Nr. 34 Erster Blatt
186. Jahrgang
Montag, 10. Zebruar 1936
Erscheint täglich, nutzer Sonntags und Feiertags Beilagen: Die Illustrierte Gießener Familienblätter Heimat im Bild - Die Scholle
Monats-Bezugspreis:
Mit 4 Beilagen RM.1.95 Ohne Illustrierte , 1.80 Zustellgebühr.. „ -.25 Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewatt
Zernsprechanschlüffe
unter Sammelnummer 2251 Anschrift für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen
Postscheckkonto:
Zrantfurt am Main 11686
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Druck und Verlag: vrühl'sche Untverfitats-Vuch- und Zteindruckerei R. Lange in Gietzen. Zchristlettung und Geschäftsstelle: schulftrahe 7
Annahme von Anzeigen für die Mittagsnummer bis 8*/,Uhr des Vormittags
Grundpreise für 1 mm höh« für Anzeigen von 22 mm Breite 7 Rpf., für Text- anzeigen von 70 mm Breite 50Rpf.,Plahvorschrift nach vorh.Dereinbg.25°/a mehr.
Lrmätzigte Grundpreise:
Stellen-, Vereins-, gemeinnützige Anzeigen sowie einspaltige Gelegenheitsanzeigen 5 Rpf., Familienanzeigen, Bäder-, Unterrichts- u. behördliche Anzeigen6Rpf. Mengenabschlüsse Staffel B
Das zweite Kriegsjahr.
Don unserem römischen E.-Korrespondenten.
Rom, im Februar.
Unmittelbar nach den politischen Vorbereitungen, die der Sicherung der diplomatischen Etappe dienen sollten und mit dem italienisch- französischen Januar-Abkommen scheinbar einen vollen Erfolg erzielten, begann der militärische Aufmarsch in Ostafrika: im Februar vorigen Jahres. Damit gehört das erste Kriegsjahr der Geschichte an. Es trägt durchaus modernen Charakter, es verzeichnet weder Ultimatum, noch Kriegserklärung, es sieht genau so aus wie das erste Jahr des japanischen Vormarsches in China. Auf die militärische Etikette wird so wenig gegeben wie auf den Knigge der Genfer Gesellschaft; wenn Japan in China nur „Ordnung schafft", so bringt Italien nach Abessinien die Zivilisation, baut Brücken und Straßen, erschließt Quellen und Handelsmärkte. Die Randpromnzen des Negus unterwerfen sich freiwillig wie Manschukuo und Jehol. Nur wo den wohlmeinenden Siegern Widerstand geleistet wird, rasen die Bombenflieger und rattern die Maschinengewehre.
Ein Unterschied aber ist nicht zu verkennen und schürt begreiflicherweise die Erbitterung in Italien: Der Völkerbund behandelt beide „Angreifer" durchaus verschieden, obwohl es sich hier wie dort um ordentliche Mitglieder der eigenartigen Vereinigung handelt. Damit kommt eine Unbekannte in die Gleichung, und es wird fraglich, ob auch das zweite Kriegsjahr so verlaufen werde wie jenes im Fernen Osten.
Schon militärisch ergibt sich heute ein Bild, das wesentlich von den prophetischen Schilderungen vieler Politiker und Strategen abweicht. Vor einem Jahre um diese Zeit galt „die Festung Abessinien uneinnehmbar", man sprach von tier afrikanischen Schweiz, von himmelhohen, weg- und steglosen Gebirgen, in denen der italienische Vorrttarscy rettungslos steckenbleiben müsse. Jetzt, nach dem Durchbruch Grazianis, entdeckt man auf einmal die „S e e n - l i n i e", die sich über Abai-, Schala- und Suaisee bis nach Addis Abeba hinzieht und General Gra- ziani erlauben dürfte, von Negelli aus, dem vorgeschobensten Posten, der bereits auf halbem Wege liege, bis zur feindlichen Hauptstadt vorzustoßen. Ebenso gilt das Abschneiden der einzigen Bahnlinie nicht mehr für unmöglich, ja, es heißt, daß mit der Einnahme von Harrar der ganze Feldzug praktisch entschieden wäre.
