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Das Kabinett Garraui und die neue Mehrheit

mer bekannt. Es haben von

Wer wird in der Volksfront führen?

leiden an der falschen Einschätzung des deutschen Position im europäischen

Wertes der Kräftespiel,

Das Echo des Wahlansgangs in England.

Wenig Hoffnung auf eine Aenderung der französischen Außenpolitik.

den Besuch Herriots in Moskau und den Abschluß des französisch-sowjetrussischen Paktes eine Aende­rung der Politik der Kommunisten einqetreten sei.

DerDaily Expreß" meint unter der Ueberschrift Frankreich wird rot", einige Dinge in der Welt änderten sich nicht: der Tag, die Nacht und die französische Politik. DieDaily Mail" meint, daß die Kommunisten trotz ihrer 80 Sitze tatsächlich eine Minderheit darstell­ten. Die wirkliche Gefahr für Frankreich bestehe in der B i e l h e i t d e r Parteien, die die Bil­dung einer starken und stabilen Regierung, wie sie das Land nötig habe, sehr erschwere.

Der liberaleNews E h r o n i c l e" schreibt, die Engländer wünschten heute vor allem die Ein­stellung der kommenden Lmtsregierung in Frank-

Zeichen dafür, daß er versuchen wolle, sich auch in der neuen Kammer zu be­haupten.

DerMatin" fragt sich, welche Haltung d i e Radikalsozialisten, die aus Dummheit eine beispiellose Niederlage erlitten hätten, einnehmcn werden. Die Sozialisten könnten kaum enttäuscht sein, wennn die Radikalsozialisten einem Kabinett unter sozialistischer Führung nur dieselbe Unter­stützungspolitik ohne Eintritt in das Kabi­nett gewähren würden, wie sie die Sozialisten ver­schiedentlich radikalsozialistischen Kabinetten be­willigten.

DasEcho de Paris" behandelt die kommu­nistische Gruppe als den vorwichtigen mäßi­genden Teil der Volksfrontmehrheit. Es sei sehr wohl möglich, daß die Kommunisten einige Zeit lang mäßigend wirken. Moskau scheine für den Augenblick eine Schwächung Frankreichs zu fürchten, die einen europäischen Krieg ent­fesseln könnte, auf den die Sowjets sich nicht vor­bereitet fühlen. Es sei aber fraglich, ob die Kom­munisten ihre Anhänger bremsen können. Da das Land nun einmal für die Volksfront gestimmt habe, müsse es diese Erfahrung nun auch machen. Nur so könne man es dazu bringen, diesen Versuch bald zu bedauern.

DasJournal" fragt sich, womit die Volksfront­leute die Staatskassen füllen wollten. Es gebe nur zwei Mittel, entweder das Geld und seine Eigentümer zu beruhigen oder sie zur Flucht zu zwingen. Das erste Mittel sei vielleicht nicht sehr demokratisch. Das zweite aber lasse die Demo­kratie des Hungers sterben. Wenn die künftige fran­zösische Volksfront-Regierung sich für den ersten Weg entscheide, verleugne sie sich. Wenn sie den zweiten Weg einschlage, begehe sie S e l b st m o r d. Wenn die Sieger der Kammerwahlen nicht wahn­sinnig seien, dann könne Man erwarten, daß sie eine geradezu liebenswürdige Artig­keit und Mäßigung an den Tag legen wer­den. Seien sie aberverrückt", dann würden sie es für lange sein.

pariser preffestimmen.

Paris, 5. Mai. (DNB. Funspruch.) Die Größe des Wahlsieges trifft, wie man aus den Stellung­nahmen der Morgenpresse entnimmt, die Linkspar­teien für die Regierungsbildung nicht genü­gend vorbereitet. Zwar werden Kommunisten und Sozialisten unverzüglich Fühlung nehmen, um ein Mindestprogramm aufzustellen, aber noch ist nicht einmal die wichtige Frage entschieden, ob die Kommuni st en nicht doch in die Regie­rung eintreten mit der Begründung, daß es ihrer Stärke nicht entsprechen würde, wenn sie sich mit der anfänglich geplanten Unterstützung einer links betonten Regierung begnügten.

Der sozialistischeP o p u l a i r e", den man schon jetzt als das Sprachrohr einer Volksfront-Regie­rung ansehen kann, schreibt: Man spricht von Ka­pitalflucht, von Goldausfuhr, von Börsenma- növern im Sinne einer Panik, die die finanzielle Verlegenheit des Staates vergrößern soll. Die Franzosen, die diese verbrecherischen Rat- schlage befolgen, spielen ein gefährliches Spiel. Die Regierung von Morgen wird solche Handlungen sicher nicht ungestraft lassen.

