Ur. 258 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag, Z.November 1936
Deutsche Pianisten.
OreiKünstlerbildnissevon Dr. Jürgen Petersen.
Edwin Fischer, Walter Gieseking, Wilhelm Kempfs, mit diesen drei Namen nennen wir die glanzvollsten deutschen Pianisten der Gegenwart, die durch Konzerte in vielen deutschen Städten jedem Musikfreunde vertraut sind. Der folgende Beitrag macht den Versuch, die Eigenart jedes dieser drei Künstler zu kennzeichnen.
Unsere Zeit ist reich an großen Meistern des Klaviers — reicher als an solchen der Geige oder des Cellos. Unter ihnen sind es besonders drei, die, als 40- bis 50jährige noch zur „jüngeren" Generation zählend, glänzende Gestalter deutscher Klavierliteratur sind: Edwin Fischer, Walter Gieseking, Wilhelm Kempsf. Die Einheit ihrer künstlerischen Erscheinung wird bestimmt durch die absolute Gleichwertigkeit ihres Könnens. Aber doch hat jeder Abend, der einen von ihnen in den Konzertsalen deutscher oder ausländischer Städte sieht, ein ganz bestimmtes eigenes Gesicht. Jeder dieser drei Künstler hat wie das bei bedeutenden Persönlichkeiten nicht anders sein kann, seinen individuellen Stil.
Edwin Fischer.
Der Aelteste unter ihnen, der in Basel geborene Edwin Fischer, feierte vor kurzem seinen 50. Geburtstag. Mit seinem Namen smd unlöslich verbunden die Abende, an denen er mit seinem Kammerorchester die Jnstrumentalwerke Bachs, vor allem die Brandenburgischen und die Klavier-Konzerte, und andere Musiker der Bachzelt, aber auch Mozarts Klavier-Konzerte ausftchrt W«- - n Gleicher unter Gleichen sitzt er am Flügel und ist doch der inspirierende Geist, der mit wenigen Bewegungen sein Orchester lenkt, wahrend er selbst den Klavierpart spielt, Jlrocir:( unh ml? Bachs-Her Musik ist durchaus subiektw, und wer beim Hören zugleich musikhistnrisch denkt ssosern das eine auf Kosten des anderen möglich ist), der wird bei dieser Art des Musizierens vielleicht ein gewisses Maß von „Objektivität" vermis en d,e Eigen- hei -n des Tempos und der Dynamik als Mitunter eigenmächtig empfinden. Aber wenn irgendwo dann zeigt sich hier, wie hinfällig schliehbch ,ede Reflexion des Wissens" gegenüber der Gewalt wirklicher Kunst" ist. Immer wieder kann man es erleben, mit welcher Begeisterung ein sehr gewähltes Publikum bei dieser Art, Bach zu musizieren, mitgeht-. Gibt 68 einen gültigeren Maßstab für die Echtheit einer
Kunst als die spontane und dauernde Wirkung, die sie auf die Gemüter ausübt?
Zweierlei ist es vor allem, was bei einem Edwin- Fischer-Abend immer wieder den Hörer so sehr anspricht: das wundervolle und nie versagend rhythmische Gefühl 'und die schlechthin vollkommene Musikalität, besser gesagt das spezifisch „Musikan- tische" seines Spiels. Denn er „spielt" vor allem — in jener Art Mozarts etwa, bei der die musikalische Aeußerung aus einer fast handwerklichen Freude an der Kunst, aus dem reinen „Spieltrieb" wuchs. Edwin Fischer ist ein Meister vor allem jener kammermusikalischen feinen, filigranartigen Töne, jener verhaltenen oder versonnenen Stimmung, die zuweilen über einem langsamen Satz liegt. Man könnte ihn mit einem etwas abgegriffenen Ausdruck einen „Poeten am Klavier" nennen. Denn die Feinheit und der Duft, mit denen er grade die intimen Partien eines Werkes gestaltet, ist unvergleichlich.
Walter Gieseking.
