Nr. I3l Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag, 9. Juni 1936
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Ukrainische ^eisebilöer.
$on unserem E.S.-Berichterstatter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Moskau, Ende Mai 1936.
Unser Moskauer Berichterstatter hat eine mehrwöchige Reise durch die Sowjet- Ukraine unternommen. Wir beginnen heute mit der Veröffentlichung seiner an- schaulichen und aufschlußreichen Reisebriefe. Nachdenklich bleibt der Reisende nach seiner ersten Wanderung durch die stattlichen Sttaßenzüge Charkows, der bedeutenden Industriestadt schon zu Letten des Zarenreiches, mit ihren repräsenta- ttven Vorkriegsgebäuden, die von einstiger Blüte oer Stadt und dem früheren Reichtum ihrer Bewohner zeuaen, auf dem Tewelew-Platz, der früher den Namen Nikolaus II. trua, stehen. Ein großes im Stil des frühen 19. Jahrhunderts gehaltenes Gebäude beherrscht den Platz. Es ist das ehemalige Haus der Adelsversammlung des Gou- vernements Charkow, zu dem die stattlichen Häuser auf der anderen Seite des Platzes trotzig herüberschauen, in denen früher die reichen Kaufleute und angesehenen Bürger der Stadt wohnten. Heute ist das Haus der Adelsoersammlung „P a l a st der worden' 6 r e" (ber r°ten Jugendorganisation) ge- Am Ende der „Karl-Liebknecht-Straße" liegt das neue Zentrum der Stadt, nach dem Begründer der Tscheka „Dzerschinski-Platz" genannt. Eine Reihe Don oielstöckigen Hochhäusern amerikanischen Stils umsäumen ihn. Die 17stöckigen Riesenbauten des „Dom Projektow" (P r o j e k t e n h a u s e s) sind der Stolz der Sowjetunion. Seit mehr als acht Jahren gilt dieser Bau als fertig. Das „Projektenhaus" wird keine so lange Geschichte haben, wie das „Haus der Adelsoersammlung", so viel läßt sich mit Bestimmtheit sagen. Dazu ist es viel zu schlecht gebaut. Zwei weitere Hochhäuser auf der linken Seite des Platzes find zwar schon seit zwei Jahren mit Büros und allerlei Einrichtungen belegt, aber noch immer unverputzt. In einem dieser Gebäude ist sogar der Eingang noch nicht fertig« gebaut, der einzige Zugang führt durch ein Seitenpförtchen. Ein neugebautes Hotel, das vor kurzem erst „nach dem letzten Wort der Technik" ausgerüstet worden ist, ist bereits heute inwendig in so verwahrlostem Zustande, daß sogar die Sowjetpresse darüber Klage führt. So redet der „Dzerschinski-Platz" eine deutliche Sprache vom unsteten Geist der bolschewistischen Aera, deren Erzeugnisse nur selten über den Zustand der Halb- und Dreiviertels-Vollendung hinauswachsen.
Charkow wird oft von den Bolschewisten als Musterstadt des „sozialistischen Aufbaues" gerühmt. In Wirklichkeit ist die Stadt ein altes Zentrum der russischen Industrie, das schon vor dem Kriege eine hohe Blüte erreicht hatte. Mit wenigen Ausnahmen baut sich die heutige Char- kower Industrie auf den Fabriken und Werken der Vorkriegszeit auf, die häufig in Händen deutscher Unternehmer waren. So die Fabrik für landwirtschaftliche Maschinen „Hammer und Sichel" (früher Helfferich-Sad6), die Fahrradfabrik „Welosawod" (früher der Firma Leuthner gehörend und während des Weltkrieges von Riga nach Charkow verpflanzt), das Elektromotorenwerk „Chems" (die gleichfalls aus Riga im Jahre 1915 verpflanzte ehemalige Zweigniederlassung der AEG.).
