rtr. 152 Drittes Bfaft
Mittwoch, W.Zuni 1936
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Ukrainische Reisebilder.
Von unserem E.S.-Berichterstatter.
II.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Moskau, Ende Mai 1936.
Begegnung mit Stachanow.
9m Dorfrat von 9rmino empfängt man den Reisenden freundlich, nicht ohne eine gewisse neugierige Ehrerbietung, nachdem er sich als ausländischer Journalist ausgewiesen hat. Gewiß, man wird ihm behilflich sein, die Grube soll er besichtigen, die „kulturellen Errungenschaften" von Jr° mino sehen, mit Alexej Stachanow wird man ihn bekannt machen — vorausgesetzt, daß das Partei- komitee der Grube die Einwilligung dazu gibt. Mit dem Sekretär des Dorfrates zusammen werde ich also zum Vorsitzenden des Parteikomitees (Partkom) geschickt Dort ist der Empfang schon viel zurückhaltender. Immerhin, man hat Verständnis dafür, daß der Ausländer sich über die große „Volksbewegung", die den Namen Stachanows trägt, an der Stelle ihrer „Entstehung" unterrichten will. „Wir werden die Erlaubnis des Direktors unseres Trustes in Kadiewka (dem Rayonzentrum) einholen." Man telephoniert mit altertümlichem Telephon. „Ein ausländischer Journalist ist in Jrmino?" — „Ihr müßt ihm alles zeigen. Genossen, und ihn in jeder Weise unterstützen."
Der Vorstoß ist also geglückt. Als Mentor und Begleiter für den „Ausländer" wird der „Redakteur" der Grubenzeitung „Der Stachanowmann", der Genosse W., bestimmt. In dem Zimmerchen des „Grubendirektors", des Genossen Kaganowitsch, wo der Fremde den Genossen W. erwartet, geht es lebhaft zu. Kumpels gehen aus und ein, jeder kommt mit einer Bitte oder mit einer Klage. Dazwischen klingelt immer wieder das Telephon. Der eine verlangt eine Wohnung. „Mit Frau und Kindern wohne ich noch in der ,L>bschtscheshitije' (Gemeinschaftswohnung) und bin doch auch Stacha- nowez", der andere glaubt sich bei der Arbeitszuteilung benachteiligt, der dritte führt Klage über einen schlechten Preßlufthammer, mit dem er nicht mehr arbeiten könne.
In der Tür erscheint Alexej Stachanow. „Mach dich mit dem Ausländer bekannt, Aljoscha", ruft ihm der Grubenleiter zu, „er wird morgen mit euch einfahren." Zögernd reicht der „weltberühmte" Hauer dem Fremden die Hand, die schwarz von Kohlenstaub ist. Stachanow ist gerade ausgefahren und sieht noch aus wie ein Schornsteinfeger. „Schlecht wird gearbeitet auf der Strecke .Almas— Sapad', Genosse Kaganowitsch, wieder einmal haben sie dort die Normen nicht einmal geschafft", so wendet er sich gleich an den Grubenleiter und erörtert bann mit ihm allerhand technische Fragen. Der Fremde hat Zeit, sich Stachanow genauer zu betrachten. Nein, Alexej Grigorjewitsch hat nichts vom Volkshelden, vom stürmischen Schöpfer einer „Bewegung"! Er ist ein großer, überaus kräftiger, noch junger Mann. Aus dem kohlengeschwärzten Gesicht schauen ein Paar gutmütige, blaugraue Augen hervor. Sein Wesen ist rauh, primitiv. Ein einfacher Bergarbeiter, der allenfalls nur durch seine körperlichen Kräfte sich aus der großen Masse heraushebt.
