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Ilr.65 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Samrtag, 14-MrzMb

Von derLinigkeitzm Einheit.

Äon Or.paul Harms.

lieber Der deutschen Geschichte, von ihren An­fängen bis zum Jahre 1932, steht das Wort: von der Einheit zur Zersplitterung. Vor einem Jahr­tausend herrschte in Deutschland noch König Hein­rich, von der Ueberlieferung der Finkler benannt, der als Herzog des mächtigen Sachsenstammes auf den Thron gekommen war und sich zeitlebens unter den übrigen Stammesfürsten als ersten unter gleichen fühlte. Sein großes Verdienst ist, daß er die Hausmacht seines Herzogtums fest zusam­mengefaßt und gemehrt, daß er die Ostgrenze des Reiches gegen den Landesfeind wieder gesichert hat. So hinterließ er dem größeren Sohn, ähnlich wie F brich Wilhelm I. von Preußen, eine zuverlässige G nndlage.

' in 2. Juli 936 ist König Heinrich in Memleben ge orben und dann in Quedlinburg beigesetzt wor­den Sein Sohn Otto, der ihm folgte, war ent­schlossen, sich nicht damit zu begnügen, erster unter gleichen zu sein. Er wollte nicht nur die deutsche Königskrone, er wollte den Staat der Deut­schen als eine Machteinheit über allen Teilmächten. Er hat um diesen Staat gerungen gegen das Landesfürstentum, auch wenn seine näch­sten Verwandten auf der Gegenseite standen, und er hat ihn verwirklicht, zwar nicht in der Form des Einheitsstaates, aber doch in einer Form, die das Deutsche Reich auf Jahrhunderte hinaus zur ersten Macht der abendländischen Christenheit erhol). Nur wurde, im Laufe dieses Jahrhunderts, die bedingte Einheit dieses Oberstaates von innen heraus immer mehr aufgelockert, und zu guter letzt triumphierte das Landesfürstentum, im Bunde mit der Weltmacht Rom, später gelegentlich auch im Bunde mit dem französischen Königtum, über den Staats­gedanken des ersten Reiches der Deutschen.

Das Ende dieser Entwicklung war die lächerliche Zersplitterung in zweieinhalbhundert selb­ständige Staatsgebilde, die im Westfälischen Frie­denden als solche völkerrechtlich anerkannt und deren Selbständigkeit von Frankreich und Schweden ausdrücklich verbürgt wurde. Von da ab wurde die geographische Zersplitterung rückläufig. Nach dem Wiener Kongreß gab es noch drei Dutzend deutsche Vaterländer, nach Bismarcks zwei­ter Reichsgründung im Rahmen Klein­deutschlands noch zwei Dutzend, und daneben die ehemalige Hausmacht der Habsburger als selb­ständige, europäische Großmacht. An Stelle der ge­milderten geographischen Zersplitterung aber wuchs eine Aufspaltung der Volksseele in Parteien empor, die einander schlimmer befehdeten, als es die territorialen Teilmächte im ersten Reiche aetan hatten. An dieser Zersplitterung der seelischen Kraft des Volkes ist das zweite Reich zugrunde gegangen.

Diese seelische Zersplitterung, neben der auch die geographische Zersplitterung wieder fröhlich gedieh, hat das deutsche Volk bezahlen müssen mit dem Verlust seiner Ehre und seiner Freiheit Es war von der stolzen Höhe der ersten Militärmacht Eu­rovas und der zweiten Seemacht der Welt berab- gettürzt und zu einer Tributkolonie des Sieger- fnnifnfigmu5 geworden. Und als Wächter über die wehrlose Tributkolonie hatte der Sierserkapitalis- mns den Völkerbund bestellt, in den Deutschland, vm besser und beguemer beaufsichtigt werden zu kmv"n hineingezwungen wurde. Im Innern ging d'e Aufspaltung der Volksseele in immer mehr Wnrteien derweil munter weiter, 1932 hatte der K^mvf aller gegen alle seinen Höhepunkt erreicht, jenieits dessen nur mehr zwei Möglichkeiten lagen: nationaler Zusammenschluß oder bolschewistisch- in^rnationales Chaos.

