Nr. 238 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen) Samstag, TO. Oktober 1956
Der Stellvertreter des Führers auf derFahrt der Alten Garde.
Vom Rhein zur Lahn.
Am Freitagmittag traf der Stellvertreter des Führers, Rud 0 ls Heß , in dem alten Rheinstädtchen Kaub ein, um von hier aus an der weiteren Fuhrt des Alten Führerkorps durch den Gau Hessen-Nassau teilzunehmen. Von Rudesheim aus ging am Freitagmorgen die Fahrt bei herrlichem Sonnenschein zunächst den Rhein abwärts über Aßmannshausen nach Lorch. An der Spitze der langen Wagenkolonne fuhren Reichsorganisationsleiter Dr. Ley und Korpsführer Hühnlein, der am Morgen in Rüdes- heim eingetroffen war, sowie Gauleiter Spren- g e r. Von Lorch aus führte dünn der Weg durch die „rheinische Schweiz", das an Naturschönheiten so reiche Wispertal, zu den Höhen des Taunusgebirges. In engen, oft gewundenen Vogen führt die Straße den Lauf des Flüßchens hinauf. Reichsarbeitsdienst mit blanken Spaten salutiert zu Ehren des Kerntrupps der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei. Landjahrmädchen aus dem in der Nähe befindlichen Landjahrlager in malerischer „Kluft" weisen den Omnibussen, die kurz vor Vad-Schwalbach abbiegen müssen, den Weg. In Kemel (Untertaunuskreis) werden Pakete in jeden Wagen gereicht, die in liebevoller Aufmachung ein kleines Geschenk für jeden enthalten. An einer einsamen Waldschneise warten 40 bis 50 Ferienurlauber auf den kilometerlangen Wagenzug; in riesigen weißen Lettern haben sie ein „KdF." auf die Straßendecke gemalt. Singhofen verläßt der Autozug, und hinunter geht es die stark abfallenden Berge, die ein unbeschreiblich schönes Bild noch einmal den Augen bieten: Der Blick von oben ins idyllische Mühlbachtal mit der alten Mühle ist eins der schönsten Landschaftsbilder überhaupt. Bergnassau, inmitten fruchtbarer Felder, Wiesen und Gärten, zeigt sich von weitem schon. Die Häuser liegen unten im hellen Sonnenglanz, während oben die Burg im Dustergrau des Gemäuers schimmert. Das silbrige Band der Lahn, das alte Schloß des Reichsfreiherrn von und zum Stein, der schiefe Turm von Dausenau, ein fröhlich winkender „Kraft durch Freude"-Sonder- zug, der aus Richtung Limburg kommt, das sangesfrohe „Wirtshaus an der Lahn" enthüllen auf dem Weg nach Bad Ems dem Alten Führerkorps den ganzen Zauber unseres lieblichen Lahngebietes. „Ruhe! Badeort" steht am Eingang der Kurstadt; diesmal haben die Emser aber kein Glück damit, denn sie sind es selber, die diese Mahnung am allerwenigsten beherzigen. Ein ohrenbetäubendes Geschrei vollführen die Jungens und Mädels, als der erste Wagen in die Stadt einfährt. Von den Häusern, aus den Fenstern und Balkonen winken die Bürger dieses an landschaftlichen Reizen so gesegneten Städtchens. Beim gemeinsamen Mittagsmahl im Kursaal richtete der Kreisleiter des Kreises Unterlahn der NSDAP, einige Begrüßungsworte an die Fahrtteilnehmer. Als die Wagen dann auf der weiteren Fahrt wieder den Rhein entlang in Kaub eintrafen, hatte sich hier am Ufer eine riesige Menschenmenge eingefunen, die, besonders auf die Nachricht vom Eintreffen des Stellvertreters des Führers, schon stundenlang ausharrte.
An Vord des Dampfers „Rheinland" rheinaujwärls.
