Nr. 183 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Zreitag, 7. August 1936
XL OLYMPISCHE SPIELE W
Deutschland kam gestern zu großen olympischen Ehren. Drei Goldene Medaillen wurden errungen. Oblt Handrick gewann den Modernen Fünfkampf überlegen. Stock siegte völlig überraschend im Speerwurf. Im Schnellfeuer- Pistolenschießen kam van Oy en zum Sieg. Im gleichen Wettbewerb errang Oberleutnant Hax die „Silberne". Anni Steuer wurde Zweite im 80-m-Hürdenlauf der Frauen. Ein wahrhaft großer Tag der deutschen Olympia-Kämpfer.
BERLIN 1936
;W
es
eS-Ü
M
_
Bei den Endkämpfen im Speerwerfen am Donnerstagnachmittag gelang es dem deutschen Vertreter Stöck, gegen allerschwerste Konkurrenz die Goldmedaille im Speerwerfen zu gewinnen. Hier sieht man den Olympiasieger bei einem seiner hervorragenden Würfe. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
Olympiasieber.
Berlin, 6. August.
Die Glücklichen, die Zeugen des Geschehens dieser Tage in Berlin waren und es noch sind, erklären einmütig, gleich in welcher Sprache, daß das Geschaute und Gehörte sie überwältigt habe, daß sie noch wie im Traume wandelten und Zeit gebrauchten, das Erlebte zu begreifen und zu verarbeiten.
Man könnte, ohne zu übertreiben, behaupten, daß die Fäden der Organisation der Olympischen Spiele bis in jede Berliner Wohnung dringen und daß fast jeder Berliner mit an dem Gelingen dieser Festtage beiträgt. An den stärksten Brandungen des Verkehrs stauen sich die O l y m p i a g ä st e, nur um zu beobachten, wie der in seiner neuen weißen Uniform prächtig ausschauende Verkehrsschupo den Verkehr regelt und durch nichts aus seiner Ruhe zu bringen ist. Mit unerschütterlicher Freundlichkeit beantworten die Dolmetscher-Schupos die Wißbegier der Ausländer, wie denn überhaupt die Gäste begeistert über die Hilfsbereitschaft der Berliner sind.
Richt minder schwere Tage verlebt jetzt die Presse, aber auch ihre Organisation klappt wie am Schnürchen. Eine Sehenswürdigkeit für sich ist die Organisation auf dem Reichssportfeld, Das Heranbringen und der Abtransport der Massen, die Verpflegung, die Feststellung der Kampfergebnisse bis auf eine Tausendstel Sekunde. Alle irgend nur denkbaren Störungen sind von vornherein berücksichtigt worden. Leider ist das Wetter nicht mit in die Organisation einbegriffen, aber gelegentliche Regenschauern werden mit wasserdichten Papiermänteln unwirksam gemacht, können vor allem die Stimmung nicht beeinträchtigen.
Doch wie groß auch zur Zeit der Besuch sein mag, Zimmer sind immer noch zu haben, auch ohne Vorbestellung, und die sind gut aufgehoben, die in einem Berliner Privatquartier untergebracht werden. Ausländern kann man nichts Besseres wünschen, denn so erhalten sie am besten einen Begriff von der Denk- und Lebensart des deutschen Volkes. Freundschaften werden geknüpft, die weit über die festliche Veranlassung hinausreichen und die Völker einander weit besser nähern, als es durch diplomatische Roten möglich ist.