Auch Wassermangel und Regenzeit bedrohten — wie im vorigen Jahre — das italienische Heer bis zur Aussichtslosigkeit. Jetzt erfahren wir auf einmal, daß Badoglio der trockenen, wie der nassen Teufel Herr zu werden vermag. Wasser berge der Boden zum Erstaunen der Abessinier selber im Ueberfluß und gegen den feindlichen „General Regenzeit" biete Mussolini ein neues Heer von Arbeitern auf, fünfzigtausend Mann. Damit sei der Beweis erbracht, daß erstens während des Sommers kein Skilift an b in den Operationen eintreten werde, und zweitens, daß der Duce mit einem zweiten Winterfeldzug rechne. Nebenbei ergäbe sich daraus drittens, daß der Krieg mit oder ohne Oel- sperre weitergehen wird, ohne oder gegen den Völkerbund.
Wie denkt man nun wirklich in Rom? Was erwartet man sich vom zweiten Kriegsjahr? Wie beurteilt man die Entwicklung der Dinge? Dazu darf festgestellt werden, daß niemand, auch der Duce nicht, jene Gleichung lösen zu wollen sich erkühnt, eben wegen der Unbekannten. Niemand will ein Prophet, „nicht einmal der Sohn eines Propheten sein". Im fernen Osten ist das anders, Japan weiß genau, wie weit es gehen kann: nämlich so weit es will. Ueber Italien aber liegt der Schatten des gefährlicheren Sanktionskrieges. Wer vermöchte zu sagen, nur zu ahnen, wie weit England einzugreisen entschlossen ist? Welch ein Rattenkönig von internationalen Verwicklungen ist denkbar! Alle Möglichkeiten stehen offen. Erwägt man aber auch nur die naheliegenden, so ergibt sich eine Reihe von Lösungsaussichten:
1. Es ist möglich, um nicht zu sagen wahrscheinlich, daß es noch vor dem Beginn der Regenzeit, das heißt also bis zum April, zu entscheidenden militärischen Erfolgen auf dem Schlachtfeld kommt, die den Hauptplan des Negus, den Krieg hinzuhalten, bis die Regenzeit einen Waffenstillstand herbeiführt, vereiteln würden. In diesem Falle müßte der Kaiser unmittelbar mit dem Sieger verhandeln, statt auf dem Umweg über Genf.
2. Der Plan des Feindes gelingt. Dann bleibt nichts anderes übrig, als den Feldzug so zu führen wie im ersten Kriegsjahr Das heißt, der Vormarsch erfolgt im gleichen Rhythmus, rote die Arbeiterarmee bie Straßen vortreibt und der Nachschub gesichert werden kann. Keinesfalls wird das Heer in die Falle gehen, sich einem Moskau aussetzen und im Sumps ersticken. Das zu verhüten, erging eben der Befehl des Duce: Arbeiter an die Front! (Von den angeblichen Meutereien der Frontarbeiter hat mir keiner der zurückgekehrten Khakikrieger etwas zu erzählen gewußt; wohl aber erfährt man auf Schritt und Tritt, daß diese wackeren Arbeiter ihr ganzes erspartes Geld in die Heimat schicken, wie man es von den italienischen Auswandeern gewohnt ist.)
3. Unter allen Umständen kommt es wahrend der Regenzeit zu einer Verlangsamung der militärischen Handlung und diese halbe Pause kann nicht besser als durch Friedensv erhandl u n- gen mit den Protektoren Abessiniens ausgenutzt werden Italien ist dazu bereit, sofern die Verhandlungen auf der Grundloge seiner Mindestforderungen einsetzen. Die Friedensbedingungen des Negus,
Frankreichs Pakt mit Moskau.
