ttr.89 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)Donnerstag, si>.ApriIMb
machung in Serbien und Rußland von Ellerbrock in Kamina ausgenommen wurden, da wußten die Funker, daß jetzt die verantwortungsvollste
Ausfall einen Ausgleich zu finden. Solange das Kompensationsgeschäft den Welthandel beherrscht, wird dies allerdings auch kaum gelingen, weil die großen Baumwolloerbraucher der Welt ebenso wie die Vereinigten Staaten Industrieländer sind und daher mit ihnen nur beschränkte Austausch- Möglichkeiten besitzen. Jedenfalls wird durch die Erfahrungen der Amerikaner in der Baumwollerzeugung bewiesen, daß die von der Chemie ausgehenden revolutionären Umwälzungen der Weltwirtschaft durch die heute üblichen Formen des zwischenstaatlichen Warenaustausches eine keineswegs wünschenswerte Schärfe bekommen.
Im Hinblick darauf aber liegt es im Interesse der Menschheit, daß der Welthandel möglichst bald von seinen heutigen Fesseln befreit wird, zumal die Naturwissenschaften noch lange nicht ihre weltwirt-
wie früher. Daneben wird jedoch noch die Schifffahrt benachteiligt, die bisher den Rohgummi in die Verarbeitungsländer und die fertige Ware von dort wieder in die Verbrauchsländer befördert hat.
Eine nicht minder große Wirtschaftserschütterung verbirgt sich hinter der Erfindung der chemischen Düngung. Daß sie uns nicht durch äußere Störungen fühlbar geworden ist, ist vermutlich nur darauf zurückzuführen, daß ihre allgemeine Verbreitung sich über Jahrzehnte erstreckt hat und durch unsere gleichzeitige starke Bevölkerungsoermehrung und die ihr zu dankende Steigerung unseres Nahrungsverbrauches gemildert worden ist. Jene Errungenschaft hat es uns nämlich ermöglicht, in den letzten fünf Jahrzehnten unsere landwirtschaftliche Erzeugung um 50 bis 100 v. H. zu steigern, während in den Jahren von 1885 bis 1905 die Bevölkerung Deutschlands von 36 auf 60 Millionen Menschen gestiegen ist, sich also fast verdoppelt hat. Wenn es der Chemie damals nicht gelungen wäre, unsere Ernährungsgrundlage durch Verbesserungen der Düngung zu verbreiten, dann hätten wir unsere Ausfuhr zum Bezug ausländischer Nahrungsmittel noch mehr, als es geschehen ist, entwickeln müssen und wären dadurch entweder mit anderen Industriestaaten auseinandergeraten oder wir hätten einen großen Teil unseres Bevölkerungszuwachses durch Auswanderung an das Ausland abgeben müssen. Die chemische Düngung hat also in den letzten 50 bis 100 Jahren einen zwar verborgen gebliebenen aber doch entscheidenden Einfluß auf den Verlauf unserer Geschichte und derjenigen Europas gehabt.
Heute im Zeitalter des Kompensationsgeschäftes müssen allerdings solche Fortschritte, zu denen z. V. auch die vorungefähr lOOJahren erfolgte Verdrängung des Rohrzuckers durch den Rübenzucker gehört, die davon betroffenen Länder, und zwar sowohl als Lieferanten wie als Abnehmer, wenn es sich um so wichtige Bedarfsgegenstände wie den Zucker handelt, in geradezu' katastrophale Lagen bringen, weil es bei jener Form des unmittelbaren Warenaustausches weit schwerer als beim früheren Ringtausch ist, etwaige Ein- und Ausfuhrausfälle auszugleichen. Das würde sich zeigen, wenn es z. B. plötzlich gelänge, das synthetisch gewonnene Benzin zum Preise des natürlichen herzustellen. Welche Umwälzungen würden dadurch allein in der Tankschiffahrt herbeigeführt werden! Ihre Schiffe würden dann nämlich zum größten Teil wertlos werden, weil alle Kohlenländer als Bezieher ausländischen Oeles ausfielen.
