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Nr.1I Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesien)

Dienstag, 14. Zanuar 1936

Aus Der Provinzialhauptstadt.

Unglaubliche Geschichte.

Die folgende Geschichte klingt unglaublich. Nie- mand weiß das besser als der Verfasser. Und doch ist diese Geschichte wahr und hat sich vor einigen Tagen in einem kleinen Haushalt zugetragen. Eine Bratpfanne, ein Wunder und eine Wunde werden in ihr eine Rolle spielen. Am Schluß der Geschichte aber wird ein Fragezeichen stehen, und diese Wen­dung ins Problematische wird reizvoll unsere Phan­tasie beflügeln können.

Zwei junge Frauen stehen in der Küche und er­örtern Schnitt und Einzelheiten einer Taftbluse. Dem Objekt entsprechend ist diese Erörterung be­wegt. Ein angenehmer und würziger Duft breitet sich inzwischen im Raume aus, der leckere Duft von bratender Leber. Die beiden jungen Frauen ver­stehen etwas von Hauswirtschaft und können also gleichzeitig über Blusenabnäher reden und doch die Leber gewissenhaft betreuen. Leise zischt und prasselt es in der Pfanne, und man öffnet das Fenster, damit der Dunst abziehe. Bis hierin ist die Lage durchaus normal und friedlich.

Eben find die einzelnen Leberstücke gewendet worden. Die beiden Frauen können sich wieder mit der künftigen Taftbluse beschäftigen. Gerade sagt die eine:Ich würde den Ausschnitt nicht so spitz machen, sondern.. ", da schreit sie plötzlich aus. Denn wie eine Kanonenkugel kommt unvermu­tet ein handliches Stück Leber durch die Luft gesaust und klatscht ihr zischend an die Stirn. Von dort prallt das Stück ab und fliegt nun, dem Gesetz der Reflexion folgend, im entsprechenden Ausfallwin­kel durch das offene Fenster im hohen Bogen auf die Straße.

Die beiden jungen Frauen starren sich an wie vom Donner gerührt, und dann fängt die eine an zu jammern. Denn das heimtückische Leberstück hat ihr nicht nur einen tödlichen Schreck eingejagt, son­dern ihr auch eine Wunde an der Stirn beigebracht. Jawohl, eine regelrechte und schmerzliche Brand­wunde.

Die unverletzt gebliebene Frau rennt eilig ins Schlafzimmer, um Salbe von dort zu holen. Die zurückbleibende Verwundete aber starrt auf die Pfanne und grübelt darüber nach, warum und wieso diese Pfanne mit Leberstückchen nach ihr ge­schossen hat. Ihr wird indes keinerlei Aufklärung zuteil, und es muß in der Tat als ein physikali­sches Wunder betrachtet werden, daß hier ein Stück Leber von der Pfanne drei Meter weit an eine Frauenstirn und dann noch ebensoviele Meter oder weiter auf die Straße gesprungen war. Mit dem gewöhnlichen Hopsen und Spritzen bratender Leber hat so etwas nichts mehr zu tun.

Und noch ein weiteres Fragezeichen muß hier gesetzt werden. Was nämlich wurde aus der Le­ber, nachdem sie zum Fenster hinausgeflogen war?

Als die Brandsalbe verstrichen und der erste Schreck verflogen, hielten beide Frauen, weit aus dem Fenster gebeugt, nach dem knusprigen Flücht­ling Ausschau. Doch es war nichts xnehr von ihm zu sehen. Rur die Phantasie konnte noch das Ende des Leberstückes bestimmen, und hier boten sich allerdings der reizvollen Möglichkeiten viele. Die versöhnlichste ist gewiß die, daß der noch warme Brocken einem hungrigen Hund auf die Nase ge­fallen wäre. Dieser Hund würde dann geglaubt haben, geradenwegs ins Schlaraffenland gekommen zu sein, wo die gebratenen Lebern einem bekannt­lich ins Maul fliegen.

