Nr. 245 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Sreiiag, W. Oktober 1956
Alfen und Haithabu.
Bedeutende Denkmäler aus germanischer Vorzeit.
Von K A. Dietrich.
„Eine hervorragend nationale Wissenschaft" nannte Gustaf Kossinna die Vorgeschichtskunde, ein Gebiet, das bis dahin nur von vereinzelten Pionieren der Altertumsforschung aufgesucht wurde/ Aus Liebhaberei und einem Spezialistengebiet wurde allgemeines Wissensgut unseres Volkes. Zum erstenmal war eine kulturgeschichtliche Basis der nordischen und germanischen Völker wissenschaftlich festlegbar. Vor allem konnte der bis dahin als Vorbild gültigen Kulturwelt des Mittelmeerkreises die des Nordens gegenübergestellt werden. Und je weiter die Vorgeschichtsforschung in Deutschland und den skandinavischen Ländern das Gesamtbild einer zwar unter Eismoränen und Sturmfluten, unter Heiden und Mooren verschütteten aber darum nicht minder bedeutenden germanischen Voraeschichtskultur wieder entwickeln konnte, um so mehr wurde diese untergegangene Welt uns allgemeinverständlich und von unserem Wesen als verwandt empfunden.
Da ist an der schwedischen Südwestküste de^ Landstrich Bohuslän, dessen Felsenzeichnungen uns zuerst einen Einblick in die Bilderschrift der germanischen Frühvölker gaben; da liegen im Mälarsee die Reste einer wikingischen Handelsstadt Birka. Da sind in der jütländischen Heide, in der Gebend, aus der Amelode oder Hamlet stammen soll (dem mittleren Teil bei Veile), ganze Mumien in unversehrter schmuckreicher Leder- gewandung aus den Mooren zutage gefördert worden. Und die mit Runen beritzten Denksteine der Megalithzeit stehen von Schweden her über das dänische Jnselreich bis in die von großen Flutzeiten heimgesuchten cimbrischen Landgebiete, das Sachsengrbiet der Lüneburger Heide und bis zum Teutoburger Wald. Gegenwärtig ist in zwei Gegenden des Ostseekreises eine eifrige Ausgrabungstätigkeit im Gange, auf der Insel Alsen und "in der Nähe der Stadt Schleswig.
Ketting, Bro, Blomeskobbel heißen die wichtigsten Plätze auf Alfen. Das Interesse wurde dort vor einigen Jahren wach, als man in der Nähe von Sonderburg den Bug des größten und am günstigsten erhaltenen Wikingerschiffes aus dem Grunde hob, das jetzt zu den Schätzen des Kopenhagener Nationalmuseums gehört. Zur Zeit gilt das Interesse den Freilegungen auf Dlomes- kobbel, einem alten Herrensitz bei Garnrnelgaard, der seinen Namen von dem Adelsmann Hans B l 0 m e im 16. Jahrhundert erhielt. Wo der Buchenwald hier am östlichen Rand steil gegen den kleinen Belt hinabstürzt, hat das Megalithzeitvolk eine Sammelstätte von Erinnerungsmalen geschaffen. Zwei Langgräber und zwei Rundgräber mit zusammen sechs Grabkammern wurden freigelegt! Es ist vornehmlich das Verdienst des Museumsinspektors Raben vom Sonderburger Schloßmuseum, eine Wiederherstellung der Alsener Steindenkmale der Vorzeit durchgeführt zu haben. Blomeskobbel ist ein besonders wichtiger Teil, zumal hier über der westlichen Kammer ein Deckstein freigelegt wurde, der größte, den man überhaupt über Steingräbern des Nordens gefunden hat. Sein Gewicht wird auf zwanzig Tonnen veranschlagt, und es erscheint unverständlich, wie er überhaupt durch Menschenkraft befördert werden konnte Neben diesem Stein bedeutet aber die ganze Anlage selbst — vom südöstlichen Rundgrab hat man den seltenen Blick über sechs Grabkammern — einen außerordentlichen Fund.
