Ur. 283 Drittes Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Donnerstag, Z.Dezember 1936
Aus der Provinzialhauptstadt.
Nie Julzeit ist da!
Noch immer lastet grauer Himmel über Stadt und Land. Die kahlen Zweige der entlaubten Bäume starren in den Nebel. Der Regen klatscht an die Fensterscheiben. Die Tage sind dunkel und trübe, und fast scheint es so, als wollte sich die Welt in grauer, endloser Trostlosigkeit verlieren. Fröstelnd hasten die Menschen durch die Straßen — da bleibt plötzlich ihr Blick an einem Schaufenster hängen. Dort, wo noch vor kurzem düstere Trauerkränze an Tod und Sterben gemahnten, leuchtet mit silbernen und goldenen Bändern durchwirkt, der erste Julkranz!
Auch daheim haben fleißige Hände in aller Stille aus frischem Tannengrün einen Julkranz gewunden. Bänder und Silberkugeln schmücken auch ihn; vier weiße oder gelbe oder rote Kerzen sind aufgesteckt. In das Dunkel der immer kürzer werdenden Tage fällt der erste zaghafte Schein kommenden neuen Lichtes.
Eine nüchterne Welt, stolz auf den Schalter des elektrischen Lichtes an der Stubenwand, war schon drauf und dran, den Julkranz mit seiner bescheidenen „Kerzenstärke" zu verdrängen. Wozu ein Julkranz, wenn eine Drehung am Schalter genügt, den Raum mit künstlichem Licht zu überschütten? Doch wer bestaunt noch diese „Errungenschaft der Technik", die schon dem Kindö eine Selbstverständlichkeit ist?
Wenn aber am ersten Julsonntag das erste Licht des Julkranzes angezündet wurde und sein schwacher Dämmerschein mühsam die Stube erhellte, wenn der Duft des frischen Tannengrüns das Zimmer durchzog, wenn Kinderaugen in das Licht der Kerze schauten, dann stieg in den Herzen der Kleinen und auch der Großen ein Ahnen von dem Wunder der Lichtwende auf, das sich nun mählich auch draußen in der Natur vorzubereiten beginnt.
Zwar die vier Kerzen verkünden: noch ist nicht Lichtwende. Noch müssen wir durch dunkle Wochen gehen, bis die Sonne auf ihrer Himmelsbahn sich wieder aufwärts hebt. Aber, indem an jedem Julsonntag ein Licht mehr am Julkranz angezündet wird, wird der frohe Hoffnungsschimmer immer stärker.
Vorfreude? Das ist der Sinn der Julzeit! Auch unsere nordischen Ahnen kannten diese Vorfreude auf die Lichtwende. Diese Vorfreude, diese Julzeit gilt es auszukosten! Anfangs, da will es noch nicht recht gelingen, mit einzustimmen in die Vorfreude der Kinder. Wenn aber dann die ersten Tannenbaumreihen in den Straßen der Städte aufgestellt werden, wenn die Läden sich weihnachtlich herausputzen und uns locken, dann fällt auch in uns das letzte Grau zusammen, und wir sind bereit, Julzeit zu begehen.
Dornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gießener Konzertverein: 20 Uhr, Professor Wilhelm Stroß spielt in der Universitätsaula. — Weihnachtsausstellung oberhessischer Künstler, Eröffnung 17 Uhr im Turmhaus am Brand. — Gloria-Palast, Seltersweg: „Schatten der Vergangenheit". — Lichtspielhaus, Seltersweg: „Stadt Anatol".
Spielplanänderung im Sladtlhealer.
Aus dem Stadtheaterbüro wird uns geschrieben: Infolge anhaltender Erkrankungen im Personal findet die Aufführung von „Der Bettelstudent", Operette von Carl Millöcker, am Sonntag, 6. Dezember, nicht statt. Dafür geht das Gesellschaftsstück „Ein idealer Gatte", Schauspiel von Oscar Wilde, in Szene. Die Spielleitung führt Wolfgang Kühne. Anfang der Vorstellung 19 Uhr, Ende 21.45 Uhr.
