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186. Jahrgang

Mittwoch, g. November 1956

Giehener Anzeiger

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Lleberraschend großer Wahlsieg Roosevelts.

er Präsident führt in 45 von insgesamt 48 Staaten der Union. Mehr als 400 demo­kratische Wahlmänner von insgesamt 534 gewählt.

Neuyork, 4. Nov. (DNB. Funkspr.) Nach den lihten Meldungen führt Roosevelt mit einer Wahlmänner st immenzahl von insgesamt 401 (bei einer Gesamtzahl von 531 Vahlmännern beträgt die Mehrheit 266) nunmehr i folgenden Bundes st aalen: Alabama. Srizona, Arkansas, Colorado, Lonnecticul, Dela- rare, Florida, Georgia. Illinois, Indiana, Kansas, Lentucky, Maryland, Michigan, Missouri, Neu- Nexiko, Nordkarolina, Nord-Dakola, Ohio, Okla­homa, Pennsylvanien, Süd-Karolina, Süd-Dakola, Zennessee, Texas, virginien, Wesl-Virginien, Wis- Onsin, Neuyork, Alah und New Jersey. Landon fegte mit nur 81 Wahlmännern in be n Staaten: Maine, Massachusetts, Nebraska, lewhampfhire, Rhode Island, Vermont, Kalifor- ren, Montana, Idaho und Minnesota.

Im Staate Neuyork führt Roosevelt sogar ii den sonst stark republikanischen Landgebieten.

der Stadt Neuyork hat er einen Vorsprung t>n nahezu 3:1. Dagegen erhielt der Präsident im Bezirk hydepark, wo sein Sommersih liegt, nur 11'57 Stimmen gegen 1233 Stimmen für Landon.

Der Wahltag

Washington, 3. Nov. (DNB.) Der Wcchl- jnpf, der als der erbittertste seit der dem Bürger- ieg vorangegangenen Wahl von 1860 angesehen ürb, erreichte erst am Montag nach Mitternacht !ün Ende. Roosevelt und Landon sorder- m beide die 55 Millionen Wahlberechtigten auf, an Dienstag ihre Wahlpflicht zu erfüllen und zu eitscheiden, welche Art von Regierung in den nächsten vier Jahren die Geschicke der 128 Millio­nen Menschen der Vereinigten Staten lenken soll. Ilt Dienstag fand Neuyork für den ausge- .li f f e n st e n Wahltag seiner Geschichte gerüstet, lie Stimmung am Abend einer amerikanischen ^räsidentschaftswahl kann mit europäischen Der- hrltnissen kaum verglichen werden. Hunderttau- smde von Menschen, die meisten in angeheitertem Einstande, alle mit Pfeifen, Trompeten und Jahr­marktsknarren ausgerüstet, vollführen einen Höllen- liirm. Auf dem Times-Square und den Neben- flraßen des Neuyorker Theaterviertels schieben und h ängen sich die Menschenmassen. Der Verkehr k. mmt völlig zum Stillstand. Auf der Spitze des Zümes-Square-Turmes leuchten jeweils rote, blaue mb grüne Lichter auf und verkünden den augen- t icklichen Vorsprung der einen oder anderen Par- tii. Riesige lausende Lichtbänder an den Häuser- fsnten der großen Zeitungen melden die letzten (wgebnisse.

Der Wahlvorgang

ii den Vereinigten Staaten ist äußerst kompliziert, veil außer dem Präsidenten und außer Kongreß- vitgliedern auch Abgeordnete und Senatoren der bundesstaatlichen Parlamente und selbst städtische Beamte, wie Stadtrichter und Kämmerer, gewählt ti erben. Es würbe nach Wahl männern ge­ll ählt, bereu Zahl 531 beträgt und sich aus der Summe der 96 Senatoren und 435 Abgeordneten ergibt. Die Zahl der Wahlmänner ist in jedem Staat verschieden, da jeder Staat zwar zwei Sena­toren hat, die Zahl der Abgeordneten sich aber nach bar Einwohnerzahl richtet und durch die alle zehn >ohre vorgenommene Volkszählung neu festgesetzt vird. Daher haben viele kleine Staaten nur drei Stimmen, während Neuyork über 47 Stimmen ver­sagt und demgemäß von beiden Parteien stark urn- corben wurde. Immerhin entscheidet auch in Neu- rorf, wie in allen anderen Staaten, d i-e einfache Mehrheit über den Sieg der betreffenden Wahl- nännerlifte, die darauf geschlossen zu ihren Kandi- taten geht. Es gibt weder eine Verhältniswahl, noch müssen den in dem einen Staat siegenden Kündi­gten, die die einfache Mehrheit übersteigenden Stimmen zugeschlagen werden, da bei dem Gesamt­ergebnis lediglich die Zahl b er Wahl- männer ft immen ausschlaggebend ist.

