Das Kabinett Garraui und die neue Mehrheit
mer bekannt. Es haben von
Wer wird in der Volksfront führen?
leiden an der falschen Einschätzung des deutschen Position im europäischen
Wertes der Kräftespiel,
Das Echo des Wahlansgangs in England.
Wenig Hoffnung auf eine Aenderung der französischen Außenpolitik.
den Besuch Herriots in Moskau und den Abschluß des französisch-sowjetrussischen Paktes eine Aenderung der Politik der Kommunisten einqetreten sei.
Der „Daily Expreß" meint unter der Ueberschrift „Frankreich wird rot", einige Dinge in der Welt änderten sich nicht: der Tag, die Nacht und die französische Politik. — Die „Daily Mail" meint, daß die Kommunisten trotz ihrer 80 Sitze tatsächlich eine Minderheit darstellten. Die wirkliche Gefahr für Frankreich bestehe in der B i e l h e i t d e r Parteien, die die Bildung einer starken und stabilen Regierung, wie sie das Land nötig habe, sehr erschwere.
Der liberale „News E h r o n i c l e" schreibt, die Engländer wünschten heute vor allem die Einstellung der kommenden Lmtsregierung in Frank-
Zeichen dafür, daß er versuchen wolle, sich auch in der neuen Kammer zu behaupten.
Der „Matin" fragt sich, welche Haltung d i e Radikalsozialisten, die aus Dummheit eine beispiellose Niederlage erlitten hätten, einnehmcn werden. Die Sozialisten könnten kaum enttäuscht sein, wennn die Radikalsozialisten einem Kabinett unter sozialistischer Führung nur dieselbe Unterstützungspolitik ohne Eintritt in das Kabinett gewähren würden, wie sie die Sozialisten verschiedentlich radikalsozialistischen Kabinetten bewilligten.
Das „Echo de Paris" behandelt die kommunistische Gruppe als den vorwichtigen mäßigenden Teil der Volksfrontmehrheit. Es sei sehr wohl möglich, daß die Kommunisten einige Zeit lang mäßigend wirken. Moskau scheine für den Augenblick eine Schwächung Frankreichs zu fürchten, die einen europäischen Krieg entfesseln könnte, auf den die Sowjets sich nicht vorbereitet fühlen. Es sei aber fraglich, ob die Kommunisten ihre Anhänger bremsen können. Da das Land nun einmal für die Volksfront gestimmt habe, müsse es diese Erfahrung nun auch machen. Nur so könne man es dazu bringen, diesen Versuch bald zu bedauern.
Das „Journal" fragt sich, womit die Volksfrontleute die Staatskassen füllen wollten. Es gebe nur zwei Mittel, entweder das Geld und seine Eigentümer zu beruhigen oder sie zur Flucht zu zwingen. Das erste Mittel sei vielleicht nicht sehr demokratisch. Das zweite aber lasse die Demokratie des Hungers sterben. Wenn die künftige französische Volksfront-Regierung sich für den ersten Weg entscheide, verleugne sie sich. Wenn sie den zweiten Weg einschlage, begehe sie S e l b st m o r d. Wenn die Sieger der Kammerwahlen nicht wahnsinnig seien, dann könne Man erwarten, daß sie eine geradezu liebenswürdige Artigkeit und Mäßigung an den Tag legen werden. Seien sie aber „verrückt", dann würden sie es für lange sein.
pariser preffestimmen.
Paris, 5. Mai. (DNB. Funspruch.) Die Größe des Wahlsieges trifft, wie man aus den Stellungnahmen der Morgenpresse entnimmt, die Linksparteien für die Regierungsbildung nicht genügend vorbereitet. Zwar werden Kommunisten und Sozialisten unverzüglich Fühlung nehmen, um ein Mindestprogramm aufzustellen, aber noch ist nicht einmal die wichtige Frage entschieden, ob die Kommuni st en nicht doch in die Regierung eintreten mit der Begründung, daß es ihrer Stärke nicht entsprechen würde, wenn sie sich mit der anfänglich geplanten Unterstützung einer links betonten Regierung begnügten.
Der sozialistische „P o p u l a i r e", den man schon jetzt als das Sprachrohr einer Volksfront-Regierung ansehen kann, schreibt: Man spricht von Kapitalflucht, von Goldausfuhr, von Börsenma- növern im Sinne einer Panik, die die finanzielle Verlegenheit des Staates vergrößern soll. Die Franzosen, die diese verbrecherischen Rat- schlage befolgen, spielen ein gefährliches Spiel. Die Regierung von Morgen wird solche Handlungen sicher nicht ungestraft lassen.