Ortsgruppe Gießen-Nord.
Winkerhilfswerk 1936/37.
Die Kohlenhändler werden aufgefordert, die in Zahlung genommenen Kohlengutscheine (Serie B) bis spätestens am Freitag, 4. Dez., 20 Uhr, auf der Geschäftsstelle, Walltorstraße 38, einzureichen. Später eingehende Gutscheine können nicht mehr angenommen werden.
Tag der nationalen Solidarität.
Wer sammelt in Gießen?
Kreisleiter Dr. Hildebrandt, Gauamtsleiter Dr. Kranz.
Die Alte Garde der NSDAP.: Kreisleiter z. b. V. Adam Lotz, Oberbürgermeister Ritter, Obersturmbannführer Münker, Heinz Horn, August Horn, Eifert, Adolf Treser, Franz Soldan, Fritz Walter, Wenderoth.
Kreisamtsleiter: Schmelz, Heß, Delp, Klöß, Dopheide, Ewald, Nebeling, Cronjäger, Kopp, Kurz, Vogt, Georg Heß, Wagner, Frank, Schimmel, Schliemann.
Hauptstellenleiter: Weber, Wolkewitz, Dietrich, Hassemer, Lahr, Wittlich, Heymann, Willi Hainbach, Müller (NSLB.), Karl Waag, Reitz, Stichler (Kreishandwerksmeister).
Ortsgruppenleiter: Thomas, Horst, Holländer, Kreuder.
Sämtliche Ortsgruppenamtsleiter, sämtliche Zellenleiter und Blockleiter.
SA.-Brigadeführer Schmidt, Sturmhauptführer Bender; Obersturmführer: Mosbach, Vogt, Schmidt, Schuppe, Gernand; Sturmführer: Hummel, Lenz, Heß, Braun, Schwender, Plitt, Schulz; Obertruppführer: Pauly, Wießner, Burk, Momsen, Schulte, Herbert, Wichhoff, Beling, Euler, Pabst, Leipold, Büttner, Heyder, Gebauer, Fischer, Elfenstahl Diehl, Richter, Röder, Leitner, Schäfer, Henkelmann, Schneider; Truppführer: Krämer, Hamm, Grebe, Schütz, Schneider, Hofmann, Sauer, Walter, Fuchs, Magnus, Wagner, Goeres, Heil, Greilich, Schröter, Schneller, Schömbs, Fischer, Lyncker, Blodt, Hartmann, Strauß, Hahn, Ernst, Mettenheimer, von Foullon.
SS.-Standartenführer Müller; Obersturmführer: Nakat, Schaarschmidt, Schütz; Oberscharführer: Hartwiger, Ruhl, Nagel, Schölch; Scharführer: Klages, Meckel, Kümmel, Pfeil, Brüning, Dietz, Evers, Karl, Naumann, Schlimbach, Schmidt, Spang Süß, Bolz, Balzer, Klöß, Goubeaud, Lung.
NSKK.: Alle Führer bis zum bestätigten Truppführer einschließlich.
Hitler-Jugend: Bannführer Heim, Kreisadjutant Käppele, Bannadjutant Völzing, Jungbannführer Taesler; Gefolgschaftsführer: Botz, Bergböfer, Rühl, Friedrich, Werth, Dörr; Scharführer: Stein, Zück.
BDM.: Untergauführerin Käthe Pfeffer, Liefe!
Göbel. Die 4 Gießener Gruppenführerinnen des BDM.
NSDStB.: Studentenschaftsführer Frank. Die Mitglieder Müller, Mohr, Bartels, Hamel.
Reichsarbeitsdienst: Feldmeister Weigel. Obertruppführer: Kaiser, Jatho. Truppführer: Wirbe- lauer, Hubenthal, Pfannkuche, Meineke. Arbeits- dankwalter: Hanß.
