Nr. 59 Zweiter Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheben)
Dienstag, l0.März(9Zb
Abessiniens Todeskamps.
Don unserem römischen E.-Korrespondenten.
Rom, Anfang März.
„Das kriegerische Aethiopien in Agonie" — so überschreibt eine römische Zeitung ihren Leitartikel und auch in der übrigen Welt wird es nur wenige Zuschauer geben, die noch an eine für den Negus günstige Wendung in diesem Drama glauben. Ein Schicksalsdrama, eine jener unerbittlichen Tragödien, deren Ausgang schon vorher bestimmt scheint. Allerdings in diesem Falle nicht durch ein blindwütendes Verhängnis oder einen großen Zufall, sondern durch eine recht primitive Logik: die Macht des Stärkeren.
Sieht man nicht schon die Oper, Typ A i d a, im Anzug? Da ist der königliche Nebenbuhler des Löwen von Juda, der plötzlich im Gefängnis stirbt, da steht die „schwarze Pompadour" gegen die Kaiserin und — geht gleichfalls ins Reich der Schatten ein, man munkelt von Gift, und mittlerweile verbluten draußen die Scharen der tapferen Krieger. Sklaven, weiße Abenteurer, koptische Priester — ein bunter, stimmkräftiger Chor.
Oder man zieht ein modernes Schauspiel auf, mit mächtigen Oelmagnaten im Hintergrund der aktuellen Genfer Drehbühne, Botschafter kommen und gehen, Flugzeuge dröhnen und der weiße Mann kämpft, unverständlich für den schwarzen Erdteil, auf dem — Parkett, kaum daß einmal von ferne Schlachtenlärm vernehmbar wird. Denn die Mächtigen dieser Erde stellen die Probleme anders, als es ein braver Theaterhandwerker machen würde.
... Noch sprechen zwar die Kanonen in Abessinien, aber schon beschäftigt das geographische und geopolitische Schicksal des Landes die europäischen Kabinette mehr als das Los des Kaisers. D i e modernen Waffen haben den Sieg davongetragen über ein mutiges, freiheitsliebendes, aber rückständiges Volk, und Italien ist nicht gewillt, durch die Feder zu verlieren, was das Schwert erobert hat. Diesmal wird es sich nicht so schlapp an den grünen Tisch setzen, wie damals in Versailles. Ein 'Mussolini hält das Steuer in der Hand und je mehr man die Ansprüche, die er kraft seines militärischen Sieges erheben wird, zu beschneiden versucht, um so kritischer müßte die Lage in Europa werden. Es sieht jetzt so aus, als ob nicht der Kriegsanfang, sondern der Kriegsausgang die Dinge auf die Spitze treiben wolle. Schon sagen die Franzosen, das was England dem Duce n ich t verzeihen könne, sei der Erfolg; vielleicht, daß sie dabei etwas elegisch an Faschoda denken.
Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß der Völkerbund unter dem Druck Großbritanniens doch noch einen letzten Versuch zur Rettung der Unabhängigkeit Abessiniens machen werde. Würde er damit noch rechtzeitig kommen? Kann der Zusammenbruch des schwarzen Kaiserreiches verhütet werden? Von Rom aus gehen — und man ist hier über die militärische Lage gewiß nicht schlecht unterrichtet — liegt die verneinende Antwort nahe. Ras Desta, Ras Mulughieta, die Kasa und Sejum und Jmru, wo und wie immer sie sich zum Kampfe stellten, zerschmettert, die Führer selbst geflohen, die „elenden Ueberreste" ihrer Armeen in alle Winde zerstreut, von himmelverdunkelnden Flugzeugschwärmen unerbittlich zu Tode gejagt. Und überall steht das Volk auf, verflucht die Herren von gestern, knallt tri» Flüchtlinge ab und bringt ihre Waffen als Trophäen dem Sieger entgegen. Es ist hie Zivilisation selbst, die überlegene Kultur, sagen die Römer mit Stolz, die kraftvoll vorwärts- schreitet. Immer dieser cäsarische Unterton, das faschistische Leitmotiv kontrapunktistisch gebunden an die große Ueberlieferung. Es war wohlberechnet, daß am vierzigjährigen Gedenktag der nun gutgemachten Niederlage von Adua der Platz vor dem neuen Kapitol, die Piazza Venezia nicht wie üblich von huldigendem Volk wimmelte, sondern
vollgestopft war von Soldaten in kriegsmäßiger Ausrüstung...
