Ur. 62 Zweiter Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Zreitag, is.MärzMb
Der Weg zum Frieden ist frei.
General Göring spricht in Königsberg über die Bedeutung der Wahl.
Königsberg, 12. März. (DNB.) Aus dem großen Raum der Schlageterhalle klingt Marsch- musik. In Strömen drängen Tausende und aber Tausende zum Schlageterhaus. Längst ehe die große Wahlkundgebung beginnt, in der Ministerpräsident General der Flieger Göring sprechen will, muß die Riesenhalle polizeilich geschlossen werden. Es werden Paralleloersammlungen eingerichtet. In un- endlichem Zuge marschieren Standarten und Fahnen ein, füllen das große Podium hinter der Rednertribüne, das ringsum von einem riesigen roten Fahnentuch mit dem Hoheitszeichen abgeschlossen wird. Plötzlich ertönen von draußen Jubel und Zurufe. Göring kommt. Spontan erheben sich die Zehntausende im Saal. Fahnen auf! Das rauscht und braust und über dem siegreichen Rot blitzen die Spitzen. Aus den Bankreihen drängen sie gegen die SS.-Absperrung, die einen Weg durch die Menge für den Ministerpräsidenten freihält. Der Jubel wächst und wälzt sich fort durch die große Halle, wird immer lauter und immer brausender.
Endlich wird es ruhig. Dann erhebt sich Göring: Adolf Hitler ruft das Volk an, wenn er Rechenschaft ablegen will, wenn er will, daß das Volk sich äußern soll zu dem, was er getan hat oder wenn er in weltgeschichtlicher Stunde die Schicksalsfrage an die Nation stellen muß. Und bedenkt, Volksgenossen, daß noch niemals bis auf den heutigen Tage eine Wahl von so ausschlaggebender Bedeutung gewesen ist, wie die Wahl am 29. März. Denn diese Wahl interessiert zum ersten Mal nicht nur die Nation, sondern vor allen Dingen die gesamte Welt. Vergeßt es nicht, euer Führer steht heute den Völkern der Welt gegenüber. Er soll verhandeln um eure Freiheit, um euer Glück. Er soll der Welt beweisen, daß er in eurem Namen spricht. In den brausenden Beifall hinein ruft Hermann Göring: Es wird die Stärke des Führers sein, daß er sagen kann: Ich spreche im Namen meines Volkes; ich darf Sie fragen, in welchem Namen sprechen Sie. Wie viele Ihres Volkes stehen hinter Ihrer Auffassung. In einem Orkan des Beifalls fallen die stolzen Worte: „Ich weiß, daß der Führer sagen wird, ich spreche für die überwältigende Mehrheit meines Volkes. Darum ist diese Wahl letzten Endes ein Appell an die Dankbarkeit und an die Ehre des deutschen Volkes.
Hermann Göring erinnert dann an die Wahlen der Systemzeit. Mit Geißelhieben rechnet er mit den alten Parteien und ihren Parolen ab. Furchtbar ist das Bild. „Es ist wirklich, als ob das deutsche Volk durch eine Hölle marschiert ist", ruft der Redner. „Und dann plötzlich, Volksgenossen, war die Wende gekommen. Welche Not und welches Grauen beendet wurden, das kann sich nur der ausmalen, der es erlebt hat." Mit Neid und Mißgunst sah die um uns lebende Welt den Wiederaufstieg des jungen Deutschland. Man versuchte sofort, überall Hindernisse aufzurichten. Man versagte dem deutschen Volk, das arm an Rohstoffen war, die notwendigen Rohstoffe. Aber auch hier bewies sich das alte Wort wieder: Druck erzeugt Gegendruck. Die deutschen Chemiker und die deutschen Ingenieure arbeiteten und schufen uns neue Erfindungen. Deutscher Wille und deutscher Mut wird die Dinge packen. (Beifall.) Aus dem ohnmächtigen verarmten Deutschland schuf Adolf Hitler die schimmernde Wehr, die Deutschland schützen, seinen Frieden und fein Glück garantieren wird. (Stürmischer Beifall.)
