Nr. 110 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag, l2.Mai (936
Aus der Provinzialhäuptstadt.
Symphoniekonzert des städtischen Orchesters
als Werbeveranslattung für bas Sladlthealer und das Musikleben der Stabt
Wer über das Musikleben in unserem Volk gut unterrichtet ist, der weiß auch, daß Werbearbeit hier durchaus nötig ist. Führende Männer unserer Zeit haben dringend darauf hingewiesen. So schreibt der derzeitige Präsident der Reichsmusikkammer, Professor Dr. P. R a a b e in seinem Merkchen: „Die Musik im Dritten Reich": „Ich habe in Aachen vor 14 Jahren bei meinem Amtsantritt Schülerkonzerte eingerichtet. Das sind Orchesterkonzerte, in denen der Jugend die schönsten Werke der deutschen Musik aus allen Zeiten und Richtungen vorgeführt werden, einschließlich der Werke für Soloinstrumente und Orchester, auch für Gesang und Orchester. Vor jedem Konzert wird eine kurze Erläuterung der aufzuführenden Werke geboten. Zuhörer sind Schüler und Schülerinnen der oberen Klassen höherer Lehranstalten. Diese Konzerte waren bisher stets Höhepunkte des Erlebens der jungen Leute und waren infolgedessen immer so stark besucht, daß das letzte Plätzchen im Saal in Anspruch genommen werden mußte. In diesem Jahr war das einzige Schüler- kvnzert, das bis jetzt gegeben worden ist, leer." Deswegen sagt er in derselben Schrift an anderer Stelle: „Es besteht die Gefahr, daß man einmal von uns sagen wird: wir waren das Volk großer Meister, aber wir sind es nicht mehr, und zwar besteht diese Gefahr, weil unsere Jugend auf musikalischem Gebiet nicht genug lernt, um, wenn sie erwachsen ist, als berechtigter Erbe einer so großen Vergangenheit gelten zu können." Wenn diese ernsten Worte von einem Manne, den das Vertrauen des Führers an verantwortungsvolle Stelle gestellt hat, gesprochen werden, so gibt das doch sehr zu denken. Soll hier nun eine Wandlung erfolgen, so muß das Uebel an der Wurzel ungefaßt werden.
In unserer Stadt hat man das ohne Zweifel erkannt. Auf Anregung des Oberbürgermeisters Ritter ist ein Ausschuß gebildet worden, der sich ernsthaft mit den musikalischen Fragen unserer Stadt beschäftigt und sie zielbewußt vorwärts treibt. Die Schul- und Privatmusikerschast wird nicht müde, um die Jugend zu werben und sie für die Musik zu gewinnen. In Schülerkonzerten wird das Ergebnis gezeigt, das durch einen gutgeleiteten und ernsthaften Musikunterricht erreicht wird. Am Tag der Hausmusik hören wir die reichen Schätze unserer deutschen Musik. Und doch wollen die Klagen nicht verstummen. Hoffentlich zeigt sich bald ein Erfolg. Jetzt ist es noch so, daß nur noch ein ganz verschwindender Teil der Schüler, höherer Knabenschulen z. V., ein Instrument erlernt. Alle, die unsere Musik lieben, dürfen nicht müde werden, hier Rufer im Streit zu sein.
In vorderster Linie im Kampf um die gute Sache steht seit einiger Zeit das Gießener städtische Orchester. In einer Reihe von Morgenfeiern an Sonntagen hat es den Abonnenten eine Anzahl guter und nicht schwer verständlicher Werke geboten und dadurch ohne Zweifel werbend für Musik und Theater gewirkt. Auch am gestrigen Montagabend stellte es sich zur Verfügung, um vor der Studentenschaft zu musizieren. Wenn man bedenkt, welche Mehrarbeit hier in uneigennütziger Weise geleistet wird, so muß man Hochachtung vor diesem Gemeinschaftswillen haben.
Die Folge enthielt nur Werke von Mozart. Gerade seine Musik ist so recht geeignet, ans Herz zu rühren. Bei wem es da innen nicht mitklingt, der ist wohl für die Musik verloren.