Gcharfe Kritik gegen -en Einfluß -es Bolschewismus auf -ie innere Politik Frankreichs.
Paris, 10. Febr. (DNB. Funkspr.) Aus Anlaß der bevorstehenden Kammerberatung über die Ratifizierung des französisch-sowjetrussischen Paktes versucht das Sowjetrußland freundliche „O e u o r e", um der Gegenpropaganda der Rechten den Wind aus den Segeln zu nehmen, nachzuweisen, daß Sorojetrußland gar nicht um eine Anleihe in Frankreich nachgesucht habe. Wohl ober hätten private französische Firmen einen Kredit von 800 Millionen Franken vorgeschlagen, um den Geschäftsverkehr zwischen beiden Ländern zu beheben. Dieser Kredit sollte aber nur unter dem Vorbehalt einer Regierungsgarantte gegeben werden. Bis zur Stunde sei die Regierungsbürgschast noch nicht erteilt worden.
Der Jnnenpolitiker des „Echo de Paris" erklärt, nicht, weil Rußland kommunistisch sei, seien er und seine Freunde heute gegen bas Bündnis mit Sowjetrußland, sondern weil es die Absicht hege, sein inneres Regime in Frankreich einzuführen, und weil es unmittelbaren Einfluß auf das politische Leben Frankreichs nehmen wolle. So hätten Litwinow und Potemkin in Frankreich die Volksfront gegründet.
Da man nicht gleichzeitig gegen die Kommunisten, die ein wesentlicher Bestandteil der Volksfront seien, kämpfen und sich für die Freundschaft mit Stalin erklären könnte, müsse der Kampf gegen den sowjetistischen Einfluß geführt werden. „Le Jour", der gegen Sowjetrußland zu Felde zieht, weil es seine Vorkriegsschulden nicht bezahle, erklärt, niemals habe Sowjetrußland behauptet, daß es nicht zahlen könne. Es wolle eben nicht zahlen, dabei habe Stalin stolz erklärt, Sowjetrußland sei das reichste Land der Welt. Das Blatt beschwert sich bitter darüber, daß die Sowjetrussen ihre Zersetzungsarbeit in Frankreich und in Algier auch nach dem zwischen Paris und Moskau erzielten Einverständnis fortgesetzt hätten. Die Meutereien in Brest und Toulon hätten gezeigt, wie ungeniert die sowjetrussischen Agenten auf französischem Boden arbeiteten und wie sie, mit den notwendigen Geldmitteln ausgerüstet, genau ausgearbeitete Pläne f ü r den Bürgerkrieg lieferten, in dessen Taktik Moskau eine besondere Erfahrung habe.
Auf einer Versammlung der Nationalen Frontkämpfervereinigung (UNC) sprach Auch der Vorsitzende dieses Verbandes, Jean G o y, sehr ablehnend über den französisch-russischen Pakt. Dieser Pakt wäre annehmbar, wenn er einen Teil von einer Gesamtheit von Verträgen darstellte, die mit allen interessierten Mächten abgeschlossen seien. Es sei aber ein schwerer Fehler, aus ihm einen allein st ehenden Pakt machen zu wollen. Die Kreise, die die Gefahren des in diesem Pakt enthaltenen automatischen B e i- st a n d e s erkannt hätten, mehrten sich immer mehr, es könne auch nicht geleugnet werden, daß der Pakt eine deutsch-französische Entspannung unmöglich mache.
Immer wieder Kollektivismus
London, 10. Febr. (DNB. Funkspr.) „Daily Telegraph" meint, die Pariser Besprechungen hätten zur Erhöhung der Sicherheit in Mitteleuropa beigetragen. Eine Vertiefung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Donauländern stelle eine wesentliche Voraussetzung zur Förderung der freundschaftlichen Verständigung in Mitteleuropa dar. Vor allem Oesterreich, dessen Unabhängigkeit ein Angelpunkt der europäischen Politik sei, müsse eine wirtschaftliche Lebensgrundlage gegeben werden. Der Verzicht Wiens auf feine Revi- sionsansprüche und die Zurückstellung des Gedankens an eine Restauration der Habsburger werde dieses Ziel erleichtern.
