Donnerstag, 16. M 1956
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
HH64 Zweites Blatt
I
Ä bei Warme gemeßen wurden, frühmorgens var Sanmn-
Tatsache ist, daß der ganze Sommer 1911, und zwar schon die Monate Mai und Ium eigenartige Wettererscheinungen brachten, wie sie in der krassen Form seither nicht wieder beobachtet worden sind. Nicht etwa, daß die wüstenähnliche Hitze, die in den Juliwochen begann und mit geringen Unterbrechungen bis Anfang September währte, schon Dorlauser in den ersten Sommerwochen gehabt hatte. Nein, im Gegenteil gab es im Mai, Juni und sogar noch im Julianfang Kälterückfälle, die wir nicht glauben möchten, wenn sie nicht in den meteorologischen Beobachtungen der Stationen verzeichnet wären. Der Mai brachte regelrechte Schneestürme mit strichweise ungeheuren Frostschäden, auch der Juni ließ wiederholt nachts die Temperatur unter Null sinken und richtete in den Kulturen ungemeinen Schaden an, insbesondere aber überraschte der Julibeqinn durch eine Kälte, die geradezu unglaublich erscheint. In den Tagen vom 2. bis 5. Juli sanken die Temperaturen nachts in der Ebene bis zum Gefrierpunkt, die Höhen des Hunsrücks und .des Thüringer Waldes meldeten 3 bis 5 Grad Kalte, allgemein sind in Norddeutschland in jenen Julr- tagen Bohnen, Kartoffeln und Kürbiskulturen erfroren. Dabei waren die Tagestemperaturen gar nicht so niedrig. Es wurden mittags durchweg 20 Grad Wärme erreicht, das Seltsame der damaligen Wetterlage bestand in einer ungewöhnlich starken Abkühlung während der Nachtstunden, wie man sie auch in tropischen Breiten kennt.
Aus diesen Vorgängen kann man schon ableiten, daß der allgemeine Klimacharakter um die Mitte des Sommers 1911 mehr und mehr eine Wandlung zum kontinental-wüstenähnlichen Begriff erfuhr, wie auch tatsächlich die für unsere Sommermonate vorherrschenden ozeanischen Westwinde völlig aufhörten und die Luftströmung auf dem Festland ausschließlich kontinentalen Ursprungs war. Diese Veränderung der grundsätzlichen Luftströmung brachte es mit sich, daß der abkühlende Einfluß der See sowie die Durchfeuchtung der Luftmassen von ozeanischen Strömungen ausblieb. Bei überwiegend wolkenlosem Himmel — es gab im Sommer 1911 Abschnitte, während deren eine ganze Woche der Himmel ohne jede Wolkenbildung blieb und die Sonne unablässig strahlte — trocknete die M- mospbäre immpr mehr aus und erhitzte sich ständig, so daß es schließlich zu jenen phantastischen Hitzegraden kam, die die Juli- und Augustwochen 1911 zu einer meteorologischen Berühmtheit gestaltet haben. Verbunden mit dieser Ueberhitze und Abtrocknung der Luftmassen — der Feuchtigkeitsgehalt der Luft betrug mittags oft nur wenige Prozente — war jegliches Ausbleiben der Normalniederschläge. Abgesehen von strichweisen Gewittern, die aber nur kurze Platzregen brachten, aab es keinen Regen. So konnte es nicht ausbleiben, daß schon Anfang August 90 vH aller Wiesen kein Stück Grün mehr zeigten, vielfach war das Gras gelb und braun verbrannt, nicht selten aber auch völlig abgestorben, so daß nur der nackte, dürre Boden noch vorhanden war.
Eine bis in die letzten Ursachen gehende wissenschaftliche Erklärung für diesen Sommer hat man nicht. Aehnlich wie bei dem Polarwinter 1929
niert, da man bei längerer Dauer der Dürre keine Gewähr für die Versorgung mehr geben konnte.