Nie Abstimmung

s-lbst erfolgte mit Hilfe einer Maschine, auf der d e Namen der Kandidaten verzeichnet fmb. Durch Mrfen eines kleinen Knopfes über jedem Namen vird die jeweilig für diesen Kandidaten abgegebene Stimme registriert. Auf den Wahlmaschmen, die die Neuyorker Wähler zu betätigen hatten, waren nicht a-eniger als 7 9 Namen eingetragen. Seit Tagen : [gon veröffentlichen die Neuyorker Zeitungen aus- fi hrliche Gebrauchsanweisungen und Abbildungen b-efer Wahlmaschinen. Dennoch gab es zahlreiche Diähler, die sich mit dieser Einrichtung nicht zurecht- fiiben konnten und fremder Hilfe bedurften. Das Hit schon zu zahlreichen Wahlbekrügereien geführt, be freilich von einem aus der Bürgerschaft heraus ^bildeten unparteiischenVerein für ehrliche Ab- \t mmunq" bekämpft werden. In den verschiedenen Wahllokalen Neuyorks hatte bieser Verein nicht we- nger als 10 000 Beauftragte postiert, bie bafur sor- g n, daß bie Wahl geheim bleibt.

Die ersten Wahlberichte heben bie auheror- b-ntlich große Wahlbeteiligung hervor. Lus Wetter am Wahltag war in den verschiebe- kn Lanbesteilen sehr unterschieblich. Wahrenb in dm Oststaaten veränderliches Wetter mit Regenschau- ?m herrschte, gab es im Mittelwesten und in ben

Rorfy Mountains Dauerregen bzw. Schneefälle. Nach ben bisher oorliegenben Meldungen ist die Wahl ruhig verlaufen. Es gab lediglich zahlreiche Verhaftungen wegen Wahlbetrugs und einige Schlä­gereien.

Große Vegeisteruiig in Neuyork.

Mehr als eine halbe Million feiern inderWahlnachtdenSiegRoosevelts.

Neuyork, 4. Nov. (DNB. Funkspruch.) Gegen Mitternacht drängen sich über eine halbe Million Menschen im Vergnügungs­viertel Neuyorks vom Broadway und der 8. Avenue bis zur 5. Avenue. Auf dem Times Square stauen sich die Menschenmassen, die nur von berittenen Polizisten und zahlreichen Tonfilm­apparaten und Lautsprecheranlagen überragt wer­den. Menschen aus allen Schichten der Millionen­stadt erwarten in fieberhafter Spannung die Wahl­ergebnisse, und die Unterhaltung dreht sich nur um RooseveltsE r d r u t s ch", wie bie Amerika­ner einen großen Wahlsieg bezeichnen.

Ein Erfolg bes bisherigen Präfibenten ist zwar von ben meisten erwartet worden, trotzdem kam ein derartig durchschlagender Erfolg völlig über­raschend. Erwartungsvoll starrt die Menge aus die lausenden Lichtbänder über den Kinos und Theatern, die teilweise in Wolkenkratzerhöhe an­gebracht sind, und die den Sieg Roosevelts ver­künden, was mit begeisterten Jubelrufen ausgenom­men wird.

Obwohl aus mehreren Staaten bie Wahlergeb­nisse einzelner ländlicher Bezirke noch nicht vortiegen, führt Präsident Roosevelt um 1 Uhr morgens Neuyorker Zeit (7 Uhr WEZ.) in 45 von ben 48 Staaten ber Union. Besonders in den dicht besiedelten hochindustria­lisierten Oststaaten Pennsylvania, Ohio und Neuyork scheint er eine gewaltige Stimmenzaht auf sich vereinigt zu ha^n. So Roosevelt z. B. im Staate Neuyork, der früher als ausgespro­

chen republikanisch galt, beinahe doppelt soviel Stimmen erlangte wie Landon.

Präsident Roosevelt hat ben Wahlausgang im Kreise seiner Familie unb einigen Freunben auf seinem G u t im Hybepark abgewartet. Er hat das Ergebnis ber Wahl mit großer Be- friebigung entgegengenommen unb gegenüber einigen Nachbarn zum Ausdruck gebracht, daß er sich überden größten Wahlsieg d e r Ge- s cy i ch t e A m e ri f a s" aufrichtig freue.

