Nr. 289 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen) Donnerstag, iO.Dezember 1936
1 "__
Wie wird das Weihnachtsgeschäft?
Dezember Zus.
14,5 23,0
Dezember Zus.
Der gesamte Einzelhandel ist also mit dem
22,5
12,5
10,0
14,0
14,0
14,5
12,0
22,5
12,5
22,5
8,5
20,0
8,0
8,0
8,0
42,5 20,5 18,0 22,0
24,5 23,0
20,5
31,0
20,5
33,0 Weih-
Lebensmittel
Wein
Kaffee und Tee Tabakerzeugnisse
November
8,5
8,5
8,0
10,5
nachtsgeschäft sehr eng verbunden. Wie oben bereits erwähnt, zeigen sich die ersten Ansätze der Konsumsteigerung schon ziemlich deutlich. Es ist nur zu wünschen, daß die Käufer frühzeitig an die Weihnachtsbesorgungen denken; denn bei dem zu erwartenden großen Umsatz kann in den letzten Tagen vor dem Fest die Auswahl nur noch sehr gering sein.
Kleine volitifche Nachrichten.
Schuhe Pelze Herrenhüte Gardinen
di- der Einzelhandel für da- W-chnacht-j-st zu treffen hat, wollen immer besonders sorgfältig überlegt sein. Denn einer- s-lts wird IN den letzten Monaten des Jahres bei vermiedenen Branchen bis zur Hälfte des ^r?3umfflÖcs über den ßa= deutlich gereicht, anderseits aber bleibt das Lager das bis zum Fest nicht abgesetzt werden kann, dann unter Umstanden monatelang liegen oder wird sogar unverkäuflich. 1
Wechnachtsumsätze werden in diesem Jahre zweifellos hoher liegen als im Vorjahr. Das bestätigen auch schon die Umsätze der letzten Wochen, die bereits erheblich angezogen haben. Wie einschneidend aber das Weihnachtsgeschäft auf das gesamte Jahresgeschäft sein kann, das zeigt uns der «Pielwaren-Einzelhandel, der im Dezember allein fast 50 v. H. seines gesamten Jahresgeschasts abzusetzen pflegt.
Die einzelnen Zweige des T e x t i l h a n d e l s sind sehr unterschiedlich am Weihnachtsgeschäft be- telllgt, überall aber sind die letzten beiden Monate des Jahres von großer Bedeutung. Die Konfektion setzt, wie eingehende Erhebungen ergeben haben, im November und Dezember zusammen knapp 20 v. H. des gesamten Jahresgeschästs um, die Wäschegeschäfte verkaufen in den letzten beiden Monaten im Jahr 25 v. H. ihres Gesamtumsatzes. Dabei läßt sich beobachten, daß — sowohl bei Konfektion wie bei Wäsche — die Herrenartikel ein besseres Weihnachtsgeschäft haben als die Damenartikel. Sehr bedeutend ist der Absatz von Taschentüchern zu Weihnachten. Die beiden letzten Monate bringen allein 36 v. H. des Jahresumschlags.
Teppiche
Beleuchtungsgegenstände 10,5 Glas und Porzellan 8,5 Und endlich wird zum Fest auch einmal gern gut und reichlich gegessen. Wie der Weinabsatz, so steigt auch der Umsatz von Lebensmitteln, von Tee und Kaffee, überhaupt von allem, was dem Magen zuträglich scheint. Erwähnt sei nur noch, daß die Apotheken im Dezember stille Zeit haben. Dafür ist bei chnen aber der Januarabsatz größer als der der letzten Monate im Jahr; vielleicht, um die Schäden der vielen Festtage wieder zu heilen.
Weihnachksumsah in Lebensmitteln usw.