Nur zwei Monate vergaß im Sommer der ozeanische Wind unser gemäßigtes Klima. Es war nur eine kleine Laune der Natur, die uns den Regen vorenthielt und ständigen Sonnenschein bescherte. An den katastrophalen Folgen, die diese Laune mit sich brachte, ersehen wir, wie zufrieden wir mit unserem Klima und mit dem Westwind sein sollen, der uns zwar manchmal mit Regen überrascht, aber für unsere Kulturen ein Segen ist.
sind für jeden da, der sich darum bemüht, die trägt die Evde für die Bedürftigen, daß sie im Sommer, wenn die Bauern mit Sense und Wagen auf ihre Felder ziehen, auch ihre Ernte halten können.
aufgang aber nur 5 bis 10 Grad, so daß sich ein Temperaturwechsel von 30 Grad innerhalb 15 Stunden ergab. Nochmals sei betont, daß diese Rekordwerte nicht einmalig waren, sondern den ganzen Zeitraum von Mitte Juli bis Ende August sich wiederholten. Auch Westeuropa litt unter ungeheurer Hitze. London erreichte Höchstwerte von 35 bis 38 Grad, Paris erreichte 39 Grad im Schatten.
Znstrumentalmusiker unter den Vögeln.
Ueber Dogellaute, die nicht wie bei den gefieberten Sängern üblich durch den Kehlkopf, sondern durch andere Mittel hervorgebracht werden, plaudert in „Reclams Universum" Mr. M. Eisentraut. Das laute Trommeln der Spechte beispielsweise, das zur Fortpflanzungszeit weithin zu hören ist, kommt dadurch zustande, daß die Tiere mit ihrem Schnabel rasch aufeinanderfolgende Schläge gegen einen dürren Ast ausführen. Die Störche sind stimmlos; das Klappern, das sie gern auf dem Nest als Begrüßung des Ehepartners ver- nehmen lassen, geschieht durch Aufeinanderschlagen von Unter- und Oberschnabel. Kopf und Hals wer- den dabei auf den Rücken gelegt. Em anderes Beispiel für einen „Jnstrumentalmusiker" ist die Be- kassine, die zu den Schnepfenvögeln gehört und die in Sumpfgebieten nicht selten anzutreffen ist. Das Männchen fliegt bei seinem Balzflug hoch in die Lust und läßt sich dann mit angelegten Mügeln schräg nach unten fallen. Dabei ist ein charaktenstl- scher schnurrender Ton zu vernehmen. Dieser wird nicht durch die Luftwege des Tieres hervorgebracht, sondern kommt dadurch zustande, daß infolge der raschen Abwärtsbewegung ein Luftstrom unter den Flügeln nach hinten gleitet und die beiden außer- ften, besonders gebauten und weit abstehenden Schwanzfedern in vibrierende Bewegung versetzt. Der entfernt an das Meckern einer Ziege erinnernde Ton hat der Bekassine den Namen „Himmelsziege" eingebracht.
1911, der Sommer ohne Regenwolken
Erinnerung an den heißesten Sommer Deutschlands vor 25 Jahren.
Von Walter Lammert.
rungsejtreme-------
innert Die verhängnisvollen Dürreerschemungen kamen schon Ende Juli zum Ausbruch, weil der Frühling und Vorsommer 1911 einen Mangel an Regen gehabt hatte und somit der Boden keine Feuchtigkeitsreserve erhielt. Die schwere Mißernte, die Deutschland mir dadurch überstehen konnte, weil man aus dem Ausland entsprechend einführte, — nichtsdestoweniger erlitt die Landwirtschaft ungeheure Ausfälle — führte zu zahlreichen wirtschaftlichen Zusammenbrüchen. Die höchsten Temperaturen, die in jenen Monaten gemessen wurden und sämtlich amtliche Messungen unter Wahrung aller Vorschriften darstellten, betrugen m Deutschland 35 bi s 41 Grad im Schatten. Sie waren nicht einmalig, sondern wiederholten sich in jeder Woche des Juli und August, und man konnte einen Tag als „sehr kühl" bezeichnen, wenn die Mittagstemperatur „nur" 25 bis 30 Grad betrug. Es hat im Jahre 1911 keinen Ort m Deutschland gegeben — soweit Beobachtungen ausgefuhrt worden sind — dessen Höchsttemperaturen nicht 35 Grad gewesen wäre. Die Halste aller deutschen Städte hat absolute Hitzerekorde von 36 bis 38 Grad im Schatten gemessen, die sich fünf- dis zehnmal wiederholten. Eine Reihe Plätze brachte es auf 39 bis 40 Grad im Schatten wie Chemnitz, Stettin, Leipzig. Westdeutschland meldete als absolute Rekorden 38 bis 39 Grad Celsius. Trotzdem gingen die Nachttemperaturen zuweilen bis auf wenige Grad über Null herab. Es ist z. D. interessant, daß in Pommern mittags 35 bis 37 Grad