In der 5. Avenue hat man an dem gewaltigen Gebäude der Rockeseller Radio City eine r i e- sige Landkarte der Vereinigten Staaten angebracht, auf der alle Staaten, die Roose­velt ihre Stimme gegeben haben, grün auf­leuchten, während die Staaten, in denen Lan­don siegte, in rotem Licht erscheinen. Schon um Mitternacht ist diese Landkarte f a st vollständig grün. Nur ein kleiner roter Zipfel im Gebiete der nördlichen Neu-England- Staaten erinnert an die Kandidatur der schwer geschlagenen republikanischen Partei.

Nach den bis jetzt eingegangenen Wahlergebnissen wird die demokratische Mehrheit im Kongreß vielleicht noch diejenige von 1934 über­treffen. Roosevelt verfügt bereits über mehr Stim­men als im Jahre 1932 im Wahlkampf gegen Hoover, wo es nicht nur um den damals noch un­erprobten neuen Kurs, sondern auch um die Ab­schaffung der Prohibition ging.

Auch großer Wahlerfolg Borahs.

Neuyork, 4. Nov. (DNB. Funkspruch.) Sena­tor B o r a h wurde von seinem Staat Idaho mit großer Mehrheit zum sechsten Mal in den amerikanischen Senat gewählt. Wie groß das Ansehen des 71jährigen Senators ist, geht daraus hervor, daß Borah als progressiver Repu­blikaner ebenso viel Stimmen erhielt w i e Präsident Roosevelt.

Kabinettsumbildung in

ren

Sier Minister aus der Regierung Schuschnigg ausgeschieden.

Wien, 4. Nov. (DNB.) Um 0.30 Uhr wurde folgendes amtliches Kommunique ausgegeben:

Bundeskanzler Dr. Schuschnigg hat am Dienstag dem Bundespräsidenten die Gesamt- demission der Bundesregierung und der Staatssekretäre vorgeschlagen, die dieser an- genommen hat. Zugleich hat der Bundespräsi­dent Dr. Schuschnigg zum Bundeskanz- l e r und auf dessen Vorschlag den Generalkomman­danten der Frontmiliz Feldmarschalleutnant Lud­wig H ü l g e r t h zum Vizekanzler, den Rat des Bundesgerichtshofes Dr. Adolf Pilz zum Bundesmini st er für Justiz, den Sektions­chef Dr. P e r n t e r zum Bundesmini st er für Unterricht, den Hofrat Dr. Joseph Resch zum Bundesminister für soziale Ver­waltung, den Obersenatsrat der Gemeinde Wien Dr. Rudolf Neumayer zum Bundes- minister für Finanzen, den Oefonomierat Peter Mandorfer zum Bundesmini st er für Land- und For st wirtschaft, den außerordentlichen Universitätsprofessor Dr. Wilhelm Taucher zum Bundesmini st er für han­del und Verkehr ernannt.

Ferner hat der Bundespräsident mit der Leitung des Bundesministeriums für Landesvertei­digung den Bundeskanzler Dr. Schuschnigg betraut und den Gesandten in Budapest Neu - ftäbter-Stürmer sowie den Generalstaats­archivar Dr. h. c. Edmund Glaise-Horstenau zu Bundesmini st ern ernannt, wobei in Aus­sicht genommen ist, dem ersteren die Angelegen­heiten der öffentlich en Sicherheit, dem letzteren die übrigen Angelegenheiten der inne­ren Verwaltung zu übertragen.

Schließlich hat der Bundespräsident dem Bundes­kanzler als Staatssekretär Dr. Guido Schmidt für die Auswärtigen Angele­genheiten, den Bundeskulturrat Guido Zer- n a 11 o für die Angelegenheiten der Vater­ländischen Front, den General der Infan­terie Wilhelm Zehner für die Angelegenheiten des Bundesministeriums für Landesvertei­digung und dem Bundesministerium für so­ziale Verwaltung den Bundeswirtschaftsrat Hans Rott als Staatssekretäre beigegeben.

Die Minister Pernter, Mandorfer, Resch und Glaise-Hprstenau gehörten bereits dem bisherigen Kabinett an, Glaise-Horstenau war jedoch nur Mi­nister ohne Geschäftsbereich. Von den neuen Mi­nistern waren hülgerth und Neustädter-Stürmer Mitglieder der heimwehr. Sie ziehen in das jetzige Kabinett als Fachminister ein. Vier Minister sind aus der Regierung ausgeschieden, und zwar

der Vizekanzler B a a r - B a r e n s e l s, der Fi­nanzminister Draller, der Handelsminister Storfinger und der Justizminister hämmer­st ein-Equord.

(Staatöfetretär Schmidt kommt nach Berlin.

BefriedigendeAuswirkung desAbkommens vom 11. Juli.

