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ilr. 285 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Donnerstag, 3. Dezember 1936

Das Lahr der Blumen.

Die Pflanzenwelt im Dezember.

Das Jahr geht zur Neige. Unmerklich brachten uns die letzten grauen Novembertage mit ihrer kalten Trockenheit, mit Reif und leichtem Frost in den Dezember hinüber. Im späten Herbst stehen wir also, es ist schon Adoentszeit, in wenigen Wochen feiern wir Weihnachten, das große, bedeutungsvolle uralte Fest der Wintersonnenwende steht bevor ein langes Jahr ist bald abgelaufen, und ein neues junges Jahr wird verheißungsvoll den ewigen Kreislauf der Natur von vorne beginnen.

Lang, sehr lang schien uns der Sommer zu sein, und ganz allmählich wollte es Herbst und Winter werden und nun es soweit ist, sind wir doch über­rascht, daß der letzte Monat des Jahres anbrach. Vor kurzem, so kommt es uns vor, gingen wir noch durch die flammende Pracht des Herbstwaldes, deutlich lebendig sehen wir noch die grüne Sommer­landschaft unter strahlender Sonne vor uns und jetzt ist es schon Dezember.

Trübe ist der Himmel, die fahle Sonne ist meist verdeckt, und kahl scheint die Erde geworden zu sein. Leere, braune Aecker, unansehnliche grau- uni) gelbgrüne Wiesen, vergilbtes, trockenes, zerzaustes Kraut und Strauchwerk an den Wegen, Hecken und Rainen, Räume mit kahlem Astwerk, entlaubte Wälder mit raschelndem Falllaub. Dunst und Ne­bel wogen zwischen den Stämmen, breiten sich über die Talebene und verhängen die Fernsicht, kein hoher Himmel mehr über uns. Trostlos und öde scheint die Natur zu sein. Aber das scheint nur so auf den ersten, oberflächlichen Anblick. Es ist ein alter Irrtum, im Winter sei die Natur leer und tot. Sie ist anders, allerdings. Nicht so übervoll und abwechselungsreich wie in anderen Jahreszeiten, aber keineswegs abgestorben und der Schnee ist durchaus keinLeichentuch", das sich über den Rest und Abfall der einstigen Frühlings- und Sommer­pracht breitet, sondern eine Schutzdecke vor dem Frost, unter der die Pflanzenwelt ihr verborgenes Leben weiterführt und sich für das Frühjahr rüstet und bereit hält. Der Winter bedeutet eine Atem­pause, er ist eine Uebergangszeit im Leben der Pflanzen von der letzten' Fruchtreife zur nächsten neuen Blüte. Die Lebenszeichen sind uns allerdings jetzt zumeist verborgen, aber wer sehend wandert, findet noch genug. Im großen und ganzen gilt das im November gesagte auch jetzt noch, zum minde­sten für die ersten drei Dezemberwochen, bis zur Wintersonnenwende.

So weit es noch nicht geschehen ist, rüstet sich die Pflanzenwelt endgültig für die bevorstehende Frostzeit. Die laubwerfenden Bäume und das ist der augenfälligste Unterschied haben ihre Blätter nun fallen lassen, die einjährigen Kräuter und Gräser und die grünen Teile der mehrjähri­gen Stauden verwelken und sterben ab, die wert­vollen Stoffe aus den oberirdischen Teilen sind in Dorratsspeichern angelegt und überall ist das Wachstum eingestellt. Aber wir sehen doch nicht nur vergilbte Gräser, verdorrte Stauden, vermo­derndes Laub und kahle Aeste, sondern ganz ab­gesehen von den immergrünen Nadelhölzern, der Mistel, dem Efeu und dem so lange grünbleibenden Hollunder werden wir noch mancherlei Grünes und sogar noch Blüten finden, den ganzen Winter hin­durch. Grün bleiben die Wedel der Farne, die Moose, die der Kleintierwelt Schutz und Unterschlupf vor Eis und Schnee bieten, weiter viele Pflänzchen, die man sonst kaum beachtet. Die Nässe und Luft­feuchtigkeit des Spätherbstes und des Winters brin­gen die hohe Zeit für die unübersehbare Zahl der Algen, Flechten und Moose. Meistens treten diese Unscheinbarsten der Genügsamsten in Massen auf, an der Wetterseite der Bäume und auch anderer Unterlage leben Schriftflechten, Kugelalgen. Schüs­sel-, Strauch- und Lungenflechten und viele andere, die nur der Fachmann unterscheiden kann.

