Nr. 85 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Donnerstag, Y.April (936
Aus der Provinzialhauptstadt.
Karfreitag.
Von Reinhold Braun.
Ein Unerreicht-Beispielhaftes ist und bleibt die Karfreitagshaltung Jesu. Aus ihr schöpfen die Gläubigen seit beinahe zweitausend Jahren Trost und Kraft für die eigene Haltung. Nie strahlte ein Seelenlicht Heller als das des Mannes am Kreuze. Der Blick auf das Kreuz bedeutet ein Teilhaftigwerden dieses unermeßlich-gnadenhaften Lichtes. Durch die Hölle der Marter, die bitter andringenden Schatten hindurch strömt es zu uns her.
Die Karafreitagshaltung Jesu ist das Siegel auf sein Heilandswesen. So ist auch unsere eigene Haltung in den Karfreitagszeiten unseres Daseins das Siegel auf Wert und Adel unseres Menschentums. Gleicherweise gilt das von einer Gemeinschaft und einem Volke.
Welches find die helferischen Mächte in jeder Karfreitagshaltung? Die beiden, die uns Jesus am Kreuze sinnbildhaft offenbarte: Liebe und Glauben.
„Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!", „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein!", „Siehe, das ist dein Sohn!", „Siehe, das ist deine Mutter!": das sind die Worte der unsterblichen Heilandslicbe.
D i e Liebe ist echt, die im Leid nicht aus unserem Herzen weicht, sondern unter Druck und Weh sich noch verstärkt. Es ist das Element, aus dem wir neben dem Glauben immer und gerade in einem schmerzensvollen Betroffensein leben müssen. Diese Liebe hilft uns überwinden, indem sie vertieft, befestigt und verklärt, uns zu unserem eigenen Kerne hinleitet und dem der anderen, die um uns sind. Aus dieser Liebe wächst die feine, beglückende Spür- samkeit der Seele für die Nähe Gottes trotz allem, was er uns auch an Bitterem schickte. Durch diese Liebe helfen wir nicht nur uns selbst, sondern auch den Menschen unserer Liebe. Durch dieses Gefühl bleiben wir mit ihnen und mit Gott verknüpft. Nie kann die Kälte der Trostlosigkeit oder Einsamkeit uns befallen. Diese Liebe kann sich vielleicht nicht mehr durch äußere Taten beweisen. Aber Worte, Blicke, ein Lächeln können mehr sein als sie. Im schwersten Bedrängtscin aber ist unsere Tapferkeit unsere höchste Tat.
Wohl dem Herzen, dem sich zu der Helferin "Liebe' der Helfer „Glaube" gesellt, jener, der, wenn es sein muß, mit entschwebendem Atem spricht „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!" Es ist der Glaube, der in der Unsicherheit des Leidens die Sicherheit ewigen Bestandes in sich trägt, der das Licht der Ewigkeit auf dem Schmerzenspfühl herabringt. Er gehört wie die Liebe zum Mark unserer Haltung. Ans ihr bringen wir auf unsere Weise und nach unserer Kraft das Leben ans Licht, das der Seele, die mächtig ist aus Gott.
Freilich, ein letztes bbeibt Gnade. Zu ihr gehört auch die vorgelebte Karfreitagshaltung des Heilands der Menschen. Es find viele unter uns, deren Leben seine Schädelstätte in mancherlei Gestalt hat. Wohl dem, der nach Golgatha glaubensvoll zu blicken weiß'!
Karfreitag im Volksmund.
Gar hohe Kraft ist es, die im Dolksmund dem Karfreitag zugeschrieben wird, im Bösen wie im Guten. Vor mancherlei Schaden kann man sich schützen, wenn man am Karfreitag bestimmte Bräuche erfüllt.
