Nr. WO Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Samstag, ll.Zuli 1936
Lunge deutsche Nation.
Jungen der Stadt.
Es weht ein Wind durch die Straßen der Stadt, der trägt uns vor an das Ziel, Kamerad.
Wir halten rem unser Heer von Verrat, wir sehn nur das Ziel unserer Tat, Kamerad.
Und sind auch die Straßen der Städte grau, wir sehen den Himmel in ewigem Blau.
Die Steine erzittern, beben im Schritt und vor uns die Fahnen tragen uns mit.
Gerhard Dabei.
Meine Ahnentafel.
Von Alwin Freund.
Ein Teil der Arbeit unseres Jungzuges sollte vor einiger Zeit der Familiensorschung gewidmet sein Vor vielen Wochen hatten wir dies schon beschlossen und waren auch gleich eifrig an die Ausführung gegangen. Ich besorgte bie Ahnentafel- Vordrucke, und Otto, unser Maler, entwarf prächtige Stammbäume, in die dann später kunstvoll die Namen und Daten hineingeschrieben werden sollten. An einem Heimabend bekam dann jeder seinen Vordruck, dessen fünfzehn leere Felder und ungezählte auf Antwort harrende Fragen bei manchem von uns die hohen Wogen der ersten Begeisterung wieder etwas abdämmten. In den darauffolgenden Tagen und Wochen werden sich manche Tanten und Onkels über die „lieben" Besuche ihrer Neffen gewundert haben.
Auch ich ging damals gleich daran, die Lücken auf meinem Vordruck auszufüllen. Das mußte ja ich bis in das zweite Feld vorgedrungen, da mußte auf den ersten Anhieb gelingen! Aber kaum war ich auch schon das Rennen aufgeben! Ich saß vor dieser kleinen Ahnentafel und konnte ihr nicht Rede und Antwort steheü! Das, was ich wußte, wollte sie ja gar nicht wissen. Den Beruf, den Wohnort, ja natürlich, das wollte sie auch, aber vor allem versteifte sie sich auf Daten und Urkunden. Schwarz auf weiß mußte ich es herbeibringen, sonst hatte die ganze Ausfüllerei gar keinen Sinn.
Nach vielen Tagen lagen die Urkunden dann auch in einer besonderen Mappe auf meinem Tisch — — auf die allerdings meine dicht danebenstehende Sparkasse recht traurig und angegriffen herabschaute Und nun liegt sie fertig vor mir, meine Ahnentafel! Eigentlich soll sie ja nur dem Nachweis der arischen Abstammung dienen — — so mag ich wohl auch einmal gedacht haben. Nein, jetzt nicht mehr. Denn diese an und für sich kalten Zahlen und knappen Antworten auf der Tafel werden, wenn man diese Arbeit mit etwas Liebe gemacht hat, ganz plötzlich zu lebendigen Bildern der Ahnen.
Unten auf dem Blatt, ganz allein, ist mein Feld Da stehen die Daten dieses kurzen Lebensabschnittes, und ich selbst sitze davor und empfinde so recht das Glück, noch mit jungen Füßen im Leben zu stehen, mit hoffendem und mit kämpfendem Herzen
Dann werden die beiden Felder darüber lebendig, werden zu Mann und Frau, werden zu zwei Menschen, die sich lieben werden zu Vater und Mutter, deren Vlutslinien sich symbolisch vereinen im Feld ihres Kindes. So zweigt sich das immer weiter fort, immer neue Gesichter tauchen auf, immer neue Männer und Frauen, immer neue Jungen und Mädel, die sich vor Jahrzehnten fanden, die zwei stolze Geschlechter verbanden und nun heute weiterleben in uns, in der langen Reihe und großen Zahl der Nachkommen — in der Sippschaft.
Lange sitze ich vor diesen Feldern, vor dieser großen Zahl von Menschen meines Blutes. Sie haben sich alle in diesem Leben einen Platz erobert, waren Bauer, Kunstmaler, Schneider und Blechschmied. Im Westerwald, Vogelsberg und im Westfalenland, dort sind die kleinen Städte und Dörfer, dort ist der Boden, auf dem sie arbeiteten. Ueberaü dort leben noch heute Menschen ihres Blutes und überall ist wohl noch irgendeine Spur ihres Daseins zu finden. Sei es ein Bild in der Stube eines Bauernhauses, sei es das schmiedeeiserne Tor an einer kleinen Kirche, seien es alte Geräte auf einem Hof, mit denen sie einst ihr Tagewerk verrichteten.