War das nicht die lebendige Verkörperung jener Minerva oder Pallas Athena, die man schon vierhundert Jahre vor Adua auf dem Kapitol ausgrub und durch Hinzufügen der Waffenattribute zur Roma triumphans machte? So stand sie, viel zu klein für den michelangelesken Platz — Michelangelo selber dachte sich hier eine kolossale Zeus- statue — und schier beziehungslos auf dem Hügel, der nach Mussolini der heiligste sei nach Golgatha, stand ohne Bedeutung vor kopfschüttelnden Fremden, die landauf, landab nichts als ohnmächtige Kleinstaaterei sahen, Italien nur als geographischen Begriff werteten. Nun aber dröhnten die Glocken gemeinsam mit den donnernden Propellern und Mussolini brauchte wahrlich keine Worte zu machen, denn es sprachen die Taten.
Wer diesen Siegestag vom 1. März in Rom miterlebte, der versteht die Haltung Italiens, der glaubt nicht an den Tintenkrieg und schwächliche Kompromisse. Die eisernen Würfel sind gefallen. Rom wird den Frieden auf dem Schlachtfeld diktieren.
Wo sind nun die Propheten, die noch vor wenigen Monaten Abessinien als uneinnehmbar schilderten? Es hat sich gezeigt, daß jeder Widerstand mangelhaft bewaffneter Heereshaufen gegen die neuzeitliche Feuerwalze ein Unding ist, daß auch epischer Heldenmut todbereiter Männer vor den übermächtigen Bombengeschwadern zu einer recht nüchternen und ernsten Frage wird: Ist er bei einem solchen Mißverhältnis überhaupt berechtigt? Der Sieger selbst billigt den Abessiniern Heroismus zu, aber — angewandt, am falschen Ort.
NSG. Der Arbeitsdienst ist eine Gemeinschaft der Wirklichkeit, deren Glieder sich finden in lat und Leistung, in einer Gemeinschaft, deren eiserne Bindung nicht berechnender Verstand, sondern unerschütterlicher Glaube ist: der Glaube an die hohe Sendung des Führers, an die Kräfte, die aus der Tiefe des Volkes bringen und an die Kraftströme aus Blut und Boden, die uns formen und gestalten.
Der Mittelpunkt des Gemeinschaftslebens der jungen Arbeitsmänner ist die Arbeit geworden, der sie ihren ureigenen Sinn wiedergeben wollen, die sie der Gemeinschaft, dem Volk zu opfern willens sind. Gemeinschaftsgefühl und Arbeit sind die Kräfte, die das Leben dieser Jugend gestalten, die ihrem Willen zum Leben eine neue Richtung geben und sie in ihrem ganzen Sein bestimmen. Dienst und Freizeit stehen unter diesem alles bestimmenden Gesetz. Erfüllt vom Geiste dieser Wesenselemente verspürt der junge Mensch, der sich in starkem Selbstbewußtsein und frohem Stolz „Arbeitsmann" nennt, Tag für Tag und Stunde um Stunde das stärkende Erlebnis der selbstlosen Arbeit für die Gemeinschaft des Volkes und die festigende Bindung feiner Lagergemeinschaft.
Idee und Wirklichkeit der Lebensführung klingen im Erlebnis des Arbeitsdienstes ineinander und wirken deshalb stetig stärkend und fördernd auf den einzelnen. So stark und eigengesetzlich ist die wirkende und bildende Macht des selbsterzieherischen Lebens im Arbeitsdienst, daß sie auch in der schöpferischen Kraft der jungeü Arbeitsmänner zur sichtbaren Offenbarung drängt. Wir wissen, echte und wahre Kulturgestaltung ist Ausdruck innerer Haltung. Im Gemeinschaftsbewußtsein, in der Arbeit am Boden, in der Heimat, im Volk und in seiner bewußten Deutschheit wurzelt die innere Haltung des Arbeitsmannes und sein Wille zu neuer ßebensgeftaltung.