Der „Populalre" will wissen, daß Postminister 7N a n d e l den Ministerpräsidenten Sarrauf zn dem Versuch dränge, auch nach dem Amtsantritt der neuen Kammer am Ruder zu bleiben. Rach den Berechnungen Wandels soll das Kabinett Sarrauf Aussichten haben, mit 40 Stimmen Mehrheit an der Regierung zu bleiben. Sarrauts Beschluß werde man nach dem Kablnettsrat vom Dienstag erfahren. Behalte er die bei den Wahlen unterlegenen fünf Minister im Kabinett, so deute das darauf hin, daß er ln den er st en Iunitagen den Gefamtrücktritt des Kabinetts einreichen werde. Ersehe Sarraut aber seht einen Teil der fünf nicht wieder gewählten kabinettsmitglieder, so wäre dies ein
Ordnung. Man glaubt, das schon das Erscheinen italienischer Flugzeuge am Montag über Addis Abeba beruhigend gewirkt habe, und nimmt an. daß die italienischen Truppen, die nach den letzten Nachrichten vorn Montagabend noch etliche 30 bis 40 Kilometer von der abessini- schen Hauptstadt entfernt sind, wohl am Mittwoch in Addis Abeba einziehen werden.
Englische Marinetruppen für Addis Abeba?
London, 5. Mai. (DNB. Funkspruch.) Nach Meldungen aus Aden sind am Montag die bei- den britischen Zerstörer „Decoy" und Dainty" von dort mit dem Ziel Dschibuti in See gegangen. In Aden ist das Gerücht verbreitet, auf den Zerstörern befinde sich britische Marineinfanterie, die als Hilfstruppe nach Addis Abeba gehen solle. Obwohl dies amtlich nicht bestätigt werde, werde es auch nichtbestrit - t e n ; das ganze Unternehmen werde äußerst geheimgehalten.
London, 5. Mai. (DNB. Funkspruch.) Die englische Moryenpresse äußert sich mit sorgenvoller Ungewißheit über das Ergebnis der französischen Wahlen. Die „Time s" meint, es sei zu früh, die Zusammensetzung der nächsten französischen Regierung vorauszusagen. Das hauptsächlichste Interesse der Welt sei, welche Wirkung die Wahlen auf die französische Außenpolitik haben werden und ob Frankreich nun leichter oder schwerer zu einer Verständigung mit Deutschland gelangen werde. — Der „Daily Telegraph" ist der Ansicht, das Problem für die neue französische Regierung werde darin bestehen, erträgliche Beziehungen mit Deutsch- land herzustellen, ohne die neue Freundschaft mit Sowjetrußland in Gefahr zu bringen. Die „Morning Post" meint, daß durch
den zum entwaffneten Frieden zu gelangen, und sieht die Möglichkeit zur Erreichung dieses Zieles in einem Abkommen über die Rüstungsbeschränkung und einer allgemeinen, gleichzeitigen und kontrollierten Abrüstung. Sie fordert ferner die Verstaatlichung der Kriegsindustrie und das Verbot des privaten Waffenhandels. Sie verneint die geheime Diplomatie und fordert ein internationales Vorgehen und öffentliche Verhandlungen, um alle Mächte nach Genf zurückzuführen. Einer der wichtigsten Punkte des außenpolitischen Programms der Volksfront ist die Forderung auf eine geschmeidigere Gestaltung der im Völkerbundspakt vorgesehenen Maßnahmen für die friedliche Angleichung von Verträgen, die für den Weltfrieden gefährlich werden könnten.
In dem wirtschaftlichen Programm der Volksfront steht an erster Stelle die Abkürzung der Arbeitswoche ohne Kürzung des Lohnes. Andere Forderungen betreffen den Schutz des Sparers, eine bessere Organisierung des Kreditwesens und Maßnahmen für eine durch- • greifende Finanzgesundung.