(in v. H. des Jahresumschlags):
Deihnachtsumfah an Gebrauchsgükern (in v. H. des Jahresabsatzes): November
Aber auch andere Zweige des Ladengeschäfts sehen im Weihnachtsabsatz die überragende „Saison". So verkaufen die Kürschner im November und Dezember 42 v. H. ihres gesamten Jahresumsatzes. Die K o n f i t u r e n g e s ch ä f t e , die zu jedem der drei großen Feste eine Sonderkonjunktur haben, verkaufen immerhin zu Weihnachten ein Drittel des ganzen .Jahresabsatzes.
Deihnachtsumfah
in den ausgesprochenen Geschenkartikelzweigen
(in v. H. des Jahresabsatzes):
November Dezembe
r Zus.
Spielwaren
17,5
47,0
64,5
Parfümerien
8,0
19,5
27,5
Bi'.outeriewaren
9,0
21,5
30,5
Galanteriewaren
12,0
18,0
30,0
Konfitüren
9,0
24,0
33,0
Wein
8,5
22,5
31,0
Auch der Umsatz der Weinhandlungen ist gegen Ende des Jahres am bedeutendsten. Das dürfte allerdings den doppelten Grund haben, daß neben dem Weihnachts^eft auch noch die Silvesterfeiern — gleichsam noch in letzter Minute — ein erfreuliches Verkaufsgeschäft ermöglichen.
Deihnachtsumfah in Textilien und Bekleidung (in v. 5). des Jahresabsatzes):
N
November
Dezember Zus.
Damenkonfektion
8,0
8,5
16,5
Herrenkonfektion
9,0
10,0
19,0
Damenwäsche
7,5
14,0
21,5
Herrenwäsche
8,0
20,0
28,0
Strümpfe
8,0
14,0
22,0
Trikotagen, Wollwaren
12,5
20,5
33,0
Taschentücher
8,5
28,0
36,5
Sogar Hausrat wird zum Weihnachtsfest tn weit höherem Ausmaß vom Publikum gekauft als sonst im Jahre. Vor allem werden wohl diejenigen Waren als Geschenke bevorzugt, die unter gewöhnlichen Umständen dem Käufer zu teuer sind. Aber zu Weihnachten macht er eine Freude damit. Das sieht man z. B. an dem lebhaften Teppichabsatz tm Dezember. ________
Der ungarische Innenminister Nikolaus von Co z mar traf, einer Einladung des Reichsinnenministers Dr. Frick folgend, mit feiner Gemahlin zu einem mehrtägigen Besuch in Berlin ein. Zur Begrüßung waren auf dem Bahnhof u. a. anwesend Reichinnenminister Dr. Frick mit seiner Gattin, Staatssekretär P f u n d t n e r, Polizeipräsident Graf Helldorf, ferner der ungarische Gesandte S z t o j a y. Zu Ehren des Gastes war eine Ehrenkompanie der Leibstandarte Adolf Hitlers aufmarschiert.
*
Der Reichs- und preußische Minister für die kirchlichen Angelegenheiten, Hanns K e r r l, empfing den Reo. Dr. Macdonald, Sekretär des Ausschusses der englischen Kirche für auswärtige kirchliche Angelegenheiten, zu einer in freundschaftlichem Geiste verlaufenen und das gegenseitige Verständnis der Völker fördernden Unterredung.
*
In Königsberg fand die Beisetzung des Führers des Arbeitsgaues Ostpreußen im Reichsarbeitsdienst, des Generalarbeitsführers Albert Krause, statt. An der Trauerfeier nahmen u. a. teil Reichsarbeitsführer Generalmajor Hier!, Gauleiter und Oberpräsident Koch und der Kommandierende General und Befehlshaber im Wehrkreis I, General der Artillerie d. Brauchitfch, sowie zahlreiche Führer des Reichsarbeitsdienstes, der SA., SS. und des NSKK. Reichsarbeitsführer Hier! widmete dem Verstorbenen die letzten Abschiedsworte.
