Nr. 128 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Donnerstag, 4-Mi 1956
Wahre autoritärer Regierung in Portugal.
Don unserem ständigen W.B.-Lenchterstatter. (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)
Lissabon, Mai 1936.
Am 28 Mai beging Portugal mit feierlichem Gepränge das zehnjährige Bestehen des „Neuen Staates" und gedachte in großen öffentlichen Beranstaltungen der nationalen Revolution des wahres 1926, die den entscheidenden Umschwung von marxistischer Verhetzung und verantwortungslosem Parlamentarismus zu der zielbewußten und autoritären Staatsführung des heutigen Portugal mit sich brachte. So selbstverständlich ist bereits die jetzige Ordnung geworden, daß die ungeheure Aufbauarbeit bis zur Erreichung der heutigen Lage nur allzu leicht vergessen wird. Die Geschichte der portugiesischen Republik in den Jahren 1910 bis 1926 stellt eine Kette von Demütigungen dar. Geführt von eigensüchtigen Geschäftemachern, die zum größten Teil der Freimaurerei angehorten, verarmte das Land, welches von der Natur mit hervorragenden Lebensbedingungen bedacht ist, in steigendem Maße. Der Weltkrieg, in welchen das Volk von seinen verantwortungslosen Politikern ohne Notwendigkeit und gegen seinen Willen hineingezogen wurde, verschlimmerte die Lage nur. Im Inneren lösten sich die Revolutionen und Revolutiönchen ab. Jeder vermeinte plötzlich, ein großer Politiker zu sein und das Land retten Zu können. Doch fehlte diesen Aufrührern jegliches höhere Ziel. Keine dieser Bewegungen ging von einer großen Volksgruppe aus. Unzufriedene Elemente brachten mühselig einen Angriff gegen die Regierung zustande, ohne ein festes Ziel zu haben, es sei denn den eigenen persönlichen Vorteil.
So kam in Europa eine bestimmte Vorstellung von Portugal auf, als eines lebensmüden Landes, das, auf den Lorbeeren feiner großen Vergangenheit ausruhend, langsam dem Untergang entgegen» gehe. Tatsächlich hatte sich des Volkes eine gewisse Erschlaffung bemächtigt; die stolzen Bauten des einstigen Erdteile beherrschenden Reiches verfielen; die Dichter, an denen es diesem eigenartigen Volke nie fehlte, schwelgten in Weltschmerz und Verzichtstimmung! Die große Masse des Volkes nahm keinen Anteil mehr an den Dingen des Staates und der Gemeinschaft und gab sich einer müden Hoffnungslosigkeit hin.
Im Jahre 1926 brach eine neue Revolution aus. Gewiß war das nichts Außergewöhnliches. Doch diese Revolution ging nicht von der Hauptstadt aus, wo die Intriganten und Volksverhetzer von jeher ihr Unwesen trieben, sondern brach im Norden des Landes, in Braga, der Hauptstadt einer fleißigen, bäuerlichen Provinz aus. Die Träger des Umsturzes waren Soldaten, junge Leute meist, in Denen ein Gefühl für die Größe Portugals lebendig war. Ihr Führer war General Comes d a C 0 sta, der bereits im Weltkrieg die Truppen seines Landes geführt hatte. Diese Soldaten, in denen Wagemut und Abscheu vor den marxistischen Machthabern des Landes sich paarten, machten kurzen Prozeß. Ihnen ging es nicht um das System, ihnen ging es um das Land, das auf diese Weise nicht länger leben konnte. Die schwache Regierung ergab sich ihnen in fliegender Hast. Doch das genügte den Revolutionären nicht. Sie räumten erst einmal gründlich im Lande auf. Das Parlament wurde geschlossen. Die Verwaltung wurde einer gründlichen Säuberung unterzogen. An Stelle der einstigen Geschäftemacher traten Soldaten, die den Willen mitbrachten, zum Wohle des Landes zu arbeiten, die Ordnung und Pflichterfüllung gewohnt waren. Aus Portugal wurde eine Militärdiktatur, die das Heft fest in Händen führte.
Es wäre trotzdem ein Irrtum zu behaupten, daß diese Entwicklung von der Bevölkerung mit Sym-
©er Koloß von Nom.