Den nationalen Zusammenschluß hatte Hinden­burg gefordert, Jeit er, beim Sturz des Kaiser- r-iches. Staat und Volk in beispielhafter Weise ü^er die zerbrochene Staatsform gestellt hatte: den nationalen Zusammenschluß hatte der unbekannte Soldat des Krieges, Adolf Hitler, gefordert,

Schnelle Hilfe am rechten Ort

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Würden diese beiden Arbeitslosen, die das linke Bild zeigt, Aussicht haben, bei der Stellung­suche einen neuen Posten zu besetzen? Wohl schwerlich! Sie begaben sich jedoch zur NSV. und wurden hier neu eingetleibet. Jetzt dürften sie in ihrem anständigen Anzug, falls ihre Leistungen entsprechend sind, bald zu Arbeit kommen. Das ist Hilfe am rechten Platz, und so wirkt sich die neue deutsche Volksgemeinschaft aus, die Adolf Hitler im deutschen Volke schuf. (Scherl-Bilderdienst-M.)

seit er, mit einer handvoll Gleichgesinnter, die na­tionalsozialistische Bewegung ins Leben gerufen hatte. Als sich, am 30. Januar 1933, Hindenburg und Hitler gefunden hatten, war der Weg zur UeberminSung einer tausendjähri­gen Zersplitterung frei. Hitler, der Staatsführer, zerriß die goldenen Ketten des Völ­kerbundes, der seinen Namen zu Unrecht trug und nur das ausführende Organ des Versailler Sieger­kapitalismus war. Und mit mehr als 90 v. H. aller Wahlmündigen stellte sich das Volk, bei der Abstim­mung im Herbst 1933, hinter seinen Führer.

Aber Hitlers Staatsführung dachte nicht daran, auf den Lorbeeren dieses beispiellosen Erfolges aus­zuruhen. Rastlos verfolgte sie ihren Weg, um aus dieser Einigkeit die tatsächliche Einheit des Staates der Deutschen zu schmieden. Beseitigt wur­den die Reste der Länderhoheit, beseitigt wurden die letzten Binnengrenzen, gebändigt wurde das Hebel deutscher Geschichte, der Partikularismus in der Gesellschaft, wo er als Kastengeist, in der Wirt­schaft, wo er als Parteisucht sein Unwesen getrieben hatte. Und als dann über jeden Zweifel klar wurde, daß die Versailler Mächte dem entwaffneten Deutschland nie Wort halten und auch ihrerseits abrüsten würden, da hat der Führer vor Jahresfrist dem Reich aus eigenem Lebensrecht b i e Wehr- Hoheit zurückgegeben. Damit war bie Schmach des Zusammenbruchs, von 1918 getilgt, ber Schild ber deutschen Ehre wieber blankgeputzt unb in Eu­ropa bas Gleichgewicht ber Kräfte soweit wieber hergestellt, baß daran gedacht werden konnte, den auf Vertragsbruch gegründeten Diktatfrieden von Versailles durch einen Frieden ehrlicher Verständi­gung zu ersetzen.

Um diese Verständigung nicht zu gefährden, brachte Deutschland ein großes und schweres Opfer: es verzichtete darauf, die Wehrhoheit des Reiches auch in der entmilitarisierten Zone

geltend zu machen, die das Versailler Diktat uns einseitig aufgezwungen hatte und die wir im Lo­carno-Vertrag, unter dem Druck der Tributknecht­schaft, nochmals hatten anerkennen müssen. Als dann Frankreich aber durch sein Militär-Bündnis mit Rußland den Rheinpakt willkürlich durchbrach, wie einst Clemenceau den Waffenstillstands-Vertrag, wie Poincare im Ruhreinbruch den aufgezwunge­nen Friedensvertrag willkürlich durchbrochen hatte da nahm der Führer das getretene Recht Deutsch­lands in die eigenen Hände, indem er den neuen Vertragsbruch damit beantwortete, daß er der Reichseinheit den noch fehlenden Schlußstein ein­fügte: die wiedergewonnene Wehrhoheit wurde auch auf die entmilitarisierte Zone ausgedehnt. Und auf dieser tragfähigen Grund­lage wurde den Nachbarn Deutschlands zugleich ein Angebot zur dauernden Befriedung Europas gemacht, wie es gleich weitherzig und weitblickend noch niemals ergangen ist.