Ihre Königliche und Kaiserliche Majestät die K ö - nigin von Italien weilt mit ihrer Tochter, der Gräfin C a l v i, seit einigen Tagen zu einem privaten Besuch in Kassel, um ihre an den Folgen einer Grippe erkrankte Tochter, die Prinzessin Mafalda von Hessen, zu pflegen.
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DieKöniginWilhelmina sowie Prinzessin Juliane und ihr Verlobter Prinz Bernhard zur Lippe-Biesterfeld nahmen an einem Empfang teil, den der deutsche Gesandte und Gräfin Zech- Burkersroda zu Ehren des prinzlichen Paares in den Räumen des Gesandtschaftsgebäudes gaben.
Die Wmcketmcmmeier der ttmversiiät.
Das Archäologische Institut der Universität veranstaltete in Verbindung mit der Philosophischen Fakultät, I. Abteilung, wie alljährlich, im Großen Hörsaal eine Winckelmannfeier. Der Dekan, Professor Dr. Glöckner, dankte zu Beginn für zahlreiches Erscheinen und stellte zwei neue Dozenten der Fakultät als die Redner des Abends vor: Dr. W. Rehm als Vertreter der deutschen Literaturgeschichte. und Dr. W. Zschitzschmann als den neuen Vertreter des archäologischen Faches. Dr. Rehm sprach zu Beginn über Winckelmann; er erinnerte an Goethes Ankunft in Rom vor 150 Jahren imd schilderte, wie dieser damals Winckelmann recht eigentlich kennengelernt habe. Winckelmann hat uns, ss führte der Vortragende aus, erst die Augen geöffnet für die antike Welt; er begann die Dmqe sinnlich-plastisch zu schauen. Die Begegnung mit dem Apollon von Belvedere wurde ihm zum erschütternden Erlebnis, er hat mit erzieherischer Absicht griechische Art und Kunst zur deutschen tn Beziehung gesetzt. Darum feiern wir heute fein lebendiges Vermächtnis in dankbarer Verehrung.
Dr. Zschltzschmann hielt den Hauptvortrag (mit Lichtbildern) über Apollon. Es ist kein Zufall, so führte er u. a. aus, wenn wir heute, des Gründers unserer Wissenschaft gedenkend, uns um Apollon versammeln, denn Apollon hat wie ein anderer Gott im Zentrum des Griechentums gestanden und ist auch einmal ein deutsches Schicksal 9et”e^* (Hölderlin: „mich hat Apollon geschlagen .. .). Der Vortragende verfolgte an Hand einer Lichtbilder. Reihe die merkwürdigen und auffallenden Wand- hingen, die das Apollon-Bild m der griechischen Kunst durchgemacht hat. Die attische Anmut de schönsn nackten Jünglings wie sie etwa der sog Tiber-Apoll aufweist, steht nicht im Em klang mit den älteren Vasenbildern, mit dem bärtigen Alten, den die Jnselgriechen gebildet haben. Dre Ana oglen und Ursachen dieses Gestaltwandels wurden un ersucht und erläutert; die Zeitbestimmung 'st mäst unwesentlich, da sie innere Beziehungen zur poh- tischen Gesamtgeschichte herstellt; es ergibt stch- daß sich etwa um das Jahr 540/530 nicht nur ein ®i b= wandel, sondern zugleich em Glaubenswandel[ tn Griechenland vollzogen hat, das beleuchten auch Zusammenhänge mit der Gebärdensprache, mit Tracht, mit der Tragödie. Am mener Begriff v der Jugend,«cmch eine neue Vorstellung vom Heros,
vom homerischen Helden, taucht auf. Die Entwicklung zeichnet sich deutlich in der apollinischen Monumentalplastik ab, welche die dionysische Keramik ablöst. Die Wandlung und augenfällige Verjüngung des Apollonbildes wurde aus der Bedrängung und Bedrohung des Griechentums in jener Zeit erklärt. Das Bild des Apollon, der kein griechischer, sondern ein vorgriechischer Gott war, hat sich erst spät und aus innerer Notwendigkeit zu der stillen und gleichsam mühelosen Schönheit entwickelt, wie sie uns aus den zu Beginn gezeigten Plastiken anspricht. —
„Eine Schaukel
oder einen Radiergummi."