Einige Kilometer außerhalb der Stadt liegt das große Traktorenwerk, eine Neuschöpfung der Sowjets. Das Werk ist ein Prunkstück des Jntourist- Repertoires, viel bewundert von gutgläubigen „Bourgeois" aus aller Herren Länder, die Reiselust oder Schicksal nach Charkow verschlägt. Unwillkürlich muß der Reisende daran denken, daß um einige solcher „Giganten" willen allein in der Ukraine im Jahre 1932/33 nach den objektivsten Schätzungen sechs Milli onen Menschen
Die Adols-Hlüer-Brücke beiKrefeld-Llerdingen.
Der dritte großartige Brückenbau über den Rhein, den nationalsozialistische Schaffenskraft entstehen ließ, die Adolf-Hitler-Brücke bei Krefeld-Uerdingen, wurde am Sonntag von dem Stellvertreter des Führers, Reichsminister Rudolf Heß, feierlich eingeweiht. — (Presse-Bild-Zentrale-M.)
verhungert sind... Die „Giganten", wie das Dnjepr-Kraftwerk „Dnjeproges" oder der „Trak- tornyj Sawod", so sagt sich der Fremde, der auf der schlecht gepflasterten Straße vor dem Werk steht, haben also mehr Menschenopfer gefordert, als der ganze Weltkrieg an Toten und Verwundeten der ganzen beteiligten Menschheit gekostet hat.
Und was ist heute die Bestimmung des „Giganten"? Das Traktorenwerk befindet sich zur Zeit, fo wird dem Reifenden erklärt, im „Umbau". Der kleinere Schlepper (20 bis 25 PS), der bisher dort hergestellt wurde, soll einem stärkeren Raupenschlepper (50 bis 60 PS) Platz machen, von dem man sich angeblich für schwerere Böden eine größere Arbeitsleistung verspricht. Der wahre Grund für die kostspielige Umstellung des Werkes, die nahezu die Baukosten erreicht, ist aber die bessere Verwendbarkeit des neuen Schleppers für militärische Zwecke. 1937 soll das Werk 15 000 Stück Raupenschlepper des neuen Typs liefern, von denen sicherlich die wenigsten dazu bestimmt find, die schwarze Erde der Ukraine zu pflügen!
Von Charkow aus ist das sogenannte „Donbaß", das Industriegebiet des Donezbeckens, das nächste Ziel des Reisenden. Hunderte von Kilometer fährt er durch das fruchtbare Land, das einst die Kornkammer Europas hieß und doch vor drei Jahren — dank der Kollektivierung — eine der furchtbarsten Hungersnöte gesehen hat, die in der Geschichte der Menschheit bekannt sind. Die riesigen Felder der schwarzen Erde breiten sich vor ihm aus. Nur selten ist Wald oder Wiese zu sehen: das Dunkelbraun der frisch eingesäten Felder und das Grün der Wintersaaten sind die vorherrschenden Farbtöne. Noch heute ist am Bild der ^Dörfer das große Sterben der Jahre 1932/33 zu sehen. Diele Häuschen sind verfallen, zugenagelt, halb abgerissen; die bewohnten freilich viel besser gehalten als im Norden Rußlands. Mit ihren freundlichen Strohdächern und ihrem weißen Verputz sehen die niedrigen Hütten sauberer und mehr nach menschlichen Behausungen aus; häßlich wirken nur die fast überall halb abgerissenen Stallungen,
mit deren Dachsparren der jetzige Kolchosbauer seinen Ofen heizt. Wozu braucht er noch feine Stallungen und Schuppen? Er hat fein Vieh mehr dort einzustellen und fein Korn mehr auf der Tenne aufzubewahren. Diese „Sorgen" hat ihm der Staat abgenommen. Ab und zu fährt man an bewachten Getreidesilos und Maschinen-Traftoren- ftationen (MTS.) vorbei. Kirchen sind faum noch zu sehen.