Don unserem römischen E.-Korrespondenien.
Rom, im Juni.
Kaum ist der Wettlauf mit dem Kolosseum ausgeschrieben, der dem mächtigen Amphitheater der Flavier ein noch gewaltigeres Bauwerk gegenüber» stellen soll, und zwar buchstäblich gegenüber, Angesicht in Angesicht, da rückt das Rom Mussolinis einem anderen Koloß zu Leibe, einem der sieben Weltwunder: dem Koloß zu Rhodos. Der stellte Helios dar, den griechischen Sonnengott, das Haupt von einem Strahlenkranz umgeben. Aus Bronze gegossen, war er zwanzigmal so hoch wie em Mensch, 34 Meter.
Dreihundert Jahre später fühlte sich Nero nicht minder groß; in dem trockengelegten Teich seines goldenen Hauses stellte man seine Statue auf, auch als Sonnengott, zwölf Paar Elefanten brauchte man zum Transport. Die Bronze war vergoldet, das Werk 36 Meter hoch. Und nach diesem Koloß nannte man schließlich das Theater, das hinter ihm errichtet wurde, Kolosseum.
Die zwanzigfache Menschengröße muß ihren besonderen Reiz haben, denn auch die Bavaria, das eherne Wahrzeichen Münchens, hat ihre 30 Meter. Man kann im Innern eine Wendeltreppe hinaufsteigen und droben im Kopf sitzen und mit den Augendeckeln klappern. Auch die Amerikaner gaben ihrer Freiheitsstatue an der Einfahrt in Neuyork eine Höhe von 32 Meter. Der Koloß von Rom aber wird 86 Meter hoch werden, den Sockel nicht mit» gerechnet! „ ri, .
Nicht ohne Sorgen sehen die Kunstfreunde einer solchen Himmelstürmerei entgegen, stellt der Ttann doch sämtliche Hügel Roms in den Schatten. Und nicht bloß die sieben des Altertums die ja mit ihren paar Dutzend Metern nicht mehr als sanfte Anschwellungen sind, obwohl sie alle Monte heißen, Berg. Der Montecitorio, auf dem das Parlamentsgebäude steht, ist überhaupt nur em antiker Schutthaufen von ein paar Metern „Hohe , der Mons sacer, auf den seinerzeit die Plebsauswandorte mißt 36 Meter, das Kapitol, der stellste aller Hügel, 49 Meter. Das neue Kapitol, das Viktor-Emanuel- Denkmal mit dem Altar des Vaterlandes unb bem Grab des unbekannten Soldaten, ist etwas hoher als das alte und wurde schon deswegen viel angefochten, abgesehen davon, daß nach den Jtrengen Kritikern diese „Riesenhochzeltsschaumtorte m die Umgebung passe wie die Faust aufs ^ge.• '
her hat sich hier allerdings durch den Durchbruch der Via dell’Impero, die das Kolosseum mit dem Palazzo Venezia verbindet, viel geändert und eingangs erwähnte Monumentalbau wird das Gesicht des Zentrums abermals umgestalten.
9 Jl.-'Sport
rung seines körperlichen Wohlbefindens auf dem Spielfeld.
In diesem Falle verdient das Faustballspiel die Bezeichnung „Altherrenspiel" mit Recht, ja sie ist ein Ehrentitel daftir. Um dem Spiel aber vollauf gerecht zu werden, muß man sich auch die Spiele der Meisterklasse ansehen. Erst die auf dieser Stufe vollbrachten Leistungen werden ein gerechtes Ur- til über das Faustballspiel gestatten. Denn was hier an einem Spieltag von jedem Spieler an ganzem Einsatz verlangt wird, das macht das Spiel wert, daß man es in die Reihe der großen Kampsspiele einreiht.
So groß die Unterschiede im spielerischen Können und in der körperlichen Leistung zwischen Meisterklasse und Altersklasse sind, so gleich groß ist die Freude, die durch nichts getrübt wird. Wer möchte da nicht daran teilhaben?
Dr. Wilhelm Loh, Wetzlar.