Von Gertrud von Boeck.
Wenn Kinder zu Weihnachten Rodelanzüge, feste Stiefel und dergleichen Dinge bekommen, so füllt das in angenehmer Weise den Gabentisch, und außerdem hätte man diese Sachen sowieso kaufen müssen. Sie liegen aber jenseits des kindlichen Wunschbereiches (das kommt erst später!). Hingegen erfreut sich jegliches Sportgerät, ob Roller, Fußball, Schlittschuhe oder erste Skier großer Beliebtheit. Trotzdem bleiben die Spielsachen — vor allem für das Kleinkind — die Hauptsache.
Kinder verstehen nichts von Qualität und sehen deshalb mehr auf die Menge. Sie erzählen nicht: „Ich habe einen echten sibirischen Fuchs bekommen", sondern berichten: „Das Christkind brachte mir elf Sachen: einen Musikkreisel, eine Zählmaschine, zwei Handschuhe —" usw. Die Begriffe teuer, billig, preiswert — existieren nicht für sie. Wie wäre es sonst möglich, daß die kleine Lotte ans Christkind schreibt: „Ditte bring mir eine neue Schaukel oder einen Radiergummi".
Kinder haben meist eine reichere Phantasie als Erwachsene und sind von Tatendrang erfüllt. Die Freude des Kindes am Spiel ist die Freude des schaffenden Menschen. Sie bevorzugen Dinge, mit denen sich etwas anfangen läßt: Bau-Modellier- kä ten, Bast- und Flechtarbeiten sind ihr ganzes Entzücken. (Man kann all dies für unendlich wenig Geld haben!) Brigitte beklagte sich voriges Jahr bei mir, sie hätte vom Christkind nur „lauter fertiges Sach" gekriegt, womit sie nichts anfangen konnte.
Viele Kinder legen großen Wert darauf, daß ihnen ein Spielzeug allein gehört. Ptts große
ShrisiM Meirich Grabbe - tragisch und satirisch.
Das Berliner Staatstheater-Iubiläum.
»Don Inan und Faust" und „Scherz, Satire, Ironie ..."
Berlin, im Dezember.
Am 5. Dezember waren, worüber bereits berichtet wurde, hundertfünfzig Jahre vergangen, seitdem auf Befehl Friedrich Wilhelms II. das damalige Französische Komödienhaus auf dem Berliner Gendarmenmarkt als Königliches Nationaltheater eröffnet wurde. Die Gebäude, die auf dieser Stelle standen, haben gewechselt: nach dem Komödientheater erbaute Langhans den „Koffer", wie die Berliner das Theater nannten, jetzt steht das klassisch-schöne Haus Schinkels da. Aber die Tradition hat immer an dem Gendarmenmarkt gehaftet, das Dortige Theater ist immer das staatliche Theater geblieben.
Daß das heute Staatliche Schauspielhaus den stolzen und verpflichtenden Namen eines Nationaltheaters beanspruchen darf, erwies sein Intendant Gustaf Gründgens wieder am Abend des 5. Dezember, zu dem Ministerpräsident Generaloberst Göring erwählte Gäste in sein Haus ge-
Schutz vor Ansteckung durch
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laden hatte. Der Abend war in zweifacher Hinsicht der Vergangenheit gewidmet. Erinnert die von oem Dramaturgen Dr. Eckart von N a s o und von August D ö r s ch e l zusammengestellte Festschrift des Staatlichen Schauspielhauses an die denkwürdige Geschichte des Theaters, so erweckte Christian Dietrich Grabbes „Don Juan und Faust" das Andenken an den vor hundert Jahren verstorbenen genialischen Dichter.