Der Solist des Abends, Herr Greif vom Stadttheater, sang eine Arie aus der Zauberflöte: „O Isis und Osiris" und die köstliche Registerarie aus Don Juan. Besonders in dem letzten Stück konnte er die Vorzüge seines gutgeschulten Organs ins rechte Licht setzen. Die Hörer lohnten ihn durch reichsten Beifall.
Der Kuckuck.
Von Franz Hohen
Durch die blühende Wiese schlendere ich den Fußpfad am weidengrünen Bach entlang, der über schwarze Wurzelstöcke und algengrüne Steine schäumt. Das lichte Himmelsblau spiegelt sich im Wasser, die Welt ist voll Blumenduft, Sonnenschein und Vogellaut. Hochrot leuchten die gespornten Lippenblüten des Knabenkrauts im Gras, die der Volksmund „Glückshändchen" nennt, tiefblauer Enzian, Kümmel und blaßblaues Schaumkraut prunken im Wiesengrün. Jetzt steigt der Pfad gegen den Wald an, der Bach läßt sein glasklares Wasser in Stromschnellen und Gefällen über Stufen und moosgrüne Geschiebe springen, junge Farnwedel nicken zwischen feuchten Ufersteinen, und vorüber an den weißblühenden Schwarzdornbüschen des W'^esenratns mündet der Weg im Schatten eines lichten Buchenforstes.
Im Wald ist's wunderschön. Sonnenlichter spielen durch das Blätterdach und rollen golbne Kugeln über Moos und Altlaub. Im Buschwerk und in der nahen Lärchenschonung, die die ersten lichtgrünen Kerzen aufgesteckt, melden Laubsänger und Platt- mönch, der Buchfink schmettert seine Fanfaren, eine Dorngrasmücke singt, Goldhähnchen locken, und von der Spitze der einsamen Schwarzkiefer am Hügel- Hang flötet die Singdrossel. Da kommt aus Der Tiefe ein läutendes Rufen, das den ganzen Frühlingsjubelchor übertönt — der „frühschreierische Gucku" läßt seine Stimme erschallen.
Goethe und Huxley haben das Stimmorgan des Ostervogels mit einer Zungenpfeife verglichen, aber das Unzulängliche des Vergleichs selbst zugestanden; denn weder Oboe noch Klarinette, denen Handel und Wagner die Vogelstimmen gern übertragen, noch auch ein Register der Kirchenorgel oder das Waldhorn sind imstande, die eigenartige Klangfarbe des Kuckuckrufs wiederzugeben. Am nächsten kommt ihm noch die „gedockte Flöte" der Orgel, die auch den Kuckucksruf der Schwarzwälder Uhren liefert. Auch gibt es Geübte, die den Ruf aus der Schale der Weinbergschnecke täuschend ähnlich HK- ausholen — die kleine oder große Terz der eingestrichenen Oktave, e — c oder f — des. Da der Kuckuck kein Sänger, sondern ein Klettervogel ist, fehlt ihm der Singmuskelapparat, mit dem die Ordnung der Singvögel ausgestattet ist; auch er ist zwar ein tüchtiger Rufer, doch ein schlechter Musikant — nur selten trifft er seine Terz ganz rein. Was ihm aber an Treffsicherheit abgeht, ersetzt er durch Ausdauer; schon eine Stunde vor
Mgliederappell der Ortsgruppe Gießen-Siid.
Eine 5tebe des Kreisleiters.
Am gestrigen Montagabend fand im großen Saal des Katholischen Vereinshauses eine Kundgebung der Ortsgruppe Süd der NSDAP, statt. Wie in den früheren Versammlungen, so hatte sich auch diesmal eine große Anzahl Partei- und Volksgenossen eingefunden.
