Aus aller Welt
Nachtschwalbe zwar recht inleressanl, aber doch fei« neswegs rätselhaft. Denn es kann ja wohl nicht zweifelhaft fein, daß der Vogel das Herannahen der Neumondnächte, die den Beutefang so sehr erschweren, auch wahrnimmt. Ist die Zeit gekommen, so beginnt er eben zu brüten. Beim näheren lieber« legen findet man aber, daß der Fall doch viel verwickelter liegt: der Vogel kann ja nicht anfangen zu brüten, wann er „will". Erst wenn in einem Eierstock legreife Eier entwickelt sind, kann er mit diesem Geschäft beginnen. Zwischen der Zeit des Heranwachsens der Eier und der Fütterung der Jungen liegt eine ziemlich lange Zeit. Der Ziegenmelker müßte also ein Meister der Zeiteinteilung und der Vorausberechnung sein, wenn er auf Grund der Beobachtung der wechselnden Mondphasen „zur rechten Zeit" mit den Vorbereitungen zum Brutgeschäft beginnen wollte — und in Wirklichkeit wird der Zeitpunkt des Brutbeginnes durch gewisse Hormone bestimmt! Daß trotzdem auch in diesem Falle der Mond die ausschlaggebende Rolle spielt,, ist außer Zw.eifel. Aber durch welche Kräfte er seinen Einfluß ausübt, bleibt genau so rätselhaft wie im Falle des Palolowurmes und all der übrigen Tiere, die sich „nach dem Monde richten".
bauer, der seinem Wiesbadener Arbeitgeber Ende August Schmucksachen im Werte von über einer Million Reichsmark gestohlen hat, dort verhaftet und festgesetzt worden.
In Südafrika Hai es geschneit.
In der südafrikanischen Stadt Johannesburg und Umgebung ist am Donnerstag zum ersten Mal seit 32 Jahren Schnee gefallen. Der Schneefall nahm derartige Ausmaße an, daß der Telephon- und Telegraphenverkehr gestört und die Vorbereitungen für die Empire-Ausstellung ernstlich behindert wurden.
Vier Kinder vergiftet.
Von einem traurigen Geschick wurde die Familie eines Arbeiters in Wirges (Westerwald) betroffen. Vier Kinder der Familie im Alter von 2 bis 6 Jahren erkrankten unter schweren Vergiftungserscheinungen. Ein Mädchen von vier Jahren ist im Krankenhaus gestorben, während die drei anderen Kinder, zwei Mädchen und ein Junge, noch schwer erkrankt darniederliegen. Der Fall ist um so trauriger, als die Mutter der Kinder erst vor kurzer Zeit gestorben ist.
Azoren—Bermuda in I8V4 Stunden.
Am Freitagabend um 21.31 MEZ. landete das Erkundungsflugboot Dornier Do. 18 „A e 0 l u s", das zweite im Nordatlantik-Erkundungsdienst eingesetzte Postflugzeug, im Hafen von Hamilton auf den Bermuda-Inseln. Das Flugboot wurde am Freitag früh um 3.16 Uhr MEZ. auf der Reede von Horta vom Motorschiff „Schwabenland" abgeschleudert. Es hat demnach eine Entfernung von rund 3 5 0 0 Kilometer in 18 Stunden 15 Mi- nuten bewältigt. Die Besatzung des Flugbootes besteht aus Freiherrn von Buddenbrock, Flugkapitän'von Engel, Flugzeugfunker Stein und Oberflugmaschinist Groschwitz. — Bemerkenswert ist, daß die Lufthansa bei ihren großangelegten Versuchen sich nicht aus die Erforschung eines bestimmten Flugweges beschränkt, sondern, wie dieser zweite Flug zeigt, gleichzeitig auf verschiedenen Strecken Erkundungsflüge unternimmt
Der Wiesbadener Juwelendieb Schiffbauer in London verhaftet.
Nach einer Mitteilung der deutschen Botschaft in London ist der flüchtige Juwelendieb Karl Schiff-
war der Nachweis, daß nicht nur einzelnen, sondern daß die große Mehrzahl aller solcher Würmer pünktlich nach „Mondzeit" in den höheren Wasserschichten des Meeres erscheint und wieder verschwindet Die „Sitten" wechseln allerdings. Manche Arten erscheinen nur bei Vollmond, andere bevorzugen die Neumondnächte, wieder andere schwärmen ausschließlich während des letzten oder auch während des ersten Viertels. Ob der Himmel klar ist oder Gewölk den Mond verdeckt, spielt dabei keine Rolle.