Zwei Gestalten begegnen sich in seiner dramatischen Dichtung: Don Juan, der Sinnenmensch, der fein Ziel sucht und nur tut, was ihm gefällt, und Faust, der himmelstürmende Gottsucher, der Forscher und Denker. Faust verschreibt sich, wie in der Sage, dem Teufel, der in der Gestalt Luzifers, des gefallenen Engels, erscheint und ihm alle seine Machtt leiht. Er verlockt den Weltfernen zur Liebe. Faust begehrt — hier spielen Elemente der spanischen Don-Juan-Sage in die deutsche — Donna Anna, die Tochter des Gouverneurs. Ihr stellt auch Don Juan nach; auf ihrem Hochzeitsfest tötet er den Bräutigam im Zweikampf, um die Geliebte zu entführen. Doch Faust, vom Teufel unterstützt, trägt ie auf sein Zauberschloß, das sich auf den Gleichem des Montblanc erhebt. Donna Anna ergibt ich ihm nicht, unbedacht läßt Faust seine Magie pielen, und das Mädchen sinkt tot zur Erde. Auch Luzifer kann sie nicht mehr erwecken, gegen den Tod ist auch der Teufel machtlos. Don Juan wird mit seinem Diener Leporello durch einen Zaubersturm auf den Friedhof verschlagen, auf dem sich das steinerne Reiterbild des Gouverneurs erhebt, der von ihm getötet wurde. Das Ende ist aus Mozarts Oper bekannt. Der steinerne Reiter kommt zu Don Juans Gastmahl, der Druck seiner
Marmorhand wirkt tödlich, Don Juan und Faust verfallen dem Teufel. Der Palast Don Juans geht in Flammen auf, Leporello kommt in dem Brande um: der kupplerische Diener, der Gottsucher Faust und der sinnenfreudige Don finden das gleiche Ende. Am Schluß triumphieren Teufel, Tod und Zerstörung.
Unter Jürgen Fehlings Leitung rollt die Dichtung ab als Gleichnis, als Sage, als Legende. Der Bühnenbildner Rochus Gliese läßt Tiefe und Weite des ungeheueren Bühnenraums arbeiten und mitfpielen, dessen Hintergrund immer im Dunkel bleibt, die Handlung vollzieht sich in einem symbolischen Raum. Aus dieser Schwärze erheben sich die matt beleuchteten Andeutungen der Szenerie. Der Festsaal des Gouverneurs wird nur durch die Galerie angedeutet, auf der die Musiker spielen, und um so unheimlicher wirkt der Reigen der Hoch- zeitsgäste, ein wirklicher Totentanz. Zwei Reihen weißer Lehnstühle bezeichnen den Palast Don Juans, der Garten Donna Annas besteht nur aus einer Reihe sich perspektivisch verjüngender Stämme mit mächtigen Baumkronen: ein Meisterstück theatralischer Bildkunst. Vor dem nächtigen Bühnenraum entfaltet sich um so herrlicher das Spiel der Lichter und Farben; Gestalten tauchen aus der Tiefe und verschwinden, die wunderbar eingerichtete Bühne des Staatstheaters läßt alle ihre Wunder spielen — Grabbe konnte seine Auferstehung nicht würdiger begehen als in diesem Hause. Gustaf Gründgens spielt den Don Juan mit seiner hinreißenden Elastizität, Klöpfer den Faust, schwer und grüblerisch. Käthe Dorsch findet als Anna zarte und rührende Töne, der Leporello Aribert Wäschers setzt in die gleichnishaft Handlung die irdische Nützlichkeitsmoral. — Die Zuschauer, zunächst betroffen von der stürmischen Gewalt der Dichtung und non der Großartigkeit solcher Bühnenkunst, bereiten den Darstellern und dem Intendanten große Huldigungen. Auch das Staatstheater konnte feine Feier nicht würdiger begehen.