Wie stark aber durch solche Neuerungen der Welthandel umgestaltet wird, hat die Entwicklung gezeigt, die der Markt des der Herstellung der blauen Farbe dienenden Indigos durch die Entdeckung der Anilinfarben genommen hat. Während Deutschland bis zum Jahre 1895 aus Indien jährlich rund zwei Millionen Kilogramm dieser Pflanze im Werte von 21 Millionen Reichsmark bezogen hat, ist ihre Einfuhr seitdem immer geringer geworden und hat im Jahre 1906 völlig aufgehört. Dafür hat Deutschland im Jahre 1898 bereits für 7,5 Millionen Reichsmark an blauem Farbstoff ausgeführt und diese Menge bis zum Jahre 1906 auf 31,6 Millionen Reichsmark gesteigert. Wenn man sich vorftellt, daß der größte Teil dieser Summen Arbeitslohn ist, dann muß man zugeben, daß solche Umschichtungen allein für die davon betroffenen Arbeitsmärkte von geradezu revolutionärer Bedeutung sind.
Wir haben augenblicklich Gelegenheit, einen Beweis für diese Behauptungen mit eigenen Augen auf dem Baumwollmarkt der Vereinigten Staaten von Amerika zu beobachten. Die Nachfrage nach diesem Erzeugnis ist nämlich geradezu in katastrophaler Weise nicht nur durch die Erschließung neuer Geriete für den Baumwollanbau,
Eine Funkstation reist durch die Feindsperre.
Da die Kabelverbindungen den Deutschen verschlossen wurden, fielen dem Funkverkehr die größ- ten Aufgaben zu. So war es von besonderer Be- deutung, in dem damals noch neutralen Amerika eine große Gegen st ation zu besitzen. Im Dezember 1914 wurde der alte Hochsrequenz-Maschi- nensender mit 120 Kilowatt Antennenleistung in seine Bestandteile zerlegt. Viele kleine Kisten nahmen ihren Weg nach einem Hafen, wo sie als „M aschinenteile für Amerika" eingeschifft wurden. Am Rande des Eismeeres entlang nahm der Dampfer mit der wertvollen Fracht den Weg nach Lang Island. Im Mai 1915 stand der Maschinensender aus Nauen in der Funkstation Say- ville, und der Gegenverkehr riß nunmehr nicht mehr ab. Für die feindlichen Schiffe wäre dieser Sender eine willkommene Beute gewesen.
Legende vom gefälschten Funkspruch.
Im September 1917 wurde jener Funkspruch an „LZ 5 9" gesandt, der die Mitteilung brachte, daß Lettow-.Vorbecks Ostafrikakämpser auf portugiesisches Gebiet übergetreten seien. Das Luftschiff kehrte daraufhin in der Gegend von Khartum um. Um diesen Funkspruch haben sich viele Legenden gebildet, es wurde behauptet, daß ein feindlicher Sender einen gefälschten Befehl an „LZ 59" gesandt habe, um die Versorgung Lettow-Vorbecks mit Medikamenten und Waffen zu unterbinden. „Wir waren selber zugegen, als der Funkspruch über
(Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
Vor 30 Jahren — im April 1906 — wurde im havelländischen Luch die Versuchsstation Naüen für den drahtlosen Telegraphieoerkehr eingerichtet. Oberingenieur Hermann Neumann, der das Werden der Funkstation von der Holzbaracke bis zur Weltstation selbst miterlebt hat, erzählte unserem H. D.- Mitarbeiter interessante Einzelheiten.
Aml8.10.1913-mittagSlLlhrMEZ.
Das alte Tagebuch der Funk st ation Nauen weist die Eintragungen vieler in die Welt hinausgegangener historischer Funksprüche auf, teils funktechnisch Meilensteine einer neuen Entwicklung — teils von weltpolitischer Bedeutung. Eines jener Telegramme, die eine neue Aera im Welt- nachrichtendienst bedeuten, ist unter dem 18. Oktober 1913 um 1 Uhr nach mitteleuropäischer Zeit im Tagebuch von Nauen eingetragen. Dieses Telegramm wurde der Funkstation Sayville auf Lang Island (USA.) übermittelt: Dieses „Telegramm in der Mittagsstunde" eröffnete den regelmäßigen Funkverkehr von Erdteil zu Erdteil über 6300 Kilometer Entfernung zu jeder Tages- und Nachtzeit.