Alexej Grigorjewitsch ist sicherlich ein sehr tüchtiger Hauer, spricht er von der Grube und von seiner Arbeit, so kann er sogar ganz beredt werden. Bei allen übrigen Themen ist er schweigsam und einsilbig. Seine Erfolge scheinen ihn ernst gemacht zu haben, wenn er auch den ganzen Rummel, der mit seinem Namen von der Sowjetpropaganda betrieben wird, kaum begreifen wird. Er bezeichnete sich — bei anderer Gelegenheit — mir gegenüber als „Malogramotnyj", das ist einer, ber nur mit Mühe lesen oder schreiben kann. Früher war Stachanow sehr lustig, trank gelegentlich tüchtig und setzte sich sogar mitunter dem Tadel der Grubenleitung aus, ein „Progulschtschik" (Schwänzer) zu sein. Insbesondere erzählte man viel von
seinem starken Hang zum schönen Geschlecht. Seit dem Sommer des vergangenen Jahres habe sich dann die Parteiorganisation der Grube, der „Par- torg" (Parteiorganisationsleiter) der Grube, Petrow, und der „Partorg" der Strecke „Nikanor Wostok", wo Stachanow arbeitete, Djukanow, seiner besonders angenommen. Inzwischen erscheint Genosse W., der dem Fremden die Sehenswürdigkeiten von Jrmino zeigen soll. Man verabschiedet sich. Stachanow zieht mit ab. „Endlich kann man sich unter öie Dusche stellen", meint er, und schüttelt dabei seine kräftigen Glieder.
Wie ist es um die „radikale Verbesserung der materiellen Lage der Arbeiter" in der „Heimat der Stachanowbewegung", dem „Donbaß", von der Stalin auf dem ersten Kongreß der Stachanowez im November 1935 zu künden wußte, in Wirklichkeit bestellt? Um diese Frage zu beantworten, bin ich nach dem Donbaß gereist. Diese Frage im Sinn, gehe ich mit dem Genossen W. durch die Siedlung Jrmino. Das heißt, wir gehen nicht, wir waten. Denn bei jedem Schritt sinkt man bis über die Knöchel in den Schmutz ein. Mein Begleiter tut wohl daran, die Führung zunächst mit den Errungenschaften, die die Zukunft bringen soll, zu beginnen. „Hier wird die Straßenbahn nach Kadiewka gebaut werden" ... „Hier ist die Asphaltierung dieser und jener Straße im Plan vorgesehen" •.. „Hier werden neue mehrstöckige Gemeinschaftswohnungen gebaut werden" ... aber zunächst ist von den künftigen Herrlichkeiten noch nichts zu sehen. Wir lenken unsere Schritte weiter zum „K l u b" Der „Klub" ist die frühere Dorfkirche. Verändert wurde an ihr nicht viel. Nur Stühle sind hereingestellt und die Bemalung übertüncht worden Den Glockenturm hat man abgerissen. Hier finden Versammlungen, „künstlerische Darbietungen" usw. statt. Der kleine Raum saßt nicht mehr als 300 Menschen. Hinter dem Klub befindet sich der „K u l t u r p a r k". Offensichtlich ist es der frühere Friedhof. Der „Kulturpark" weist nicht einmal Bäume auf, dagegen vereinzelte Bänke und zeichnet sich im übrigen der Jahreszeit entsprechend durch einen besonders tiefen Morast aus. Wir kommen oobei an einer größeren Lehmhütte, die die Aufschrift „Unioermag" (Universal-Magazin) trägt. Sie stellt das einzige Kaufhaus der 6000 bis 8000 Einwohner zählenden Siedlung dar (die genaue Einwohnerzahl wußte man auch auf dem Dorfrat nicht zu nennen). Gekauft wird dort im wesentlichen: Brot, Schnaps und Papirosy (Zigaretten). Ab und zu ein Hering, den der Käufer in ein winziges Stückchen Zeitungspapier gewickelt nach Haufe' trägt. Wurstwaren sind vorhanden, sind aber sichtlich in jenem Stadium, in dem dieses edle