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186. ^ay?gang

Nr. 128 Erstes Blatt

_______ _ ___ __ Zreitag, 5.Juni 1936

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Giessener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Das neue französische Kabineti.

Paris, 6. Juni. (DNB.) Der Vorsitzende der Sozialistischen Partei, Leon Blum, hatte eine Besprechung mit dem Präsidenten der Republik Lebrun. Dabei wurde Leon Blum mit der Kabinettsbildung beauftragt. Anschlie­ßend besprach er sich mit den Vorsitzenden der bei­den Kammern. Darauf begab er sich mit den neuen Kabinettsmitgliedern in das Elysee, um seine Regierung dem Staatspräsidenten vor­zustellen. Das Kabinett L6on Blum hat folgende Zusammensetzung:

Mnislerpräsidenl: Leon Blum (soz.);

drei Slaalsminisler: Lhaulemps (Rad. soz.), Paul Favre und Violette (soz.);

Aeußeres: von Delbos (Rad.soz.);

Landesverteidigung und Krieg, gleichzeitig stell­vertretender Ministerpräsident: D a l a d i e r (Rad. soz.);

Kriegsmarine: Gasnler-Duparc (Rad.soz.); Lustfahrt: Pierre Lok (Rad. soz.);

Inneres: Salengro (soz.);

Justiz: Marc Rucart (Rad.soz.);

Rationale Erziehung: Jean Z ay (Rad. soz.);

Finanzen: Vincent Auriol (soz.);

Rationale Wirtschaft: S p i n a s s e (soz.); handel: B a st i d (Rad. soz.);

Oeffentliche Arbeiten: Albert Bedouce (soz.);

Kolonien: Marius M o u t e t (soz.);

Post: Jarditlier (soz.);

Landwirtschaft: Georges M o n n e t (soz.);

Pensionen: Albert Ri viere (soz.);

Arbeit: L e b a s (soz.);

Volksgesundheit: Henry S ellier (soz.).

Ferner wurden eine Anzahl Staatssekre­täre ernannt, unter ihnen drei Frauen. So wurde Frau I o l l i o t - C u r i e , die bekannte Nobel-Preisträgerin, Unterstaatssekretärin für wis­senschaftliche Forschung. Die Regierung Leon Blums, die 102. Regierung der Dritten Französischen Republik, ist die er sie von einem Sozia- listen gebildete Regierung. Sie umfaßt 36 Minister und Unterstaatssekretäre, bzw. Ober­kommissare. Fünf Regierungsmitglieder gehören dem Senat an, 27 der Kammer und 4 sind Nicht­parlamentarier (der Staatsminister Paul Faure und die drei weiblichen Staatssekretäre). Zum ersten Male nehmen an einer französischen Regierung Frauen teil. Vier Mitglieder des Kabinetts Lson Blum waren bereits Mitglieder des letzten Kabinetts Sarraut (Delbos, Chautemps, Zay und Julien). Alle übrigen Mitglieder des Kabinetts mit Ausnahme von Violette, Daladier, Cot und de Tes- sand sind zum er st en Male Mitglieder einer Regierung einschließlich L6on Blums und aller seiner sozialistischen Parteigenossen.

Blum

erläutert feine KabMttsbüdung.

Paris, 5. Juni. (DNB.) Neben dem Kabinett sind fünf mini st erteile Koordinations- Komitees geschaffen worden:

1. für die Landesverteidigung unter dem Vorsitz des Landesverteidigungs- und Kriegsministers Daladier,

2. für die allgemeine Verwaltung unter dem Vorsitz des Innenministers Salengro,

3. für nationale Wirtschaft unter dem Vorsitz des Ministers für Nationale Wirtschaft Spinnasse,

4. für auswärtige Beziehungen unter dem Vorsitz des Außenminister Delbos,

5. für soziale Solidarität unter dem Vorsitz des Arbeitsministers L e b a s.

L6on Blum erklärte der Presse, die Minister­liste enthalte eine Neuheit, der er große Bedeutung beimesse, die Hinzuziehung von drei Frauen. Die Tatsache, daß man eine Regierung aus mehreren Parteien bilde, habe leicht verständ­lichen Verpflichtungen zur Folge gehabt es sei eine Zahl neuer Amts stellen geschaffen, die nach Maßgabe des allgemeinen Interesses entwickelt wer­den sollen, so für Spor Feierabendge- staltung, Kinderschutz und Leibeser- tüchtigüng. Es sei sicherlich ausgefallen, daß die Ministerlifte anders zusammengestellt fei als bis­her. Das habe er getan, nicht aus der Sucht nach Originalität, sondern aus sehr ernsten Erwägun­gen. Die logische Verteilung der Betätigung der Mi­nister werde eine tiefgründige Verwaltungs­reform dadurch erleichtern, daß die Arbeit vor­her zusammengefaßt und richtig eingeteilt werde. Er hoffe, noch mehr machen zu können nach Maß­gabe der Dauer seiner Regierung. Die großen Züge des Programms, das er zu verwirklichen beabsichtige, fei bekannt. Die Regierung werde sich am Samstag den Kammern vvrstellen. Am Freitag um 12,30 Uhr werde er eine R und fun V ansprache über die innere Lage und den Streik halten.