Reichs-Luftschutz-Bund: LS.-Hauptführer Poppe, LS.-Oberführer: Braubach und Schuchardt, Ortsgruppenführer Clotz.
Technische Nothilfe: Kameradschaftsführer Schuchmann und Naumann.
Stadt Gießen:. Schlachthofdirektor Dr. Keller. Stadtbaurat Gravert. Stadtamtmann: Rotehrmel, Kaitzer.
Behörden: Kreisdirektor Dr. Lotz, Oberregierungsrat Dr. Schönhals. Regierungsrat: Grein, Weber, Dr. Krüger. Direktor Wrede, Oberbaurat Grünewald, Baurat Leinert. Regierungsbaumeister: Keil, Knöll. Amtmann: Schüllermann, Müller, Pfaff. Oberstudiendirektor: Leonhardt, Angelberger. Rektoren der Gießener Volksschulen. Reichsbankdirektor: Antz, Leubauer. Reichsbankrat Dr. Schulte. Polizeioberinspektor Beate, Polizeihauptmann Keller. Oberregierungsrat Dr. List, Regierungsrat Sälzer. Regierungsrat: Klahr, Wecker, Dr. Trautmann. Verwaltungsamtmann Jbe. Oberregierungsrat Schmidt. Oberzollrat Jentsch. Postrat Gräfe. Regierungsbaurat: Lorenz, Mangold, Wagner, Kuhlmann. Regierungsbaumeister Löffler. Reichsbahnoberrat: Wilke, Niermann. Reichsbahnrat: Wahrlich, Niederstraßer. Reichsbahnamtmann: Wahl, Holzapfel, Hammel. Die höheren Beamten der Gerichtsbehörden.
Die ordentlichen und außerordentlichen planmäßigen Professoren der Universität. Die Mitglieder des Stadttheaters.
Freie Berufe: Dipl.-Jng. Karl Denninghoff, Otto Geyer, Leiter der Gießener Lichtspieltheater, Ernst Challier, Ludwig Klingler. Bankdirektoren: Mattern, Zeltmann, Fischer, Grießbauer, Hartmann. Betriebsführer des Gießener Anzeigers Dr. Hamann, Schriftleiter Blumschein. Geschäftsführer der Oberhessischen Tageszeitung Hermann Koch, Vertriebsleiter der Oberhessischen Tageszeitung Eduard Klein.
Ortsgruppe Giehen-Süd.
Am Dienstag, 1., Mittwoch, 2. und Donnerstag, 3. Dezember 1936, findet in der Ortsgruppe Gießen- Süd durch die NS.-Frauenschaft die WHW.-Pfund- sammlung statt. Es wird gebeten, die Lebensmittelspenden (Pfundpakete) zur Abholung bereitzuhalten.
AGOAp. Ortsgruppe Gießen-Süd.
Hilfskasse.
Alle Angehörigen der SA., SS., Marine-SA., Reiter-SA. und des NSKK., die im Bereich der Ortsgruppe Gießen-Süd wohnen, zahlen ihren Hilfskassenbeitrag für die Monate Januar, Februar und März 1937 am
Donnerstag, 3. Dezember
jeweils in der Zeit von 20 bis 22 Uhr auf der Geschäftsstelle der Ortsgruppe, Frankfurter Straße 29H.
Bei Nichtbezahlung der Beiträge erfolgt Abmeldung bei der Hilfskasse in München.
Ortsgruppe Gießen-Mitte.
Vetr. Kohlenabrechnung am 5. Dezember 1936.
Die Kohlenhändler werden ersucht, die Kohlenscheine der Serie B am Samstag, 5. Dezember, 2 0,30 Uhr, auf unserer neuen Geschäfts st eile (Zigarrenhaus Moese r), Eingang Löwengasse, einzureichen. Es wird hiermit darauf hingewiesen, daß die Rückseite der Kohlenscheine außer der Unterschrift des Händlers auch die Unterschrift des Empfängers und die genaue Kohlensorte trägt. Nach dem 5. De- zebmer 1936 eingereichte Scheine haben keine Gültigkeit mehr.