Das andere Hauptgebiet im Ostseeraum liegt in unmittelbarer Nähe der Stadt Schleswig, auf dem ihr gegenüberliegenden Ufer der Schlei, am sogenannten Haddebyer Noor. Hier handelt es sich^um die Ausgrabungen der größten wikingischen Siedlung, die es wohl überhaupt gegeben hat Die ersten Grabungen wurden 1900 auf Anregung des
früheren Direktors des Nationalmuseums in Kopenhagen, Sophus Müller, vom Museum vorgeschichtlicher Altertümer in Kiel unter Leitung von Gustav Schmantes unternommen. Ihre diesjährige Wiederaufnahme leitet Dr. Iankuhn. Das Haddebyer Noor ist ein Bucht der Schlei, eine alte Kirche, von einem kleinen Friedhof umgeben, steht am Wege dorthin und gegenüber das Gasthaus Haddeby. Dahinter Felder, Wiesenwege und weiterhin Jndustriegelände. Man kommt nach etwa zehn Minuten Wegs nach der „Oldenburg" (alten Burg), wie das bann beginnende Wallgebiet im Volksmund heißt, und befindet sich nur mit dem einen Fuß sozusagen in der Vorzeit und mit dem anderen in der ältesten geschichtlichen Zeit. Denn von hier zieht sich der Margaretenwall hinüber zum ältesten Grenzwall, dem Dannewerk, das der Dänenkönig Gottfried in einer Länge von etwa vierzehn Kilometer ums Jahr 800 zum Schutz gegen die südlichen germanischen Stämme, Sachsen, Angeln, Waräger und Franken errichten lassen. Die Vorzeit aber, das ist Haithabu selbst, das seinem Schicksal nach ins weit Frühere zurückweist und vielerlei Parallelen zu Birka im Mälarsee aufzeigt, wenn auch die Hochburg bei Haithabu nicht wie in Birka mit in die Umwallung der Stadt einbezogen ist, sondern für sich liegt. Zwei Runensteine erzählen, als Vorzeitdenkmäler in die frühgeschichtliche Zeit hineinragend, von Kämpfen, die zwischen Haithabu und einem Dänenkönig Sven — wahrscheinlich Sven Gabelbart — stattfanden; ein Blick über den zweiundzwanzig Hektar umfassenden Jnnenraum des „Oldenburg"-Gebietes erzählt von der für das Altertum riesenhaften Ansiedlung, die einst hier bestanden hat. Vom Leben der Bewohner aber geben uns die Fundstücke in Stein und Metall Kunde, die von einem Jahrtausend zugedeckt waren; sie lassen erkennen, daß Haithabu em, wenn nicht überhaupt das Zentrum des damaligen Welthandels gewesen ist, Stücke, die aus Irland und dem fränkischen Reich, aus den nördlichen Teilen Skandinaviens, jedoch auch aus dem Orient und dem Mittelmeergebiet stammen. Noch ist nicht bestimmt worden, wann Haithabu entstanden sein mag. Der Niedergang begann im 10. oder 11. Jahrhundert. 934 zog Heinrich der Vogler gegen Haithabu und seinen Fürsten Knuba und machte ihn tributpflichtig; eine zweite Niederlage erlitt Knuba durch den Dänenkönig Gorm den Alten. Um 960 finden wir eine erste zeitgeschichtliche Erwähnung Haithabus. Ethelward jchreibt in der Chronik der Angelsachsen: „Das alte Angeln, das zwischen den Sachsen und Jüten liegt, hat eine Hauptstadt, die in sächsischer Sprache' Sleswic, von den Dänen aber Haithabu genannt wird". Demnach wären Haithabu und Schleswig eine Stadt gewesen, was aber die spätere Forschung bestreitet, indem sie entweder Haithabu als eine wikingische Konkurrenzgründung gegen Schleswig oder als eine viel ältere Siedlung ansieht, llebrigens dürfte das u am Schluß des Namens nur aus der Runenschrift übernommen sein, eigentlich aber y ausgesprochen werden, so daß es, wie bei Ethelward, Haithaby heißt. „,,By" bedeutet auch heute noch im Dänischen „Stadt".