Bei eingehender Prüfung aller dieser Punkte, über deren praktische Durchführung einstweilen noch keinerlei tiefgreifender Meinungsaustausch unter den Mitgliedern der Volksfront stattgefunden hat, wird man feststellen müssen, daß sie entgegen der Ankündigung oft im Widerspruch zu m Pro- grarnm der einzelnen Parteien stehen. Es ist daher auch nicht von vornherein als eine Illusion anzusprechen, wenn man in Rechtskreisen gerade wegen des zu erwartenden kommunistischen Einflusses auf die Volksfront ein langsames Auseinanderfallen der Linksmehrheit erhofft und damit rechnet, daß sich der größte Teil der Radikal- sozialisten schließlich von dem Gespenst des Marxismus und Kommunismus abwendet und einen Mehrheitswechsel zugunsten der Rechten hervorruft.
rung die beste sein werde und die ausschließlich von der souveränen Autorität Italiens abhängen werde.
In der Kammer wandte sich der Präsident Graf C i a n o unter immer neuen Begeisterungsausbrüchen mit folgenden Worten an Mussolini: „Die Nation hat Ihren Appell gehört und das Blut ihrer besten Söhne dahingegeben. Sie e r - wartet jetzt die volle Belohnung für den vollständig errungenen Sieg. Keine menschliche Kraft, keine Koalition wird Italien die Frucht dieses großen Triumphes entreißen können. Niemand möge glauben, daß dem faschistischen Italien die Frucht dieses neuen glänzenden Unternehmens noch einmal aus den Händen gespielt werden kann. Aus den Krieg, der im Namen des Königs und unter der Regierung Mussolinis geführt wurde, muß der Friede folgen, wie wir ihn machen werden." Mussolini teilte mit, daß er bereits Befehl z u einem neuen G e - neralappell des italienischen Volkes gegeben habe. „Ich werde die Nachricht, die Ihr erwartet, dem italienischen Volke geben wie seinerzeit am 2. Oktober.
reich auf günstigen Boden gefallen sein muß. Sonst wäre das Rechenexempel nicht aufgegangen. Mehr als je ist diesmal „g e g e n" bestimmte Personen und Vorstellungen und Schlagworten als „für" die einzelnen Kandidaten gewählt worden.
Was nun weiter? Nach der parlamentarischen Gepflogenheit müßte der Präsident der Republik der stärksten Kammerfraktion, also den Sozia- l i st e n, die Führung der Regierung an- vertrauen. Läon Blum hat mehrfach erklärt, daß seine Partei sich nicht scheuen würde, die Verantwortung zu übernehmen. Die Kommunisten würden sie unterstützen, desgleichen die gemäßigten Sozia l i st en und die Mehrzahl der radikalsozialistischen Abgeordneten. Theoretisch kann das Programm der Volksfront also in Angriff genommen werden. In der Praxis werden sich freilich einige Schwierigkeiten ergeben. Denn es steht außer Zweifel, daß die Kommunisten, gestützt auf ihren Wahlsieg, versuchen werden, ihren Einfluß mehr und mehr geltend zu machen.
Das Programm der Volksfront, das nur als ein Mindestprogramm angesprochen werden darf, setzt sich aus drei Hauptpunkten zusammen: Verteidigung der Freiheit, Verteidigung des Friedens und wirtschaftliche Forderungen. Unter den ersten Punkt fällt eine allgemeine A m ne stie, ferner die Entwaffnung und die Auflösung der sogenannten saschi st ischen Bünde, Abschaffung gewisser Gesetzeserlasse über die Beschränkung der Pressefreiheit und Neuorganisierung des Presse- und Rundfunk- wesens.
Der zweite Punkt weist vor allen Dingen auf eine engere internationale Zusammenarbeit im Rahmen des Völkerbundes und die kollektive Sicherheit, auf die Bestimmung des Angreifers sowie automatische und solidarische Anwendung von Sühnemaßnahmen im Falle eines Angriffs hin. Die Volksfront fordert ferner dazu auf, alle Anstrengungen zu machen, um vom bewaffneten Frie-
Der Vormarsch Vadoglios.
Die Besetzung Addis Abebas wird morgen erwartet.
Rom, 4. Mai. (DNB.) Marschall Badoglio meldet: Unsere Kraftwagenkolonnen haben den Paß von Termaber überschritten und D e - bra Brehan, die frühere Hauptstadt von Schoa, besetzt. Unsere Vortrupps befinden sich 40 Kilometer südlich von Debra Brehan.