Soldatische Lebensform und bäuerlich-erdverbundene Lebenshaltung gestalten das Leben des Ar-
Was wird nun der Negus tun? Man erzählt, er fei kampfmüde, geheimnisvolle Geschichten laufen um. Bald soll er die Absicht haben, in ein Kloster zu gehen, bald die Koffer packen für die Flucht nach England, das Flugzeug stehe schon bereit. Die wenigsten Afrikakenner in Italien glauben noch daran, er werde den Tod in der Schlacht suchen. Letzter Ausweg: die Intervention Englands.
Noch vor weinigen Wochen hieß es, Italien trage sich mit dem Gedanken an eine „Verzweiflungsaktion", jetzt hat es den Anschein, als ob nur noch eine Verzweiflungsaktion des Völkerbunds die verlorene Partie des Negus retten könne. Könnte sie es wirklich? Das würde doch nichts anderes als ein Nachgeben Mussolinis bedeuten. Der hat den Duce in diesen harten und hart machenden Tagen des Sanktionskrieges nicht gesehen, der eine solche Rechnung ausmacht.
Und nüchtern betrachtet, war es bisher ein etwas komischer Wettlauf zwischen dem afrikanischen Krieg und dem Dölkerbundskrieg, wobei der Genfer immer zu spät kam. Wäre es die geheime Absicht Genfs gewesen, Mussolini stets den nötigen Vorsprung zu lassen, und das schon von Anfang an, also vom französisch-italienischen Januar-Abkommen ab, man hätte es nicht besser bewerkstelligen können. Wie trefflich konnte Rom das diplomatische Gerede bis zum Ende der Regenzeit benützen, wie gelegen kamen ihm seither die endlosen Erörterungen über die Oelsperre! Abessinien hat sich inzwischen verblutet. Und es wäre gefährlich, den italienischen Waffen jetzt noch, wo es zu spät ist, in den Arm zu fallen.
beitsdienstes, und deshalb ist es keine Zufälligkeit, wenn hier die gleichen Gesänge erklingen wie im Kampf für deutsches Land und deutsches Volk in der Not der Schützengräben. Hier wie da herrschen die gleichen Kräfte: Kampf, Heimaterde, Liebe und Sehnsucht zur Heimat.
Deshalb ist es auch nicht zufällig, wenn Wort und Weife des in seiner rhythmischen Wucht der Melodie und in seinen Worten so bodenverbundenen Bauernliedes in den Reihen des Arbeitsdienstes gefunden werden:
„Wir find die Männer vom Bauernstand Wir halten zur Heimat, zur Erde!" ...
Bäuerliches Sichbefcheiden, soldatische Lebensform und das neuerwacheride Gefühl stolzbewußten Ar- beitertums zwingen der Haus - und Wohnkultur des Arbeitsmannes den besonderen Stempel auf. Aus innerem Drang heraus lehnt der Arbeitsdienst und feine Männer das kalte steinerne, unpersönlich-fachliche Haus, die Kaserne, ab; man will keinen nüchternen Zweckbau, sondern ein H e i m. Alles Wesensfremde wird instinktiv abgelehnt; verachtet wird das Seichte, Sentimentale, das Kitschige und das Farblose. Die stark ausgeprägte neue Le
benshaltung verlangt neue Formen in Ausstattung und Schmuck.
Auffällig ist schon für jeden Beschauer das starke Vorherrschen des Spruchbandes im Schmuck. Der Spruch dient nicht der Verschönerung; den Männerbund der arbeitenden Jugend bindet die Idee und der Wille zur Verwirklichung, und diesem Ziel dient der Wandschmuck.
Aehnliches gilt von dem Bild schmuck in den Wohnräumen der Arbeitsdienstabteilungen. Für den Arbeitsmann gibt es keine Trennung zwischen Dienst und Ruhe, dazu ist die gemeinsame Aufgabe und das sich daraus ergebende Gemeinschaftsgefühl, dazu ist das Erleben der Natur und das bewußt gewordene Erlebnis der Seelenwerte schaffenden Arbeit zu groß. Natur und Arbeit ragen in den Lebensraum hinein, wirken auch in der
Ruhe nach und geben Anlaß zu neuer Formung und Gestaltung. Nur so läßt es sich erklären und berechtigt begründen, daß die Arbeitsmänner in ihren Räumen nicht von irgendwelchen Künstlern und Kunsthandwerkern geschaffene Schmuck- und Ausftattungsgegenstände anbringen wollen, sondern fei btt das Erleben der Arbeit und das Wirken der Natur nachgestalten und in diesen Bildern dann wieder auf sich selbst und die Gemeinschaft wirken lassen. Künstlerisch Vollendetes wird nie ober nur selten geschaffen werden können, weil diese Dinge in der Neuheit ihrer Empfindung, in der zwangsläufigen Wahl neuer Mittel und der Stärke des Erlebnisgehaltes eine Eigengesetzlichkeit beanspruchen und beanspruchen können.