Von hier also ging einst der Weltseeverkehr zum großen Teil aus; hier, wo jetzt die Landschaft weit und still sich hinstreckt und gegen den Herbst hin die Forscher nach Rudimenten der Vergangenheit suchen und Häuserfundamente, Feuerstätten, Brandherde, die von Verwüstungen berichten, freilegen, hier spielte sich einst ein Leben ab wie es ähnlich im Süden unter den Königen von Mykenä und des griechischen Archipels geschehen sein mag. Allmählich vervollkommnet sich so unser Wissen von der nordischen Kulturwelt, das uns Jahrhunderte hindurch nur aus römischen und fränkischen Autoren
bekannt war. Und es scheint, daß die Steine noch mehr zu berichten wissen als das Pergament. Erfreulicherweise sind uns noch viele Anlagen und Steinsetzungen erhalten geblieben, denn eine heilige Scheu und Achtung haben die Menschen des germanischen Beoölkeruirgsgebietes immer schon den alten Steinstätten, den Gräbern und Fundorten entgegengebracht, auch als man noch nicht die Runen zu entziffern vermochte und sich von der Bedeutung der Einzelfunde noch kein bestimmtes Vorstellungs
bild zusammensetzen konnte. So besteht heute noch auf Alfen ein alter Volksglaube, daß der Bauer, der in Steinsetzungen „Brand" trüge (wer eine alte Grabkammer zerstöre), dessen Hof auch eines Tages in Flammen aufgehen werde. Manches Denkmal germanischer Vorzeit entging dadurch der Vernichtung und zeugt heute davon, daß alles Große über den Tod hinaus durch die Unsterblichkeit seiner Seele, das heißt: seines Wesens und seiner Weltsendung triumphiert.
KeineIugendfutzballspieleamSonntag
Kreissachamtsleiter H. Henkel (Gießen) teilt uns mit:
Am kommenden Sonntag, 18. Oktober, finden die Herbstgeländespiele der Hitler-Jugend (Bann 116) statt. Aus diesem Anlaß werden hiermit die Jugendfußballspiele im politischen Kreise Gießen abgesagt. Auch die mit auswärtigen Mannschaften ab- gefchlossenen Spiele haben zu unterbleiben.
„Oie deutsche Mannschaft die beste des Kontinents."
Das Glasgower Spiel in der englischen Presse.
Obwohl die deutsche Mannschaft im Fußball-Län- derspiel gegen Schottland in Glasgow kein einziges Tor hat erzielen können, berichtet die Londoner Morgenpresse übereinstimmend über eine ausgezeichnete Spielweise der deutschen Mannschaft.
Der „Daily Hera Id" zum Beispiel bezeichnet die deutsche Mannschaft als die beste des Kontinents.
Der „Daily Expreß" überschreibt seinen Sportbericht „Die Deutschen lassen die Schotten rennen" und betont weiter, daß die deutsche Mannschaft mit ihrer guten Leistung außerordentlich überrascht hätte. Die Schotten hätten um jeden Zentimeter Boden kämpfen müssen.
Der „News C h r 0 n i c l e" bezeichnet die deutsche Mannschaft als Meister des Mittelläuferspiels. .
Deutschlands Mannschaft gegen Irland.
Gegen Irland wird die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am kommenden Samstag in Dublin in folgender Aufstellung spielen: Jakob; Münzenberg, Mukert; Rodzinski, Goldbrunner, Kitzinger, Lehner, Siffling, Hohmann, Szepan, Kobierski.
