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ttr.244 vierter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Zamrtag, 17. Oktober 1936

Aus der Krühzeit des Turnvereins 1846.

Geschichtlicher Gtreifzug durch neun Jahrzehnte. Jubiläum der Leibesübung.

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Darstellungen des turnerischen Lebens im Turnverein 1846 aus dem von Photograph Zimmer geschaffenen Erinnerungsbild zur 50-Jahrfeier des Vereins.

Der Turnverein 1846 Gießen feiert am heutigen Samstagabend mit einer Festveranstaltung das Ju­biläum seines 90jährigen Bestehens. Der morgige Sonntag wird eine Familienfeier bringen. Im Zu­sammenhang mit der Feier erscheint es angebracht, einen Rückblick auf die Geschichte des Vereins zu werfen.

Die Vereinsgeschichte hat ihre zusammenfassende Gestaltung durch Dr. Wilhelm Loh erfahren, der in

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L. Ehr. Rübsamen, einer der ersten Förderer des Turnvereins 1846.

sorgfältiger und mühevoller Arbeit all das zusammen­getragen hat, was über die Entwicklung des Vereins im Laufe von 9 Jahrzehnten zu erfahren war. Für die ersten 40 Jahre des Bestehens des Vereins konnte er sich dabei auf die Aufzeichnungen des damaligen

Mitgliedes Reallehrer Emanuel Schmuck (zuletzt Hessischer Landesturninspektor und erster Sprecher des Mittelrheinkreises) stützen. Die nachfolgenden Zeilen stellen einen Auszug aus der von Dr. Loh verfaßten Vereinsgeschichte dar.

(Die Schriftleitung.)

Der Turnverein in Gießen ruft allen Turn­gemeinden im deutschen VaterlandeGut-Heil!" zu und zeigt denselben hiermit an, daß er sich durch die Vereinigung der beiden hier bestande­nen Turngesellschaften neu gestaltet und gefestigt habe.

Gießen, 9. November 1846."

So lautete die Geburtsanzeige in der in Karlsruhe herausgeaebenen Turnzeitung vom 1. Januar 1847! Der im Vorstand tätige Turnlehrer A m e n d war für die Gründung der Turnervereinigung die Trieb­feder gewesen. Mit Lust und Liebe und dem nötigen Schwung ging man an die Arbeit. Nicht nur für die Mitglieder schuf man Gelegenheit zum Turnen, son­dern auch für die Gießener Jugend, eine Turn- v o r s ch u l e.

Der Verein hatte anfänglich mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Mit dem 30. März 1847 hatte man dem Großh.-Hess. Kreisrat die Statuten zur Genehmigung eingereicht. Hierauf folgte am 4. Juni der Bescheid, daß beabsichtigt werde, Schulspielplätze einzurichten und derohne Konzession gebildete hiesige Turn­verein sofort aufzulösen und zu untersagen sei". Da­mit ruhte das Turnen für die Oeffentlichkeit. Erst 1848 trat der Verein wieder ins Leben. Im gleichen Jahre wurde von den Frauen und Jungfrauen der Stadt Gießen dem Turnverein eine Fahne gestiftet. Diese Fahne wird noch heute bei größeren Veranstal­tungen dem Verein vorausgetragen.

1849 trat ein Mann in den Turnverein ein, der für dessen Entwicklung von großer Bedeutung wurde: L. Ehr. R ü b s a m e n. Er trat an die Stelle des von Gießen weggezogenen Turnlehrers Amend. Der Be­ginn der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts sah den Verein in guter Aufwärtsentwicklung. Einige Jahre der Schwierigkeiten konnten die Lebenskraft des Vereins nicht schwächen. Nach 1858 erstand ein Sommer-Turnplatz im Balserschen Garten an der Neuen Bäue, im Winter wurde im Saale des da­maligenPromenadehau­ses" geturnt. Tüchtige Vorstandsmitglieder, vor allem Rübsamen, verhal­fen dem Verein zu gro­ßem Ansehen in der Stadt. Der Verein, der im Jahre 1860 325 Mit­glieder zählte, konnte im gleichen Jahre seinen er­sten größeren turneri­schen Erfolg erzielen. Beim Offenbacher Turnfest er­rang G. L o tz einen sil­bernen Pokal. Sieben andere Kameraden zeich­neten sich ebenfalls aus. Jahrelang bemühte sich der Verein um die Schaf­fung einer eigenen Turn­halle, lange vergeblich. 1862 hatte der Gießener Turnverein das mittel­rheinische Kreisturnfest auszurichten. Das Fest nahm schönsten Verlauf und brachte dem Turn­verein 1846 durch den Turner Hermann Han- stein einen ersten Sieg und außerdem einen Ueberschuß von 1270 Gul­den. Interessant ist die Erinnerung, daß, als im Jahre 1862 die schleswig- holsteinische Frage die Ge­müter bewegte, die Gie­ßener Turner mit 200 Ge­wehren, von der Stadt gestellt, eifrig exerzierten.

