Ein Stadtteil in der Finsternis.
Große Ver-unkelungsübung zwischen Löberstraße und Schiffenberger Weg.—Das Ergebnis im allgemeinen zufriedenstellend -Lustschutzhauswarte müßen ihre Häuser auch von außen ansehen! - Blaues Licht ohne zusätzliche Verdunkelung unzweckmäßig.
Die Bevölkerung zeigte erfreulicherweise guke Disziplin und bekundete dadurch, daß sie Verständnis hat für die Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit der behördlichen Anordnungen zur Sicherung eines wirksamen Luftschutzes.
Pünktlich um 22 Uhr flammten in den beteiligten Straßenzügen die Straßenlampen wieder auf, an den Häusern wurden die Verdunkelungsstoffe weggenommen, die einstündige Hebung hatte ihren Abschluß gefunden.
Die Polizeidirektion Gießen — bekanntlich ist nach dem Gesetz die Polizei die maßgebliche und verantwortliche Behörde für den Luftschutz der Stadt — und der Reichsluftschutzbund hatten die Bevölkerung des von der Löberstraße, Bleichstraße, Gnauthstraße, Nahrungsberg, Bergstraße und Gartenstraße bis zum Ludwigsplatz umgrenzten Stadtgebiets für den gestrigen Mittwochabend zu einer großen Verdunkelungsübung aufgerufen. Damit wurden die durch Verdunkelung der Straßen zu erzielenden Luftschutzmaßnah- m e n zum zweiten Male in unserer Stadt praktisch erprobt, nachdem vor einigen Wochen ein Teil des Südviertels auf diesem Wege vorausgegangen war. Wer die Verdunkelungsmaßnahmen in jenem Teile des Südviertels gesehen hat und Augenzeuge der Verdunkelungsarbeit am gestrigen Abend war, muß die Feststellung treffen, daß
sowohl der Gedanke der dringenden Notwen- digkeil des Luftschutzes durch wirksame Verdunkelung der Häuser und Straßen in der Bevölkerung immer tiefer Wurzel geschlagen hat, daneben auch die technische Fertigkeit im Verdunkeln der Wohnungen besser geworden ist.
Uebereinftimmenb waren denn auch die Männer, die gestern Abend die Derdunkelungsmaßnahmen besichtigten, — neben den dienstlich dazu berufenen Beamten der Polizei und den zuständigen Männern des Luftschutzes noch die Vertreter zahlreicher Behörden, öffentlichen Betriebe und der Presse — der Meinung, daß man mit dem Ergebnis der gestrigen Hebung im großen und ganzen zufrieden sein kann.
Man hatte Gelegenheit, bei der Besichtigung an zahlreichen Stellen sehr gute Verdunkelungsarbeit feststellen zu können, an manchen anderen Stellen auf die Zweckmäßigkeit besserer Schutzmaßnahmen hinzuweisen, durch die der an sich getroffene Schutz noch verstärkt werden könnte, daneben mußte man aber auch — es waren dies jedoch im Verhältnis zum Gesamtumfang zahlenmäßig nur beschränkte Fälle — wahrnehmen, daß die Verdunkelung durchaus ungenügend und offenbar nicht mit dem erforderlichen Ernst und mit der gebotenen sachlichen Sorgfalt vorgenommen worden war. Die zuständigen Blockwarte bezw. Hauswarte des Reichsluftschutzbundes, die überall gut auf dem Posten waren, hatten diese Fehler auch schnell selbst erkannt und ihre Beseitigung für künftige Fälle vorgemerkt, sie wurden darin aber noch bestärkt durch die Feststellungen und Anregungen, die der Leiter des Besichtigungsrundganges, Polizeioberinspektor Hofmann, ihnen gab.