Hitler-Jugend Bann 116 Gießen.
Vetr: Unterbannschulungen.
Die Gefolgschaften 6, 7, 8, 9, und 10 haben am Samstag, 5. und Sonntag den 6. Dezember, in Großen-Buseck, die Gefolgschaften 11, 12, 16 MZ. und GZ. in Hungen Unterbannschulung. Beginn jeweils Samstag 20 Uhr, Ende am Sonntag gegen 15 Uhr. Die Unterbannschulung in Großen-Linden fällt aus.
Vetr.: Jugendfilmstunden.
Die erste Jugendfilmstunde ist am Sonntag, 6. Dezember. Der Film „Bengali" läuft 10.45 Uhr für die Gießener Einheiten im Gloria-Palast.
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Abt. Feierabend.
Als 6. Sondervorstellung bringen wir im Stadttheater am 12. Dezember, 20 Uhr, die Oper „Hänsel und Gretel". Preise der Plätze sind —.80 und 1.— Mark. Kartenoorbestellungen müssen umgehend auf der Kreisdienststelle, Schanzenstraße 18, eingereicht werden. Termin für die Einreichung aller Vorbestell-Listen der größeren Betriebe bei der Kreisdienststelle ist Montag, 7. Dezember.
Abt. Reifen, Wandern, Urlaub.
Die erste schöne Winterurlaubsfahrt führt vom 25. Dezember 1936, abends (Abfahrt in Frankfurt gegen 22 Uhr), bis 3. Januar 1937 (Ankunft in Frankfurt gegen 16 Uhr) nach Oberbayern. Der Teilnehmerpreis beträgt, einschl. Verpflegung und
Unterkunft, 38.— Mark, der Skilehrgang beträgt 5.— Mark. Die Teilnehmer werden in den Orten Fischbachau, Hundham, Bayr. Zell, Schliersee und Umgebung untergebracht. Für die Zufahrt nach Frankfurt erhalten die Teilnehmer bei der Reichsbahn eine Verbilligung.
Gebt ausländische Kleinmünzsr» dem WHW.!
DNB. Die Neichsführung des Winterhilfswerkes fordert alle Volksgenossen auf, am Tage der nationalen Solidarität die in vielen Haushaltungen herumliegenden nutzlosen ausländischen Kleinmünzen ebenfalls in die Sammelbüchsen zu stecken.
NieBerkaufssonntage vor Weihnachten
Die Kreisgruppe Gießen der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel weist die Bevölkerung und die Einzelhandelsgeschäfte des Kreises Gießen darauf hin, daß auf Grund der ergangenen Vorschriften in diesem Jahr lediglich der 13. und 20. Dezember für den Verkauf aus offenen Verkaufsstellen freigeaeben find. Die Verkaufszeit an diesen Sonntagen i)t für den Bezirk der Stadt Gießen von 12 bis 18 Uhr, für die Kreisgemeinden von 13 bis 18 Uhr festgesetzt.
Vortrag in der Hochschulgesellschast.
Auf Einladung der Gießener Hochschulgesellschaft wird Hofrat Professor Dr. Dr. h. c. Erich von Tschermak-Seysenegg, Ordinarius an der Hochschule für Bodenkultur in Wien, am Montag, 7. Dezember, im Studentenheim einen Vortrag über „Züchtung wertvoller neuer landwirtschaftlicher und gärtnerischer Kulturpflanzen" halten. Professor von Tschermak ist — wie man uns schreibt — Ehrendoktor der Philosophischen Fakultät unserer Landes- Universität, ihm wurde diese Auszeichnung zuteU für hervorragende Förderung, welche die Pflanzenzüchtung durch ihn erfahren hat.