DerPopulalre" will wissen, daß Postminister 7N a n d e l den Ministerpräsidenten Sarrauf zn dem Versuch dränge, auch nach dem Amts­antritt der neuen Kammer am Ruder zu bleiben. Rach den Berechnungen Wandels soll das Kabinett Sarrauf Aussichten haben, mit 40 Stimmen Mehrheit an der Re­gierung zu bleiben. Sarrauts Beschluß werde man nach dem Kablnettsrat vom Dienstag er­fahren. Behalte er die bei den Wahlen unter­legenen fünf Minister im Kabinett, so deute das darauf hin, daß er ln den er st en Iunitagen den Gefamtrücktritt des Kabinetts einreichen werde. Ersehe Sarraut aber seht einen Teil der fünf nicht wieder ge­wählten kabinettsmitglieder, so wäre dies ein

Ordnung. Man glaubt, das schon das Erscheinen italienischer Flugzeuge am Montag über Addis Abeba beruhigend gewirkt habe, und nimmt an. daß die italienischen Truppen, die nach den letzten Nachrichten vorn Montagabend noch etliche 30 bis 40 Kilometer von der abessini- schen Hauptstadt entfernt sind, wohl am Mittwoch in Addis Abeba einziehen werden.

Englische Marinetruppen für Addis Abeba?

London, 5. Mai. (DNB. Funkspruch.) Nach Meldungen aus Aden sind am Montag die bei- den britischen ZerstörerDecoy" und Dainty" von dort mit dem Ziel Dschibuti in See gegangen. In Aden ist das Gerücht verbreitet, auf den Zerstörern befinde sich britische Ma­rineinfanterie, die als Hilfstruppe nach Addis Abeba gehen solle. Obwohl dies amtlich nicht bestätigt werde, werde es auch nichtbestrit - t e n ; das ganze Unternehmen werde äußerst ge­heimgehalten.

London, 5. Mai. (DNB. Funkspruch.) Die eng­lische Moryenpresse äußert sich mit sorgenvoller Un­gewißheit über das Ergebnis der französischen Wah­len. DieTime s" meint, es sei zu früh, die Zu­sammensetzung der nächsten französischen Regierung vorauszusagen. Das hauptsächlichste Interesse der Welt sei, welche Wirkung die Wahlen auf die französische Außenpolitik haben werden und ob Frankreich nun leichter oder schwerer zu einer Verständigung mit Deutschland gelangen werde. DerDaily Telegraph" ist der Ansicht, das Problem für die neue französische Regierung werde darin bestehen, erträgliche Beziehungen mit Deutsch- land herzustellen, ohne die neue Freund­schaft mit Sowjetrußland in Gefahr zu bringen. DieMorning Post" meint, daß durch

den zum entwaffneten Frieden zu gelan­gen, und sieht die Möglichkeit zur Erreichung dieses Zieles in einem Abkommen über die Rüstungs­beschränkung und einer allgemeinen, gleich­zeitigen und kontrollierten Abrüstung. Sie fordert ferner die Verstaatlichung der Kriegs­industrie und das Verbot des privaten Waffenhandels. Sie verneint die geheime Diplomatie und fordert ein internationales Vor­gehen und öffentliche Verhandlungen, um alle Mächte nach Genf zurückzuführen. Einer der wich­tigsten Punkte des außenpolitischen Programms der Volksfront ist die Forderung auf eine geschmeidigere Gestaltung der im Völkerbundspakt vorgesehenen Maßnahmen für die friedliche Angleichung von Verträgen, die für den Weltfrieden ge­fährlich werden könnten.

In dem wirtschaftlichen Programm der Volks­front steht an erster Stelle die Abkürzung der Arbeitswoche ohne Kürzung des Loh­nes. Andere Forderungen betreffen den Schutz des Sparers, eine bessere Organisierung des Kreditwesens und Maßnahmen für eine durch- greifende Finanzgesundung.