Aber damit ist das, was der Naturfreund und Pflanzenkenner im Dezember im Freien findet, noch lange nicht erschöpft. Unter dem Gestrüpp und ver­gilbten Halmwerk, an Hecken, Wegrändern und Bahndämmen, auf Baustellen, Schuttplätzen, auf Wiesen, Aeckern und Feldern an Waldrändern und im Walde ... überall kann man noch eine Menge Blüten in allen Farben und Formen entdecken. Es ist erstaunlich, wie viel blühende Pflanzen es in dieser Jahreszeit noch gibt.

Trotz Reif und verhängter Sonne leuchten die kleinen roten Blütchen des weitverbreiteten R u - prechtkrautes und die weißen des kleinen, tapferen Gänseblümchens wie früher, wo anders trägt die rote Taubnessel noch Blüten, andere treiben sogar noch wirkliche frische Blüten wie das L a b k r a u t, die Haselwurz und sogar das Schöllkraut. Andere Dauerblüher sind zum Beispiel noch das Stiefmütterchen, die Margerite, der Gifthahnenfuß und die Zaunwinde lauter alte Bekannte. Die ver­schiedenen Astern, vor allen die Winteraster, die ja zuletzt erblühte, sind natürlich auch noch da.

Mit neuen, prallen Knospen schwer beladen scheint die kreuzblättrige Wolfsmilch (Euphorbia lathyris) nur auf ein neues Erblühen zu warten. Wahre Dauerblüher sind außer diesen eben schon erwähnten wie das Gänseblümchen zum Beispiel noch die Vogelmiere (Stellaria media) das Hirtentäschel (Caspella bursa pastoris) und das Kreuzkraut (Senecio vulgaris).

Die Natur ist also durchaus nicht tot im Winter; ja, sie ist sogar nicht einmal völlig eingeschlafen, denn zwischen die Dauerblüher, den letzten der ver­gangenen Blütezeit und den ersten Frühlingsblu­men als den Vorboten der neuen Vegetations­periode, bringt die dauernd schaffensfrohe Natur außergewöhnlicher Weife, aber ganz planmäßig frische, neue Blüten eines richtigen Winterblühers.

In ihrer eigentlichen Heimat, in den Bergwäl­dern Süddeutschlands ist jetzt die Zeit, in der die schwarze Nieswurz, die allbekannte Christ- r o s e oder Schneerose (Helleborus niger) ihre großen weißen Blüten ausbreitet. Bei uns, wo sie in Gärten angepflanzt oder verwildert ist, erschien sie allerdings schon früher. Bemerkenswert ist bei diesem winterharten Pflänzchen, daß die hüb­schen weißen Blüten, die da von ihrem 15 bis 30 Zentimeter hohen blattlosen Stengel so festlich in die weihnachtliche Welt hinausschauen, gar keine Blüten nach der gewöhnlichen Bauart sind, sondern diese fünf großen, weißen Blätter sind die Kelch­blätter. In der Mitte der Blüte erhebt sich das Bündel der leicht am Grunde miteinander verwach­senen Fruchtknoten, darum herum breitet sich der Kranz der vielen Staubgefäße und unter diesen liegen kleine, grüne röhrenförmige Gebilde mit einer etwas erweiterten, zweilippigen Mündung, das find die eigentlichen Kronblätter, die hier zu Nektarien, zu Honigdrüsen umgewandelt sind.