Hier spielt sich etwas Aehnliches ab wie bei der Entwicklung der bäuerlichen Holzschnitzkunst oder des landschaftlich-stammesdedingten Trachtenwesens oder der bäuerlichen Hausratkultur. Die Zeit der winterlichen Arbeitsruhe und die der Dämmerung, die Zeit zwischen hell und dunkel sind Offenbarungsstunden bäuerlicher Gestalterkraft. In diesen Frei- und Ruhestunden entstand im Nachempfinden und Nachgestalten die bäuerliche Wohnkultur und Holzschnitzkunst; nicht Könner und Künstler waren es, sondern gesund, natürlich und ursprünglich empfindende Menschen, die durch Hebung unö Fleiß gesteigerte Handfertigkeit und durch Anerkennung und Lob der gleichempfindenden bäuerlichen Familien- und Dorfgemeinschaft erst die Möglichkeit des Formens und Schaffens gewannen. Deswegen fehlt bei dieser bäuerlichen Kultur auch künstlerische Manier und handwerkliche Spitzfindigkeit, ihre Stärke liegt eben schlechthin in der Urwüchsigkeit.
Wir glauben, daß so oder ähnlich auch der Weg der „A r b e i t s d i e n st k u l t u r" in eigenen Formen sein wird, weil hier wie da die gleichen Bedingungen, ähnliches Erleben und ähnliche Gestaltungselemente wirken — Erde, Natur, Mensch, Arbeit! Und die Wirklichkeit zeigt uns, daß gerade in den in der einsamsten Natur liegenden Lagern des Arbeitsdienstes am stärksten der Wille zu eigenem Formen offenbar wird und hier am ehesten stark ausgeprägte eigene Schöpfungen entstehen.
Dienst und Freizeit stehen im Leben des Ar- beisbienftes in einem starken, sinnbezogenen Zusammenhang, auch der F e i e r a b e n b ist in die Erziehungsaufgaben bes Arbeitsbienstes mit einbezogen. Der Feierabend soll das im Dienst und bei der Arbeit Erlebte bewußt werden lassen, soll in Spiel und Lied den entspannenden Ausgleich bilden und darüber hinaus in Arbeitsgemeinschaften Rüstzeug für die Erfüllung solcher staatspolitischen Aufgaben und Pflichten geben, die dem Arbeitsmann im Gemeinschaftsleben des Lagers zu Bewußtsein gebracht wird. Hier berühren und ergänzen sich Feierabendgestaltung und staatspolitischer Unterricht im Arbeitsdienst. Letzterem fällt die Aufgabe zu, bas Erlebnis der Gemeinschaft und der Arbeit bewußt zu machen und auf ihre großen Zusammenhänge und Beziehungen zu Volk und Staat hinzuweisen. Diese Ergänzung von staatspolitischem Unterricht und Feierabendgestaltung wird besonders augenfällig, wo ihre sichtbaren Ergebnisse vor der Oeffentlichkeit ausgebreitet sind: in Fest und Feier.
Der staatspolitische Unterricht vermittelt das Wissen um Sinn und Bedeutung der großen Gedenk- und Jahrestage des Volkes, die Feierabendgestaltung läßt das Wesen dieser Tage erlebnismäßig vertiefen und gestalten. Das ist das Geheimnis, das bei den Feiern des Arbeitsdienstes bei festlichen Anlässen den tiefen Eindruck vermittelt, das ist es, was bei dem großen Spiel von „Deutscher Not und Wende" am Tage der Verkündung des Wehrgesetzes am Volkstrauertag die Hörer zu wortloser Ergriffenheit mitriß, das ist es, was einen ausländischen Teilnehmer die Morgenfeier des Arbeitsdienstes auf dem letzten Parteitag als „Gottesdeinst der Arbeit" erleben ließ.