Nach dem Einmarsch der Fahnengruppe hieß der stellvertretende Ortsgruppenleiter Holländer die Besucher herzlich willkommen und begrüßte besonders den Redner des Abends, Kreisleiter Dr. Hildebrandt. In der Zwischenzeit hatte sich eine Werkschar aus dem Betriebe Bänninger auf der Bühne um ein Bild des Führers aufgestellt, und brachte wirkungsvoll einen Sprechchor, der von deutscher Arbeit kündete, zu Gehör. Außerdem trug die Werkschar noch ein Lied vor: „Wir sind des Werktags Soldaten, wir sind die schaffende Faust.. Dieses Lied leitete zu der Rede des
Kreisleiters Dr. Hildebrandt
über, der u. a. sagte, nach dem 30. Januar hätten viele Volksgenossen geglaubt, die Aufgaben der NSDAP, seien beendet und man müsse nun auch die nationalsozialistische Partei auflösen, um einen Staat ohne Parteien zu haben. Wie irrig diese Auffassung s?i, hätten doch wohl die letzten Jahre bewiesen. Den heutigen Staat könne man sich einfach nicht mehr ohne die nationalsozialische Bewegung denken, und ohne sie wäre nicht das erreicht, was tatsächlich seit der Machtübernahme erreicht worden sei. Die deutsche Geschichte habe schon immer ein Auf und ein Ab erlebt.
Der Führer habe sich die Aufgabe gestellt, alles geschehen zu lassen, damit das deutsche Volk die Zeichen der Zeit versteht, reif wird und so seine Verpflichtungen erfüllt. Die NSDAP. lebe als das politische Gewissen innerhalb des deutschen Volkes und trage so dazu bei, manches durchzuführen, was früher unmöglich erschien. Die- Partei lege uns allen die größten Pflichten auf, sie fei nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. Heute stände das deutsche Volk an der Schicksalswende; von jedem von uns hänge es ab, ob das deutsche Volk in der Zukunft auf Jahrhunderte als großer und freier Staat existiere, wie es der Führer wolle. Man müsse zunächst das Schicksal unseres Volkes klar erkennen und verstehen, daß das Weiterbestehen des deutschen Volkes und feiner Geschichte auf unseren Schultern ruhe.
Groß sei noch der Kampf, der vor uns liege. Das große Erleben unserer Tage dürfe man nicht durch die eigene persönliche Brille sehen. Der Führer
habe größere Dinge zu meistern, als sich um die kleinen Sorgen und Nöte einzelner kümmern zu können. Durch die Tat sei die Disziplin zu bekunden, felsenfest müsse das Vertrauen zur Führung sein, dann kämen wir dahin, daß nur die größere Linie gesehen werde, und dann könne auch überall fruchtbar gearbeitet werden. Wenn jeder nach dem Vorbild des Führers handele und lebe und sich bemühe, diesem Vorbilde sich zu nähern, dann seien wir schon einen großen Schritt weiter gekommen. Aeußerlichkeiten dürften keine Rolle spielen, sondern nur die Leistung. Eins sei klar, allen Menschen könne es die Bewegung niemals recht machen, aber eins trete offen hervor, und das sei der Eindruck, daß es sich bei den Nationalsozialisten um gute und ehrliche Kerle handele.
In feinen weiteren Ausführungen kam der Redner u. a. auch auf die Kirchenfrage zu sprechen und erläuterte ferner, was die Partei unter positivem Christentum verstehe. Blut und Boden seien keine billigen Schlagworte. Erhaltung des deutschen Volkstums und seiner Rasse, das große Winterhilfswerk und die tatkräftige Unterstützung an unseren erwerbslosen Schwestern und Brüdern seien ebenfalls Christentum der Tat. Die Nationalsozialisten seien keine Heiden und Antichristen; nichts habe nym kürzlich aus dem Munde prominenter Führer im Lager Crössinsee vernommen über Heidentum, sondern nur den Appell an den einzelnen und sein Gewissen. Wenn wir auf Erden so leben würden, daß wir jederzeit in der Lage seien, uns vor den höchsten Richter zu stellen, dann seien wir auch Christen der Tat.
Stellvertretender Ortsgruppenleiter Holländer
dankte dem Kreisleiter für feine packenden, ernsten Ausführungen und gab der Hoffnung Ausdruck, daß sie lebhaften Widerhall finden möchten.
