Aus der Provinzialhauptstadt.
Spielende Kinder.
Führte mich da kürzliä; mein Weg an einer Baustelle vorbei. Auf der Grenze zwischen Fahrbahn und Bürgersteig türmten sich Massen gelben Sandes, und obenauf lagen Schippen umher, ein Stillleben in einer verkehrsstillen Straße.
Bei meinem Rückweg hatte sich inzwischen allerlei kleines Volk dort angesiedelt. Kleine Mädchenhände patschten eifrig Kuchen, kauernde Buben trieben Höhlen in den Sandberg, und auf dem glatten Fahrdamm hatte sich unter Eingliederung einiger Schippen in den Spielprozeß anscheinend ein Juxplatz mit Karussellbetrieb aufgetan. Knirpse, ritterlich genug, daß sie Spielkameradinnen in den eisernen Mulden der Geräte Platz nehmen ließen, und gerade groß genug, daß sie mit beiden Armen den Austrieb der langen, geschweiften Schippenstiele mit der Belastung in optimaler Höhe ausgleichen konnten, liefen unter lautem Gesang — sicherlich als Ersatz für die übliche Drehorgelmusik — ordnungsgemäß ihre Kreise, in deren Mittelpunkten mit strahlenden Augen die niedlichen Fahrgäste auf den rotierenden Scheiben hockten und unternehmungslustig die Knie hochzogen, damit von dem Hochgenuß der „reibungslosen" Kreiselrunden ja nichts verloren ging.
Da kamen zwei Arbeiter aus dem Torweg. Der eine schalt und jagte die kleine Gesellschaft auseinander. Aber beim Weitergehen waren meine Gedanken und Gefühle doch bei dem anderen, der still lächelnd die Schippen aufsammelte und sie ihrem ursprünglichen Zweck wieder zuführte ...
Gab es nicht auch einmal eine Zeit, wo wir selbst solche Verwandlungskünstler waren? Zum Schrecken unserer Mitwelt war nichts sicher davor, als „Rohmaterial" in den Zauberkreis unserer spielerischen Verarbeitung hineingezogen zu werden. Alles und jedes, selbst das unscheinbarste Ding, gewann unter unseren Händen Farbe, Gestalt und Seele in so reichem Maße, daß unvergeßliche Freuden uns wieder daraus zurückflossen. Ein Reiser- besen wurde zum Reitpferd, ein Schemel zum Hund, das Stühlchen knatterte als Wagen durch die. Stube, aus leeren Taffen tranken wir köstlichen Kakao, und ein schlankes Holzscheit aus der Küche wurde, mit bunten Lappen ausgestattet, kameradschaftsfähig, es durfte mitessen, wurde spazieren gefahren und vollwertig an der Unterhaltung beteiligt. Unser tummelhastes Umherrennen und Balgen wäre mit den Jahren verödet ohne die lustbetonte Vertiefung durch Inhalte des Wettkampfes, der Flucht und Verfolgung, der Kameradschaft des Mannschaftskampfes, des Geländespiels u. dgl., Spieltätigkeiten, die uns darüber hinaus eine Fülle neuer Vorstellungen, Gefühle und Willenshandlungen erleben ließen, die der geregelte Alltag uns nicht zu geben vermochte.
Unbewußt und mit eignen Kräften bahnten wir uns im Reichtum und der Mannigfaltigkeit unserer Kinder- und Jugendspiele einen Weg in den Erlebnis- und Aufgabenkreis der Erwachsenen, als die wir dann weder darauf verzichten wollen noch können, die harten Notwendigkeiten des Lebens im befreienden Licht dichterischer und künstlerischer Ausdeutungen mitzusehen. R. B.
Vornotizen.
Tageskalender für Samstag.