An der S ü d f r o n t geht trotz heftiger Regenfälle unser Vormarsch rasch weiter. Unsere Abteilungen, die 80 Kilometer über Dagabur hinaus vorgestoben sind, zerstreuten die Krieger Omar Sa- mantars, der 1925 den Kapitän Carolei ermordete und daraufhin vom Negus in Sold genommen wurde. Omar Samantar wurde schwer verletzt. Sein Sohn wurde getötet. Die Völkerschaften von Ogaden nehmen mit Freude unsere Truppen als Befreier auf.
Das erste Problem, vor das sich Italien nach Erreichung von Addis Abeba gestellt sieht, ist die Wiederherstellung von Ruhe und
Die Kommunisten haben nicht nur Paris und den roten Gürtel um die Hauptstadt zum großen Teil erobert, sondern sind auch in den Jndustriegemeinden des Nordens erheblich vorgerückt. Sie haben mit 62 Gewinnen die Spitze des Vormarsches, und in Zukunft werden nicht weniger als 72 Jünger Moskaus im ranzösischen Abgeordnetenhaus Sitz und Stimme haben.
Die R a d i k a l f o z i a l i st e n haben durch ihr Bündnis mit den Marxisten ihre langjährige zah- lenmäßige Überlegenheit in der Kammer eingebüßt, und künftig sind sie hinter den Sozialisten nur noch die zweit stärk st e Partei. Die Sozialisten haben bei dieser Gelegenheit nicht nur die in der alten Legislatur abgesplitterten neusozialistiscken Sitze zum großen Teil wiedergewonnen, sondern können die Niederlage einiger der bekanntesten Führer des Neusozialismus wie des Luftfahrtministers D 6 a t und des Abgeordneten Montagnon verzeichnen. Ueberhaupt fehlen in der neuen Kammer viele bekannte Abgeordnete: von aktiven Mit- gliedern der Regierung sind nicht weniger als fünf ausgeschieden. Beachtenswert ist ferner die Wahlniederlage des ehemaligen Kriegsministers Fabry, ein Schicksal, das er mit so manchem ehemaligen Kabinettsmitglied teilt. Auch drei stellvertretende Vorsitzende der Kammer sind diesmal geschlagen worden.
Kurz die Erneuerung der Kammer ist u m f a \ • Untier als bei der vergangenen Wahl, wo sie runti 38 v. H. ausmachte. Nickt nur auf der Rechten sind bekannte Namen zu streichen, wie der des ewigen Deutschenfressers Franklin - Bouil- l o n und seines Gesinnungsgenossen F e r r y und des Vorsitzentien des Nationalverbandes der Frontkämpfer Jean Goy; auch die Radikalsozialisten werden viele erprobte Parlamentarier aus ihren Reihen vermissen. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, daß der Unabhängig-Radikale und vielgerühmte Henry Torrös, der als Berichterstatter für den französisch-sowjetrussischen Pakt so nachdrücklich für seine Ratifizierung eintrat, van den Wählern nun als zu leicht befunden worden ist.
Im ganzen genommen war der zweite Wahlgang und, ba er für das Gesicht der neuen Kammer entscheidend ist, eigentlich die ganze Wahl 1936 weniger eine Auswahl von Persönlichkeiten als eine Z u - fammenballung von Massen nach einer kühlen Berechnung. Man darf allerdings nicht verkennen, daß der Gedanke der Volksfront in Frank-
Frankreick sucht krampfhaft nach neuen Stützen für den aus Den Fugen geratenen Bau von Versailles. Durch die neue Zuspitzung der Abessinien-Krise ist die Situation nicht leichter geworden. Wer kann ein Interesse daran haben, all diese Belastungen des europäischen Lebens noch um neuen Streitstoff zu vermehren, der allein von dem schlechten Gewissen Frankreichs provoziert wird?
Die Stimmung in Rom.
Italien wird sich die Frucht des Sieges nicht entreißen lassen.
Rom, 4. Mai. (DNB.) Unter dem Eindruck tier Flucht des Negus und des Zusammenbruches seines Reiches gibt die römische Presse am Montag mehr oder weniger deutlich zu erkennen, daß die Neuordnung Abessiniens allein Italien zustehe. Der Negus habe durch seine Flucht die kriegerische Tradition seines Hauses verraten. Unter diesen Umständen könne es auch niemand geben, der zu Ver- Handlungen des Friedens ermächtigt werde. Nach Ansicht des halbamtlichen „Giornale d'Italia" hat der Negus mit seiner Flucht Abessinien tatsächlich Italien überlassen. Halle Selassie habe aus- gehört, als verantwortliches Oberhaupt des früheren abessinischen Kaiserreiches gelten zu können. Die moralische Autorität des Negus fei ein für allemal verschwunden. Seine Flucht gleiche einer Vertrei- bung auf Grund einer gegen ihn ausgefallenen Volksabstimmung.
