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Nr. 54 Erstes Blatt

Mittwochs- März Mb

186. Jahrgang

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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zrankfuri am Main 11686 Druck und Verlag: vrühl'sche Univerfitatsvuch- und Steinöruderci R. Lange in Gietzen. Schristlettung und Geschäftsstelle: Zchulftratze 7 Mengenabschlüsse siaffelk

England begründet sein Aufrüstungsprogramm.

Die Rüstungsdenkschrist des Kabinetts Baldwin veröffentlicht.

London, 3. März. (DNB.) Das Weißbuch der Regierung über die englischen Aufrüstungspläne wurde am Dienstagvormittag veröffentlicht. In ihm heißt es: In der gegenwärtigen Weltlage haben wir keine andere Wahl, als die notwendigen Mittel bereitzustellen, sowohl zum Schutze unserer selbst, als auch um unsere Rolle bei der Erzwingung internationaler Verpflichtungen durch gemeinsames Vorgehen spielen zu können. Die Regierung hat daher eine gründliche Prüfung des gegenwärtigen Standes der Marine, der Armee und der Luft­flotte vorgenommen. Die Vorschläge, die sie jetzt macht, stellen nichts anderes dar, als was in den gegenwärtigen Umständen als wesentlich angesehen werden muß.

Obwohl die Regierung unter den durch den italienisch-abessinischen Konflikt ge­schaffenen Umständen in der Lage war, die Vor­kehrungen zu treffen, die die Lage erforderte, geriet sie durch den Rückgang in der effektiven Stärke ihrer Rüstungen zur See, zu Lande und in der Luft in Verlegenheit. Es war lediglich mög­lich, die Stellung im Mittelmeer und im Roten Meer durch Entblößung anderer Ge­biete bis zu einem ernste Gefahren mit sich bringenden Grade zu schützen.

Die Rüstung der Andern.

Wichtiger noch als die Umstände irgend eines be­sonderen Konfliktes ist der Einfluß, den die w a ch - senden Rüstungen anderer Länder auf unsere Wehrmaßnahmen ausüben. Die deutsche Wiederaufrüstung ist während des ganzen Jahres in einem stetigen, aber schnellen Grad vor sich gegangen. Die Tatsache der Aufrüstung selbst wird nicht verhehlt. Aber hinsichtlich der Einzelhei­ten bestehen noch viele Geheimnisse. Im vergange­nen März wurde die Dienstpflicht wieder hergestellt und eine Armee in einer Friedensstärke von 36 Dioisionen mit 550 000 Monn angekündigt. Der deutsche Kanzler teilte Sir John Simon mit, daß Deutschland auf L u f t g l e i ch h e i t zwischen Groß­britannien, Frankreich und Deutschland abziele, vorausgesetzt, daß die Entwicklung der sowjetrussi­schen Luftflotte nicht eine Überprüfung dieser Zah­len notwendig mache. Was seitdem geschehen ist, deutet auf eine fortgesetzte Entwicklung der deut­schen Luftstreitkräfte hin. Das mit der deutschen Re­gierung am 18. Juni 1935 erzielte F l o t t e n a b - kommen aehört insofern zu einer anderen Art, als es die Größe der deutschen Flotte auf ein be­stimmtes Verhältnis zur Stärke der britischen Flot­tenstreitkräfte begrenzt. Nichtsdestoweniger ist die neue deutsche Flotte selbst innerhalb dieser Be­grenzung ein Zusatz zu den Rüstungen der Welt, der nicht außer Acht gelassen werden kann.

Es wird dann festgestellt, daß Frankreich im vergangenen Frühjahr die zweijährige Dienstzeit einführte, die französische Luftflotte sich im Zustande einer wichtigen Umbildung und Neuausrüstung befindet und die Sperrfestungen an der Nordostgrenze unter großem Kostenaufwand er­weitert werden, so daß auch die nördlichen 2)epm> tements geschützt werden. Das Kapitel über 25 cH gien enthält einen Hinweis auf die echöhten Ru- stungsausgaben und auf die schnelle Verstärkung und Erneuerung der Befestigungsanlagen an der Ostqrenze. Die italienische Armee, heißt es weiter, steht seit 6 Monaten auf dem Kriegsfuß Die italienische Luftflotte wird vollständig neu aus­gerüstet und auch vergrößert. Die s o> w j e t r us s i - 's ch e n Streitkräfte werden mit 1 300 000 Mann angegeben. Eine weitere Vermehrung der sowiet- russischen Luftstreitkräfte sei bereits tm Gange.