So sehen wir, daß das Blühen, das man doch sonst gemeinhin als eine Erscheinung des Frühjahrs und des Sommers erachtet, nicht nur einfach und allmählich abklingt und zu Ende geht, nicht nur von besonders ausdauernden und blütenfreudigen Pflanzen weit hinausgeschoben, ja sogar bis zum neuen Frühjahr hinübergerettet wird, nein, sondern jetzt, am Abschluß des Jahres, zu Ende des Pflan­zenjahres, wo die Pflanzenwelt sozusagen eine Atempause in ihr Schaffen einlegt, dann erscheint als mutige Ausnahme eine kleine Pflanze, die aus­gerechnet jetzt ihre angestammte Blütezeit hat. Das ist in der Tat beachtenswert. Die ganze übrige Welt der Blütenpflanzen hat doch sonst einen sich sehr ähnlichen Jahreslauf. Die Jahresarbeit ist ge­tan, die Samen liegen, je nach Art verschieden, sicher und geschützt und mit Nahrungsvorrat ver­sehen für die nächste Keimzeit bereit; in den Blatt- UilJlM.MMgaBgBMUg.JP.U.WUJfMWJa'WllimiWIIHB Illi III I II ITRUMaJai«

Hem Lersch heim puppenspiel.

Erinnerung an den Dichter und Kesselschmied

Wir sind nicht oft beisammen gewesen, Hein Lersch und ich, obwohl unsere Namen oft zusammen ge­nannt werden. Unsere erste Begegnung geschah auf der Burg Lauenstein bei der Tagung des Bundes Werkleute auf Haus Nyland". Das war im Herbst 1918 und in einer von düsteren Ahnungen erfüllten Zeit. Doch nicht über diese Begegnung will ich er­zählen, sondern über den ersten und einzigen Be­such, den der rheinische Dichter und Kesselschmied bei mir gemacht hat.

Wir wohnten damals in einem Miethaus Draußen im Nürnberger Osten und zwar für einen lyrischen Dachter sehr stilvoll im vierten Stockwerk. Wir: Das gilt außer für mich für meine Frau und unsere vier Kinder, drei Buben und ein Mädel. Diese vier sind heute mit Ausnahme des Mädels alle einen Kopf länger als Vater und Mutter. Da­mals war der Aelteste eben in die Schule ge­kommen, während der Jüngste noch feine eigene, nicht jedermann verständliche Sprache redete. Die Zeiten waren bitterbös, was am meisten die Frauen zu spüren bekamen, besonders, wenn sie Mütter waren. Manche Stunde mußte da mit Anstehen um ein Viertelpfund Butter oder um einen Schop­pen Milch verbracht werden. Meine Aufgabe war es dann, wenn ich daheim war, die Kinder zu hüten, wofür ich, ohne mich zu rühmen, über­raschendes Talent bewies, trotzdem Geduld nicht meine stärkste Seite ist.

Geistig lebhafte Kinder fesselt man am besten durch Erzählen und noch besser durch Darstellen von Märchen und Geschichten. Wir hatten uns des­halb mit vereinten Kräften eine Puppenbühne ge­baut, eine unglaublich prächtige und märchenhafte Sache. Sie bestand aus einer großen Seifenkiste, an die bunte Stoffreste genagelt waren. Unsere ganze Liebe legten wir aber in die Spielfiguren. Sie sind heute noch vollzählig erhalten^ ein schauerlich schöner Tod, ein nicht minder erschröcklicher Teufel und ein putziger Ritter ohne Furcht und Tadel, der auf den NamenKaspar" getauft und unser erster Helden­spieler war. Daneben gab es noch eine holdselige Prinzessin, die auch als gute Fee aushelfen mußte, einen grimmig dreinschauenden Polizeier, der die meisten Prügel bekam und noch etliche andere Ge­stalten aus Holz und Stoffresten. Aber nicht nur das Theater und die Schauspieler waren unser Werk. Wir dichteten auch die Stücke selbst und stellten das Orchester aus eigener Kraft. Das Dichten ging reihum, während die ehrenvolle Aufgabe, Orchester und Kapellmeister in einer Person zu

sein, meist an mir hängen blieb. Ich spielte Mund­harmonika und verdanke meine gesunde Lunge nicht zuletzt der unerbittlichen Ausdauer, mit der ich dieses Instrument zu blasen gezwungen wurde. Er­schöpft waren damit meine Aufgaben aber noch lange nicht. Das ungeheuer wichtige Amt des Be­leuchtungsdirektors war mir gleichfalls anvertraut und hier erzielte ich meine größten Erfolge. Was für ein tiefes Staunen kam in die blanken Kinder­augen, wenn ich wieder ein Streichholz anzündete, und welch stürmischer Widerspruch erhob sich, wenn ich dieses Wunderlicht ausblies, weil ich es nicht länger halten konnte! In meinem ganzen Leben versengte ich mir die Finger nicht so oft wie da­mals.