Grundsätzlich wurde dabei vor allem hervor- gehoben, daß die Verdunkelung der Häuser und Wohnungen nicht etwa zu bedeuten hat, einfach das Licht auszudrehen und sich zu Bett zu legen, oder einen anderen Stadtteil bezw. ein dort beleuchtetes Lokal aufzusuchen, sondern, daß die Verdunkelungsmaßnahme erst dann ihre richtige und sinnvolle Durchführung findet, wenn in den Häusern bezw. Wohnungen die gewohnte Lebensweise der Familien bezw. der Betrieb von Gaststätten bei voller Beleuchtung beibehalten wird, aber die Abblendung doch so wirksam zur Durchführung kommt, daß von außen her auch nicht ein einziges Lichtpünktchen oder gar ein beleuchtetes Fenster sichtbar wird.
Diesen fundamentalen Grundsatz müssen sich alle Volksgenossen für künftige Fälle als maßgebliche Richtschnur für ihr Handeln merken. Geradezu mustergültige Arbeit in dieser Hinsicht konnte man in der Gastwirtschaft „Zum grünen Kranz" in der Bruchstrabe bei Gastwirt Altensen feststellen. Der Inhaber dieses Lokals hatte die Fenster innen von oben bis unten vortrefflich schließend mit dunklem Papier abgedeckt und darüber noch die üblichen Fenstervorhänge gezogen. Dazu war die Tür in gut schließendem Zustand. In der Gaststube selbst saßen die Gäste bei ihrem Glas Bier
und bei voller Beleuchtung des Lokals, aber nach außen hin war einfach alles undurchdringliche Finsternis.
In verschiedenen Häusern hatte man die Treppenhausbeleuchtung mit blauem Papier umkleidet, oder es waren blaugefärbte Glühbirnen zur Verwendung gekommen. Bei der Besichtigung ergab sich, daß mit dieser Maßnahme allein eine ausreichende Verdunkelung nicht erzielt worden war, denn dis Fenster dieser Treppenhäuser leuchteten inmitten der völlig verfinsterten Straßen gut sichtbar heraus, zum Teil ergaben sich sogar auf gegenüberliegenden hellen Hauswänden starke Lichtreflexe, die im Ernstfälle einem feindlichen Flieger den Lichtanhaltspunkt natürlich noch verstärkt haben würden.
Ganz eindeutig ergab sich an allen diesen Stellen, daß die blaue Beleuchtung allein für die Verdunkelung nicht ausreicht, sondern daneben unbedingt noch die Verkleidung der Fenster mit einem sicher tichtundurchlässigen Stoff vorzunehmen ist, wenn der Zweck der Schutzmaßnahme wirklich in ausreichendem Maße erreicht werden soll, eine Forderung und Notwendigkeit, über deren dringliche Berechtigung wohl niemand im Zweifel ist.
Sehr ratsam ist es auch, daß die Wohnungsinhaber selbst ihre Schutzmaßnahmen in allen Teilen genau nachprüfen. Es darf im Ernstfälle nicht vorkommen, daß beispielsweise ein gut verdunkelnder Vorhang am Fenster nur etwa zu vier Fünftel schließt und das restliche Fünftel die Lichtstrahlen hinausdringen läßt in die Finsternis; es ist auch zweckmäßig und richtig, die Rolläden nicht nur bis zur Hälfte herunterzulassen, sondern vollständig zu schließen, außerdem auch, trotz der Kürze der benötigten Zeit, Licht in Toiletteräumen während der Verdunkelung unbedingt zu vermeiden. Insbesondere ist es auch erforderlich, Mansardenzimmer unter allen Hrn- ständen dunkel zu halten, da gerade von diesen hochgelegenen Räumen aus selbst ein schwaches Licht weithin sichtbar ist.
Es wäre besonders für die hochgelegenen Fenster zu empfehlen, den zur Verdunkelung die- üenden Stoff oder das dunkle Papier von außen anzubringen, damit eine eventuelle Lichtreflexwirkung etwa von einem Licht des Flugzeugs aus unmöglich gemacht wird.