Reichsbahn, Reichspost und Schiffahrt haben für , den Olympia-Verkehr gründliche Vorderer- । tunqen getroffen, die in Art und Größe unvergleichlich sind. Allein die voraussichtlichen B e s o r - derunqszahlen der Reichsbahn werden so hoch geschätzt, daß der Laie von einem leichten Schwindel befallen wird, wenn er an die Bewältigung dieses Riesenverkehrs denkt. Der organisatorischen Lösung einer solchen Aufgabe kann der Außenstehende nur mit stiller Bewunderung entgegensetzen. Aber nicht nur auf den Bahnhofen und m den'Häfen wird in den kommenden Wochen eine Hochflut des Verkehrs herrschen, auch die Rollfelder der deutschen Flugplätze werden ganz un Zeichen der Olympischen Spiele stehen. Die Deutsche Luft-Hansa rüstet sich ebenfalls, um dieser großen Derkehrslast begegnen zu können. Es ist em schönes Zeichen des Olympia-Emsatzes der DLH., daß sie allen Olympia-Kämpfern und den Begleitern der Mannschaften auf ihrem gesamten Streckennetz eine Flugpreisermäßigung von 20 v.H. ge- "schon hat der Flughafen T-mp-lhof seinen Olympia-Fahnenschmuck aufgezogen, denn bereits seit Tagen bringen die Luft-Hansa-Maschinen zahlreiche Olympia-Gäste aus dem Auslande nach der Reichshauptstadt. Der Pressereferent der Deutschen Lust-Hansa, Matthias, macht zwar darauf aufmerksam, daß eine Erweiterung des Luftverkehrs aus Anlaß der Olympischen Spiele nur m begrenz- tem Umfange möglich sei, da dl- Lust-Hanf- s-hon in ihrem normalen Fahrplan sämtliche Maschinen im Verkehr einsetzt, so daß eine Verstärkung durch Flugreserven nicht möglich ist. Ein Blick hinter Die Kulis en verrät aber, daß dennoch eine Steigerung b e r Beförderungszahlen erreicht werden kann und daß für solche Spitzenleistungen auch Vorsorge getroffen ist. Beispielsweise sind alle eigentlich erst für die Olympia-Zeit fristgemäß fälligen Ueberholungen von Flugzeugen schon letzt ausgeführt worden, damit während der kommenden Wochen keine Maschine aus dem Verkehr gezogen : zu werden braucht. Außerdem kann jedes der Flug-
Im Nachfolgenden sei an einige der Witte- der Juli- und Augustwochen er-
Nach dem Mittagsläuten, wenn die Schule aus- gegangen ist, kommen die Kinder lärmend zum Bei- । stand in den Wald und machen schnell die Platze mit schönsten Heidelbeeren ausfindig, und bald schütten auch sie das erste Mäßlein voll in ihren Eimer, den sie bis zum Abend noch füllen wollen. Und wahrhaftig: wenn die Schatten lang werden und die Glieder müde, wenn die Augen brennen und es im Magen vernehmlich knurrt dann find fast alle Gefäße bis zum Rande voll und so schwer^ daß man sie kaum tragen kann. Es ist nur gut, daß der Kramer-Michl mit seinem Fuhrwerk auf der Holzstraße am Waldrand wartet unb den Ermatteten ihre Last abnimmt. Auf der Wagenbrucke sind Fässer und Kisten aufgestellt, und am Wegrand steht die große Waage, auf der die Tagesernte rchch abgemessen wird. Aus seiner dicken Ledertasche, die der Fuhrmann umgeschnallt tragt, Zahlt er Den Kindern und Burschen und Frauen ihr Geld aus: Zehner und Kupferpfennige, Silberstucke, und wenn es ein besonders ertragreicher Tag war, sogar einen Taler. Auf dem Heimweg rechnen sie dann aus, wieviel sie sich in diesem Sommer schon erbrockt haben, und die Kinder freuen sich, wenn es nun bald zu einem Paar Schuhe oder gar zu einem Sonntagsgewand langt, denn das müssen sie sich schon selber verdienen.