Es ist Ehrensache, einen Olympiagast zu betreuen, ihn zu führen, ihm wertvolle Ratschläge zu erteilen und ihm den Aufenthalt in der Familie so behaglich als möglich zu machen. Ob dabei auch ein kleiner finanzieller Nutzen herausspringt — die durchaus mäßigen Preise sind ja amtlich vorgeschrieben —, ist mehr als zweifelhaft, auch nicht
so wichtig. Erstaunlich, wie die Ausländer schon bei ihrem Eintreffen über Berlin Bescheid wissen und sich auch meist ein genaues Programm aufgestellt haben. Nicht erstaunlich, wenn man ihre Prospekte sieht, die ihnen vom Olympia-Komitee ihres Landes zugesandt wurden. Es wird viel gekauft, besonders Andenken an Berlin und an die Olympiade, auch Kameras und was dazu gehört, denn es wird unheimlich geknipst, vor allem natürlich auf dem Reichssportfeld felbst.
Die Deutschland-Ausstellung erfreut sich eines starken Besuches, auch die Ausflüge in Berlins schöne Umgebung und in die Mark sind sehr beliebt. Abends aber und auch nachts flutet eine unabsehbare Menge durch die hellen Straßen und immer wieder geht es zum Mittelpunkt der Reichshauptstadt, nach den „Linden" und nach dem „Wilhelms- platz", um den Führer zu sehen. Wenn dann die letzten Zeitungsausgaben mit dem ausführlichen Tagessportbericht erscheinen, brauchen die Händler sie nicht erst auszurufen, in kurzer Zeit sind die hohen Zeitungsstapel umgesetzt. Sehr zweckmäßig haben sich auch die großen auf Plätzen und Straßen angebrachten Lautsprecher erwiesen, die auch die eiligen Straßengänger stets über die Lage au den Sportkampfplätzen unterrichten. In der Turnhalle des Sportfeldes kämpfen die „elektrischen Ritter", die Fechter, sogenannt nach dem elektrischen Strom, der jedesmal, wenn die Degenspitze den Körper des Gegners berührt, ein Glockensignal auslöst. Jeder Stich kann daher unfehlbar von den Kampfrichtern wahrgenommen und verbucht werden.
Die ausländischen Gäste haben eine wahre Sammelleidenschaft nach deutschen Abzeichen, die sie für die schönsten Andenken an die Berliner Tage erklären, die sie mit in die Heimat bringen könnten. Andererseits machen die Berliner Jungens und Mädels Jagd nach Autogrammen, besonders, wenn die Gäste etwas exotisch aussehen und überhaupt als Ausländer erkannt werden. Im Interesse der Gäste möchte man wünschen, daß dieser Auto- grammsport eingedämmt würde.
Selbstverständlich werden Riesenmengen von Postkarten mit den schönen Olympiamarken versandt, womöglich mit dem Stempel vom Reichssportfeld. Die Postoerwaltung muß Großes leisten und hat zu ihrer Unterstützung fünf fahrbare Post- ämter erhalten. Das ist das Charakteristische der deutschen Organisation, sie ist elastisch wie Gummi und imstande, sich blitzschnell einer veränderten Lage anzupassen. So wenig Zweifel darüber entstehen kann, daß unsere Kämpferinnen und Kämpfer ehrenvoll abschneiden werden, so gewiß ist auch, daß das deutsche Volk in der Kritik des Auslandes einen vollen Sieg erringen wird.
Olympischer Zeitplan für Samstag.
Leichtathletik.
10 Uhr: Zehnkampf, 110 Meter Hürden; 11: Zehnkampf, Diskuswerfen; 15: Zehnkampf, Stabhochsprung; 4 mal 100-Meter-Staffel (3 Dorläufe); 15.30: 4 mal 100-Meter-Staffel, Frauen (2 Dorläufe); 16: 3000 Meter Hindernislauf (Entscheidung); 16.30: Zehnkampf, Speerwerfen; 4 mal 400- Meter-Staffel (3 Vorläufe): 17.30: Zehnkampf, 1500-Meter-Lauf; 18.15: Vorführung: Schweden; Sieger-Zeremonien, jeweils Olympia-Stadion.
Schwimmen.