Um selbst diese kleinen Versäumnisse, die von den Bewohnern vielleicht als nicht sehr erheblich angesehen werden, die aber doch ganz außerordentlich bedeutsam, ja im Ernstfälle sogar verhängnisvoll werden können, nicht nur für den einzelnen, sondern für die Gesamtheit der Stadt, schon bei den Hebungen zu vermeiden, ist es ratsam, daß
jeder Luftschuhhauswart sofort beim Beginn der Verdunkelung durch eine Besichtigung seines Hauses von außen her sich davon überzeugt, daß alle Verdunkelungsmaßnahmen an seinem Hause sich in vollkommeiwr Ordnung befinden, daß auch nicht das kleinste Plätzchen ist, aus dem Licht hinausdringen kann in die dunkle Nacht.
Darauf müssen auch die Blockwarte ihre Aufmerksamkeit lenken, insbesondere müssen diese ferner darauf hinwirken, daß nicht etwa ein Motorradler oder Radfahrer, wie das gestern abend vorkam, mit beleuchtetem Fahrzeug in der verdunkelten Zone herumsährt. Nach dieser Richtung hin ist vor allem an die Fahrer selbst die dringende Forderung zu stellen, die größte Disziplin zu wahren dadurch, daß sie sich den Verdunkelungsmaßnahmen in jeder Hinsicht anschließen und nicht durch unzweckmäßiges Handeln den Sinn und Zweck der Maßnahme in Frage stellen.
Heber den technischen Verlauf der gestrigen Hebung ist kurz folgendes zu sagen: Punkt 21 Uhr erloschen in der Hebungszone mit einem Schlage sämtliche Straßenlampen. Die Häuser ragten als
finstere Blocks zum Himmel empor. Ueberall herrschte große Finsternis. Der Fährverkehr in den Straßen war nur schwach, ebenso auch der Fußgängerverkehr, da man in verständiger Weise der behördlichen Aufforderung, während der Verdunkelung von der Straße fernzubleiben, sich gefügt hatte. Die Polizei, unter deren Leitung die ganze Hebung durchgeführt wurde, hatte an allen Straßenkreuzungen Beamte stehen, die als Sicherungs- und Ueberwachungs- posten in vortrefflicher Weife ihren Dienst versahen. Die im Luftschutz leitenden Beamten der Polizei unternahmen, begleitet von den örtlichen Führern des Reichsluftschutzbundes, den Vertretern der Behörden, der öffentlichen Betriebe, der Presse usw. in bereitgestellten Polizeikraftwagen, die natürlich verdunkelt fuhren, eine Rundfahrt durch das Hebungsgebiet, das besichtigend zum Teil auch zu Fuß durchschritten wurde. Die Blockwarte und die Luftschutzhauswarte, kenntlich gemacht durch ihre Luftschutz-Armbinden, taten auf den Straßen bzw. vor ihren Häusern in umsichtiger Weise ihren Dienst. Sie konnten den leitenden Polizeibeamten gute Aufschlüsse geben und empfingen überall da, wo es sich als notwendig erwies, von den polizeilichen Leitern des Luftschutzes wertvolle Anregung. Auch aus dem Kreise der Besichtigungsgäste wurde bei der Besichtigung mancher wertvolle Vorschlag zur Sprache gebracht, der für die Folgezeit in geeigneter Weise zur geistigen Verarbeitung ins Auge gefaßt wird.
Eine kurze abschließende Besprechung, die die leitenden Beamten der Polizei mit den Männern des Luftschutzbundes und den übrigen Teilnehmern an der Besichtigung vereinigte, brachte die allgemeine Erkenntnis, daß der Verlauf der Hebung den mit Recht gehegten Erwartungen im großen und ganzen entsprochen hat, gewisse Vervollkommnungsmöglichkeiten noch vorhanden sind und aus- gefüllt werden müssen, vor allem aber die erfreuliche Wahrnehmung zu machen war, daß die Bevölkerung mit dem gebotenen Ernst und mit der erforderlichen Hingabe an der Sache mithilst zum wirksamen Schutz unserer Stadtgemeinschaft gegen Gefahren aus der Luft.
Schon in nächster Zeit wird eine weitere Hebung dieser Art folgen, die sich voraussichtlich auf die Innenstadt erstrecken wird. Den hierbei in Betracht kommenden Volksgenossen, darüber hinaus aber allen Familien in der ganzen Stadt, ist dringend zu empfehlen, die hier berichteten Erfahrungen und grundsätzlichen Erkenntnisse bei der gestrigen Hebung mit aller Sorgfalt zur Kenntnis zu- nehmen und ihre Verwirklichung bei den kommenden Hebungen mit peinlicher Sorgfalt zu beobachten.