Erzeugnis sehr empfindlich auf die Geruchsnerven zu wirken vermag Frisches Fleisch jeder Art fehlt gänzlich. Die „Konfektionsabteilung" des „Univer- mag" besteht: aus mehreren Russenhemden zu 17 Rubeln das Stück, einem halben Dutzend Unterhosen zu 6 Rubeln, 3 Kindermänteln zu 60 bis 80 Rubeln das Stück und einem roten „Damenkleid" zu 163 Rubeln. Schuhe und Strümpfe fehlen gänzlich. Außer dem Univermag entdeckte ich in Jrmino noch zwei Verkaufsstellen für Brot, Milch und Schnaps. Dies muß für mehr als 6000 Menschen reichen. Ein neuer .Univermag" ist wiederum „im Bau"
Nach dem Essen besichtigen wir einzelne neuerbaute „Obschtscheshitijen" (Gemeinschaftswohnun- gen). In zweistöckigen Backsteinbäuschen sind je vier Wohnräume für je acht Menschen untergebracht. In jedem der Zimmer ist Bett an Bett gereiht, in der Mitte ist noch Platz für einen Tisch. Im ganzen Haus ist zum Beispiel kein Waschraum, nicht einmal eine Waschschüssel ober Wasserleitung zu entdecken ... Aber hier hat doch jeder sein eigenes Bett. Und „kulturvoll" wirken diese Wohnstätten allerdings im Vergleich zu den „alten Obscht- jcheshitijen". wo in einem Raum, Männlein und Weiblein und Kinder, in undefinierbarem Kunter-
bunt, oft 20 bis 30 Menschen durcheinander Hausen. Auch solche Katen gibt es in Jrmino noch in Hülle und Fülle, und an anderen Orten des Donbaß noch mehr.
Ich äußere noch den Wunsch, die Wohnstätten von einzelnen Arbeiterfamilien zu besichtigen. Mein Begleiter führt mich zuerst zum Hause Stachanows. Ein Zweifamilienbacksteinhäuschen jüngeren Datums, ein Schuppen, in dem die Kuh Alexej Gri- gorjewitschs untergebracht ist, zwei bis drei Ar Gartenland darum herum. Die eine Hälfte des Häuschens bewohnt Stachanow mit seiner Frau und seinem Töchterchen Klawa, die andere sein „Partorg", der schon genannte Djukanow. Frau Stachanow ist eine gesprächige, kleine Zigeunerin. Sie ist nicht wenig stolz auf die „Erfolge" ihres Mannes und schreibt sich selbst einen gebührenden Anteil daran zu. Drei Zimmerchen bewohnt die Familie, Auto und Chauffeur steht zu ihrer Verfügung, Radio und Telephon sind Selbstverständlichkeiten.
So bei Stachanow. Wie steht es aber bei den „anderen"? Mein Begleiter wird von einem kleinen barfüßigen Jungen in die „Typographie" abgeru- fen. Ich soll ihn dort abholen. Während ich langsam an den Häuschen vorbeigehe, kommt ein freundlicher Kumpel auf mich zu, mit dem ich gleich ins Gespräch komme. Er hat mich schon auf dem Grubengelände gesehen, und will eine ganze Reihe von Fragen beantwortet haben ... Wie lange die Kumpels in Deutschland arbeiten, wieviel sie verdienen, ob man die Arbeitslosen bei den Kapitalisten tat- tächlich verhungern lasse usw. usw. Andrej Nikiforowitsch ist ein parteiloser Arbeiter. Wir treten in sein Haus ein. Auch ein „Zweifamilienhaus". In jeder Hälfte zwei Zimmer und eine Küche. Und jede Hälfte, wie Andrej Nikiforowitsch zu erzählen weiß, von drei Familien bewohnt. Seine Familie besteht aus Frau und vier kleinen Kindern. Alle zusammen wohnen, essen, schlafen in der Küche. Die Kinder gehen barfuß und in Lumpen. Die bleiche, abgezehrte Frau sitzt auf einem Schemel und hat den Jüngsten an der Brust. Andrejs Frau stellt ihm das „Mittagessen" hin: Suppe, in der ein paar vereinzelte Kohlblätter schwimmen, und ein riesiges