Nach kurzen naturwissenschaftlichen Studien zog es ihn einst zur Landwirtschaft, der er sich zunächst praktisch in Deutschland widmete, wo er auch, und zwar in Halle unter Julius Kühn und Merker, nunmehr Landwirtschaft studierte und promovierte. Im Anschluß an mehrjährige Tätigkeit in großen Samenzüchtereien Deutschlands, sowie im klassischen Lande der Blumenzucht, Holland, begann von Tschermak sich bei dem Botaniker Mac L e o d in Genth experimentell mit Bastardforschung zu beschäftigen. Seine Bastardierungsversuche mit Erbsen führten ihii zu der Wiederentdeckung der nach Mendel benannten Vererbungsregeln, gleichzeitig mit zwei Botanikern, dem Holländer de Vries und dem Deutschen Correns. Im Jahre 1900 legte von Tschermak seine Erfahrungen in einer Schrift nieder, mit der er sich in Wien habilitierte, und die ihn mit einem Schlage in der wissenschaftlichen Welt bekannt machte. Eine Fülle wertvollster Arbeiten für die Pflanzenzüchtung ist aus der Feder von Tschermaks fjeroorgegancten. Auch hat er bedeutsame Pflanzen der Landwirtschaft geschenkt. Man darf mit Recht darauf gespannt sein, einmal aus seinem Munde zu hören, wie es in der Werkstatt eines begnadeten Pflanzenzüchters ausschaut und wie Wissenschaft und Praxis im glücklichen Verein hohe Werte für die Allgemeinheit schaffen. Es ist daher sehr zu begrüßen, daß Prof. v. Tschermak der Einladung der Gießener Hochschulgesellschaft zu einem Vortrag über feine Arbeiten folgen wird. (Siehe heutige Anzeige.)
Gießener Wochen Marktpreise.
* Gießen, 3. Dez. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: D. f. Molkereibutter, kg 1,57 Mk., f. Molkereibutter 1,52, Markenbutter 1,55 bis 1,60,
faßen?
Nun, den Knicker keineswegs. Wer der Dame seines Herzens Schaumwein kredenzt, steigt mächtig in ihrer Achtung.
SCHAUMWEIN ßcingt cfeoiisirin!
Roman von Käthe Mehner.
(Copyright by Aufwärts-Verlag, Berlin SW 68.)
23. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Janna! Janna Heller! Wie leibhaftig sah er sie plötzlich wieder vor Augen. Hatte er nicht alles, was er getan hatte, um ihretwillen getan? Und doch hatte es ja alles nichts genützt. Janna liebte ihn nicht! Hatte ihn nie geliebt---er wußte
es wohl. Und er selbst? War er nicht auch schuld daran? War er nicht egoistisch gewesen, hatte er Janna nicht gequält mit seiner Eifersucht, mit seinen ungerechten Vorwürfen? Und die Dankbarkeit, an die sie sich gebunden fühlte, die er selber nur benutzt hatte, um sie um so fester an sich zu ketten?
Ein Stöhnen brach aus Ralf Rammelts Mund, während er einen Augenblick stehenblieb, um sich die Stirne zu trocknen. Immer stärker wurde die Angst, das Schuldbewußtsein in ihm, und die Reue, die nun zu spät kam... Nun war es für alles zu spät! Jahrelang war er frei ausgegangen — nun kam alles auf einmal, der Zusammenbruch und die furchtbare Strafe! Die Kupferaktien waren schon so gut wie verloren, sein Vermögen ruiniert! Und Janna, sein Glück, das er so schlecht zu halten gewußt hatte, Janna würde ihn wohl verlassen, jetzt, da Gerhard Brand wieder zurückgekehrt war...
Immer dunkler wurde es, immer unheimlicher brauten die Nebel, während Ralf Rammelt seinen Weg weiter verfolgte. Jetzt wieder glaubte er fast Olga Willnoffs verzerrtes Gesicht vor sich zu sehen, wie er es zuletzt gesehen hatte, als sie vor ihm auf dem Teppich lag, nachdem sein Schuß sie getroffen.