Oie Ergebnisse der Kreisklaffenspiele am Sonntag.
Leihgestern — Sternberg 0:3; Klein-Linden gegen Lich 1:1; Steinbach — Ruppertsburg 2:4; Heuchelheim — Rodheim 2:1; Tv. 1846 — Großen-Buseck 3:8; Aßlar — Niedergirmes 2:3; Holzhausen gegen Ulm 0:4; Leun — Burgsolms 1:8; Großen-Linden gegen Heuchelheim II 3:2; Bieber — Grüningen 1:5; Staufenberg — Treis 5:0; Londorf — Rüd- dingshaufen 0:2; Wißmar — Wieseck 1:3; Büblingshausen — Spv. Wetzlar III 2:2; Aßlar II gegen Niedergirmes II 1:2; Schwalbach — Spfr. Wetzlar III 2:2.
ffuflbali der odauliga-Manustbasten.
Das wichtigste Treffen im Gau Hessen ist der Kampf zwischen Hessen Bad Hersfeld und dem S p i e l v e r e i n Kassel. Die Hersfelder liegen mit 6:3 Punkten an der Spitze, die Kasseler folgen mit 6:2 Zählern vor dem Meister 1. FC. Hanau, der auch diesmal wieder spielfrei ist. Zuhause haben die Hersfelder sicherlich die größeren Aussichten auf den Sieg, der Kasseler Spieloerein ist aber in diesem Jahre so gut im Schuß, daß ihm auch in der Lullusstadt ein Ueberraschungserfolg gelingen kann. Das Fuldaer Lokalderby Borussia — German i a hat etwas an Bedeutung eingebüßt, seit die
beiden Mannschaften in der Spielstärke zurückgegangen sind. Immerhin handelt es sich aber für beide Mannschaften darum, bei je 4:4 Punkten den Anschluß an die Spitze zu behalten. Eine Voraussage bei diesem Lokalspiel ist unmöglich. — Der V f B. Friedberg empfängt den Neuling Kewa Wachenbuchen, der sich bisher ausgezeichnet gehalten hat, in Friedberg aber wohl um die zweite Niederlage nicht herumkommen wird. — Das Spiel zwischen Kassel 03 und Kurhessen Marburg ist offen.
Hanna ZReiffd), die Weltmeisterin im Segelkunstflug.
Beim Groß-Fluglag Rhein-Main.
Der Groß-Flugtag Rhein-Main am 18. Oktober 1936 wird eine Reihe von fliegerischen Sensationen bieten. Die besten Könner des Kunstfluges sowohl wie des Segelfluges werden in Konkurrenz treten.
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Namen wie Graf Hagenburg, Willi Stöhr, Hans Grade, Vera von Vissing, Erich Wiegmeyer und nicht zuletzt Hanna Reitsch sind Inhalt des Programms, das in seiner Vielseitigkeit und Leistung wohl nicht zu überbieten ist.
Hanna Reitsch ist die beste Segelfliegerin der Welt. Sie ist ein Darmstädter Kind und die Darmstädter sind nicht wenig stolz auf ihre erfolgreiche Kollegin, die bei den internationalen Konkurrenzen in Berlin wieder den ersten Preis gegen internationale Beteiligung erringen konnte. Hanna Reitsch hat eine Reihe weiterer internationaler Wettbewerbe gewonnen und ist im Ausland fast ebenso bekannt wie in Deutschland.
Leichtatbletik der Gp.-Dg-1900.
Vereinswettkämpfe am kommenden Sonntag.
Wie alljährlich zum Abschluß der Leichtathletik- Saison bringen die 1900er am kommenden Sonntag-
Die dicke Mde.