Das alte Führerkorps bestieg sofort nach dem Eintreffen in Kaub den Dampfer „Rheinland". Kurz vor der Abfahrt erschien der Stellvertreter des Führers an Bord, umjubelt von der rheinischen Bevölkerung und herzlich begrüßt von seinen alten Mitkämpfern. Langsam setzte sich das Schiff unter den Heilrufen der Bevölkerung in Bewegung, während vom Ufer aus Böllerschüsse
das Rheintal entlang rollten. Winkend und grüßend stand das rheinische Volk am Ufer, von den Schiffen und Fischerkähnen hallten die Jubelrufe hinüber zur „Rheinland". Von der Jugendburg Stahleck herab grüßte die Jugend die alten Kämpfer.
Während der Fahrt nahm der Stellvertreter des Führers Gelegenheit, die Presse zu begrüßen. Nach einem Dank des Gauleiters Sprenger an die Vertreter der Presse für ihre Arbeit stellte Reichsorganisationsleiter Dr. Ley noch einmal die Bedeutung dieser jährlichen Fahrten des Alten Führerkorps heraus. Sie sollten vor allem einen Dank an d i e alten Mitstrei- ter des Führers für ihre aufopferungsvolle Arbeit darstellen. Sie fühlten sich auch reich belohnt durch den spontanen und wirklich von Herzen kommenden Empfang der Bevölkerung. Dabei
könne man feststellen, daß diese Verbundenheit vor allem bei der breiten, nicht mit allzu viel Glücksgütern gesegneten Volksmasse in besonders schöner Weise zum Ausdruck komme.
Bei Dunkelheit erreichte der Dampfer Wiesbaden - Biebrich. Auf dem mehrere Kilometer langen Weg zum Kurhaus hatten über 7000 Angehörige der verschiedenen Formationen mit Fackeln Aufstellung genommen. Die Wiesbadener Bevölkerung jubelte dem Führerkorps in unbeschreiblicher Begeisterung zu. Die festlich geschmückten und beleuchteten Fenster und Balkone waren dicht besetzt. Wuchtig hob sich das Kurhaus im Licht der Scheinwerfer von seiner Umgebung ab. Vor dem Kurhaus hatten Fahnenabordnungen Aufstellung genommen. Aus Raketen in die Luft geschossene Flammenschrift hieß das Alte Führerkorps in Wiesbaden willkommen.
Die Wacht am
einen Sinn.
Rudolf Heß an das alte Führerkorps.
Zu Beginn des im Kurhaus zu Wiesbaden veranstalteten Kameradschaftsabe.lds hieß Gauleiter Sprenger gleichzeitig im Namen des Reichsorganisationsleiters Dr. Ley den Stellvertreter des Führers Reichsminister Rudolf Heß herzlich willkommen. Er gab seiner besonderen Freude darüber Ausdruck, daß der Minister die Gelegenheit wahrgenommen habe, unter seinen alten Kameraden zu weilen.
Der Stellvertreter des Führers ergriff dann selber das Wort zu einer Ansprache an das Alte Führerkorps. Er führte dabei u. a. aus: Ich bin zu euch gekommen, um euch in erster Linie die Wünsche des Führers zu überbringen. Ihr wißt, wie herzlich sich der Führer mit euch eins fühlt, mit euch, seinen ältesten Kämpfern. Wenn er auch diesmal leider durch Arbeitsüberlastung verhindert ist, hierher zu kommen, so wird er b e - stimmt im nässten Jahr unter euch weilen. Ich entsVne mich der Zeit, da ich zum erstenmal mit dem Führer in die Rheinlande kam. Ich glaube, es war im Jahre
1927. Als wir damals hier waren, lag es wie ein Druck auf uns. Wir konnten uns des Daseins nicht freuen, und wenn die „Wacht am Rhein" gesungen wurde, klang das wie Hohn.