So bekommt man nach schwäbischem Glauben das ganze Jahr keine Fieber, wenn man am Karfreitag ein gekochtes Gänseei ißt; wäscht man sich in fließendem Wasser, so bleibt man von Kopfweh, Krätze und Läusen verschont; das böse Zahnwehr der kann keinen an, der sich am Karfreitag die Nägel an Hand und Fuß schneidet und sie in einen Lumpen gehüllt in die Höhlung eines Kirschbaums steckt. Krankheit bei den Dienstboten kann man verhüten, wenn man ihnen am Karfreitag Brezeln gibt. Nach der „Chemnitzer Nockenphilosophie" hebt man sich im selben Jahr keinen Leibes-
Drei müssen lachen.
Von Friedrich Freksa
Als Heinz unten auf der Straße stand, sah er, daß die nette Handschuhverkäuferin ihm lachend ihre blanken Zähne zeigte. Das Mädchen freute sich, daß er an diesem schönen, sonnigen Tage so ohne Jackett, so recht sommerlich daherkam; es rief ihm zu: „Gutes Wetter heute!" Da ging er weiter und war fröhlich.
Er konnte es auch fein, denn die letzte Station des medizinischen Staatsexamens lag hinter ihm, zugleich das fünfjährige Studium eines Werkstudenten, der außer ein paar kleinen Stipendien, die ihm seine Professoven zugewandt hotten, jeden Pfennig selbst hatte verdienen müssen. Immer war er auf sich allein angewiesen gewesen, und jetzt hatte er keinen Menschen, der mit ihm feiern konnte. Darum hatte ihm das Lachen des hübschen Mädchens mit den blanken Zähnen einen Strom von Fröhlichkeit gegeben.
So schlenderte er stolz die Straßen hinunter. Freilich, wie es nun werden würde, wußte er noch nicht genau. Aber er hatte ja zwanzig Mark in der Tasche, zwanzig ganze Mark! Was sollte er mit den zwanzig Mark tun? Irgend etwas mußte er unternehmen, denn die Sonne schien so ermunternd, der Himmel war blau, und die Schatten der jungen Baumblätter tanzten auf dem Boden.
Er kam vor ein Geschäft, in dem allerhand Kunst- gegenstände verkauft wurden, schöne Sächelchen, bunte Tintenfässer, drollige Figuren, bemalte Teller — ja, es war ein lustiger Laden. Da waren Tonsachen, Kaninchen, die ein Ohr aufrichteten, eins zur Seite legten, Katzen, Affen und Elefanten. Hinter sich hörte er zwei ältere Herren reden. Sie bewunderten diese Tonsachen. Der eine sagte: „Muß mich doch erkundigen, wer das gemacht hat! Es ist ganz alte Tradition drin und doch neu!"
Heinz verstand diese Wertschätzung nicht ganz. Ihm gefielen die Dinge, weil sie hübsch waren, aber er hätte sich niemals so ein Stück zugelegt. Er machte kehrt und sah, daß ein Automobil am Straßenrand stand, eine komische Kiste. Heinz verstand sich, darauf, wie fast jeder junge Mensch unserer Tage. Das war ein altes Modell, aber ganz sauber hergerichtet, mit lustiger himmelblauer Farbe ongestrichen. Und wie er nun herantrat, mußte er lachen, denn das hatte er noch nicht gesehen: zur Verzierung waren Blümchen aufgepinselt, Anemonen, rote und gelbe, Graswerk — mein Gott, das war ein richtiges Mädelauto.
Die letzte Etappe im Reichsberusswetlkamps
Wie die Reichssieger gefördert werden.
LPD. Der R e i ch s b e r u f s w e t t k a m p f ist in sein letztes Stadium getreten. Die Arbeiten der Gaubesten aus Hessen-Nassau, die sich am 14. und 15. März in Frankfurt a. M. gemessen haben, sind zur Ermittlung der R e i ch s b e st e n nach Berlin gesandt worden, deren Bekanntgabe in Kürze erfolgen dürfte. Der Endkampf findet in den Tagen vom 24. bis 30. April statt. Wem sich dabei auf dem Wege dreimaliger siegreicher Bewährung die Tür zum Zimmer des Führers öffnet, kann dies mit Freude und Stolz als neuen Lebensabschnitt bezeichnen.