Stück Brot. Mit offenen Mäulern sehen die vielk Kinder dem Vater beim Essen zu. Nach einer halben Stunde hab ich ein erschöpfendes Bild von der Lags der Familie. Andrej hat bis vor kurzem mit Frau und Kindern im „Gemeinschaftshaus" gelebt, jetzt haben sie sich beim Schwager in der Küche ein* genistet. Andrejs Verdienst beträgt monatlich 20V bis 220 Rubel, nach Abzug von obligatorischer An* leihe usw. bleiben ihm rund 180 Rubel. 40 Rubel verlangt der Schwager als Miete für die Küche. Bleiben 140 Rubel. Zwei bis drei Kilogramm Brot am Tage verbraucht die Familie mindestens, macht 90 Rubel im Monat. Mit den restlichen 50 Rubeln müssen alle Lebensrnittel außer Brot gekauft und alle Bedürfnisse der Familie außer Wohnung gedeckt werden. Die Frau Andrej sieht darauf, daß für die Kleinen wenigstens ein Liter Milch täglich gekauft wird. Das macht 30 Rubel im Monat. Es bleiben 20 Rubel. Dafür kann man in Jrmind kaufen: Zwei Kilogramm Fett oder ein Kilogramm Butter oder eine Mütze oder zwei Kinderhemdchen, wenn man die bekommt ... Stachanow ist einer, aber Andrejs gibt es Millionen und aber Millionen im Lande der „Diktatur des Proletariats".
Es muß auch solche Käuze geben.
Eine originelle Hosen-Sammlung hat ein Londoner Sonderling namens Fred Owlhouse im Laufe vieler Jahre zusammengebracht und will sie nun der Öffentlichkeit in einer Ausstellung zugänglich machen. Bei diesen Hosen handelt es sich, wie die Zeitschrift „Der Querschnitt" schreibt, durchweg um historische Stücke. Wenn ein berühmter Mann, ein Politiker, Gelehrter, Dichter ober Künstler starb, erschien der Sammler bei den Angehörigen des Verstorbenen und bat um eine Hose des Dahingegan- genen. Dieser Wunsch wurde ihm sehr oft erfüllt, und so erhielt er im Laufe der Zeit einen großen Bestand solcher alter Beinkleider von berühmten Toten. Jede Hose wurde mit einem Zettel versehen, der den Namen ihres früheren Besitzers trug. Dis Sammlung wurde bald so groß, daß ganze Zimmer mit großen Schränken dafür eingerichtet werden mußten.
Auszeichnung Leni Riefensiahls.
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Auf einem Empfangsabend in der italienischen Botschaft in Berlin erhielt Leni R i e f e n st a h l eine auf einem Marmorfuß ruhende Bronzeschale als Auszeichnung der italienischen Filmgesellschaft „Luce" für ihre Regieleistung in dem Parteitagfilm „Triumph des Willens". Von links nach rechts: Gräfin C i a n o, die Gattin des italienischen Außenministers und Tochter Mussolinis, Staatssekretär Funk, der italienische Botschafter Attolico, Leni Riefen stahl, Reichsminister Dr. Goebbels und der Präsident der Reichsfilmkammer Professor L e h n i ch. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
Nordland
Von Knut Hamsun
Jetzt ist es grün in allen Wäldern, dachte ich heute morgen, während ich mich ankleidete. Sieh, der Schnee schmilzt in den Bergen, in allen Ställen sieht bas Vieh unruhig und will hinaus, und in den Häusern der Menschen sind die Fenster weit geöffnet. Ich knöpfe mein Hemd auf, lasse mir den Wind entgegenwehen und fühle, wie ich im Innersten besessen werde von Unbänbigfeit und Begehren; oh, es ist ein Augenblick wie vor vielen Jahren, als ich jung war und stürmischer als jetzt. Vielleicht gibt es im Osten ober Westen von hier einen Wald, denke ich, wo ein Alter es ebensogut haben kann wie ein Junger, dorthin gehe ich!