Nachdem das Blatt feftgefteltt hat, daß es vorläufig noch verfrüht fei, von der Möglichkeit eines politischen Donauabkommens zu sprechen, holt es das reichlich abgegriffene Argument der deutschen Wiederaufrüstung hervor, um die auf einen Zusammenschluß der Donaustaaten ab- zielenden Bestrebungen zu begründen. Man könne von einer Einkreisung Deutschlands sprechen, wenn es sich um Maßnahmen zur Erhöhung der kollektiven Sicherheit der sich beunruhigt fühlenden kleineren Nationen handelt. Diese Feststellungen dienen dem „Daily Telegraph" als Ausgangspunkt für die nicht mehr neue Aufforderung an Deutschland, sich dem kollektiven Sicherheitssystem in Europa a n - zuschließen, und durch eine solche Kundgebung seiner friedlichen Absichten die Besorgnisse seiner Nachbarn zu zerstreuen. Dies könne der Wiederaufrüstung Einhalt gebieten und auch die deutschen Befürchtungen über' den französisch-sowjetrussischen
Beistandspakt zerstreuen. Das Blatt übersieht auch hier wieder geflissentlich, daß es gerade Deutschland war, von dem bisher von der Abrüstungskonferenz angefangen die einzigen wirklichen positiven Beiträge zu einer auf Gerechtigkeit ruhenden Befriedung ausgegangen sind.
Tuchatschewfki nimmt mit dem französischen Geueraistab Fühlung.
Paris, 10. Febr. (DNB. Funkspr.) Der sowjetrussische Marschall T u ch a t s ch e w s k i, der am Sonntag aus England in Paris eingetroffen ist, erklärte Pressevertretern, er werde wahrscheinlich zwei, höchstens vier Tage in Paris bleiben. Der „Nero Pork Herold" bemerkt in seiner Pariser Ausgabe, daß Tuchatschewski in Poris Besprechungen mit Mitgliedern des französischen Genera l st a b e s und mit Luftfahrttechnikern haben werde.
Nene Umbildung des KabinettsBal-win?
Wechsel im Marineministerium. — Soll ein Wehrministerium geschaffen werden, um das Abrüstungsprogramm durchzuführen?
London, 10. Febr. (DNB. Funkspruch.) „Mor- ning Post" meldet, eine zweite Umbildung des Kabinetts Baldwin, die bereits kurz vor den Neuwahlen in Aussicht gestellt worden war, werde voraussichtlich Anfang März durchgeführt werden. Der Hauptgrund für die Umbildung sei die Notwendigkeit, den englischen Ma- rineminifter Lord Monsell zu versetzen. Lord Monsell habe wiederholt seine Absichten mitgeteilt, nur bis zum Abschluß der Flottenkonferenz im Amt bleiben zu wollen. Da man glaube, daß die Flottenkonferenz ihre Arbeiten bis Ende Februar abschließen könne, sei es wahrscheinlich, daß bereits der Nachfolger Lord Monsells die im März fälligen Haushaltsvoranschläge der Flotte im Unterhaus vorlegen werde. Das Blatt erinnerte daran, daß Winston Churchill und der Haupteinpeitscher der ^Regierung, Margesson, seinerzeit als Nachfolger Lord Monsells genannt worden seien. Ein neuer Anwärter sei auch der ehemalige Außenminister Sir Samuel Hoare. Man glaube, daß Baldwin sobald wie möglich Sir Samuel Hoare
wieder eine führende Stellung im Kabinett verschaffen werde. Unwarscheinlich sei es aber, daß Hoare für den neu zu schaffenden Posten eines Wehr- ministers ausersehen sei, dem die Durchführung des englischen Aufrüstungspro- orammes übertragen würde. Vielmehr sei das Kabinett zu dem Schluß gekommen, daß der Vorschlag, ein Wehrministerium zu bilden, dem die drei Ministerien für Krieg, Flotte und Luft untergeordnet würden, undurchführbar sei.