Der fast zehn Jahre jüngere Gieseking zeigt, möchte man sagen, schon seiner Herkunft nach, daß das fast „Germanische" in der Erscheinung Fischers bei ihm mehr ins Weltoffene gewendet ist: der als Sohn eines deutschen Arztes in Lyon Geborene wuchs an der französischen und italienischen Riviera auf und kam dann an das Konservatorium in Hannover, wohin seine Eltern 1911 übersiedelten. Gieseking ist vor allem ein Meister der impressionistischen Moderne, das Sensitiv-Berfeinerte dieser Kunst liegt ihm besonders. Seine souveräne Virtuosität, bei der das Können als solches schon eine eigenschöpferische Leistung darstellt, kann es sich denn auch leisten, etwa ein Klavierkonzert von Rachmaninoff aufs Programm zu setzen, bei welchem das Platt-Salonmäßige der Haltung uns heute einigermaßen fremd geworden ist: bei einem Spieler geringerer Qualität würde das Hören leicht unerträglich werden. Und gerade hier, bei einer Komposition geringen Wertes, wird es deutlich, daß auch eine Nachschöpfung vielleicht so groß sein kann, daß sie das Werk als solches übertrifft.
Aber Gieseking spielt auch Musik der Klassik und Romantik. Vor allem reizt diesen Beherrscher aller Grade und Dynamik immer wieder der bleibende Prüfstein aller Pianisten: Beethoven. Wenn Fischer mit einer gewissen naiven Selbstverständlichkeit an das Kunstwerk herantritt, so ist Giese- kings Verhalten zu ihm ein anderes. Sein Spiel erscheint wie eine große Arbeit, mit der er an den Stoff herangeht, er „ringt" fast mit ihm — bis zu jenem Punkt, wo er sich gefühlsmäßig völlig von ihm distanziert hat. Diese Art des Spiels ist —
Der deutsche Rundfunk im Dienst des Winterhilfswerkes.
Zum Wiederbeginn der Winterhilfs-Wunschkonzerte des Oeutschlandsenders.
Von Walter Lammert.
Im vorigen Winter begann der Deutschlandsender um die Weihnachtszeit mit den Wunschkonzerten für das WHW., die soeben wieder ausgenommen wurden. Die Idee war lediglich einem Zufall zu verdanken. Während einer Sendung am zweiten Weihnachtsfeiertag 1935 erbat ein Hörer aus Weimar eine Sondereinlage Barnabas von Geczys und stellte ein „Sonderhonorar" in Gestalt einer Spende für das WHW. in Aussicht. Kaum eine Viertelstunde war vergangen, seit der Ansager des Deutschlandsendes dieses Intermezzo am Mikrophon den Hörern des Deutschlandsenders mitgeteilt hatte, als ein wahrer Sturm von Anrufen im Funkhaus einsetzte und die Fernsprechleitung blockierte. Jeder wollte einen Sonderwunsch erfüllt haben und dafür dem WHW. eine Spende zukommen lassen. Jetzt beginnt der Deutschlandsender mit der diesjährigen Reihe der Konzerte. Nachfolgend bringen wir einen stimmungsvollen Ausschnitt aus den vorjährigen Veranstaltungen des Deutschlandsenders, die wunderbar unterhaltsame Stunden und herrlichen Volkshumor vermittelten — für die Winterhilfe.
Bekenntnis zur Volksgemeinschaft.
„Sie wünschen — wir spielen — geholfen wird vielen!" Für eine kleine Gabe zugunsten des Winterhilfswerkes erfüllte im vergangenen Winter eine Reihe bekannter Kapellen, namhafter Solisten Künstlerinnen und Künstler die einzelnen Wünsche, die von Hörern aus dem In- und Ausland ausgesprochen waren. Diese Wunschkonzerte des Rundfunks sind schnell mehr als -ein Programmpunkt geworden, sie wurden zu einem Bekenntnis des neuen Deutschland für Adolf Eitler und sein großes Werk.
Es ist unmöglich, all die vielen Wünsche, all das herzliche Lachen, den sonnigen Humor und die künstlerischen Genüsse aufzuzählen, die diese 'Wunschabende des Rundfunks seinen Hörern be- Icherten. Unsere wahllose Auslese soll nur eine kleine Anregung sein, eine Anregung für alle, sich an Dieser neuen Form der Winterhilfe des deutschen Volkes auch 1936/37 zu beteiligen.
Zeber kann sich etwas wünschen.