Von Josef Friedrich perkonig
Ist nicht leicht, ein Bauer sein, in dem einen Jahr räumt dir die Seuche den Stall aus und in dem andern schlägt dir der Hagel das Feld Zusammen, wie dem Bauer Zechner m der Lassach hat seine liebe Not auch mit dem Wasser und mit dem Schnee, kommt die Lawine nicht so kommt der wilde Bach, etwas ist immer, daß sich der Bauer sorgen muß. ,.. A
In einem Jahr sind schon zu Lichtmeß die Hange schneefrei. „Das wird gutes Jahr! sagt der alte Einleger Thomas. „Verschrei es nicht! tagt der Bauer Das ist zu anderen Seiten auch so ■ wesen, daß sich etwas in Pracht angekundigt yat und war zuletzt armselig zum ,
Richtig erweist sich das Jahr nicht anders als die andern „So mitten durch , lobt es der Zechner mit saurem Gesicht, aber der Einleger Thomas hebt seinen Zeigesinger. „Wart!" mahnt er, „es kann n0Unb°eTTnmmt wirklich nach der Rüben,atzt. Kaum ist der Samen in der Erde, so schießt an einem Ort mitten im Feld schon das grüne Kraut heraus an E Licht und wächst so schnell, Mi man «$en WS
CerfnU‘xag°orT jtnUetn Apfel, nach fkÄmtÄ dn -H^R°uHen7nd Kra^n in ihr Bald kann der Bauer sein Ohr daran le Cle?'iftrm?rSig, auch der Segen macht dem Bauer schlaflose Nächte. Immeri geht es
großen^Wagen *gibt ^es^nicht ^uf^der" Welt^Svll ich sie mit drei Rössern heimziehen und das Scheu- nentor ausbrechen lassen? ®nechte
(fr bittet die Nachbarn, daß sie iym lyre nnecyie leiden und da geht er denn Mit Funsen daran, bie Stöbe aus der Erde zu heben. Sie haben am »rLnh °mnnr ein Holzgerust gebaut, und zeitlich yb TOnrnen finb fie an ber Frucht. Wie bie Sonne nllf fimnen Bauer unb fünf Knechte im Ruben- khKn idren Schweiß trocknen, die Rübe hat sich nicht aerührt. Sie haben bie Erde rundherum wenneickauselt aber sie hält sich in dem Boden Mt9 ro mit Baumwurzeln. Der Zechner kratzt sich hinter dem linken Ohr, beinahe verwünscht er das ^Zum^ Glück ist ein Heller Bursch unter den Knechten.
„Haben wir nicht unter dem Feld einen Lärch- baum?" .
Ihrer fünf steigen in den Wipfel hinauf, und er biegt sich ganz hinunter zu der Rübe, da binden sie ihn schnell an das Kraut und springen nachher ab. Die Lärche reißt die Rübe mit großer Gewalt aus dem Boden, und sie fliegt in weitem Bogen hinab in den Graben. Der Zechner kratzt sich hinter dem rechten Ohr.
„Jetzt haben wir es besser", greint er, „jetzt ist sie noch weiter weg."
Aber da meldet sich der gescheite Knecht wieder: „Am besten ist es, wir treiben die große Sau in den Graben hinunter und mästen sie gleich unten bei der Rübe."
Ja, das ist ein guter Rat. Die Sau, die schon jetzt so groß ist wie ein kleines Rind, wird zu der Rübe hinabgetrieben und der Bauer zimmert ihr einen wackeligen Derschlag. Aber schon nach sieben Tagen ist er zu klein. Die Sau scheuert ihren Rücken an dem Dache wund. Da baut er einen größeren Stall und muß ihn nach zweimal sieben Tagen abreißen. Bis zum Winter ist die Sau so fett geworden, daß sie droben beim Haus feinen Ort hätten, wo sie das tote Schwein hinlegen könnten, deswegen schlachten sie es unten im Graben, nicht etwa mit einem gewöhnlichen Messer, das täte die Sau nur ein wenig am Hals kitzeln und käme nicht an das Blut. Der Zechner muß wieder die fünf Knechte ausleihen, und der stärkste schlägt die Sau mit einer Hacke zwischen die Augen.