Wenn der Führer solchen befreienden Entschluß treffen konnte, wie am vergangenen Samstag, kann er dies tun, weil er weiß, daß die deutsche Wehrmacht stark genug ist, einen Einfall in Deutschland zu verhüten. Volksgenossen! Militärische Spaziergänge nach Berlin gibt es
nicht mehr, weder auf der Erde noch in der Luft! Ich möchte aber gerade darum feierlich vor der Welt erklären: „Wenn immer Adolf Hitler gerüstet hat, so hat er uns immer wieder gesagt, nicht um anzugreiien, niemandem zur Bedrohung, sondern uns zum Schutz „Im Zeichen von Frieden und Dölkerversöhnung, das ist die Politik des Führers." Wenn heute die Franzosen so tun, als ob wir ihnen eine überaus große Kränkung angetan hätten, so ist das nicht richtig. Wir haben lediglich die letzte Unsicherheit beseitigt. Solange die Rheinlandzone bestand, wäre letzten Endes die innere Herzensverständigung doch nicht möglich gewesen. Sie sollen froh sein, daß der Weg fr^i ist.
Ein gewaltiger Schritt ward am 7. März getan, nun mag aber kommen, was will, wie ein Mann wird Deutschland stehen und
Hamburg, 13. März. (DNB.) Kaum 48 Stunden waren seit der grundlegenden Rede verstrichen, mit der der Reichspropagandaleiter den Auftakt zu dem Wahlfeldzug gegeben hatte, da war auch schon im Norden und Süden wie im Westen und Osten die Versammlunaswelle im Rollen. Fast im gleichen Augenblick, da sich auf dem Flughafen Tempelhof die Maschine erhob, die den Führer nach Karlsruhe brachte, flog Reichsminister Dr. Goebbels nach Hamburg ab, um in einer Kundgebung gewaltigen Ausmaßes Sinn und Zweck des Volksentscheides vom 29. März darzulegen. Die Stimmung der Zehntausende ist freudig und erwartungsvoll. Es ist das Bild der geeinten Nation. Ob Hafenarbeiter, ob Beamter, ob Ueberfeefaufmann, aus allen Gesichtern spricht die Genugtuung über das große Geschehen der letzten Tage. Tosende Heilrufe branden auf, als Dr. Goebbels die Hanseatenhalle betritt.
Gauleiter Kaufmann eröffnet die denkwürdige Kundgebung. Und dann folgen die Menschen, die die langgestreckte Riesenhalle im Parkett und Rängen lückenlos füllen, unter lautloser Stille, fast unbeweglich zum Rednerpult blickend, der wuchtigen und aufrüttelnden, fast zweistündigen Rede des Ministers. Hatte Dr. Goebbels eingangs hie tröst- lofe Lage gekennzeichnet, die der Nationalsozialismus auf allen Gebieten bei der Machtübernahme vorfand, so stellte er den in wirkungsvollen, oft durch beweiskräftige Zahlen belegten Ausführungen die Erfolge einer harten und
Berlin, 12. März. (DNB.) Reichshandwerks- meister Schmidt machte der Presse wichtige Ausführungen über die Neuordnung des Ausbildungswesens im Handwerk, besonders über die fachlichen Vorschriften für die Meisterprüfung.