Die Aufforderungen der Polizeibehörden für die nächste Hebung und für die anschließenden praktischen Proben in weiteren Stadtgegenden werden stets rechtzeitig an die Bevölkerung ergehen.
Oberheffen.
Canbfreis Gießen
u. Klein-Linden, 9. Sept. Der Schützenklub „Roland" führte an den drei letzten Sonntagen auf feinem Schießstand am Bergwald ein Kleinkaliberpreisschießen durch, das am verflossenen Sonntag abgeschlossen wurde. Geschossen wurde auf 50 Meter Entfernung, stehend freihändig. Jedem Schützen standen drei Schuß auf die Zwölfer-Ringscheibe zu. Die Preisverteilung am Sonntagabend im Vereinslokal „Turnerheim" hatte folgendes Ergebnis: 1. Preis mit 35 Ringen Heinrich Volk (Leihgestern), 2. mit 34 Ringen Karl Dem (Leihgestern), 3. mit 32 Ringen Eugen Velten (Leihgestern), 4. mit 31 Ringen Wilhelm Klein (Klein-Linden), 5. mit 31 Ringen Wilhelm Volkert (Klein-Linden), 6. mit 30 Ringen Wilhelm Müller (Klein-Linden), 7. mit 29 Ringen Konrad Keudel (Klein-Linden), 8. mit 29 Ringen Wilhelm Erle (Klein-Linden), 9. mit 29 Ringen Gottfried Bende- roth (Klein-Linden), 10. mit 28 Ringen Heinrich Mohr (Klein-Linden), 11. mit 28 Ringen Walter Müller (Klein-Linden), 12. mit 28 Ringen Adam Gießler (Klein-Linden), 13. mit 27 Ringen Johannes Volk (Klein-Linden), 14. mit 27 Ringen Fritz Speier (Klein-Linden), 15. mit 27 Ringen Rudolf Jung I. (Klein-Linden), 16. mit 27 Ringen Theo Schäfer (Leihgestern), 17. mit 27 Ringen Heinrich Weber (Klein-Linden), 18. mit 26 Ringen Heinrich Keudel (Klein-Linden) und 19. mit 26 Ringen Wilhelm Schmidt (Leihgestern).
£ Lollar, 10. Sept. Hafer Mitbürger Karl Krebast wird morgen 80 Jahre alt. Weit über 30 Jahre war er auf der Main-Weser-Hütte, zuletzt als Nachtwächter, beschäftigt. Herr K r e b a ft ist körperlich und geistig noch sehr rüstig und verrichtet noch alle Arbeiten.
I Lollar, 10. Sept. Der Angestellte bei Buderus Karl Meister und feine Ehefrau begehen am heutigen Donnerstag das Fest der silbernen Hochzeit.
<£ Reiskirchen, 10. Sept. Kaum ist die Grummeternte beendet, so ist die Db ft ernte in vollem Gange. Hauptsächlich werden zur Zeit Frühäpfel, Frühbirnen und Zwetschen geerntet. Täglich stehen große Wagenkolonnen an dem hiesigen Güterbahnhof, wo durch die Spar- und Darlehenskasse Zwetschen verladen werden. Der Zentner Zwetschen wird mit 5 RM. bezahlt. Es sind
nicht allein die Landwirte von Reiskirchen, die ihre Zwetschen zum Verladen bringen, sondern auch die aus der Umgegenb, wie Bersrod, Oppenrod, Lindenstruth, Burkhardsfelden und Hattenrod. — Am Dienstagmorgen wurden den Schulen von Lm- denftruth, Bersrod, Hattenrod, Burkhardsfelden und Reiskirchen wertvolle Lehrfilme gezeigt.