Schneller und schneller lief Rammelt auf dem schmalen, schlüpfrigen Pfad dahin, achtete es nicht, daß er stolperte, ausglitt. Der Gedanke, Olga könnte in diesem Augenblick vielleicht schon nicht mehr am Leben fein, gewann unheimliche Gewalt in ihm. Wenn man ihm nur noch ihr Ableben Mitteilen würde.
Quälende Atemnot zwang ihn stehenzubleiben, doch von neuem trieb Angst ihn weiter.
Da, endlich erschienen die Umrisse eines großen Gebäudes vor ihm. Das Institut!
Keuchend stand Rammelt schließlich auf der Schwelle seines Büros.
Erschreckt fuhr Dr. Lohmann, der persönliche Assistent Rammelts, von seinem Sitz hoch.
„Um Gottes willen, Herr Doktor! Was ist denn mit Ihnen? Müller, kommen Sie doch schnell herüber! Herr Doktor fühlt sich nicht wohl!"
Aufs höchste betroffen stürzte der Gehilfe herbei. Auch er unterdrückte mit Mühe einen Ausdruck des Erschreckens. Dr. Rammelt, den alle als unverwüstlichen, sich stets gleichbleibenden Kraftmenschen kannten, so völlig niedergebrochen zu sehen.
Fast taumelnd war Rammelt in seinen Sessel gesunken. Große Schweißtropfen standen auf feiner Stirn.
„Wollen Sie sich nicht lieber auf die Chaiselongue legen, Herr Doktor?" fragte der Assistent, gab dann dem Gehilfen einen Wink, ihn zu unterstützen. Schritt für Schritt leiteten sie Rammelt mit vereinten Kräften zum Ruhebett. Fürsorglich breitete der Assistent eine wollene Decke über ihn aus.
Regungslos, mit geschlossenen Augen lag Rammelt einen Augenblick so da. Erst als der Gehilfe leise die Türe öffnete, um das Zimmer zu verlassen, rief er stöhnend aus: „Nicht Weggehen! Nicht weggehen!"
„Ich will ja auch gar nicht weggehen, Herr Doktor!" sagte der Assistent beruhigend. „Ich habe nur den Gehilfen nach einem Kognak geschickt. Vielleicht hat der Portter etwas da. Oder soll ich lieber einen Arzt rufen?"
„Nein, keinen Arzt! Ich brauche keinen Arzt!" erwiderte Rammelt mühsam. Dann lag er wieder still, stöhnte leise.
Beängstigend lag die Stille in dem hohen Raum. Von der Decke fiel das grelle Licht der elektrischen Birne, beleuchtete unbarmherzig die wachsbleichen, fast verfallen aussehenden Züge Rammelts.
Stumm stand der Assistent, lauschte auf die unregelmäßigen Atemzüge des Kranken, sank dann, selbst mitgenommen von Schrecken und Aufregung, in den Sessel am Schreibtisch.
Aufatmend fuhr er sich über die Stirn, als der Gehilfe mit dem Kognak kam. Vorfichttg versuchte er dann Rammelt aufzurichten, ihm das Glas mit dem belebenden Inhalt an die Lippen zu bringen.
Gierig trank Rammelt. Nach und nach kam das Blut wieder in die Wangen zurück. Aber plötzlich
trat auch wieder der Ausdruck von Angst in feine Augen. Stammelnd rang es sich dann von seinen Lippen:
„Fräulein Willnoff anrufen!"
„Fräulein Willnoff Herr Doktor? Die Tochter von Herrn Justizrat Willnoff?"
Erstaunt fragte es der Assistent, wandte sich dann zum Schreibtisch, wo der Apparat stand.
Aber schon rief ihn die Stimme Rammelts zurück.
„Nein, nicht Fräulein Willnoff! Verbinden Sie mich mit meiner Braut, Fräulein Heller!"
„Gewiß, Herr Doktor!"
Während er mit dem Gehilfen einen erstaunten Blick wechselte, stellte der Assistent die Verbindung her.
Minuten, qualvolle Minuten für Rammelt vergingen.
„So wecken Sie doch noch einmal!"