Doch lassen wir es nur bei den Tatsächlichkeiten bewenden! Denn diese sind gewiß schon bemerkens­wert genug, so unglaublich sie auch dem erscheinen mögen, dem noch niemals gänzlich unvermutet ge­bratene Leber an die Stirn geschossen wurde.

H. B. v. M.

Dornotiien.

Tageskalender für Dienstag.

NSG.Kraft durch Freude": 20.30 bis 21,45 Uhr fröhliche Gymnastik, nur für Frauen, im Lyzeum; 20 bis 21 Uhr und 21 bis 22 Uhr Schwim­men im Volksbad; 21 bis 22 Uhr Reiten, Reit-

Tagung der Wirlschastsgruppe Einzelhandel.

Am gestrigen Montagabend fand im Saale des Hotels Hindenburg eine außerordentlich stark be­suchte Versammlung der Kreisgruppe Gießen der WirtschaftsgruppeEinzelhandel unter der Leitung ihres Vorsitzenden, Kaufmann Karl H o r st (Gießen), statt.

Der Vorsitzende Horst eröffnete die Arbeit der Versammlung mit einem Gruß an den F ü h r e r, der bei der Versammlung herzlichen Widerhall fand. An­schließend entbot er der Versammlung herzliche Grußworte, insbesondere den Gästen.

Sodann sprach der Geschäftsführer der Bezirks­gruppe Hessen der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel, Dr. Tripp, über die Grundlagen und die Auf­gaben der Einzelhandels-Organisation. Er betonte, daß die Wirtschaftsgruppe Einzelhan­del auf Grund gesetzlicher Vorschrift die Pflicht­organisation des gesamten deutschen Einzelhandels sei. Dieses Gesetz trage die Un­terschrift des Führers, so daß die Einzelhandels- Organisation ihre Arbeit auf einen persönlichen Willensakt des Führers zurückführen könne. Durch diese neue Organisation seien alle bisherigen Ein­zelhandels-Verbände aufgehoben worden. Jeder Einzelhändler müsse auf Grund der Pflichtmitglied­schaft der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel ange­hören; soweit die Beitritte noch nicht erfolgt feien, müsse die Anmeldung umgehend geschehen. Sodann schilderte der Redner den organisatorischen Aufbau, von den Fachgruppen über die Kreisgruppen, die Bezirksgruppen bis hinauf zur Spitze; er erwähnte dabei u. a., daß in Hessen rund 35 000 Einzelhänd­ler von der Organisation erfaßt würden. In großen Zügen gab er weiter ein Bild von der Eingliede­rung der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel in den Gesamtrahmen der Organisation der deutschen Wirt­schaft, wie auch über die Zusammenarbeit mit den anderen Säulen der deutschen Wirtschaft. Eingehend legte er sodann die Aufgaben der Organi­sation dar. In erster Linie handele es sich dabei um den Kampf des Einzelhandels um feine Exi­stenz und um die Anerkennung des Einzelhandels als selbständigen, verantwortlichen Wirtschafts­faktor durch den Staat und die Partei. Gleichlau­fend damit fei der Kampf um die Verdienstspanne, denn wenn man den Einzelhändler als Kaufmann anerkenne, dann könne man ihm die Verdienst­spanne nicht vorenthalten. Als notwendig bezeich­nete der Redner weiterhin die Regelung der Men­gen- und Staffelpreise und die Beseitigung der auf diesem Gebiete bis jetzt noch bestehenden ungerech­ten Verhältnisse. Wichtig sei auch der Kampf des Einzelhandels um feine Anerkennung in der öffent­lichen Meinung, ebenso die Werbung für den Ein­zelhandel und die Regelung der Frage der Be­triebsformen, die im Zusammenhang stehe mit der Qualität der beruflichen Leistung, denn allein da­von werde es abhängen, welche Betriebsformen für die Zukunft anerkannt werden. Als weitere dring­liche Aufgaben bezeichnete der Redner die Regelung des Wettbewerbs, für die durch die Beseitigung der Rundfunkreklame und die gerechte Ordnung des Ausverkaufswesens bisher schon befriedigende An­fänge gemacht worden seien. Das Kredit- und Borg­problem müsse, obwohl auch hierin schon manches besser geworden sei, weiterhin mit aller Gründlich­keit behandelt werden, um einen allgemein befrie­digenden Zustand herbeizuführen. Die fachliche Wei­

