Nr.W Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Freitag, ll.April 1936
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40Iahre Universitäts-Aervenklinik
Ein freundliches Krankenzimmer.
Der neu geschaffene Hörsaal.
richtsgegenstand erhoben
wurde und ihren Lehr-
von vornherein ccks ausgesprochene Krankenanstalt und Heilstätte gedacht waren. Wir finden große, weite Krankensäle mit hohen Fenstern, die sich in nichts von dem jedermann vertrauten Bild eines Krankenhauses unterscheiden. Ein modernes Labo- ratonum läßt erkennen, daß heute auch bei Nervenleiden und seelischen Krankheiten aufs sorgfältigste nach körperlichen Grundlagen des Krankseins geforscht wird. Ueberall sieht man, daß in den letzten drei Jahren unter der Leitung des bisherigen Direktors Prof. Hoffmann, der unserer Landes- universität durch eine Berufung nach Tübingen genommen wurde, auch hier ein Teil der allgemeinen Aufbauarbeit eingesetzt hat. Wir finden helle,
großen Hörsaaltisch mit der doppelten Zugwand- tafel. Eine elektrische Verdunkelungsanlage und direkte Reflektorbelichtung der Bildtafeln, die in einer an der Decke angebrachten Karten-Aufzieh- vorrichtung hängen, machen den Hörsaal zu einem modernen Unterrichtsraum. Bon dem Hauptbau aus geht ein weites Fernsprechnetz, das außerdem mit sämtlichen andern Kliniken und ihren verschiedenen Abteilungen die Verbindung herstellt, zu den einzelnen Krankenstationen und Arbeitsräumen, in denen treu bewährte Mitarbeiter, die zum größten Teil seit vielen Jahren und Jahrzehnten zur Klinik gehören, ihren verantwortungsvollen Dienst an der Volksgesundheit verrichten.
Selbstverständlich ist bei einer so großen Anlage die Aufbauarbeit noch längst nicht abgeschlossen. An vielen Stellen muß noch der Pinsel des Malers helle und lichte Farben setzen, müssen freundliche Wandbilder die Krankenzimmer schmücken. Wie man uns sagt, sind diese Verschönerungen bereits im Gange und werden in Zukunft fortgesetzt werden. Es wird eine dankbare Aufgabe der maßgebenden Stellen sein, diese im Dienst an der Volksgesundheit so not-
gessen ist der eben fertig- gestellte moderne Hörsaal mit ansteigenden Sitzreihen, die ganz in Rot und Schwarz gehalten sind. Durch große, hohe Fenster fällt das Licht auf die 86 Sitzplätze und den
freundliche Untersuchungs- und Behandlungsräume, einzelne besonders lichte und saubere Krankenzimmer, große Tagräume, in denen die Kranken bei Unterhaltung, Spiel und leichter Arbeit an ein gesundes Leben herangebracht werden. Auch für sportliche Betätigung und genügend Bewegung und Beschäftigung im Freien ist reichlich gesorgt.' Wer aus Behandlungsgründen viel liegen muß, kann seine Liegekur im Freien machen. Nicht zu ver-
Jn einem großen, parkähnlichen Garten mit wunderschönen alten Baumbeständen liegt die Uni» versitüts-Nervenklintk, die vor nunmehr 40 Jahren durch den um unsere Landesuniversität hochverdienten Geheimrat Sommer, unter dessen Leitung sie auch gebaut wurde, eröffnet werden konnte. Wenn man heute einen Rundgang durch die gesamte Anlage macht, dann sieht man, daß die für damalige Zeiten sehr großzügig angelegten Bauten
wendige Heilstätte in ihrem Aufbauwillen zu unterstützen.
Am Ende unseres Rundganges, von dem wir den überzeugenden Eindruck eines vollständigen Krankenhauses und nicht den einer Irrenanstalt im Sinne veralteter, aber immer noch weit verbreiteter Vorstellungen mitnehmen, hatten wir Gelegenheit, den derzeitigen Leiter der Klinik über die heutigen und künftigen Aufgaben einer Neroen- klinik zu befragen. Er sagte:
„Die Medizinische Fakultät unserer Landesuniversität hat das Verdienst, schon lange bevor an andern Universitäten die Psychiatrie zum Unter»
Beim Morgensport.
Wissenschaftliche Tagung in Bad-Nauheim.
Der gesunde Mensch im Vordergrund ärztlicher Wissenschaft.
LPD. Bad-Nauheim, 16. April. In Gegenwart von Vertretern des Reichsinnenministeriums und des Reichsarbeitsministeriums wurde heute vormittag im Kerckhoff-Jnstitut in Bad-Nauheim die Gemeinschaftstagung der Deutschen Gesellschaft für Kreislaufforschung und des Aerztlichen Ausschusses der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsschutz eröffnet. Die Tagung ist auch von Vertretern aus Holland, Polen, der Schweiz, der Tschechoslowakei und Japan besucht. Auch die benachbarten Hochschulen Frankfurt a. M., Gießen und Marburg haben Abordnungen entsandt. Als Vertreter des Gauleiters und Reichsstatthalters war Gauinspekteur H e y s e erschienen.