An einem der Tage zwischen Weihnachten und Neujahr 1919 hatte ich für den Nachmittag große Hauptvorstellung angesetzt. Was es eigentlich für eine neue Moritat werden sollte, in der sich unser Held Kaspar auszeichnete, war mir selbst noch schleierhaft. Ich vertraute aber auf meine bewährte Mundharmonika und auf eine volle Zündholz­schachtel, die ich bis zum letzten Stück zu opfern bereit war, wenn mir nichts anderes einfiel. Das Spiel hatte eben begonnen, als draußen die Flur­glocke schrillte. Störungen wurden von unserem kleinen Publikum höchst ungnädig vermerkt, und so richteten sich auch jetzt acht Kinderaugen vorwurfs­voll nach der Tür.

Meine Frau empfing den Besuch. Ich selbst kniete hinter der Seifenkiste und kasperte aus Leibeskräften, hob nun aber doch den Kopf zum Ausguck und sah neben einer großen, mir damals noch unbekannten Frau einen kleinen, breitschulte­rigen Mann mit herrlich verwittertem Gesicht und einer sehr spitzigen Nase. Dieser Mann winkte be­schwörend mit der rechten Hand und setzte sich ohne langes Besinnen unter das Publikum. Da diesem Publikum der Fußboden als Loge durchaus ge­nügte, mußte sich auch der neue Gast mit diesem Parkettsitz zufrieden geben.

Brauche ich diesen neuen Gast erst lange vorzu­stellen?

Es war der in ganz Deutschland bekannte Dichter und Kesselschmied Heinrich Lersch aus München- Gladbach, der mit seiner jungen Frau Erika mitten in unsere Hauptvorstellung geplatzt kam. Da saß er, ein Kind unter Kindern, und freute sich wie ein Schneekönig über die Kaspereien, die aus der Seifenkiste kamen. Mir war in meiner Kiste nicht mehr ganz wohl zumute, doch hielt ich wacker durch und ließ dem überraschenden Besuch zuliebe ein Streichholz nach dem andern in Flammen aufgehen. Nie wieder hatte ich einen solchen Erfolg mit meiner Feuerwerkerei.

und Blütenknospen ist ebenfalls alles vorbereitet, die unterirdischen Sprosse, Zwiebeln ... alles ist fertig in der Anlage und soweit vorbereitet, daß nur die nötige Wärme und Feuchtigkeit zu kommen braucht und Trieb und Keim, Blatt und Blüte brau­chen sich nur durch Wasseraufnahme zu strecken und zu entfalten.

Gegen Kälte und Nässe durch Rinde, Harz, Haare oder sonst wie geschützt und mit Lebensrnitteln reichlich versehen, leben also die Pflanzen still und zurückgezogen den Winter über weiter. Sicherlich ist die Vorbereitung für die Winterruhe von Tod oder auch nur Schlaf kann gar nicht die Rede fein schon lange beendet. Die ganze künf­tigeFrühlingspracht" sitztknospenfertig" bereit, aber doch fehlt noch etwas. Der Anfang des De­zembers mag noch so mild und günstig sein, nie wird dann schon ein Keim zu früh sich entfalten, aber im Januar, mitten im eigentlichen Winter hat sich bekanntlich schon manches zu seinem Schaden zu früh hervorgewagt.

Es besteht da eine enge Beziehung zwischen dem Leben der Pflanzen und dem großen Naturgesche­hen, die wir kaum ahnen können. Der 22. Dezem­ber ist der Tag der Wintersonnenwende, der kürze­ste Tage im Jahr; von da an steigt die Sonne wieder empor, und gleichzeitig ist es der Tag des Winteranfangs, von nun an kommen erst Frost und Schnee. Dieser große Tag ist aMh von großer Be­deutung für die Pflanze. Von 6a ab vollzieht sich in denHeiligen Zwölf Nächten" eine innere Wand­lung in der Pflanze, die uns noch ein Geheim­nis ist.