Die große Auslese, die sich alljährlich in diesem Rahmen vollzieht, ermöglicht es den Trägern des Reichsberuftwettkampfes, der DAF. und der HI., praktischen Sozialismus an der Jugend zu üben. So wurde es, um nur einige Beispiele anzuführen, einer Reichssiegerin, die als Kindergärtnerin am Berufswettkampf teilnahm und aus Mittelosigkeit in der Obersekunda von der höheren Schule abgehen mußte, mit einer größeren Beihilfe ermöglicht, das Abitur nachzuhölen und sich als Volksschullehrerin weiter auszubilden. Ein Reichssieger, ein Bäckerlehrling, der zugleich ein
tüchtiger HJ.-Führer ist und damit bewies, daß seine Inanspruchnahme durch die Bewegung keine berufliche Hinderung darstellt, wurde in die Lage versetzt, Gewerbelehrer zu werden. Einer weiteren Reichssiegerin, die in einem Berliner Betrieb in der Küche beschäftigt war, wurde es ermöglicht, sich in einem großen Schweizer Hotel weiter ausbilden zu lassen, um dann über Paris und London zu noch größerer Vollendung in der Kochkunst zu gelangen. Ein Friseur kam zu einem Damenfriseur von internationalem Ruf, ein anderer Reichssieger wurde auf die Universität Marburg gesandt, wieder ein anderer auf bie Technische Hochschule in München und ein weiterer auf das Polytechnikum in Nürnberg. In ähnlicher Weise sind eine ganze Anzahl weiterer Reichssieger gefördert worden.
Die jungen Volksgenossen, die auch bei dem diesjährigen Reichsberufswettkampf zur höchsten Ehre und Förderung gelangen, werden dabei in ihrer Freude gewiß ohne Ueberheblichkeit gern der Hunderttausende ihrer Kameraden und Kameradinnen gedenken, die ebenfalls ihr bestes hergaben, um der in der ganzen Welt einzig dastehenden Großaktion den vollen, Erfolg zu sichern.
Siebenbürgen-Abend in Gießen.
Eine Veranstaltung der Hitler-Jugend am Ostermontag.
Von der Hitler-Jugend Bann 116 (Gießen) wird uns geschrieben:
Kameraden aus Siebenbürgen sind auf der Fahrt in die Heimat ihrer Väter, in das alte rheinfränkische Stammland. Ihr sehnlichster Wunsch — und das ist der Wunsch der ganzen deutschen Jugend jenseits der Grenzen — erfüllt sich ihnen jetzt': sie kommen einmal in das allen Deutschem gemeinsame große Vaterland, ins Reich!
Die Hitler-Jugend des Gebietes Hessen-Nassau hat in der Osterzeit über 30 Siebenbürger Kameraden und Kameradinnen in ihren Reihen. Von Bann zu Bann, durch das ganze Land hin leben sie über drei Wochen mit den Kameraden aus der HI. und den Kameradinnen aus dem BDM. zusammen. Ueberall werden sie die gleiche Jugend finden, die entschlossen und mit letzter innerer Bereitschaft mitkämpfen will für die Erhaltung des deutschen Volkstums jenseits der Grenzen, mitkämpfen will im Ringen um die Schaffung einer großen deutschen Volksgemeinschaft, gleichgültig wo Deutsche in der Welt leben, was sie wirken und werken und wo sie stehen. Jeder deutsche Volksgenosse wird allein danach beurteilt werden, wie er sich in die Volksgemeinschaft einordnet und was er für sie leistet.
Die deutsche Jugend findet so über alle Schranken und Grenzpfähle hinweg zueinander in dem unerschütterlichen Glauben an unser deutsches Volk.
lieber die Osterfeiertage sind unsere Kameraden und Kameradinnen aus Siebenbürgen bei uns im Bann 116 in Gießen. Sie erleben Deutschland, das Reich Adolf Hitlers.