„FC.Teutoma*Watzenborn-Steinberg
Die erste Mannschaft weilte am ersten Feiertag bei dem Sportverein Buchenau und trug ein fälliges Gesellschaftsrückspiel aus. Trotzdem die Teutonen auf eigenem Platze mit 5:1 gewannen, waren diesmal die Siegesaussichten sehr schlecht, zumal ohne Burger und ohne Lang angetreten werden mußte. Und doch wurden die Buchenauer knapp, aber sicher mit 2:1 Toren geschlagen. Die erste Halbzeit waren die Teutonen ihrem Gastgeber überlegen und führten auch mit 2:0. Nach der Halbzeit war das Spiel ausgeglichener und die Buchenauer kamen zu ihrem einzigen, aber verdienten Treffer.
Die erste Jugend der Teutonen weilte ebenfalls in Buchenau und schlug sich sehr gut. Obwohl das Spiel bei Halbzeit nur 1:0 stand, mußten sich die Buchenauer bis zum Schluß noch vier weitere Tore gefallen lassen, so daß das Endresultat verdient mit 5:0 lautete.
Eine kombinierte Elf der Teutonen fuhr am zweiten Feiertag nach Großen-Linden und trug dort gegen die erste Mannschaft ein Rückspiel aus, das mit einem klaren Sieg von 7:0 ausging. Es gelang bem Gastgeber nicht, das Ehrentor zu erzielen.
Die zweite Jugendmannschaft trug ihr erstes Spiel gegen die erste Jugend von Allendorf (Lahn) aus. Es dauerte lang, bis sich die neuaufgestellte Jugend einigermaßen gefunden hatte, und daher ist auch wohl der niedrige Halbzeitstand von 2:1 zu
im eigenen Lande wenig fanatische Anhänger hat und ein großer Teil der Jugend eigene Wege geht.
Dem Auslande gegenüber betreibt der Neue Staat eine außerordentlich geschickte Politik, die wesentlich dazu beigetragen hat, das internationale Ansehen Portugals bedeutend zu erhöhen. Einer besonderen Beachtung sind die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Portugal wert, die in den letzten Jahren sich außerordentlich verstärkt haben, vor allem auf Grund einer häufigeren persönlichen Fühlungnahme, wozu die Reisen der „Kraft-durch-Freude"- Flotte nach Lissabon und Madeira in starkem Maße beigetragen haben und wobei deutsche und portugiesische Arbeiter miteinander bekannt wurden, und dann auch durch die regere Pflege der Kulturbeziehungen, deren sich besonders die Lissaboner Deutsch-Portugiesische Gesellschaft angenommen hat. So konnte nicht nur eine Zunahme der gegenseitigen Achtung festgestellt werden. Auch die Maßnahmen des neuen Deutschland, vor allem auf sozialem Gebiet, stoßen in Portugal auf ein wachsendes Verständnis, was besonders daraus hervorgeht, daß die sozialen Maßnahmen der portugiesischen Regierung weitgehend den deutschen Einrichtungen entsprechen.
Salazar möglich wäre, auch das Wirken Salazars nicht ohne die Militärdiktatur denkbar ist.
In dem Augenblick, wo die Aufbauarbeit Salazars ihre Früchte zu zeitigen begann und wo der Erfolg feiner Politik, im Gegensatz zu den Mißerfolgen seiner Vorgänger, klar zutage trat, erfolgte in taktisch geschickter Weise die Rückwandlgng der Diktatur in einen Dolksstaat. Beeindruckt von den äußeren Erfolgen der Politik des Neuen Staates, hauptsächlich auf dem Gebiet. der Finanzen, dem Ressort Salazars, gab das Volk dem Regime seine Zustimmung, indem es den General Carmona zum Präsidenten wählte und so das politische System billigte und der Regierung freie Hand für die weitere Entwicklung gab. Im übrigen kommt die Regierung wenig mit dem Volk zusammen, für dessen Wohl sie sorgt. Daß es der geistig bewegliche Portugiese, der zudem seiner ganzen Veranlagung nach liberal eingestellt ist, an Kritik nicht fehlen läßt, ist der Regierung bekannt, doch vertraut sie darauf, daß am Ende die Tatsachen stets für sie sprechen werden. Im Vertrauen hierauf beschränkt sie sich lediglich auf die Abwehr der unmittelbaren staatsfeindlichen und kommunistischen Propaganda, wogegen sie mit den strengsten Mitteln kämpft. So erklärt sich die eigentümliche Tatsache, daß die Regierung
Faustball als Lluierhattungs- und als Kampsspiel.