Nun find wenige Jahre, gerechnet an der Geschichte, vergangen, und wir können uns auch hier am Rhein wieder freuen, freuen uns des Lebens und lachen aus vollem herzen, und können wieder st atz singen die „Wacht am Rhein", denn dieses Lied hat wieder seinen Sinn, hier an diesem Strom stehtwiederdiedeutscheWehr- m a ch t als ein stärkerer Schuh denn je, und hinter ihr steht ein Volk, einiger denn je und bereit, die Waffen zu führen, die wir schaffen, wenn es der Bolschewismus durchaus wollte. Daß dies wieder möglich ist, danken wir neben dem Führer euch alten Kämpen, denn wäret ihr nicht gewesen, hättet ihr nicht in der
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Der Stellvertreter des Führers in Kaub. — (Aufnahme: NSG.)
schwersten Zeit unerschütterlich zum Führer gestanden, niemals hätte das Werk Adols Hitlers Wirklichkeit werden können.
Das weiß das Volk. Der Jubel, der dieser Tags euch umgibt, gilt nicht einzelnen hohen Führern, sondern den Trägern des Goldenen Ehrenzeichens. Ihr seid einmalig in der Geschichte, ihr werdet in Zukunft als die Träger des Goldenen Ehrenzeichens genannt werden, Nams für Name. Im Braunen Haus in München werden Bücher einen Ehrenplatz erhalten, in denen d i e Geschichte jedes einzelnen der Alt- gar d i st e n und sein Kampf enthalten ist. Spätere Generationen werden hingehen und mit Stolz feststellen, der Großvater oder der Urahne war auch einer der Aeltesten und Treuesten des Führers.
Der Stellvertreter des Führers führte weiter aus: Es soll doch einmal eine Partei des Auslandes den Versuch machen, 500 ihrer Führer durch ihr Land zu schicken (große Heiterkeit). Organisieren könnte man vielleicht, daß die Menschen Heil rufen, aber nicht organisieren kann man den Blick, den diese Menschen aus ihren Augen uns geben. Und das Schönste für uns alte Nationalsozialisten ist dabei, daß wir feststellen können, daß in den Arbeitergebieten der Jubel am größten ist. Der Arbeiter weiß wohl am besten einzuschätzen, was der Nationalsozialis nus und besonders seine alten Kämpfer geleistet haben. Er kann am besten beurteilen, wie stark der Marxismus, wie stark der Kommunismus schon im Volk Platz gegriffen hatte.
Niemals mehr kann der Bolschewismus daran denken, aus Deutschland das zu machen, was er aus dem heutigen Spanien machen konnte. Aber ebenso wie es möglich ist, das Schlechte zu wecken, ebenso kann eine gute Führung die das Beste ihrem Volke gibt, das Gute in den Wenschen wecken. Und wir haben bewiesen, daß es geht. Das deutsche Volk ist heute das beste und an ständig sie der Welt! Der Bolschewismus soll sich gesagt sein lassen, daß, wenn er glaubt — da alle Hoffnung, in Deutschland von innen an die Wacht zu kommen, vergeblich ist —, nun etwa von außen das Regiment des Terrors über unsere Grenzen tragen zu können, ganz Deutschland ein einziger Alkazar wäre, der kämpfte und siegte, daß er sich täuscht, wenn er glaubt, noch einmal in Deutschland Einfluß gewinnen zu können. Wir würden siegen dank dem Füh- rer und seiner alten Kämpfer. In diesem Gedanken grüßen wir in alter treuer Verbundenheit den Führer. Adolf Hitler Sieg-Heil!
Kleine volitische Jiad>nd>ten.