stuhl erhielt, die Wichtigkeit der Seelenheilkunde für die Gesamtausbildung des Arztes erkannt und auf ihre Einreihung in die Zahl der übrigen Sonderfächer gedrungen zu haben. So heißt es in einem Fakultätsgutachten aus dem Jahr 1848, daß niemand werde verkennen können, daß die Seelenheilkunde einen wesentlichen Teil der Heilkunde überhaupt bilde und beide auf das Genaueste miteinander verbunden feien. Einer Universität, welche als Bildungsschule für die Heilkunde dienen solle, dürfe also auch das Mittel für Bildung in der Seelenheilkunde nicht fehlen. Es hat dann noch jahrzehntelanger Kämpfe bedurft, bis vor nunmehr vierzig Jahren Geheimrat
Sommer die Klinik er- Das klinische Laboratorium,
öffnen konnte. Die vielen (Aufnahmen [9]: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Aerzte draußen in der
Praxis und in amtlichen Stellen, die heute dankbar ihres Lehrers gedenken, sind der beste Beweis dafür, wie glänzend diese Aufgabe der Klinik, eine Ausbildungsstätte in der Seelenheilkunde zu fein, in den vergangenen Jahrzehnten erfüllt worden ist. Auch heute und in Zukunft wird es zu den wichtigsten Aufgaben einer Universitäts-Nervenklinik gehören, in engster Verbindung mit den anderen
Auch hier hat unsere Landesuniversität ihr besonderes Verdienst. Seit vielen Jahren war Geheimrat Sommer eifrig bemüht, mit Wort und Schrift die Familienforschung und den Sippengedanken in unser Volk hineinzutragen und es mit dem Wert und Segen des erbbiologischen Denkens vertraut zu machen. Wenn heute die Neroenklinik zu Gießen gerade in Aerztekreisen die denkbar beste Unterstützung in ihrer Arbeit für die Volksgesundheit findet, so dankt sie dies vor allem der unermüdlichen Aufklärungsarbeit, die schon längst vor der Machtübernahme durch Prof. Kuhn und Dr. Kranz geleistet worden ist. Dem Nervenarzt kommt es zu, sich in ärztlicher Kameradschaft gemeinsam mit dem Kranken und seinen Angehörigen in die Entwicklung und Geschichte seiner Sippe zu vertiefen und in gemeinsamer vertrauensvoller Arbeit das gesunde Wertvolle und das Kranke tm Erbgut herauszustellen und darüber zu beraten, auf welche Weife am besten das Gesunde gefördert und das Kranke ausgemerzt wird zum Wohl unseres Volkes und zum Segen der kommenden Geschlechter.
Sie wollen zum Schluß noch wissen, ob in einem gesunden Erbgut überhaupt seelisches und nervliches Kranksein entstehen kann? Ganz gewiß! Es gibt sehr viele erbgesunde und erbtüchtige Menschen, die ein körperliches Nervenleiden bekommen oder in ein seelisches Kranksein hineingeraten können. Diesen Kranken Heilung zu bringen und sie so rasch wie möglich wieder als wertvolles und brauchbares Glied in das Volksganze einzuordnen, ist die allerschönste Aufgabe, die es für den Nervenarzt gibt/'
Dreißig Jahre im Dienst der Klinik.
Kliniken den jungen Mediziner zu einem wahren Arzttum, das ohne Schulung in der Seelenheilkunde gar nicht denkbar ist, zu erziehen. Eine Nervenklinik wird und muß sich bet unserer heutigen Auffassung von den engen Beziehungen zwischen Leib und Seele immer als Teil des Ganzen fühlen. Die Gemeinschaftsarbeit mit den andern Kliniken, wie sie hier feit langem vorbildlich betrieben wird, wird deshalb immer eine wesentliche Aufgabe sein.
Eine besonders wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe hat die heutige Neroenklinik durch die Schaffung des Erbgefundheitsgefetzes bekommen.
Liegekur im Freien.
Leibesübungen als Heilmittel.
Erholung im Kümtgartes»
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Mi«»s Sretenatteü,
Die Tagung wurde von Professor Dr. Reiter, dem Präsidenten des Reichsgesundheitsamtes, eröffnet, der hervorhob, daß der Sinn der ärztlichen Zusammenkünfte heute ein ganz anderer als früher fei. Während man früher versucht habe, die medizinische Wissenschaft und das medizinische können in verschiedene Richtungen aufzuspalten, finde man heute eine entgegengesetzte Bewegung, die versuche, alles, was erarbeitet worden sei, wieder zusammenzufassen. Auch der Begriff Ge- sundheit sei heute ein wesentlich anderer geworden als früher. Der Laie unterscheide zwischen gesunden und kranken Menschen. Die ärztliche Wissenschaft habe bisher zu wenig den gesunden Menschen betrachtet. Heute sehe man als das Primäre den gesunden Menschen an, weil der Begriff des gesunden und des leistungsfähigen Menschen sich decke. Die Aerzte müßten in die Betriebe hineingehen, um zu sehen, wie und wo der Arbeiter arbeite, und wie der Arbeitsgang sei. In diesem Sinne hob der Präsident auch die Bedeutung bet Erbbiologie hervor, die noch vor ganz kurzer Zeit völlig verkannt worden sei.
An die Begrüßung schloß sich eine Fülle wis- enschaftlicher Vorträge an. Die Beratungen werden sich über drei Tage erstrecken und am Samstag mit einer Besprechung der anwesenden ^Betriebs- und Fcwrikärzte schließen.