Seit der Machtergreifung, so führte er aus, hat uns Handwerkern die nationalsozialistische Regierung jedes Jahr eine wichtige Errungenschaft gebracht, wie sie früher nicht in Jahrzehnten zu erreichen war:
1933 den Entschluß der Reichsregierung, dem
Handwerk einen eigenen Aufbau zu geben, und das Grund- und Rahmengesetz hierfür, 1934 die Ausführungsverordnung, die sogenannte Erste handwerksverord-
sein Recht verteidigen bis zum letzten Atemzuge. (Brausender Beifall.) Wir Deutschen haben unser Schicksal auf uns genommen, und das Schicksal heißt: „Wiederherstellung der deutschen Ehre und der deutschen Freiheit!" (Stürmischer Beifall.) Der Ministerpräsident schloß unter Beifallsstürmen mit einem aufrüttelnden Bekenntnis zum Führer, den niemand verlassen werde. Alle werden wir dort stehen, wo der Führer steht. Was auch immer kommen möge: Nicht aus der Ruhe bringen lassen! Unser Glaube versetzt Berge, unser Vertrauen ist blind, unsere Treue ist unerschütterlich. Was die Zukunft uns auch bringen maa, entweder Deutschland lebt in Ehren ober Deutschland stirbt in Ehren. Begeistert nimmt die Versammlung dieses Gelöbnis auf und bekräftigt es mit einem dreifachen Siegheil auf Adolf Hitler, mit dem Deutschlandlied und dem Horst-Wessel-Lied.
zielbewuhten Aufbauarbeit gegenüber. Wieder und wieder rauschte der Beifall der Menge durch die Halle, fei es, wenn der Minister von der Wiederher st ellung der deutschen Wehrhoheit und von dem kulturellen und wirtschaftlichen Wiederaufbau sprach, oder wenn er, nur um einige Beispiele zu nennen, das gewaltige 21 n ft eigen der G e - burtengiffer, das beispiellose Sinken der Arbeitslosigkeit, die Leistungen der Organisation Kraft durch Freude oder gar die Bedeutung der jüngsten historischen Tat des Führers vor Augen hielt.
„Ein wechselseitiges Vertrauen", so führte Dr. Goebbels zum Schluß aus, „besteht wie sonst in keinem Lande bei uns zwischen Füh - rer und Volk, beide Teile stützend und stärkend. So muß und wird sich unser Volk am Ende auch in der Welt durchsetzen. Diese Welt schaut auf den 29. März! Eine geeinte Nation von nie gesehener Kraft wird sich vor des Führers Aufbauarbeit stellen. Aufgerufen deshalb, weil die Welt sehen soll, daß dieses Reich unerschütterlich ist. Und wenn die Kinder einst groß sein werden, die deutsche Mütter im Vertrauen auf die fest gesicherten Grund- lagen unseres Staates geboren haben, dann werden alle Mühen und Sorgen von heute vergessen sein und unvergänglich werden dann bestehen die Freiheit und die Ehre einer wieder erwachten deutschen Nation.
nung über Pflichtinnungen, Kreishandwerker, schäften und Ehrengerichtsbarkeit. 1935 kam der Große Befähigungsnachweis, d. h. die pflicht zur Meisterprüfung für jeden, der einen Handwerksbetrieb eröffnen will. Und jetzt habe ich das große Handwerksereignis für 1 936 mitzuteilen: Die Einführung unserer neuen fachlichen Vorschriften für die Meisterprüfungen.
Der Reichs- und Preußische Wirtschostsrninister ver- fügt, daß unsere neuen fachlichen Vorschriften für die Meisterprüfung als Richtlinie für die Meisterprüfungen angewandt werden sollen, und der Reichsstand hat diese Verfügung mit den nötigen Anweisungen an die Dienststellen im Handwerk
weitergegeben. Der Aufstieg des Handwerks, und zwar gerade der wirtschaftliche Aufstieg, geht nur überLeistungund C h a r a k t e r. Wir wollen dahin kommen, daß der Begriff Handwerksarbeit allein schon die Gewähr für gute Arbeit und an« tänbige Gesinnung bietet, ähnlich wie es im Ausland die Bezeichnung „Made in Germany“ gewor- den ist. Wir wollen aus dem Handwerk eine g e • schlossene Mannschaft von wirklichen M e i st e r n machen.