§ Harbach, 9. Sept. Das stürmische Wetter der vergangenen Tage hat auf unseren 0 b ft ■ bäum stücken beträchtlichen Schaden angerichtet. Es ist nicht nur viel Obst heruntergefallen, sondern es sind auch zahlreiche Aeste, die infolge des vorzüglichen Behangs überladen waren, abgebrochen. Der Schaden wirkt sich namentlich an den jungen Bäumen, die noch nicht genügend gestützt werden konnten, aus. Am Montag wurden die ersten Zwetschen verladen. Auswärtige Händler zahlten 5 RM. für den Zentner. — Durch das Regenwetter hat es bei der Grummeternte eine unwillkommene Pause gegeben. Der größte Teil der Ernte ist zwar geborgen, aber noch liegt hier und da der zweite Schnitt auf der Wiese, und es sind auch noch große Flächen zu mähen.
5 Steinbach, 10. Sept. Die hiesige E v a n g. Frauen Hilfe und der Evang. Frauenchor Steinbach machen am kommenden Sonntag ihren diesjährigen Ausflug. Mit zwei Poftautobussen geht die Fahrt lahnabwärts bis Weilburg, dann durch das Weiltal über Ufingen—Saalburg nach Bad Homburg. Die Heimfahrt geht über Friedberg—Butzbach—Lich.
* Lich, 9. Sevt. In dem Bericht über das Ergebnis des Aeyrenlefens der Schulkinder zugunsten des Winterhilfswerks bzw. der NSV. (vgl. Gieß. Anz. vom 8. Sept.) muß es richtig heißen, daß sich das Druschergebnis aus diesem Aehrensammelwerk auf siebenZent - ner Weizen beläuft. Mit dieser Beihilfe haben die Kinder dem Winterhilfswerk einen guten Dienst geleistet.
Kreis Friedberg.
- Butzbach, h. Sept. Seit Beginn dieser Woche ist der bekannte Wetterauer Ob st markt in der städtischen Reithalle wieder eröffnet. Die ersten Tage haben schon gezeigt, daß durch die Einrichtung des Marktes einem dringenden Bedürfnis Rechnung getragen wird. An den beiden ersten Tagen war
Unbekannte Fracht.
Roman von Zrank z.vrann.
37. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Nach dem Essen suchte sie das Telephonbuch durch. Vielleicht hatte Fred Lorenzen Fernsprecher im Hause, und sie konnte ihn noch am gleichen Abend sprechen? Sie hatte Glück, denn Falschverbindungen mit allen unliebsamen Erklärungen blieben ihr erspart; es gab keinen Fred Lorenzen im Telephonbuch. Sie sah sich noch einmal Hans Lorenzens Briefe an. Er hatte doch von dem Bruder Fred in Berlin geschrieben. Jawohl: Fred. Sie ließ sich das große Adreßbuch kommen. Lorenzen gab es viele. Fred Lorenzen war wieder nicht darunter. Ihr wurde ein bißchen Angst. Sollte sie die weite Reise vergeblich getan haben? War dieser Fred Lorenzen nicht aufzufinden?
Sie ließ sich mit dem Portier in ein längeres Gespräch ein. „Ich suche einen Herrn Fred Lorenzen", erklärte sie. „Er soll Maler sein, wissen Sie er zeichnet Reklamen. Aber ich kann seine Adresse nicht finden."
„Dann wird der Herr keine eigene Wohnung unterhalten, sondern in Untermiete wohnen."
„Wie kann man diese Adresse erfahren?"
„Bei der Polizei gegen eine Gebühr von 50 Pfennig. Ich lasse die Anschrift morgen für Sie feststellen. Sie wissen überhaupt keine Adresse, auch nicht eine frühere Wohnung?"
„Nein, gar nichts weiß ich als Fred Lorenzen, Berlin."
„Die Geburtsdaten demnach auch nicht?" Sie schüttelte den Kopf. Der Portier sagte: „Hoffentlich gibt es nicht zu viele Fred Lorenzen, Sie müssen sich sonst den richtigen heraussuchen."
Der Page stand daneben. „Es kann ja auch der Fred Lorenzen fein", sagte er, „der neulich überfahren wurde."
„Hieß der mit Vornamen wirklich Fred?"