Wer kennt heute noch Grombes bittere Komödie „Scher z, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung", die das Deutsche Theater in der gleichen Woche herausbrachte? Auch dort erscheint der Teufel, aber als komische Figur, die sich von dem versoffenen Schulmeister mit Casanovas Erinnerungen in einen Käfig locken läßt, bis er durch die Vermittlung seiner Großmutter wieder in die Hölle gelassen wird. Auch sonst geschehen seltsame Dinge: der Schulmeister stellt den Dorftrottel als werdendes Genie vor; der Dichter Rattengift, der nicht dichten kann, schreibt ein Sonett über den Einfall, daß ihm nichts einfällt; der Freiherr von Mordax schlägt dreizehn Schneidergesellen tot — was auf der Bühne bei Musikbegleitung geschieht — und am Ende erscheint, romantische Selbstironie, Grabbe selbst auf der Bühne und es heißt von ihm: „Er schimpft auf alle Schriftsteller und taugt selber nichts." Warum das alles? Grabbe schreibt eine verbitterte Satire auf die geistigen Zustände der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, gegen die Naturlehre, die Zeitungen, die Rezensenten, den gesamten Literaturbetrieb seiner Zeit. Der Schauspieler Paul Verhoeven setzt das Spiel scheinbar primitiv, in Wahrheit sehr raffiniert und einfallsreich in Szene: Verwandlungen bei offener Szene, an denen auch die Dekorationen und Bühnenarbeiten mitwirken; viele originelle Einfälle. Starker Beifall, dcE Grabbe galt, aber auch den Darstellern, dem Teufel Otto 'W e r n i ck e s, dem Schulmeister Bruno Hübners, dem Dichter Wilfried Seyferths.
Gerhard Bohlmann.
Brüder haben eine Eisenbahn. Sie ist wunderbar — leider —, denn sie lassen den kleinen Pit aus diesem Grunde nicht ran. Nun bekommt er vom Christkind eine Prioateisenbahn. Sie kostet nur ganz wenig, aber da sie ihm gehört, findet er sie weitaus schöner. Bald verschwindet er mit der Lokomotive im Kinderzimmer, um mit viel Mühe und einem Schraubenzieher dahinter zu kommen, wie sie „innen" aussieht. Und als er sie in ihre Urbestandteile zerlegt hat, ist er stolz wie ein Gott am ersten Schöpfungstag und sehr glücklich. Und ist das nicht die Hauptsache?
Da fällt mir Helga ein: sie bekam vom Christkind viele, schöne Dinge. „Helga", frag ich sie, „was ist dir das Liebste von allem?" „Die Abziehbilder!" kommt prompt die Antwort. Also Eltern und Onkels hatten viel Geld ausgegeben, und die Köchin Anna schoß mit Abziehbildern für 30 Pfennig den Vogel ab.
Ich erinnere mich auch eines Weihnachtsfeiertages. Wir Kinder waren bei Bekannten eingeladen und fanden in einer Rumpelkammer einen alten Plüfchlöwen. Unsere Gastgeber waren froh, das verstaubte Stück los zu fein, und zu unserer großen Freude dursten wir ihn mit nach Hause nehmen. Wir tauften ihn Abaminzo, liebten ihn heiß und ließen ihn nachts zwischen unseren Kinderbetten Wache halten. Er hatte kleine Näder an seinen Füßen, und zog man auf seinem Rücken reitend an einer Schnur, brüllte er wie eine Kuh, das war schön und schaurig zugleich. Bald war er die Attraktion unseres Jndianerlagers. Nur die Eltern wollten es nicht fasftp, daß das mottenzerfressene Tier unsere schönsten Spielsachen in den Schatten stellte.