In Japan sei der militärische Haushaltsplan für 1936/37 g r ö ß e r a l s j e z u v o r Schon im Vorjahre hätten die militärischen Ausgaben 4b v. S). des Gesamthaushaltes ausgemacht.

Das Weißbuch betont, daß die britische Regierung auch weiterhin ihr äußerstes tun werde, um em Abkommen über eine B e g r e n z u n g der Stiftungen zu fördern Die V°rt°id,gungs°or,chlag- dürften nicht als ein Zeichen dafür angesehen wer­den, daß England die bisher verfolgte internatio­nale Politik in irgendeiner Weife aufgebe Das Flottenabkommen mit Deutschland und die Be­mühung einen neuen Flottenvertrag mit den Machten des Washingtoner Abkommens abzuschlie- ßen, sind hierfür Beispiele.

Die Flotte.

entwickelt die

ÄÄ;.5*iS M.;

Anfang mit der Wiederaufrüstung der Flotte durch die Kiellegung von i®e ®

werden bereits im Bauprogramm von

ten sein. Weiter wird der Neubau von Zersto rem und U-Booten beabsichtigt. Em neu^ F l u g z e u g m u t t e r f ch t f I ^/marine

auf Kiel gelegt werden. Die Luftflotte o

wird beträchtlich vergrößert werden. Das P n n a l der Flotte wird allmählich u m 6 innerhalb eines Jahres vergrößert weroen.

Die Armee.

Für die Armee schlägt die Regierung vor, daß vier neue Infanterie-Bataillone ge­schaffen werden. Die Armee soll mit der m o - dernsten Bewaffnung versehen werden. Die Territorial-Armee (Heimatarmee) wird so aufgestellt werden, daß sie in der Lage ist, die reguläre Armee über See zu unterstützen, falls das notwendig ist. Die Modernisierung der Küstenverteidigung und der befestigten Häfen der Heimat und in Uebersee wird beschleu­nigt werden Die Neuordnung der L u f t a b w e h r- verteidigung im Südosten Englands wird räumlich ausgedehnt werden, um wichtige industrielle Bezirke in der Mitte und im Norden des Landes mit einzubeziehen.

Die Lustmacht.

Für die Luftflotte werden vier neue Hilfsgeschwader geschaffen, die für die Zu­sammenarbeit mit der Territorialarmee gebildet werden. Für die Zwecke der Reichsverteidigung außerhalb der Heimat sollen weitere 12 Geschwader von Flugzeugen in Auftrag gegeben werden. Aus dem Weißbuch geht die ge­naue Zahl der Maschinen, um die die Luftstreit­kräfte vermehrt werden sollen, nicht hervor. Des­halb weichen die Berechnungen der Blätter hier­über uafj voneinander ab. So errechnet derStar" eine Vermehrung der britischen Luftflotte um 785 Flugzeuge. Anfang nächsten Jahres werde die Ge­sa mt st ä r k e der britischen Flugwaffe auf 2000

Maschinen gestiegen sein.Evening Standard" kommt auf eine noch höhere Ziffer. 1937 werde sich die Gesamtstärke wie folgt stellen: Heimatstreitkraft 1750, Marineluftflotte 350, Ueberseekommando 408; insgesamt 140 bis 170 Geschwader mit 2508 Front­linienflugzeugen. Die Marine habe bisher 171 Flugzeuge gehabt, deren Zahl werde auf 3 5 0 verdoppelt werden.

Die Rüstungsindustrie.

Der vierte und letzte Teil des Weißbuches be­faßt sich endlich mit der i n d u st r i e l l e n Seite der Aufrüstung und erklärt, daß England sein Pro­gramm so durchführen müsse, daß die normale Wirtschaft nicht behindert werde. Dies erfordere eine sorgfältige Organisierung und den Willen zur Zusammenarbeit zwischen der Industrie und den Gewerkschaften. Zur Herstellung von Mu­nition müßte die Zahl der vorhandenen Fabri­ken im Regierungsbesitz verdoppelt werden. Man werde Aufträge für die Luftmacht auch an Firmen vergeben, die für gewöhnlich keine Flugzeuge herstellten. Weiter beschäftigt sich das Weißbuch mit dem Bedarf an gelernten Arbeitern für die Kriegsindustrie. Die Regie­rung ist entschlossen, keinerlei außerge­wöhnliche Gewinne der Industrie zu dul­den. Die Kosten der Aufrüstung für das erste Jahr würden später durch einen Ergänzungs­haushalt ausgewiesen werden, in dem die Gelder für die in dem Weißbuch aufgeführten Maßnah­men angefordert werden. Im nächsten Jahr würden die Ausgaben notwendigerweise größer sein.