Tage und Wochen waren früher die auf den Dampfern über die Weltmeere reisenden Menschen vom Geschehen in der großen Welt abgeschlossen. Als sich der Dampfer „Cap Trafalgar" auf seiner Jungfernfahrt nach Buenos Aires befand, funkte ihm Nauen alle paar Stunden die neuesten Tagesnachrichten zu: die erste drahtlose Bord- zeitung war geboren! Jeder Funkspruch wurde zuverlässig empfangen, 9000 Kilometer Entfernung bildeten kein Hindernis mehr.
In den letzten Iulitagen 1914 ...
„Im Sommer 1914 hatten wir in Nauen gerade den Probebetrieb mit tier auf afrikanischer Erde befindlichen deutschen Großfunkstation Kamina in Togo ausgenommen", so erzählt Oberingenieur Hermann Neumann, der damals Betriebsleiter von Nauen war, „da erschütterte im Juni die Nachricht von der Ermordung des österreichischen Thronfolgers die Welt. Die Funksprüche, die wir an unsere afrikanische Gegenstation Kamina sandten, wurden immer bedrohlicher. An der Morsetaste in Nauen saß der. Funkbeamte Heck, in Kamina nahm die Nachrichten der Beamte August Ellerbrock auf. Als in den letzten Julitagen 1914 die Funksprüche von der Mobil-
gesperrt werden — Nauen mußte die große Stimme Deutschlands an alle werden!
Am 31. Juli 1914 zeigt das Tagebuch von Nauen die historische Eintragung: „2. August ist erster Mobilmachungstag!"
EQ. warnt über alle Meere.
Die riesige Bedeutung der Funkstation Nauen wurde allen Funkern klar, als die Morseverbindung mit dem Haupttelegraphenamt in Berlin und mit dem Großen Generalstab hergestellt wurde, als Militär mit Feldgeschützen und Maschinengewehren die Bewachung der Funkstation übernahm, und als unablässig die Funksprüche mit den Buchstaben: „CQ" — Funksprüche an alle — in den Aether hinausgesandt wurden: „Krieg ausgebrochen mit Frankreich und Rußland!" — „Krieg mit England!"
Die deutschen Schiffe auf allen Meeren der Welt, die deutschen Menschen an den entlegensten Stellen des Erdballs erhielten diese erschütternde Mitteilung durch Nauen. Und sie erfuhren auch von Deutschlands Siegen bei Lüttich und bei Tannenberg durch Deutschlands Stimme zur Welt: Nauen war Kämpfer geworden gegen die Greuellügen der Fein>- mächte!
Funksprüche, die die Wett bewegten
30 Jahre Funkstation Nauen. — „Telegramm in der Mittagsstunde' eröffnet den Weltverkehr. -„USA. antwortet nicht!"
Politische und wirtschaftliche, durch wissenschaftliche Entdeckungen yerbeigeführte Umwälzungen unterscheiden sich dadurch von einander, daß die ersteren als Revolutionen schlagartig einsetzen, während sich die letzteren schrittweise ausbreiten. Deshalb sind ihre Rückwirkungen auf das Leben der Völker jedoch nicht geringer als die politischer Revolutionen. Um das zu erkennen, brauchen wir uns nur der Erfindung d e r S ch r i f t und dann derjenigen der Buchdruckerkunst und ihres Einflusses auf die Gestaltung der menschlichen Geistestätigkeit zu erinnern. Es gibt nicht viel Ereignisse, die sie so revolutioniert haben wie gerade diese Entdeckungen. In dieser Beziehung lassen sich ihnen höchstens die Errungenschaften der modernen Naturwissenschaften, insbesondere der C h e m i e an die Seite stellen. Gerade die hat nämlich der Menschheit eine ganze Anzahl von Neuerungen gebracht, die im Laufe von Jahren ganz bedeutende Umschichtungen im Welthandel verursacht haben und die uns deshalb dazu berechtigen, sie als eine weltwirtschaftliche Revolutionärin zu bezeichnen. Dafür seien hier einige Entdeckungen angeführt, die entweder in der Natur gefundene Rohstoffe durch synthetische ersetzt haben oder im Begrifs sind, es zu tun, oder die die landwirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Länder so gesteigert haben, daß sie sich in ihrer Ernährung vom Auslande haben unabhängig machen oder wenigstens ihre Nahrungsmitteleinfuhr trotz starker Be- oolkerungszunahme nicht in dem ihr entsprechenden Umfange haben zu steigern brauchen.