Bei eingehender Prüfung aller dieser Punkte, über deren praktische Durchführung einstweilen noch keinerlei tiefgreifender Meinungsaustausch unter den Mitgliedern der Volksfront stattgefunden hat, wird man feststellen müssen, daß sie entgegen der Ankündigung oft im Widerspruch zu m Pro- grarnm der einzelnen Parteien stehen. Es ist daher auch nicht von vornherein als eine Illusion anzusprechen, wenn man in Rechtskreisen gerade wegen des zu erwartenden kommunistischen Einflusses auf die Volksfront ein langsames Aus­einanderfallen der Linksmehrheit erhofft und damit rechnet, daß sich der größte Teil der Radikal- sozialisten schließlich von dem Gespenst des Marxis­mus und Kommunismus abwendet und einen Mehrheitswechsel zugunsten der Rechten hervorruft.

rung die beste sein werde und die ausschließ­lich von der souveränen Autorität Italiens abhängen werde.

In der Kammer wandte sich der Präsident Graf C i a n o unter immer neuen Begeisterungsaus­brüchen mit folgenden Worten an Mussolini: Die Nation hat Ihren Appell gehört und das Blut ihrer besten Söhne dahingegeben. Sie e r - wartet jetzt die volle Belohnung für den vollständig errungenen Sieg. Keine menschliche Kraft, keine Koalition wird Italien die Frucht dieses großen Triumphes entreißen können. Niemand möge glauben, daß dem faschistischen Ita­lien die Frucht dieses neuen glänzenden Unterneh­mens noch einmal aus den Händen gespielt wer­den kann. Aus den Krieg, der im Namen des Kö­nigs und unter der Regierung Mussolinis geführt wurde, muß der Friede folgen, wie wir ihn machen werden." Mussolini teilte mit, daß er bereits Befehl z u einem neuen G e - neralappell des italienischen Volkes gegeben habe.Ich werde die Nachricht, die Ihr erwartet, dem italienischen Volke geben wie seinerzeit am 2. Oktober.

reich auf günstigen Boden gefallen sein muß. Sonst wäre das Rechenexempel nicht aufgegangen. Mehr als je ist diesmalg e g e n" bestimmte Personen und Vorstellungen und Schlagworten alsfür" die einzelnen Kandidaten gewählt worden.

Was nun weiter? Nach der parlamentarischen Gepflogenheit müßte der Präsident der Republik der stärksten Kammerfraktion, also den Sozia- l i st e n, die Führung der Regierung an- vertrauen. Läon Blum hat mehrfach erklärt, daß seine Partei sich nicht scheuen würde, die Verant­wortung zu übernehmen. Die Kommunisten würden sie unterstützen, desgleichen die ge­mäßigten Sozia l i st en und die Mehrzahl der radikalsozialistischen Abgeordneten. Theoretisch kann das Programm der Volksfront also in Angriff genommen werden. In der Praxis wer­den sich freilich einige Schwierigkeiten ergeben. Denn es steht außer Zweifel, daß die Kommunisten, gestützt auf ihren Wahlsieg, versuchen werden, ihren Einfluß mehr und mehr geltend zu machen.

Das Programm der Volksfront, das nur als ein Mindestprogramm angesprochen werden darf, setzt sich aus drei Hauptpunkten zusammen: Verteidigung der Freiheit, Verteidigung des Frie­dens und wirtschaftliche Forderungen. Unter den ersten Punkt fällt eine allgemeine A m ne stie, ferner die Entwaffnung und die Auflösung der sogenannten saschi st ischen Bünde, Abschaffung gewisser Gesetzeserlasse über die Be­schränkung der Pressefreiheit und Neuorgani­sierung des Presse- und Rundfunk- wesens.

Der zweite Punkt weist vor allen Dingen auf eine engere internationale Zusammenarbeit im Rahmen des Völkerbundes und die kollektive Sicher­heit, auf die Bestimmung des Angreifers sowie automatische und solidarische Anwendung von Sühnemaßnahmen im Falle eines Angriffs hin. Die Volksfront fordert ferner dazu auf, alle An­strengungen zu machen, um vom bewaffneten Frie-

Der Vormarsch Vadoglios.

Die Besetzung Addis Abebas wird morgen erwartet.

Rom, 4. Mai. (DNB.) Marschall Badoglio mel­det: Unsere Kraftwagenkolonnen haben den Paß von Termaber überschritten und D e - bra Brehan, die frühere Hauptstadt von Schoa, besetzt. Unsere Vortrupps befinden sich 40 Kilometer südlich von Debra Brehan.