Wir wissen, daß Kultur und Wille zu neuer Kul- turgeftaltung sich nicht befehlen lassen, wir glauben
Reichsarbeitsdienst und Kulturgestaltung.
Eigenschöpferische Kräfte neuer Gemeinschaft.
Abessinische Mahlzeiten.
von unserem v. B.-Miiarbeiier.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Dschibuti, im Februar 1936.
Ein Koranspruch sagt: Behandle den Fremdling gastlich, und sei er auch ein Ungläubiger. Reist man durch das Morgenland, so findet man die echte, natürliche Gastfreundschaft dort am ehesten, wo man von den großen Häfen, den O-Zug-Statio- nen und Luxushotels am weitesten entfernt ist. Die fremde Tünche verdirbt so leicht den guten Kern der Seele der Eingeborenen. In den Wüstenzelten und Berghütten wird man den Wanderer immer einlaben, am bescheidensten Mahle teilzunehmen, wenigstens der Form halber. Während des Krieges, der vor zehn Jahren um die Herrschaft über die Heiliben Stätten in Arabien entbrannt war, besuchte uh einen jemenitischen Offizier im Schützengraben vor den Mauern der belagerten Stadt Dschidda. Er wollte selbst an dieser gefährdeten Stelle einen Festhammel schlachten und wählte in liebenswürdigem llebereifer die Worte: „Kommt Ihr aber in meine Heimat, in die Berge des südlichen, glücklichen Arabiens, dann schlachte ich Euch, so Allah will, meinen eigenen Sohn!"
Gut gemeint wie solche Worte, aber nicht ebenso leicht genießbar ist oft, was einem aus einheimischen Küchentöpfen da angeboten wird, und ablehnen hieße vielleicht, den Gastgeber schwer kränken. Also würgt man anfangs mutig die verlorenen Spiegeleier, die ein Beduinenscheich aus der Brühe von duftendem, warmen Hammelfett fischt, hinunter. Aus nie gewaschenen Gläsern, deren Jnnen- und Außenseiten eine Sammlung von Fingerabdrücken bewahren, schlürft man über den Daumen hinweg ein trübes, laues Wasser. Ist die europäische Bazillenfurcht aber noch stärker als der orientalische Fatalismus, dann beschränkt man sich auf Gier, Melonen, Bananen und sonstige Schalenfruchte, auf deren Inhalt die Umgebung beim besten Willen nicht hat abfärben können.
In Abessinien hat sich der Brauch erhalten daß Beamte, Soldaten und auch Fremde, die abseits der Eisenbahn durchs Land reisen, von der Regie- rung mit einer Anweisung versehen werden, auf daß die Bevölkerung sie unterwegs mit Nahrung und Wohnung versorge. Heute sind wohl alle Europäer mit guten Konservenvorräten ausgerüstet, wenn sie nicht ihren eigenen Koch mitnehmem Aber wenigstens aus Neugierde probiert man doch gern einmal von der Kost der andern. Da die meisten abessinischen Volksstämme wandernde Hirten sind, spielt die Milch eine Hauptrolle im täglichen Speisezettel. Sie wird wegen Mangels an Flaschen in
selbstverfertigte lederne Beutel nach Art der Wasser-1 schläuche gefüllt. Man läßt es sich auch gefallen, | daß die Beutel vorher über dem Qualm eines Hüttenfeuers gründlich geräuchert wurden, das gibt der Milch einen herbwürzigen Beigeschmack, doch fördert es unseren Appetit weniger, wenn der Trank durch eine Beimischung des landesüblichen Haarwassers haltbar gegen die Hitze gemacht wird. Denn diese Flüssigkeit ist das, was die Haustiere nicht mehr nötig hatten.