Bevor wir auf die wirtschaftsrevolutionäre Bedeutung solcher Erfolge menschlicher Forschertätiq- keit eingehen, sei zunächst zum Verständnis dieser Zusammenhänge darauf hingewiesen, daß der Welthandel, da Einfuhr nur mit Ausfuhr bezahlt werden kann, ein zwischenstaatlicher Warenaustausch und nicht Warenein- und -verkauf gegen Geld ist. Daß viele Leute sich dieser Tatsache nicht bewußt sind, ist darauf zurückzuführen, daß in der Vorkriegszeit die Einkäufe eines Staates in anderen Ländern durch Ueberweifungen von Geld dorthin bezahlt worden sind. Das ändert jedoch nichts daran, daß die damaligen Warenkäuse in ihrem Wesenskern nichts anderes gewesen sind als die heutigen Kompensationsgeschäfte. Von ihnen unterscheiden sie sich lediglich dadurch, daß diese zwischen zwei Staaten unmittelbar abgeschlossen werden, während jene einen durch Geld vermittelten Ringtausch zwischen einer mehr oder minder großen Zahl von Ländern dargestellt haben. Dadurch aber sind die von den großen Entdeckungen der Naturwissenschaften verursachten wirtschaftlichen Umwälzungen auf einen breiteren Raum verteilt und so gemildert worden, daß sie nicht als Revolutionen empfunden worden sind.
Daß dieser Ausdruck dafür jedoch keine Ueber- treibung ist, beweist die Entdeckung und wirtschaftliche Herstellung von synthetischem Kautschuk durch deutsche Chemiker. Bereits eine Mitteilung des Führers darüber, auf dem Parteitag 1934, hat in London wie eine Bombe eingeschlagen. Sie genügte damals, um nicht nur die Kautschukpflanzer mit Sorge zu erfüllen, sondern auch um an der Börse von London und Amsterdam bei sonst fester Tendenz zu einem Nachgeben der Gummiwerte zu führen. Das ist auch durchaus verständlich, denn wenn es gelingt, das technisch gelöste Problem der Herstellung synthetischen Kautschuks auch wirtschaftlich zu lösen, dann bedeutet dies bei dem heutigen Gummiverbrauch zunächst für die an seiner Erzeugung beteiligten Länder geradezu eine wirtschaftliche Revolution. Sie verlieren dadurch nämlich mit einem Schlage einen der wichtigsten Aktivposten ihrer Handelsbilanz, wodurch wieder ihre Lieferanten insofern geschädigt werden, als sie schließlich bei Rückgang ihrer Ausfuhr von diesen nicht mehr soviel kaufen können
Die Chemie als weltwtnschastiiche Revolutionärin von Dr. Paul Ruprecht
sondern vor allem auch durch das Vordringen ver
schiedener neuer Werkstoffe zurückgegangen. Die yunter, oag jetjt Die verantwortungsvollste ohne daß es bis jetzt gelungen wäre, für diesen s Arbeit für sie beginnen würde: die Kabel würden
schaftlichen Revolutionierungsmöglichkeiten erschöpft hoben. Der durch seine Jsotove-Forschungen be« kannte englische Physiker Dr. 21 ft o n hat wenigstens seinen Vortrag bei der vorjährigen Jahrestagung der „British Association", die die führenden Männer der englischen Naturwissenschaften in ihren Reihen vereinigt, nach den „Times" mit folgender durchaus nicht unwahrscheinlichen Prophezeiung geschlossen: „Der Atomphysiker wird Atome umbauen und aufbauen, wie sein älterer Bruder (der Chemiker) Moleküle ld. h. Atomverbände) aufgebaut hat... Ich sehe schon eine Zeit, nicht unmeßbar weit, wo es uns möglich sein wird, je- den chemischen Grundstoff, wo wir wollen und wann wir wollen, synthetisch auf zu - u d u e n."