Von der Einigkeit des staatlichen Wol­lens, die am 30. Januar 1933 zwischen Hinden­burg und Hitler besiegelt wurde, ist Hitlers Staats­führung binnen drei Jahren vorgedrungen zur tat­sächlichen Staatseinheit des vordem so unselig zersplitterten Volkes im Herzen Europas. Und.über dieser festgefügten Tatsache gilt es nun, den Bau der europäischen Völkergemeinschaft zu errichten. So gesehen, ist in diesen drei Jahren mehr geleistet worden, als in einem Jahrtausend deutscher und europäischer Geschichte. An das deut­sche Volk ergeht nun der Ruf, das von der Staats­führung Geleistete dadurch zu unterstützen und zu sichern, daß es sich am 29. März zu diesem Ergeb­nis der drei Jahre laut und einmütig bekennt. Kann ein Mann oder eine Frau, wenn sie sich

I ihres Deutschtums bewußt sind, auch nur eine | Sekunde lang im Zweifel fein, wie sie am 29. März zu stimmen haben?

Miig helft»!

Die Bedeutung der Kinderbeihilfen an kinderreiche Familien.

Wpd. Ein einschneidender, von allen in der so» zialen Arbeit Stehenden als bedeutungsvoll er­kannter Schritt zur Verwirklichung des bevölke­rungspolitischen Gedankens ist die Verordnung der Reichsregierung über die Gewährung von Kinderbeihilfen an kinderreiche Familien vom 15. September 1935 mit den Ausführungsbe­stimmungen vom 26. September 1935. Nachstehend sollen aus der sozialen Arbeit vor und nach der Machtübernahme praktische Fälle die Bedeutung der Beihilfen für Kinderreiche erläutern.

Vor der Machtübernahme:

1. Von 19271932 wird eine Familie betreut. Der Mann ist in seinem angelernten Beruf fast ständig arbeitslos; wie weit selbst verschuldet, bleibt dahingestellt; die Ehefrau groß, mager, ver­kümmert, körperlich heruntergekommen: sie blüht nur für kurze Zeit auf, nach der Geburt eines Kindes. Danach verfällt die Frau sehr bald wieder, die Haushaltssorgen zermürben sie; der Mann lebt sorglos dahin.

1927 hat die Frau nach achtjähriger Ehe sieben Kinder zur Welt gebracht, fünf Kinder davon leben, zwei sind tot. Bis 1932 sind in der Fa­milie weitere vier lebende Kinder ge­baren. Die Familie bewohnte 2V2 Zimmer in einer Stadtwohnung. Das halbe Zimmer, für die älteste, konstitutionell tuberkulös gefährdete Tochter be­stimmt, steht leer; es sind nicht genügend Betten vorhanden, so daß die Aelteste allein schlafen könnte. In einem großen Bett schlafen vier Kinder, die übrigen zu zweien in je einem Bett.

Dem Wohlfahrtsamt entstehen ungeheure Kosten durch Bewilligung von Unterstützung und Kleidung für die elfköpfige Familie. Trotzdem hatten die Kin­der fast nie ein Hemd unter dem Kleid oder Anzug, im Sommer liefen sie barfuß, im Winter ohne Mäntel. Die Frau ist nie außerhalb der Wohnung zu sehen, sie hat kein straßenfähiges Kleid. Vor­handene, vom Wohlfahrtsamt bewilligte Kleidung ist sehr bald nicht mehr tragbar, verschmutzt, zer­rissen.

2. Im Jahre 1929 erzählte ein arbeitsloser Kaufmann mit sieben Kindern: Ich hatte eine sehr gute Stellung als Buchhalter in einer großen Firma. Unangenehm war nur, daß ich dort stets wegen der vielen Kinder gehän­selt wurde; auch die leitenden Herren machten sich teils luftig über mich, teils machten sie mir Vor­haltungen über die Kosten, die die vielen Kran­kenscheine für meine große Familie verursachen. (Meine Kinder leiden viel an Halsentzündungen.) Mehr ober weniger beutlich spürte ich, wie lästig ber Firma meine große Familie war. Eines Ta­ges glaubte ich, bie Nabelstiche nicht mehr ertragen zu können unb tünbigte meine Stellung in ber Hoffnung, als Zeichner privat ruhiger unb besser zu leben. Fast erfreut über meine Kündigung, ließ man mich gehen. Nach Bezahlung eines Fortbil- bungskursus im Schilbermalen unb ber in ben letzten Jahren angelaufenen Schulben behielt ich von ber Abfinbungsfumme nur n 0 ch f 0 viel, um knapp brei Monate mit meiner F a- m i I i e leben zu können, bann mußte ick Unter­stützung beantragen. Ich finde nirgends Ar­beit, überall werde ich abgewiesen; der Verdienst