Die Butter weicht gleichfalls von unseren Vorstellungen ab. Sie stammt von Zeburindern, Büffeln, Kamelen, Ziegen^der Schafen und macht oft in ledernen Behältern wochenlange Karawanenreisen durch, ehe sie die danach begierigen Kunden erreicht. In der dauernden Glut der Niederungen, also in den Somali- und Dankaligebieten, befindet sie sich immer nur in öligem Zustand. Nur teilweise wird sie verzehrt, die meiste Butter hingegen dient als Salbmittel. Schon die neugeborenen Kinder werden einmal zur Gewöhnung in dieser Butter gebadet. Die Somalifrauen schütten das wertvolle Fett in ihre Kraushaare und reiben sich dann den ganzen Körper damit ein, vermutlich zum Schutz gegen klein- Insekten oder gegen die Sonnenstrahlen. Die paar Lappen, die die Bekleidung darstellen, pflegen auch butterdurchtränkt zu fein. Bei durchschnittlich 40 Grad im Schatten strömt so eine bronzefarbene Venus dann weithin einen Geruch aus, daß ein Fremder das Weite sucht. Butterreste helfen somit die Tugend zu schützen.
Abessinien ist wirklich ein Land, in dem Milch, Butter und Honig „fließt". Auch der Honig ist ein wahres Volksnahrungsmittel, Bienenstöcke finden sich in den Dörfern und wild vorkommend in den Wäldern. Es heißt, daß die Eingeborenen von dem Honigkuckuck zu den in Baumstämmen versteckten Waben hingelockt werden. Schon Reifende früherer Zeit und Brehm, der jahrelang die Tierwelt im Sudan und Abessinien erforschte, wissen zu erzählen, daß Abessinier wie auch Negerstämme und Hottentotten in Südwest sich durch die aufgeregten Schreie des Vogels zu den Stellen leiten lassen, wo es Honig gäbe, und daß der Honigkuckuck dann wie ein Jagdfalke seinen Beuteanteil abkriege. Erlebt haben wohl wenige solche Aufspürung. Läßt man den Honig mit Wasser und den Blättern des Geschostrauches gären, so entsteht ein dem alten germanischen Met ähnliches Getränk, Tetsch genannt, Freudenquell der abessinischen Zecher, wichtigster Stoff für kleine und große Feste. Ein Trinkhorn voll Tetsch ist der Willkommenstrunk für geehrte Gäste. Er mundet auch den Fremden gewöhnlich gut. Wer für noch schärfere Tropfen ist, kann einen aus Tetsch destillierten Schnaps, Ar- raki, genießen. Für die Amharen des Hochlandes,
die koptische Christen sind, gilt ja nicht das Trinkverbot des Propheten Mohammed. So sind denn in Addis Abeba und anderwärts massenhaft luftige Tetschkneipen entstanden, meist einfache Hütten mit einem Dach aus Zweigen oder Wellblech. Ihr Aushängeschild ist ein mehr oder weniger weißer Lappen mit dem Zeichen des Roten Kreuzes. Das bedeutet hier farbige Damenbedienung.
Bei besonderen Anlässen dehnt sich der Umtrunk zur beliebten „Phantasie" aus, wenn Jäger einen Löwen oder Elefanten erlegt haben, wenn eine Razzia unternommen werden soll oder geglückt ist, wenn gehochzeitet oder der Teufel ausgetrieben wird. Dann dröhnen oft drei Tage und Nächte hindurch die Trommeln, krachen Schüsse in die Luft — was nun verboten ist —, bringt Gekreisch in die Nachbarschaft. Die Frauen schrillen ihr „i-lilii-liliih!", die Männer tanzen im Kreise mit erhobenen Waffen und zischen aufgeregt „sch-sch" und „ßuß-ßuß", Sänger verkünden Heldenlieder zur Laute. Und zwischendurch rinnt der süße, berauschende Tetsch durch die Kehlen. Will der Gastgeber es billiger darstellen, so begnügt man sich mit einem Bier aus gebrannter Gerste, Talla. Im Tieflande liefern die Dum-Palmen einen Saft, der in Krügen gärt und schäumt und Männer und Weiber in wilde Ekstase versetzt. Afrikanische Orgien ...
Im Alltagsleben ist der Abessinier ein mäßiger Vegetarier. Auf Kriegszügen kommt er mit einer Handvoll gerösteter Erbsen am Tage aus. Aus Durra, Mais oder Korn, das bei der primitiven Feldbestellung nur dürftige Erträge brinat, backen die Frauen ober Sklavinen bünne, weiche, runbe Brotflaben, bie wie graue, ausgewalzte Eierkuchen aussehen. Sie heißen „indschera" unb werben im georbneten Haushalt in Körben aus buntem Strohgeflecht ober in ben Schilben aufbewahrt, bie sonst zur Rüstung bes Hauherrn gehören.