Herriot Kammerpräsident.

P a r i s , 4. Juni. (DNB.) Am Donnerstagnach­mittag nahm die Kammer die namentliche Abstiim mung über die Wahl des Präsidenten vor. Danach ist h e r r i o t m i t 3 7 7 S t i m m e n z u m K a m- merpräsidenten gewählt worden. Der rechtsgerichtete Abgeordnete ® a a * e_r c ! * 5 Stimmen. Bereits einmal, im Jahre 1925, hat her- riot den Vorsitz der Kammer innegehabt. Als Kam­

merpräsident hat er sogar einmal eine Regierung gestürzt, indem er für kurze Zeit das Präsidium einem Stellvertreter überließ und als Abgeordne­ter den damaligen Ministerpräsidenten B r i a n d in einer entscheidenden Rede angriff und stürzte.

Herriot ist 1872 geboren. 1912 wurde er als Bürgermeister von Lyon in den Senat gewählt. 1915 trat er als Transport- und Ernährungs­minister in das Kabinett Briand ein. 1924 wurde er zum erstenmal Ministerpräsident. Nach seinem Sturz 1925 übernahm er den Posten des Kammer­präsidenten und wurde, nachdem er Briand gestürzt hatte, für vier Tage zum zweitenmal Ministerpräsi­dent. Unter Poincare war er Erziehungsminister. 1928 ging er in die Opposition. Dann bildete er Juli 1932 zum drittenmal ein Ministerium, das aber schon im Dezember über die Frage der fran­

zösischen Schulden an Amerika stürzte. Bis vor wenigen Monaten war Herriot Vorsitzender der Radikalsozialistischen Partei.

Eine Botschaft Blums an England

London, 5. Juni. (DNB. Funkspruch.) In einer Unterredung mit dem Pariser Reuter-Korrespon­denten, hat der neue französische Ministerpräsident Leon Blum folgende Botschaft an die Bevölke­rung Großbritanniens gerichtet:

Die neue französische Regierung wird in enger Zusammenarbeit mit der britischen Demokratie bestrebt sein, dem internatio­nalen Recht Achtung zu sichern und die tat­sächliche kollektive Sicherheit durch g e - genfeitigen Beistand und eine Beendi­gung des Wettrüstens zu organisieren.

Verschärfte Streiklage in Frankreich.

Paris, 4. Juni. (DNB.) Der Streik breitete sich am Donnerstagabend noch weiter aus. Jetzt haben auch die Zeitungskioskbesitzer und Zeitungs­verkäufer beschlossen, von Freitagmorgen ab die Arbeit niederzulegen. Der Verband der Pariser Zeitungsverleger beschloß Donnerstag nachmittag, bis Freitag um 24 Uhr keine Blätter erscheinen zu lassen. Ein Warenhaus im Zentrum der Stadt und ein großes Einheits­preisgeschäft sind von den Angestelltenbe­setzt" worden. Es ist anzunehmen, daß dies noch mit anderen Warenhäusern geschehen wird. In zahlreichen weiteren Geschäften, darunter Lebens- mittelläden mit mehreren Zweigstellen, strei­ken die Angestellten ebenfalls. Die Verhandlungen zwischen den Benzintransportarbeitern und den Großtankstellen-Unternehmern haben zu keinem Ergebnis geführt. Man versichert, daß Paris für acht Stunden mit Treib­stoff versorgt sei, so daß der Kraftwagen- und Autobusverkehr bis zur endgültigen Einigung aufrechterhalten werden kann. Die Vertreter der Arbeiter und Angestellten der Müllabfuhr- Gesellschaft wollen ebenfalls einen Streikbe­schluß fassen.

Heute in Paris nur 6 Zeitungen erschienen.