„Ja. Er wohnte in meiner Nähe. Ich kannte ihn vom Sehen. Maler war er auch."
Mary Durham starrte den Jungen an. „Heberfahren. Wie sah er aus? Aber lassen Sie, das nützt nichts. Wissen Sie, ob er einen Bruder im Ausland, in England oder China besaß?"
„Nein, das weiß ich nicht. Aber Sie können das erfahren von der Wirtjn des Verunglückten. Sie heißt zufällig so ähnlich. Frau Lorenz. Die Adresse ist Kameruner Straße 102."
Mary Durham bekam einen Schreck. Ihr war, als habe sie den Straßennamen schon gehört ober auf einem Brief gesehen, ben Hans Lorenzen in Dundee geschrieben hatte. „Danke", sagte sie kurz. „Ich will dorthinsahren. Kann man das jetzt noch? Ich meine, wird die Frau Lorenz mich empfangen?"
„Der Gegend nach ist es eine einfache Frau", vermittelte der Portier. „Einfache Leute nehmen es mit ben Formen nicht so genau. Es ist fetzt gleich neun Hhr. Sie können es qetroft versuchen; mit einer Taxe finb Sie in zehn Minuten bort."
Die einfache Frau Lorenz nahm es bann auch wirklich mit ben Förmlichkeiten nicht so genau, wie ber redefreudige Portier geweissagt hatte. Sie empfing die junge Engländerin und hörte staunend, daß das Fräulein eigens aus Schottland gekom - men war, um Herrn Fred Lorenzen zu sprechen. Sie erklärte Mary, daß sie an die richtige Adresse geraten sei. Fred Lorenzen habe einen Bruder gehabt, der Arzt in Dundee gewesen war und jetzt zur See fahre. Es werde das Fräulein ja hoffentlich nicht so schrecklich erschüttern, zu hören, daß Fred Lorenzen ihr aber keine Auskunft mehr geben könne. Fred Lorenzen sei tot. Unb sie benutzte die Gelegenheit, die Geschichte des Unfatts noch einmal zu erzählen. Zweifelsohne mußte dabei auch bas eine und anbere Mal ber Name der Braut des Toten fallen, und am Ende der Rede erkundigte sich Mary Durham, wo Fräulein Antje Geltens wohne und ob Frau Lorenz glaube, daß Fräulein Dellens wisse, wo sich ber Bruber bes Toten, eben Hans Lorenzen zurzeit aufhalte.
„Das wirb sie wissen, Fräulein Durham, ganz sicher. Sie hat den letzten Brief aus China mitgenommen und wollte den Bruder vom Tode Fred Lorenzens benachrichtigen. Fahren Sie nur einmal zu ihr." Unb sie gab Mary Durham die Adresse Antjes in ber Friedrichstabt.
Antje war müde und wollte gerade zu Bett gehen, als ihre Wirtin noch einmal den Kopf zur Tür hereinsteckte und ihr zuwisperte, baß ba vor ber Tür ein Fräulein sei, eine gut angezogene junge Dame, die Antje trotz der späten Stunde noch zu sprechen wünsche. Sie heiße Mary Durham und sei aus England gekommen.
„Aus England, um mich zu sprechen? Das wird ein Irrtum sein, ich habe ben Namen noch nie gehört. Aber lassen Sie bie Dame hereinkommen, wenn sie sich schon ben Weg gemacht."
Es gibt Zuneigungen von Mensch zu Mensch, bie man nicht erklären kann. Sie müssen im Blut liegen, wie die instinktiven Abneigungen. Ehe eines ber beiben Mädchen den Mund aufgemacht hatte, wußten sie, daß sie einander sympathisch waren. Vielleicht machte das ber ähnliche Typ? Aber man sagt, gerade bie Gegensätze ziehen sich an.
Sie saßen sich gegenüber; bie immerhin breite Tischplatte trennte sie. Antje begriff rasch, wen sie vor sich hatte.