9 Uhr: 100-Meter-Freistil (7 Vorläufe); 10: 200 Meter Brust, Frauen (4 Vorläufe); 11.25: Wasserball-Dorrunden: Belgien — Uruguay, Holland gegen USA., Ungarn — Jugoslawien, Malta — Großbritannien; 15: Deutschland — Frankreich, Tschechoslowakei— Japan, Schweden — Oesterreich, Island-Schweiz; 100 Meter Freistil, Frauen (fünf Dorläufe); 100 Meter Freistil, Männer (Zwischenläufe), jeweils im Schwimm-Stadion.
14 Uhr: Polo-Endspiel, Maifeld.
16.30 Uhr: Hock e y-Turnier, Dorrunde: Deutschland— Dänemark, Spanien — Afghanistan, Hockey- Stadion.
9 Uhr: Fechten, Degen; 10.30 und 13: Mann- schaftskämpfe-Vorschlußrunde; 15: Endrunde, Tennis-Stadion.
16 Uhr: Basketball (Ausscheidungsspiele), Tennis-Stadion.
10 und 19 Uhr: Ringen (griech.-römisch), Vor- entscheidung, Deutschlandhalle.
17.30: Fußball- Zwischenrunde, Post-Stadion und Hertha-Platz.
17.15 Uhr: Handball-Vorrunde: Deutschland — USA., Polizei-Stadion; Oesterreich gegen Schweiz, BSV.-Platz.
18 Uhr: Radrennen : 2 - km -T andemfahren (Zwischenläufe und Endlauf), 4 - km - Verfolgungsrennen (Zwischenläufe und Endlauf), 1 - km - Zeitfahren (Endlauf), Schau-Vorführungen, jeweils im Rad-Stadion. .
9.30 Uhr: K a n u - Kurzstreckenregatta (Vorlaufe); 15: Kajak-Einer; 15.30: Kanadier-Zweier, Kenter- Vorführungen; 16.30: Kajak - Zweier; 17: Ka-
nadier-Einer; 17.30: Kajak-Vierer (Vorführung), Grünau.
8.30 und 15 Uhr: Schießen, Kleinkaliber, Wannsee.
10.30 Uhr: Segeln, Kieler Förde.
Die Siegerinnen im Florettfechten.
Im Florettfechten für Frauen siegten Ellen Preis, Oesterreich (Bronzene Medaille), Helene Mayer, Deutschland (Silberne Medaille) und Schacherer- El e k, Ungarn (Goldene Medaille^.
(Presse-Bild-Zentrale-M.)
Bei der letzten Ausscheidung des Modernen Fünfkampfes siegte im Geländelauf Oberleutnant Handrick. Damit gewann er eine Goldmedaille für Deutschland. Hier sieht man Oberlt. H a n d r i ck (rechts), wie er nach seinem Siege von Reichskriegsminister Generalfeldmarschall v. Blomberg beglückwünscht wird.
(Presse - Jllustrationen- Hoffmann - M)
So sieht eine Siegerehrung für Mannschaften aus.
1
y-~.
W'
V
U vXM TM
Hier ein Bild von der Ehrung der Sieger im Florettfechten für Mannschaften. In der Mitte Italien als Gewinner der Goldmedaille, hinten Frankreichals Gewinner der Silbernen und vorn Deutschland als Inhaber der Bronzenen Medaille. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
Slölks herrlicher Sieg.
Nordlands Speerwerfer-Elite geschlagen.— Eine unerwartete „Goldene" für Deutschland.