Etz kostet nicht viel, die kleinste Spende wird dankend angenommen. Und wem es trotzdem zuviel wird, der kann sich mit Bekannten, Freunden, Arbeitskameraden zusammenschließen und gemeinsam einen Wunsch äußern. In jedem Fall genügt eine Karte an den Deutschlandsender oder den jeweiligen Reichssender, der Wunschkonzerte dieser Art bringt. Es braucht nicht unbedingt Geld zu sein, man kann auch Lebensrnittel, Kleidungsstücke, einen Kuraufenthalt usw. der NSV. zur Verfügung stellen. Natürlich nimmt der Rundfunk große Wünsche und entsprechende Spenden auch telephonisch entgegen, aber besser ist es, rechtzeitig zu schreiben, dann wird der Wunsch eher erfüllt, und viel Arbeit erspart.
Geburtstagskindern wird ein Ständchen gebracht.
Gewöhnlich gratuliert der Rundfunk nur denjenigen Volksgenossen zum Geburtstag, die ein hDhes Alter erreicht haben. Beim Wunschkonzert für die Winterhilfe wird jedem ein Ständchen gebracht, der an dem Tage gerade Geburtstag hat und aus diesem Anlaß eine Spende gibt. Es hatte
sich daher im vorigen Winter schon eine große Zahl Geburtstagskinder gemeldet. Die Kapelle spielte das Geburtstagsständchen von Paul L i n d k e, insgesamt kamen an einem Abend mit diesem Wunsche 70 Mark und drei Zentner Kartoffeln durch den Deutschlandsender ein.
Kür „Regentropfen" wurden 103,66 Mark gespendet!
Was hörten wir nicht alles für Wünsche! Allein an Schlagerwünschen. So waren für die „Rege n- tropfe n", die Barnabas von Geczy spielte, an einem Abend 103,66 Mark eingegangen. Den Walzer aus dem Tonfilm „Königswalzer" „W i e ein Wunder k a m die Liebe über Nacht" hatten sich seine Freunde 41,50 Mark kosten lassen. 25mal wurden Wiener Walzer verlangt. Die Kapelle Otto Dobrindt spielte „An der schönen blauen Dona u", und 38,50 Mark flössen dafür in die Kasse der Winterhilfe. Auch das Wolgalied war sehr begehrt und ergiebig. Seine Liebhaber opferten dafür 85,50 Mark. Der Schlager- wünsche wurden schließlich so viele, daß die Kapelle Robert Gaden den Tanz „Vergiß mein nicht" spielte, womit die Wünsche einer großen Anzahl erfüllt wurden, die sich anscheinend ihren Herzallerliebsten in nah und fern auf diese moderne Art und Weise in Erinnerung bringen wollten.
Harry Piel spendet wunschlos lOO Mk.
Manchen originellen Anruf trug die Aetherwelle in die Welt. Harry Piel hatte zwar keinen Wunsch, aber er spendete telephonisch 100 Mark. Die Einwohner der sächsischen Stadt Großenhain hatten sich einen Husarenmarsch erbeten und dafür 824 Mark gesammelt. Ein alter Krieger wollte den Marsch „Alte Kameraden" gern hören, dessen Text, als er aktiv gewesen sei, er 25mal habe abschreiben müssen. Auch die Briefträger des Postamtes zu Radebeul hatten sich gemeinsam diesen Marsch gewünscht. Die Badeverwaltung „Kvlberger See" und eine Reihe anderer Hörer, darunter der Inhaber eines kleinen Milchgeschäftes in der Altstadt Berlin hatten sich „Eine Seefahrt, die ist lustig" auserwählt. Sie wurde von der Kapelle Otto Ker mb ach zünftig gespielt und brachte 64,50 Mark und von dem kleinen Milchgeschäft „Zehn Liter Milch für arme Leute" ein. In einem anderen Brief hieß es, der Deutschlandsender habe so viel zu tun, er möge sich als Anerkennung einen kräftigen Tusch blasen. Die Kapelle Karl W o i t- s ch a ch kassierte dafür 10 Mark zum Besten der Winterhilfe. Eine Depesche lautete: „Wir sind wunschlos glücklich, da sie spielen, drum besten Dank, Adolf Mielen." Auch diesmal rollten 10 Mk. in die Kasse. Eine Treibjagdgesellschaft, eine gewisse Tante Klara, eine Schützengilde und der Stammtisch „Tonhalle" hatten um „Ich schieß den Hirsch im wilden Forst" gebeten, was von der Kapelle Woitschach für 43 Mark sachverständig geblasen wurde. Eine andrre größere Gesellschaft hatte geschrieben: „Wir danken Euch im voraus schon — und warten auf den ersten Ton". Dieser erste Ton kostete 51,50 Mark. Ein spezieller Wunsch lautete: In diesem Einschreibebrief 160 Zloty, ein Betrag, der für das Wunschkonzert bestimmt ist. Wenn Sie einem Ausländsdeutschen eine Freude machen wollen, dann spielen Sie ein Lied, das so recht für uns bestimmt ist. Ich hoffe, daß mir der Herr Devisenkommissar nicht böse sein wird, wenn ich mein Scherflein zum deutschen Winterhilfswerk in Auslandsvaluten opfere. Ich wünsche Ihrer Sammlung einen großen Erfolg ...