Erst in der östlichen Ecke der Ufraine beainnt das Industriegebiet des „Donbaß". Die Landschaft wird bewegter, hügelig, Fabrikschlote wechseln ab mit den Stein- und Schlackpyramiden, die schon von weitem die Kohlengruben ankündigen. Fast zwei Drittel der Kohle der Sowjetunion (rund 200 000 Tonnen täglich von rund 320 000 Tonnen insgesamt) erzeugt das Donbaß. Da das Erz auch hier zur Kohle kommt, hat sich im „Donbaß" (schon vor dem Kriege) das größte metallurgische Industriezentrum der Union entwickelt.
Die „Heimat der Stachanowbewegung", der Bergarbeiterort I r m i n o mit der Kohlengrube „Zentralnaja Jrmino" ist das erste Reiseziel des Fremden. Hier in Jrmino mußte der von der Sowjetpropaganda zum Mythus erhobene Hauer Stachanow arbeiten, ihn und seine Arbeits- und Schicksalskameraden aufzusuchen, ist der Plan des Fremden. Auf einem kleinen Bahnhof, der in einer Mulde zwischen zwei Hügeln gelegen ist, verläßt der Fremde den Zug. Er schaut sich um: Ja, es tft geglückt, er ist ohne GPU. -Begleitung geblieben. Es hatte sich also gelohnt, die Fahrkarte ein gutes Stück über Jrmino hinaus zu lösen. Das erste, was ihn auf der Station begrüßt, ist die zum Betteln ausgestreckte Hand eines kleinen, barfüßigen, zerlumpten Besprisornyj. „Gib ein Kopekchen, Onkel- chen, liebes, bitte, bitte!" Kaum hat der Kleine die Münze bekommen, so rennt er schon weg, um gleich darauf mit einem riesigen Stück Schwarzbrot in der Hand, von dem er gierig abbeißt, sich wieder an der Seite des merkwürdigen Fremden einzufinden. Er erbietet sich gleich, ihm den Weg nach Jrmino zu zeigen. Das heißt, einen „Weg" gibt es nicht. Man watet bergauf durch grundlosen Schmutz.
Am Hang liegen die winzigen, keine zwei Meter hohen Erdhütten der Bergarbeiter, in denen immer noch der größte Teil der Bevölkerung des „Donbaß" haust.
Hinter dem Bergrücken zeigt sich das eigentliche Dorf Jrmino: eine Reihe neugebauter Backsteinhäuschen, daneben, in überwiegender Mehrzahl, die alten Lehmkaten. Ein „Jndustriedorf", wie der Frenckle auf seiner Reise schon viele besucht hat, mit grundlosen, durch den Regen völlig aufgeweichten Straßen. Vorbei am Grubengebäude mit den Förderanlagen, in deren Nähe sich ein paar dürre Ziegen ihr spärliches Futter suchen, fragt sich der Fremde zum Dorfrat durch. Er überquert, fast versinkend im Schmutz, die Gleise der Grubenbahn, die die Kohle, die Stachanow haut, zu Tale bringt. (Fortsetzung folgt.)
Neuer Unterwassertunnel für Neuyork.
Der Neuyorker Stadtrat beschloß den Bau eines Autotunnels von der äußersten Spitze der Manhattan-Insel unter dem Hafen hindurch nach Brooklyn. Es handelt sich dabei um den vierten und längsten Unterwassertunnel der Stadt. Er soll den ständig wachsenden Verkehrsschwierig- feiten begegnen. Die Kosten des neuen Tunnels werden auf 60 Millionen Dollar veranschlagt. Der drei Kilometer lange Tunnel soll doppelröhrig mit je zwei Fahrbahnen in einer Richtung gebaut werden. Man entschloß sich für den Bau eines Tunnels anstatt einer Brücke, obwohl deren Kosten bedeutend niedriger sind, weil erfahrungsgemäß der Verkehr in einem Tunnel schneller läuft und feine Unfallgefahr bei Regenwetter und Glatteis besteht.
„Solch ein großes Brot braucht meine Mutter täglich für uns." Ein luftiges Bild von derTagungdes ReichsdundesderKinderreichenin Köln. (Scherl-Bilderdienst-M.)
Blumen, du und ich.