Ministerpräsident Generaloberst Göring, der Vertreter des Führers und Reichskanzlers bei der Beisetzung des Ministerpräsidenten Gömbös, traf Freitag kurz nach 20 Uhr a u f dem Budapester Ostbahnhof ein. In seiner Begleitung befanden sich Ministerialdirigent Gritzbach, Oberst Bodenschatz und Oberstjägermeister Scherping. Zum Empfang hatten sich führende Persönlichkeiten der ungarischen Regierung eingefunden. Unmittelbar vom Ostbahnhof begab sich der Ministerpräsident in das Parlament, wo er in Begleitung des stellvertretenden Ministerpräsidenten Daranyi und des deutschen Gesandten von Mackensen am Sarge einen Eichenlaubkranz niederlegte, der die Inschrift trägt: „Dem treuen Waffengefährten in großer Zeit. Generaloberst Göring."
Anläßlich der Griechenlandreife des Herrn Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda Dr. Goebbels hat Seine Majestät der König der Hellenen diesem das Großkreuz des Erlöserordens verliehen.
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Seit einigen Tagen weilt General-Admiral Dr. ll. c. Rae der in Bad Homburg zur Kur. Während seines Aufenthaltes besichtigte der General- I Admiral auch das Homburger Schloß.
Gießener Gtadttheater.
Karl Millöcker: „Der Bettelstudent".
Die Operettenspielzeit wurde mit dem „Bettel- student" eröffnet, den wir vor mehr als acht Jahren zuletzt hier gesehen haben. Es war damals, wie nur uns erinnern, eine schwache, szenisch und musikalisch unausgeglichene Vorstellung, und wir können mit Vergnügen seststellen, daß die gestrige Ausführung höchst vorteilhaft gegen jene abstach: es war ein beherzter, in allen Teilen gegluckter Anfang, und die immerhin nicht mehr ganz junge Operette erstand mit einer Frische, die durchaus erfreulich und stellenweise verblüffend war.
Der Oberfpielleiter Herr W r e d e hat im Programmheft ein paar Bemerkungen über seine Neubearbeitung niedergelegt: er hat das Werk um es mit seinen Worten zu sagen - entrümpelt und gelüstet, er hat die Palmwedel und die Spitzendeckchen hinausgetan, . die Pluschmobel und die Samtoorhänge gründlich ^gestaubt, die Spinnweben von der polnischen Pelzverbramung heruntergeputzt und sich mit solcher Auffrischung, Belebung und Reinigung bemüht, die ursprüngliche Heiterkeit und Leichtigkeit, Humor und Tempo wieder/iuerwecken... hat auch seine Helfer im Regiestab, Bühnenbildner und Dirigenten, Ballettmeisterin und Kochümmelsterm, im gleichen Sinne angeregt und beflügelt. #
65 hat sich aelahnt; man merkte der Aufführung Dom ersten bis' zum letzten Takt an, daß mit Lust und Liebe daran gearbeitet worden ist. Das freut uns und wurde vorn gutbesetzten Hause dankbar anerkannt Das alte Abenteuer der Herren Z e l l und Ke n e e - zur Zeit, da Friedrich August der Starke König' von Polen und Kurftrst von £ Si*®1 MWrt? 7 aum w7meten Male! - auf eme wahrhaft teuflische und raffinierte Weise gerächt, und die r°l°. Ä-r en Studenten Symon RymanoMcz und Jan Janitzki non der Universität Krakau erlebten als wenn es erst neulich gewesen wäre eme feenhafte Befreiung aus den Mauern der Zitadelle.
Derr Löffler ha, die fünf Bilder - besonders di- Zitadelle, die Krakauer Fruh,ahrsmef - und das Palais Nowalska - heiter und farbenfroh ganz im Sinne der Neubearbeitung, auf die Suliffc ge
pinselt und überdies den Zwischenaktvorhang mit einem kecken und überlebensgroßen Rokokopärchen dekoriert. Die Kostüme, entworfen von Sophie Buchner, ausgeführt von Willi E n d r i ch , fügten sich Phantasie- und sttlvoll diesem Rahmen ein. Besonders die Toiletten der gräflichen Damen und die Uniformen der Ollendorsschen Offiziere fielen durch geschmackvolle Farbenzusammenstellung angenehm auf.