Paris, 5. Juni. (DNB. Funkspruch.) Der Be­schluß der Pariser Zeitungsoerleger, am Freitag keine Blätter erscheinen zu lassen, weil die Mög­lichkeit dazu doch nicht vorhanden ist, hat bewirkt, daß am Freitag früh von sonst täglich etwa 30 Zeitungen nur 6 erschienen sind. Die großen Pariser Zeitungen sind nicht heraus­gekommen. Es erscheinen der sozialistischePopu- laire", das GewerkschaftsblattLe Peuple", die kommunistischeHumanitö", die radikalsozialistische Republique", die linksrepublikanischen Kreisen nahe­stehendeConcorde" und die royalistischeAction Franxaise".

Von den Nahrungsmittelbetrieben sind 15 Firmen von der Streikbewegung betroffen. In der Nacht zum Freitag wurde in den großen Pariser Markthallen gearbeitet. Zwischen den Ar­beitern und der Leitung der Kühlhaus-Gesellschaft ist eine Einigung über Lohnerhöhungen und Ur­laubsfragen erzielt worden. Die Arbeit wurde wieder aufgenommen. In den Renault- Automobilwerken hatten die Arbeiter nach Pfingsten die Arbeit wieder ausgenommen, weil sie ihre Forderungen einschließlich eines Rahmen­tarifs durch gefetzt hatten. Anscheinend infolge der veränderten Lage und der erneuten Ausbreitung des Streiks ist nun aber die Unterzeichnung dieses Rahmenvertrages am Donnerstag unterblie­ben. Diese Tatsache hat die Arbeiter von Renault bestimmt, einen neuen Streik zu beginnen. Am Donnerstagabend haben die Streikenden sich in den Werken häuslich eingerichtet. Frauen, Kinder und alte Arbeiter wurden über Nacht nach Hause geschickt, werden aber am Freitag früh wieder erscheinen, um sich auch an dersym­bolischen Besetzung" zu beteiligen.

lieber die Streiklage in d er Provinz ist zu berichten: In Reims haben 1200 Arbeiter und Angestellte von fünf Firmen der Nahrungsmittel­industrie für Freitag den Streik beschlossen, der in seinen Auswirkungen 5000 Arbeitnehmer betreffen wird. Im nordfranzösischen Textilgebiet R o u - baix-Tourcoing sind zahlreiche Firmen still- gelegt. In der Gegend von Valenciennes streiken etwa 12 000 Metallarbeiter und Bergleute. Dagegen kam im Grubenbezirk von Lens nach vierstündigen Verhandlungen eine Einigung zu­stande. Die Arbeiter der Pariser Autoreifenfabrik Hutchinson, die streiken, haben am Donnerstag auch dafür gesorgt, daß die Zweigstelle der Hutchinson- Werke in Montargis stillgelegt wird.

Die Forderungen der Metallarbeiter.

Paris, 5. Juni. (DNB. Funkspruch.) Die kom­munistischeHumanite" druckt den Wortlaut des Rahmenvertrages für die Metallindustrie ab, den die Arbeiter am Freitag in den einzelnen Betrie­ben durchsetzen wollen. Der Vertrag ist auf ein Jahr bemessen und sieht das freie Organi­sationsrecht der Arbeiter in den Gewerkschaf­

ten, die Einführung von Betriebsräten in jedem Betriebe von über 10 Arbeitern, zwei Wochen bezahlten Urlaub bei einjähriger Werkszugehörigkeit, Dienstreisen in der zweiten Wagenklasse und anderes mehr vor. Der geforderte Stundenlohn bewegt sich zwischen mindestens 25 Francs 25 und 8 Francs 50, Arbeiter über 18 Jahren sollen den Lohn der Er­wachsenen erhalten.

Der,,Temps" fordert Eingreifen BW

Paris, 4. Juni. (DNB.) DerTemps" erklärt, daß die Anarchie nun lange genug ge- dauert habe". Man müsse den Mut haben anzu> erkennen, daß man vor einer Bewegung stehe, die Revolutionsmanövern ähnlich sehe. Aus vielen Pariser Fabriken wehe die rote Fahne. Die Lähmung der Industrie in der Provinz schreite fort. Die Erregung dehne sich langsam auch aus öffentliche Unternehmungen aus. Aßes gehe vor sich, als ob eine geheimnisvolle und mächtige Regierung neben der lega - len Regierung herrsche. Die Gewerkschafts- Organisationen seien vom Strom überrannt, ebenso die sozialistischen und kommunistischen Unterhändler. Hingegen erkläre sich die Partei der Dritten Internationale mit der Streikbewegung solidarisch, ebenso wie es der sozialistische Parteikongreß getan habe.