Äon Ernst JRirif.
Geht es dir auch so, daß dir eine Blume zum Symbol für einen Menschen werden fann? Daß du beim Anblick dieser Blume mit zwingender Notwendigfeit an den Menschen denken mußt, für den du sie als Symbol empfindest, ohne daß sie dir Gleichnis für sein Wesen oder sein Aussehen zu fein braucht?
Ginster.
Es war in Bad-Nauheim im Frühsommer. Ueber die Schönheiten des Parks und die Unterhaltungen des Weltbades hinaus lockte uns die Einsamkeit der Hänge des Taunus: Hohe Buchenwälder, deren helles Grün weite Wiesen aufnahmen und Weitergaben ins Tal, wo die junge Saat der Felder es dunkler anschwellen ließ. Darüber der weiße und rosa Blust blühender Apfelbäume! Das Ganze war umzogen von den blauen, weithin sanftgeschwungenen Höhen des Taunus. In diese fein ab« geftimmte Symphonie zartester Töne knallt plötzlich ein grellgelbes Gold. „Ginster?", fragt das junge Mädchen neben mir, dem mich feit zwei Wochen gemeinsame Ausflüge in das Land um Friedberg und Nauheim, dasselbe Hotel und die gleiche Empfänglichkeit für die Schönheit der hessischen Landschaft verbinden. „Ja, Ginster!" und schon breche ich ein Paar der schönsten Zweige, die sie in ihren Arm legt. Und mit einem leisen, ein wenig scheuen Lächeln legt sie leicht den freien Arm in den meinen und so gehen mir langsam weiter.
Auf einem Bahnhof, sofern das kleine Haus mit den aepflegten Blumenrabatten ringsum und den zwei roten Bänken davor Anspruch darauf erhebt, so genannt zu werden, warten wir eine Viertel- stunde auf den Zug, der uns wieder nach Nauheim bringen fotl. Drei rundliche Bauer,nnen nut Kor- den warten wie wir und machen keinen H-hl aus der Neugierde, mit der sie die Fremden mustern. Ich lehne an dem Holzgitter, das wahrfcheinllch nur selten Gelegenheit hat. den einzigen Bahnsteig vor allzu großem Andrang zu schützen Vor mir steht schlank dos Mädchen, die Augen 'N gleicher H°h- mit mir, zwischen uns das Gelb des Ginsters. ..Wer den wir Freunde werden, Elisabeth r
Und noch heute, wenn ich Ginster sehe und die Auaen schließe sehe ich stets mit eindringlicher Deutlichkeit die'dunklen Augen des Mädchens mich anlächeln und höre ihre ein wenig verschleiert klingende Altimme: „Werden? Sind wir es nicht schon?"
Enzian.
Gilt das Gold des Ginsters der geliebten Frau, so eignet Blau und zwar das ernste Blau Des Gm zian dem Freunde. Aber auch der Umstand daß bie
Wurzeln des Enzians- zur Bereitung eines bitteren Schnapses dienen, ist nicht unbeteiligt daran, eiye Gedankenbrücke zwischen Freund und Enzian zu bauen. Als junger Student machte ich mit dem Freunde, der — wie es in dem damaligen Sprachgebrauch hieß — ein paar Semester älter war als ich, eine „Fahrt" durch Süddeutschland.
Fahrt war für uns der Inbegriff eines Zustandes, dem sich nur schwer Ausdruck geben läßt, war mehr als eine Reihe von Tagen glückhaften Wanderns und Nächten am Lagerfeuer vor den Zelten im helldunklen Hintergrund, war mehr als nur Verzicht auf jede Art äußeren Komforts und Absage an alle Errungenschaften des modernen Verkehrs. Unser Innerstes wurde irgendwie angerührt, wie wir es hundert Mal in der gemeinsam hinter uns liegenden Zeit der Jugendbewegung erlebt hatten.