DasRöfiungsprogramm findet geteilte Ausnahme bei Parteien und preffe.

Oie Hechtskonservativen sind enttäuscht. - Arbeiterpartei und Liberale sprechen von HüstungSwettrennen.

London, 4. März (DNB. - Funkspruch.) Von den Morgenblättern stimmen nur dieTimes" und derDaily Telegraph" dem neuen Aufrüstungs­programm rückhaltlos zu. Letzteres erklärt, Eng­lands öffentliche Meinung stimme mit den Sach­verständigen in der Ansicht überein, daß die Auf- rüstung der Luftflotte das dringendste Problem der Verteidigung sei. Die Pläne für die Wiederaufrüstung der Flotte würden den For­derungen der Marinekreise nicht voll gerecht. Sie seien aber ein großer Fortschritt. Die Armee habe zahlenmäßig weitaus den geringsten An­teil an den Aufriistungsvorschlägen, jedoch werde beim Heer die besondere Aufmerksamkeit der besse­ren Ausrüstung und Organisation zu-ewandt. Von großer Bedeutung seien auch die Pläne für die inöuftrielle Mobilmachung. DieT i - m e s" meint, die neuen Aufrüstungspläne seien eine normale Folge der bekannten politischen An­sicht der englischen Regierung, daß zwar Rüstungen nicht den Frieden bringen könnten, aber ebenso wenig der Mangel an Rüstungen Die Maß­nahmen der anderen Militärmächte seien ein flüssiger Gegenbeweis gegen die Annahme, daß ein weiterer Aufschub der britischen Aufrü­stung die Rüstungen der anderen Lander emdarn- men werde. Außerdem habe der Abessinien-Streit bewiesen, daß eine ständige Hinauszögerung der Rüstung dem Frieden keine Dienste leiste.

Die konservativeCorning P o ft", die den englischen Rüstungs- und Militärkreisen nahesteht, meint, daß die Leute, die die großen Dinge von dem Weißbuch erwartet haben, eine gewisse Ent­täuschung erleben, wenn sie sich die Vorschläge ansehen. Auch das Rothermere-BlattDaily Mail" bezeichnet das Aufrüstungsprogramm als eine schwere Enttäuschung. Es müsse als völlig unzulänglich betrachtet werden. Das Blatt das eine Luftflotte von 10 000 Maschinen für England gefordert hat, erklärt, daß die vorgesehe­nen Verstärkungen der Luftflotte viel zu ge­

ring seien. ri ,, .. , . .

Dem Rüstungsweißbuch steht die Ar bei ter - vpvosition feindspl'g. die l i b e r a I e O pv o - fition außerordentlich kritisch gegenüber.Daily fieralb" meldet, die Partei habe genen da? Weiß­buch einzuwenden- daß es die gewaltige Rustungs- Dermehrung Nicht befriedigend rechtfertigen könne daß- die Regierungsvorschläge ungenau feien und daß das Parlament aufgefordert werde, sich a u f unbegrenzte S r i e g 5 n o r b e r e, t u n g e n festzulegen, und schließlich, daß eine Friedenspoli­tik nicht mit einer nanikartigen Anhäufung oon Stiftungen durchgefülirt werden könne. Lord Snowden, der frühere Schatzkanzler, erklärte, England hat ein Rtiftun g s w e 11 r en n en in f »arf em Tempo vorbereitet. Es ist ei nPro- grarnm der Panik, das durch Nichts ,n UN- seren internationalen Verpflichtungen oder in den Erfordernissen des britischen Reiches gerechtfertigt mirh Alle Freunde des Friedens sollten sich ver- "nigen um dÄer Politik des Wahnsinns Wider- ftaSaffn Herold" schreibt, es habe den Anschein, daß die, Ide Seaiernng, die letzt m der Anwendung wirtschaftlicher Snhn-maßnahm-n gegen Italien