Köhlers Zensier als modischer Kurzbericht sie gewähren augenblicklich eine umfassende Über­sicht, zeigen die Auslese der wichtigsten Moden in Kleidung für Herren und Knaben. Qualitätskleidung ist das Steckenpferd des Hauses Köhler, die grösste Auswahl zu haben und wirklich preiswert zu sein das kann jeder deutlich merken ist der fachliche Stolz des Hauses Köhler. 1611 A

Anekdote von der Liebe.

Bon Karl Lerbe

Von dem Manne, um den es in dieser kurzen, aber seltsam ergreifenden Geschichte geht, ist uns nicht viel mehr überliefert, als daß er den herzhaft irdischen Namen Kohl führte und zur" Zeit der Kaiserin Elisabeth als Professor der deutschen Sprache zu Petersburg wirkte. Dagegen wissen wir von ihm, was man von nicht vielen Lebewesen des irdischen Werkeltages sagen kann: daß ihn das Schicksal einmal mit dem herrlichen und furcht­baren Geschenk einer Leidenschaft bedachte, die ihn aus der gewissenhaften und nüchternen Alltäglichkeit feines Daseins emporriß und die Kraft seines Ge-, fühls, die sonst wohl nach üblicher Menschenart in vielen trüben Feuerchen verflackert wäre, zu einer großen und wilden Flamme brausend auftrieb |

Dies wiedersuhr dem Professor Kohl, als er ein­mal durch irgendwelche Beziehungen eine Einla­dung zu einer Hoffestlichkeit erhalten hatte und da­bei in die Nähe der Kaiserin geriet: Da fühlte er mit wunderlich lustvollem unb schmerzlichem Er­schrecken, baß ber Anblick Elisabeths ihn wie ein himmlischer Feuerschlag bis in unergrünbete Tiefen stures Wesens traf. Der Branb freilich, ber ba ent- zünbet war, konnte hier nicht sogleich hell unb heiß amschießen aber er schwelte, er griff um sich, er fraß unb fanb ungeahnte Nahrung, unb schließlich mar er eine schwere unb fengenbe büftere Flamme: 1 so baß ber Professor Kohl verstört unb mit wach-1 senbem Entsetzen merkte, wie sehr sein peinlich ge-: regelter Alltag ihm zur Unmöglichkeit unb zum! wesenlosen Schattenspiel würbe, unb wie eine ge­fährliche unb furchtbar lockenbe Kraft ihn in aben­teuerliche Bezirke riß.

Man barf glauben, baß er sich mit ernstem Vor­wurf zur Ordnung rief, vor der fremden und ge­fährlichen Lust seiner Träume am Tage ängstlichen Abscheu empfand und sich mit aller Kraft gegen djp Erkenntnis wehrte, daß er mit einer nach bür­gerlich-irdischen Begriffen wahnsinnigen und stras- lich.n Leidenschaft die Kaiserin liebte Ja liebte: so daß sein seltsames und strenges Schicksa seines ängstlichen Wehrens spottete und ihn aus allen ge­hüteten Bindungen trieb und ihn, einen wirren und trunkenen und von seinen ratlosen Freunden ge­miedenen Mann, durch nächtliche Straßen jagte, über deren eisigem Dunkel ein mächtiger sternuber- flammter Himmel gleißte.

Wir weichen der betrüblich verwahrlosten Gestalt, bie ihre sehnsüchtige Not und Beglückung mit stam­melnden und rasenden und vermessenen Worten zu diesem Himmel emporschickte, nicht aus und lächeln

nicht über ihr tolles Tun: Wissen wir doch, daß die hohe Flamme in jeglichem Gesäß heilig ist und sich ihres Ursprungs aus dem Weltenfeuer rühmen darf.