Den Schwarzwald hatten wir so durchstreift, den Bodensee kreuz und quer überfahren: Das Blütenwunder der Mainau, der Genius deutscher Technik in Friedrichshafen, Erinnerungen an die Droste in Meersburg, die Großartigkeit der Jnfellage von Lindau, die Reichenau, Konstanz, Ueberlingen hatten uns Stunden hellen Entzückens und stiller Freude bereitet. Als Abschied vom Bodensee und zugleich als Vorfreude auf das Neue der noch vor uns liegenden letzten Ferienwoche ward ein Aufstieg auf den Pfänder auserfehen. Der besondere und fast einmalige Reiz dieses Berges ist es, die Lieblichkeit deutscher Mittelgebirgslandschaft und die Erhabenheit des Hochgebirges zu einer neuen Schönheit von durchaus eigenem Gepräge zu verschmelzen.
Von Bregenz her stiegen wir auf, in heimlicher Verachtung derer, die es vorzogen, hinaufzuschweben. Unter uns dehnte sich weit die silberne Fläche des Sees, dahinter breitete sich in schier endloser Länge die Kette der Alpen. Im Vordergrund der Säntis, dem schon in den nächsten Tagen die ersten schüchternen Versuche im Bergsteigen gelten sollten. Wir ruhten wohlig ausgestreckt mit im Nacken verschränkten Armen im Gras und um uns blühte bescheiden in tiefer Bläue Enzian. Lange lagen wir so, bis der Freund eine der dicht am Boden wachsenden, ftengellofen Blüten pflückte und sie mit ausgerecktem Arm in die Höhe hielt. Die schmale, für einen Mann fast zu feingliebrige tiefgebräunte Hand und die kleine blaue Blüte hoben sich als Silhouette von edler Einfachheit von der hellen Bläue des Himmels ab. „Blauer als die sprichwörtliche Bläue des Himmels ist Enzian", unterbrach er das lange Schweigen, und unvermittelt fortfahrend sagte er: „Schon im Altertum kannte man die Heilkraft des Enzian. König Gentius von Illyrien empfahl ihn feinen Untertanen als Heilmittel sogar gegen die Best; über den Erfolg ist
uns allerdings nichts überliefert. Heute noch spielt er in der Volksheilkunde der Bergbauern eine große Rolle.--Es wird hier oben schon kühl; wenn
es dir recht ist, steigen wir wieder taleinroärts! Liebevolle Vertiefung in die Antike und Besorgtheit um den Jüngeren klangen auf aus diesen Worten des Studenten der Medizin. — Einige Tage später wäre ich auch nicht mehr in Verlegenheit gekommen, über Geschmack und Wirkung des Enzianschnapses Rede stehen zu müssen
Ebereschen
Die Eberesche ist der Baum, der im Herbst dicke Dolden roter Beeren trägt. Wir fuhren durch Kurhessen an einem Herbstnachmittag, der noch einmal durch hochsommerliche Wärme uns den Abschied vom Sommer vergessen zu machen suchte. Der bläulich-graue Dunst aber, der die Konturen der Landschaft leicht verschleierte, und das niüde Lila unzähliger Herbstzeitlosen straften die Sonne Lügen.