Nach einer kurzen Pause wurden die Mitgliedsbücher und die Opferringskarten ausgehändigt. Pg. Holländer nahm dies zum Anlaß, um in kernigen Worten auf Me Bedeutung dieses Augenblicks nochmals hinzuweisen. Neben Pflichtbewußtsein und neben der Leistung komme es ganz besonders auf das Herz des einzelnen an, das in Ordnung fein müsse. Mit diesen Worten wurden die Parteigenossen in den Reihen der Bewegung willkommen geheißen.
Ein dreifaches Sieg-Heil auf den Führer beendigte die Kundgebung, die erste Strophe des Horst-Wessel- Liedes wurde gesungen, dann marschierte die Fahnengruppe aus.
Das Orchester spielte die Ouvertüre zu „Figaros Hockzeit" und die Symphonie in g-moll. Der musikalische Leiter, Professor Dr. Temesvary, bot die Ouvertüre sehr beschwingt und fein pointiert. Eine ganz große Leistung des Orchesters und des Dirigenten war die Symphonie. Den schmerzvollen Grundgedanken des Werkes immer wahrend, hob Professor Temesvary die thematische Arbeit in schöner Klarheit hervor, ohne der großen Linie irgendwie Abbruch zu tun.
Gewiß hat dieser Abend das gebracht, was der Rektor Prof. Dr. Pfähler in feiner Ansprache betonte, nämlich eine notwendige Ergänzung für den geistig Schaffenden. Sein Wunsch, daß die Darbietungen ihren Zweck nicht verfehlen sollten, möge auf fruchtbaren Boden gefallen sein. Dann wird auch das in Erfüllung gehen, was Dramaturg Nieren in feiner kurzen Rede ausführte, daß die Studentenschaft, an die man sich gerade an diesem Abend gewandt habe, eine kulturpolitische Zelle werde, von der aus dann reiches Leben hervorgehen möge, zum Segen der Musik und der Kunst überhaupt. Das wird auch der Wunsch aller derer sein, die die große Bedeutung der deutschen Kunstschöp- fungen für unser Volk erkannt haben. — a —
Sonnenaufgang intoniert er und bringt es tagsüber in ungezählten Sätzen bis zu dreißig Wiederholungen hintereinander; bei Nacht aber hat man bis zu hundertsiebzig Rufe in unmittelbarer Folge ohne Atempause gezählt. Ende April läßt er sich zuerst hören, ausgangs Juni wird sein Rufen seltener, zwischen dem 12. und 18. Juli verstummt er ganz; doch ist sein endgültiges Schweigen nicht gleichbedeutend mit seinem Wegzug, erst im zweiten Augustdrittel verläßt er uns.
Wo dichtverwachsene Baumgärten und dunkle Haine an einsame rohrgrüne Teiche grenzen, wo weite Laub- und Nadelwälder sich zwischen Flüssen oder Schilfseen ausbreiten, dort haust der Kuckuck gern. Ein scheuer, wilder und heimlicher Vogel, der nicht weniger schwer zu beschleichen ist als der Pirol, liebt er die Verborgenheit undurchdringlicher Baumwipfel, die er nur verläßt, um bei tiefer Dämmerung das nächste Wasser zu suchen. Darum ist seine Erscheinung fast unbekannt, nur unermüdliche Beobachter finden Gelegenheit, den großen, aschblauen, dunkelgesperberten Vogel im Freien zu sehen. Und doch ist er neben Storch und Schwalbe der volkstümlichste aller Zugvogel, der die Einbildungskraft immer stark beschäftigt hat. Weil er das Urbild des Schmarotzervogels ist, der anderen artfremden Vögeln seine Eier zur Bebrütung unterschiebt, eine Regelwidrigkeit, die sonst nur noch Rosenstar und Honigsauger, zwei farbenbunten kleinen Exoten, eigentümlich ist; das „Kuckucksei" ist sprichwörtlich geworden.