Jetzt sind die Taae so lang," seufzen die Frauen, wenn sie um die Dämmerung heimkommen, „und sollten doch noch ein Stück länger fein, daß. ste aus- reichen!" Denn nun gibt es noch Derlei m Haus unb Stall zu versorgen, worum sich die Rinver nicht zu kümmern brauchen, bie mit Barenhunger auf bie gefüllten Schüsseln lossturzen.
So geht es Tag für Tag, bei labern Wetter. Wenn bie talnahen Walbstreifen leergepfluckt finb, wo bie Beeren am frühesten zeitig werben Ziehn sie höher am Hange hinauf, unb bas wirb noch beschwerlicher, unb schließlich zupfen, ste oben auf bem Grat unb brüben auf ber Wlnterseite Und wenn die Heidelbeeren zu Ende sind, haben sich die Himbeeren auf den Schlagen blutrot gefarbtz und zuletzt, nach der Kornernte, werden die Brombeeren am Feldmark und in den Buschen reif.
Ja, der Wald ist schon ein rechter Segen für die Häusler und armen Leute, bie Jemen eigenen JKtfer bebauen können; er ist das letzte Stuck Volk s tz^ dessen alle teilhaftig werden, die im Gebirge häufen. Freilich das Stammholz, das haben ste allmählich gelernt, dürfen sie sich „nicht f$la^n, rote • 7s ihnen paßt, auch das Wild dürfen sie nicht mehr . schießen wenn es ihnen gleich manchmal hart an- : kommt aber die niederen Waldfrüchte am Boden, Schwämme und Wurzeln, Kräuter und Beeren, die
zeuge im Rahmen seines täglichen Streckenpro- gramms ohne weiteres stärker ausgenutzt werden und feine Strecke im Laufe eines Tages mehrmals befliegen.
Schon heute läßt sich erkennen, daß ganz bestimmte Strecken eine besondere Verkehrszunahme erfahren werden. Das wird vor allem auf den Nor- wegen-, England-, Frankreich-, Spanien- und Bal- kanstrecken der Fall sein. Auf allen stark bean- spruchten Linien wird die Deutsche Lufthansa eme Verkehrsverdichtung durchführen, die bis zu einer Verdreifachung des normalen Verkehrs gesteigert werden kann. Obwohl die Deutsche Luft- Hansa in ihrem täglichen Flugplan über schätzungsweise 3000 Plätze im Gesamt-Streckennetz verfugt, muß — im Hinblick auf die großen Olympia-An- forberungen — eine rechtzeitige Platzbestellung bringen!) empfohlen werden.
Zu ber in Kiel ftattfinbenben Olympia-Re- gatta hat bie Deutsche Luft-Hansa einen Flugson- berbienft Berlin —Kiel vorbereitet. Es wird möglich sein, von ben Berliner Kampfstätten m einem .Katzensprung" nach Kiel zu gelangen.
Eine besonders dankenswerte Einrichtung während der Olympischen Spiele stellt die Deutsche Luft-Hansa mit ihren täglichen Rundflu ge n zur Verfügung. Solche Rundslüge über Berlin sind bereits zu einem der wichtigsten ^rogrammpunfte aller auswärtigen Besucher geworden. Der Rund- flugpreis beträgt fünf Reichsmark. Während dieser Zeit werden auch alle Schülerrundflüge ausfallen, damit möglichst vielen unserer Gaste ein solches einzigartiges Flugerlebnis zuteil wird. Es- ift erfreulich, daß besonders viele ausländische Besucher im Flugzeug zu uns kommen werden, denn jeder Flug über Deutschland zeigt das Gesicht unserer Landschaft und unserer Städte besonders eindrmg- : lich und anschaulich. Mit diesem „Blick von oben ■ trägt der deutsche Luftverkehr dazu bet, vielen tausend Besuchern der Olympischen Spiele unser deut- sches Vaterland in seiner ganzen Größe und Eigen- - art besonders weit zu erschließen.