Der Verein gewann im­mer festere Formen. Neue Satzungen wurden ge­schaffen, deren erster Pa­ragraph wie folgt lautete: Der Verein bezweckt die körperliche und sittliche Vervollkommnung seiner Mitglieder im Dienste des Vaterlandes." Der Turn­verein trat in der Folge in einheitlicher Kleidung auf, was sich als sehr werbekräftig erwies.

Der Krieg 1870/71 warf den Verein etwas zurück. Auch einige Meinungs­verschiedenheiten hatten dazu beigetragen. 22 Tux-

ner standen während des deutsch - französischen Krieges im Felde. 30 betätigten sich frei­willig in der Krankenpflege. Die Turnhalle, die von der Stadt an der Stelle der Ricker'schen Buchhandlung unter Beteiligung des Turnvereins errichtet worden war, diente als Lazarett. Nach dem Kriege setzte eine weitere ruhige Fortentwick­lung ein. Das Schüler- und das Frauenturnen wurden eingeführt. Im Jahre 1874 fühlte sich der Verein wieder stark ge­nug, ein Kreisturnfest zu übernehmen.

In der Folgezeit kam es im Verein zu einigen

Meinungsverschiedenhei­ten zwischen dem Gau Hessen und dem Verein, in deren Verlauf die Mit­glieder D e m u t h und Schmuck aus dem Ver­ein ausgeschlossen wurden, die dann 1885 den TO ä n «» nerturnvereinGie- ßen gründeten. Beide Vereine bewiesen in den folgendenJahrzehnten ihre Lebensfähigkeit und stan­den sich oft im friedlichen Wettbewerb gegenüber, sich gegenseitig zu immer höheren Leistungen an­spornend.

Inzwischen (1883) wurde wieder ein größeres Kreis­turnfest abgehalten, das einen außerordentlich star­ken Besuch aufzuweisen hatte und dem Verein abermals einen starken Ueberschuß brachte, der dem Turnhallenbaufonds zugewiesen wurde.

In das Jahr 1884 fielen die ersten Anfänge des Fechtens. Von 1886 wurden regelmäßige Uebungsftunden im Fech­ten abgehalten. Ferner wurde eine Sängerriege gegründet. Dank einer vorzüglichen Vereinsfüh­rung wuchs die Mitglie­derzahl in den Jahren von 1883 bis 1886 von 350 auf 850 Mitglieder. Auch finanziell stand der Verein in dieser Zeit sehr gut. Das Vermögen war auf 21315 Mark ange­wachsen. Im Sommer 1890 ging der langgehegte Wunsch nach der Schaf­fung einer eigenen Turn­halle in Erfüllung. Das heutigeTurnhallengelände wurde erworben. Am 11. September wurde der Grundstein gelegt. 1891 konnte die Halle (noch

ohne Bühnenanbau) eingeweiht werden. Mit der Schaffung der Turnhalle war dem Verein die Möglichkeit gegeben, sich ganz den großen turneri­schen Aufgaben zu widmen. Nachzutragen ist, daß im Jahre 1889 L. Ehr. Rübsamen verstarb und mit allen turnerischen Ehren begraben wurde. Während der Zeit des Hallenbaues und in den darauf fol­genden Jahren führten der erste Sprecher Wilhelm Herbert und Franz Wigandt den Verein stetig aufwärts. 1893 wurde eine Frauenriege gegründet, die noch im gleichen Jahre 33 Teil­nehmerinnen zählte. Federball und Kroquet wur­den von den Turnerinnen damals mit großem Eifer gespielt. Die Fechterriege hatte sich auch gut entwickelt und zählte 1895 27 Mitglieder. Im glei­chen Jahre erreichte der Verein mit 882 Mitglie­dern seinen höchsten Stand.

Große Tage sahen die Gießener Turner während des 22. Turnfestes des Mittelrheinkreises im Jahre 1895, das einen Festzug von 4500 Turnern aus 170 Vereinen brachte. 10 000 Zuschauer weilten auf dem Oswaldsgarten, wo eine große Festhalle mit 2400 Sitzplätzen erstellt worden war. Damals traten zum erstenmal Musterriegen von Gießen und Marburg auf. Für die Vorbereitung des Festes wurde die noch heute bestehende Arbeitsgemeinschaft derGie­ßener Turnerschaft" gegründet.