Die neuen Vorschriften kommen vor allem für drei Gruppen in Frage: Zunächst für alle, die sich neu als selbständige Handwerker niederlassen wollen; weiter für den Teil der jungen Handwerker, die die Meisterprüfung bis Ende 1939 n a ch h o l e n müssen, und drittens für die zahllosen handwerklichen Betriebsführer, die freiwillig die Mei st erprüfungnach- holen wollen.
Mit der Einführung des Großen Befähigungs- nachweises ist die Meisterprüfung das Tor zum selbständigen Handwerker geworden. Wir mußten daher die Meisterprüfung grundlegend um« gestalten, sie modern, einheitlich, gerecht und nachprüfbar machen. Gleichzeitig stehen wir vor dem Abschluß der Arbeit, die Meisterprüfungsvorschrlf- ten gründlich zu modernisieren. Wir haben für insgesamt 120 Hanbroerfsberu f e feftgeftellt, welche grunblegenben Leistungen in ihnen verlangt werben müssen. Auf ben Grunb- forberungen sinb nun unsere neuen fachlichen Prüfungsvorschriften aufgebaut. Sie gewährleisten eine einheitliche, gerechte unb nachprüfbare Behandlung des Prüflings. Diese Neue- rung ist in den nächsten Wochen abgeschlossen.
Die fachlichen Vorschriften werden für einen Teil der Handwerksberufe sofort, für die anderen in den nächsten zwei bis drei Monaten den Handwerkskammern zugestellt werden; diese sorgen dann für die sinngemäße Durchführung der Meisterprüfung. Das ganze handwerkliche Ausbildungs- und Prüfungswesen muß auf die neue Form der Meisterprüfung zugeschnitten werden. Die Erneuerung beginnt bei der Eignungsprüfung d e s Lehrlings, fetzt sich fort bei den Jahres- zielen der Meisterlehre, deren Erreichung durch jährliche Zwischenprüfungen überwacht wird, und erstreckt sich weiter auf die Lehrpläne für d i e Berufsschulen und die handwerklichen Fachschulen, auf die Gesellen- Prüfungen, auf die Weiterbildung der Gesellen, auf die Fachbücher.
So hat die nationalsozialistische Reichsregierung und Handwerksführung nach schneller aber gründlicher Vorarbeit einen neuen großen Schritt getan, um die Leistung des Handwerks zu steigern, fein Ansehen im ganzen Volke weiter zu heben und seine wirtschaftliche Zukunft zu sichern. Wie jeder anständige Deutsche, so hat erst recht der Handwerker am Wahltage eine selbstverständliche Dankes- pflicht gegen den Führer zu erfüllen. Und ich bin gewiß, daß meine Handwerker mit ihren Angehörigen geschlossen zur Stelle sein werden.
Todesurteil im Mordprozeh Heidrich.
Vorn Würzburger Schwurgericht wurde der 29 Jahre alte Robert Heidrich, der, wie bereits gemeldet, feinen Wohltäter, den 74 Jahre alten Gärtner Müller in Würzburg ermordet und beraubt hatte, zum Tode und zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebensdauer verurteilt. Aus der Urteilsbegründung geht hervor, daß das Gericht zu der Ueberzeugung gelangte, daß der Beschuldigte vorsätzlich und mit Ueberlegung einen Menschen getötet ljat, um in den Besitz der Barschaft des Opfers zu gelangen.
Dr. Goebbels spricht in Hamburg
Die neue Meisterprüfung im Handwerk.
Das Land des Tolenvogels.
Von Ernst Wiechert.