terbildung der Einzelhandels-Mitglieder in Fach- Gemeinschaftsabenden der einzelnen Branchen und der Ausbau des Berufsstandes seien gleichfalls Auf- aaben von großer Bedeutung, von deren guter Lö­sung ein bedeutsames Stück der Zukunft des Einzel­handels abhänge. Zum Schluffe wies der Redner noch auf die mannigfachen Aufgaben der Organi­sation auf dem Gebiete des Steuerwesens hin.

Der Leiter der Bezirksgruppe Hessen, Herr Köhler, forderte die Berufskameraden des Einzelhandels auf, im Rahmen der deutschen Volks­gemeinschaft vor allem die Berufskameradschaft zu pflegen und diese wichtige Aufgabe zu jeder Zeit und bei jeder Gelegenheit richtig zu erfüllen. Er nahm sodann entschieden Stellung gegen die An­sicht, die dem Einzelhändler nur die Rolle eines Warenverteilers zubillige, und er beanspruchte un­ter Hinweis auf die Anerkennungen von Dr. Ley und von dem bekannten Sachverständigen auf dem Gebiete des Preisbildungswefens, Oberbürgermeister Dr. G ö r d e l e r, für den Einzelhandel, auf Grund seiner Leistungen als Kaufmann betrachtet und be­wertet zu werden. Als Notwendigkeit bezeichnete er es aber auch, daß der einzelne Angehörige des Einzelhandels unablässig an sich selbst und an seiner fachlichen Weiterbildung arbeite, damit er jederzeit in der Lage sei, besonders unter schwie­rigen Verhältnissen seine Leistungsfähigkeit als Kaufmann unter Beweis zu stellen. Der Redner kündigte in diesem Zusammenhangs für die Kreis­gruppen die Veranstaltung von Schulungs- und fachlichen Fortbildungsabenden an, ferner betonte er die Wichtigkeit der sorgfältigen Berufserziehung des kaufmännischen Nachwuchses des Einzelhandels. Mit Befriedigung verwies er auf den Rückgang der Warenhausumsätze im Verlaufe des verflossenen Jahres und auf die erfreuliche Steigerung des Volkseinkommens, denn an beiden Erscheinungen sen der Einzelhandel natürlich in hohem Maße interessiert. Er sprach sich in diesem Zusammen­hänge mit Entschiedenheit dafür aus, daß eine wei­tere Steigerung der Einkommensverhältnisse aller Volksgenossen wünschenswert und zu begrüßen sei, denn dadurch werde die Kaufkraft des Volkes ge­stärkt, und davon habe auch der Einzelhandel wieder seinen Nutzen. Schließlich betonte er die Wichtigkeit des Reichsberufswettkampfs zur Aus­bildung des Nachwuchses. In diesem Zusammen­hangs teilte er mit, daß für den kommenden Schaufen ft erwett bewerb in Gießen noch eine Anzahl Schaufenster gebraucht werden, und er forderte die Einzelhändler auf, für diesen Zweck ihre Schaufenster zur Verfügung zu stellen, damit die jungen vorwärtsstrebenden Kräfte die Möglichkeit haben, beim Schaufensterwettbewerb mitzuwirken und ihren Anteil zur Steigerung der Gesamtleistungen des beruflichen Nachwuchses ein­zutragen.

Der Vorsitzende Karl H o r st unterstützte diesen Appell mit eindringlichen Worten und bezeichnete es als dringende Verpflichtung des Einzelhandels, auch auf diesem Gebiete dem Nachwuchs behilflich zu fein. Sodann schloß er nach Dankesworten an die Redner und an die Versammlung die Tagung mit dem freudig aufgenommenen Gruß an den Führer.