DAF., Kreiswaltung Gießen, Fachgruppe Der- mittlergewerbe: 20 Uhr im Haus der Deutschen Arbeitsfront Vortrag von Gaufachgruppenwalter Pg. Wagner. — NSG. „Kraft durch Freude": Ab 15.30 Uhr allgemeine Körperschule und Waldlauf auf dem Universitätssportplatz am Kugelberg. — Gloria-Palast, Seltersweg: „Durch die Wüste". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Mädchenräuber". — Reichstreubund, Ortsgruppe Gießen: 20.15 Uhr Kameradschaftsabend im Cafä Ebel.
Tageskalender für Sonntag.
NSG. „Kraft durch Freude": Sternwanderung der Ortsgruppen nach dem Schiffenberg, Ortsgruppe Gießen-Süd Abmarsch 8.30 Uhr Ecke Frankfurter Straße-Schubertstraße; Gießen - Mitte Abmarsch 8.30 Uhr Ecke Frankfurter Straße-Wilhelmstraße; Gießen-Ost Abmarsch 8.30 Uhr Licher Straße (Persiluhr); Gießen-Nord Abmarsch 8.30 Uhr Amtsgericht. — Stadttheater: 19 bis 22 Uhr „Undine". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Durch die Wüste". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Mädchenräuber". — Artillerie-Verein: Artilleristen-Treffen, 8.30 Uhr Antreten am „Hessischen Hof". — Kreisfeuerwehrtag: 14.45 Uhr im Katholischen Vereins
haus. — Verein ehern. 116er, Landwehr 116: Opferschießen für das WHW. auf den Schießständen der beiden Schützenvereine. — Oberhessischer Kunstverein, (Turmhaus am Brandplatz): 11 bis 13 Uhr Ausstellung von Gemälden von Richard Geßner (Düsseldorf).
Der Spielplan des Gießener Stadttheaters vom 15. bis 22. INärz.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Sonntag, 15. März, von 19 bis 22 Uhr der große Opernerfolg: „Undine", romantische Zauberoper von Lortzing. Musikalische Leitung: Paul Walter; Spielleitung: Paul W r e d e. Die Vorstellung ist außer Abonnement. — Dienstag, 17. März, von 20 bis 23 Uhr die Schlageroperette: „Die blaue Mazur" von Fr. Leyär. Spielleitung: Paul Wrede; musikalische Leitung: Ernst Bräuer; Tänze: Thery Schultheis. 22. Dienstag-Abonnement. — Mittwoch, 18. März, von 19.30 bis 22 Uhr, zum erstenmal: „Lapp im Schnakenloch", ein Spiel von Ed. Reinacher. Spielleitung: Wolfgang Kühne. Hieran anschließend: „Der zerbrochene Krug", Lust- spiel von Heinrich von Kleist. Spielleitung: der Intendant. 22. Vorstellung im Mittwoch-Abonnement. — Donnerstag, 19. März, einmaliges Gastspiel „Die acht Entfesselten". Tanz — Groteske — Parodie — Pantomime. Die Vorstellung ist außer
Gießen für Donnerstag, 19. März, verpflichtet. Wir glauben mitteilen zu können, daß sie teilweise mit neuem Programm uns besuchen werden. (Siehe heutige Anzeige.)
konzertverein Gießen.
Man schreibt uns: Als Solisten für das Chorkonzert des Konzertvereins, das am 19. März Haydns „Die Schöpfung" zur Aufführung bringen wird, wurden Fräulein Ria Ginster aus Frankfurt sowie die Herren Willi Lorscheider und Gustav Bley gewonnen. Fräulein Ria Ginster, die dem Gießener Konzertpublikum von früheren Veranstaltungen her noch in bester Erinnerung ist, hat erst kürzlich eine Konzertreise nach Amerika mit glänzenden Erfolgen beendet. Herr Lorscheider hat bereits im April 1935 in Gießen bei der Neunten Symphonie mitgewirkt und sehr gefallen. Herr Bley hatte bei einem Liederabend des Konzertvereins und in den Veranstaltungen des Gießener Stadttheaters wiederholt Gelegenheit, fein schönes Können zu zeigen.
Klavier-Abend Georg Kuhlmann.