Das Blatt fragt, was inzwischen d i e legale Regierung unternehme. Diese revolutionäre und anarchistische Lage könne nicht andauern, ohne Frankreich in die Gefahr eines Chaos zu stürzen. Das Land könne nicht warten. In diesem Augenblick handele es sich darum, daß Leon Blum regieren müsse, und daß er die tatsäch­liche Verantwortung der Macht übenehme. Die Regierung der Volksfront müsse nun wissen, was sie tun wolle. Sie müsse es sagen, und sie müsse handeln.

Das Echo in London

London, 5. Juni. (DNB. Funkspruch.) Das Hauptinteresse der Londoner Morgenblätter sind der Frage, wie der neue französische Ministerpräsident die kritische Lage meistern werde, die durch die im­mer weiter um sich greifende Streikbewegung und den drohenden Währungsverfall noch schwieriger geworden sei. DieTimes" weist daraus hin, daß der Streik dem Vertrauen in die Stabilität des Franc einen schweren Schlag versetzt hätten. Allerdings sei der Währungsverfall durch rasche Hilfsmaßnahmen fremder Währungen aufgehalten worden, eine Besserung von Dauer sei aber nur durch die Wiederher st ellung des Ver­trauens in den Franc möglich, die wieder­um von der Herbeiführung der finanziellen, wirt­schaftlichen und sozialen Stabilität abhänge. Die dringende Aufgabe für das Kabinett Leon Blum heiße: Wiederherstellung der Ordnung und Ankurbelung der unterbrochenen industriellen Arbeit.

Daily Telegraph" schreibt, die Anhänger des Ministerpräsidenten, dienicht schnell genug" auf die neue sozialistische Herrschaft in Frankreich hätten hindrängen können, seien über die Entwick­lung besorgt, niemals habe ein Kabinettschef soviel Veranlassung zu dem Wunsche gehabt, daß er vor seinen Freunden bewahrt sein müßte wie Leon Blum. So wie die Dinge lägen, sei die Regierung gezwungen, ihre ganze Aufmerksamkeit mehr auf die Wiederher st ellung eines normalen Lebens im Lande zu richten als auf die Verwirk­lichung jener sozialistischen Ideale, die eine so her­vorragende Rolle im Wahlfeldzug gespielt hätten.

Lieber 11 Millionen Arbeitslose in den Vereinigten Staaten.

N e u y 0 r k, 5. Juni. (DNB. Funkspruch.) Wil­liam G r e e n , der Präsident des amerikanischen Ge­werkschaftsverbandes, erklärte in einem Schreiben an dieNew York Sun", daß nach einer Schätzung des Verbandes die Erwerbslosenzahl im April 11 506 000 betragen habe gegenüber einer Schätzung dieses Blattes in Höhe von nur 3 393 000 Arbeitslosen. Sun" erwiderte darauf, sie hätte stets betont, daß ihre Schätzung nicht die Landwirtschaft sowie gewisse andere Berufsstände umfasse.

Die Familie als nationaler Faktor.

In Köln findet vom 6. bis 8. Juni in Anwesenheit führender Männer von Partei und Staat die Tagung des Reichs­bundes der Kinderreichen statt, zu der etwa 50 000 Personen erscheinen werden. Das Bevölkerungsproblem ist heute eine Ange­legenheit aller Kulturstaaten geworden. Bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts schien die Bevölke­rung ununterbrochen zuzunehmen. Sie stieg in Deutschland im Lauf von 100 Jahren von 20 Mill, auf 65 Millionen. Daraus entstand die Frage des Thomas Malt us, was geschehen könne, um dem Steigen des Geburtenüberschusses zu begegnen. In Deutschland wurden vor dem Weltkrieg jährlich fast zwei Millionen Kinder geboren, eine Zahl, die fast der Einwohnerzahl von Baden ent­sprach. Der Ueberschuß über die Todesfälle betrug damals 800- bis 900 000 Köpfe. Welcher Um­schwung eingetreten ist, beweist die Tatsache, daß 1933 die Geburtenziffer nur noch 970000 be­trug. Wenn die Folgen dieses Wandels noch nicht stärker hervorgetreten sind, so ist das allein der längeren Lebensdauer der heutigen Men­schen zu danken. In den 70er Jahren betrug das Durchschnittsalter der Männer 35 Jahre, es ist auf 47 Jahre gestiegen. Diese Zahlen stellen einen Triumph der deutschen Sozialpolitik, der medizini­schen und hygienischen Fortschritte dar. Sie haben aber d i e sinkende Geburtenzahl nur verschleiert. Es kommt jetzt logischerweise eine Periode, in der die Sterblichkeit prozentual an­wachsen muß, womit der Ueberschuß der Todeszif­fern über die Geburtenziffer offenkundig wird. Auf die andere Seite dieses Vorganges, daß wir ein vergreisendes Volk" zu werden drohen, hat Pro­fessor Burgdörfer in seinen verdienstvollen Schrif­ten hingewiesen. Auch unsere sozialen Versicherun­gen wissen davon zu berichten, weil die Anwärter­zahl auf Renten steigt, während der junge Nach­wuchs, der als Beitragszahler in Frage komme, zu gering ist, ein Vorgang, der durch die Arbeits­losigkeit bis 1933 noch verschärft wurde. Jedenfalls hatten wir in Deutschland 1933 nur noch einen Ge­burtenüberschuß von 233 000, ein Viertel so viel, wie in den Jahren vor dem Kriege.