Bald nach der Rückkehr aus Tripolis oder dem Nildelta feiert der Kuckuck Hochzeit, und sogleich machen sich die Neuvermählten gemeinschaftlich auf die Suche, um das erste Ei in ein fremdes Nest einzuschmuggeln. Wenn alle übrigen Vögel mit heißem Eifer sich plagen, als „ordentliche Leut" der Nachkomenschaft eine Wiege zu bereiten — dem Gauch sind solche Triebe und Anwandlungen fremd. Lauernd untersucht er alle Winkel im Dorngeftrüpp, durchstöbert jeden Buchen- und Birkenhorst, jede Fichten- und Föhrendickung; wo er ein fremdes Nest entdeckt, dessen Bewohner sich wachsam in der Nähe halten, macht er sich aus dem Staube, denn er vermeidet unnötigen Lärm; findet er aber eins mit einem angefangenen oder vollen Gelege, das von dem Vogelmütterchen auf kurze Zeit verlassen ist, dahinein legt die Kuckucksfrau ihr nach Große und Farbe oft sehr wechselndes, nicht selten aber dem fremden Gehege überraschend angepaßtes Ei ab, und stiehlt sich nach gelungenem Betrug wie- der davon, von dem in der Nähe wartenden Männchen mit Jubelruf begrüßt. Darum ist der Kuckuck der soliden" Dogeiwelt so verhaßt und verächllich
Bornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
NSG. „Kraft durch Freude": 20.30 bis 21.45 Uhr fröhliche Gymnastik und Spiele im Lyzeum; 17.30 bis 18.30 Uhr Kindergymnastik, Frankfurter Straße 60, Gartenhaus; 20 bis 21 und 21 bis 22 Uhr (nur für Frauen) Schwimmen im Dolksbad; 21 bis 22 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs; 18 bis 19 Uhr und 19 bis 20 Uhr Tennis. — Stadttheater: 20 bis 23 Uhr „Der Apotheker" und „Susannes Geheimnis". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Die große und die kleine Welt". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die letzte Fahrt der Santa Margareta". — Oberhessischer Kunstverein (Turmhaus am Brandplatz): 17 bis 18 Uhr Ausstellung von Werken von Fritz Heidingsseld (Danzig) und P. A. Böckstiegel (Dresden).
Sladttheater Gießen.
Heute von 20 bis 23 Uhr ein heiterer Kammeropernabend: „Der Apotheker", komische Oper von Joseph Haydn. Musikalische Leitung: Paul Walter. Spielleitung: Paul Wrede. Hierauf: „Susannes Geheimnis", Oper in 1 Akt von Ermano Wolf-Ferrari. Musikalische Leitung: Paul Wal
wie der vagabundierende Zigeuner dem hausgesessenen Bauer, und wo er sich blicken läßt, ergeht es ihm wie Steinkauz und Uhu — mit wirrem Geschrei sammeln sich die Verfolger.
Trotzdem setzt das Pärchen dieses Treiben zwei Wochen lang fort, bis etwa 17—20 Eier untergebracht sind, eine Zahl, die das Durchschnittsgelege unserer einheimischen Vögel um das Vier- und Fünffache übersteigt. Welcher Vogelart das mit der unwillkommenen Einquartierung belegte Nest zu- gehört, bekümmert den Kuckuck wenig: die Bach- stelze bekommt eins, das Rotschwänzchen bekommt eins, der Erlenzeisig, der Weidensänger, der Pieper, der Gimpel, der Zaunschlüpfer, der Kernbeißer, der Neuntöter, der Fliegenschnäpper, das Braunkehlchen bekommen welche, und die Schwarzamsel auch. Befremdet blicken die Zurückaekehrten auf das eingeschwärzte Gut, lassen ihm aber während der Brut die gleiche Sorgfalt angedeihen wie den eigenen Eiern, und wenn der Wechselbalg ausgeschlüpft ist, wird er mit der gleichen Treue gefüttert wie die echte Nachkommenschaft, zwischen der er sich rücksichtslos breitmacht, so daß die rechtmäßigen Insassen oft durch den größeren und stärkeren Schmarotzer bald über den Nestrand hinausgedrängt werden und zugrundegehen. Der untergeschobene „Kegel" bleibt allein zurück, wird aber gleichwohl von den Pflegeeltern, über die er infolge seiner unwahrscheinlichen Gefräßigkeit rasch hinauswächst, weiter betreut und gedeiht prächtig wie alles Unkraut, bis er, flügge geworden, eines Lagers davonflattert ...