Man schreibt uns: Wir machen darauf aufmerksam, daß der in Gießen bekannte Frankfurter Pianist Georg Kuhlmann am nächsten Montag, 20 Uhr, im Saale des Studentenhauses (Leihgester-
Oer Führer im Gau Hessen-Nassau.
Am Montag, 16. März, spricht der Führer um 20 Uhr in der Frankfurter Festhalte. Die Rede wird über den Reichssender Frankfurt übertragen. Zeder wahlberechtigte Volksgenosse muh den Führer an diesem Abend hören!
Zn jedem Ort wird ein Raum zum Gemeinschastsempsang hergerichtet für die Volksgenossen, die kein Empfangsgerät besitzen.
Alle Volksgenossen, die ein Rundfunkgerät besitzen, werden gebeten, Rachbarn, Bekannte usw., die kein Gerät haben, zum Empfang einzuladen.
Fede Gießener Ortsgruppe richtet einen Saal zum Gemeinschastsempsang her, und zwar:
Giehen-Rord: Easö Leib.
Gießen-Süd: Studentenhaus
Giehen-Mitte, Gießen-Ost
geben die Lokale am Montag in der Gießener presse noch bekannt.
Oie Parole für den 16. März: Jeder hört den Führer!
Kreisleitung Westerau.
Abonnement. Dauer von 20 bis 22 Uhr. — Freitag, 20. März, von 20 bis 22.30 Uhr: „Lapp im Schnakenloch", ein Spiel von Ed. Reinacher. Spielleitung: Wolfgang Kühne. Hierauf anschließend: „Der zerbrochene Krug", Lustspiel von Heinrich von Kleist. Spielleitung: der Intendant. 23. Vorstellung im Freitag-Abonnement. — Samstag, 21. März, als Vorstellung der Deutschen Bühne: „Der Kanzler von Tirol , Schauspiel von Josef Wente. Spielleitung: Kurt Lüpke. Freier Kartenverkauf Tagespreisen an der Abendkasse. Dauer von 20 bis 22.45 Uhr. — Sonntag, 22. März, von 11.30 bis 12.30 Uhr 3. SonntagMorgenveranstal- tung. Don 19 bis 21.45 Uhr außer Abonnement das Lustspiel: „Krach im Hinterhaus" von M. Böttcher. Spielleitung: Heinrich Hub.
Der Spielplan der RS.-kullurgemelnde Gießen, Ring Deutsche Bühne
erhält bis auf weiteres eine Aenderung insofern, als nur noch Samstagvorstellungen stattfinden. Auf die Anzeige in unserer heutigen Ausgabe wird im einzelnen verwiesen.
Nochmals „Die acht Entfesselten" im Stadttheater.
Anfang Januar erlebten wir im Stadttheater das erste Gastspiel dieser amüsanten Künstlergemeinschaft vor ausverkauftem Hause. Man bot Witz, Parodie, Satire und Groteske in feingeschliffener Weise. Viele Besucher mußten wir — so schreibt man uns aus dem Stadttheaterbüro — beim letzten Gastspiel der „Entfesselten" abweisen, fast täglich kommen neue Anfragen, ob die „acht Entfesselten" nochmals kommen. Die Intendanz hat diesen Anfragen Rechnung getragen und dieses Kollektiv zu einem nochmaligen Gastspiel im Stadttheater
ncr Weg) einen Klavierabend gibt. Das Programm ist eingerahmt von Kompositionen Schumanns (Toccata, Novelette fis-moll) und Chopin (III. Ballade, III. Scherzo). Es enthält ferner Toccaten von Debussy und Prokofieff und die „Wasserspiele" von Ravel. Als Erstaufführung bringt der Künstler eine Sonate des Pfitznerschülers Gerhard Fromme!, deren Uraufführung er vor kurzem in Frankfurt unter großem Beifall von Publikum und Presse gegeben hat.
Deutsche Arbeitsfront.
Kreiswaltung Gießen.
Fachgruppe: Vermittlergewerbe.