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Der neue Kapellmeister Hans H. Hampel, der zusammen mit Herrn Wrede die Ueberarbeitung und Neuinszenierung besorgte, führte sich ebenfalls vorteilhaft ein: die Aufführung hatte auch musikalisch Schmiß und Schwung und war vom Vorspiel bis zum Finale von einer gesunden, rhythmisch belebten Musizierfreudigkeit getragen, die sich diesseits und jenseits der Rampe anregend bemerkbar machte; die unter Leitung von Kapellmeister Bräuer sehr frisch, kräftig und mit sauberem Einsatz singenden Chöre unterstrichen den Gesamteindruck. Die neue Tanzgruppe unter Führung der Ballettmeisterin Irmgard Zenner startete mit Feuereifer unmittelbar nach der Ouvertüre und trug wesentlich dazu bei, die an und für sich beschwingte, übrigens auch in jeder Hinsicht reich ausgestattete Vorstellung aufzulockern und rhythmisch zu betonen.
Der neu verpflichtete erste Tenor Ernst-August Waltz konnte als Symon Rymanovicz von Anfang an richtig aus sich herausgehen und sein gepflegtes, offenbar recht umfangreiches, stellenweise leicht metallisch gefärbtes Organ schwungvoll zur Geltung bringen. Ilse Laskus als Laura präsentierte sich als eine sehr anmutige, bühnenmäßige Erscheinung, sah vorzüglich aus, Jang ihre zum Teil recht anspruchsvolle und schwierige Partie mit einem hellen, auch in der Höhe reinen Sopran ausgezeichnet und wirkte im übrigen darstellerisch erfreulich belebt.
Herr Hub als Ollendorf bot ein Kabinettstück besonderer Art: er nahm sich des martialischen Obersten gesanglich und schauspielerisch mit einem Temperament und Humor an, daß es ein Vergnügen war; feine aktuellen und witzigen Zwischenakteinlagen weckten Sonderappläuse und schallende Heiterkeit.
Der neue Spieltenor Paulus Kuen, den wir schon in der letzten Morgenfeier kennen lernten, konnte als Janitzki die sympathischen Eindrücke seines ersten Auftretens durchaus bestätigen; fein Liebesduett mit Lronislawa (von Frl. Fornallaä
sehr hübsch gespielt und gesungen) mußte alsbald wiederholt werden.
Kammersängerin Magda Strack von der Frankfurter Oper war für die plötzlich erkrankte Altistin Hildegard I a ch n o w eingesprungen und fügte sich als Gräfin Palmatica geschickt ins Ensemble, von dem wir noch Hansi Prinz als kecken Fähnrich und Herrn D o l ck in der leichtkomischen Charge des Kerkermeisters hervorheben möchten. —
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Vom großen Erfolg war schon die Rede. Es gab mehrere Wiederholungen und zum Schluß allerlei Blumenspenden. hth.
Allotria.
Von H. von Maffow.
Soll man ein hübsches Fräulein, das man gern kennenlernen möchte, auf der Straße ansprechen? Nein, man soll es nicht, denn es ist ungehörig. Und in der Mehrzahl der Fälle wird sich der männliche Ungestüm dabei nur einen Korb holen, was wiederum peinlich ist. Es gibt da eine ganz bestimmte Formel, die dem Zudringlichen entgegengezischt wird, die Formel: „Mein Herr, was erlauben Sie sich ...?"