Dort am Waldrand stehen Farnkraut und Eisenhut. Das Heidekraut blüht, und ich liebe seine (leinen Blumen. Dank, mein Gott, für jede Blüte des Heidekrautes, die ich gesehen habe; sie waren wie kleine Rosen auf meinem Weg, und ich meine vor Liebe zu ihnen. Irgendwo in der Nähe sind wilde Nelken, ich sehe sie nicht, aber ich nehme ihren Duft wahr.
Aber nun in den Stunden der Nacht haben sich plötzlich große, weiße Blumen im Wald entfaltet, ihre Narbe steht offen, sie atmen. Und zottige Dam- merungsfalter senken sich in ihre Blätter nieder und bringen die ganze Pflanze zum Beben. 3$ gehe von der einen zur anderen Blume, sie sind De- rauscht, und ich sehe, wie sie berauscht werden.
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Es war voller Frühling, ich fand Waldsterne und Schafgarbe auf der Wiese, und sowohl Buchfink^ als auch Meise waren gekommen, ich kannte alle Vogel. Bisweilen nahm ich zwei Vierundzwanzigschlllmg- stücke aus der Tasche und klimperte damit, bie Em- samkeit zu unterbrechen. Es begann nicht mehr Rocht zu werden, die Sonne tauchte ihre Scheibe kaum ins Meer hinab und kam dann wieder empor, rot, erneuert, als sei sie unten gewesen und hätte getrunken. Wie merkwürdig es mir ergehen konnte in diesen Nächten; kein Mensch würde es glauben. Saß Pan in einem Baum und sah auf mich her, wie ich mich anstellte? Und war fein Bauch offen, und war er so zusammengekrochen, daß er dasaß, als tränte er aus seinem ebenen Bauch? an das tat er nur, um zu schreien und mich im Auge zu behalten, und der ganze Baum erzitterte von seinem lautlosen Gelachter, wenn er sah daß alle meine Gedanken mit mir durchgingen. Es raschelte überall im Walde, Tiere schnüffelten, Vögel riefen einander, ihre Signale
erfüllten die Luft. Und es war bas Flugjahr des Maikäfers, fein Schwirren vermischte sich mit dem der Nachtschmetterlinge, es tönte wie Flüstern hin und Flüstern zurück rund umher im Walde. Wieviel war da zu hören!
Und manchmal sehe ich das Gras an, und das Gras sieht vielleicht mich wieder an; was wissen wir! Ich sehe auf ein einzelnes Grasblatt, es zittert vielleicht ein wenig, und dies, scheint mir, ist etwas. Ich denke bei mir selbst: hier steht nun dieses Grasblatt und zittert! Und ist es eine Kiefer, die ich ansehe, so hat sie vielleicht einen Ast der mir auch ein wenig über sich zu denken gibt. Aber manchmal treffe ich auch Menschen auf den Bergrücken, das kommt vor.