W i e n, 3. Nov. (DNB.) In einem Dortrag sprach Staatssekretär bes Auswärtigen Dr. Guibo Schmidt über bas beutsch-österreichische Verhält­nis seit dem 11. Juli unb teilte mit, baß er auf Anregung bes beutschen Außenministers in -ber zweiten Novemderhälfte nach Berlin reisen werde. Die in bie neuen Vereinbarungen gesetzten Hoffnungen hätten sich erfüllt. Eine allgemeine Entspannung sei sichtlich festzustellen. Durch eine befriebigenbe Regelung ber Frage ber Füh­rung ber Hoheitszeichen, befonbers im Reiseverkehr, sei es auch gelungen, biefen günstig zu beeinflussen, ber leiber noch burch bie valutari­schen Schwierigkeiten gehemmt werbe. Zwischen­fälle beim Besuch reichsbeutscher Gäste seien nicht Schuld bieser Besucher, sondern auf das Konto jener Kreise zurückzuführen, die den Sinn des Abkommens noch immer verkennen würden.

Die Mailänder Rede Mussolinis habe Oesterreichs Unabhängigkeit dogmatisch unterstri­chen. Das verständnisvolle Entgegenkommen Ita­liens auch in wirtschaftspolitischer Hinsicht sei ein Aktivum für Oesterreich. Die kommenden Bespre­chungen der Staaten der Römischen Pro­tokolle hätten in erster Linie den Sinn, die Uebereinstimmung in grundsätzlichen Fragen sinn­fällig der Welt vor Äugen zu führen. Äuf eine Zwischenfrage, ob Oesterreich beabsichtige, sich zum Mittler der ung rischen Revisionswünsche zu machen, erklärte Staatssekretär Schmidt, daß diese Frage Budapest allein angehe, daß aber be­greiflicherweise in Oesterreich größte Sympathie für solche Wünsche des befreundeten Nachbarvolkes, mit dem man jahrzehntelang unter einem Dach ge­wohnt habe, beständen.

Auf der Rückreise von Ankara nach Belgrad traf der jugoslawische Ministerpräsident Stojadino- witsch in Pritschim ein. Er wurde vom bulgari­schen Ministerpräsidenten K j o s s e i w a n o f f er­wartet und begab sich in das in der Nähe gelegene Jagdschloß des Königs Boris, wo die­ser von dem Sommersitz Euxinograd eingetroffen war. Stojadinowitsch erklärte: Ich konnte bei meiner Unterredung mit dem König feftfteüen, daß Bulgarien von dem gleichen friedfertigen Geiste beseelt ist wie wir. Die Beziehungen zwischen Bul­garien und Jugoslawien waren niemals so gut unb freunbschaftlich wie heute.

Der Irak.

Die Militärbiktakur, bie jetzt im Irak unter Ausschreibung von Neuwahlen zum Parlament ausgerufen worben ist, wirb burch zwei fast anek­dotisch anmutende Tatbestände ungewöhnlich gut charakterisiert. Der bisherige Kriegsminister Dschaf- f a r Pascha (nach englischer Schreibart Jafar), dessen Erschießung berichtet wirb, ist in seiner Art ein Unikum gewesen. Er trug nämlich sowohl bas Eiserne Kreuz, wie bas Britische Kriegsverbienft» kreuz unb zwar beibe Orben wegen seiner Leistun­gen im Weltkrieg. Unb bas kam also: Dschaffar Pascha erwarb sich als aussichtsreicher türkischer Offizier schon während des italienisch-türkischen Krieges um Libyen Verdienste; während des Welt­krieges wurde er wieder auf diesen Kriegsschauplatz geschickt und bekam das Eiserne Kreuz, weil er den Engländern in Aegypten unangenehm wurde; dann aber schnappten ihn die Engländer unb brachten ihn als Gefangenen in bie Zitabelle von Kairo. Mit Hilfe von Streifen aus Pferbebecken suchte er aus biesem Gefängnis zu entkommen, fiel aber in ben Wassergraben unb würbe roieber her­ausgefischt; ber berühmte Lawrence gewann ihn bann für bie arabische Sache. Später war Dschaffar wieberholt Kriegsminister unb Minister- präfibent bes nach bem Krieae gebilbeten Staates Irak unb auch zweimal Gesanbter seines Lanbes in Lonbon.