Als Tatsache ist das schon lange bekannt, wie ein alter Volksbrauch beweist. Am 4. Dezember, dem Barbaratag, schneidet ma.i knospentragende Zweige

von Pflaumen- ober Apfelbaum und stellt diese so­genanntenBarbarazweige" in Wasser in das warme Zimmer. Anfangs geschieht nichts, aber nach dem Tag der Wintersonnenwende, etwa um den 25. bis 28. Dezember, jedenfalls in den heiligen Zwölf schwellen die Knospen, brechen auf und die zarten Blüten entfalten sich mitten im Winter.

Vor Weihnachten tun sie es nie, die Pflanzen sind dann noch nichtfertig", obwohl stofflich alles da ist, aber es fehlt derinnere Antrieb". Nach Weihnachten sind Knospen und Samen jederzeit bereit, sich zu entfalten, wenn die Witterung vor­übergehend günstige Zeiten vortäuscht.

Der Dezember ist also doch eine sehr bedeutungs­volle Zeit für die Pflanzenwelt; es herrscht burdp aus keine Totenruhe, erst recht nicht, wenn Rauh- reif unb Schnee ihre rounberbaren Kunstwerke schaffen. Der Tag ber Wintersonnenwenbe ist auch im Leben ber Pflanze ein Tag befonberer Art, mit ihm ist bie Arbeit bes alten alten Jahres abgeschlos­sen mit ber jungen auffteigenben Sonne beginnt bas neue Jahr, von ba an harren sie trotz Schnee unb Eis auf ihre Zeit, bereit zu neuer Blüte.

Damit schließt sich auch unser Gang burch bie blühenbe Natur. Im Januar, im tiefen Winter, be­gannen wir unb verfolgten Monat für Monat bas Jahr ber Blumen unb sahen, wie reich, vielgestaltig unb bauernb wechselnb im ewigen Rhythmus bie Pflanzenwelt in ber großen Natur mitlebt. Das Jahr ber Blumen.reicht vom Neujahrstage bis zur Wintersonnenwenbe, unb bas oerbinbenbe Glied von den letzten Spätblühern des Herbstes, zusam­men mit den wetterharten Dauerblühern, zu den ersten Frühlingsblumen des neuen Jahres ist unser Winterblüher, die S ch n e e r o \ e, die Blume des Dezember. Walther Neurath.

Kleine Tiere, große Leistung.

Zur 4. Aeichskleintierschau in Essen vom 4. bis 8. Dezember.

ZdR. Man sollte meinen, die Hühner und Tau­ben, bie Kaninchen unb Ziegen, bie Bienen unb Seidenraupen und bas anbere kleine Hausvieh, bas sich vorn 4. bis zum 8. Dezember in Essen zur 4. Reichskleintierschau in Tausenben zusammenfinbet, würbe sich in dieser Stabt der Hochöfen und Dampf­hämmer nicht wohlfühlen, es würde zwischen den Riesen der Industrie sich seiner Kleinheit erst recht schämen müssen. Ader nein! Das Kleinvieh hat keinen Grund, sich vor anderen Wirtschaftszweigen zu verstecken, und es darf sich auch ruhig in Essen, der Stadt, die nicht nur für Deutschland ein In­begriff der Industrie und der wirtschaftlichen Lei­stung ist, sehen lassen. Es soll sich sogar in aller Oeffentlichkeit zeigen, damit die Menschen endlich einmal ihre falscyen Meinungen vom Werte der Kleintierzucht berichtigen! Ueber eine Mil­liarde Mark beträgt der Erzeugungswert die­ses Wirtschaftszweiges. Das ist derselbe Wert, den auch die Erzeugung der deutschen 21 u t o mo­bil i n b u ft r i e hat. Auch bie Braunkohlen­erzeugung um noch ein Beispiel zu nen­nen fjat im lanbläufigen Tagesgespräch einen höheren Kurswert als bie Kleintierzucht, unb doch gilt ihr Wert nur bie Hälfte ber vom Klein­vieh geschaffenen Wirtschaftsgüter.