Vielleicht hatte eine Ahnung den Professor Kohl gelenkt, als er eines Morgens, aus blicklosem Starren erwachend, vor sich das riesig gewölbte Portal einer Kirche sah und sich inmitten einer plappernden Schar zerlumpter Bettler fand, die, von gutmütig-grimmigen Wachen zurückgehalten, die Stufen umdrängten: Denn im Augenblick, da er feine Umgebung erkannte, fauste es mit klappern­den Rädern und sprühenden Husen und Gesunkel und Peitschenknall durch den kahlen Vorfrühlings­tag heran, war da und hielt: blanke Karossen mit blitzender unb sehr erlauchter Menschenlast. Dem Professor Kohl war, was sie herantrugen, ein ver­schwommenes Gewoge farbiger Schatten bis auf eine Gestalt, bie er durch aufschießende Trä- nen ganz deutlich und mit großer, feierlicher Klar­heit sah: Elisabeth. Ihm aber war es nicht die Kaiserin, die über ein Reich von märchenhaften Maßen gebot, die gekrönte Abenteuerin, vor deren weltgeschichtlichen Affären er zu einem Nichts schrumpfte, unb von ber, wie wir Kunbigen aus vielen Beispielen wissen, wirklich eine Welt ihn trennte: ihm war es bie himmlische unb irbische, bie heilige unb feinen zitternben Hänben unb Sinnen erreichbare Gestalt ber Frau, die er liebte. Ueber ben trennenben Weltenraum riß sein Sprung ihn hinweg, an verbüßten Wachen vorüber, mitten burch erstaunt zuruckweichendes Gefolge nieber zu ihren Füßen, hinauf zu ihren Knien.

So lag er unb wußte nicht, baß Tränen in sei­nen struppigen Bart strömten, baß sein abgezehrtes Gesicht von Glut überlobert war, baß er mit sto­ßendem Atem wilde unb tiefe unb heiße Worte stammelte, die nieberzuschreiben keine Feber wagen barf. In biefen wenigen Augenblicken ergriff bie Flamme ber Erfüllung bie ganze Kraft seines Le­bens, schoß fteilauf unb erlosch. Er sah nicht, baß rings bie Klingen aus ben Scheiben fuhren, unb daß der elegant geführt Degen Schuwalows ihm am nächsten war; er fühlte vielleicht, daß Elisabeths Hände sie mit einer schützenden Bewegung von ihm fernhielten und dabei einen Herzschlag lang fein Haar berührten; und er vernahm gewiß den Klang ihrer Stimme, wenn er auch nicht die Worte ver­stand, die wir, ba sie schön waren, hier aufzeich­nen müssen:

Wenn Sie biefen Menschen töten wollen, weil er mich liebt was wollen Sie bann mit benen tun, bie mich hassen?"

Wer bas fernere Schicksal bes Professors Kohl wichtig findet möge wissen, baß besorgte Freunde

ihn, den ausgebrannten Rest eines glühenden Er­lebnisses, auf dem leeren Platze vor der Kirche fan­den und mit ängstlicher Hast nach Deutschland man sagt, nach Hamburg schafften, wo er sich selbst in einem stummen und leidlich vernünftigen unb vom Geleucht eines sehr fernen Erlebnisses beglänzten Dasein überlebte einem Dasein übri­gens, bas seine irbische Erhaltung einem von ber Kaiserin Elisabeth ausgesetzten Ruhegehalt ver- bantte.

Gießener Giadiiheaier.

Franz Lehär:Die blaue Mazur".

