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(Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Zamrtag, 15. Februar 1936

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stark genug war, dem Antrieb durch den elektrischen Strom weichen müssen. Aber das alte Mühlrad ist dennoch in pietätvoller Weise an seinem Platze ge­lassen worden, auch wenn hier und da Moos und Gräser darüber wachsen, seine Speichen und Bretter in Untätigkeit sich verschließen und das Ganze mehr und mehr zu einem stimmungsvollen Ornament wird, das die Gedanken an die Vergangenheit der Väter­zeit wachruft, vielleicht aber auch zur Besinnlichkeit mahnt. Wer dächte angesichts eines solchen ruhenden Mühlenrads nicht an so manches Volkslied, das als köstliche Perle des deutschen Liederschatzes die Mühle im stillen Grunde und das klappernde Mühl­rad voll Poesie und Stimmung schildert!

Das tägliche Brot in des Wortes engster Bedeu­tung gehört zu den unentbehrlichen Notwendigkeiten des'menschlichen Daseins. Im Schweiße seines An­gesichts arbeitet der Bauer monatelang, bis er das Getreide zur Brotherstellung zur Verfügung stellen kann. In schwerer Arbeit müht sich der Müller, aus dem Getreide die verschiedenartigsten Mehle auszu­mahlen, damit den Wünschen der Konsumenten nach jeder Richtung hin Rechnung getragen werden kann. Und im Sommer wie im Winter steht der Bäcker in seiner heißen Backstube vom frühen Morgen bis zum Abend an der Arbeit, um aus dem Mehl unser tägliches Brot und auch noch manche andere an­genehme Gebäckarten herzustellen. So zeigt sich bei dieser kurzen Betrachtung über das Werden des Brotes eine gewaltige Länge des Weges vom Bauer

gum Verbraucher, auf deren Zwischenstationen wich­tige volkswirtschaftliche Funktionen zu erfüllen find.

Mehl und gröbere Rückstände, Kleie oder Schalen, trennen. Je nach der Qualität des Mehles ist es erforderlich, in den Sichtern Siebe von dem ein­fachsten Drahtsieb bis zur feinsten Seidengaze zu verwenden. Durch getrennte Abfangvorrichtungen gelangt das Mehl von dem Sichter in die verschie­denen Säcke. Die dort abgefangenen Mehlarten werden je nach der beanspruchten Mehlqualität ge­mischt. Dieser Vorgang vollzieht sich in einer Misch­maschine, in der die eingeschütteten Mehlarten mit­tels eines Schneckengetriebes gründlich durcheinan­der gearbeitet werden. Auf diese Weise kann dann den verschiedenartigsten Wünschen der Abnehmer entsprochen werden.

Als letzter Arbeitsvorgang in den Mühlen vollzieht sich schließlich das Ausladen der großen Mehlsäcke auf die schweren Fuhrwerke mit ihren starken Pfer­den oder auf große Lastkraftwagen, die wir in den Straßen der Stadt vor den Bäckereien beim Abladen beobachten können.

Und nunmehr ist unser tägliches Brot in Gestalt des Mehles an seiner letzten Station vor dem 23er-

Im Dölksmund kennt man zwei Arten von Müh­len: die Kundenmühle und die Handels- mühle. Die erstere Art der Müllereibetriebe bient in der Hauptsache dazu, das Getreide der bäuerlichen Bevölkerung für den eigenen Bedarf und allenfalls noch für einen eng begrenzten Verkauf zu verarbeiten. Dorthin bringen die Bauern der Um­gegend ihren Roggen und Weizen, den sie vom Müller für angemessenen Verdienst mahlen lassen, um dann mit ihrem Mehl und der Kleie zum Ver­brauch in eigener Wirtschaft wieder heimzufahren. Der Mahllohn wird meist durchMetzen" oder Molten", d. h. durch Einbehalten eines Teiles des Mahlgutes, an den Müller entrichtet. In solchen Mühlen wirkt meist der Müller allein, der auf diese Weise für sich und die Seinen bas tägliche Brot verbient. Nebenher betreibt er noch in gewissem Ausmaß Lanbwirtschaft, bie eine gute Ergänzung seines Berufes barstellt. Einfach wie ber Zweck ber Arbeit ist auch bie technische Einrichtung in biefen Mühlen. Heber ben Mahlsteinen sieht man große viereckige Trichter, in bie bas Betreibe geschüttet

