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Gießener Anzeiger (Generai-Anzekaer für G^erhessen)

Samstag, 14. Marz 1936

Braunsteinbergwerk Großen-Linden

unter und über Tag.

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von starken Stahltrossen, gcfteucrt von einem Manne, der hinter den großen (Seiltrommeln im Maschinenhaus sitzt und viel Verantwortung zu tragen bat. In kaum 20 Sekunden kommt man auf der 25-Meter-Sohle und trn Füllort auf dieser Tiefe an. Dieser Füllort ist ein verhältnismäßig hohes ausgemauertes Gemälde, in dem mehrere Wagen­gleise zusammenlaufen. Auf diesen Gleisen rollen die gefüllten SBagcn an, werden m den Förder­korb geschoben, nach oben gebracht die leeren Wagen gelangen wieder nach unten. Vom Füllort aus führt der Weg in dieStrecken" die nach ver­schiedenen Seiten im Bergwerk auslaufen. Von den Strecken aus führenQuerschläge" und von ihnen aus werden, schier labyrinthisch, Gänge vorgetrle- ben, an deren Enden der Bergmann steht und das wertvolle Erz mit seinem Preßluftspatcn abbaut.

Der Gast, der begleitet und behütet vom Steiger in die Grube kommt, verliert ungemein rasch jeg­liche Orientierung. Es gibt Ja hier unten feine Himmelsrichtung" Die Strecken sehen für das Auge des Laien alle gleich aus. Man geht um Kurven und Ecken und merkt es kaum, da das Auge das Dunkel nicht zu durchdringen vermag. Nur im Bannkreis der Grubenlampe ist die Um­gebung matt erhellt.

Von der 25-Meter-Sohle kann man tiefer und tiefer gelangen Der Steiger öffnet hin und wieder irgendwo am Boden eine viereckige, kaum 40 Zenti­meter im Quadrat messende Falltür und über schmale Leitern (die der BergmannFahrt" nennt) führt der Weg in die Tiefe

Merkwürdigstes aller Gefühle, über eine solche Fahrt" im engen holzverschalten Schacht senkrecht in die Tiefe zu steigen fünf Meter, zehn Meter, fünfzehn zwanzig Meter oben und unten Fin­sternis, die leise zischende Lampe am eisernen Haken zwischen Daumen und Zeigefinger, dicht vor dem Gesicht, Fuß um Fuß die Sprossen suchend, mit den Händen nachgreifend so steigt man hinab. Alles Empfinden fürHöhe

Der Förderturm Sinnbild des Bergwerkbetriebs.

Für den Fährbetrieb im Schacht gibt es ein fehl klar ausgedachtes Signalwesen Mit Glockenfchlägen verständigen sich der Mann am Füllort und bei Mann im Maschinenhaus. Interessant, daß darüber hinaus auch eine Verbindung durch ein eingebautes Sprachrohr besteht, mit dessen Hilfe man sich gut verständigen kann. Was oben hineingesprochen wird.

UeberblicE über einen Teil des Tagebaubetriebes. (Aufnahmen |7|: Neuner, Gießener Anzeiger.)

Braunstein?! Was ist Braunstein? So wird man­cher Lefer fragen Der Wissenschaftler würde sagen: Mn O» Mangansuperoxyd! Der Bergmann sagt: ein Erz! Der Laie würde sich vielleicht an die Be­griffe des Wortes halten: brauner Stein! Es ist aber etwas ganz Merkwürdiges mit diesem Braun­stein: er ist weder braun noch (Stein; außerdem hat Braunstein, wie er bei Großen-Linden vorkommt, durchaus nicht den Charakter des Erzes, wie man es sich landläufig vorstellt, sondern ist von einer weichen tonigen Beschaffenheit und in der Farbe blaugrau bis blauschwarz. Braunstein aus dem Hüttenberg enthält Mangan und Eisen. Das Vor­kommen in der Lindener Mark weist hohe Prozent­sätze auf: 18 v. H. Mangan und 22 v. H. Eisen das übrige sind tomge Erden und Wasser. Fettig glänzend liegt das Erz dicht unter der Erdober­fläche, mächtig in einer Schicht von 0,50 bis mehre­ren Metern, hin und wieder durchzogen von schwa­chen Adern rötlichen Tons. Der Abbau geschieht im Betrieb über und unter Tag Das Braunsteinberg­werk Großen Linden, wie auch der Abteilungsbe- trieb Gießen Bergwerkswald gehören zu K> nvp