zögere, in einem anderen Falle die An­wendung militärischer Sühnemaß­nahmen beabsichtige. Die Begründung des Weißbuches sei eine Herausforderung zu einem Rüstungswettrennen nach dem Vorkriegsmuster. Die liberaleNews C h r o n i c l e" sagt, man müsse sich fragen, gegen wen soll man plötzlich so übereilt rüsten? Könne man nicht angesichts des unvermeidlichen Rüstungs­wettrennens, das das englische Programm Hervor­rufen werde, angesichts des sehr kritischen Zustan­des der Welt und in Anbetracht der kürz­lichen Friedensangebote Hitlers in einem ganz anderen Geiste an das Problem her­antreten? Die beiden Hauptverantwortlichen für das Rüstungsweißbuch Macdonald und Bald- w i n hätten 12 Jahre lang eine Gelegenheit nach der anderen versäumt. Für ihre diplomatischen Fehler sei das Weißbuch ein tragi­scher Beweis.

Geschichte eines weißen Raben."

Kommunistische Propaganda in Französisch-Senegal.

P a r i s , 4. März. (DNB. Funkspruch.)Le Jour" veröffentlicht den Brief eines Lesers aus Dakar. Darin wird erzählt, daß kürzlich mit einem Dampfer nächtlicherweile eine Sendung von Bro­schüren mit dem unverkennlichen TitelGeschichte eines weißen Raben" von Alfred de Muffet ein­getroffen sei. Bei der Prüfung der Broschüren hat sich aber herausgestellt, daß es sich um k 0 mmu - nistische Propagandaschriften handele, in denen auf 35 Seiten der schwarzen Bevölkerung Haß gegen die Franzosen gepredigt werde.

Wir haben" so heiße es in der Broschüre einen Verband für die Freiheit der Senegal-Völker gegründet, die vom französi­schen Staat unabhängig werden müssen. Wir kämp­fen für die Niederzwingung der französischen Macht: Fordert die Abschaffung des französischen Gerichts­systems! Kämpft für Befreiung des Se­negal-Gebietes von französischen Truppen, für Aufhebung des Militärdienstes der Senegalesen und für Auflösung der französischen Polizei? Zahlt keinen Cent für die Erhaltung des französischen Imperialismus! Organisiert euch für den Kampf mit den französischen Führern. Die Gruppen unseres Verbandes bereiten die Ar­beiter und die Bauern auf die entscheidenden Schlachten der Senegalvölker vor, um ein für allemal die französischen Gouverneure, die französischen Be­amten und die französischen Soldaten davonzujagen."

Nun möge man uns noch vonNichteinmischung" der Sowjets in die französischen Angelegenheiten sprechen, so heißt es in dem Brief, und dann noch mit Sowjetrußland einen Beistandsvertrag unter­zeichnen.

Dissonanzen.

An dem gleichen Tage, da der Völkerbund seinen letzten Friedensappell an die beiden in Afrika kriegführenden Mächte beschloß, veröffent­lichte die britische Regierung in einem Weißbuch das größte Aufrüstungspro- gramm der englischen Geschichte und verkündete Mussolini im römischen Ministerrat die bevor- tehende Zusammenkunft der Mächte des römischen Protokolls. Man hört sofort, daß der Dreiklang dieser Ereignisse keine Harmonie ergibt. Der 3. März 1936 kann vielleicht ein historisches Datum werden, das den Grund legt zu der Ent­scheidung, ob die in Genf vereinigten Staaten den Weg des Friedens oder den des Krieges in Europa gehen wollen.

Wenn man zunächst die Aussichten des von Eden und Flandin ausgearbeiteten Friedensvor- ch l a g e s prüfen will, so ist festzustellen, daß sein Wortlaut wohl ein Kompromiß zwischen der eng- lischen und französischen Auffassung darstellt, aber die grundsätzliche italienische Haltung fast ganz außer acht läßt. Der französische Außenminister hat es erreicht, dem Friedensappell seinen ultimativen, drohenden Charakter zu nehmen, andererseits ist es dem englischen Außenminister gelungen, die An­erkennung der durch den italienischen Vormarsch geschaffenen Lage zu verhindern. Immerhin bleibt die in dem Vorschlag enthaltene Aufforderung, die Feindseligkeiten sofort für eine gewisse Zeit einzu- stellen und damit die Aufnahme von Friedensver­handlungen zu ermöglichen, eine starke Zumutung für die siegreiche Nation.