Wasserläufen unserer schönen Provinz Oberhessen. Viele bieser Mühlen sinb ben Menschen in ber Stabt auch als Ausflugs- unb Erholungsstätten gut be­kannt, sie sinb nicht fortzubenken aus bem schönen Bilbe unserer engeren Heimat, mit ber sie zum gro­ßen Teil burch mehrere Geschlechterfolgen tief ver- bunben sinb. Denn in mancher Mühle sitzen bie Familien schon seit mehreren Generationen, unb wenn auch der Name des Besitzers hier und da ein­mal gewechselt hat, so behält gleichwohl die Mühle selbst ihre alte, erdverbundene Bezeichnung, unter der sie tief in das Volksbewußtsein eingegangen ist. Freilich manches Mühlrad dreht sich heute nicht mehr. Der Zug der Technik machte auch vor der romantischsten Mühle nicht mehr Halt. Vielfach hat die Kraft des Wasserlaufs, wenn sie nicht stetig und

Oer Weg des täglichen Brotes

Ein ORunbgang durch Müllereien und Bäckereien.

In den Wiesengründen unserer engeren Heimat begegnen wir zahlreichen Mühlen an den zu Tal [fließenden Bächen. Den freien Lauf des Wassers, dieser Kraftquelle des Mühlrads, hemmt vor den meisten Mühlen ein Stau, mit dessen Hilfe die An­triebskraft des Wassers, je nach den Notwendig­leiten reguliert wird. Derartige Mühlen finden wir im Lumda- und im Wiesecktal, an der Bieber, im Wiesengrunde unterhalb des Schisfenbergs, die Wet­ter entlang von der Grünberger Gegend bis weit hinunter in die Wetterau, ferner an vielen anderen

zehr durch die Verbraucher angelangt. Der Bäcker, der in früheren Zeiten den Brotteig in mühevoller Arbeit mit der Kraft feiner Fäuste kneten mußte, bedient sich heute durchweg auch der Hilfe von Ma­schinen. Ein Elektromotor treibt die metallenen Arme der Knetmaschine im rhythmischen Gang des Ge­triebes an. Zug um Zug arbeiten die Greifer des Getriebes den im Teigkessel hergerichteten Brot­teig so lange durch, bis er den zum Backen erfor­derlichen Mürbezustand erreicht hat. Dann wird die Knetmaschine entleert und der Teig zu den verschie­densten Brotformen gestaltet. Nunmehr wird er in den heißen Backofen eingeschossen, aus dem nach Ablauf der Backzeit die wunderbar duftenden frischen Brote wieder in der Backstube auftauchen. Von hier führt ihr Weg zu den großen Lagerftellen, wo sie erkalten und schließlich noch geraume Zeit liegen, bis sie in den Brotwagen verladen werden, um den Weg zum Kunden zu nehmen oder um am Der« kaufstisch im Laden selbst in die Hand des Ver­brauchers zu kommen.

Wir leben gegenwärtig in der Zeit der zweiten Erzeugungsschlacht. Alle Kräfte des Staates und des

wird, um dann zwischen den Mahlsteinen zerklei- nertzu werden und schließ­lich als Mehl in den Säcken auszulaufen, nach­dem vorher noch die Ab­sonderung der Kleie statt­gefunden hat. Da und dort stehen die Schrotmühlen, um aus dem Getreide das Schrot zur Viehfütte­rung herzustellen. Und zu all den mehr oder weni­ger altväterlichen ober modernen Maschinen füh­ren Treibriemen, mit de­ren Hilfe die Kraft des mehrfach übersetzten Was­serrads auf die Maschinen übertragen wird. Vielfach sieht man auch in Ver­bindung mit der Müllerei- Einrichtung die Anlagen zur Erzeugung des eige­nen Lichtstroms, für die gleichfalls das Wasser des Mühlbaches die Urkraft liefert.