Die kleinen Haustiere brauchen also nicht nur bie Nachbarschaft ber Jndustrieriesen nicht zu fürch­ten, sie gehen auch mit guten Grünben unb guten Absichten gerabe nach Essen, mitten ins Herz von Deutschlands größtem Jnbustriegebiet hinein. Sie sollen nicht nur zeigen, baß sie ba finb unb was was sie im Augenblick bebeuten, sie sollen auch für sich werben, sie sollen sich zum Ausbau unserer Kleintierzucht neue Freunbe gewinnen. In Essen sinb sie inmitten bes dichtbesiedel- sten Gebietes ber Erbe überhaupt, so daß viele Menschen sie bequem unb billig besuchen kön­nen; in Essen finb sie weiter inmitten ber Men­schen, für die die Kleintierhaltung von besonderer Bedeutung ist, jener Menschen, die ihre Arbeits­

zeit im Pütt unb in den Hüttenwerken verbringen, die in ihrer Freizeit in den Gärten ihrer Sieoel- häuser sich ihrer kleinen Haustiere freuen und noch mehr freuen sollen.

85,5 Millionen Hühner, 5,5 Millionen Gänse, 2,5 Millionen Enten, dazu Millionen anderen Ge­flügels, wie Tauben, Puten usw., 2,4 Millionen Ziegen und 7,5 Millionen Kaninchen, 2,1 Millionen Bienenvölker und die Zuchten des Seidenbaus, end­lich noch viele Tausende Edelpelztiere, dieses Viel- millionenheer der Kleintiere schickt seine besten Zeu­gen nach Essen. Des Nutzens ber Kleintierhaltung bebürfen wir in ber Zeit bes beutschen Wirtschafts­aufbaus hoppelt. Fleisch, Gier, Milch, Honig, Wachs» Febern, Felle, Pelze, Seide unb Dünger liefert uns bas Kleinvieh für weit mehr als eine Milliarde Mark. Wir finb ihm bankbar bafür, aber wir finb noch nicht gufrieben. Wir können mit geringen Mit­teln nicht nur bie Zahlen ber Kleintierhaltung ver­größern, wir können auch bie Leistung ber einzelnen Tiere erhöhen. Unb bas alles, ohne, ober wenigstens ohne einen großen Einsatz; benn bie kleinen Tiere sind durchweg bescheiden, sie ver­langen für ihre großen Leistungen nur geringes Entgelt. Diele von ihnen sind leicht aus den Ab­fällen der Haushaltung oder aus Mitteln zu erhal­ten, die sonst ungenutzt verkommen. So sind diese Haustiere auch wertvolle Kämpfer gegen den Verderb. Wir führen heute noch Pelze nicht mitgerechnet für rund 140 Millionen Mark

Hein Lersch war damals Vater geworden. Sein erster Junge, Gerrit, hatte Einzug in diese bucklige Welt gehalten. Ich stand bereits auf vierfachen Vaterssüßen, was kein schönes Bild, aber eine nicht zu bestreitende Tatsache ist. Jedenfalls kroch ich mit verrußten Fingernägeln und etwas abgekämpft aus meiner Seifenkiste heraus, Held und Märtyrer zu- aleich, und begrüßte die Gäste. Die Streichholz­schachtel war leer und einfallen wollte mir auch nichts weiter, so daß die Vorstellung ihr natürliches Ende fand.

Es wurde noch ein sehr vergnüglicher Nachmittag. Hein Lersch bekam Neid auf meine Lorbeeren und versuchte sich ebenfalls in der schwierigen Kunst des Puppenspielens. Dank seiner rheinischen Mundart errang er auch einen bedeutenden Erfolg. Fassungs­los lauschte das sonst sehr krittsche Publikum diesen ungewöhnten Tönen und wunderte sich höchlich über unseren Kaspar. Ihm war auf einmal der Schnabel ganz anders gewachsen.

Wir sind uns später noch einigemal begegnet, Hein Lersch unb ich. Doch keine bieser Begegnungen ist mir ähnlich stark in ber Erinnerung geblieben. Das Bild des viel zu früh geschiedenen Kameraben Heinrich Lersch bleibt für mich verbunden mit dieser Erinnerung an bas inzwischen längst aufgesteckte Puppenspiel. Ich lernte bamals ben prachtvollen Menschen Lersch kennen und das Beste, was in jedem echten Manne lebt: Das Kind im Mann, ohne das ein Dichter gar nicht zu denken ist.

Karl Bröger.

Zeitschriften.