Braunstein stellt für die Roheisenerzeugung einen mehligen Bestandteil dar Das im Erz enthaltene Mongan dient der Qualitätserhöhung des Eisens, es macht das Eisen geschmeidiger gestattet eine bessere Verarbeitung beim Schmieden, erhöht die Härte des Stahls Ohne jede Veränderung in al-icher Struktur, wie das Erz gewonnen wird, wandert es (lediglich zerkleinert in faustgroße Ssticke) m den Hochofen Das Mehr oder Weniger des Zusatze« entscheidet mit über die Qualität des Roheisens. Die Bedeutung des Großen-Lindener Brauirsteinbergwerks für die deutsche Eisenindustrie ist größer als es der Laie vermuten kann Es gibt derartige Vorkommen nur wenige, im Grunde nur zwei die den Abbau lohnen. Das zweite derartige Bergwerk befindet sich im Rheinland.

Die laufend und systematisch durchgeführten Boh­rungen auf dem zum P3erk gehörigen Gelände lassen erkennen, daß das Vorkommen noch auf lange Zeit hinaus lohnenden Abbau gestattet, lieber 300 Volksgenossen haben gegenwärtig dort Arbeit und Verdienst. Die Wirtschaftsbelebung seit 1933 hat auch dem Großen-Lindener Braunstein­bergwerk erheblichen Aufschwung gebracht. Im ver­gangenen Jahre konnte die Belegschaft um etwa 175 Mann erhöht werden Bergleute für den Be­trieb unter Tag fahren in drei Schichten ein und aus.

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Einmaliges großes und starkes Erlebnis, dem Bergwerk unter Tag, dem Bergmannvor Ort" einen Besuch abzustatten, und dabei Volksgenossen in einem Beruf kennenzulernen, der kaum einen Vergleich zuläßt. Der Bauer pflügt unter weitem Himmel, so mancher Handwerker kann seinem Be- ruf im Freien nachgehen und in feine Werkstatt fällt auch Immer zu irgendeiner Zeit des Tages ein Sonnenstrahl, der Beamte, der Kaufmann, der Arbeiter, sie alle stehen immer im lebendigen Ver­kehr mit Menschen, bewegen sich frei in mehr ober weniger freundlichen Räumen, haben Ausblick auf Irisches Grün, auf Blumen und blühende Sträucher, «erleben den Wechsel der Jahreszeiten bewußt und Stunde um Stunde, hören die Vögel ihr Lied fin­

gen und hin und wieder summt eine Biene in das Zimmer als Abgesandter des Frühlings ober des Sommers, sie alle sehen den Blitz unb hören den Donner als kraftvolle Aeußerungen der Natur.

Das alles muß der Bergmann oermiffen! Tag für Tag fährt er ein tn den Schacht, begibt sich an seinen Arbeitsplatz auf die Sohle und baut das Erz ab Zwei Mann arbeiten meist zusammen. Im Scheine ihrer leise zischenden Karbidlampe arbeiten sie auf engem Raum, der nur spärlich erhellt wird. Das Blauschwarz des Erzes nimmt alles Licht an sich. Mit dem Preßluftspaten wird das Erz abge­baut, mit Schubkarren wird es zur nächsten Rolle transportiert. Stundenlang arbeiten beide allein, so wie überall im weitverzweigten Bergwerk, räum­lich oft Hunderte von Meter voneinander entfernt. Die undurchdringliche Finsternis beherrscht Stollen und Strecken, die alle mit starkem Holz ausgebaut

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Arbeit mit dem Prcßluftspaten.

sind, nur hin und wieder taucht m der Ferne ein Lichtfunke auf, wenn sich der Steiger nähert, um nach den Männernvor Ort" zu sehen

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Das Bergwerk unter Tag ist eine*Welt für sich. Wer sich hier zum ersten Male nähert, wird es nicht tun, ohne bas Gefühl ber Ehrfurcht vor bem Beruf bes Bergmanns. Unb biefe Ehrfurcht muß sich vertiefen, wenn er einbringt in btefes Reich, tief in bie Erbe, bie uns trägt, bie sich kunstvoll aufbaut, die der Mensch beherrscht, wenngleich sie ihn manch­mal kraftvoll und unbändig überwältigt.

Rasch sinkt der Förderkorb in die Tiefe, gehalten

oder Tiefe geht verloren. Schließlich aber ist die 67- Meter-Sohle (tiefste Sohle im Braunsteinbergwerk Großen - Linden) erreicht In derStrecke geht es dann auf unb zwischen Gleisen, vorwärts, links unb rechts münben Erzstotten ein, in bie von ben höher gelege­nen Sohlen aus das ge­brochene Erz eingeschüttet wirb unb unten bireft in bieWagen gleitet. Schließ­lich ist auch bas Enbe ber Strecke erreicht .. Nicht überall liegt bas Erz gleichmäßig. Hin unb roicber ist bas Lager un­terbrochen. Im Gießener Braunsteinbergwerk trifft man streckenweise auf Schiefer Teilweise ist auch Kalk in ber Forma­tion anzutreffen Gegen ben Kalk unb Schiefer wirb mit Dynamit vorge- gangen. Für biefen Zweck

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Eine charakteristische Abbaustelle im Tagebau.