Der Grundgedanke des Faustballspiels ist zunächst der, einen in der eigenen Spielfeldhälfte befindlichen Ball über eine zwei Meter hohe Leine ins gegnerische Feld zurückzuschlagen, ohne hierbei einen Fehler zu machen. Der Ball darf dabei von jeder Mannschaft hintereinander höchstens dreimal geschlagen werden und höchstens einmal vor jedem Schlag im eigenen Feldteil den Boden berühren. Unter diesem einfachen Spielgedanken kann man sich anfangs recht unterhaltsam vergnügen, ohne körperlich allzu hohe Anforderungen an sich stellen zu müssen. Man muß natürlich etwas von Ballberechnung verstehen und das Ballschlagen soweit beherrschen, daß der Ball dahin fliegt, wo man ihn hinbefördern wollte.
Ganz anders wird es, wenn auf der nächsten Stufe spielerischen Könnens die Erweiterung des Spielgedankens kommt, nämlich den Ball derart zum Gegner zurückzuschlagen, daß er dort nur mit viel Mühe oder überhaupt nicht ausgenommen wird. Sofort kommen erhöhte Anforderungen an die Körpergewandtheit, an blitzschnelles Denken und Handeln und eine noch größere Fertigkeit im Ballschlagen zu dem Können der vorher skizzierten Grundstufe hinzu. Besonders der Rückschlag über die Leine verlangt große Vollkommenheit in zwei neuen Schlagarten, dem Hau- und dem Zielschlag. Mit dem unterhaltsamen, gemütlichen Spiel hat das nun nichts mehr zu tun. Nur sportlich durchgearbeitete Körper schaffen den restlosen Einsatz auf dieser Spielstufe.
Don der Grundstufe spielerischen Könnens bis zu den Leistungen der Meisterklasse sind nun die Uebergänge, sowohl was die Fertigkeit betrifft, wie auch in bezug auf die körperliche Leistung, derart fließend, daß man jederzeit dem Spiel mit gleicher Begeisterung nachgehen kann. Ja, dieser Umstand hat'es gerade mit sich gebracht, daß das Faustballspiel in allen Lebensaltern von Mann und Frau mit derselben Freude und mit gleichem, allerdings dem Alter entsprechendem körperlichem Einsatz ge- spilt werden kann. Wenn der Fußballer unb Handballer schon lange hinter den Schranken als Zuschauer steht, weil er bei seinem Spiel nicht mehr so recht mitkann, dan tummelt sich der Faustballer noch Jahre lang zu seiner Freude und zur Förbe-
pathie begrüßt wurde. Zu sehr war das Land in die Lehren des Liberalismus verstrickt. Immerhin mußten die Einsichtigen den guten Willen der Diktatur anerkennen. Diese stand vor einer äußerst schweren Aufgabe. Portugal stand vor dem finanziellen Ruin. Wenn es gerettet werden sollte, mußten zunächst die Finanzen des Landes in Ordnung gebracht werden. Es schien zeitweilig, als ob die Militärdiktatur vor dieser Aufgabe die Waffen strecken müßte. Auch die Einsichtigen begannen wieder zu zweifeln: Kann Portugal noch gerettet werden? Nach zwei Jahren ging die Staatsgewalt von General Gomes da Costa, der bei feinem Abschied zum Marschall ernannt wurde, auf General Carmona über. Dieser, von der Erkenntnis ausgehend, daß die Militärdiktatur auch der Mitarbeit der intellektuellen Kreise des Landes bedürfe, berief als Finanzminister einen jungen, bisher unbekannten Universitätsprofefsor, Salazar, der bereits einmal, ganz im Anfang her Diktatur, den gleichen Posten einige Tage lang innegehabt hatte, aber dann feinen Abschied nahm, da man ihm nicht genügend Handlungsfreiheit zubilligte. Salazar wußte, daß von seinem Ministerium Wohl und Wehe des Landes abhing. Mit der ihm eigenen Bescheidenheit und Geräuschlosigkeit, aber mit rücksichtsloser Energie und Strenge, begann Salazar sein Werk der finanziellen Gesundung und Festigkeit. Mit drakonischen Sparmaßnahmen und unter Verzicht auf Ausländsanleihen gelang ihm in erstaunlich kurzer Zeit das für unmöglich gehaltene Werk der inneren Sanierung und darüber hinaus ging er sogar an die Tilgung der Auslandsverschuldung. Ihm ist in erster Linie die überraschende Wandlung in der Entwicklung Portugals zu verdanken.