Für bie Kinber bedeutet ein Stück Zucker den höchsten Genuß. An der Bahn und in der Haupt- stabt laufen sie hinter bem Fremben her unb rufen: „Geta, abate Bukkar!", Herr, gebt Zucker! Schokolabe jedoch nrirb mißtrauisch betrachtet unb verschmäht. „Wat be Bur nich kennt, bat frät hei nid)", gilt wohl überall. Uns geht es roieberum so bei ben abessinischen Fleischgerichten. Großes Ereignis: wenn ein Rind geschlachtet wirb, gibt es ein Schauspiel eines Stierkampfes. Ein Mann zerrt es an einem Strick, ber um bie Hörner gelegt ist, ber Gehilfe bremst mit einem anberen Strick ums Hinterbein, sobald der Stier den Vordermann angreifen will; das Publikum brüllt Befchörunqs- formeln, um bas Tier, bas stürzt, roieber auf die Beine zu bringen: „Menelik imut!" Die Geister bes alten Negus sollen helfen.
Die Schlachtung geschieht streng rituell. Kaum ist bas Fell abgezogen, da stürzen sich schon bie Gäste heran unb säbeln sich mit ihren eigenen zweischneidigen Sichelmessern einen Happen aus bem ganz blutfrischen Tierkörper heraus. Es wirb auf ber Stelle schmatzend verschlungen, soviel es gibt. Aber bazu gehört bie richtige Pfeffersoße, wie in Ungarn ber Paprika. Die roten Psefferschoten ober Serben werden zerstoßen unb zu einer scharfen Tunke, Wott benannt, verrührt, bie bem ungewohnten Gaumen zu brennen scheint wie manche inbischen Gerichte, schärfer als hochprozentiger Rachenputzer. Unsere milben Speisen blinken bie Abessinier fabe, unser zubereitetes Fleisch wie eine Mahlzeit für — Hyänen! Doch haben wir bafür auch nicht mit ben Würmern zu tun, die vom rohen Fleischgenuß nachbleiben. Allmonatlich machen bie besser lebenben Abessinier bei ihrem Mebizinmann eine Pferdekur durch mit einem Tränklein aus ben Blüten bes Kussobaumes.
Schafe unb Ziegen werben unter weniger feierlichen Formen verspeist. Aus Hühnern verstehen sie sogar eine Art Wiener Backhänbl zu bereiten. Streng verboten ist aber auch bei ben Christen bas Schweinefleisch, ber Hase, Krebse unb Schildkröten! Ich erinnere mich, mit welchem Entsetzen ein abessinischer Würbenträger einmal nachträglich erfuhr, baß er in Europa ahnungslos von einer Schild- krötensuppe gegessen hatte. Niemals auch bürste ein Abessinier irgenbein Fleisch anrühren, bas nicht jemanb von seiner Religion geschlachtet hätte. Im Zweifel hungert er lieber.
Am liebsten nimmt er alle Nahrung heimlich zu sich, benn eine abergläubische Vorstellung läßt ihn fürchten, baß feinbliche Menschen mit bem bösen Blick ihm ben Bissen vergiften konnten. Darum spannt man um hohe Personen einen Vorhang, ber noch sicherer schützt als Amulette. Bei Reisen in mittelasiatischen, mobammebanischen Gegenben würbe mein Platz in Wirtshäusern auch öfters mit Tüchern verhängt, bamit ich nicht mit ben wahren Bekennern bes Islams in einem Raume säße. Den Abessiniern gilt es aber auch als Ruhm, möglichst zahlreiche Gäste zu bewirten. Oft wirb in mehreren Schichten hintereinanber gegessen, und in die übriggebliebenen Reste teilt sich die Schar der herumstehenden Sklaven und Kinder. Von meinem ersten echt abessinischen Festmahl, bei der mir ber gütige Gastgeber sorgsam gewickelte Brotlappen mit gepfeffertem Gulasch in den Mund steckte, erholte ich mich erst nach fünf Tagen. Wer aber fünf Jahre in abessinischer Umgebung verbringt, beruhigte man mich, braucht rohes Fleisck), Serben und Tetsch wie die liebe Sonne zum vollkommenen Lebensgenuß.