Ja, ein großer Jäger war ich damals, unb selten wahrscheinlich war ber Wald so sehr eines Kindes Haus und Hof wie mir. Moore lagen in ihm, bereu frembartige Namen schon etwas Lockenbes unb 23er« zaubernbes für mich hatten: bie Pabolisken, bie Je- fchurkobrücher, ber Jektscharck, bas Baranij Bjell. Zum Teil waren sie unbetretbar, immer kleiner wurden die Kiefern und Birken an ihrem Rand, und in ihrer Mitte stand Schilf und hohes Riedgras um unbewegliche Wasserblänken. Kraniche brüteten dort, und manchmal nahm ich heimlich zwei Bretter von Hause mit, um auf ihnen, Schritt vor Schritt, in die schwankende Welt vorzudringen, die so viel Geheimnisvolles hinter dem Festen der Erde verbarg. Aber dann zitterte der Boden unter meinem Fuß, die niedrigen Sträucher bewegten sich, Wasser stieg dumpf und drohend zwischen den Halmen in die Hohe, und niemals gelang es mir, zu meinem Heil wahrscheinlich, in das Unbetretbare vorzudringen. Aber so getreulich hat die Seele das alles bewahrt, daß ich bei dem Versuch, das Land des Totenvogels in der „Majorin" zu beschreiben, nur die Augen zu schließen brauchte, um das alles wieder aufsteigen zu lassen: den bitteren Geruch der Sumpfpflanzen, bie schweigenbe Oebe, bas bang unb verzaubert schlagenbe Herz
Auch bie Horste bes Hühnerhabichts unb ber Gabelweihe lagen bort, unb Tag um Tag saß ich verborgen am Moorranb, bis ein glücklicher Schuß den Vogel vor meine Füße warf. Damals kannte ich weder Müdigkeit, noch Zeit, noch Verdruß. Und der Abend eines solchen Tages sah mtd) schon wieder im Schilf des Sees, bis zu den Kmen im Sumpfwasser, um auf bie ziehenben Wilbenten zu warten. Rein unb gefunb war ber Schlaf nach sol- chem Hanbwerk, inbes ber Kauz in ben Fichten bes Gartens schrie unb bie Wiesenschnarre ben ganzen Kreis ber Erbe mit ihrem eintönigen Ruf er- füllte, bis vor Sonnenaufgang ber Kuckuck ober ber Wiebehopf mich weckten. So mögen bie Menschen einfacher Völker leben, mit allen Sinnen ben Erscheinungen hingegeben fern aller Spekulation, unb auch bei ihnen mag aus einer Stimme ihrer Lanb= schäft ber leise Schauer burch ihr Herz frösteln, der auch mich bewegte, unb ber keine Angst, fonbern nur bie Ahnung war, baß hinter ber Erscheinung noch etwas anberes stehen müßte, unb hinter bem Glück, bas unverkennbar war, aber von bem es mitunter herwehte wie von ber unbeschrittenen Tiefe des Moores.
Auch war es nicht der Sommer allein, ber mich fo verzaubernd umfing. Wer als Frembgebliebener
aus den Städten kommt, ist jeder Jahreszeit geöffnet, und der Schrei der Wildgans oder ber Kranichruf, ber im Frühling unb im Herbst über unsere Felber ging, war nicht geringer als der Falkenschrei, der über den Sommerwäldern stand. Und waren die Straßen tief verschneit, so baute ich Marderfallen im Wald und ging ben Fährten nach, unb manchmal ftanb ich damals schon um bie Zeit bes Abenbrots auf den Lichtungen der bewaldeten Hügel und blickte lange nach Westen, wo hinter den Walbern eine frembe Welt begann, unb wußte nicht, weshalb auf bas Glück ber kinblichen Tage em Schatten fiel, weshalb es so schmerzte, in ben brennenben Himmel zu sehen, weshalb bei aller Fülle bas Herz so bitterleer unb bie Träne so nahe. Wußte es nicht, weil wir nie wissen, daß immer eine ferne Stimme uns ruft, wenn wir am glücklichsten sind, daß mir unter unseren ersten Versen schon erzitterten, lange bevor wir wissen, was ein Vers ist; und daß die Sonne uns schon schmerzlich untergehen kann, wenn wir doch eben erst unser Leben beginnen ...
Giarkbier in München.