Der Name Salazar wurde bei seinem Volk und in der Welt ein Begriff. Er, der die Oeffentlichkeit scheut und den man sich schlecht anders, als am Schreibtisch sitzend vorstellen kann, wurde der bekannteste Mann seines Landes. Salazar war ursprünglich lediglich und ausschließlich Finanzminister, allerdinas mit außergewöhnlichen Vollmachten, die ihm von Ser Diktatur übertragen wurden. Trotzdem gehen von ihm die wertvollsten Anregungen für den Aufbau des neuen Portugals aus, und er wurde der eigentliche Schöpfer des „Neuen Staates".
Die Diktatur, die nach Salazars eigenen Worten nur eine vorübergehende Erscheinung sein kann, da auf die Dauer jede Staatsgewalt im Volke verankert sein muß, macht dem Stände st aat Platz. Das Volk mußte die Verdienste der Regierung schließlich anerkennen und tat dies, indem es den einstigen Diktator General Carmona mit großer Mehrheit zum Staatspräsidenten wählte. An Stelle des einstigen Parlaments trat die N a - tionalversammlung, in welcher nur eine Partei, die einzige Portugals, die Nationale Union, vertreten ist. Salazar, der seit acht Jahren das Finanzministerium verwaltet, wurde im Iahte 1933 außerdem zum Ministerpräsidenten ernannt. Aus einem Lande, dessen Verfall allenthalben spürbar war, wurde ein aufblühender Staat, dessen Bedeutung ständig im Wachsen ist. Portugal, das über kurz ober lang dem Bolschewismus zu verfallen schien, wurde ein ausgesprochen nationaler Staat, der im Vertrauen auf seine Kraft, mit ruhiger Zuversicht in die Zukunft schaut.
Es ist eine verlockende und lehrreiche Ausgabe, einmal den Gründen, die zu dieser gewiß bemerkenswerten Entwicklung führten, nachzugehen. Eine Tatsache, die einen zunächst in Erstaunen setzt, ist, daß der Neue Staat ohne die Mitarbeit des Volkes geschaffen wurde. Salazar begann sein Werk unter der Herrschaft der Militärdiktatur, deren Stütze in der bewaffneten Macht lag. Er brauchte somit keine Rücksicht auf die öffentliche Meinung zu nehmen und hat dies auch nie getan, sondern er handelte so, wie er es für richtig hielt. Es bedeutet keine Schmälerung seines Verdienstes, wenn man feststellt, daß, so wie der Neue Staat nicht ohne
Würde sich der Koloß von Rom hier ansiedeln oder überhaupt innerhalb der Altstadt, so wäre ihm kein Kirchturm gewachsen, keine Triumphsäule, keiner der ägyptischen Obelisken, die doch schon ansehnliche Himmelsnadeln sind, nicht die Engelsburg, nicht das Schiff der Peterskirche. Nur die Peters- kuppel darf künftig noch größer sein als Mussolini — wenn der Koloß tatsächlich ihn darstellen soll, wie man sich erzählt.
Genaues weiß allerdings niemand zu berichten, es heißt, daß Ingenieure und Bildhauer Tag und Nacht über dem Problem sitzen. Manche stellen sich den ehernen Duce als Herkules vor, mit einem Löwenfell bekleidet, andere sehen in dem Standbild zunächst nur die Verkörperung des neuen Imperiums, des faschistischen Italiens. Eines steht fest: einen dritten Sonnengott werden wir nicht erleben. Und vom persönlichen Geschmack Mussolinis, der unter den Statuen, die für das nach ihm benannte Stadion bestimmt waren, so fürchterlich Musterung hielt, darf man die rechtzeitige Verhütung von Uebertreibungen und Stilwidrigkeiten erwarten.