Im Anschluß an die Versammlung fanden noch interne Besprechungen der Fachgruppen Textil- handel und Lebensmittelhandel statt.

schule Schömbs. Stadttheater: 20 bis 22.30 Uhr Eine Frau ohne Bedeutung". Gloria-Palast, Seltersweg:Der Kraft-Mayr". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Es geschah in einer Nacht...". Oberhessischer Kunstverein (Turmhaus am Brand­platz): 11 bis 18 Uhr Ausstellung des Künstler­bundesIsar". Evangelische Stadtmission: 10, 15 und 20.30 Uhr biblische Vorträge.

Stadttheater Gießen.

Heute kommt von 20 bis 22.30 Uhr das Gesell­schaftsstückEine Frau ohne Bedeutung", Schau­

spiel von Oscar Wilde in der Neubearbeitung von Karl Lerbs zur Aufführung. Die Spiellei­tung liegt in den Händen des Intendanten. Die Vorstellung gilt zugleich als 14. Vorstellung im Dienstag-Abonnement.

Vortrag der Kneipp-Vewegung.

Am kommenden Donnerstagabend findet im Gast­hausBayerischer Hof" ein öffentlicher Vortrag der Ortsgruppe Gießen der Kneipp-Bewegung statt. Näheres in der heutigen Anzeige.

Die deutsche Arbeitsfront

3 J n.9.=0emeinf(haftKratt durch freuöe"

Urlaubszug in die Rhön vom 21. bis 28. Januar, Kosten 17,25 Mark.

Diese Fahrt führt über Fulda in die hohe Rhön und ist gegenüber allen anderen Fahrten im Preis noch weit geringer. Es kann darum auch nicht jeder teilnehmen, sondern diese Fahrt ist solchen Leuten vorbehalten, die trotz der geringen Preise der an­deren Fahrten das Geld hierfür noch nicht aufbrin­gen konnten. Auch ihnen soll hier einmal die Mög­lichkeit gegeben werden, einige Tage volle Erholung zu finden. Selbstverständlich ist bei dieser Fahrt ge­nau so Unterkunft und volle Verpflegung einbe­griffen, wie bei jeder anderenKraft-durch-Freude"« Fahrt.

Wissenschaft im Dienst am deutschen Volk."

Der nächste Vortrag dieser Reihe findet am Mon­tag, 20. Januar, im Hörsaal des Kunstwissenschaft­lichen Instituts, Ludwigstraße 34, statt. Es spricht Prof. Dr. Schuchhardt über:Neue Forschungen über die alten Tempel und Burgen in Athen" (mit Lichtbildern). Beginn 20 Uhr, Eintritt frei.

Urlaubsreisen für Landarbeiter.

Die Arbeitskameraden der landwirtschaftlichen Betriebe haben im Laufe des Sommers kaum Zeit, von ihrer Arbeitsstelle wegzukommen und in Urlaub zu gehen, da ihr Beruf keine freie Zeitspanne zu­läßt.

Im Winter jedoch ist das verhältnismäßig leicht, und die Beteiligung an denKraft durch Freude"- Winterreifen ist gerade von Seiten der Landarbeiter sehr rege.

An die landwirtschaftlichen Betriebsführer richten wir den eindringlichen Appell, verdienten Arbeits­kameraden die Möglichkeit zu geben, anKdF."- Winterfahrten, die von allen Gauen durchgeführt werden, teilzunehmen, damit auch sie andere Land­schaften ihres Vaterlandes kennenlernen und auf einerKdF."-Reife alle Sorgen des Alltags ver­gessen, um neugestärkt wieder an ihre Arbeit gehen zu können.

Erst am 22. Januar Bunter Abend von »Kraft durch Freude".

In unserem gestrigen Tageskalender war infolge eines Irrtums zu lesen, daß die gestrige Abend- Veranstaltung in der Volkshalle vonKraft durch Freude" veranlaßt worden fei. Zur Berichtung die­ses Irrtums sei ausdrücklich festgestellt, daß Kraft durch Freude" mit der gestrigen Veranstal­tung nichts zu tun hatte, sondern dieser Abend von einer privaten Unternehmung in die Wege geleitet wurde. Der Bunte Abend vonKraft durch F r e u d e" in Gemeinschaft mit dem Reichs­sender Frankfurt findet erst am 2 2. Januar in der Gießener Volkshalle statt.