Alles, was bisher geschehen ist magst du leicht glauben, aber jetzt kommt etwas, daran wirst du vielleicht zweifeln. Und es hat sich doch so zugetragen, und um keinen Buchstaben anders. Glaube es dann ober glaube es nicht.
Kein Strick ist so fest, daß sie eine Speckseite aus dem Graben Heraufziehen können, es reißt Hanf und Leder, sobald die fünf Gäule sich fest in das Geschirr leaen. Sschon meint der Zechner cs müßte die tote Sau unter dem Schnee liegen bleiben und stückweis verschleppt werden, da läßt sich der kluge Knecht wieder hören:
„Bist du nicht ein guter Schütz, Bauer?"
Ja, das ist er, trifft auf hundert Schritt einen Nagelkopf im Zaun. . m
„Dann schieß eine Mucke und dreh aus dem Gedärm einen Strick."
Der Zechner geht in seiner großen Stube auf die Jagd und trifft eine Mücke mit einem Blattschuß. Aus dem Gedärm machen sie ein festes Zugseil. Wie bann die sechs Männer den Strick anreißen, kommen die Speckseiten angeflogen und bleiben hinter der Haustür im Spinngeweb hangen.
Sagt der Bauer: „Sollen sie da hängen, bie Selchküche ist ja zu klein."
Das Paradies der kleinen Fohlen.
Von Paul Eipper.
Dort wo der Unterlauf der Elbe immer breiter wird, nordwestlich von Hamburg, liegt das Keh- binger Lanb. Auf feinen fruchtbaren weiten Mar- schenwiesen grasen viele Pferbe.
Sieh bort bas staksige Fuchsfüllen! Es hat ein noch ganz schmales Körperchen, kann unmöglich schon Herr sein über bie viel zu langen, bünnen Beine. Dennoch muß man plötzlich einen Luftsprung machen, unvermittelt aus bem tapsigen Neben-ber-Mutter-Herschreiten. Kaum gelanbet, bleibt bas Fohlen wie angewurzelt stehen, ver- breht sein kantiges Köpfchen rückwärts, spielt mit ben spitzen Obren, unb weil eben ber Ostwinb im Schweis ber Stute zaust, bie langen Mähnenhaare gegen ben Hals bes Fohlens wehen, wirb ber an sich schon übermütige Kleine zu einem Vulkan von Temperament; er explobiert gerabezu, jagt aus- feuernb in weitem Kreis zweimal um bie Mutter herum, bie inbes frieblid) roeibete, nun aber ver- rounbert ben Kopf roieber hochnimmt, ihrem Wilb- fang zuschaut.
Doch auch bas stürmische Toben eines Hengstfüllens verebbt; bie Kapriolen lassen nach unb bas Beineschlenkern; wippenb kommt ber Pferbesohn zur Stute gelaufen unb schmiegt sich ausruhenb an ihre volle Flanke. Keine Bewegung ist jetzt in ben beiben Tieren, nur bie Wollbürste bes kurzen Fohlenschwänzchens zuckt ganz leise. Wie hoch unb weit, wie schön zugleich ragt für mich, ber ich im Grase liege, bie Gruppe ber Tiere ins Sonnenlicht hinauf, in bie bünne, klare Küstenluft! Schon manbelt sich roieber bas Erlebnis. Durch eine anmutige Drehung bes Hälschens beugt bas Fohlen sein Gesicht unter ben Leib ber Stute; hörbar schnuppern bie Nüstern, tasten am blutroarmen Mutterkörper entlang unb finben halb ben Quell ber Milch, schlürfen, saugen, ziehen unb trinken.