Im Sommer werden unsere Kameradschaften hinausziehen in fremde Länder, wo unter fremden Völkern unsere deutschen Kameraden leben und streiten mitten im Kampf der Volkstümer gegeneinander, der um jedes Haus, um jeden Acker, um jede deutsche Seele geht. Wir fahren nach Nord- Schleswig, durch Ostpreußen ins Mernelland, in die Westlande, ja die Donau abwärts gen Südosten, so wie es in wenigen Tagen unsere Siebenbürger Kameraden wieder tun, und wie es ihre Väter einst getan haben, in das Land des Segens, Siebenbürgen. Uns wird das Erlebnis einer jeden Fahrt festigen und entschlossener machen für den Einsatz im oolkspolitischen Kampf. Unseren Kameraden an der Kampffront draußen wird diese Entschlossenheit neuen Glauben und neue Stärke geben: s i e sind nicht allein — die ganze deutsche Jugend steht zusammen!
Bei ihrem Aufenthalt in Gießen veranstaltet die deutsche Volksgruppe aus Rumänien am Oster- montag, 13. April, 20.3d Uhr im Cafe Leib einen Siebenbürgenabend, zu dem die Hitler-Jugend alle Volksgenossen recht herzlich einladet.
schaden, wenn man am Karfreitag nüchtern ein Ei ißt, das am Gründonnerstag gelegt wurde; in Schwaben dagegen erfüllt den gleichen Zweck das am Karfreitag selbst gelegte Ei. Der Elsässer geht am Karfreitag während der Kirche auf den Friedhof und holt Attich. Damit hat er ein Mittel gegen jegliche Krankheit gewonnen. Eine ganz wunderbare Wünschelrute, die alle Krankheiten heilt (und außerdem auch Schätze finden hilft!) stellt man sich in Mecklenburg her; man schneidet sie am Karfreitagmorgen vor Sonnenaufgang mit den Worten:
Gott grüß' dich, edles Reischen!
Im Namen Gottes des Vaters' sucht ich dich, Im Namen Gottes des Sohnes fand ich dich, Im Namen Gottes des heiligen Geistes schneid' ich dich.
Viele Wunden und mancherlei Schäden kann man mit Karfreitags butter heilen.
Auch vom Vieh wendet der Karfreitagszauber allerhand Ungemach ab: Schneidet man am Karfreitagmorgen Aeste von einem Elfendaum und nagelt sie kreuzweise über den Stall, so kommt nichts Böses hinein. Ställe, die Karfreitags in der Frühe gemistet und geräuchert werden, sind gegen Hexen und böse Leute gefeit; putzt man das Vieh an diesem Tag, so bekommt es keine Läuse. Ein in der Karfreitagsnacht geschnittener Kreuzdorn in die vier Ecken des Stalls geschlagen, heilt das kranke Vieh. Peitscht man das Vieh schweigend vor Sonnenaufgang mit Kreuzdornruten, so erleiden die Hexen, die auf dem Vieh reiten, die Schmerzen; die Ruten verbirgt man an einem Ort, wohin weder Sonne noch Mond scheint. Pferde, die am Karfreitag in
die Schwemme geritten werden, bleiben von Bremsen und Gelbsucht verschont.
Eine große Rolle spielt das am Karfreitag Herr» schende Wetter. „Wenns am Karfreitag rejnet, fo batts ganz Johr kei Reje nix", heißt's im Elsaß, oder in Schwaben: „Wenn's am Karfreitag regnet, sollt ma d Tropfe mit de Sihle rusbohre", ober „Karfreitagsrege, bringt kei Früchte zwege". In Mecklenburg: „Regnet's am Karfreitag, so geht die dritte Pflanze vom Acker". Auch anderweitig ist der Glaube verbreitet, daß Karfreitagsregen ein trockenes, unfruchtbares Jahr bringe. Ganz einig sind sich die Wetterpropheten jedoch nicht, denn in Schwaben heißt's andererseits auch: „Karfreitagsrege, bringt dem Bauer Glück und Sege", oder „gibt en gute Wei". Friert's am Karfreitag, so schadet „kei Gfrör (nie) mehr", donnert's, gibt s einen schlechten Sommer.
