erkennen
Wir alle müssen so weit kommen, daß es uns als eine sträfliche Sünde erscheint, die leeren Tuben der Zahnpasta, der Hautkreme, der Schuhkreme, Weinflaschen-, Zigaretten- und Schokolade-Stuniol usw.
eines Tages in einem
blitzsauber und schön ausgekachelten Metzgerladen als Gewicht zum Abwiegen von Fleisch und Wurst begegnen könnte. Uns Menschen mangelt hier nur der seherische Blick und der Materie die Sprache, um hier die Wege verfolgen zu können» die solches Material geht. Alteisen ist wertvoll... Mag dieses Bewußtsein genügen, das rostigste Stück zu achten!. Bon Kupfer, Messing, Zink, Zinn ganz abgesehen.
Eine Lokomobile unter dem Schneidbrenner.
(Aufnahmen s8s Neuner, Gießener Anzeiger.)
chen gewonnen werden kann. Auch hier lohnt es sich, dem Fachmann zuzuhören. Während des Weltkrieges war die Verbrennung und Vernichtung von Knochen in Deutschland verboten. Es ist nicht schwer, diese Maßnahme zu verstehen, wenn man hört, daß aus Knochen folgende Stoffe gewonnen werden: Knochenleim für die holzverarbeitende Industrie, Knochenmehl als phosphorhaltiges Düngemittel und fetthaltiges Futtermittel, Knochenfett als Mittel industrieller Verwertung. Aus diesem Fett wird im chemischen Umwandlungsprozeß wieder Glyzerin, Stearin, Seife, Pech und Olein (letzteres wird bei der Bearbeitung des Wollfadens in der Spinnerei verwandt) gewonnen. Aus entfetteten Knochen wird Knochenkohle erzeugt, die für Filtrier- geräte und als Arzneimittel gebraucht wird. Schließ
lich ist der Knochen noch der Rohstoff für Gelatine (was sicherlich vielen Hausfrauen kaum bekannt ist). Zum Schluß dieses wichtigen Kapitels sei noch erwähnt, daß aus Knochen allerlei geschnitzte und gedrehte Dinge gefertigt werden, für die bisher fast ausschließlich ausländisches Rohmaterial verwendet wurde. So dient also der Knochen der Versorgung unserer Wirtschaft und damit gleichzeitig unserer Arbeitsbeschaffung. Wenn systematisch gesammelt wird — man denke an Gaststätten, an Kasernen usw. — kann auch hier eine Fülle des Materials aufkommen.
was hier zum „Rohmaterial" geworden ist, eines Tages in flüssigem blendend hellen, silbernen Strahl aus dem Hochofen herausschießen wird, in Gießtöpfe und dann sprühend in Formen sich ergießt, neuen Zwecken dienstbar wird, in neuem Glanze ersteht und zu einem neuen Kreislauf ansetzt.
Es bedarf keines großen Aufwandes an Phantasie, um sich auszudenken, daß man altem Eisen — als Grundstoff betrachtet —
keinem Zweck mehr zu gebrauchen sind. Die Verwertung solcher Dinge im Feuer ist aber immer das Unwirtschaftlichste!
Was allein das Papier anbetrifft: Hier geht unendlich viel verloren! Was nicht erhalten wird, bedeutet effektiven Verlust. Mancher Baum, Hunderte, Tausende von Bäumen müssen dafür aus dem deutschen Walde mehr gefällt werden, als unbedingt nötig wäre. So mancher Eisenbahnwagen voll Holz aus Osteuropa fährt zuviel in die Papier-
Es wandert noch viel zu viel wertvolles Materi^ in den Mülleimer. Zu viel Papier und unendlich viele Knochen werden verbrannt, nur „da Halles aus dem Wege ist!" Und wiemele Lappen,
fabriken, obwohl der Rohstoff als Altpapier aus unserem eigenen Vaterlande in die Kollergänge wandern sollte. Wer einmal in einer Papierfabrik sehen konnte, wie aus Altpapier, das kaum als des Aufhebens wert erscheint, schöne, feste und zähe Packpapiere gemacht werden, wird mehr und mehr auch Papierabfälle achten lernen. Aus besseren, gleichmäßigeren Pa- piera'bfällen, wie sie etwa in Buchbindereien, Buchdruckereien und Zeitungsbetrieben abfallen, werden entsprechend bessere Papiere gefertigt. Allerdings: in den papieroerarbeitenden Betrieben hat man den Wert des Altpapiers nie verkannt. Da ist immer jeder Rest und Abschnitt, gesammelt und zu Ballen gepackt in die Papierfabrik zurückgewandert. Gesondert nach weiß und bunt, werden diese Abfälle immer wieder zu durchaus hochwertigen Papieren verarbeitet. Was in den Betrieben des ganzen Reiches abfällt, ist schwer zu erfassen, gewiß ist, daß es in die Hunderttausende von Tonnen geht ...