Ungelöste Rätsel...
Der biologische Sinn dieser eigenartigen Vorgänge ist nicht schwer zu erkennen — die Natur beweist hier wieder einmal ihre „organisatorischen Fähigkeiten in erstaunlicher Weise. Das offene Meer ist groß und weit. Würden die erwähnten Meereswürmer nicht alle gemein- f a m ausschwimmen, sondern jeder auf „eigene Faust", so würde oft genug der Fall eintreten, daß er während der ohnehin nur kurzbemessenen Schwarmzeit überhaupt keine Artgenossen anträfe. Die Erhaltung des ganzen Geschlechts wäre in Frage gestellt. So aber konzentriert sich das Schwärmen dank des Mondeinflusses auf wenige Nächte, während dieser kurzen Zeitspanne erfüllt dafür eine unendliche Fülle vom Grunde her aufsteigender Tiere die oberen Wasserschichten des Meeres.
Um so rätselhafter aber ist die andere Frage! Wie „merken" die Würmer, daß ihre Zeit gekommen ist? Die nächstliegende Vermutung wäre, daß das Mondlicht selbst den Meeresbewohnern das „Signal zum Aufbruch" gäbe. Diese Theorie ist in der Tat früher vertreten worden, sie hat sich aber jetzt als irrig herausgestellt Es zeigte sich, daß es für die Würmer durchaus keinen Unterschied macht, ob der Mond vom sternklaren Himmel herunterleuchtet oder hinter dichten Wolken versteckt ist. Außerdem „merken" die Tiere den Mondwechsel ja auch im Aquarium, hinter geschlossenen Vorhängen. Andere Forscher haben darauf verwiesen, daß bei Dollmondzeit und Neumondzeit Ebbe und Flut stärker als in den Zwischenzeiten ausgeprägt sind. Der stärkere Flutstrom, so meinten sie, reiße die Würmer einfach los. Auch diese Theorie kann nicht als stichhaltig gelten, denn im Aquarium gibt es weder Ebbe noch Flut. Eine dritte Theorie, welche die wechselnde Elektrizität der Luft zur Erklärung heranziehen will, bedarf eisst noch des Beweises. Es ist der Wissenschaft heute nicht mehr zweifelhaft, daß der Mond auf eine große Zahl von Organismen einen starken Einfluß ausübt. Welche Kräfte aber dabei wirk
sam sind, darüber wissen wir heute noch nicht das Geringste.
Die mondempfindliche Nachtschwalbe
Es gibt auch außerhalb des Meeres vom Mondwechsel abhängige Tiere. Zu ihnen gehört ein in Deutschland nicht seltener Vogel, die Nacht- ch w a l b e oder der Ziegenmelker, den man viel- ach an Sommerabenden geräuschlosen Fluges an )en Waldrändern entlanggaukeln sieht. Erst in den Dämmerstunden beginnt er seine Tätigkeit: die Jagd auf Nachtfalter und andere nächtlich fliegende Kerfe. Der Ziegenmelker legt seine Eier st e t s im letzten Mondviertel. Verpaßt er nach seiner Ankunft aus dem Süden den ersten Termin, so muß er einen vollen Monat warten, ehe er mit der ersten Brut beginnen kann. Während der dunklen Neu- mondnächte sitzt er dann brütend auf den Eiern, bei zunehmendem Monde schlüpfen die Jungen aus. Die hellen Nächte der folgenden Wochen erleichtern die Jnsektenjagd außerordentlich: Das kommt dann den hungrigen Schnäbeln der Jungen zugute, die gerade in dieser Zeit heranwachsen und eine gewaltige Menge von Nahrung nötig haben.
Auf den ersten Blick erscheint das Verhalten der
* ' ' Tödlicher Insektenstich.
Wie gefährlich ein Insektenstich sein kann, beweist wieder ein Fall, der sich dieser Tage in Kassel zu- trug. Ein 13jühriges Mädchen war von einem Insekt gestochen worden. Es trat Blutvergiftung ein, worauf man das Mädchen in ein Krankenhaus brachte. Schon nach drei Tagen starb es hier an Blutvergiftung.