Unb bie anbere Anekdote: Der eigentliche Führer des Umsturzes urs als neuer Kriegsminister Nach­folger von Dschaffar Pascha ist ebenfalls ein früherer türkischer Offizier. General B e k r s i d k i ist seiner Herkunft nach Kurde. Und darin liegt der Witz der Anekdote. Im Vertrag von Sevres, der den Krieg zwischen den Alliierten und der Türkei beenden sollte, aber dank d^s heldenhaften Widerstandes von Kemal Atatürk immer nur auf dem Papier stehen blieb, war bie Errichtung eines eigenen kurbischen Staates vor­gesehen. Das hatte seine guten Grünbe. Damals wollte Englanb noch den Kaukasus zur Grsnzscheide gegen Rußland und Kurdistan zur zweiten Linie machen. Die Oelfelder von Mossul gehören teils zu Kurdistan, teils liegen sie in unmittelbarer Nach­barschaft. Von dem Gebirgsmassiv wird sowohl bas anatolische Hochlanb, wie bas alte Mesopotamien (Zwischenstromlanb), eben bas heutige Irak, strate­gisch beherrscht. Von Kurbistan aus läßt sich mit Änstauungen ber Wasserstanb von Euphrat unb Tigris regeln, und außerdem fallen hier, wo die zum Teil schneebedeckten Hochgebirge Wind unb Wolken eine Grenze setzen, so erhebliche Nieder­schläge, daß Kurdistan und feine Randgebiete b i e heutige Kornkammer Mesopotamiens darstellen.

Die englische Liebe für die Kurden war also zu­gleich hervorragendrealpolitisch". Sie ging nur schief. Die Türken setzten es durch, daß das kurdische Gebiet zu reichlich drei Vierteln bei der von Kemal Atatürk neu aufgebauten Türkei verblieb, der Rest kam teilweise an Persien unb teilweise an Irak. Ein kurbischer Aufstanb wurde von den Tür­ken unter Bedauern der englischen Presse 1925 unterdrückt. Und nun die Ironie der Weltgeschichte: Jetzt ist es ausgerechnet ein früher türkischer, jetzt irakischer General kurdischer Abstammung, der den englandfreundlichen Dschaffar Pascha sei­nes Amtes entsetzt und einen anscheinend unnach­giebigeren Kurs steuern will. Für den näheren Kenner der Dinge ist dieses Zwischenspiel freilich nicht sonderlich wunderbar. Die Kurden sind ein mohammedanischer Stamm ohne Schriftsprache, fo sehr auch bis in die letzten Jahre hinein die eng­lischenRatgeber" im Irak bemüht waren, kur­dische Schulen zu schaffen. Wie bei ben Albanesen unb Tscherkessen fanben bageqen auch bei ben Kur- ben talentierte unb tüchtiqe Männer in ber räum­lich sehr großen alten Türkei ganz andere Auf­stiegsmöglichkeiten als in ihren Hochgebirgs-Tälern. Der Staatsgedanke hat hier einfach über den Dolks- gedanken den Sieg davongettagen.

Die Auswirkung der Regierungsänderung im Irak ist noch nicht zu übersehen. Der unmittelbare Eindruck ist ber, baß ber Hanbstreich von langer Hand vorbereitet wurde. Der große Unsicherheits- faktor ist der Herrscher Arabiens Ibn Saud, der von einer Art mohammedanischen Puritanertums herkommt, auch wiederholt die panarabische Be­wegung scharf in den Vordergrund stellte, aber durch viele Jahre von England merkliche Vorteile er­hielt. Inzwischen ist die panarabische Bewegung zu einer starken eigenständigen Kraft geworden unb die Erinnerung an den schweren Betrug der ara­bischen Erwartungen im Weltkriege durch England und Frankreich ist eher stärker als schwächer ge­worden. Heber die vermutlichen Auswirkungen zitteren mir denTemps", der zu dem Thema schreibt:Die Regierungsänderung im Irak droht, eine Entwicklung einzuleiten, wenn man sie unter dem besonderen Gesichtspunkt betrachtet, der für die ganze panarabische Bewegung eigentümlich ist. Die­ser Regierungsumsturz zeigt sich als eine mehr ober minber unmittelbare Folge ber Krise in Palästina und wie eine Einleitung zu einer umfassenden Um­gruppierung der arabischen Länder eine Um­gruppierung, auf bie seit einiger Zeit schon bie ver­einigten Bemühungen ber Staaten gerichtet sinb, bie aus ben Trümmern ber alten Türkei entstauben".

Die Streikbewegung in LISA, dehnt sich aus.

Neuyork, 4. Nov. (DNB. Funkspruch.) Der Hafenarbeiterausstanb führte am Diens­tag zu weiteren Sympathiestreiks. Nach ben letzten Melbungen finb etwa 300 Schiffen in ben verfchiebenen Häfen festgelegt. Insge­samt etwa 80000 Ärdeiter finb von dem