Das stolze Ich, dieses oft eingebildete, dünkelhafte kleine Ich wird beinahe erdrückt von der großen
mahnenden Zahl der anderen, die davor waren, die es erst möglich machten. Da erkennt man die große Gemeinschaft. Da weiß man, daß man nur ein Glied ist in der Kette der Ahnen, daß man ein Glied ist das lebendigen Volkes. Eine endlose Reihe von Arbeit und Fleiß, Glück und Entbehrung, Licht und Schatten ist es, auf die man da zurückschaut. Dann aber wird uns offenbar, daß auch wir einmal bewertet werden von kommenden Gliedern dieser Reihe, daß wir aber noch entscheiden
können, ob diese nachfolgenden Glieder Licht oder Schatten, Fleiß ober Faulheit, Mut ober Feigheit finben.
So ist mir meine Ahnentafel zu einer Mahnung geworben. Ich bin bas jüngste lebenbige Glieb auf ihr unb alle anberen schauen auf mich, auf mein täglich Tun. Unb es ist, als würben sie sagen: „Denke bei allem, was bu sagst unb tust, ob bas wohl beine Ahnen hören unb sehen könnten, ohne baß bu bich vor ihnen schämen müßtest!"
Rädel des VDR. während der AäWnde.
1
Vor einiger Zeit würben im Reiche zehn Haushaltungsschulen bes BDM. eröffnet. In froher unb natürlicher BDM.-Kamerabfchaft erlernen bort bie Mäbel alle Arbeiten bes Haushalts. Diesen Schulen
werben im Laufe biefes Jahres noch weitere folgen. Unser Bild zeigt Mäbel einer Haushaltungsschule bes BDM. während ber Nähstunbe.
(Aufnahme: Reichsbilbstelle ber HI.)
Zwischendurch das Telephon.
Gott fei Dank finb bie Lager bes Jungvolks kein o unbekannter Begriff mehr, baß man sie mit einer Sommerfrische im Kurort für Altersschwache verwechseln würbe. Aber totzdem haben manche Leute noch recht merkwürbige Vorstellungen von ben Zeltlagern unb dem, was Pimpfe ben lieben langen Tag mit ihrer Zeit anfangen.
Schon Wochen vor Beginn bes Lagers wirb bis Dienststelle bes Stammführers ober Jungbannführers von besorgten Eltern gestürmt, bie sich über alles, aber auch alles, ganz genau bis in alle Einzelheiten informieren wollen.
Es beginnt immer mit bem Schlafen in ben ach so bünnen Zelten bireft auf ber Mutter Erbe und endet meistens mit ber Frage: „Bekommt ber Junge benn auch genug zu essen? Sehn Sie, Herr Jungbannführer (ber daraufhin schamhaft errötet), ber Hans-Joachim ist ja |o wählerisch. Morgens zum Frühstück läßt er bie Haferflockensuppe immer tehen unb begnügt sich mit brei Butter- unb fünf Marmelabebrötchen. Unb wenn es nach ihm ginge, äße er überhaupt nur noch Süßigkeiten morgens, mittags unb abenbs." Was ben Jungbannführer zu ber Bemerkung veranlaßt, baß er für 3000 Pimpfenmägen schließlich nicht 3000 verschiebene Speisezettel aufstellen könne, baß aber trotzbem auch ber Hans-Joachim draußen im Freien einen ungeahnten Appetit entfalten würde, den hoffentlich die zweiachsige „Nürnbergküche" mit ihren 3000» Liter-Kesseln ungefähr befriedigen könne. Wovon die Mutter ja auch überzeugt ist! Nachdem sie sich noch einen kurzen Einblick in die geplanten „Mit- tagsmenüs" verschafft und die Einladung zum Elternbesuchstag, an dem sie an Ort und Stelle all ihre Zweifel beheben kann, angenommen hat, läßt sie den Jungbannführer allein — allerdings nur für kurze Zeit, denn Besuche wechseln mit endlosen Telephongesprächen, Briefe müssen geschrieben werden, so daß die endlose Kette der vorbereitenden Maßnahmen niemals abreißt.
Surr, geht schon wieder das Telephon! Die fünfte Mutter, die das „Mädchen für alles" zu Rate ziehen will.
Apathisch und abgestumpft ergibt sich dieses ober vielmehr biefer in sein Schicksal.
„Ja, am 22., um 7 Uhr, Stettiner Bahnhof, ober am Treffpunkt bes Fähnleins um 6 Uhr.
Feierabend..