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Gefüllte Wagen verlassen den Bunker ber Aufbereitung.

wirb bas Gestein an ver- schiebenen Stellen mit bem Preßlufthammer ange­bohrt, in bie Hoffnungen werben, etwa 1,50 bis 1,80 Meter tief, Spreng­patronen eingeführt, bie Zünbschnur gelegt unb bann bie Erplofion her­beigeführt Die Arbeiter, bie mit blefer Tätigkeit betraut finb, ziehen sich babei auf etwa 50 bis 80 Meter von ber Spreng- stelle zurück unb warten, möglichst hinter einer Streckenbiegnng bie De­tonation ab. Ungeheuer Ist ber ßuftbruef im engen Stollen weit fliegt bas Gestein.

Für ben Bergmann gibt es in ber Braunstein­grube verhältnismäßig wenig Gefahren. Die Grube ist überall sehr gut ausgebaut unb iabcllos inDrbnung gehalten. Auch bie Luft ist nicht, wie mancher wohl glauben

könnte, schlecht (gute Wetter" lagt ber Berg­mann).Schlagenbe Wetter" gibt cs im Braun­steinbergwerk nicht. Dafür aber manchmal viel Wasser. Streckenweise tropft cs lebhaft von oben. Teilweise kommt bas Wasser in Rinnsalen über bie Wänbe unb ocrblnbet sich mit der lehmigen Erde zu einem zähen Schlick. Viel Wasser läuft in schmalen Gräben entlang den Hauptstrecken ab, die nach der Pumpstation zu leichtes Gefälle haben. Die Pumpen sind Tag und Nacht in Be­trieb und drücken das Wasser durch einen Stollen aus der Grube

ist unten, 70 Meter tiefer, klar zu verstehen. Selbst­verständlich ist das auch umgekehrt der Fall.

So gibt es viel zu hören, zu beobachten, zu er­leben. Ueberall begegnet dem Gast der alte Borg- mannsgruß, das sinnvolle unb innigeGlück Auf!" Ueberall steht ber einfache, arbeitsame Volksgenosse auf seinem Posten in schweren Diensten, tut seine Pflicht unter äußeren Umständen, denen wohl nicht jedermann gewachsen ist. Aber der Bergmann liebt auch seinen Beruf unb ist mit ihm ebenso oerbunben, wie jeber, ber seinen Beruf als Lebens­aufgabe betrachtet. Die Arbeitskamerabschaft de- beutet hier unten sicherlich auch mehr als nur einen Begriff.

(Sprengpatronen werben In vorgebohrte Löcher cingeführt. Im Füllort der 67-Meter-Sohle.

Unb wenn ber Gast in blefem fast faustischen Bo- reich roieber am Bahnhof steht, dann wird er nm einiges nachdenklicher geworden fein, als zu jener Stunde, da er die Schachtaulago betrat. Dor Für- berforb bringt uns rasch nach oben. Strahlender Sonnenschein liegt über der Vorsrühlingslandschast des gesegneten Hüttenbergs.

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Braunstein wird jedoch auch in umfangreichem lagebau gewonnen Da ist aber alles einfacher und weniger heroisch. Zwar gibt es auch da schwere Arbeit, aber sie geschieht doch un Freien, unter blauem Himmel, unter ber Sonne, unter ber Helle bes Tages Das Erz liegt in dem gegenwärtia m Betrieb befindlichen Abbau oft nur zwei Meter tief unter ber Erdoberfläche Aufschlußreich zeichnen sich am angeschnittenen Erdreich die geologischen Schich- tungen ab. Ueberall tritt in diesem Tagebau das fettige, glanzende, blau sch warze Erz zutage wird mit langen Spatenstichen abgebaut verladen und von kleinen Feldbahnlokomotiven die aufgeregt große Rauchwolken ausstoßen, nach der Verlade­station Großen Linden gebracht In vielen Wag­gons rollt das Manganerz ans der Lindener Mark in die Hochöfen von Buderus, in die Hochöfen des Lahngebietes und des Siegerlande'« in der Haupt­sache unb In großen Mengen aber In die Hochöfen an ber Saar unb Im Ruhrgebiet ...