Rundsunkprogramm.
Sonntag. 13. September.
6 Uhr: Hafenkonzert. 7.50: Reichsparteitag 1936. Appell der SA., SS. und des NSKK. 9.45: Vor- rnittagskonzert. Als Einlage, etwa 10.30 von Nürnberg: Reichsparteitag 1936. Funkbericht vorn Aufmarsch der Kolonnen zum Adols-Hitler-Platz. 11.15t Don Nürnberg: Reichssendung: Reichsparteitag 1936. Funkbericht von der Situation am Adolf- Hitler-Platz und der Erwartung des Vorbeimarsches. 11.25: Don Nürnberg: Reichssendung: Orchesterkonzert und Marschmusik. Als Einlage: Reichsparteitag 1936: Funkbericht vom Marsch der Kolonnen. 13: Musik am Mittag. 15: Don Nürnberg: Reichssendung: Reichsparteitag 1936. Fortsetzung der Funkberichte vom Dorbeimarsch der SA., SS. und des NSKK. Anschließend: Aus dem Funkhaus, Nürnberg: Konzert. 16: Deutsches Konzert. 18: HJ.-Funk. 18.25: Musikalische Märteln. Musik und Wort aus den Bergen. 19.30: Dürkheimer Wurschtmarkt. Bericht vom größten deutschen Weinfest. 19.50: Sportbericht. 20: Wie es euch gefällt. Ein großer Unterhaltungsabend. 22: Nachrichten. 22.10: Nachrichten aus dem Sendebezirk. 22.15: Sportspiegel des Sonntags. 22.30: Musik zur Guten Nacht. 24 bis 2: Nachtmusik. Giacomo Puccinis „Tosca".
IHonfag, 14. September.
6 Uhr: Choral, Morgenspruch. Gymnastik. 6.30: Frühkonzert. In der Pause, 7: Nachrichten. 8.10: Gymnastik. 8.30: Musik zur Frühstückspause. 10: Schulfunk. 11: Don Nürnberg: Reichssendung: Konzert. Als Einlage: Reichsparteitag 1936. Aus- Zeichnung der Siegerstürme der SA. 12: Schloßkonzert. 13: Nachrichten. Anschließend: Nachrichten aus dem Sendebezirk. 13.15 bis 13.55: Schloßkonzert. 14: Don Nürnberg: Reichssendung: Großes Konzert. Als Einlage, etwa 14.15: Reichsparteitag 1936. Vorführungen der Wehrmacht. 19.30: Von Nürnberg: Reichssendung: Reichsparteitaa 1936. Fortsetzung und Schluß des Parteikongresses. 22: Nachrichten. 22.15: Nachrichten aus dem Sendebezirk. 22.30: Das deutsche Lied. 23: Nachtkonzert.
Preisausschreiben für Zeitungsleser
Men Freunden des Gießener Anzeigers, die durch ihre Ginsendungen zu unserer Preisfrage ihre Anieilnahme an unserer Arbeit bekundet haben, sei an dieser Stelle für ihre Mitarbeit herzlichst gedankt. Oie glücklichen Preisträger wurden in der Zwischenzeit schristlich benachrichtigt. Alle eingesandten Arbeiten, auch diejenigen, die nicht mehr mit einem Preise ausgezeichnet werden konnten, haben uns wieder einmal bewiesen, daß unsere Zeitung in allen ihren Teilen von einer großen Lesergemeinde täglich mit Freude und Anteilnahme gelesen wird. Wir freuen uns hierüber, und für
Schrifileitung und Verlag wird es keine schönere Aufgabe geben, als durch Fleiß und Leistung dieses enge Verhältnis zwischen Leserschafi und Zeitung zu erhalten und auszubauen.
3m folgenden geben wir aus der Reihe der Ginsendungen einige wieder, die in ihrer Gesamtheit die Mannigfaltigkeit einer guten Tageszeitung spiegeln, von denen aber jede einzelne schon allein den Äeweis erbringt, daß die gute Zeitung im täglichen Leben einfach nicht zu entbehren ist.
Fahrt ins Glück.