Wie die Kundenmühlen, so sind auch viele Han­de l s m ü h l e n mit ihrer Antriebskraft auf das Wasserrad eingestellt. Im übrigen aber sind die müllereitechnischen Ein­richtungen den Erforder­nissen der Neuzeit ent­sprechend gestaltet, so daß die betriebswirtschaftliche Funktion dieser Anlagen außerordentlich vielseitig ist. Das als Mahlgut an­gefahrene Getreide wird zunächst einer Vorreini­gung unterzogen, durch die ' grober Unrat, Un­kräuter (Wicken ufro.), Erde und leichter Schmutz aus dem Getreide ent­fernt werden. Sodann be­ginnt die Lagerung der Frucht, entweder in Silos, d.h. in geschlosfenenKäften, die meist durch mehrere Stockwerke hindurchgehen, oder auf Schüttböden, auf denen das Getreide unter größter Preisgabe der Luft ausgebreitet wird. Die Verschiedenartigkeit der Lager­formen (Silos oder Schüttböden) hängt von der Be­schaffenheit des Getreides ab, d. h. je nachdem es feucht ober trocken ist. Trockenes (Setreibe kann ber Müller ohne weiteres in Silos einlagern, ohne einen Verderb befürchten zu müssen. Feuchte Frucht da­gegen wird er am besten auf den Schüttböden aus- breiten, um dort die Luft zum Trocknen nutzbar zu machen. In beiden Fällen muß aber das (Betreibe bearbeitet, d. h. in den Silos durch Umläufen be­wegt und auf den Schüttböden umgeschaufelt werden, damit es nicht muffig wird und auch keine Schimmel­bildung eintritt. Wenn die Frucht derart sorgfältig bearbeitet wird, kann sie monatelang lagern.

Vor der Vermahlung wird das Getreide noch ein­mal gründlich gereinigt, um es auch von dem letzten, durch die Vorreinigung vielleicht noch nicht besei­tigten Unrat ober sonstigen Besatz zu befreien. Im Anschluß baran werben nun insbesondre die Keime : entfernt, die fetthaltig sind, jedoch dem Mehl selbst nicht zum Vorteil gereichen, anderseits aber ' als Kraftfutter für den landwirtschaftlichen Betrieb, ' gegebenenfalls auch für die Oelgewinnung beson- ' bere Bedeutung haben. Der Vermahlungsprozeß be- , ginnt durchweg mit der Quetschung der Körner, die nach diesem Vorgang bereits in zerkleinertem Zu- t stände auf die Mahlwalzen kommen. Während früher i bie Vermahlung allgemein burch Mahlsteine vor > sich ging, wirb sie in ben mobernen Mühlen heute > burch sog. Walzenstühle vorgenommen, in benen bie > zuvor auf einem besonberen Walzenstuhl zerquetschten Körner zwischen gußeisernen Walzen vollstänbig zer­kleinert werben. Die Vermahlung ist verschieben, je nachbem es sich um Roggen- ober Weizen-Müllerei hanbelt. Bei ber letzteren befonbers beshalb, weil Weizen viel Grieß ergibt, ber vorwiegend burch be- fonbere Walzenstühle zu Mehl aufgelöst wirb. Für biefen Zweck benutzt man im Gegensatz zu ber übrigen Müllerei nicht geriffelte, gußeiserne Walzen, jonbern glatte, bie meist aus Porzellan bestehen.

Der Vermahlungsvorgang wirb je nach ber für bie Qualität bes Mehles erforberlidjen Zerkleine­rung mehrfach wieberholt. Dabei wirb bas aus ben Walzenstühlen herausftrömenbe Mehl bei jeber Vermahlung gesonbert abgefangen, bamit bie in ben Walzenstühlen oerbleibenben Rückstänbe aus» gemahlen werben können. Das Abfangen bes Meh» les aus ben Walzenstühlen erfolgt burch sog. Sich­ter. Eine berartige Maschine besteht in ihrem In­neren aus einzelnen Sieben, bie bas Mahlgut in

Links: Oben: Das alte Mühlrad im Winter. Mitte: Links: Mühlstein, bas (Betreibe wirb ein­geschüttet; baneben: Abfangen bes (Betreiben vom Mühlstein her. Unten: Links: Blick auf bie Wal- zenftühle; baneben: Abfangen ber im Plan-Sichter getrennten Mehlsorten.

Rechts: Oben: Einschütten bes Mehles in bie Mischmaschine; barunter: Plan-Sichter, bei bem bie Sichtung bes Mehles burch Schütteln ber Siebe in der Horizontalen (Plan) erfolgt. Nebenstehend: Oben: Brote vor dem Einschießen in den Backofen; darunter: Bäckergesellen bei der Zubereitung des Brotteigs an der Knetmaschine.

(Aufnahmen (9]; Neuner, Gießenex Anzeiger.)