Um das Jahr 1840 entfielen in Deutschland jähr­lich auf 1000 Einwohner 40 Lebendgeburten, 1933 waren es noch 14,7. Würde die Entwicklung in die­ser Weise anhalten, so würde Deutschland infolge der längeren Lebensdauer zwar in einigen Jahren auf 70 Millionen Einwohner steigen, dann aber nach dem Absinken der Reserven aus den alten Jahrgängen um einige Millionen zurückgehen. Die Kurve nimmt keinen einheitlichen Verlauf. So hat z. B. Berlin im Jahre 1933 nur eine Geburtenzahl von 8,7 von Tausend, also erheblich weniger als der Reichsdurchschnitt, die umliegende Mark Branden­burg eine solche von 14 pro Tausend. Im allgemei­nen gilt das Wort, daß die Großstädte das Grab der Völker seien. Daß das nicht in jedem Falle zu­trifft, beweist aber das Ruhrgebiet, das trotz seines eng besiedelten Raumes über dem Durchschnitt der Geburtenzahl steht. Wie Prof. Most in seiner neuen Schrift über die Bevölkerungspolitik nachweift, ist das liebel aber auch auf das flache Land gedrun­gen, auf dem in den letzten Jahren die Bevölke­rungszahlen immer ungünstiger geworden sind.

Zum Glück hat auch auf diesem Gebiete der nationalsozialistische Staat eine neue Entwicklung eingeleitet. Er weiß, daß die wirtschaftlichen Bedingungen allein nicht genügen werden, um die Freude am Kind und an der Familie zu schaf­fen, daß aber die Beseitigung wirtschaftlicher Hin­dernisse sehr wohl zur Gründung neuer Familien beitragen werde. Aus dieser Er­kenntnis erfolgte die Einführung der Ehestands­darlehen. Der Erfolg hat denn auch alle Er­wartungen übertroffen. Die Folge war, daß das Jahr 1934 und 35 eine erfreuliche Steigerung der Eheschließungen und der Geburtenzahlen gebracht haben. Es folgten steuerliche Maßnahmen zugunsten großer Familien, darüber hinaus die Bereitstellung von Mitteln für bedürftige kinder­reiche Familien. Die Wohnungs - und Sied­lungspolitik, die Gedanken und Pläne der Auflockerung der Großstadt ufw. haben in erster Linie das Ziel im Auge, einem entwurzelten Ge­schlecht wieder eine Heimat zu geben, die am besten dort zu finden ist, wo gesunde Wohnung in Luft und Licht vorhanden ist, wo Kinder tummeln kön­nen und im Hausgarten die Freude an nützlicher Betätigung finden. Die volkswirtschaftlichen Weis­heiten der Malthusianer können heute als überholt gelten. Ein Volk mit wenig Kindern ist ein schlechter Verbraucher, verstärkt also die Arbeitslosigkeit. Die Zunahme der deutschen Bevölkerung im 19. Jahr- hundert dagegen war begleitet von dem stärksten wirtschaftlichen Aufstieg, den die deutsche Geschichte gesehen hat.

Die Siedlungspolitik der Städte, wenn sie auch bewußt die Vollfamilie mit mehr als vier Kindern bevorzugt, geht bereits von der Einsicht aus, daß materielle Vorteile an und für sich die Stagnation des Bevölkerungszuwachses nicht aufhalten können. Auch die Ehestandsdarlehen haben ihren rechten Zweck erst dann erfüllt, wenn zu dem ersten ober zweiten Kind das dritte oder vierte getreten ist, wenn aus der Kleinfamilie die Dollfamilie geworden ist. Das ist viel mehr ein sittliches und ethisches Problem als eine materielle Frage. Der Mut zum Leben und zur Lebensbehauptung eines Volkes muß in der Na­tion wie in der Seele des einzelnen Volksgenossen verankert sein. Dann wird er die scheinbare Be­haglichkeit des Daseins geringer schätzen als die