So geschehen am Pfingstsonntag 1936 auf der Kurpromenade zu Bad Ems. Inmitten geschniegelter Badegäste und eleganter Toiletten bummeln zwei Gießener Wanderburschen mit dem Tornister auf dem Rücken die herrliche Kastanienallee am Lahnuser auf und ab, genießen als Zaungäste das Emser Kurkonzert — und finden unverhofft zwei bekannte Gesichter, zwei Gießener Mädels, die offenbar auch unterwegs sind.
„Ei, ei, Landsleute auf Fahrt?" — „Ja", erzählt die kleine Schwarze, „auf einer zweitägigen Pfingst- fahrt durchs untere Lahntal an den Rhein. Bis Nassau find wir mit der Bahn gefahren, und von da sind wir bann auf herrlichen Waldwegen hoch über dem Lahntal nach Bad Ems gewandert, und morgen wollen wir weiter über Arenberg nach Koblenz. Die Fahrt haben wir nicht selbst ausgedacht, die war kürzlich im „Gießener Anzeiger empfohlen, — sie ist aber auch einfach herrlich.
Verständnisinnig grinsen sich die beiden Wanderburschen an. Dann zieht der Große zwischen seinen Kartenblättern einen Zeitungsausschnitt hervor, und ein Blick auf das Papier mit der Ueberfchrift „Eine zweitägige Pfingstfahrt" sagt den beiden Mädels alles. Sie wissen, daß ihnen der Wanderonkel des „Gießener Anzeigers" unverhofft zwei Reisegefährten zugeführt hat, und sind gar nicht einmal böse darüber. Und daß dann der zweite Wandertag hin zum Rhein landschaftlich und auch sonst noch viel reizvoller wurde als der erste, das verdanken die 2 mal 2 jungen Landsleute nur alten Ratgeber, dem „Gießener Anzeiger". 2hm halten sie darum die Treue!
Bureau of pensions Washington".
Meine Heimat ist Edenkoben in der Pfalz. Kam ab und zu ein Paket von dort, so lag auch die Heimatzeitung darin. Es war im Jahre 1922, da erhielt ich auch eines Tages einige Nummern des „Edenkobener Anzeigers" und las da unter den vermischten Mitteilungen ungefähr folgenoes: Die Vereinigten Staaten von Nordamerika haben ihren alten Soldaten, welche 1861 eingezogen waren, sofern sie heute noch am Leben sind, (sonst ihren noch lebenden Witwen) eine monatliche Rente von 30 Dollar bewilligt. An sich wäre ja dieser Bericht für mich belanglos gewesen; aber ich hatte eine alte Tante bei mir, welche mit ihrem Manne lana in Amerika gelebt hatte und später mit ihm nach Laubach gezogen war; der Mann starb 1909. In der Inflation verlor die alte Dame ihr ganzes Vermögen, und es bedrückte sie sehr, daß fte, die vorher sehr vermögend gewesen, nun auf die Hilfe von Verwandten angewiesen war. Beim Lesen dieses Zeitungsberichtes fiel mir ein, daß der Mann meiner Tante so oft erzählt hatte, daß er damals 1861 den Unabhängigkeitskampf mitmachte und als Freiwilliger ins Heer der Vereinigten Staaten von Nordamerika eingetreten war. Ich erzählte es der
alten Frau. Sie hatte noch sämtliche Militärpapiere ihres Mannes in Besitz. Auf Grund deren konnte sie an das „Bureau of Pensions Washington“ den Antrag auf Rentenzahung stellen. Sehr viele Belege und Unterlagen waren erforderlich; alles ging durch das hiesige Amtsgericht. Es dauerte IV2 Jahre, bis es erledigt war. Die Rente wurde dann monatlich zugesandt in Form eines Schecks über 30 Dollar, und zwar wurde er auch rückwirkend gewährt vom Tage des ersten Antrages an, und bis zu ihrem im Jahre 1928 erfolgten Ableben. Ohne den Zeitungsbericht hätte niemand, die alte Frau am allerwenigsten, eine Ahnung gehabt, daß Amerika eine solche Rente ausbezahlt. Auf ihren Wunsch hielt ich dann den „Edenkobener Anzeiger" bis zu ihrem Tode; hernach bestellte ich ihn ab und lese nun seit acht Jahren ununterbrochen den „Gießener Anzeiger".
„Guck emol en die Zeirmg!"