Als ich heute nach Haufe kam, fand ich einen Zettel auf meinem Tisch: „Wir kommen heute erst später zum Heimabend, müssen noch arbeiten". — Wir müssen noch arbeiten — einfache Worte, und doch, was liegt darin! In welcher Arbeit stecken die Mädel in unserem Dorf, in dem Fischerdorf Kahlberg auf der Frischen Nehrung? Nun, die Arbeit ist der Landschaft und der Beschäftigung ihrer Bewohner angepaßt: unsere Mädel arbeiten in einer Fischräucherei. Mühevoll ist die Arbeit, aber trotzdem oder vielleicht gerade deshalb kommen die Mädel so gern zum Heimabend. Hier finden sie Ablenkung und Erholung von ihrem Tagewerk. —
Ich ging hin zur Fischräucherei, um zu sehen, ob heute doch noch etwas aus unserem Heimabend werden könnte. Schon von weitem hörte ich frohes Singen und Lachen. Dann stand ich unter meinen Kameradinnen, die lebhaft auf mich einredeten: „Gerade heute mußte die Sendung Sprotten ankommen, bie wir nun noch fertig machen müssen! Aber wir beeilen uns sehr! Ganz bestimmt kommen wir noch zum Heimabend. Die Arbeit geht ja schneller, wenn wir an unser Zusammensein nachher denken!"
Unb eifrig erklärten mir bie Mäbel ihre Arbeit. Sobald' Sprotten ankommen, werben sie in ein großes, aus Zement gebautes Bassin geschüttet, bas Teng heißt. Hier werben sie ordentlich gespült. Dann kommen bie wie Silber glänzenden kleinen Fische in eine 25-Pfund-Kiste. Jetzt beginnt das Aufstecken der Sprotten auf einen Spieß. Ausdauer und Geschicklichkeit und jahrelange Uebung gehören dazu. Die Mädchen haben es schon im Griff, wie man die Sprotten richtig anpackt, so daß die Kiemen aufgehoben werden, und sie sich leicht auf den langen eisernen Spieß stecken lassen. Ungefähr 38 Sprotten kommen auf einen Spieß. Wenn man bedenkt, daß man, um einen Zentner Sprotten
. Heimabend!
aufzustecken, SOOOmal zufaffen muß, sieht man, wie schwer und mühsam allein diese Vorarbeit ist. Hinzukommt, daß die Mädel oft stundenlang auf einer Stelle stehen; Schultern, Arme und Beine schmerzen, und die Augen sind vom Rauch entzündet.
Aber tapfer halten die Mädel aus; sie haben sich auch an die Schwere ihrer Arbeit gewöhnt. Unermüdlich schaffen sie, bis alle Sprotten aufgefteckt find und die Spieße in die Räucherkammer gehängt werden können. Dort wird zuerst ein kleines Feuer angezündet, damit die Sprotten trocknen und gelb werden. Diesen Vorgang nennt man „Besteifen". Danach wird ordentlich Holz aufgelegt, die Kammer zugemacht, und die Sprotten müssen jetzt etwa drei Stunden räuchern. Die Räucherzeit richtet sich nach der Beschaffenheit der Sprotten und nach der Witterung. Endlich kommen sie goldgelb aus dem Rauch und werden sofort zum Äbkühlen an Holzgerüste gehängt.
Während dieser Zeit dürfen die Mädel nicht müßig sein. Sie müssen inzwischen den Aufsteck- raum säubern, Kisten nageln, sie mit Pergamentpapier auslegen und den Einpackraum fertig zur Arbeit machen. Sind die Sprotten abgekühlt, werden sie gewogen und verpackt. Auch das will gelernt fein. Wieder müssen die Mädel lange Zeit auf derselben Stelle stehen, um die vielen großen und kleinen Kisten versandfertig zu machen, die dann übers Haff ins ganze Reich verschickt werden.
Aber dann ist Feierabend in der Räucherei. Schnell kommen unsere Mädel nach Hause, ziehen sich um, und eine halbe Stunde später sind sie beim Heimabend.
Gewiß haben es die meisten Stadtgruppen leichter, aber eine bessere Gemeinschaft und vor allem eine größere Freude an den wöchentlichen Zusammenkünften kann auch unter ihnen nicht fein. M.
Sie können ganz unbesorgt sein, es fällt niemand aus dem Zug, wie bitte, nein, natürlich nicht.
Ja, ja, sechs Paar Strümpfe genügen vollkommen, wie, ach so, sie meinen Schnürsenkel? nein? Ach Würstchen, ja selbstverständlich, sind nicht notwendig! O Gott, o Gott!
Nein, ich sagte nichts!
Zelte sind wasserdicht und Blitze schlagen auch nicht ein!
Luft? Ja, Luft zum Atmen ist genug vorhanden, ja ja, gute Luft!