An der S ü d f r o n t geht trotz heftiger Regen­fälle unser Vormarsch rasch weiter. Unsere Abtei­lungen, die 80 Kilometer über Dagabur hinaus vorgestoben sind, zerstreuten die Krieger Omar Sa- mantars, der 1925 den Kapitän Carolei ermordete und daraufhin vom Negus in Sold genommen wurde. Omar Samantar wurde schwer verletzt. Sein Sohn wurde getötet. Die Völkerschaften von Ogaden nehmen mit Freude unsere Truppen als Befreier auf.

Das erste Problem, vor das sich Italien nach Erreichung von Addis Abeba gestellt sieht, ist die Wiederherstellung von Ruhe und

Die Kommunisten haben nicht nur Paris und den roten Gürtel um die Hauptstadt zum großen Teil erobert, sondern sind auch in den Jndustriegemeinden des Nordens er­heblich vorgerückt. Sie haben mit 62 Gewinnen die Spitze des Vormarsches, und in Zukunft wer­den nicht weniger als 72 Jünger Moskaus im ranzösischen Abgeordnetenhaus Sitz und Stimme haben.

Die R a d i k a l f o z i a l i st e n haben durch ihr Bündnis mit den Marxisten ihre langjährige zah- lenmäßige Überlegenheit in der Kammer eingebüßt, und künftig sind sie hinter den Sozialisten nur noch die zweit stärk st e Partei. Die Sozialisten haben bei dieser Gelegenheit nicht nur die in der alten Legislatur abgesplitterten neusozialistiscken Sitze zum großen Teil wiedergewonnen, sondern können die Niederlage einiger der bekanntesten Führer des Neusozialismus wie des Luftfahrtmini­sters D 6 a t und des Abgeordneten Montagnon verzeichnen. Ueberhaupt fehlen in der neuen Kam­mer viele bekannte Abgeordnete: von aktiven Mit- gliedern der Regierung sind nicht weniger als fünf ausgeschieden. Beachtenswert ist ferner die Wahl­niederlage des ehemaligen Kriegsministers Fabry, ein Schicksal, das er mit so manchem ehemaligen Kabinettsmitglied teilt. Auch drei stellvertretende Vorsitzende der Kammer sind diesmal geschlagen worden.

Kurz die Erneuerung der Kammer ist u m f a \ Untier als bei der vergangenen Wahl, wo sie runti 38 v. H. ausmachte. Nickt nur auf der Rech­ten sind bekannte Namen zu streichen, wie der des ewigen Deutschenfressers Franklin - Bouil- l o n und seines Gesinnungsgenossen F e r r y und des Vorsitzentien des Nationalverbandes der Front­kämpfer Jean Goy; auch die Radikalsozialisten werden viele erprobte Parlamentarier aus ihren Reihen vermissen. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, daß der Unabhängig-Radikale und vielge­rühmte Henry Torrös, der als Berichterstatter für den französisch-sowjetrussischen Pakt so nach­drücklich für seine Ratifizierung eintrat, van den Wählern nun als zu leicht befunden worden ist.

Im ganzen genommen war der zweite Wahlgang und, ba er für das Gesicht der neuen Kammer ent­scheidend ist, eigentlich die ganze Wahl 1936 weniger eine Auswahl von Persönlichkeiten als eine Z u - fammenballung von Massen nach einer kühlen Berechnung. Man darf allerdings nicht ver­kennen, daß der Gedanke der Volksfront in Frank-

Frankreick sucht krampfhaft nach neuen Stützen für den aus Den Fugen geratenen Bau von Versailles. Durch die neue Zuspitzung der Abessinien-Krise ist die Situation nicht leichter geworden. Wer kann ein Interesse daran haben, all diese Belastungen des europäischen Lebens noch um neuen Streit­stoff zu vermehren, der allein von dem schlechten Gewissen Frankreichs provoziert wird?

Die Stimmung in Rom.

Italien wird sich die Frucht des Sieges nicht entreißen lassen.

Rom, 4. Mai. (DNB.) Unter dem Eindruck tier Flucht des Negus und des Zusammenbruches seines Reiches gibt die römische Presse am Montag mehr oder weniger deutlich zu erkennen, daß die Neu­ordnung Abessiniens allein Italien zustehe. Der Negus habe durch seine Flucht die kriegerische Tradition seines Hauses verraten. Unter diesen Um­ständen könne es auch niemand geben, der zu Ver- Handlungen des Friedens ermächtigt werde. Nach Ansicht des halbamtlichenGiornale d'Italia" hat der Negus mit seiner Flucht Abessinien tatsächlich Italien überlassen. Halle Selassie habe aus- gehört, als verantwortliches Oberhaupt des frühe­ren abessinischen Kaiserreiches gelten zu können. Die moralische Autorität des Negus fei ein für allemal verschwunden. Seine Flucht gleiche einer Vertrei- bung auf Grund einer gegen ihn ausgefallenen Volksabstimmung.