Die Besetzung Addis Abebas durch die italienischen Truppen werde heute von den Eingeborenen, soweit sie an den Plünderungen nicht teil- nahmen, von den verschiedenen ausländischen Gesandtschaften und von mehr als einem Außenminister tier Sanktionsstaaten geradezu herbei- ?ewünscht. So erlebe die Sanktionspolitik ihre lare und endgültige Widerlegung, während die Gegengründe Italiens, wonach fein E^pansionsrecht mit dem Schutze der abessinischen Stamme zusam- menfalle, ihre volle Bestätigung erfahren. Der Direktor der „Tribuna" betont, der Völkerbund habe eine ganz einfache Operation vorzunehmen, indem er aus der Liste feiner Mitglieder Abessinien streiche. Italien habe jetzt die volle Befugnis, Abessinien jene politische Neuordnung zu geben, die für fein Gebiet und für seine Bevölke-
(Dle Gewinne überschreiten die Verluste um drei Einheiten, weil drei neue Wahlbezirke ge- chassen worden find.)
Der Sieg der Volksfront.
Orahtbericht unseres v.G.-Korrespondenien.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)
Paris, 4. Mai 1936.
Der zweite Gang der französischen Kammerwahlen hat doch eine größere Verschiebung gebracht, als man nach dem ersten Wahlsonntag annahm. Zwar ist eine Stärkung beider Flügel der Kammer zu verzeichnen, aber der Ruck nach links ist wesentlich bedeutender als die Zunahme des: äußersten rechten Flügels. Die Kommunisten der Dritten und die Sozialisten der Zweiten Internationale haben im ganzen 111 Sitze gewonnen, während die Rechtsrepublikaner und Konservativen jich mit einer Zunahme von 17 Abgeordneten begnügen muhten.
Die Veränderungen haben sich auch nicht, wie anfangs erwartet, lediglich innerhalb tier beiden Seiten der Kammer abgespielt. Wohl trifft es zu, daß die Radikalsozialisten mit 43 verlorenen Sitzen den Löwenanteil tier Zeche tier Volks- ront zu bezahlen haben und die gemäßigten Sozialisten ihnen mit einer Einbuße von 31 Volksvertretern wenig nachstehen. Aber tier Ruck nach links hat auch die Mitte mitgenommen. Nicht weniger als 31 Unabhängige Radikale sind auf der Strecke geblieben, und 236 Sitzen der Rechten stehen jetzt 378 Sitze der Linken gegenüber. Es müßten also über 70 Radikalsozialisten gegen die Volksfront stimmen, um die linke Mehrheit zu brechen, die an sich regierungsfähig fein könnte.
werden wird, hängt von zweierlei ab: von der Bereitschaft des Duce, auch jetzt, nachdem er Abessinien in der Tasche hat, die in den Abkommen fest- gehaltenen englischen Interessensphären zu respektieren; von tier Bereitschaft Englands, sich damit zu begnügen. Erweisen sich beide Wege als nicht gangbar, d. h. ist der Völkerbund nicht mehr gegen Italien mobil zu halten, und scheitert andererseits ein englisch-italienischer Ausgleich in Anlehnung an die früheren Teilungsverträge, bann rückt ein Zusammenprall tier englisch-italienischen Gegensätze in bedenkliche Nähe. Ohne die Pufferwirkung tier kollektiven Genfer Aktion müßte sich em direkter englisch-italienischer Kolonial- und Mittelmeerkonflikt entzünden; es sei denn, es gelingt der englischen Politik — wenn sie dies für richtig hält — den ganzen Komplex ungelöst in der Schwebe zu lassen, in tier Hoffnung auf einen späteren Austrag tier Gegensätze unter günstigeren Bedingungen.