Sportamt »Kraft durch Freude".

heule folgende Kurse:

Fröhliche Gymnastik und Spiele, nur für Frauen. Don 20.30 bis 21.45 Uhr, Lyzeum, Dammstraße 26.

Schwimmen, für Frauen und Män­ner. Von 20 bis 21 und von 21 bis 22 Uhr, Volks­bad.

Reiten. Von 21 bis 22 Uhr, Reitschule Schömbs.

Für einige Reitkurse können noch Anmeldungen auf der Geschäftsstelle, Schanzenstraße 18, abge­geben werden.

Wie gehamstert wurde ...

Der Nationalsozialistische Gaudienst Hessen-Nassau schreibt:

Die vor einigen Tagen veröffentlichten Umsatz- Ziffern der Einzelhandelsgeschäfte für den Mo­nat November 1935 haben erneut die Aufmerksam­keit auf eine Tatsache gelenkt, die einen Wider­spruch zu enthalten scheint: Im Vergleich zum

Geschichten ans den Kinderjahren derFnnkenteiegraphie.

3um 14. Januar

Am 14. Januar feiert die Deutsche Betriebs­gesellschaft für drahtlose Telegraphie (Debeg) die 25. Wiederkehr des Tages ihrer Grün­dung. Es ist unnötig, auf den außerordentlichen Wert der drahtlosen Telegraphie und Telephonie hinzuweifen; es gibt auch heute kaum noch einen Fischdampfer, der nicht im Besitz einer Funkanlage ist, von den großen Passagierdampfern aus aber kann man Ferngespräche mit allen Orten der Welt führen.

An diesem Tage werden Erinnerungen wach an die Kindheitsjahre der Funkentele- g r a p h i e und manche dieser Erinnerungen sind recht spaßiger Art. Als um das Jahr 1900 zum ersten Male einem bekannten deutschen Schiffs­reeder der Vorschlag gemacht wurde, seine Schiffe mit einer Funkanlage auszustatten und ihm die da­mit verbundenen großen Vorteile vor Augen ge­führt wurden, meinte er:Erstens halte ich die ganze Sache für Schwindel; wenn aber wirklich etwas daran wäre, so hätte sie doch gar keinen Zweck für mich, denn ich will von meinem Schiff, wenn es ausgefahren ist, erst wieder etwas hören, wenn der Kapitän bei feiner Rückkehr mir den Ver­dienst auf den Tifch legt."

Der heute bienftältefte Funkoffizier, Funkinspek­tor Carl Müller, der die ganze Entwicklung von dem unter betäubenden Lärm und blitzartigen Er­scheinungen arbeitenden K n a l l f u n k bis zum einwandfrei arbeitenden Ozeanferngespräch mitge­macht hat, erzählte in einem Kreise von.Pressever­tretern einige Anekdoten:

Bei den Kaisermanövern m Schlesien 1910 wollte Feldmarschall Graf H a e s e l e r feinen Ma- növergästen auch die neue drahtlose Telegraphie vorführen. Er gab mir den Befehl, an den Gene­ralstab in Liegnitz eine Weisung zu übermitteln und ihm die Antwort in sein Quartier zuzustellen. Ich war mir meiner schweren Verantwortung bewußt und griff aufgeregt in die Taften, bekam aber trotz aller Anstrengungen von Liegmtz feine Antwort. Den Zorn desgroben Gottlieb" durfte ich mir nicht zuziehen. So rannte ich zum nächsten Gasthof, telephonierte mit Liegnitz und bekam auf demselben Wege die Antwort. Graf Haefeler aber zeigte diese Antwort seinen Gästen stolz als ersten Beweis für die Brauchbarkeit der drahtlosen Telegraphie, und ich erhielt ein großes Lob.

Der Kaiser selbst wollte in jener Zeit den Wert der drahtlosen Telegraphie erproben und gab eine De­pesche auf. Leider aber erklärten die Beamten in der Empfangsstation, sie könnten den Text nicht entziffern, allenfalls könne man das erste Wort noch alsHonig" lesen. Es gab eine ziemliche Auf­regung, bis man des Rätsels Lösung fand. Der Kaiser hatte für sein Telegramm die Devise des englischen Hosenbandordens gewählt:Honny soit, qüi mal y pense.