Die Besetzung Addis Abebas durch die italienischen Truppen werde heute von den Einge­borenen, soweit sie an den Plünderungen nicht teil- nahmen, von den verschiedenen ausländischen Ge­sandtschaften und von mehr als einem Außen­minister tier Sanktionsstaaten geradezu herbei- ?ewünscht. So erlebe die Sanktionspolitik ihre lare und endgültige Widerlegung, während die Gegengründe Italiens, wonach fein E^pansionsrecht mit dem Schutze der abessinischen Stamme zusam- menfalle, ihre volle Bestätigung erfahren. Der Direktor derTribuna" betont, der Völkerbund habe eine ganz einfache Operation vorzunehmen, indem er aus der Liste feiner Mitglieder Abessi­nien streiche. Italien habe jetzt die volle Be­fugnis, Abessinien jene politische Neuordnung zu geben, die für fein Gebiet und für seine Bevölke-

(Dle Gewinne überschreiten die Verluste um drei Einheiten, weil drei neue Wahlbezirke ge- chassen worden find.)

Der Sieg der Volksfront.

Orahtbericht unseres v.G.-Korrespondenien.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)

Paris, 4. Mai 1936.

Der zweite Gang der französischen Kammer­wahlen hat doch eine größere Verschiebung gebracht, als man nach dem ersten Wahlsonntag annahm. Zwar ist eine Stärkung beider Flügel der Kam­mer zu verzeichnen, aber der Ruck nach links ist wesentlich bedeutender als die Zunahme des: äußersten rechten Flügels. Die Kommunisten der Dritten und die Sozialisten der Zweiten Internationale haben im ganzen 111 Sitze gewonnen, während die Rechtsrepublikaner und Konservativen jich mit einer Zunahme von 17 Abgeordneten begnügen muhten.

Die Veränderungen haben sich auch nicht, wie anfangs erwartet, lediglich innerhalb tier beiden Seiten der Kammer abgespielt. Wohl trifft es zu, daß die Radikalsozialisten mit 43 verlore­nen Sitzen den Löwenanteil tier Zeche tier Volks- ront zu bezahlen haben und die gemäßigten So­zialisten ihnen mit einer Einbuße von 31 Volks­vertretern wenig nachstehen. Aber tier Ruck nach links hat auch die Mitte mitgenommen. Nicht weniger als 31 Unabhängige Radikale sind auf der Strecke geblieben, und 236 Sitzen der Rechten stehen jetzt 378 Sitze der Linken gegenüber. Es müßten also über 70 Radikalsozialisten gegen die Volks­front stimmen, um die linke Mehrheit zu brechen, die an sich regierungsfähig fein könnte.

werden wird, hängt von zweierlei ab: von der Bereitschaft des Duce, auch jetzt, nachdem er Abes­sinien in der Tasche hat, die in den Abkommen fest- gehaltenen englischen Interessensphären zu respek­tieren; von tier Bereitschaft Englands, sich damit zu begnügen. Erweisen sich beide Wege als nicht gangbar, d. h. ist der Völkerbund nicht mehr gegen Italien mobil zu halten, und scheitert andererseits ein englisch-italienischer Ausgleich in Anlehnung an die früheren Teilungsverträge, bann rückt ein Zusammenprall tier englisch-italienischen Ge­gensätze in bedenkliche Nähe. Ohne die Pufferwir­kung tier kollektiven Genfer Aktion müßte sich em direkter englisch-italienischer Kolonial- und Mit­telmeerkonflikt entzünden; es sei denn, es gelingt der englischen Politik wenn sie dies für richtig hält den ganzen Komplex ungelöst in der Schwebe zu lassen, in tier Hoffnung auf einen späteren Austrag tier Gegensätze unter günsti­geren Bedingungen.