Eine wichtige Sache für uns Landwirte sind die Wirtschafts- und Marktberichte. Man erfährt stets die neuen Festpreise von Produkten und Schlachtvieh. Aber nicht genug damit. Gar manchmal kommt ein Nachbar oder Bekannter, der dem Radio zuliebe seine Zeitung nicht mehr hält, zu mir und fragt: Wos hu dann die Kälwer en Frankfurt gekoast? Guck emol en die Zeiring! Ich hus wirrer om Radio net gehert. Guck ach emol, was des Rendvieh off em Gaißer Markt gegolle Hot! Hiermit ist also bewiesen, daß das Radio die Zeitung doch nicht ersetzen kann; besonders wir auf dem Land können uns nicht den ganzen Tag hin- fetzen das Radio hören, aber nach Feierabend die Zeitung lesen, das kann man immer.
Literarische Gütergemeinschaft.
Es war einmal eine Zeit, da folgte ich der Mode und sparte auch am Bezug des „Gießener Anzeigers". Vier Familien hielten wir zusammen e i n Exemplar im Hause. Wer es zuerst in die Hand bekam, hatte Glück. Mich traf dieses Glück nur ganz selten. Wenn das Blatt bei mir anlangte — meistens erst am nächsten Tage —, hatte es — fast immer auch arg zerrissen und stellenweise seines Inhaltes ganz beraubt — mehr Ähnlichkeit mit einem schmutzigen Tischtuch ober einer Malerpalette als mit einem Druckwerk. Auf diese Weise ist mir manche interessante Mitteilung, wichtige Bekanntmachung und vorteilhafte Anzeige entgangen. Ich hatte viel Aerger, Scherereien und Schädigungen. Mehrere Versuche Abhilfe zu schaffen, mißlangen. Da kündigte ich kurzerhand die literarische Gütergemeinschaft und hielt ein Exemplar des Heimatblattes für mich allein. Dieser Seitensprung machte mich zwar zum Außenseiter bei den Hausgenossen, aber ich dachte: „Ihr werdet auch noch anderer Ansicht." Richtig; eines Tages großer Krach im Treppenhaus: Das Gemeinschaftsobjekt war spurlos verschwunden; niemand wollte es in Empfang genommen haben. Ich sagte nur: „Das kommt nicht
vor, wenn jede Familie ihr eigenes Exemplar bezieht." Was darauf geantwortet wurde, wartete ich nicht ab, doch konnte ich beobachten: im nächsten Monat kamen schon zwei Exemplare ins Haus und im zweiten Monat waren es vier! Seitdem ist alles einig; nachmittags gibt es im Treppenhaus anstatt Krach immer einen anregenden Meinungsaustausch über die gemeldeten Ereignisse, über einzelne Anzeigen, über den Besuch von Vergnügungen usw. usw. Darum:
Laß dich auf Zeitungsgemeinschaft nicht ein, Halte dein Heimatblatt für dich allein!
Die „Lokalspihe".
Es sind wohl nun schon bald zehn Jahre her, daß ich eines Tages im Haushalte den größten Aerger hatte. Wir hatten große Wäsche angesetzt. Am Morgen kam natürlich die Waschfrau nicht. Außerdem stimmte etwas an der Feuerung im Kessel nicht. Die ganze Waschküche füllte sich mit Rauch. Auch die Kinder liefen mir im Weg herum, kurzum: Ich war geladen, weil alles schief ging. Nach dem einfachen Mittagessen mußte ich einige Augenblicke ruhen. Da fand ich den „Gießener Anzeiger" im Briefkasten. Mechanisch öffnete ich die Blätter und fand im zweiten Teil (das Hauptblatt ist ja mehr für den Hausherrn!) gleich die dicke Ueberfchrift: Nur nicht ärgern! Na nu, denke ich, gilt das mir? Ich fange an zu lesen, zunächst ungläubig, dann immer aufmerksamer, zuletzt mußte ich lächeln und zu mir selber sagen: Recht hat der Aufsatzschreiber, zweimal recht! Warum war ich so dumm? Und aller Aerger war verflogen. Ein paar Zeilen in der Zeitung hatten mir geholfen. Meine gute Laune war zurückgekehrt.
Ich muß sagen, das war das erste Mal, daß ich bewußt das kleine Aufsätzchen, das meistens unter der Ueberfchrift' „Aus der Provinzialhauptstadt" steht, so sorgfältig durchlas. Aber seit dieser Zeit widme ich diesem Teil des „Gießener Anzeigers" meine besondere Liebe, und ich bin selten enttäuscht worden. Die kleinen Erlebnisse und Beispiele aus dem Leben sagen mir immer etwas Neues, tröffen und helfen mir.