Es war im ehemaligen Wittgensteiner Ländchen, als meine Begleiterin einen leisen Schrei des Entzückens ausstieß und auf zwei Reihen von Ebereschen wies, die vor uns die Straßen einzurahmen begannen, und denen wir uns in langsamer Fahrt näherten. In schweren Büscheln zogen die leuchtend roten Beeren die Aeste tief herab, so daß wir unter einem roten Baldachin mit der matten Bläue des Himmels als Untergrund dahinfuhren. Ich legte mich wohlig-müde in den tiefen Sitz zurück und überließ mich schweigend der Freude über die seltene Harmonie dieser Stunde: die Nähe des mir von Jugend an vertrauten Mädchens, den Zauber des verspäteten und deshalb um so bewußter und intensiver genossenen Sommertages und den Reiz der mir neuen Landschaft. In langsamem Auslaufen ließen wir den Wagen auf der ebenen Straße zum Stehen kommen. „Bitte, brich mir ein paar Zweige, wenn du so hoch hinauflangen kannst!" Einen steckten wir auf den Kühler, einen anderen, den schönsten, in die Vase des Volants. Auf Umwegen fuhren wir dann weiter wieder nach Marburg, wo ich sie, die jüngere Schwester eines Freundes, besucht hatte und von wo wir heute in den Herbst hinausgefahren waren. Der Zweig in der Vase sollte mir zur besonderen Freude werden: wenn ich mich zurücklehnte, hob sich das nicht zu tiefe Braun des Mädchenprofils und die Helligkeit der blonden Haare in reizvollem Kontrast von dem Rot der Früchte ab. Die berühmteste Gemme des Altertums, die des Asposios, die ich einmal in Rom gesehen habe, gibt den Kops der jungfräulichen Göttin Athena nicht zarter und zugleich eindringlicher wieder, als sich jetzt der Mädchenkopf von dem festlich-roten Hintergrund abzeichnete. Seit diesem Tage sind bei mir die Göttin Athena, die Schwester des Freundes und das Rot der Ebereschen eine Ver
bindung eingegangen, die micht nicht mehr an eines ohne die beiden anderen denken läßt.
Verstehst du nun meine Liebe zu Ginster, Eberesche und Enzian? Ich gebe gerne zu: es gibt ungleich herrlichere Blumen und Bäume als sie, aber gerade wegen ihrer unverbildeten, ursprünglichen Schönheit haben sie den Weg zu meinem Herzen gefunden, konnten sie eher als manche überzüchtete Kostbarkeit unserer Gärten und Treibhäuser mir Symbol und Gleichnis werden für Menschen, die meinem Herzen nahe sind.
Gloria-Palast: „Paul und Pauline".
Der schlesische Komiker Ludwig Manfred Lamme l, zahlreichen Rundfunkhörern seit langem wohlbekannt, bereitet mit dem Terra-Lustspiel „Paul und Pauline" dem Publikum im Gloria-Palast eine Stunde harmlos-heiterer Unterhaltung. Der Film spielt in der durch ßommel bereits zu einem gewissen Ansehen gelangten Kleinstadt Runxendorf und erhebt sich in feiner Handlung, feinen Gestalten und Konflikten nirgends nennenswert über ein durchschnittliches Filmlustspielniveau; es lohnt faum, näher darauf einzugehen. Die berühmte eigene Note gewinnt das Ganze (Regie: Heinz Paul; Mu- sik dazu von Paul Lincke) durch Lommels groteske, pfiffig-volkstümliche Erscheinung; er macht sozusagen den Raisonneur, er ist die Verkörperung des gesunden Menschenverstandes und des Mutterwitzes, der Förderer des Fortschritts in der finstern Provinz und der Retter der unglücklich Liebenden oder fönst gefährlich Bedrohten. Seine Paradenummer vor dem Mikrophon ist denn auch, gegen Ende, der Höhepunkt des Films. Da haben die Leute was zum Lachen. Von den übrigen Mitwirkenden tun sich hervor: Trude H e ft e r b e r g , Paul Henckels, Walter S t e i n b e cf und Curt Vespermann. — Aus dem Beiprtzgramm ist die Ufa-Wochenschau und ein hübscher Hundefilm zu erwähnen. -r-
pochschulnachnchten
Ernannt wurden: Professor Dr. Hermann G m e • lin, Extraordinarius für romanische Sprachwissenschaft an der Technischen Hochschule Danzig, zum ordentlichen Professor an der Universität Kiel; Dr. August Hagen, Dozent für Kirchenrecht an der Universität Tübingen, zum ordentlichen Professor an der Universität Würzburg; Professor Dr. Walther Schultz, Extraordinarius für deutsche Vorgeschichte an der Universität Halle, zum ordentlichen Professor daselbst; Professor Dr. Walter P o r z i g, Ordinarius für vergleichende Sprachwissenschaft an der Universität Bern, zum ordentlichen Professor an der Universität Jena.