VonLangenscheidt's English Monthly Maga­zine undLe Journal frangais Langenscheidt lie­gen die Dezembernummern vor. Der Inhalt beider Sprachzeitschriften ist auf das Weihnachtsfest ab­gestimmt. Sie sind wie deutsche illustrierte Zeit­schriften ganz auf Unterhaltung eingestellt. Die Belehrung in Gestalt von Vokabelübersetzungen, Erklärungen und Aussprachehilfen läuft am Rande jeder Seite nebenher. Sie stört nicht, ist aber stets da, wenn sie gebraucht wird.

Hochschulnachrichten.

Von den amtlichen Verpflichtungen wurden ent­bunden die ordentlichen Professoren Dr. E. H. G. Dettmar (Maschinenbau) an der Technischen Hochschule Hannover; Dr. Hans von W ar­te n b e r g (Anorganische Chemie) an ber Univer­sität Göttingen; Dr. Gustav von Zahn (Geographie) an der Universität Jena.

Eine Robinson Familie.

Daß Menschen auf einer abgelegenen tropischen Insel jahrelang ein Robinson-Leben geführt haben, hat man schon öfter gehört. Daß bergleichen auch in unserem nördlichen Klima mit kalten Wintern mög­lich ist, noch dazu nicht nur für einen einzelnen Mann, sondern für eine ganze Familie, Vater, Mut­ter und sechs Kinder, hat ein englischer Handwerker bewiesen, der Weißbinder George Chandler. Lange Arbeitslosigkeit hatte ihn zur Verzweiflung getrie­ben. Es war nicht Romantik und Abenteuerlust, sondern bittere Not, bie ihn auf ben Gebauten bradjte, eines Frühjahrs feine letzten Schillinge in zwei Zelten anzulegen unb mit feiner Familie in einem menschenverlassenen Winkel ber Küste von Kent zu Hausen, mitten zwischen Kreidefelsen, an benen sich bie Wogen bes Kanals brachen.

Der Aufenthalt war ursprünglich nur für einen Sommer vorgesehen. Bis bahin, so hoffte ber Mann, würben bie Verhältnisse sich gebessert haben unb es wieber Arbeit geben. Inzwischen verdiente er ab und zu ein wenig in ben Dörfern ber Nachbarschaft, und im übrigen lebte man ben Sommer über von Fischen, bie bie älteren Kinber angelten, von Pilzen, Beeren unb wilden Kräutern. Ader es wurde Herbst, und die Verhältnisse hatten sich keineswegs gebessert. Was nun? Mit etwas war ihr Klippenstrand ver­schwenderisch versehen, das war Treibholz. Jetzt lern­ten sie dessen Wert schätzen. Es diente ihnen zum Bau eines primitiven kleinen Blockhauses, zur Möbelher­stellung unb vor allem als Brennstoff.

Auch ber erste Winter ging vorbei. Sie lernten sehr viel; sie lernten, wo man roilbe Vogeleier findet, wie man Kaninchen in Fallen fängt und Fische in selbstgemachten Netzen. Beim ersten Frühlingsson­nenstrahl waren sie klüger geworden. Die ganze Familie wanderte viele Meilen bis zum nächsten Wald und wieder zurück und schleppte Säcke voll guter Erde zu ihren Klippen. Jedes Kind bekam sein eigenes größeres ober kleineres Gemüsebeet und half damit zum Unterhalt ber Familie. Mit ben pri­mitivsten Mitteln baute ber Einsiebler ein Boot, in dem er mit seinem ältesten Svbn ein wenig weiter aufs Meer hinausfährt zum Fischfang. Manchmal kann er auch ein paar Fische verkaufen, und ein­mal hofft er, auf seinerWerft" ein Boot bauen zu können, das er verkaufen kann. Das würde dem Familienschatz ungeheuer aufhelfen.

Jetzt sind es acht Jahre, seitdem die Familie bas Robinson-Dasein führt. Die Kinber finb groß, kräftig unb geschickt babei geworben; ber Vater hat sogar Zeit gefunden, sie ein wenig zu unterrichten, und die Mutter hat sie in der Religion unterwiesen. In all ben Jahren ist nicht eins der Familienmitglieder ernstlich krank gewesen.