Mary Durham begann zu erzählen. Sie berichtete ohne Scheu. Ihre Liebe zu Hans Lorenzen, ihre Flucht nach Berlin, um von bem Bruber Freb hier Rat unb Hnterstützung zu erbitten, wie sie ben Geliebten suchen könne. Ihre grenzenlose Enttäuschung, ihre Bestürzung über Freb Lorenzens plötzlichen tragischen Tob.
Antje starrte auf bie Platte bes Tisches. Es lag keine Decke auf, bie Politur spiegelte ein bißchen. Sie sah selber, sie hatte schon roieber Tränen in ben Augen. „Sie werben Hans Lorenzen finden, Fräulein Durham", sagte sie leise. „Ich habe seine Adresse. Er hat an Fred geschrieben und Post nach Hongkong erbeten, an bas Deutsche Konsulat."
„Aber ber Dampfer ist gar nicht bis Hongkong gekommen, Fräulein Geltens!" unb sie berichtete, was sie von ihrem Vater erfahren hatte.
„Dann werden sich Hans Lorenzen und Rudolf Terbrügge und der andere — ich meine, sie werden sich doch die Post borthinschicken lassen, wo sie leben."
„Wenn sie leben!"
Antje schrak zusammen. „Glauben Sie, baß ba etwas geschehen sein kann."
„Das chinesische Kriegsschiff hat ben Dampfer verjagt unb bie Leute am Land beschossen. Niemand weiß, wer dabei ums Leben gekommen ist." Mary Durham sprang auf. Sie lief einmal rund um ben Tisch. „Entschuldigen Sie, aber ich halte das nicht aus."
Man kann nichts tun, nicht wahr? Das Abwarten ist schlimm. Wir wollen noch einmal schreiben. Vielleicht eingeschrieben? Ich habe kürzlich
einfache Briefe an Herrn Lorenzen unb Rudolf Terbrügge geschickt."
„Das bauert zu lange. Ich kann nicht acht Wochen warten, bis so ein Brief ankommt. Ich telegraphiere nach Hongkong."
„Aber wenn ber Dampfer nicht bis Hongkong fuhr... Welches wäre ber nächste Platz, wohin sie sich gemanbt haben konnten?"
„Sie haben recht. Womöglich sitzen sie im portugiesischen Macao. Wahrscheinlich sogar. Das ist neutrales Gebiet für sie. Ich werbe also nach Macao bepeschieren, nach Victoria unb auch nach Kanton. Ich werbe Belohnung aussetzen für ben Nachweis bes Verbleibens ber brei. Lieber Himmel, brei Europäer, brei erwachsene Männer können doch nicht verloren gehen wie Kinder, bie sich verlaufen haben!"
„China ist riesengroß."
„Seien Sie nicht kleingläubig, ich bitte Sie! Wir müssen sie mieberfinben."
„Unb bann?"
„Schicken wir ihnen Gelb, bamit sie wieder herüberkommen können."
„Wir fragen Sie, Fräulein Durham. Ich habe kein Geld. Aber Rudolf kann sicherlich sein väterliches Erbe antreten."
„Rudolf, wer ist Rudolf?" Sie sah Antje prüfend an.
„Rudolf Terbrügge, bas ist ber eine von ihnen. Ich kenne ihn gut. Er war mein Jugenbgespiele. Wir hatten uns verloren unb erst burch bie Post Ihres Verlobten hörten wir wieder voneinander."
„So", sagte Miß Mary Durham; sie war ein kluges Mädchen. Irgend etwas am Tonfall ober im Gesicht Antjes hatte sie stutzig gemacht. Sie stellte eine kleine Weile ihre eigenen Interessen zu' rück und erkundigte sich beiläufig: „Sie waren mit Freb Lorenzen verlobt?"
„Nein. Fred wollte es zwar gern, aber er kam nicht bazu."
„Sie haben ihn geliebt?"
Antje schwieg. Sie nagte an ihrer Unterlippe. Dann, ba bie Pause merkbar würbe, sagte sie beeilt: „Er war ein guter, lieber Mensch. Ich hatte ihn sehr gern."
Miß Mary fragte nichts mehr. Sie war Frau genug, um bereits völlig im Silbe zu sein.
(Fortsetzung folgt!)