Leider lassen sich kindliche Wünsche nicht immer erfüllen. Mein kleiner Freund Sven wollte voriges Jahr von mir „— ’ne Stange mit ’nem Haken dran!" — Nähere Erklärungen konnte er nicht ab= geben. Bitte, kaufen Sie mal eine Stange mit einem Haken dran! Ich zerbrach mir den Kopf — es half nichts, zuletzt ging ich und kaufte Pfeil und Bogen. Kinder aber kennen keinen konventionellen Lügen: Weihnachten kam, Sven'bedankte sich, Pfeil und Bogen seien sehr schön, „aber" — zögernd kam es heraus — „du wolltest mir doch eigentlich ’ne Stange mit ’nem Haken dran —". Da hatte ich's.
Eines Tages, als ich ihn spät abends nach Hause brachte, stieß er ein Freudengebrüll aus. Vor einem Schaufenster war ein Mann damit beschäftigt, die Rolläden herunterzuziehen. Er hatte zu diesem Zweck ’ne Stange mit ’nem Haken dran! Wenigstens war mir das Rätsel gelöst.
Das „Blaue Band" bei den Vögeln.
Gegen den durchsichtig blauen oder wolkenbe- d-eckten Septemberhimmel zeichneten sich oft Schwärme der Zugvogel ab, bald in scheinbar regelloser Wolke, bald in schon geordneter Flua- staffel. Viele Tausende von Kilometer legen diese Tiere in jedem Herbst und Frühjahr zurück. Wie lange sind sie unterwegs auf diesen gewaltigen Flügen? Welches ist ihre Durchschnittsgeschwindigkeit? Und welche Arten sind die schnellsten unter ihnen? Der Vogelflug läßt sich nicht mit der Stoppuhr messen, nur schätzungsweise können die Gelehrten von den Vogelwarten und andere Ornithologen, die ihr Leben dem Studium des Vogellebens gewidmet haben, die Geschwindigkeiten beurteilen. Schon aus dem Körperbau und aus dem Schnitt der Flügel läßt sich erkennen, ob ein Vogel zu den wirklich schnellen Arten gehört. Die breiten, keilförmigen Schwingen der Schwalben und ihr im Verhältnis dazu kleiner, schmaler, spitz zulaufender Körper verrät die Kraft zu ungeheurer Geschwindigkeit. Tatsächlich gelten die Schwalben auch mit als die schnellsten Vögel, unter ihnen besonders die sibirische und die Alpenschwalbe. Ihre Durchschnittsgeschwindigkeit wird von dem englischen Ornithologen Allan Bell auf etwa 160 Kilometer in der Stunde, von manchen Vogelkennern aber noch weit höher geschätzt. Man hat beobachtet, daß diese Vögel Flugzeuge, die mit 100 bis 120 Kilometer in der Stunde fuhren, mühelos umkreisten. Dennoch vermögen die Falken die Schwalbe zu jagen und tun es oft zwischen Ernst und Spiel. Nicht umsonst war der Falke der mittelalterliche Jagdoogel, der alle anderen Segler der Lüfte über„flügeln" konnte. Sowohl der kleinere Baumfalke als auch der Wanderfalke ober der weiße Gierfalke der Arktis erreichen wahrscheinlich Geschwindigkeiten bis zu 240 Kilometer in der Stunde. Auch Brachvögel, Regenpfeifer und T a u b e n, die es bis zu 120 Kilometer in der Stunde bringen, gehören mit zu den schnellsten Vögeln. Unter den ersten Anwärtern auf das „Blaue Band" bei den Vögeln befinden sich aber seltsamerweise auch Enten. Ihre eher plumpen, stumpfen Körper stoßen sich unter dem Antrieb von einem halben Dutzend Flügelschlägen in der Sekunde mit erstaunlicher Geschwindigkeit durch die Luft. Die Trauerente erreicht gewiß auch ihre 150 Kilometer, und die Krickente, die kleinste und schnellste, wird sogar auf 200 Kilometer in der Stunde geschätzt. —