Kein Zweifel, daß Versöhnungsbestrebungen hüben und drüben tier eifrigsten Unterstützung Frankreichs gewiß sind. Es war sehr aufschlußreich und bezeichnend für den moralischen Tiefstand der französischen Völkerbundspolitik, daß die Flucht des Negus in Paris „als bedeutende Erleichterungder Lage" empfunden wurde. Dies entspricht durchaus der von Frankreich in dem ganzen Verlauf des Konfliktes eingehaltenen Lime. Immer wieder hat das Sprachrohr des Quai d'Orsay, der „Temps", versichert und ermahnt, daß dieser Konflikt nur eine „Episode" sein dürfe, allen- falls eine Generalprobe für jene „kollektive Aktion' gegen Deutschland, die ja gewisse Kreise in Paris allein interessiert. Nun glaubt man neue Hoffnung zu schöpfen, die Flamme von Stresa endlich wieder entzünden zu können.
Freilich, in England hat man sich um dieses Gebilde inzwischen seine eigenen Gedanken gemacht. Die englische Politik, dies erkennt man heute auch in London, hat im letzten Jahr keinen größeren Fehler begangen, als Frankreich auf dem Weg nach Stresa zu folgern Indem sie sich dort zu den gegen Deutschland gerichteten Bindungen hergab, begab sie sich der deutschen Karte in ihrem diplomatischen Spiel. Die Folgen lagen auf der Hand. Hatte England die französisch-italienische Annäherung vom Januar 1935 zunächst mit einem Seitenblick auf Deutschland gebilligt und gefördert, so machte man sehr bald die Erfahrung, daß diese lateinische Freundschaft auch eine andere Seite hatte, die die englischen Interessen im Mittelmeerraum betraf. Man machte außerdem die Erfahrung, dOß Frankreich, durch die enge Verknüpfung mit Italien, in tier Stresa-Konftruktion gegenüber England ein einseitiges Uebergewicht besaß, England also im Grunde der Verlierer und Leidtragende tier ganzen, auf die französischen Sonderinteressen zugeschnitte- nen Veranstaltung war. So dürsten die von Paris aus betriebenen Wiederbelebungsversuche der Stresa-Front in England heute auf wenig Gegen- liebe stoßen.
Vielleicht tragen diese Erkenntnisse dazu bei, daß England sich überhaupt über den Unfug und Widersinn der von Frankreich inszenierten Frontbildun- gen gegen Deutschland klar wird. Denn England kann damit weder seinen eigenen Interessen noch denen des europäischen Ausgleichs dienen. Diesen Ausgleich aber braucht es, ganz abgesehen von grundsätzlichen und mehr moralischen Erwägungen, schon um seiner überkontinentalen Belange willen. Der Fragebogen an Deutschland, der ein neues europäisches Gespräch einleiten soll, wird Aufklärung darüber geben, inwieweit all diese Erkenntnisse und Erfahrungen im politischen Urteil der englischen Diplomatie Gestalt und Gewicht gewonnen haben. Das deutsche Interesse an einem wahrhaften europäischen Ausgleich und Gleichgewicht in eine Realität, die auch durch die ermüdenden französischen Verleumdungs- und Verdächtigungsmanöver nicht zu erschüttern ist. Hier findet die englische Politik einen Anknüpfungspunkt von wirklich konstruktivem, europäischen Wert.
Herr Baldwin hat, mit einem Seitenblick nach Deutschland, von „unberechen baren Fak- t o r e n" sprechen zu müssen gemeint. Das ist weder ermutigend, noch, vom englischen Standpunkt aus gesehen, ein Zeichen staatsmännischer Klugheit. Es ist in diesem letzten Jahr auf dem Felde der europäischen Politik sehr viel in Trümmer gegangen. Der Völkerbund ist auf tier Strecke geblieben, die kleinen Staaten zeigen sich besorgt unti suchen nach neuer Sicherheit, die Beziehungen der Großmächte
Das vollständige Wahlergebnis. I
Paris. 5.2Hai. (DRV.) Das Innenministerium gibt am spaten Abend des Wonlag das vollständige Wahlergebnis für die neue kam- den 618 Sitzen er-
Sitze
Ve- Häuptel
Gewinn
Verlust
Kommunisten
72
10
62
0
llnabhäng. Kommunisten
10
9
1
2
Sozialisten
146
73
73
24
Gemäß. Sozialisten
26
22
4
23
llnabhäng. Sozialisten
11
8
3
14
Radikalsozialisten
116
92
24
67
llnabhäng. Radikale
31
24
7
42
Linksrepublikaner
84
56
28
43
Volksdemokraten
23
18
5
5
Rechtsrepublikaner Konservative und
88
58
30
19
llnabhängige
11
4
7
2
Insgesamt
618
374
244
241