Die faschistische Jugendorganisation „Balilla“ ist es, die das Standbild aus den von ihr gesammelten Mitteln auf dem Forum Mussolini errichtet, wo bereits der schneeweiße Mussolini-Obekisk steht. Link vom historischen Ponte Milvio, wenn man die Via Flaminia hinausgeht, im Gelände der Farne- sina (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Villa in Irafteoere),. am Fuße eines 116 Meter hohen Berges, der mit dem höchsten der nun bebauten 13 Hügel zusammenhängt, dem Monte Mario, mit einem Gipfel von 139 Meter. Da nun aber das Forum schon ungefähr 30 Meter über dem Meeresspiegel liegt und der Koloß auch einen Sockel haben muß, läßt sich voraussehen, daß er über sämtliche Berge weit und breit hinwegschauen wird.
Und das ist wesentlich für den Anblick der ewigen Stadt, denn das Titanenhaupt muh somit selbst das Reiterstandbild Garibaldis auf dem Gianicolo überragen, von dem man als dem scheinbar höchsten Aussichtspunkt auf das Tibertal hinabzuschauen pflegt. Es läßt sich heute noch gar nicht beurteilen, wie die Wirkung eines solchen Kolosses sein muß: Peterskuppel neben Herkuleskopf, alles andere drunten in der Tiefe ...
Eine Zeitlang ging man mit dem Gedanken um, auf dem Gianicolo oder Monte Mario ein gewaltiges leuchtendes Liktorenbündel zu errichten, höher als der Eifelturm, den eigenartigsten Leuchtturm der Erde, daß er den Schiffen schön von weitem künde: Hier ist Rom! Vielleicht wird man sich nun mit dem Koloß begnügen, vielleicht auch das eine tun und das andere nicht lassen.
Einige Zahlen: Der Kops allein mißt vom Kinn bis zu den Haaren 12 Meter. Auf den Fingern
kann man reiten. In jedem Bein ist ein Auszug eingebaut, so daß auch bequeme Leute die Reise durchs Innere des Riesen bis hinauf zu dem Balkon unternehmen können, der irgendwo in das Löwenfell hineingeschmuggelt wird. Das Gewicht der Statue wird auf fünftausend Tonnen Bronze geschätzt, im Innern befindet sich natürlich ein starres Eisengerüst. Sanktionen und Rohstoffmangel wurden offenbar nicht in die Rechnung eingestellt. Möglicherweise erleben nun die zahllosen Medaillen und Metalle aller Art, die in den letzten Monaten zum Einschmelzen auf dem Altar des Vaterlands geopfert wurden, in dem Jmperiumskoloß eine tatsächliche und sinnbildliche Auferstehung.
Kinderzeichmmg an der Wand.
Eine Lerche steigt jubelnd hoch und singt. Der kleine Vogel will vor Gesang fast zerspringen. Und wie er singt, da ist's, als ob das Feld, die Landstraße den Atem anhalten. — Und dann ist der Gesang verweht, und doch ist's, als ob ein heimlicher Schimmer aus der Ewigkeit heruntergeweht ist. Es ist nur ein kleiner Schimmer, aber er ist da: das Menschenherz fühlt ihn.
Da bin ich gestern in ein Kleinstadthaus gekommen. Darin war alles sauber, licht und hell, jedes Ding hatte seinen Platz und wurde geehrt und geachtet. Aber man fühlte auch sofort: in diesem Haus gibt’s keine Kinder.
Und wie ich mich auf das samtgepolsterte Sofa setze, da seh' ich plötzlich, dicht überm Sofa, an der schöntapezierten Wand: eine Kinderzeichnung, ungelenk, lustig und übermütig. — Es soll vielleicht ein Gesicht sein. Ja, ja, das soll es wohl. Aber das Gesicht ist eckig, ulkig verzerrt. Und diese Kinderkrakelei auf der schönen hellen Tapete, eigentlich schade ist das.