Mittags ruderte ich hinaus, ich landete auf einer kleinen Insel, einem Holm draußen vor dem Hafen. Da gab es lila Blumen mit langem Stengel, die mir bis zum Knie reichten, ich watete in sonderbaren Gewächsen, Himbeerbüschen, grobem Gras; es waren keine Tiere da, und Menschen waren wohl auch nicht dagewesen. Die See schäumte mild gegen die Insel und hüllte mich in einen Schleier von Sausen ein, weit oben bei den Eiderholmen schien und flogen alle Vögel der Küste. Aber das Meer umschloß mich nach allen Seiten wie eine Umarmung. Gesegnet sei das Leben und die Erde und der Himmel, gesegnet seien meine Feinde, ich will in dieser Stunde meinem schlimmsten Feinde gnädig sein und seinen Schuhriemen knüpfen
Es war still über der Erde, nur em mildes Sausen des Windes und ab und zu ein Dogellaut. Ich lag und sah auf die Aeste, die sacht im Luftzug wehten, der kleine Wind schaffte das Seine und trüg Blütenstaub von Zweig zu Zweig und füllte jebe unschulbige Narbe, der ganze Wald stand in Verzückung. Eine grüne Raupe, ein Spanner, wandert auf ihren Enden einem Zweig entlang, wandert unaufhörlich, als könnte sie nicht verweilen. Sie sieht fast nichts, obwohl sie Augen hat, oft stellt sie sich senkrecht empor und fühlt in die Luft, um auf etwas zu treffen; sie sieht aus wie ein Stuck grüner Faden, der mit langsamen Stichen dem Ast entlang einen Saum näht. Bis zum Abend ist sie vielleicht dorthin gekommen, wohin sie soll.
Immer still. Ich erhebe mich und gehe, setze mich und erhebe mich wieder. Es ist ungefähr vier Uhr; wenn es sechs Uhr wird, gehe ich heimzu und sehe, ob ich jemand treffe. Ich habe noch zwei Stunden, und ich bin schon etwas unruhig und bürste Heidekraut und Moos von meinen Kleidern. Ich kenne die Stellen, an denen ich vorbeikomme, Bäume und Steine stehen dort wie vorher in der Einsamkeit, das Laub raschelt unter meinen Füßen. Das ein
tönige Sausen und die bekannten Bäume und Steine sind zuviel für mich, ich werde von einer seltsamen Dankbarkeit erfüllt, alles läßt sich mit mir ein, vermischt sich mit mir, ich liebe alles.
Gpiegelchen der Liebe.
Von E. von Ungern-Gternberg
Mit ein wenig Phantasie kann man sich in einem Antiquitätenladen in eine Märchenwelt versetzt glauben, denn jeder Gegenstand kann eine Geschichte erzählen, die mit „es war einmal" beginnt. Man sieht eine Spange, ein altertümliches Halsband, einen Ring, bann benft man vielleicht an Frauen mit gepuberten Rokokofrisuren, an Männer in Kniehosen unb Schnallenschuhen mit einer golbenen Ta- batiere in ber Hanb. Man benft an Schäferspiele, an Gemälbe von Boucher unb Gainsborough, unb wie im Traum hort man auf einem Spinett bie Melobie eines Menuetts von Mozart erklingen. Der Hänbler hatte mir einen kleinen Hanbfpiegel in bie Hanb gebrückt. „Nehmen Sie ihn", ermunterte er meine Kauflust, „er kostet nur wenig Gelb, aber er wirb bem, ber ihn besitzt. Glück bringen", fügte er lächelnb hinzu. Auf ber Rückseite |inb einige französische Worte eingeritzt, sie sind freilich stark verwischt, aber Sie werben sie entziffern unb vielleicht ein galantes Geheimnis erfahren." Ich kaufte ben kleinen Spiegel, steckte ihn behutsam, als ob ich einen Schatz erworben hätte, in bie Tasche unb eilte nach Hause, um bie Inschrift zu lesen. Es war keine leichte Arbeit. Die Buchstaben waren kunstlos mit einer Nabel in bas weiche Metall geschrieben. Staub hatte bie Fläche mit einer bunflen Schicht bebeckt, unb ich konnte anfangs keinen Sinn erfassen. Dann las ich „je vais perdre cette fois la tete sans plaisir", „ich werbe biesmal meinen Kopf ohne Vergnügen verlieren . " unb weiter: „wenn Sie ben Ihren gerettet haben, bann suchen Sie in diesem Spiegel das Gesicht Ihrer Madeleine, die kein Mann je so meinen und lächeln sah, wie sie es in ihrer Einsamkeit vor diesem Spiegel getan hat. Er wird Ihnen verraten, daß ich am Tage und in der Nacht und jetzt vor dem Tode an Sie denke, weil ich Sie liebe." Darunter stand das Datum vom 8. Thermidor.