Zum Schneiden? Die Luft? O Verzeihung wir benutzen Brotmaschinen.
Es ist für alles gesorgt, ihr Junge braucht nur das Geld und den gepackten Affen ...
Den gepackten Tornister mitbringen. Wäsche nicht für drei Jahre, Turnzeug, Butter, Kamm, Rasierkreme, achso, richtig, noch nicht so weit, Haarpo- mabe und Rizinus sind überflüssig, auch Ohrenschützer und Kleiderbügel wird er kaum gebrauchen können.
Dann ist ja alles klar. Wenn der Affe, Verzeihung Tornister, zu voll wird, werfen Sie einfach die Hälfte heraus, dann stimmt's schon. Im übrigen: Ihr Junge weiß ganz genau, was überflüssig ist und was notwendig. Und den Affen kann er auch ausgezeichnet allein packen!
Das glaube ich kaum. Der Abschied, wenn auch zum erstenmal, wird ihm gar nicht so schwerfallen. Das Wichtigste ist, daß der Kerl pünktlich am Bahnhof ist! — Genügt das? — Bitte schön!"
K. G. W.
Die Wendeltreppe und einllebersall.
Aus einer Zeltlagerchromk.
25. Ium 1936: Die lahme Frau schreit steinerweichend, dreht ihr rechtes, noch sehendes Auge der Wendeltreppe zu und lacht im hohen C, während die rasselnde Zunge des Mörders in häßlichen Mollakkorden durch die Arena klingt----
So, nun lese weiter, wer mag. Aber zur Beruhigung sei nebenbei erwähnt, daß es sich hier um den letzten Akt des Dramas „Mord an der Wendeltreppe" handelt, der momentan in der Arena unseres Lagerzirkus in Szene geht. — Hier vom Krankenzelt aus, worin ich, träge gekrümmt vor Sattheit und Bauchweh mich wälze, beobachte ich feit langer Zeit, in Schweiß schwimmend wie ein marinierter Hering, das bunte Treiben im Lagerzirkus.
Mitten in der Arena steht ein baumlanger, schlaksiger Kerl mit Schlotterbeinen und Wolkenschieberschultern. Er hat einen glänzenden Zylinder auf, einen seltsam großen Wecker um den Hals und so 'ne Art Badehose an, von der man nicht genau sagen **^n, ob es eine Fußmatte ober Pferbebecke ist. Auf feinem bunklen, sonnverbrannten Bauch steht in hübscher weißer Frakturschrift: Wenbel- treppe. Also alles in allem so ein Gentleman-Mor- ber, ein Kavalier sozusagen. Er ist ein kleiner Mürber, mit hohem Stehkragen, Hemdbrust ohne Hemd, mit einem weißen, bürren Oberkörper unb blitzblanken Manschetten an ben Hanbgelenken, bie er mit einem schmutzigen Strick an ben Hals festgebun- ben hat. Um bie Hüften trägt er Schilf unb an ben Fußgelenken ebenfalls weiße Manschetten; ich finde das aber unästhetisch: pechschwarze, bretfftarrenbe nackte Quanten unb weihe, fast schneeweiße Manschetten. Im großen unb ganzen gibt er sonst einen ganz einfachen, naiven Mörder ab.
Dann gibt es noch bie besagte lahme Frau, bas heißt, im Grunbe ist sie ja ein Mann, mochte sagen: sie will noch einer werben. Sie heißt Emil Raabe unb hat ein gräßlich hohes Lachen an sich; sie kann nämlich im hohen C lachen, bie Emil Raabe, unb wenn sie lacht, bann fletscht sie ihren Zahn, baß man brüllen muß. Unb nun ist sie gerabe babei, tot umzufallen.
Was es sonst noch gibt, bas ist em Alpakamesser, viel „Blut", scheußliche Flüche, Schreien, Lachen unb ein Sack mit einem Schild, auf welchem steht 25 000 000 Dollar. Der Morber nimmt ben Sack, ber auf ber „Wenbeltreppe" steht, wirft ihn sich auf bie Schultern, baß feine Hembbrust eine Drehung von 60 Grab macht unb stürzt hinaus. Die Frau muß abgeschleppt werben.
Ich krümme mich vor Lachen unb — Bauchweh, baß unser Felbscher herbeikommt, mich ängstlich forschend betrachtet, Stirn unb Puls fühlt, um schließlich eine Flasche mit Job unb eine mit Rizinus zu zücken.
27. Juni 1936: Aha, baß ich es niederschreiben muß: Der Gewitterhunb soll sie holen, bie letzte Nacht. Es war so um eins, zwei herum. Kalt. — Dickgebällte Düsternis mit abwechselnben Regenschauern.