Zu der am Samstag, 14. März, abends 8 Uhr, im Hause der Deutschen Arbeitsfront, Schanzenstraße 18, stattfindenden Versammlung werden alle Handelsvertreter und -makler, Grundstücks- und Hypothekenmakler, Versicherungsagenten und -makler, Agenten und Makler im Bausparwesen, Versteigerer und Hausverwalter (auch die, die der DAF. nicht angehören) eingeladen. Es spricht der Gaufachgruppenwalter Pg. Wagner.
LandschastsbundDolkstum undHeimat.
Ortsring Gießen.
Sonntag, 15. März, um 11 Uhr, Führung durch die Universitäts-Bibliothek. Gäste willkommen.
Der für 18. März vorgesehene Lichtbildervortrag über „die geschützten Pflanzen unserer hessischen Heimat" ist auf Mittwoch, 22. April, verschoben.
Die für heute abend vorgesehene Veranstaltung des Verbands Deutsche Frauenkultur wird auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.
Oie Tippgräfin.
Vornan von Klothilde v Stegmann
Urheberrechtsschutz: Aufwärts-Verlag, Berlin, SW 68.
12 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Unter frohem Lachen bestiegen die drei Renates kleinen Zweisitzer mit dem Notsitz, auf dem Lore unter dem Protest Mariettas Platz nahm. Dann sausten sie davon, denn Renate Trotha schlängelte ihr Auto durch die Lücken der Autobusse und schweren Wagen. Jeder Derkehrsschutzmann lächelte ihr zu, und für jeden von ihnen hatte sie einen kameradschaftlichen Gruß.
„’nen Augenblick mal", rief sie plötzlich, sauste bis zur Bordschwelle, riß ihre Kamera an sich und siitzte auf den Bürgersteig. Dort machten drei kleine Terrier gemeinsam vor einem etwa fünfjährigen, entzückenden Mädelchen „schön", um von dem Kinde Zucker zu erbetteln. Ohne daß das Kind es merkte, hatte sie die reizvolle Gruppe auf die Platte gebannt.
„Uff! Das Frühstück ist verdient", stellte sie dann voll tiefen Wohlbehagens fest, als sie den Wagen wieder erklettert hatte und Gas gab. „Dafür zahlt mir die Redaktion der „Frau und Mutter" mindestens fünf Mark — also kann ich euch beruhigt eine Bohne mehr in den Kaffee tun."
Dann schaltete sie den dritten Gang ein und fuhr über die Heerstraße in sausender Fahrt davon, bis sie vor einem kleinen Häuschen Haltmachte, das inmitten eines großen Gartens in märkische Kiefern eingebettet lag.
Hinter dem Gitter, das das Anwesen von der Straße trennte, raste ein riesiger Schäferhund entlang, der heulende Zeichen vor Freude gab, als er das Auto sah. Renate konnte kaum die Tür auf- schließen, so stürmisch attackierte das erfreute Tier feine heimgekehrte Herrin, die lachend zu ihren Gästen sagte:
„Jago würde jedem Menschen das Lebenslicht ausblasen, der es wagen würde, sich an mir oder meinem Eigentum zu vergreifen."
Sie sagte es ganz harmlos, und es war natürlich) nur ein Zufall, daß sie Mariella dabei ansah.
Mariella aber, in ihrem angstgepeinigten Herzen immer mit den Gedanken an das beschäftigt, was sie für Erhard tun mußte, wurde aschfahl. Sie wankte. Wären ihr Lore und Renate nicht eilig beigesprungen, so hätte sie einen bösen Sturz auf den kiesbestreuten Weg getan, der zur „Villa Liliput" führte. Als sie wieder zu sich kam, lag sie auf einer schattigen Veranda, den Kopf von einer Kompresse gekühlt. Angstvoll sah sie Lores schöne Augen auf sich gerichtet. Renate stand neben ihr und fühlte ihren Puls.
„Na, das war hoffentlich nur ein kleiner Schreckschuß, Fräulein Bonaglia. Fühlen Sie'sich wieder- besser?"