Gleichzeitig mit Lord Monsell werde Baldwin möglicherweise auch den bisherigen Luftminister Lord Swinton ersetzen wollen, der sich ebenso wie Monsell nicht mehr an den letzten Unterhauswahlen beteiligt hatte, und ins Oberhaus berufen worden war. Angesichts des großen Umfanges des englischen Aufrüstungsprogrammes werde jedem Personalwechsel unter den militärischen Ministerien allergrößte Bedeutung beigemessen. Man nehme an, daß es auch zu einem Wechsel in anderen M i- n i ft e r i e n kommen würde.
Wachsende Spannung in Ostasien.
Ein Vertrauter Stalins im Fernen Osten.
Moskau, 9. Febr. (DNB.) Nach Meldungen aus Chabarowsk, ist der Verkehrskommissar und besondere Vertraute Stalins Kaganowitsch überraschend im Fernen Osten eingetroffen und hat dort Beratungen sowohl mit den Parteivertretern als auch mit dem politischen und militärischen Ober kommando der fernöstlichen Armee aogehalten. Ueberall soll das Dreigestirn Stalin—Woroschiloff— Kaganowitsch sehr gefeiert worden fein. Die Werktätigen des Fernen Ostens wollten mit Unerschütterlichkeit und Festigkeit ihre Heimat verteidigen. Kaganowitsch besuchte auch Wladiwostok. Die Charbiner Samstagpresse berichtet über militärische Vorbereitungen Sowjetrußlands in Sibirien, wo angeblich die Eisenbahnen unter militärische Kontrolle gestellt und der Abtransport aller nicht der Kommunistischen Partei angehörenden Bahnangestellten nach dem
europäischen Rußland anbefohlen wurde. Außerdem sei die Errichtung eines Hauptquartiers in Tschita eingeleitet worden.
Japanische Truppen an der Grenze der Aeußeren Mongolei?
Moskau, 8. Febr. (DNB.) In Moskauer Blättern werden Berichte aus Ulan B a t o r, der Hauptstadt der unter Sowjetherrschaft stehenden Aeußeren Mongolei, veröffentlicht, wonach es an der mongolisch-mandschurischen Grenze zu einem neuen Zwischenfall gekommen sei. Danach konnte auf dem am 19. Dezember von den Japanern besetzten und bisher nicht geräumten mongolischen Grenzpunkt Bolun Dersu eine neue Bewegung japanischer Truppen beobachtet werden. In einiger Entfernung von diesem Punkt seien sowohl Kraftwagen wie Reiterabteilungen feftgefteUt worden. Auch aus anderen Meldungen geht hervor, daß die Japaner reguläre Truppen nach der mongolischen Grenze in Marsch gesetzt haben.
die auf eine vorhergie Räumung der eroberten Gebiete hinauslaufen, sind natürlich indiskutabel.
4. Der afrikanische Feldzug erfährt eine Verschärfung und Erweiterung durch das Anziehen der Sanktionsschraube, vor ollem durch die Oel- sperre. Sie wäre an sich nicht etwa gleichbedeutend mit der Einstellung der Feindseligkeiten, denn auf ein Jahr hinaus ist Italien mit Benzin genügend versehen. Aber der Kolonialkrieg würde damit ein europäisches Gesicht bekommen, sich in die Länge ziehen.