Erfreulicher Märzen-Bericht
Wenn die letzten Ueberrefte eines sorglos heiteren Faschingstreibens aus ben Bierkellern unb Lokalen verschwunden sinb unb ber graue Alltag langsam wieder in bie Herzen ber Münchener einzuschleichen broht, bann rüstet bie Stabt bes Frohsinns unb ber Gastlichkeit schon wieder zu neuer freudiger Abwechselung. Denn in München ist immer „etwas los". Unb so folgt auf ben Fasching unb ben unausbleiblichen Aschermittwoch nach altem Väterbrauch die S t a r k b l e r z e i t. In diesem Jahre begann die Quelle des edlen Gerstensaftes schon am 7. März zu fließen, und somit begann auch für den Münchener an biefem Tage ber Frühling. . ,
Schon Wochen zuvor läßt ein starker Malzgeruch, ber verheißungsvoll um bie großen Brauereien weht, bie fommenben Genüsse lieblich ahnen. Das Märzenbier wirb besonbers bick eingebraut unb erfreut sich aus biefem Grunde höchster Beliebtheit. Tannengeschmückt laden zur Zeit bes „Ausstoßes", wie ber Beginn ber „Starkbierkuren genannt wirb, bie einzelnen Bräus unb Wirtschaften ber Stabt zu fröhlicher Einkehr. Da leuchten in Wort unb Bilb alle bie erhebenben Namen, beren Klang allein schon ben Münchner in Hochstimmung zu setzen vermag. Um babei jeglichen Seelenkonflikten zu entgehen und keinem ber Starkbiere irgendwelchen Abbruch zu tun, probiert er sie alle m echt bayeriscizer Grünblichkeit ber Reihe nach durch unb finbet für jedes eine befonbere würdige Anerken
nung. Genießen heute bie Heiligen „St. Benno", , St. Aventinus" unb „Franziskus" ben Vorzug, fo sind es morgen mehr die Weltlichen, wie der „Animator", der „Patentator" ober ber „Doppel- spaten". Die Bezeichnung der Biere nach Heiligen stammt aus dem Mittelalter, als noch die Mönche die Kunst des Brauens innehatten und ihre Erzeugnisse nach dem Schutzpatron ihres Klosters benannt wurden.
Den Höhepunkt der Münchener Starkbierzeit aber bildet zweifellos der Salvator-Ausfchank auf dem Nockherberg, der gewissermaßen alles in sich schließt, was der Münchener von ihm und einer gut gelungenen „Maß" erwartet. Einer alten Tradition gemäß fällt babei gerade auch ber in München besonbers gefeierte Josephitag am 19. März in bie „Salvatorsaison" zur größten Freube aller Peperln, Sepperln, Josephinen und wie sie alle heißen mögen, die an diesem Tage ihr Namensfest begehen.
Nicht selten kommt es vor, daß die geräumigen Bierhallen auf dem Nockherberg wegen Ueberfüb lung polizeilich geschlossen werden müssen und noch Tausende vor den Eingängen und auf ben Zufahrtsstraßen auf den „nächsten Schub" warten. Währenddessen bringen aus ben brobelnben, lachenden Räumen die lauten Märsche und Walzer einer Oberländer „Blechmusi" verlockend an das Ohr der tapfer Harrenden und das immer wiederkehrende „Prosit der Gemütlichkeit" läßt im Hinblick auf die kommenden Genüsse das Warten leichter ertragen.
Pünktlich um 20 Uhr wird die Bierquelle abgestellt, während der Betrieb noch eine Zeitlang weiterflutet. Ganz Schlaue kaufen sich deshalb kurz vor Torschluß gleich zwei oder drei Maß auf einmal, um so noch recht lange bie Ausgelassenheit ber Stunbe bei köstlichem Salvator genießen zu können.