Am Abenb ist bie „Wenbeltreppe" bei mir im „Krankenzimmer" gewesen. So ganz nebenbei hatte sie mir erzählt, baß Zelt V ein „Ding mit Gespenstern" vorhabe, diese Nacht, und da ich als einziger, dazu noch als „Pressetier vom Stab" das Krankenzelt bewohnte, schien bei mir die Gelegenheit eben „sehr günstig".
Und so blieb ich die ganze Nacht wach, schrieb bei verhüllter, übelriechender Zeltlaterne mein Tagebuch unb horchte auf jebes Geräuch, bas sich hören ließ. Na ja, was soll ich viel erzählen, ich möchte auch keine bicken Ausreben heranwälzen:
ich war eingebufelt. Das monotone Getrommel bes Regens machte entsetzlich schläfrig unb so hörte ich im Halbschlaf ein mehrmaliges Aufklatschen draußen. Erst als es einen hellen Knall gab, bas Zelt gerüttelt mürbe, roieber einen Knack gab, würbe ich wach, ftanb mit einem Sprung im Zelt, lauschend ben Atem anhaltenb. Da waren sie, bie Halunken. „Na wartet, Freunde", knurrte ich leise im heimlichen Zorn. Den klatschenden Fußtritten nach, mußten es ihrer viele sein. Vielleicht das ganze Zelt V?
Stinkend verlöschte die Zeltlaterne. Ich legte mich sacht in die äußerste Zeltecke und lauschte. Wieder ein Klatsch. Diesmal direkt am Eingang. Sv ein eigentümlicher Klatsch war das. Jetzt mußte jemand an die Zeltleine gerissen haben, es gab einen Ruck und mein hübsches Zelt legte sich schräg.
„Oho, ihr Bürschchen! Ihr wollt einen alten Trapper abkochen?" knurrte ich laut und seltsam schrill in die Dunkelheit. „Daß ich nicht lache. Ihr Kröten, ihr Unken! Paßt auf, ihr bartlosen Söhne eines Regenwurmes, ihr!" — So schrie ich.
Draußen kein Ton.
Ich knöpfte leise die zwei untersten Knöpfe des Eingangs los, kroch durch den Schlitz — so — aha, da bewegte sich schon was. Etwas Breites, Geducktes. Na warte mal. Nur mit der Ruhe, der kalten. Dann aber jgib ihm! — Ich kroch weiter. Der Boden hier war seltsam weich — verdammt und zugenäht, — was war das, worüber ich kroch? Meine tastenden Hände und meine schnuppernde Nase wollten absolut etwas anderes gefunden haben, als mein Hirn. Und, ach, daß ich es ausschreiben muß: es war eine — na, es war aber nur eine kleine — na, daß ihr es wißt: eine — Kuhflade war es, so eine himmelhergottverdammte Kuhflade.
Ich sprang wieder hoch, der Wind peitschte mich mit eiskaltem Regen, und rannte los, direkt auf meine Gespenster zu. Plötzlich machte das eine Ge-
I fpenft: muuuuuh. Eine Kuh? Ach daher wohl auch | das: klatsch, klatsch? Der Regen mußte sie von der Nachbarweide an unsere Zelte getrieben haben. Ich hatte einen hübschen Knüppel erwischt, prima Eiche, damit hatte ich dem ersten Gespenst eins auf sein knochiges Hinterteil versetzt, daß es ein erschrecktes „Muuuuuh" von sich gab und einen sehr ulkigen Satz machte, um davonzurennen. Ich wie ein wildgewordener Torero hinterher.
Um 3 Uhr nachts sprang ich noch ins Wasser des Sees, um meinen Korpus von den übelriechenden Tierexkrementen zu befreien. Es war sehr nett noch. Als ich fertig war, stand Zelt V am Ufer. Ich fragte „Frau Raabe", den Zeltführer, was man denn heute nacht mit mir vorgehabt habe. Nichts, sagte er, morgen nacht! F. J. T.
Der Schwimmer.
Kühle Welle, heißer Strand.- Wenn wir frei die Arme breiten. Sehnend uns entgegenweiten Gottes ausgeftreckter Hand — Laß uns treiben, laß uns gleiten, Weiche Flut, in der wir fließen. Selber strömend uns ergießen, Laß uns gleiten, laß uns treiben! Mögen andre stumpf verbleiben An den Ufern, wir vergehen In den Strömen, in den Seen, Alle Glieder ausgespannt — Kühle Welle, fernes Land!
Heinz Rusch.