*
Als bas Pferbekinb sich gesättigt hatte, knickte es bie Vorberbeine ein, senkte auch bie Hinterhanb unb saß im Gras, hob jedoch neugierig den Kopf, weil es sich nicht das geringste Geschehen entgehen lassen wollte. Die Ohren zucken empört, wenn nebenan das laute Muhen einer schwarzbunten Kuh herüberdröhnt; doch allmählich wird das Gewicht des Schädelchens zu schwer; man muß es senken, bettet es langsam und weich seitwärts die Schulter entlang, und ist schon eingeschlafen
Die Stute ging inzwischen weit voraus auf der schmalen Grasbahn, rupfte Nahrung vom Boden. Hier kann ja keine Gefahr drohen; auch der Mensch ist wohl unbedenklich. Das Muttertier hat recht; ich möchte am liebsten noch den Atem anhalten, um
die Schlafruhe des Fohlens nicht zu trüben. Ich will still zufchauen, wie der Fischreiher eben über den Deich abstreicht; ich will der Lerche zuhören, bie immer noch höher in bie blaue Himmelsglocke stößt, ein kleiner Punkt nur für bas Menschenauge, für unser Ohr aber bie Ursache, baß immer neue Jubellaute auf die Erbe nieberfinfen.
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Eine halbe Stunbe vergeht so. Plötzlich erwacht bas Pferbekinb; ich sah's, weil sein rechtes Auge blinzelte, unb bann wurde hastig der Kopf aufgeworfen. Nur für den Bruchteil einer Sekunde; schon neigte er sich wieder in der genüßlichen Faulheit des Nichtstunmüssens.
Aber wenn der Lebensmotor erst einmal angekurbelt ist, pocht er unerbittlich weiter. Zum zweitenmal hebt das Fohlen sein Gesicht, blickt verwundert im Kreis und müht sich — ohne ganz zurechtzukommen auf der endlosen Weite des grünen Wiesenlandes — um die Erkenntnis der Wirklichkeit. Zunächst zieht es bie Beine unter ben Leib; aber so geht es noch immer nicht; man muß bie Vorberläufe geradeaus strecken, gewissermaßen als zwei lange Wippbalken von die Brust legen, und dann erst kann man sich federnd aufrichten. Der Vorderkörper steigt hoch, ein Ruck, man steht auf allen vieren; der Huf des linken Hinterbeins kratzt geschwind die Nase: alles ist wie früher, und alles ist gut.
Aber etwas fehlt — die Mutter! Gerade jetzt könnte man sie besonders gut gebrauchen, weil neuer Dürft sich geltend macht. Doch in der nächsten Umgebung steht überhaupt keine Mutter; dafür weiden links und rechts, gestaffelt bis in die Ferne, viele große Mütter; wer soll sich da auskennen?
Gehen wir zur nächsten, denkt das Fohlen und zockelt los. Dabei kommt es dicht an mir vorbei, macht sich vor Verlegenheit ganz steif, flieht, erreicht auch die braune Stute; in diesem Augenblick tritt jäh an die vermeintliche Mutter ein anderes Fohlen und besetzt die Milchquelle — erster Irrtum im Leben unseres vierbeinigen Freundes.
Er läuft schnurstracks wieder zurück, beschnuppert die Stelle, wo er vorhin im Grase lag. Noch immer keine Mutter, keine Milch' Da entschließt er sich kühn zur einzig folgerichtigen Tat stellt Kopf und Hals wagrecht nach vorn zieht d'-e Lippen zurück, entblößt das rosarote K.eferfleisch: langgezogen wiehert das Füllen seinen hellen Hilfeschrei in die Luft hinaus.
Noch zittert ber letzte Hall, noch blähen sich bie Nüstern, ba kommt von ber Ferne kurz unb beut» lief) die Antwort: bas wahre Muttertier schnaubt beruhiqenb ein Richtungssignal, worauf der Sohn auslegt unb in gestrecktem Galopp zielsicher heran- findet zum wohlbereiteten Tisch...