Dem unwürdigen Zustand, daß M a r c o n i dem deutschen Seefunk aus Konkurrenzgründen alle denk­baren Schwierigkeiten in den Weg legte, machte die Debeg ein Ende. Das Hamburger Büro befand sich in einem kleinen Mansardenzimmer, und der kleine Funkturm hatte zwar wenig Apparate, aber viele Kisten. Man nannte daher diese Küstenstativn lieber K i st e n" -- S t a t i o n.

Aus einer Ozeanreise interessierte sich Enrico Caruso für die Erfindung der Funkentelegraphie. Er schnallte sich den Hörer um und hörte ein tolles Summen, war aber, als ihm erklärt wurde, daß dieses Geräusch von der Küstenstation Neuyork komme, so begeistert, daß er ausrief:Es kommt wohl noch der Tag, wo man von hoher See aus seiner Frau einen guten Morgen wünschen kann." Er hat recht behalten.

Ein Amerikaner, Mr. Newman aus Cleve­land, glaubte an einen Bluff, als man ihm auf dem Schiffe sagte, er könne drahtlos in seine Hei­mat telegraphieren. Als vorsichtiger Geschäftsmann aber machte er zur Bedingung, daß er erst zu be­zahlen brauche, wenn er die Antwort in Händen habe, und darüber hinaus ging er eine Wette über 20 Dollar ein, daß das unmöglich fei. Er hat feine Wette mit lachendem Gesicht bezahlt.

Beim Wiederaufbau der deutschen Flotte nach dem Kriege hat auch die Debeg ihren Mann ge­standen. Als 1922 der DampferCap Polomo" seine erste Ausreise antrat, besaß er die modernsten Funkeinrichtungen wie kein anderes Schiff auf die­ser Linie. 1923 erhielt dieser Dampfer schon einen Telephoniesender und konnte, als Deutschland noch über keinen einzigen Rundfunksender verfügte, den wenigen deutschen Rundfunkhörern in Deutschland eine Bordreportage senden.

Inzwischen ist für den Funk der Begriff von Raum und Zeit geschwunden. Der Funkverkehr auf See ist so gewaltig geworden, daß die Einrichtun­gen dafür auf modernen Schiffen dem Betriebe eines mittleren Telegraphenamtes nicht nachstehen.

P. M.

Ser verliehene Pan.

Don Geno Ohlischlaeger.

Wir saßen zusammen und sprachen über Bücher. Der Gastgeber hatte eine wundervolle Bibliothek, und eine der Damen wollte sich ein Buch ausbitten.

Sehen Sie die leeren, schwarzen Stellen, die da auf verschiedenen Regalen zwischen den Büchern klaffen, wie Spalten im Gestein?" fragte der höf­liche Gastgeber.Das sind die Lücken, die entstanden sind, weil ich Bücher ausgeliehen habe, früher ein­mal ..."

Die Dame steckte die Lehre lächelnd ein. Das Ge­spräch wandte sich allgemein dem ThemaBücher verleihen" zu, und jeder schimpfte auf diese Unsitte, wahrscheinlich diejenigen unter uns am meisten, die ein schlechtes Gewissen hatten, und sich der Bücher erinnerten, die sie zurückzugeben bisher vergessen hatten.

Besonders der Arzt Dr. B. wetterte gegen das Bücherverleihen. Er lächelte dabei aber so viel­sagend, daß wir eine Geschichte dahinter vermuteten. Die Gastgeberin ermunterte ihn, zu erzählen.

Ja, ich habe meine besonderen Gründe, wenn ich so gegen das Verleihen von Büchern bin!" bestätigte er.Außer all dem, was Sie hier nun schon dagegen angeführt haben, birgt es nämlich noch eine Gefahr; das habe ich einmal erlebt.