Begegnung
Von Otto Gmelin.
Die Sonne des Vorfrühlings zittert durch die kühle Luft und macht sie silbern und flimmernd über allen Dingen. Sie wählt nicht, sie kommt über die leeren Felder und in den kahlen Wald und in die wartenden Gärten der Stadt. Sie kommt sogar in jene Ecke der Industriestadt, wo Betonmauern, Baracken und baufällige, lange nicht mehr gestrichene Häuser um Aschenhausen herumstehen und sich kein Mensch um sie kümmert, weil alle Menschen dort sorgenvoll oder hastend und stumpf vorbeirennen. Sie tanzt um die Lastautos, die lärmend vorüberrattern, und glänzt auf den öligen Lachen mit bunten Farben.
Es ist um die Mittagszeit. Die Aschenhöfe und die Straße an der Betonmauer sind von der Sonne umhaucht. Da kommt ein kleines Wesen aus der Lücke der zerbröckelten Mauer. Es ist ein junges, graugetigertes Kätzchen. Es sieht erbärmlich aus, zart und mager, daß man die Backenknochen her- vorstehen sieht wie bei alten Mähren. Sein Fell ist schmutzig, struppig, verklebt und stellenweise mit Ausschlag bedeckt. Es ist ein häßliches Tier: es geht nicht leicht und federnd, geschmeidig und schön wie seine Verwandten: es ist nichts von jener anmutigen Wildheit des Katzengeschlechtes in feinen Bewegungen. Scheu und müde schleicht es um die Ecke, an 'der Mauer hin, wo die Sonne prall auf die Betonplatten trifft. Dort fetzt es sich nieder, legt den zerzausten Schwanz sorgfältig um die nebenein- «ndergestellten Vorderpfoten und blinzelt mit ganz Ichmalen Augenritzen in die Sonne. Es ahnt das »Glück der Welt, ahnt den Sommer und die Schönheit. 'Die Lastautos poltern vorüber. Das Kätzchen rührt sich nicht. Die Sonne scheint auf sein struppiges Fell und versilbert es.
Während das Kätzchen sich in der Mauerecke fonnt, kommt ein anderes kleines Wesen des Wegs daher. Es ist ein kleines Kind, das noch kaum gehen kann. Es humpelt schwerfällig von einem feiner dünnen Beinchen aufs andere. Es trägt ein Mäntelchen, dessen Stoff einmal grau war, aber etzt ist er verschossen, grünlich, abgeschabt und viel- ach mit andersfarbiger Wolle gestopft: das Mäntelchen ist dem Kind zu groß, denn seine Hände kommen kaum aus den Aermeln hervor. Das Kind »ird an der Hand geführt von einem jungen Mann n abgetragenem Anzug. Das Gesicht des Kindes |t grau und aufgedunsen. Seine' Augen sind ohne Tlanz und blicken gleichgültig.
Aber plötzlich geht eine Veränderung mit dem 1
Kinde vor: Sein Gesicht erhellt sich: um seine Mundwinkel ist ein Lächeln, in seinen Augen ist ein Strahlen. Es zieht den Mann an der Hand nach der Mauerecke hin. Der Mann will weitergehen, aber das Kind ist beharrlich, es läßt nicht nach, es zieht immer stärker, mit all seiner schwachen Kraft. Der Mann läßt schließlich das Kind los. Mit wackligen Schritten, aber mit sehr bestimmtem Wollen schießt das Kind nach der Mauerecke. Hin zu dem Kätzchen, bis es das Tier erreicht hat. Das knochige kleine Händchen des Kindes arbeitet sich aus dem Mantelärmel und faßt nach xdem Kätzchen. Es streichelt ihm ungeschickt, aber voller Güte den Kopf und über das struppige Fell des Rückens. Das Kätzchen wendet den Kops. Einen Augenblick zweifelt es, was zu tun ist, ob es davonlaufen soll, aber es erkennt die Begegnung, es richtet sich aus, stellt seinen Schwanz hoch und streicht um die wackligen Beine des Kindes mit ganz steilem, sich an der Spitze wohlig windenden Schwanz. Das Kind murmelt Laute. Das Kätzchen beginnt zu schnurren.