Kein Zweifel, daß Versöhnungsbestrebungen hü­ben und drüben tier eifrigsten Unterstützung Frankreichs gewiß sind. Es war sehr auf­schlußreich und bezeichnend für den moralischen Tiefstand der französischen Völkerbundspolitik, daß die Flucht des Negus in Parisals bedeutende Erleichterungder Lage" empfunden wurde. Dies entspricht durchaus der von Frankreich in dem ganzen Verlauf des Konfliktes eingehaltenen Lime. Immer wieder hat das Sprachrohr des Quai d'Or­say, derTemps", versichert und ermahnt, daß dieser Konflikt nur eineEpisode" sein dürfe, allen- falls eine Generalprobe für jenekollektive Aktion' gegen Deutschland, die ja gewisse Kreise in Paris allein interessiert. Nun glaubt man neue Hoff­nung zu schöpfen, die Flamme von Stresa end­lich wieder entzünden zu können.

Freilich, in England hat man sich um dieses Gebilde inzwischen seine eigenen Gedanken gemacht. Die englische Politik, dies erkennt man heute auch in London, hat im letzten Jahr keinen größeren Fehler begangen, als Frankreich auf dem Weg nach Stresa zu folgern Indem sie sich dort zu den gegen Deutschland gerichteten Bindungen hergab, begab sie sich der deutschen Karte in ihrem diplomatischen Spiel. Die Folgen lagen auf der Hand. Hatte Eng­land die französisch-italienische Annäherung vom Januar 1935 zunächst mit einem Seitenblick auf Deutschland gebilligt und gefördert, so machte man sehr bald die Erfahrung, daß diese lateinische Freundschaft auch eine andere Seite hatte, die die englischen Interessen im Mittelmeerraum betraf. Man machte außerdem die Erfahrung, dOß Frankreich, durch die enge Verknüpfung mit Italien, in tier Stresa-Konftruktion gegenüber England ein einseitiges Uebergewicht besaß, England also im Grunde der Verlierer und Leidtragende tier ganzen, auf die französischen Sonderinteressen zugeschnitte- nen Veranstaltung war. So dürsten die von Paris aus betriebenen Wiederbelebungsversuche der Stresa-Front in England heute auf wenig Gegen- liebe stoßen.

Vielleicht tragen diese Erkenntnisse dazu bei, daß England sich überhaupt über den Unfug und Wider­sinn der von Frankreich inszenierten Frontbildun- gen gegen Deutschland klar wird. Denn England kann damit weder seinen eigenen Interessen noch denen des europäischen Ausgleichs dienen. Diesen Ausgleich aber braucht es, ganz abgesehen von grundsätzlichen und mehr moralischen Erwägungen, schon um seiner überkontinentalen Belange willen. Der Fragebogen an Deutschland, der ein neues europäisches Gespräch einleiten soll, wird Aufklärung darüber geben, inwieweit all diese Er­kenntnisse und Erfahrungen im politischen Urteil der englischen Diplomatie Gestalt und Gewicht gewon­nen haben. Das deutsche Interesse an einem wahr­haften europäischen Ausgleich und Gleichgewicht in eine Realität, die auch durch die ermüdenden fran­zösischen Verleumdungs- und Verdächtigungsmanö­ver nicht zu erschüttern ist. Hier findet die eng­lische Politik einen Anknüpfungspunkt von wirklich konstruktivem, europäischen Wert.

Herr Baldwin hat, mit einem Seitenblick nach Deutschland, vonunberechen baren Fak- t o r e n" sprechen zu müssen gemeint. Das ist weder ermutigend, noch, vom englischen Standpunkt aus gesehen, ein Zeichen staatsmännischer Klugheit. Es ist in diesem letzten Jahr auf dem Felde der euro­päischen Politik sehr viel in Trümmer gegangen. Der Völkerbund ist auf tier Strecke geblieben, die kleinen Staaten zeigen sich besorgt unti suchen nach neuer Sicherheit, die Beziehungen der Großmächte

Das vollständige Wahlergebnis. I

Paris. 5.2Hai. (DRV.) Das Innenministerium gibt am spaten Abend des Wonlag das voll­ständige Wahlergebnis für die neue kam- den 618 Sitzen er-

Sitze

Ve- Häuptel

Ge­winn

Ver­lust

Kommunisten

72

10

62

0

llnabhäng. Kommunisten

10

9

1

2

Sozialisten

146

73

73

24

Gemäß. Sozialisten

26

22

4

23

llnabhäng. Sozialisten

11

8

3

14

Radikalsozialisten

116

92

24

67

llnabhäng. Radikale

31

24

7

42

Linksrepublikaner

84

56

28

43

Volksdemokraten

23

18

5

5

Rechtsrepublikaner Konservative und

88

58

30

19

llnabhängige

11

4

7

2

Insgesamt

618

374

244

241