dem Sommer 1911 um eine Klimaschwankung, deren letzter Beweggrund nicht gefunden werden konnte. Wenn wir die Wetterkarten jener Sommerwochen 1911 betrachten, so finden wir eine unver- , stündliche Beharrlichkeit der Hochdruckbildung über Mittel- und Nordeuropa. Man könnte annehmen, daß das bekannte Azorenhoch, das gewöhnlich im Raume der nach ihm benannten Inseln sich aufhält, einen größeren Teil seines Schwerpunktes nach Europa verlagert hatte und dort sich ebenso widerstandsfähig erwies, wie es in seiner normalen Situation über dem Mittelatlantik ist. Nur so ist es zu erklären, daß die ungeheure Hitze, die in gewöhnlichen Sommern automatisch eine atmosphärische Störung mit Gewittern und durch sie Zufluß kühler, feuchter Seeluft herausfordert, sich 1911 dank der unerschütterlichen Ruhe und Energie des Azo- renhochs ober richtiger gesagt nach Mitteleuropa verlagerten Azorenhochs behaupten konnte. Obwohl an jebem Tag bie Temperatur weit über 30 Grab im Schatten stieg, blieb ber Luftbruck ruhig und gleichmäßig hoch. Da die über dem Festland lagernden Luftmassen ihre Substanz nicht veränderten, sondern dauernd „Made in Germany" blieben, entwickelten sich in ihnen auch keine Storungskeime. Die mitteleuropäische Atmosphäre war von allen jenen Zonen, die, wie z. B. der Atlantik, das Mittelmeergebiet oder das Nordmeergebiet fremdartige Luftmassen herbeischaffen konnten, durch die stationäre Lage des Hochs isoliert. Wenn sich in den küstennahen Zonen hin und wieder gewittrige Einflüsse ins Land ausdehnten, so machte man die eigenartige Feststellung, daß das Hoch über dem Kontinent sogleich sich kräftigte und durch eine Ausweitung nach den Seiten die Störungseinflusse wieder zurückschob. Auf diese Weise stellte sich der vorherige Wetterzustand wieder her, es kam nicht zu einem wirklichen Wetterumschlag.
wo sie sich zwischen den tausend Stämmen verteilen. Sie haben sich einen Keil Schwarzbrot und em । Fläschlein Milch eingesteckt, und die Männer haben \ natürlich auch ihre Tabakpfeife nicht vergessen, denn in bie en Wochen, wo bie Walbbeeren zeitig sind, muß man ben Tag nutzen, unb vor bem Nachtlauten - kommt keiner, ber in ber Frühe auszieht, wieder ^Da hängen nun die schwärzlich-blauen Beerlein allenthalben im lichtgrünen Kraut, das den Wald- qrunb stundenweit ohne Unterbrechung deckt, von Der fruchtbaren Nadelerde gespeist, und von ber Sonne gefärbt unb mit Süße gefüllt. Sie fmb kleiner als die Perlen des Rosenkranzes, unscheinbar und fast ohne Gewicht: und doch füllen sie noch am selben Abend im Dorf Hunderte von flachen Kisten und eine Reihe hoher gebauchter Fässer, an denen sich em Pferd auf dem Wege zur Bahn matt ziehen kann. Da gilt es nun, ameisenhaft zu arbeiten und nicht zu rasten, damit die Büsche leer unb bie Eimer voll werben. Gebückt, scharfäugig schreiten die grauen langsam ben Walb ab, bis sie an einen Platz gelangen, wo sich bas Brocken lohnt. Dort knien sie sich nun vorsichtig nieber, baß sie keine Beeren zerquetschen, unb beginnen flinffingerig bie ruajte m bas Maß zu zupfen, bas ihnen am Gürtel hangt. Wer biese rissigen, spröben, harten Hanbe sieht, Die van ber schweren Tagesarbeit lebern unb zah geworben sinb, meint wohl, sie müßten stumpf unö empfinbungslos sein: aber jetzt, beim Beerenbrocken springen unb laufen, tasten, suchen unb greifen biese Finger so geschwind und sicher, als ob sie Fühler hätten wie Biene und Schmetterling. Die Beerenpflücker brauchen kaum ihre Augen: die Smger finden sich von allein zu den dunkelblauen Kügelchen, bie auf einem winzigen Stengelchen aus bem B at- terroerf wachsen. Becher um Becher füllen biese emsigen Finger, unb langsam schwillt m ben hohen Kannen unb Eimern bte Beerenflut an. A^ch em paar Stunben beginnen barm bie Kme zu schmer.zem Da richten sich bie Sammler auf unb strecken ihre ©lieber aus unb setzen sich wohl auch einmal em paar Minuten auf einen Baumstumpf, essen einen Bissen Brot, nehmen einen Schluck Milch aus Der Flasche unb lassen eine Hanbvoll Heibelbeeren m ben Munb rinnen. Dann schnaufen sie noch einmal tief, wischen sich ben Schweiß von ber ©turni unb_ *?uern sich setzt um bie Knie em wenig zu schonen, zwischen bie Beerenkräuter nieber. Die Wabenmuskeln spannen sich an unb schmerzen, unb in bem gebeugten Rücken zieht es brennenb rote bas Zipperlein — aber was hilft's? Die Ernte, bie ihnen ber ^Elsvater : draußen im Walbe beschert hat, können sie nicht ver- , kommen lassen.