Das deutsche Kuckucksparadies sind die anhalti- schen Elbauenwälder unweit Zerbst; dort kann man im Mai oft zwanzig bis dreißig Kuckucke aleichzeitia hören, wobei die Verschiedenheit der Stimmfarbe und Tonlage überraschend zutage tritt. Einst dem Donar heilia, wurde der Kuckuck später um feines dunklen Treibens willen mit dem Teufel in Verbindung gebracht — „hol dich der Kuckuck!" — und galt seitdem als Besitzer des Weissagegabe — „das weiß der Kuckuck!" Wer schwer krank ist, wird „den Kuckuck nicht wieder rufen hören". Das bräutliche Mädchen zählt die Kuckucksrufe; so viele es vernimmt, so viele Jahre steht die Hochzeit noch aus. Auch Herr Spazzo. der Kämmerer der Herzogin von Schwaben in Scheffels „Ekkehard", zählte sie, als er des roten Meersburgers voll, durch die Nacht auf feinem Rößlern Falada dem Hohentwiel entgegensprengte: „Wann soll die Hochzeit sein?" rief er zum Baum hinüber, auf dem der Rufer saß. Schon hatte er zwölf gezählt: „Schweig, schlechter Gauch! Der Jahre fünfundvierzig haben wir schon» das gäü' späten Brautstands
ter. Spielleitung: Paul Wrede. Die Vorstellung gilt zugleich als 30. Vorstellung im Dienstag-Abon« nement.
Der Sommerladenschluß in den hessischen Landgemeinden.
LPD. Auf Grund des § 30 der Arbeitszeitordnung vorn 26. Juli 1934 ist nach Anhörung der Gewerbe« aufsichtsärnter für offene Verkaufsstellen in Gemein» den mit vorwiegend landwirtschafttreibender Bevölkerung der Ladenschluß für die Zeit bis Ende Sep» tember 1936 widerruflich auf 21 Uhr festgesetzt worden. Angestellte und Arbeiter dürfen, wie die Zen» tralabteilung der Hessischen Landesregierung mit» teilt, in der Zeit von 19 bis 21 Uhr nicht beschäftigt werden.
Universitäts-Personalien.
Von der Pressestelle der Universität Gießen wird uns mitgeteilt:
Dozent Dr. Rudolf Stabeimann, der z. Z. mit der Vertretung des Lehrstuhls für neuere Geschichte an der Universität Gießen beauftragt ist, wurde zum nichtbeamteten außerordentlichen Professor ernannt.
Der Direktor des Instituts für Leibesübungen an der Universität Gießen, Dozent Dr. Möckel» mann, wurde vom 1. April 1936 ab mit der kommissarischen Wahrnehmung der Dienstgeschäfte des Direktors des Instituts für Leibesübungen an der Universität Königsberg beauftragt. Die vertretungsweise Leitung des Instituts für Leibesübungen an der Universität Gießen übernimmt Dr. Lotz.
Oas Nankopfer der Nation.
Reiter st andarte 147,Sturm 6. Einzeichnungsliste bei Truppführer Schömbs, Universi- täts-Reitinstitut, Brandplatz 5.
Amt für Bolkswohlfahrt.
Ortsgruppe Giehen-Ost.
Lebensmittel-Opferring.
Die Pfundpäckchen-Sammlung wird am Dienstag, 12., und Mittwoch, 13. Mai, von der NS.- Frauenfchaft durchgeführt. Die Mitglieder wollen die Päckchen bereithalten und den Inhalt außen sichtbar angeben.
Eine Gießener Handwerkerfahne für den Reichshandwerkertag.