In die Zeit nach dem Kretsfest 1895 fielen übri­gens auch die Anfänge der Spielbewegung (Faust­ball und Schleuderball). Auch Tennis wurde in einer etwas willkürlichen Form gespielt. Die Tur­nerinnen erhielten zu gleicher Zeit das Tambou- rinspiel. Im Jahre darauf beging der Turnverein 1846 sein 50jähriges Bestehen in feierlicher Form. Als einzigartige Erinnerung an dieses Jubiläum schuf damals Photograph Zimmer ein großes Gruppenbild (aus dem einige unserer Bilder 2lus»,

schnitte zeigen). Das Bild ist noch heute in der Turnhalle zu sehen. Im Jahre 1904 erhielt die Turnhalle unter ziemlich großem Kostenaufwand den Bühnenanbau.

Zum 60. Stiftungsfest erhielt der Verein eine weitere Fahne gestiftet. Zum Deutschen Turnfest in Frankfurt a. M. worden erstmalig die drei Fahnen des Vereins den Gießener Turnern vorausgetragen. Turnerisch wurden um die Jahrhundertwende wei­tere große Erfolge erzielt. Auch im Volksturnen ging es vorwärts. Eine Sportriege wurde gegrün­det. Unter Wilhelm Erle's Initiative wurde auch dem Schwimmen mehr Augenmerk zugewendet.

1912, zum 50jährigen Bestehen des Gaues Hes­sen, fand erstmalig ein Turnfest auf dem Trieb statt. Zu gleicher Zeit wurde als Ehrung für Fried­rich Ludwig Jahn der schöne I a h n st e i n an der Ecke Berg- und Gartenstraße geschaffen. Im Jahre darauf beteiligten sich die Gießener Turner am großen Turnfest in Leipzig und erzielten gute Erfolge.

Die rastlose Arbeit im Dienste der Leibesübun­gen erfuhr eine harte Unterbrechung durch den Weltkrieg. Der gesamte Stamm der aktiven Mit­glieder, etwa 400 an der Zahl, rückte nach und nach ins Feld. Der Turnbetrieb ruhte vollständig. Die Turnhalle wurde Lazarett. 1917 konnte der Turnbetrieb in bescheidenem Maße wieder ausge­nommen werden. Durch den Weltkrieg verlor der Verein 45 Kameraden, die auf dem Felde der Ehre blieben. In der Turnhalle gedachte man der gefalle­nen Helden, denen 1920 eine Ehrentafel geweiht wurde. Der völlig geregelte Turnbetrieb konnte erst am 1. März 1919 wieder ausgenommen werden. Bei der 75-Jahrfeier wurde der Turnklub­schild gestiftet, um den noch heute von den besten Gerät-Turnern des Vereins gekämpft wird. Große Fortschritte machten im Verein die verschie­denen Sportarten. Franz Sauer bildete tüchtige Schwimmer heran; die Faustball-Abteilung setzte sich ab 1920 jährlich an die Spitze im Bezirk, das Geräteturnen erfuhr unter Daum und später unter Reuter einen starken Aufschwung, Fuß­ball- und Handballspiel wurden in den Uebungs- plan ausgenommen. Unter der Leitung des Ober- turnwarts Karl Erb, der noch heute das verant­

wortungsvolle Amt inne hat, arbeitete der Verein stets weiter an der Verfolgung seiner turnerischen Ziele. Mit 70 Turnern nahm der Verein 1920 am ersten Deutschen Turnfest nach dem Kriege in Mün­chen teil und brachte viele Siege nach Hause. 1925 erfolgte die Gründung der Altersriege.

Das Kreisturnfest, das für das Jahr 1925 mit g^vßer Sorgfalt vorbereitet worden war (damals und für diesen Zweck wurde auch die Volkshalle gebaut), brachte viel Regen und dem Verein ein großes Defizit. Aus der weiteren Arbeit des

Turnerinnen in Gleichtracht beim Tennisspiel. (Aus« schnitt aus dem Erinnerungsbild zur 50-Jahr-Feier^

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Die aroke Festhalle, die zum Mittelrheinischen Kreisturnfest 1895 auf 9 0 ü 1 1 Oswaldsgarten gebaut wurde.

Die Vorturnerschaft aus dem Jahre 1912.

Mancher der Kameraden, die das Bild zeigt, siel auf dem Felde der Ehre,

Die erste Fechterriege des Turnvereins unter der Leitung von Wilhelm Will (im Bild links), dem späteren Gauoberturnwart.

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Die Sieger vom Deutschen Turnfest in Köln. Karl Reuter (vierter von rechts) wurde Turnfestsieger. (Bilder aus Vereins- und Privatbesitz.)