Auch jene junge Dame, die da kürzlich im eiligen Hasten der Geschäftsstraße vor mir ging, drehte sich empört um, als sie zart, aber doch nachdrücklich am Aermel gezupft wurde. Auf ihren Lippen formte sich schon das empörte „Mein Herr, was erlauben Sie sich ?!, als sie in völliger Verblüffung den Mund wieder schloß. Denn statt in das unbescheidene Gesicht eines jungen Mannes blickte sie in das „schelmische" Antlitz — eines Rosses. In der Tat, wer da sagt, daß ein Roß niemals ein schelmisches Antlitz haben könne, dem streite ich das ab. Dieses Pferd, jedenfalls, hatte etwas reizend Schelmisches um die Maulwinkel. Obschon es ein gewaltiges Pferd war, eines von denen, die sich kaltblütig und Belgier nennen.
Breit, wuchtig, riesenhoch und sehr gelassen hatte es vor seinem Wagen gestanden. Und da es sich langweilte, tat es etwas, was „Belgier" sonst niemals tun, es „sprach an". Auf die ihm gegebene Art. Vielleicht hatte es jüngst einen solchen Vorgang in feiner Nähe beobachtet und ihn ganz amüsant gefunden. Wie leicht verderben nicht böse Beispiele gute Sitten!
Um auf das angesprvchene Fräulein zuruckzukom- men — sie war sprachlos. Zunächst. Dann verklärten sich ihre Züge zu einem Lächeln, und sie be
wies nun, daß sie in bezug auf Belästigungen durch Unbekannte nicht starr auf Prinzipien ritt. Sie benahm sich nämlich in diesem Pferde-Fall sehr entgegenkommend und streichelte dem schelmischen Gaul liebevoll die Nüstern.
So nett das von ihr war, sie hätte es besser unterlassen. Denn durch diesen offensichtlichen Erfolg ermutigt, beschloß der Gaul, in den betreffenden Bahnen fortzuwandeln. Und zwar nunmehr ohne Unterschied der Person und des Geschlechts. Er wollte ganz einfach gestreichelt sein. Und da an jener Stelle die Breite des Gehsteigs nur unerheblich war, brauchte das Roß nur seinen dicken Kopf nach rechts zu neigen, um eine enge Passage zwischen diesem Kopf und der Häuserwand herzustellen. Nun hatte sich jeder Fußgänger mit ihm auseinanderzusetzen.
Die Charaktere schieden sich sogleich. Da waren die Tierliebenden, die Freundlichen und Humorvollen. Die streichelten und klopften, die hätschelten und murmelten nette Worte. Da waren die Groben, die ohne Verständnis für hübsche Situationen sind, die drückten rauh den Butzekopf mit den neugierigen braunen Augen zur Seite. Und dann waren da die Aengstlichen, die angesichts des Engpasses auf dem Absatz kehrtmachten und auf die andere Straßenseite hinüberwechselten.
Unser Gaul aber trieb Studien. In Psychologie. Und nebenbei in den Paketen, den Handtaschen und Marktnetzen der Passanten. Er war von grenzenlosem Wissensdrang beseelt. Er verließ mit Entschlossenheit die sonst übliche Reserviertheit der Zugpferde und schäkerte heftig mit allen vorüderkom- menben Menschen.
Diese Menschen aber freuten sich in der erdrückenden Mehrzahl der Fälle und gingen gern auf den ausgefallenen Spaß des Rosses ein. Nur der zweite im Gespann, der Nebengaul, der verhielt sich konsequent ablehnend. Er mißbilligte diesen Bruch pferdlicher Zurückhaltung und schielte dabei auf mich, der ich mir Eintragungen über diesen ungewöhnlichen Fall in mein Notizbuch machte. Sicher fürchtete er einen Skandal.
Tinrh hrmn Pr>m s"r nächt' mit
einem lakonischen „Hüh!" der Szene ein Ende
^ocbfcbufnoch richten
Ernannt wurden: der ao. Professor für Strafrecöx und Strafprozeßrecht Wilhelm Claß an der uui- oerfitnt Frankfurt zum Wir^T „ ' ‘, '<T. Dozent für Tierphysiologie Dr. Walter Lern e t t an der Universität B e r l i n zum Ordinanus an der Universität Göttingen.