„Wieder ganz gut!" versicherte Mariella. Sie richtete sich trotz des Widerspruchs der Freundin auf: „Seien Sie mir nur nicht böse. Ich weiß selbst nicht, was mit mir war."
Sie zwang sich zur Heiterkeit, um Lores Angst nicht zu vergrößern. Wie rührend hatte Lore ihr den kleinen Geburtstagstisch in dem winzigen Eßzimmer aufgebaut! Zwei gute Bücher, die Mariella noch nicht kannte und von denen Lore ihr begeistert geschrieben, ein kleines weißes Halskrägelchen und ein bißchen Kölnisch Wasser. Aber das Schönste — der Tisch war aufs liebevollste mit rosa und weißen Blüten geschmückt, die Lichter von Blütenranken umgeben. Alles atmete sorglichste Liebe
Wie gut man zu ihr war — zu ihr, die in Gedanken ein schweres Verbrechen plante! Hätte sie doch ihr Herz erleichtern dürfen, ihr Herz, das zum Brechen schwer war, wenn sie an das dachte, was ihr in der heutigen Nacht noch bevorstand.
Doch es mußte sein, sie konnte und durfte ihr Vorhaben um Erhards willen nicht länger hinaus- zögern.
..... Werde nicht schwach, mein Lieb! Denke an unsere gemeinsame Zukunft und bereite alles Not- roenbige vor! Das Päckchen, das diesem Schreiben beigeschlossen ist, enthält das Schlafmittel für die Tante. Es ist völlig harmlos, aber sicher wirkend. Wen? wir uns zu irgendeiner Stunde des Tages persönlich gegenübertreten werden, meine Mariella, laf) uns nicht von all den häßlichen Dingen reden, die doch für unser Glück so unumgänglich sind. Laß mich nur schweigend Deine Schönheit genießen und immer aufs neue den Augenblick herbeisehnen, wo
nichts auf Erden uns mehr trennen kann als der Tod", stand in Erhards Geburtstaqsbrief.
Mariella hatte immer noch gehofft, das Schicksal würde ein Einsehen haben und ihr irgendeinen Ausweg ermöglichen. Nun aber, da nur noch Stunden sie von dem Fürchterlichen trennten, das sie sich vorgenommen, brach sie zusammen. Doch sie mußte sich zusammennehmen. Es blieb nichts anderes mehr übrig.
So vermochte sie es, die Heitere zu spielen und eine frohe Stunde mit Lore und ihrer Kusine Renate zusammen zu sein. Dann aber mußte sie schleunigst nach Hause, wenn sie bis zum Abend mit ihren Vorbereitungen fertig werden wollte.
Aber wenigstens mußte sie doch Renates Wunsch erfüllen und sich das Heim der jungen Pressephotographin ansehen. Renate war sehr stolz auf ihr kleines Häuschen. Sie hatte es sich, so erzählte sie, mit eigenem Geld und ganz aus eigener Kraft geschaffen. Ihre Eltern waren ehemals sehr reich gewesen, hatten aber ihr ganzes Vermögen in der Zeit der Inflation verloren. Zum Glück hatte Renate ihre Ausbildung mit allem Ernste betrieben und konnte nun, wie sie lächelnd sagte, „ihren Mann oder besser ihre Frau stehen".
„Sie glauben nicht, Fräulein Bonaglia", fuhr sie fort, während sie neben Lore ging, „wie glücklich ich war als ich mir diese kleine Bleibe schaffen konnte. Ewig bei Wirtinnen wohnen, und wenn es noch so freundliche sind, ist schrecklich. Man muß das Gefühl haben, ein Stückchen Eigenes zu besitzen, und wenn es noch so bescheiden ist. Sehen Sie, deshalb schreibe ich in allen Zeitungen, die mir zur Verfügung stehen, immer wieder über den Wert des kleinenEigenhauses. Immer wieder photographiere ich Siedlervillen, Eigenlauben und zeige den Leuten: das kleinste Stückchen eigener Grund und Boden ist mehr wert als die prunkvollste Wohnung, die einem nicht gehört."