Der Assistent gehorchte.
Aber durch die Stille des Raumes tönte nur das eintönige tü---tü---der Leitung, das
den Teilnehmer verständigt, daß die verlangte Person nicht zu erreichen ist.
„Ich danke Ihnen für Ihre Bemühung, meine Herren! Sie können jetzt ruhig gehen, ich fühle mich schon bedeutend besser!" sagte Rammelt mit matter Stimme, die seine Worte Lügen zu strafen schien.
Aber der Assistent glaubte jetzt schon besser verstehen zu können. Offenbar handelte es sich um irgendeine Auseinandersetzung Dr. Rammelts mit seiner Braut, die zu Aufregungen geführt haben mochte! Dergleichen kannte man ja, und es würde sich wohl auch von selbst geben. Wenn es nichts Schlimmeres war, so konnte man ihn jetzt ruhig sich selbst überlassen.
In der Tat schien Rammelt sich schnell wieder gefaßt zu haben, denn er stand plötzlich, obwohl mühsam und schwerfällig, auf, um mit seinem Assistenten noch über dessen tägliche Arbeiten zu sprechen.
„Vor allem erledigen Sie alles Laufende, Herr Dr. Lohmann, damit Sie gleich Anfang nächster Woche Zeit für das Gutachten gegen die Brand AG. haben. Ich muß es zuerst noch einmal durcharbeiten, ehe es herauskann!"
„Noch einmal durcharbeiten, Herr Doktor? Es war doch schon ganz fertiggestellt, und..."
„Lassen Sie das bitte meine Sorge fein, Lohmann!" unterbrach Rammelt kurz. „Es bleibt bei meinen Anordnungen!"
Der Assistent nickte.
„Selbstverständlich, Herr Doktor! Ganz wie Sie wünschen! Wenn ich sonst noch etnms für Sie tun kann..
„Schon gut, Herr Lohmann!" winkte Rammelt ab. „Sie können jetzt ruhig gehen! Ich habe hier noch eine Weile zu tun!"-------
Als Dr. Lohmann und sein Gehilfe wenige Minuten später im dichten Nebel auf eine Gestalt stießen, die um Auskunft bat, wo das Institut gelegen fei, wußten sie nicht, daß sie den Generaldirektor der Brand A.-G. vor sich hatten. Höflich antwortete der Assistent auf dessen Frage nur:
„Dort hinter Ihnen, wo das gelbe Licht brennt, das ist das Institut!"
Dann schritt er eilig weiter, um feinen Gehilfen wieder einzuholen.----
Walter Brand atmete auf.
Fast eine Stunde war er nun hier in diesem entsetzlichen Nebel herumgelaufen. Der Weg, den er am Kreuzweg gewählt hatte, mußte ihn in ent- * gegengesetzter Richtung geführt haben. Endlich, fast durch Zufall, war er bann auf den kleinen Pfad gestoßen, der ihn endlich ans Ziel kommen ließ.
Einige Augenblicke noch stand er beobachtend vor dem großen, weitläufigen Haus. Nur hinter zwei Fenstern brannte noch Licht. Das eine davon konnte das Licht von Rammelts Arbeitszimmer fein, wenn er Glück hatte!
Kurzentschlossen zog er die Klingel, verharrte bann, auf Schritte lauschend.
Erregt folgte Walter Brand dem Pförtner, der ihm die Tür geöffnet hatte, ins erste Stockwerk, In dem Rammelts Zimmer sich befand. Also, — Rammelt war wirklich anwesend, und im nächsten Augenblick würde die Verhandlung zwischen ihnen beginnen, von der Glück und Wehe der Brand Aktien- gesellschaft abhing! ....
Ralf Rammelt legte hastig den Hörer auf bit Gabel bes Fernsprechapparates, als ihm der späte Besucher gemelbet würbe. Kaum gab er sich Mühe, seine Ungeduld zu verbergen.
(Fortsetzung fo(gH)
ege im Rebel.