Sinnend blickte ich auf die blanke Fläche des Spiegels, und es wollte mir scheinen, daß ich dort nicht mein eigenes Gesicht sah, sondern daß mich zwei traurige Mädchenaugen anblickten, und daß der Mund mir irgend etwas Zärtliches sagen wollte. Ich sah in Gedanken, wie die Karre am 8. Thermidor über das holprige Pflaster von Pa
ris zur Guillotine fuhr, ich horte das rohe Fluchen der Nationalgarde. Im Wagen stand mit demselben in sich gekehrten Blick Madeleine, so wie sie vor mir im Spiegel erschien. Das Schicksal hatte ihr nicht den einen Tag Aufschub gegönnt, denn schon nm 9. rollten die Kopfe von Robespierre und seinen Schergen in den blutigen Korb. Der Terror ging zu Ende.
Behutsam faßte ich den Spiegel und versuchte mehr von seinen Geheimnissen zu erfahren. Unter dem Druck des Fingers öffnete sich ein kleines Geheimfach und darin lag, sorgfältig zusammengefaltet, ein mit vergilbter Tinte geschriebener Brief, mit dem Datum aus dem Jahre 1832. „Die Cholera fordert mehr Opfer", las ich, „als die Revolution. Jeder, auch dieser Chartres, ben bie Kanaille zum König gemacht hat, biefer Louis Philippe, fürchtet ben Tob. Auch ich fühle, baß ich sterben werbe. Wie so oft, fo nehme ich auch jetzt ben Spiegel in bie Hanb, ben mir vor vierzig Jahren meine kleine Mabeleine zum Abfchieb in bie Hanb brückte, als sie bie Henker zum Schaffott abführten. Ich würbe barin immer ihre Tränen, ihr Lachen unb Ihre Liebe sehen, hatte sie gesagt, und wenn ich hineinblickte, würbe ich ben Kuß spüren, ben sie für mich auf bas kalte Glas gebrückt hatte. Sie würbe auf bie Guillotine geschickt, weil sie versucht hatte, mich, ben Marquis von Rochefort, vor ben Fängen ber Mürber zu retten. Sie war bas liebenswerteste unter ben vielen Mäbchen, bie ich je gekannt habe, nicht nur, baß sie meine Jugend verschönte und durch ihre zarte Güte den Aufenthalt in der Conciergerie erträglich gestaltete, sie hat viel mehr für mich getan, sie hat mich vor dem Geiste Voltaires gerettet und hat mich wieder demütig zu meinem Heiland und Erlöser zurückgeführt. Ihr ganzes Wesen bestand aus Glauben, Lieben und Hoffen."
Eine kurze Nachschrift besagte: „Sollte dieser Spiegel nach meinem Tode verloren gehen und sollte ein Fremder das Geheimfach entdecken, so bitte ich, ihn eine Messe für Madeleine und für mich Sünder lesen zu lassen. Den Spiegel aber bitte ich ins Feuer zu legen, bis er verkohlt und geschmolzen ist. Einem Fremden sagen die Tränen und das Lächeln Madeleines nichts. Sie mögen, wenn sie an ber Fläche haften geblieben finb, in ein schöneres Jenseits entschweben." Ich habe bem Wunsch bes Marquis Folge geleistet. Ich stand in der Kirche, als der Priester die Messen las. Dann ging ich nach Hause und entzündete im Kamin ein Kohlenfeuer. Das Glas und das Metall schmolzen langsam dahin, und mit ihnen entschwand die Erinnerung an eine große Liebe.