Bewundernd ging Mariella neben der jungen Photographin her. Ein Gefühl der Wehmut überfiel sie. Ein Stückchen eigener Grund und Boden — ein Ort, wo man selbständig und Herr über sich war, das mußte ein unendliches Glück fein! Wenn sie daran dachte, wie sie selbst jeder Laune Annina von Gellerns ausgeliefert war, tat ihr das Herz noch weher. Wie traurig hatte sich ihr Schicksal gestaltet! Wenn der Vater noch lebte, dann würde
Ria Ginster
Solistin in Haydns Schöpfung 1679D
Donnerstag. 19. März, in der Stadtkirche
Geheimrat Martin 75 Lahre alt.
Am morgigen Sonntag, 15. März, kann der emeritierte Professor der Anatomie in Gießen, Geh. Medizinalrat Dr. Martin, fein 75. Lebensjahr vollenden.
Geheimrat Martin wurde 1861 in Stuttgart geboren, wo er nach dem Besuch des Realgymnasiums Veterinärmedizin studierte und nach der Approbation zum Tierarzt als wissenschaftlicher Assistent angestellt wurde. Schon als Student war er Mitarbeiter an einigen Bänden der Werke seines Vaters. Zwei Jahre war er dann als Assistent an der Tierärztlichen Hochschule in München tätig, wo ihm nach Erledigung des Examens als beamteter Tierarzt die Distrikts-Tierarztstelle übertragen wurde. Im Jahre 1886 erhielt er -einen Ruf an die Tierärztliche Hochschule in Zürich für die Fächer der Anatomie und Physiologie und wurde im Alter von 25 Jahren zryn Professor und Mitglied der Aerztlichen und Zahnärztlichen anat. physiologischen Prüfungskommission ernannt. Ferner hat er stellvertretend in der Medizinischen Fakultät Physiologie gelesen und geprüft. Im Jahre 1894 promovierte er zum Dr. phil.
Im Jahre 1901 folgte Professor Martin einem Ruf als ordentlicher Professor und Direktor des Veterinäranatomischen Instituts der Landesuniversität Gießen. Gleichzeitig wurde er von der Vereinigten Medizinischen Fakultät ehrenhalber zum Dr. med. vet. promoviert. Seine Forschungen auf dem Gebiete der Anatomie, Histologie und Embryologie hat er in Gießen in rastloser Tätigkeit erfolgreich fortgesetzt, wobei ihm in seinen Werken das besondere Talent als wissenschaftlicher Zeichner zugute kam. Im Jahre 1915 wurde er zum Geheimen Medizinalrat ernannt. Er ist Ehrenmitglied des Vereins Württembergischer Tierärzte und der Gesellschaft Schweizerischer Tierärzte. Ebenso wie in Gießen wurde er auch von der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich zum Dr. med. ehrenhalber ernannt. Im September 1928 trat er in den Ruhestand, den er in unserer Stadt Gießen verlebt.
Außer einer Reihe von Einzelarbeiten, namentlich aus dem Gebiete des Magens und Darmes, sowie des Zentral-Nervensystems hat der Jubilar ein vierbändiges, in mehreren Auflagen erschienenes Lehrbuch der Anatomie der Haustiere geschrieben.
Nekruten-Vereidigung in Gießen.
Die Vereidigung der Rekruten des Ergänzungs- Bataillons 53 findet am 16. März, 12 Uhr, auf dem Schiffenberg in Anwesenheit des Divisions- Kommandeurs statt.
Oer Artilleristentag in Gießen.