Ueberraschend ist es zu hören, daß Lumpen in bis zu 60 verschiedenen Gruppen auseinander sortiert werden. Seide und Wolle werden getrennt, Baumwolle von Leinen, Kunstseide von Naturseide usw. Getrennt wird aber auch nicht nur nach Art und Qualität, sondern auch nach Farbe. Es ist sicherlich in Oberhessen nicht unbekannt, daß sich die
Zur Erhaltung der wertvollen Metallaltstoffe sollen in Zukunft auch die Milchflaschenoerschlüsse aus rein Aluminium gesammelt werden, da sie ein wertvolles Ausgangsmaterial für die Auffrischung von Umschmelzaluminiumlegierungen und zur Herstellung von Bronzepulver bilden. Der Reichsnährstand hat durch die Hauptvereinigung der deutschen Milchwirtschaft darum die Milchwirtschaftsverbände angewiesen, für eine Sammlung der Flaschenverschlüsse zu sorgen. In Nürnberg wird die Sammlung von Aluminiumkapseln in der Weise durchgeführt, daß sie gegen die Hergabe von Sammelheften eines Bilderatlasses zu den bayerischen Lesebüchern zurückgenommen werden. Dadurch werden fast zwei Drittel des für die Herstellung der Flaschenoerschlüsse benötiaten Materials zuruckae- wonnen. In anderen Gebieten des Reiches wird die Sammlung in absehbarer Zeit ebenfalls einsetzen. Für die Verbraucher empfiehlt es sich darum, schon jetzt mit dem Sammeln zu beginnen.
Nun etwas ganz anderes! Hat sich wohl jemand schon einmal ernsthaft Gedanken darüber gemacht, wie wertvoll Knochen sind? Was alles aus Knochen gemacht werden kann? Sicherlich sind es deren nicht allzu viele, die davon wissen, daß außer Leim noch eine ganze Fülle wertvoller Stoffe aus Kno-
mit der bisher hemmungslosen Gleichgültigkeit in den Mülleimer zu versenken. Was hier verloren ist, ist wertvolles und fast reines Zinn Selbstverständlich: die einzelne Tube, das einzelne Blatt Staniol ist tatsächlich wertlos, wie alles, was auf dem Altmaterialienmarkt als einzelne Stücke erscheinen sollte. (Sofern es nicht gerade ein ausgedienter Traktor ober eine alte Lokomobile ist.) Aber es ist kaum eine Frage, daß in einem vierköpfigen Haushalt im Laufe eines Jahres mehr als ein Kilogramm dieses Materials anfällt. Deutschland hat keine Zinngruben! Die Wichtigkeit der Erhaltung dieses Materials liegt also auf der Hand! Das Sammeln der Tuben und des Sta- niols im Haushalt ist eine Sache, die vom Verantwortungsbewußtsein der Hausfrau — der Volksgemeinschaft gegenüber — nicht zu trennen ist. Was für die Hausfrau Selbstverständlichkeit werden muß, sollte für alle jene, die mit solchen Materialien beruflich zu tun haben, längst Selbstverständlichkeit sein.
Es ist kein Geheimnis, daß alles alte Eisen wieder in die Hochöfen wandert, und Blei eingeschmolzen wird. Zink und Zinkblech gehen den gleichen Weg.