Don der Kreishandwerkerschaft Gießen wird uns mitgeteilt:
Zu dem am 5., 6. und 7. Juni in Frankfurt am Main stattfindenden Reichshandwerkertag haben die Handwerker aus sämtlichen Kreisen unseres Gaugebietes, und darüber hinaus aus dem gesamten Deutschen Reich, sogenannte Kreis- bzw. Stadtfahnen zur Ausschmückung auf Anordnung der Reichsleitung der Deutschen Arbeitsfront, RBG. 18, zur Verfügung gestellt. Der Kreis Gießen hat die- fern Wunsch entsprochen und eine Fahne mit dem Wappen der Stadt Gießen bei der Fahnenhandlung Hisgen in Lich anfertigen lassen und fie für die Dauer von drei Tagen zur allgemeinen Besichtigung gegenüber dem Hause der Handelsund Gewerbebank, Gießen, Goethestraße 7, für die Öffentlichkeit zum Aushang gebracht. Die Fahne ist entsprechend den Anordnungen der Reichsleitung nach den genauen Vorschriften angefertigt. Sie hat eine Länge von 7 Meter und eine Breite von 2 Meter. In dem oberen Teile befindet sich das Wappen der Stadt Gießen, darunter der Namenszug der Stadt, im unteren Teil befindet sich das Zeichen der Deutschen Arbeitsfront und des Reichsstandes Des deutschen Handwerks.
Es ist nunmehr allen Volksgenossen, die nicht zu dem Reichshandwerkertag nach Frankfurt kommen können, die Gelegenheit geboten, die Fahne hier in Augenschein zu nehmen. Die Fahne selbst wird in Frankfurt a. M. zur Ausschmückung der Straßenzüge ihre Verwendung finden.
Kurze Zreude.
Einen ganz eigenartigen Rekord hat ein Mann in Chelmsford in Essex aufgestellt: er war die kürzeste Zeit Besitzer eines neuen Kraftwagens. Um 9 Uhr 50 Minuten kaufte er sich den neuen Wagen, um 9.55 Uhr war er schon gestohlen. Mit einem Verkäufer, der den Wagen gerade von der Fabrik abgeholt hatte, bewunderte er das neue Gefährt, das in all feinem Glanz, blitzend vor Neuheit auf dem Parkplatz vor dem Hotel stand, dann betrat er mit dem Verkäufer das Hotel, und um 9.50 Uhr schlossen sie den Kauf ab. Um 9.55 Uhr verließ er mit allen nötigen Papieren, gestempelt und unterschrieben, das Hotel, um sein neues Besitztum nach Haus zu fahren. Aber es war kein Wagen mehr da, ein schnell entschlossener Dieb hatte ihn entführt. Fünf Minuten, nachdem der Diebstahl entdeckt war, hatte sich die Polizei schon zur Verfolgung aufgemacht.
' Zeitschriften.
— „D e r Naturforscher". Bebilderte Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Naturwissenschaften und ihre Anwendung in Naturschutz, Unterricht, Wirtschaft und Technik. Vierteljahresbezug 2,50 Mark, Einzelheft 1 Mark. Hugo Bermühler Verlag, Berlin-Lichterfelde N. — Im Mai-Heft nimmt Geh. Hofrat Dr. L. Roemheld auf Grund seiner Forschungen und Heilerfolge Stellung zu der Notwendigkeit der Zwerchfellatmung. — Der Zoologe Dr. v. Frankenberg legt an zahlreichen Bildern dar, worauf die Unzweckmäßigkeiten in der Natur zurückzuführen sind. Professor Dr. Dr. Rhumb- ler hat auf hoher See ausgezeichnete Beobachtungen über das Kompaniesegeln der Moven angestellt, die er in Wort und Bild schildert. — In die Frühlingsflora des Hochgebirges führen uns die hervorragenden Aufnahmen des Natur- Photographen Ernst Krause, zu denen M. Hünemohr einen aufschlußreichen Aufsatz geschrieben hat. — Prof. Dr. Schoenichen, der Direktor der Reichsstelle für Naturschutz, behandelt den Schutz der deutschen Pflanzenarten. Dipl.-Jng. Gundlach zeigt mit Bildbeispielen die neuen Erkenntnisse und Erfolge der Elektronenmikroskopie. Zahlreiche Forschungsergebnisse und kleine Beiträge aus allen Gebieten, Anregungen zur Naturbeobachtung, die Bücherschau, die Uebersicht der Neuerscheinungen und die immer sehr beliebte Preisfrage beschließen das wiederum sehr abwechselungsreiche und hervorragend debil- derte Heft.