Der Mann ist weitergegangen, wartet und ruft. Menschen eilen vorüber: sie sehen die beiden kleinen Wesen nicht. Autos mit Eisenftangen rasseln. In der Frühlingssonne begegnen sich zwei Wesen.
Deutsche Städte im Bolksmund.
Von Dr. Hans Pflug.
Die deutsche Volksseele ist unerschöpflich in ihrer schmückenden und deutenden Phantasie. Was steckt nicht alles an feinem Humor und überlegener Lebensweisheit in Sprichwort und Volkslied! Zu allen Zeiten haben es sich die Stämme und (Baue, Stände und Berufe gefallen lassen müssen, in Anekdoten und Menschentypen scherzhaft treffend charakterisiert zu werden. Der schalkhafte Sinn des Volkes hat auch viele Städte zum Gegenstand gutmütigen Witzes und Spottes gemacht. Jedettl werden Beispiele aus seiner Heimat oder von Reisen bekannt sein. Wie vielseitig sich dieser Zug des Volkshumors entfaltet hat, zeigt eine kleine Auslese von Aeuße- rungen des Volkswitzes über deutsche Städte und ihre Bewohner.
Wenn die Bewohner eines Ortes Zielscheibe des Spottes sind oder Spitznamen tragen, so verdanken sie diese meist ihren Nachbarn, die dabei oft an eine Eigenart oder ein bezeichnendes Geschehnis anknüpfen. Besonders freigebig sind damit die Bewohner des Badener Landes. Da gibt es die Karlsruher Briganten und Südstadtindianer, die Männ- heimer Blo(Blau)mäuler, die Durlacher Letsche- (Kohl)bäuch' und die Freiburger Doppele. Hier wie
bei Nürnberg ist der Name eines bestimmten Menschentyps auf die Bewohner der ganzen Stadt übergegangen. Wenn man die Nürnberger Peterles- buben nennt, so ist in Nürnberg selbst ein Peter- lesbub das, was in Bayern ein Geschaftlhuber oder anderswo ein Hans Dampf in allen Gassen ist, nur das er hier „aus allen Suppen" ist. Oft werden von sprachlichen Zusammenklängen her Scherzworte gebildet, wobei etwa mit Halle nicht sehr zart verfahren wird, wenn man sagt, daß es dort Hallenser, Halloren und Halunken gebe.
Die Einwohner der Industriestadt Schweinfurt, die Sonntags nach dem nahen Bad Kissingen fahren, werden dort die Schweinfurter Engländer genannt, weil sie früher oft die Gewohnheiten der Badegäste nachahmten. Benachbarte Städte hängen sich überhaupt gern etwas an. So haben sich Elberfeld und Barmen, die heute als Wuppertal ein Gemeinwesen bilden, früher manchmal gegenseitig geneckt. Auf den ländlicheren Charakter von Barmen anspielend, soll einmal ein fürstlicher Besucher auf der Wagenfahrt von Barmen nach Elberfeld an der Grenze der beiden Städte zu seiner Gemahlin gesagt haben: „Liebe, setz' dich gerade, wir kommen in eine Stadt." Das Verkleinern ist immer beliebt gewesen. Im Ruhrgebiet spricht man von der Großstadt Gelsenkirchen als von Gelsendorf, und die Berliner reden manchmal herablassend von Potsdorf statt Potsdam.