Beerenernte.
Von Johannes Linke.
Nicht jebermann hier im Böhmerroalbgebirge hat feinen eigenen Acker: bas bestellbare ßanb ift gering, aber in ben Dörfern, bie noch em unversteglicher Blutguell finb für bie Stübte unb bas Laub, wachsen Jahr für Jahr Buben unb Mäbchen heran, die nicht alle in bie Frembe ziehen. So werben alljährlich neue Hütten unb Häuser neben bte alten gebaut, aber bie Felber wachsen nicht mit ber Bevölkerung, wenn auch öfters ein Fleck Wald probet ober eme steinige ober versumpfte Wustung urbar gemacht wirb.^So leben bie Häusler zwischen ^eder" bie nicht ihnen gehören, unb nur einen fdjmalen Streifen ßanb, um barauf ihre Erbapfel unb ihr Kraut zu bauen, bekommen fie m jebem Frühling vom Bauern zugewiesen, bem fie bafur wieber zu Zeiten, wo jeher Arm gebraucht wirb, Hilssarbe leisten müssen. t
Und doch hat hier auch der Arrmste, dem k°m noch so winziges Stück Land zu eigen gehört seine Ernte- gründe Unabsehbar dehnt sich ber Wald über ben Hügelkuppen, Hangen und Bergrücken aus, Bauernwald, Herrenwald, Staatssorst nach dem geschnebe nen Gesetze, aber nach dem uralten Gewohnheitsrecht Wald der Armen. Sie säen nicht, wenngleich manche von ihnen die stattlichen Tannen als spannenlange Sämlinge in den steinigen Grund pflanzten aber^die Ernte gehört ihnen doch. Unerschopsliche R $ .
bewahrt der Waldboden, der ohne menschliche^Zutun in jedem Sommer seine Früchte upp.g re en latzt nicht für irgendeinen Besitzer, sondern su j , ,,e<5i‘ed,braud)en kein Fuhrwerk und kein.Gespann keine Sense und keinen Wiesbaum, keine Tenne und keine Scheune für ihre Ernte: Mit zerbeulten Kruge und alten Blecheimern, w>° ihnen der Kramer aeaen ein Vergeltsgott gibt, ziehen sie aus, uno versteckt, den der Forster oder der Wachtmeister Nicht zu sehen braucht, weil er verboten ist.
Früh am Morgen, wenn ber Tau noch silbrig aus ben Talwiesen glänzt, klappert es ^°^7entlaffen^en gasse, ba kommen bie Weiber unb schulentlassenen Mäbchen unb auch bie Burschen, da nach kerne anbere Arbeit gefunben haben, nut ihren Buchsen unb Kannen aus ben Türen, sind en sich zu Trupp lein msammen unb roanbern scherzenb unb plau- dernd^ miteinander durch die Hohlgasse und au, den Feldwegen ben weiten, schattenbunklen Walbern zu,
In ben Juli- unb Augustwochen bieses Jahres finb es 25 Jahre her, baß bie größte unb verhängnisvollste Hitze- unb Dürreperi- obe, bie unter Klima feit Bestehen zuverlässiger meteorologischer Beobachtungen verzeichnete, Deutschlanb unb weite Teile Westeuropas heimsuchte. Wir bringen nachfolgenb einige benkwürbige Einzelheiten aus jenen Tagen, bie man eine Verschiebung bes Wüstenklimas nach Deutschlanb nennen könnte. Sie haben im Hinblick auf bie Hitzekatastrophe in Amerika besonberes Interesse.