Gar mancherlei soll man am Karfreitag beobachten: wäscht man an diesem Tag mit dem Bleuel, so hagelt es, geht man mit geputztem Schuhzeug, wird man von Ottern gebissen; will man Christum nicht im Grab beunruhigen, so darf man nicht trt der Erde arbeiten, was man an dem Tag näht, hält nicht, all das besondere Formen der allgemeinen Mahnung, einen so hochheiligen Tag nicht'durch Arbeit zu entweihen.
Aber auch Kartenspiel am Karfreitag ist gefährlich: es kann geschehen, daß der Teufel sich' unter die Spieler mischt. Wenn man am Karfreitag trinkt, leidet man das ganze Jahr unter Durst. Dagegen rät die „Chemnitzer Rockenphilosophie": „Der am Karfreitag Durst leibt, bem schabt's ganz Jahr kae Trunk", auch wirb man bann, nach schwäbischem Glauben, nicht von Schnaken geplagt. Die Schalen ber am Karfreitag gegessenen Eier kreuz- weis auf ben Acker gelegt, helfen gegen Gewitterschaben. Macht man zwischen elf unb zwölf Uhr vormittags brei Kreuze unter bie Türschwelle, so kommen keine Ratten ins Haus. Hängt man am Karfreitag bie Kleiber an bie Sonne, so kommen keine Schaben hinein, macht man bie Betten nicht, so hat man bas Jahr über keine Wanzen unb Flöhe.
Wer am Karfreitag in ber Frühe zuerst bas Vieh zur Tränke führt, hat bas schönste Vieh unb das meiste Glück; wer an biefem Tag Linsen ißt, bem geht bas Jahr über bas Gelb nicht aus; Äugeln, am Karfreitag gegossen, fehlen nie. Der Mecklenburger schickt seine Kinber zum ersten Mal am „Stillfreitag" nachmittags zur Kirche, bann werben sie klug. Weh bem aber, ber am Karfreitag geboren ist, er ist bem Unglück verfallen.
Das Karfreitagsei, bas sich schon als Mittel gegen Krankheit erwiesen hat, ist auch sonst ein ganz besonber Dina: es hält bis nächste Ostern, ja, wirb nie faul! Wirft man es in ein brennenbes Haus, so greift bas Feuer nicht weiter um sich. — Zauberglauben bes Volkes! Nichts sagt er uns anbern. Aber ist nicht ein Glaube bes Kartags, ber Allen gemein ist? Singt nicht Wolfram von Eschen- bach in seinem „Parzival":
ez ist hiute ber Karfritac,
">es al biu werlt sich freun mac. E. B.
Vornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
NSG. „Kraft burch Freube": 20 bis 21 Uht und 21 bis 22 Uhr fröhliche Gymnastik (nur Frauen)
dj tu n g
aus/chnelden!
Hr. (5) erscheint am 23. 4,
LZ w freut " sich auf die Schule.
5lnö die Tüte! Die steckt voll feiner Sachen: Leckeres Backwerk, von Mutter selbst bereitet
nach den bewährten Rezepten aus «vetker's „Backen macht Zreuöe", türlich mit Backpulver „Backin"
Heinz konnte sich bas junge Wesen vorstellen. Es mußte einen Bänderhut haben, etwa eine Kunstgewerblerin sein. Er schätzte den Wagen: Innen sah er traurig aus, nicht ganz wohlerhalten, und es lag Werkzeug am Boden. Hm, dachte er, ein praktisches Mädchen. Und der Schlag ging wie von allein auf. Da stieg er ein. Mit zwanzig Mark in der Tasche, dachte er, märe das eine gerechte Sache. Er wollte sich das Kind ansehen, wer es wohl war. Er schaute auf den Boden neben bem Sitz. Etwas Zerbrochenes war ba unten. Er hob es auf — ah, natürlich, bas waren Tonscherben, unb' ba brinnen würbe bann Tonzeug verkauft, also war bas selbstverstänb- lich eine Kunstgewerblerin. Jetzt wollte er sitzenbleiben, unb wenn sie kam, würde er sagen: Fräulein, nehmen Sie mich mit, ich kauf' Ihnen ein Karnickel oder einen kleinen Affen ab! Denn auch bet hübschen Mädchen ist ja Geschäft Geschäft.