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Wer einmal den Sammelplatz eines Altmaterialienhändler mit den Augen überfliegt, wird erstaunt sein, was alles erfaßt wird und verwertbar erscheint. Die ausgediente Dampflokomobile und der große Dampfkessel, der riesige Bottich aus irgendeinem Industrie-Werk sind wohl mit die größten Einheiten, die auf einem solchen Sammelplatz zur Verschrottung angeliefert werden. Mit dem Schneidbrenner wird diesen großen Stücken zu Leibe gegangen und sie werden in lauter Teile zerlegt, die nicht über 1 Meter und 1,50 Meter groß sein dürfen. Sie müssen „chargier"fähig sein, müssen in den Hochofen passen.
Die kleinste Einheit ist vielleicht der Kragenknopf. Alles was zwischen Lokomobile und dem für den Mann so überaus wichtigen, tückischen Kragenknopf an Metallischem besteht, ist auf diesem Haufen zu finden. Das kleine Blechauto, mit dem Hänschen so gern spielte, liegt friedlich neben einer Matratzenfeder, ein kräftiges Zahnrad neben einem ausgedienten Lampenständer, das Kinderwagenrad neben einem Talmi-Zigaretten-Etui und eine alte Küchenwaage trauert in artverwandter Gemeinschaft mit einem Kochtopf. Noch unendlich vieler solcher Beispiele ließen sich anführen. Der Anblick ist der der Vergänglichkeit, aller Dinge, der Anblick der Trostlosigkeit, derdurch das Rot des Rostes nur noch gesteigert wird.
Wer aber wollte demgegenüber die Tatsache bestreiten, daß all dies,
Die Arten der Verwendung des Altmaterials sind Legion. Es würde zu weit führen hier barlegen zu wollen, in welch vielerlei Formen Altmaterial immer roieber verwanbelt unb in vollwertige Fabrikate umgeroanbeü werben kann.
Alles, was zusammengetragen wirb, geht einen georbneten Weg, vom Klein- ober Mittelhänbler zum Groß- ober sogenannten Platzhänbler, ber bas Material für ganze Waggonlabungen sammelt unb an bie Bestimmungsinbustrie gelangen läßt
Aus allem spricht immer roieber bie nicht zu Überhörenbe Forberung, Altmaterial für ber Aufbewahrung wert zu halten unb es feiner Bestimmung zuzuführen. Hier hat desonbers bie Hausfrau eine Aufgabe unb es ist kein Zufall, fonbern eine sinnvolle Bemühung, roenn gestern in ben Spalten unseres Blattes bie NS.-Frauenschaft burch ben Kreiswirtschaftsberater für biefe Erhaltung ber Werte mobilisiert wirb. Alle Vorteile liegen auf ber Hanb, unb wer biefe Vorteile wahren hilft, hanbelt im Sinne der Volksgemeinschaft, hanbelt nationalsozialistisch!
stehen! Unb wichtig genug ist, sich einmal (besser aber, öfters) mit ber Sache zu befassen, bie wahrhaftig nicht bie Sache des einzelnen (des Alt- materialienhänblers etwa, ber sich bamit feinen Lebensunterhalt oerbienen will), fonbern Der Gesamtheit unserer Volksgemeinschaft ist. In ber nächsten Zeit wirb dieses Thema noch von mancher anderen berufenen Seite behandelt werben.
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Es braucht hier noch nicht einmal von gespien Devisen gesprochen zu werben, bie sonst für stosse aus bem Auslanbe gegeben roerben muffen. Es genügt festzustellen, baß ber Verlust ober bie Erhaltung von Altmaterial ben Verlust ober bie Erhaltung hoher Werte bebeutet Es ist auch kaum ein Wort barüber zu verlieren, daß es für !Deut|a)s lanb gerabe in ber Gegenwart gar keine Frage iy, öd biefe Werte verloren ober erhalten werben. Tatsache ist, baß bis zur vollen Erfassung verwertbaren Altmaterials noch viel Erziehungsarbeit geleistet werden muß. Erziehungsarbeit an wohl allen Volk^ genossen einerseits, anderseits aber bedarf es auch noch einer umfangreichen Organisationsarbeit für die regelmäßige händlerische Erfassung. Die händlerische Erfassung wird organisiert und die Do r - bereitungen s i nd im Gange. Daran soll es also für die Zukunft nicht liegen. Es soll niemand sagen können: „Es k o m mtj a niemand, Der bie Sachen abholt ...!" —