Wenn aber bann bie untergehenbe Sonne bie langgestreckte Alpenkette im Süben mit letztem Schein verklärt unb schon die ersten Lichter im weiten Saale aufflammen, wenn sich die Reihen mehr und mehr gelichtet haben und mancher Schluck ungetrunken stehen bleibt, dann kommen die sogenannten „Restl-Trinker", die mit einem leeren Krug von Tisch zu Tisch gehen, und den übrig gebliebenen kostbaren Saft zu einer neuen, unentgeltlichen Maß vereinen.
Reich, wie die Geschichte des Münchener Bieres überhaupt, ist auch die Geschichte des Salvators, die sich bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts zurückverfolgen läßt. Da lebten auf dem rechten Jsar- ufer gegenüber München in der „Au" am Fuße des Nockherberges die Jünger des heiligen Franz von Paula im Kloster der Paulaner. Der Genuß des Fleisches, wie aller, was vom Fleische kommt, mar ihnen nach strenger Ordensregel verboten. Nur Brot,
Del und Fische waren erlaubte Nahrungsmittel. Dagegen ftanb ihnen bie Art unb Menge bes Trinkens frei. Aus diesem Grunbe erwirkten sich die Paula- nermönche von ihrem Landesvater bie Erlaubnis zur Errichtung eines Bräuhauses. Diese würbe ihnen auch gar halb erteilt mit ber Begründung: „Ein gleiches und gesundes Getränk ist ein wesentliches Erfordernis für Mönche, deren Hauptnahrung das Bier ausmacht, indem sie in Bayern den Wein vermissen und ihnen schlechte Fische und Mehlspeisen, wozu keine Eier, keine Milch unb keine Butter genommen werden dürfen, zu wenig Kräfte geben."
Von dieser Zeit an übte man im Paulanerkloster mit Sorgfalt die Kunst des Bierbrauens. Und wenn alljährlich im Frühjahr die frommen Brüder den Tag des heiligen Vaters Franz von Paula mit kirchlichem Gepräge festlich begingen, dann durfte auch das festliche Gebräu nicht fehlen. War nun schon der gewöhnliche Haustrunk der Paulaner sehr gehaltreich, so war das „Heilig-Vater-Bier" vollends ganz außerordentlich malzreich eingebraut, so daß man sich damit ein „zihmlich funbamentum sausten" konnte, wie ein zeitgenössischer Bücherschreiber zu berichten weiß.
Am Ordensfeste beteiligte sich regelmäßig der ganze kurfürstliche Hof und der Kurfürst selbst tat den ersten Trunk, den ihm der Frater Braumeister mit fröhlichem Gesicht kredenzte beim festlichen Anstich; dann begann der Ausschank an das massenhaft herbeigeströmte Volk. Der Name „Heilig-Vater- Bier" für das Festgetränk der Paulaner hielt sich lange Jahre. Wir finden ihn noch in einer Urkunde aus dem Jahre 1828. Allmählich aber wurde der Name verdrängt durch die Bezeichnung „St. Vater- Bier" und hieraus ist mit der Zeit das Wort „Sal- vator-Bier" entstanden.
Wohl verschwanden im Lause der Jahrhunderte die Paulanermonche und das Paulanerkloster, aber die alte Draustätte blieb und mit ihr das Salvatorbier. Um die Wende des vorigen Jahrhunderts ging die Brauerei zunächst in den Besitz des Staates über und kam dann in Privatbesitz, bis wir sie im Jahre 1886 im modernen Gewand der Aktiengesellschaft wiederfinden. Heute steht an Stelle des alten Klosterbrauhauses ein neuzeitlicher Großbetrieb, und wo früher in alten Gewölben und in den weitläufigen Klosterkellern im Nockherberg ausschließlich Menschenhände wirkten und schafften, stampfen und schnurren heute Maschinen und Motore. Wo früher klappernder Aufschlag über den Hof schallte, fauchen heute die Automobile und rollen die Eisenbahnwagen auf brauereicigener Gleisanlage zum nahgelegenen Güterbahnhof, um die Erzeugnisse der alten Paulanerbraustätte hinauszutragen in alle Welt. Dr. A.D.