Die blaue Mazur ist ein Nationaltanz im Ko­stüm, ben man wenn bas Libretto recht hat in Polen mit ber Frau- tanzt, bie man fürs ganze Leben zu erobern wünscht. So hat ber Graf Olinski seine junge Frau gewonnen, unb ber erste Akt setzt gleich mit dem großen Hochzeitsfest ein, an einem Punkt also, an bem Operetten unb Lust­spiele gemeinhin abzubrechen pflegen. Aber bas Fest enbet mit schrillem Ausklang unb plötzlicher Trennung: bie junge Frau Blanko belauscht un­absichtlich ein Gespräch bes Grasen mit seinen Freunben unb muß erfahren, baß ben frisch Ver­mählten, in Erinnerung an bie verlorene Frei­heit unb ein lebenslustiges unb unbebenkliches Junggesellentum, die eben erst eingegangene Bin­dung schon fast wieder reut. Als dann auch noch, so uneingelaben unb unpossenb wie möglich, eine seiner zahlreichen ehemaligen Freunbinnen, bie Grell Aigner vom Wiener Hofballett, auf ber Bilb- ftäche erscheint, ist es vollends aus: Blanko verläßt heimlich dos Fest und rettet sich zu einem Jugend­freunde ihrer Mutter, benj Freiherrn von Neiger. Aber bie Liebe ist boch stärker, als bie Vermähl­ten sich eingestehen wollen. Der Graf macht Blan­kos Aufenthalt ausfinbig, eine Eifersuchtsszene läßt unmißverstänblich erkennen, wie es um ihn steht, unb bie blaue Mazur führt bie zur Unzeit Getrennten wieber, biesrnal hoffentlich für länger, zusammen.

Das Programm verschweigt bie Namen bes ober ber Autoren, bie bas Libretto verfaßt haben. Wir wollen ihnen auch nicht nachforschen unb uns nicht in Einzelheiten einlassen, wozu bas Textbuch im allgemeinen unb bie Liebertexte im besonderen an sich reichlich Gelegenheit böten. Es kommt ja bei einer Operette noch immer auf bie Musik an; baß bie Handlung auch unter Berücksichtigung einer gewissen, theatermäßig-traditionellen Berei­cherung durch das obligate zweite Paar nicht

gerade Üppig genannt werden kann, mag die oben skizzierte Inhaltsangabe bezeugt haben.

Lehär seinerseits war bemüht, musikalisch das Möglichste aus ber Vorlage herauszuholen. Er setzt stellenweise zu einer breit ausgebauten Instrumen­tierung an, bie überall flüssig unb gefällig, ge­legentlich aber ein wenig konventionell klingt. Die besten Wirkungen zieht er aus bem frisch und rhythmisch lebhaft entwickelten Titelmotiv; hübsch obwohl sehr einfach, wirkten auch in der Melodie­führung die Ueberleitung vom ersten zum zweiten Akt und das Terzett der alten Herrn am Kamin der Reigerschen Villa in Wien.

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Die Aufführung, von Herrn Wrede mit be­trächtlichem Einsatz von Personal und Ausstattung in Szene gesetzt, von Herrn Bräuer musikalisch geleitet, erschien im ersten Akt etwas unkonzen­triert und ohne den rechten Schwung, gewann aber im Verlaufe des Abends an Zusammenhalt, Stim­mung und Farbe. Die Ballettmeisterin Thery Schultheis fand für die Tanzeinrichtung in der ..blauen Mazur" dankbare Anregungen. Herr Löffler hatte hübsche Dekorationen für alle drei Schauplätze entworfen; Herr Weber unterstrich bie Bühnenwirkung burch stimmungsvoll abge­stufte Beleuchtungseffekte.

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Herr Weiser spielte ben Grafen Olinski und hielt bie Figur mit Geschick auf ber schmalen Mitte zwischen einem weltmännischen Kavalierston und echtem Gefühlsausbruch, gesanglich übrigens am eindrucksvollsten in der lyrisch gefärbten Mittel­lage. Frau Perry als Blanko entwickelte ihre Rolle darstellerisch gewandt und ungebrochen in der Linienführung und brachte die Partie auch musikalisch, mit dem Hochzeitslieb vor allem, recht vorteilhaft zur Entfaltung.

Herr Lindt als Adolar hatte es nicht schwer aus dem Umstande, daß erseinen eigenen Zwil­ling" und also eine Doppelrolle zu spielen hatte, dankbar aufgenommene, komische Effekte zu ziehen, und wurde überdies von Fräulein F 0 r n a 11 a z, die mit der Grell vom Ballett die typische Sou­brettenpartie vertrat, temperamentvoll unterstützt unb begleitet. Recht glücklich geriet das Trio ber brei älteren Kavaliere, bie von den Herren Bley, Volck unb Greis verständnisvoll ge­geben wurden. Vom Ensemble seien noch Fräulein Hagemann und Herr Tank in kleineren Auf­gaben erwähnt.

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Die Operette fand sehr freundliche Aufnahme. Es gab mehrere Wiederholungen und zum Schluß etliche Blumensträuße. hth.