Es ist in der Tat auf den ersten Blick ganz un­wahrscheinlich, daß das in Siegerstimmung befind­liche Italien eine zustimmende Antwort auf den Genfer Appell finden könnte. Der Duce hat noch am Sonntag der jubelnden Menschenmenge vor dem Palazzo Venezia erklärt:Unsere heldischen Sol­daten r ücfen vor, d i e Tatsachen sprechen und werden noch mehr sprechen." Noch schärfer war die Tonart desGiornale d'Italia", das in feinem letzten Artikel verkündete, daß die im Gange befind­liche Aktion noch lange nicht am Ende fei und daß Italien den jetzt zu vernehmenden Friedensfchal- meien gegenüber unzugänglich bleiben werde.

Menn die Genfer Diplomatie es trotz dieser ein­deutigen Aeußerungen für gut befunden hat. einen scheinbar überflüssigen Friedensruf an die italieni­sche Adresse zu richten, so bleibt dafür nur die Er­klärung übrig, daß der Vorschlag des Dreizehner- Ausschusses als Druckmittel und bestenfalls a l s Vorwand für eine Verschärfung der Sanktionsmaßnahmen von vornherein ge­dacht war. Es ist ja bemerkenswert, daß Eden, sobald er die Genfer Atmosphäre um sich spürte, aus seiner in London geübten Zurückhaltung her- nustrat und in sehr bestimmten Worten die Ver­hängung einer Oelsperre gegen Italien guthieß. Man rechnet in England vielleicht mit der baldigen Erschöpfung der italienischen Gold- und Rohstoff-Reserven, die Mussolini zwingen müßte, selbst die einschneidendsten Sühnemaßnahmen ohne militärischen Widerstand hinzunehmen. Man denkt vielleicht auch, daß sich die Waage der militärischen Machtmittel so sehr zugunsten Englands gesenkt hat, daß Italien es auf keinen Fall riskieren werde, einen kriegerischen Konflikt im Mittelmeer hervor- zurufen. Wenn das auch alles Mutmaßungen find, so läßt sich doch nicht leugnen, daß das englische Selbstbewußtsein durch die Ankündigung des neuen Aufrüstungsprogramms eine außerordentliche Stär­kung erfahren hat.

Das Weißbuch der britischen Renie­rn n a gebraucht in dieser Hinsicht eine sehr deut­liche Snrache. Es führt unter den Ursachen, die die Vermehrung der englischen See-, Luft- und Landes­streitkräfte begründen sollen, in erster Linie den abessinischen Konflikt an, der die britische Regierung inVerlegenheit" gebracht habe, so daß die Stellung im Mittelmeer und im Roten Meer nur noch durch Entblößung anderer Gebiete bis zu einem ernste Gefahren mit sich bringenden Grade geschützt werden konnte. Im übrigen aber weist die Denkschrift auf den wachsenden Rüstungs- stand der Welt hin und nennt dabei bezeichnen­derweise an erster Stelle Deutschland, dem auch im Vergleich zu den übrigen Ländern der weitaus größte Raum gewidmet wird, während beisvielsweise die sowietrussische und französische Riefenrüstung nur in ein paar Zeilen Erwähnung findet. Dagegen wird der deutsch-englische Flotten­vertrag als Beispiel einer quantitativen Rüstungs­begrenzung, wie sie die englische Regierung an­strebe, Hervorgehoben.

Das ganze Weißbuch mit seinen genauen An­gaben über den künftigen Ausbau der einzelnen Wehrmachtsteile und der industriellen Kriegswirt­schaft zeigt den Willen Englands, sich nicht noch ein zweites Mal wie beim abessinischen Konflikt von der Wucht der Ereignisse überraschen zu lassen. Daß dabei immer wieder betont wird, der Schutz des englischen Weltreiches sei gleichbedeutend mit dem Schutz des Friedens überhaupt, bedeutet eine mo­ralische Selbsteinschätzung, die zwar dem durch­schnittlichen Engländer in Fleisch und Blut überge­gangen sein mag, von deren Richtigkeit aber an­dere Völker nicht in demselben Maße überzeugt sind und auch niemals überzeugt werden können. Das faschistische Italien jedenfalls hat eine grund­sätzlich andere Meinung über den Kollektivismus britischer Prägnanz.

Wie sehr der italienische Regierungschef auch weiterhin seine eigenen Wege zu gehen gedenkt, das offenbart die für den 18., 19. und 20. März in Aussicht gestellte italienif ch-ö |: e r reichifch- ungarische Zusammenkunft. Der Duce betont damit ausdrücklich, daß die Sanktionsfront ein Loch hat und daß Italien trotz der Fesselung