Ich studierte damals noch in München und stand kurz vor dem Physikum. Wer mal meine Frau werden sollte, sobald ich eine gut gehende Praxis hätte, stand auch schon bei mir fest. Die junge Dame, mit der ich mich nach dem Physikum ver­loben sollte, hieß Jngeborg. Ich lieh ihr manchmal Bücher, Romane, Novellen, wissenschaftliche Werke. Und eines Tages lieh ich ihr Hamsuns herrlichen Pan".

Drei Tage darauf schickte sie mir das Buch mit der Post zurück, und sie schrieb dazu einen Brief, der mich aus allen Himmeln riß. Er enthielt in knappen, aber energischen Worten die Versicherung, daß es aus zwischen uns sei. Sie sei dem Schicksal für die Aufklärung über meinen wahren Charakter dankbar, und wenn ich nicht von selbst wüßte, warum sie auf meine weitere Bekanntschaft ver­zichte, dann sollte ich mich nur in Hamsuns Buch vertiefen.

Ich begriff natürlich gar nichts. Was mochte der Pan" ihr angetan haben? Es gab doch gar keine Ähnlichkeit zwischen Leutnant Glahn und mir. Da ich das Buch so gut kannte, fand ich es gar nicht nötig, mich hinein zu vertiefen. Statt dessen rief ich bet ihr an; aber die Haushälterin sagte mir, daß

Fräulein Jngeborg gestern abend nach Italien ab­gereist sei; sie habe ihren Vater, der ein bekannter Kunstkritiker war und zu Studienzwecken auf längere Zeit dorthin fuhr, begleitet. Ja, sie habe sich plötzlich dazu entschlossen, bestätigte mir die Haushälterin auf meine Frage.

Da beschloß ich, das Buch doch noch einmal gründ­lich zu lesen, um wenigstens dahinterzukommen, was sie denn auf einmal gegen mich habe.

Und als ich auf Seite 98 angekommen war, wußte ich plötzlich alles: zwischen Seite 98 und 99 nämlich fand ich einen ärztlichen Brief, den eine Schau­spielerin, mit der ich vorher befreundet gewesen war, mir geschrieben hatte und den ich ich Dummkopf! damals in dem Buch liegen gelassen hatte! Jngeborg hatte also annehmen müssen, daß ich neben ihr noch diese Senta liebe, und darum hatte sie mit mir Schluß gemacht, Schluß für immer.

An dem Tag habe ich mir geschworen, nie mehr ein Buch zu verleihen, nie mehr ...!"

»ör. Göde" und sein »Götz".

Das Verdienst, ein Werk von Goethe zum ersten­mal auf die Bühne gebracht zu haben, fällt Berlin zu. Dort wurde fein ErstlingsdramaGötz von Berlichingen" zum ersten Male aufgeführt, und zwar war es die Kochsche Theatergesellschaft, die die­ses kühne Wagnis unternahm. Wer war dieser un­bekannte Stückeschreiber? Man hörte seinen Na­men und vergaß sich zu versichern, wie er sich schrieb. So wird er in einer Berliner Zeitung den Lesern als einD-r. Göde in Frankfurt a. M." vorgestellt. Aber man bemühte sich, dem Neu­ling einen guten Empfang zu bereiten und sorgte für eine besonders sorgfältige und ftilgetreue Aus­stattung seines Werkes. So war in der Ankün­digung unter anderem zu lesen:

Heute wird die von Seiner Königlichen Majestät von Preußen allergnädigst privilegierte Kochsche Ge­sellschaft teutscher Schauspieler aufführen: Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand. Ein ganz neues Schauspiel in fünf Akten, welches nach einer ganz besonderen und jetzt ganz ungewöhnlichen Einrichtung von einem gelehrten und scharfsinnigen Verfasser mit Fleiß verfertigt worden. Es soll, wie man sagt, nach Shakespeareschen Geschrnackt abgefaßt sein. Auch hat man, um sich dem geehrtesten Publikum gefällig zu machen, alle erforderlichen Kosten auf die nötigen Dekorationen und neue Kleider gewandt, die in den damaligen Zeiten üblich waren. In diesem Stück kommt auch ein Ballett von Zigeunern vor."