Der ungesicherte Bahnübergang.
Noch einmal gut abgegangen.
♦ Kesselbach (Kreis Gießen), 15. Juli. Heute früh gegen 8.30 Uhr kam es an bem Bahn- Übergang ber ßurnbatalbahn bicht bei unserem Orte beinahe zu einem Zusammen- stoß zwischen einem Personenauto unb einem Zug. Der ßenfer bes Personenautos bemerke infolge schwieriger Sichtverhältnisse ben Zug erst etwa 6 Meter vor ber ßokomotive. Geistes- gegenwärtig gab er, ba ber Kraftwagen nicht mehr zum Stehen gebracht werben konnte, Vollgas unb sauste bicht vor ber ßokomotive noch über bas Bahngleis hinweg. Bei ber raschen Fahrt konnte ber Autolenker allerbings nicht verhinbem, baß er jenseits bes Bahngleises mit seinem Kraftwagen bie Böschung hinunterfuhr. Aber auch Dabei hatte er Glück, benn bie Abfahrt verlief für ihn unb ben Kraftwagen ohne jeben Sch oben.
Hochschulnacknchien
Professor Dr. Walter Weizel, Drbinartus für theoretische Physik an ber Technischen Hochschule Karlsruhe, ist in gleicher Eigenschaft an Die Universität Bonn berufen worben.
Don ben amtlichen Verpflichtungen mürben wegen Erreichung ber Altersgrenze entbunben: Professor Dr. Paul ßinser, Orbinarius für. Haut- unD Geschlechtskrankheiten an ber Universität Büdingen; Geheimer Mebizinalrat Professor Dr. Franz Schieck, Ordinarius für Augenheilkunbe an ber Universität Würzburg; Professor Dr Fuhne r, Orbinarius für Pharmakologie an ber Uni 1 oersttät Bonn, i
Das wirtschaftliche ßeben erlitt schwere Schabi- gungen — aber auch mancher Nutzen würbe verzeichnet. Kein Sommer hat ben ©eebäbern eine Derartige Konjunktur gebracht wie ber Sommer 1911, kein Wein ist wieder so gut geraten wie ber 1911er. Anbernteils lag bie Binnenschiffahrt bante- ber. Die Truppenübungen für bie Kaisermanover fielen aus, ba es nicht zu verantworten war, bie Solbaten in ber täglichen Glut bie Hebungen verrichten zu lassen. Die Schulen verlängerten ihre Ferien teilweise um brei Wochen, weil es unmöglich war, in ben Schulräumen, bie bauernb 30 bis 33 Grab Wärme aufwiesen, zu arbeiten. Zahlreiche öffentliche Behörben hatten ihre Dienststunoen auf frühmorgens bis mittags verlegt, weil in ben Nachrnittagsstunben bie Hitze jede Betätigung unmöglich machte. Traurig sah es auf bem ßanbe aus. Obst war ein unbekannter Begriff. Birnen, Aepsel unb sonstige Früchte waren nicht größer als eme Kirsche geworben, würben runzelig unb schumpsten zusammen, um schließlich abzufallen. Ungeheure Walb - unb Moorbränbe würben täglich aus allen Teilen Deutschlands gemeldet, vielfach handelte es sich um ausgesprochene Selbstentzündung. In fast allen Städten war bas Trinkwasser ratio-
Deutschland von oben.
Olvmvia-Verkehr der Lust.-Verkehrsverdichtung auf den wichtigsten Strecken.
Sonderdienst Berlin—Kiel.
Erst im September, als ber jahreszeitliche Rückgang ber Sonnenstrahlung unb bie allmähliche gesetzmäßige Umstellung ber Atmosphäre auf ben Herbst begannen, schlug bie Heißwetterlage über Mitteleuropa jäh um, unb führte zum „normalen Wetter.