5. Alle Berechnungen von Freund und Feind, von England und Genf, werden durch den plötzlichen Zerfall des obesfinischen Kaiserreiches über den Haufen geworfen. Ein solcher Zusammenbruch scheint durchaus möglich, wenn man an die traurige Verfassung der Soldaten des Ras Desto denkt, an die überall auflodernden Aufstände im Rücken der abessinischen Heerhaufen, an die Unordnung in der Etappe, die Lebensmittelknappheit, kurz, an den Mangel an Organisation beim Gegner, dem die Italiener nicht nur weit überlegene Waffen, sondern auch ein mustergültiges Verpflegungswesen entgegenstellen können.
Die 6. Möglichkeit, eine italienische Niederlage, nach römischer Auffassung lediglich ein Auslandsgespinst, wird gar nicht erörtert. Kommt es zum abessinischen Zusammenbruch vor der Entscheidung der Waffen, so ist zwar der Feldzug zu Ende, aber es beginnt mit der Frage, ob England ein italienisches Abessinien zulassen werde, das größere Ringen. Europa tritt auf den Plan, das Kolo
nialproblem muß angepackt werden. So ober jo — wir gehen jedenfalls bewegten Zeiten entgegen.
Los von Frankreich.
DerKarnPf derFlamengegen das französischbelgische Militärabkommen.
Brüssel, 8. Febr. (DNB.) Der flämische Frontkämpfer verband nimmt in seinem Derbandsorgan gegen die Erklärungen der wallonischen Minister' De veze und Bovesse über die Tragweite des französisch-belgischen Militärabkommens Stellung. Unter der Losung „W e g v o n Frankreich" wird in dem Artikel betont, daß die Erklärungen der wallonischen Minister, wonach das Abkommen nicht durch den Locarnovertrag gedeckt sei, und daß sich an der ursprünglichen Belastung des Abkommens nichts geändert habe, im Widerspruch stünde mit den Erklärungen, die von flämischen M i n i ft e r n abgegeben worden seien, um das flämische Volk zu beschwichtigen. Durch bie Erklärungen ber beiben wallonischen Minister sei erneut beseitigt worben, daß die Einseitigkeit des Militärabkommens nicht aufgehoben worden sei und daß es eine Gefahr für den Frieden bedeute. Weiter sei dadurch erwiesen worden, baß die vom Kriegsminister Deveze vorgeschlagenen Militärlasten wegen des französisch-belgischen Militärabkommens gefordert würden. In der Er
klärung heißt es, daß 80 v. H. der flämischen Bevölkerung sich gegen die Erhöhung der Militärlasten auflehnten und die Kündigung des Abkvm- mens verlangten. Weiter wird zur Teilnahme an dem großen Aufmarsch des Frontkä m p - fer verbandes aufgeforbert, ber am 22. März in Brüssel gleichfalls unter bem Losungswort „Los von Frankreich", ftattfinben wirb.
Der Oberbürgermeister von Brüssel hat bem flämischen Frontkämpferverbanb mitgeteilt, baß ber Aufmarsch von ber Stabtverwaltung zugelassen worben sei. Es wirb angenommen, baß 60000 bis 80 000 Flamen ohne Unterschieb ber politischen Richtung an biesem Aufmarsch teilnehmen werben. Der Zug wirb jich durch bie Hauptstraßen Brüssels bewegen. Auf bem Großen Markt vor bem historischen Rathaus wirb ber Führer bes Frontkämpferverbanbes eine Proklamation verlesen, in ber bie Künbigung bes belgisch-französischen Mili- tärabkommens vom Jahre 1920 unb bie Einhaltung einer ftriften Neutralitätspoli- t i k Belgiens geforbert werben wirb
Der Generalstreik ist roieber in ganz Syrien aufgeflackert. -Die von ber eingeborenen Bevölkerung boykottierte französische Straßenbahn unb bi« Elektrizitätsgesellschaft in Damaskus mußten ihre Betriebe einstellen. Die syrische Universität unb bie Hochschulen in Damaskus ftnb geschlossen worben.