Die Hausfrau sieht, wie ich das törichte Wunder betrachte, und sagt mit trauriger Freude im Gesicht: „Ach ja, das ist noch von unserem kleinen Jungen. — Das ist schon lange her. Er war damals so klein, daß er beim Schlafen nicht einmal bis zum Kopfkissen heraufreichte. Und dort, wo Sie fitzen, hat er sich hingestellt und hat das Bild auf die Tapete gezeichnet. — Ich sehe ihn noch: eine unordentliche Haarsträhne hing ihm in die Stirn. — Ach, wie lange ist das schon her." — Sie dachte traurig nach. — „Acht Jahre ist er nun tot. Wir hatten ihn nur fünf Jahre." — Und als ob sie sich entschuldigen wollte, sagte sie: „Ich hätte ja die Zeichnung wohl längst abwischen können. Aber ich kann's nicht. — Nein, ich will's nicht. Die Stube sieht gerade so schön durch die Zeichnung aus. Vielleicht für uns nur: für meinen Monn und für mich. Und dann habe ich so meine Gedanken dabei: Jedesmal, wenn
der Kleine Geburtstag hat, dann ist mir's, in den Abendstunden, als ob ein Engel, ein weißer Engel durch die Stube geht, aufs Sofa hinkniet und die Zeichnung anhaucht. Und wenn er sie angehaucht hat, dann legt er seine Stirn auf die Zeichnung, lange, lange. Und dann geht er wieder davon. Und die Zeichnung hat wohl etwas abgefärbt, so ein bißchen nur. Und mit dem kleinen, närrischen Schatten auf der Stirn fliegt er wieder zurück in den Himmel. Und der kleine Junge droben sieht den Engel mit seiner Zeichnung auf der Stirn. Und er freut sich darüber und entsinnt sich vielleicht: daß er mal auf der Erde war, bei uns. — Aber entschuldigen Sie nur, daß ich Ihnen das erzähle, ich kann den kleinen Kerl nun einmal nicht vergessen."
Ist das nicht wie mit dem Liede der Lerche? — Ein Gesang, der bis an die Pforte des Himmels stößt, der Menschenhände voller Andacht faltet und dann verweht und eine kleine Verklärung auf alle Dinge haucht?
Max Jungnickel.
Zeitschriften
— Das neue Heft der im Verlage F. Bruckmann AG., München, erscheinenden Monatsschrift „D i e Kun st" zeigt das Bestreben, sich immer breitere Volkskreise zu erobern. Der vielseitige Inhalt der Juni-Ausgabe macht uns zur Einführung mit dem Schweizer Bildhauer Hermann Hubacher bekannt, dessen Werke ein ausgesprochenes Gefühl für das Naturhafte erkennen lassen. Ulrich Christoffel vermittelt uns tiefe Eindrücke über seine künstlerische Entwicklung und eigenartige Formgebung. Von be« sonderem Reiz ist die Wiedergabe des Selbstbild- nisses „Meister Anton Pilgram, um 1500", am Fuße der Kanzel des Stefansdornes in Wien. Ein Artikel von Hans Pels-Leusden beschäftigt sich mit bem Düsseldorfer Landschaftsmaler Theo Champion. Zu den aus bäuerlichem Stamm entsprossenen Künstlern gehört der Graphiker Rudolf Scheller, dessen wertvolle Arbeiten Dr. Franz Hofmann würdigt. Der zweite Teil des Heftes mit feiner Fülle von Darbietungen über Architektur, Wohnkultur und Kunsthandwerk bietet dem Leser vielfache Anregungen für seine wohnlichen Bedürfnisse. „Ein Landhaus in Risch am Zuger See" von Architekt Ernst Rentsch (Basel), „Raumkunst an Bord des Dampfers ,(9neifenau‘ des Norddeutschen Lloyd, Bremen" von Rob. Kain (Bremen). Kunsthondwerklich in bestem Sinne sind die Entwürfe zahlreicher Hausgegenstände aus bekannten Werkstätten. Nachrichten über Ausstellungen, Auktionen und andere künstlerische Zeitereignisse beschließen diele umfassende Rundschau über neuere und neueste Kunst. Prächtiges itnb gut ausgewähltes Bildmaterial ist ihr besonderer Vorzug.