Voller Erwartung machte er sich unter dem Leinwanddach des Autos in der Ecke klein.
Da ging die Tür des Ladens auf, und eine dicke, freundliche Dame in Schwarz verabschiedete sich von einem großgewachsenen Herrn. Dieser lange Herr mit einem schwarzen Bart — Heinz bekam einen riesigen Schreck — ging auf das himmelblaue Auto mit den Blümchen zu, schob ein Paket in den Wagen, setzte sich ans Steuer — und fuhr ab. Und Heinz staunte. Dieser Mann also gehörte zu dem Auto, e r paßte zu der himmelblauen Farbe und den Blümchen und den Tonscherben und all' dem!
Aber nun — wie herauskommen? Heinz verhielt sich mäuschenstill. Er mußte abwarten. Und schließlich, die Fahrt war schon ein Tonkarnickel wert.
Es ging hinaus — da waren Schrebergärten, schließlich hielt der Wagen vor einem weiß- gestrichenen, sauberen Zaun, in dem eine Tür war, und über der Tür, auf einer Holzkehle, standen Blumentöpfe mit blauen Blumen und grünen Ranken, die wie Schleier herunterwehten. Darunter war ein Schild mit schwarzen Buchstaben: Kunsttöpferei! Die Tür tat sich auf, ein Mädchen mit blondem Haar in blauroeifegemürfeltem Dirndlgewand mit einer weißen Schürze um die Hüften, kam heraus: „Vati, was hast du mir mitgebracht?"
Der Mann mit dem schwarzen Bart schaute nach links und sagte mit einer tiefen, warmen Stimme: „Ja, mein Töchting, da guck selber nach!"
„Das ist ja ein junger Mann!" rief das Mädchen.
„Düwel ok!" sagte der Mann mit dem schwarzen Bart.
„Ich wollte einen von den schönen Hasen kaufen!"
bemerkte Heinz. Und er stieg aus, puterrot und verlegen —
Aber es war ein herrlicher Tag, die Luft war blau, und die Sonne lachte. Und darum lachten diese drei Menschen alsbald auch.
Mvier-Mend Georg Kuhlmann
Wenn Geor^ Kuhlmann den Verlauf seines gestrigen Klavierabends noch einmal überdenkt, fo wird er sicherlich nicht dabei übersehen, daß nach Chopins ^8-ckur-Ballade der Beifall am herzlichsten und stärksten war, einmal weil gerade bei Chopin seine rmrsikalischen und pianistischen Kräfte sich in voller Reife entfalten konnten, zum anbern aber weil nach den vorausgegangenen Stücken Chopins ursprüngliche musikalische Kraft um so unmittelbarer auf den Hörer wirkte.
Die Absicht Georg Kuhlmanns, sich aus dem Podium gerade solcher Werke anzunehmen, die bei den durchgängigen Vortragsfolgen der meisten Pianisten wenig Berücksichtigung 'finden, ist durchaus anerkennenswert. Er muß dann aber auch ben Faktor in Rechnung stellen, daß bei dem Hörer oft ein innerer Widerstand zu überwinden ist, sei es durch die fremde Rassebedingtheit der Werke, sei es durch den, wie im vorliegenden Falle, unferm Musikempfinden fremdartigen Stil. Daß ein Pianist aus dem Studium solcher Werke reichen Gewinn für sich haben kann, steht ebenso außer Zweifel, wie es das Beispiel Giesekings beweist, daß der Durchgang durch den modernen Klavierstil befruchtend aus die Erfassung anderer Stil- arten einwirken kann. Georg Kuhlmann hat sich ohne Zweifel mit dieser Auswahl die Wirkung eines durchaus in jeder Hinsicht sorgfältig vorbereiteten Klavierabends erschwert.