Am morgigen Sonntag werden rund tausend alte Artilleristen aus Gießen, aus der Provinz Oben Hessen und aus den angrenzenden Gebieten sich in Gießen zu einem Artilleristen-Treffen mit den aktiven Kameraden der Gießener Artillerie vereinigen. Die von auswärts kommenden alten Soldaten werden am Bahnhof in Empfang genommen und zum Oswaldsgarten geleitet, wo der Sammelplatz aller Teilnehmer an dem Artilleristen-Treffen ist. Unter den Marschklängen eines Artillerie-Trompeterkorps und mit einer Ehrenabteilung der aktiven Gießener Artillerie an der Spitze werden die ehemaligen Ar- ! tilleriften etwa um 9.30 Uhr in geschlossenem Zuge vom Oswaldsgarten aus durch die Neustadt, Bahnhofstraße, Kaplansgasse, Seltersweg, Hindenburg- wall, Bleid)straße, Ludwigstraße, Ludwigsplatz, und Kaiserallee zur Artillerie-Kaserne marschieren, wo ihnen Gelegenheit geboten wird, die Artillerie- Kaserne in allen Teilen besichtigen zu können. Um die Mittagsstunde werden sich die alten Waffenkameraden in der Kaserne zum gemeinsamen Mittagessen versammeln, bei dem es eine kräftige Eintopf-Mahlzeit geben wird. Ferner wird auf dem großen Kasernenhofe Gelegenheit fein, Vorführungen einer aktiven Truppe beizuwvhnen. Danach folgt der geschloffene Abmarsch zum Cafe Leib, wo der Rest des Waffentages der Artillerie mit einem frohgestimmten kameradschaftlichen Beisammensein verbracht werden wird. Es sei noch besonders darauf hingewiesen, daß das Artillerie-Trompeterkorps auch bei dem kameradschaftlichen Beisammensein im
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sie glücklich auf den großen Besitzungen der Bonaglias fein dürfen. Dann brauchte sie nicht dankbar zu sein für den Unterschlupf, den Annina von Gellern ihr gewährt hatte.
Renates winziges Heim bestand nur aus einem großen Zimmer und einer Wohnküche sowie zwei winzigen Mansardenkammern oben. Aber das reichte ja vollständig aus, wie Renate meinte. Das eine Zimmer zu ebener Erde war ein Verhältnis- mäßig großer Raum. Die eine Wand bestand nur aus Glasfenstern. Renates großer Schreibtisch stand vollbepackt mit Büchern, Zeitschriften, Broschüren an der einen Hellen Fensterwand. Um das ganze Zimmer herum zogen sich breite Ruhebetten. Das eine davon wurde, wie Renate zeigte, mit einem Handgriff in der Nacht zur Ruhestätte hergerichtet. Schränke und Schubkästen waren überall eingebaut. Auch die Bücherregale waren ein Teil der Wände. In lichtem, warmem Gelb waren diese Wände getönt. Die Möbel in goldbraunem Hol; zeigten einfache, schöne Formen. Ueberall waren blühende Pflanzen in breiten Blumenfenstern.
Das kleine Gärtchen stand in üppiger Blüte. Neben Renates großem Wohn- und Arbeitszimmer war die winzig kleine Wohnküche wie eine Liliput- küche aus einem Märchen, Ein winzig kleiner elektrischer Herd, blitzblanke Aluminiumtöpfe. Ein eingebauter Küchenschrank, hinter dessen Glas das bunte Bauerngeschirr aufgereiht stand. Daneben eine winzige Speisekammer.
Eine kleine Holztreppe führte hinauf zu dem Boden, in dem zwei kleine Mansardenstübchen in bunten, luftigen Farben etwaiger Gäste harrten.
„Nicht wahr, es ist hübsch, mein kleines Reich?" sagte Renate, als Mariella immer wieder ihrem Entzücken Ausdruck verlieh. „Groß genug für mich und ein paar liebe Menschen. Oft genug kommt plötzlich irgendeine Freundin über Nacht ober auch ein armes Menschenkind, dem ich einmal Rat und Hilfe und Zuflucht geben muß. Und wenn Sie einmal kommen wollen, Fräulein Bonaglia, fallen Sie mir herzlich willkommen fein."
,Lch komme gern einmal, Fräulein Trotha. Nun muß ich aber wirklich nach Hause."
Sie sah auf die Uhr und erschrak.
„Es ist so schön hier bei Ihnen, daß man einfach alles vergißt. Nun werde ich viel zu spät daheim fein." (Fortfetzung folgt.)