Ich lese diese kleinen Skizzen immer zuerst.
Oer Handwerksbursche findet eine Zeitung.
Im Jahre 1898 kam ich nach langen Wanderwochen als Handwerksgeselle in dem Städtchen Lissa, frühere deutsche Provinz Posen, an. Nachdem ich bei sämtlichen Schmiedemeistern, 12 an der Zahl, angefragt hatte, ob ich Arbeit bekommen könne und dieses verneint wurde, begab ich mich in meiner Niedergeschlagenheit (der Magen knurrte mir auch ganz gewaltig) in eine der Anlagen, um mein letztes Stückchen trockenes Brot zu verzehren. Geld hatte ich schon wochenlang nicht mehr. Als ich wieder weiter wollte, entdeckte ich im Gebüsch eine Zeitung, die wohl dem Besitzer durch den Wind entführt worden war. Ich nahm die Zeitung an
mich und sah, daß es eine der neuesten Ausgaben war. Ich durchsuchte sofort die Stellenangebote, denn ich war entschlossen, Arbeit anzunehmen, gleich welcher Art. Ich traute meinen Augen nicht, als ich las, daß ein Schmied in der dortigen Eisenbahn-Betriebswerkstatt gesucht wurde. Ich begab mich sofort an das betreffende Maschinenamt, und nach Durchsicht meiner Papiere wurde ich gleich eingestellt. Da ich fleißig und gewissenhaft in meiner Arbeit war und meine Vorgesetzten sehr zufrieden mit meinen Leistungen waren, wurde ich am 1. April 1907 als Beamter nach Gießen versetzt. Am 1. November 1933 bin ich nach 35jähriger Dienstzeit als Wagenmeister pensioniert worden. Wäre mir nicht durch Zufall die Zeitung in die Hände gekommen, hätte sich wohl mein Lebensweg anders gestaltet. — Wollen Sie es auf den Zufall ankommen lassen? Oder lieber regelmäßig Ihre Zeitung lesen? Auch wenn Sie gerade keine Stelle suchen, — es steht noch mehr drin!
Sippenforschung durch „Heimat im Bild".
Mein Vater und seine Geschwister stammen aus uraltem Bauerngeschlecht. Wir haben schon, da zum erstenmal alle Kinder ihre Heimat verlassen haben, vor Jahren angefangen und den Stammbaum aufgezeichnet. Es ist dies ganz leicht, denn in Heuchelheim ist ein Familienbuch, in dem alles steht. Wir kamen auf unfern Urahnen aus dem Jahre 1621. — Nun bringt die Zeitung eine Beilage „Heimat im Bild". Da finde ich sehr oft Aufsätze über Ahnenforschung und verschiedenes über Familien aus Gießen und Umgebung. Auch von meinen Verwandten finde ich da oft eine Spur. So führt mich diese Beilage immer wieder zurück in die Heimat meines Großvaters, bei dem ich so schöne Ferientage verlebt habe. Das beste aber sind die wundervollen Bilder, die uns diese Beilage bringt. Ich hebe sie mir alle auf.
So wird mir die Donnerstagnummer des „Gießener Anzeigers" immer angenehme und bilderreiche Lektüre bieten. Dafür bin ich der Zeitung besonders dankbar.
„Oie Scholle" als Ratgeber.
Da mein Mann ein großer Gärtner und Blumenliebhaber ist, so greift er am Dienstag immer zuerst nach der „Scholle", der Beilage der Zeitung, die ihm immer so wertvolle Ratschläge gibt. Im Laufe des Jahres würde gar viel vergessen werden, wenn nicht die Mahner in der .^Scholle" ihre Stimme erheben würden.
Wir find deshalb gerade für diese Beilage dankbar und wissen, daß noch gar viele Leser auf dem Lande dieser Meinung sind und mochten nicht versäumen, auf die „Scholle" hinzuweisen und unferm Danke Ausdruck verleihen. Wenn's auch keine Geschichte geworden ist, was ich hier geschrieben habe, so habe ich mir doch mein Herz erleichtert; denn das Gute muß man anerkennen, fei es, wo es fei.