Der Gesamteindruck, den man von Georg Kuhlmanns technischem Können gewinnen konnte, war sicher überzeugend. Er meistert die größten Schwierigkeiten. Die Kraft seines Anschlages ist scheinbar unbegrenzt bis zum hämmernden, dröhnenden for- tissimo. Sein Passagenspiel ist ausgeglichen, wenn auch stellenweise die Kraft der linken Hand im Uebergewicht war. (Wie. weit dabei der Charakter des gespielten Flügels mitsprach, entzieht sich meiner Kenntnis.) Daß er eine schöne gesangliche Linie herausarbeiten kann, das bestätigte allermeist sein Chopinspiel. Hier traf auch eine reiche Nuancierungsfähigkeit des Tones wohltuend hervor. Dagegen in den Werken der Moderne war fein Stakkato verschiedentlich überpointiert hart. Die musikalische
Durchdringung der einzelnen Werke zeugte von hingebungsvoller Durcharbeitung; mit treffender Sicherheit vermochte er den Grundcharakter der einzelnen Werke einzufangen; ebenso wie er sich den einzelnen Stilen anzupassen imstande war. Dennoch wäre in vielen Fällen doch noch mehr auf eine reichere Abstufung der Durchgestaltung im einzelnen Gewicht zu legen.
Gerade die Klavierkunst des französischen Impressionismus erhält durch eine reiche Abtönung in der Farbigkeit des Anschlagklanges ihr eigentliches Wesen. Die gewählten Werke, D e b u s s y :'Tokkata, Maurice Ravel: Jeu d’eau, Prokofjew: Tokkata, stellen dem Spieler höchste Schwierigkeiten entgegen. Georg Kuhlmann zeigte sich chnen voll gewachsen, wenngleich eine schärfere Sublimierung des Klanges stellenweise erwünscht gewesen- wäre.
Besonderem Interesse begegnete die dreisätzige Sonate in F-dur von Gerhard Frommet, der zur Zeit als Kompositionslehrer am Dr. Hoch - schen Konservatorium in Frankfurt tätig ist. Als Schuler von Hans P f i tz n e r beschreitet er hier Wege, die sehr beachtenswerte Ansätze eines neuen werdenden Stils zeigen. Im Gegensatz zu den im Konzert vorausgegangenen, der reinen Klanglichst huldigenden Impressionisten spricht bei ' ihm ein starkes seelisches Moment mit. Das Seiten» ttyema des ersten satzes deutet auf eine neue Ge- fanglichkeit hin, die sich kontrastreich von dem Drmnatifch-Erregten abzeichnete. Ebenso ist das Finale voll starker, rhythmisch gestraffter Aufwal. langen in seiner rhapsodischen Haltung. Am reifsten und wohl aud) am eingängigsten in der Form war der zweite, langsame Satz.' Georg Kuhlmann hat die Sonate in Frankfurt zur Uraufführung gebracht, und auch hier war ihm mit diesem Werk der Erfolg sicher.
Den Auftakt zu dem Konzert bildete Schumanns Tokkata op. 7 mit ihren hohen technischen Schwierigkeiten; die Coda hätte das Thema in den Mittelstimmen noch plastischer heraustreten lassen können. Die letzte der acht Noveletten aus op. 21 in fis-moll erstand mit ihrem reichen Wechsel der Stimmungen, mennglcid) auch hier noch mehr Nachgiebigkeit an einzelnen Stellen angebracht gewesen wäre.
Georg K » h l m a n n ist ein Pianist von bereits sehr beachtlichen Fähigkeit, seine weitere Entwickelung zu verfolgen, verdient stärkstes Interesse; das bestätigt der ehrlich errungene Erfolg des gestrigen Abends. Dr. Hg.