Eine herrliche Botschaft für Deutschland kommt aus der „Deutschen Kampbahn" in Berlin: Gerhard Stöck ist Olympia-Sieger im Speerwerfen geworden. Gerhard Stöck hat die Skandinavier, hat den großen „Matti" Järoinen im entscheidenden Augenblick, als es um die Ehre und die Goldene Medaille ging, geschlagen? In der Entscheidung des Speerwerfens standen: Nikkanen (Finnland) mit einer Dorkampfleistung von 70,77 Meter, Atterwall (Schweden) mit 69,20 Meter, Järvinnen (Finnland) mit 69,18 Meter, Toioonen (Finnland) mit 68,76 Meter, Stöck (Deutschland) mit 68,11 Meter, Terry (USA.) mit 67,15 Meter. Ein heftiger Seitenwind verhinderte, daß im ersten Durchgang irgend einer der Sechs seine Vorkampfleistung erreichte. Stöcks Wurf lag bei 66 Meter. Toioonen trat über. Plötzlich brach mit grellem Licht die Sonne durch die Wolken und der Wind hatte etwas nachgelassen, als man zum zweiten Durchgang antrat. Der Amerikaner Terry kam auf 65 Meter.
Stöck, der deutsche Zehnkämpfer, wurde von den Hunderttausend leidenschaftlich angefeuert mit dem Ruf: „Stöck, Stöck, Stöck, wirf den Speer noch weiter weg!"
Ruhig und in tiefer Konzentration versunken holte sich der Deutsche seinen Speer, kraftvoll war sein verhältnismäßig langer Anlauf, groß die letzten Schritte. In wundervoller Flugbahn, wieder nicht zu hoch, suchte sich der Speer seinen Weg über die weiß gezeichneten 60-, 65- und 70-Meter- Marken. Fast gleichzeitig mit dem Einschlag der Speerspitze in den grünen Rasen brachen die Hunderttausend in einen ungeheuren Jubel aus. Von allen Seiten kam es in die Kampfbahn: „Bravo Stöck, wir danken dir!" Mit 71,84 Meter hatte er das gesamte Feld der Skandinavier vorerst einmal geschlagen. Doller Begeisterung und Freude über seine grandiose Leistung grüßte der Deutsche zur Ehrenloge hinauf, wo der Führer
und seine Begleitung dem jungen Deutschen Beifall zollten.
Bange Minuten durchlebten die Menschen im weiten Rund des Stadions, viel mehr aber noch Gerhard Stöck. Würde einer der Skandinavier oder gar der Amerikaner weiter kommen? Nach Stöck, der im dritten Wurf rund 66 Meter erzielte, warfen noch die Skandinavier. Die Gedanken vieler fchweis- ten zurück nach Los Angeles. Auch hier hatte Wei- mann damals den Olympischen Rekord verbessert, auch hier warfen nach ihm noch die Finnen und — schlugen ihn. Würde es wieder so kommen? Nein! Toioonen hatte schon die Nerven verloren und trat über; Atterwall, Nikkanen und selbst „Matti" Järvinnen, Finnlands großer Weltrekordmann und Sieger von Los Angeles, waren nicht mehr imstande, die großartige Leistung Stöcks zu überbieten. Sie besaßen nicht mehr Kraft und Konzentration genug.
Kaum hatte Nikkanen den letzten Wurf getan, da stürzte alles auf Gerhard Stöck zu und gratulierte ihm zu diesem unerwarteten Sieg. Eine wunderbare Fügung des Schicksals! Jahrelang hatte Stöck bei den Deutschen Meisterschaften großes Pech. Fast immer wurde er, knapp geschlagen, Zweiter. Der Olympische Sieg aber vor den Augen des Führers war eine Entschädigung, wie sie großartiger nicht sein konnte.
Zwei Medaillen für Japan im Dreisprung.
Dor Beginn der Dreisprung-Entscheidung findet die Siegerehrung im 80-Meter-Hür- denlauf und Freistilringen statt. Im Endkampf gab es dann gleich im ersten Durchgang eine Sensation: Naoto Tajima (Japan) sprang 16 Meter weit. Sein Landsmann Harada erreichte 15,66 Meter, während sich der Australier Metcalfe mit einem Sprung von 15,50 Meter die Bronzene Medaille holte. Wöllner (Deutschland) belegte mit 15,27 Meter den vierten Platz.