Die Berliner sind besonders witzig und schlagfertig, aber sie bekommen in den anderen deutschen Landschaften auch manches ab. Die Bewohner der Reichshauptstadt haben wieder kleinere Städte ihres Umkreises zu Zielscheiben ihres Witzes gemacht. Was hinterwäldlerisch und kleinstädtisch ist, kommt aus Finsterwalde oder Treuenbrietzen. Auch Kott- bus und Buxtehude spielen eine ähnliche Rolle. Calau in der Lausitz muß sich die faulen Witze, die Calauer, zuschreiben lassen. Geradezu berühmt aber wurde Schilda als Heimat der Schildbürger, deren Streiche ein altes Schwankbuch, das Lalenbuch, schildert. Fast jede Landschaft hat wieder ihr eigenes „Schilda". In Westfalen werden ähnliche Dinge den Beckumern nachgesagt, in Franken haftet der gleiche Ruf an dem Städtchen Münnerstadt. In Schwaben aber teilen sich viele Städte in die Schwabenstreiche, wenn auch Ulm den größten Anteil daran und aus dem Münsterdach den Ulmer Spatz hat.
Zu Homberg im Schwarzwald ist wirklich einmal eine Veranstaltung ausgegangen wie das „Hornberger Schießen". Auf eine tatsächliche Begebenheit könnte auch der Ausspruch jenes Handwerksburschen zurückgehen, der in Offenbach stolpernd hinfiel, da
bei von einem Hunde gebissen wurde und ausrief: „Krie(g) die Kränk', Offenbach! Die Stein' binde' se an, und die Hund' lasse' fe laufe!" Auf seine Heimat Frankfurt hat der Lokaldichter Stoltz e den klassischen Ausspruch geprägt: „Es will mer net in de Kopp enJ, wie kann nor e Mensch net von Frank- fort sei." Weniger liebevoll denken die Frankfurter über andere Städte. Daß nach Kassel alles fünfzig Jahre später komme, ist mit einer Frankfurter Anekdote verknüpft. Die Redensart „Ab nach Kassel", heute noch häufig gebraucht, geht wohl auf die Ge- fangensetzung Napoleons III. in Wilhelmshöhe zurück. Bei manchen Städten heftet sich der Volkswitz an stadtbekannte Originale oder Lokalgrößen. Was Tünnes und Scheel für Köln find, sind Ephesus und Kupille für Kassel, ist der Fischer-Matthes für Trier. Eulenspiegel hat in vielen niederdeutschen Orten seine Spässe getrieben, keine Stadt aber ist mit ihm so verbunden wie Braunschweig, das ihn mit einem Denkmal ehrte. Auch Dichter haben in ihren Werken Menschentypen und Volkscharakter einer Stadt unübertrefflich gezeichnet. Der Eckensteher Nante verkörpert ein Stück Urberlinertum, und Darmstadt hat den unsterblichen Datterich.
Mancher Scherz knüpfte auch an Städtenamen an, wie die Frage nach der Zahl der Pole. Die Antwort lautet: Es gibt drei Pole, den Nordpol, den Südpol und dann ist noch a Pol da — nämlich Apolda in Thüringen. (Au weh!)
Keine Stadt ist vom Volkswitz verschont geblieben, wenn es auch nicht bei allen einen so pathetischen Spruch gibt wie bei Bitterfeld, wo sich alljährlich an der Kreuzung wichtiger Handelsstraßen die Kaufleute vor der Leipziger Messe trafen: „Sehn wir uns nicht in dieser Welt, so sehn wir uns in Bitterfeld."
Eine berühmte tthr schlägt wieder.
Eines der bekanntesten Wahrzeichen Venedigs ist die Uhr auf dem Marcusplatz, die von zwei Mohren- geftaüen eingefaßt ist. Das Kunstwerk ist im Jahre 1497 entstanden, und seitdem verkündeten seine Glockenschläge mit unübertrefflicher Genauig- feit den Stundenlauf. Vor einigen Monaten versagte der Mechanismus zum erstenmal, und die Bevölkerung Venedigs vernahm nicht mehr den so gewohnten Klang. Jetzt ist es endlich nach langwierigen Untersuchungen gelungen, die kostbare Uhr wieder in Gang zu bringen, so daß sie wieder die Zeit anzeigt, wie seit fast viereinhalb Jahrhunderten. Ganz Venedig nimmt an diesem Ereignis teil und freut sich der Mittagsstunde, in der die 12 großen Hammerschläge auf die Glocke ertönen. ,