Aufmarsch der Kaffeekränzchen.
Auch die Damenkränzchen in Stadt und Land vergaßen die Winterhilfe nicht. Ob sie sich nun „Harmlos" oder „Silberne Kugel" oder „Jsola Bella" nannten, ihre Wünsche wurden treu und brav erfüllt und ihre Spenden dankend quittiert. Die Lehrlinge der Deutschen Werkstätten AG. in Hellerau, die für eine Mark einen triftigen Paukenschlag von Karl Woitschach begehrten, wurden nicht enttäuscht. Jemand auf Sylt stellte 15 Tage Kuraufenthalt an der Nordsee zur Verfügung, wenn Barnabas von Geczy drei liebe Worte ins Mikrophon flüsterte, was kunstvoll geschah, und eine Woche volle Pension wurde für einen bedürftigen Volksgenossen versprochen, wenn Herbert Jäger den „Jäger aus Kurpfalz" spielte, was er in seiner originellen Form erledigte. Und weil es hieß „Es ist wohl mancher Wunsch noch frei — Drum spielt Herbert Jäger allerlei , so gab der durch den Deutschlandsender in der Dabietung „Allerlei von zwei bis drei" so bekannt und beliebt gewordene Künstler am Piano ausführliche Proben seines Könnens.
„Wer nie, den Stahlhelm im Ienicke"...
Der 3. Zug der 5. M.-W.-Komp, des Jnf.-Lehr- Bataillons Döberitz dichtete zu seiner Spende folgende Verse:
Wer nie, den Stahlhelm im Jenicke begeistert auf dem Bauche kroch, wer nie nach vierzig Kilometer Kolonnenmief mit Wonne roch, wem nie das Wasser in den Kragen und aus den Knobelbechern lief, wer nie ’nen Anpfiff hat bezogen, als ein Jestell, das krumm und schief, ja — wer'n Kommiß nur für acht Jrofchen mal so im Kino sich besehn, der wird wohl an uns schmucken Burschen verständnislos vorübergehn.
„Humor verloren — alles verloren!" Denn wer noch Lust zu Scherz und Witz, der komm zu uns nach Döberitz ...
In diesem Jahre wird alles übertroffen. Für das diesjährige WHW. beginnt der Deutschlandsender in diesen Tagen mit der Reihe der Konzerte. Als Kapellen haben sich das Musikkorps der Leibstandarte Adolf Hitler, das Musikkorps der Wachtruppe Berlin, das Staatsopernorchester und eine Reihe namhafter Künstler bereits zur Verfügung gestellt. Vorerst beginnt der Deutschlandsender allein die Reihe, später werden die anderen Reichssender mit eigenen Konzerten folgen. Für uns aber bedeuten diese Sendungen Stunden frohen Erlebens und im Sinne der deutschen Volksgemeinschaft eine liebe Pflicht, denn: Wir wünschen — sie spielen — geholfen wird vielen".
Aus der Provinzialhauptstadt.
Der Tag der Zager.
3. November: St. Hubertus.
Don Horst-Olas von Bonin-Ponih.
Arn 3. November, dem St. Hubertustage — dem einzigen, der der Jagd heilig ist — ertönt in den meisten deutschen Revieren das Waldhorn, lärmen Treiber durch den stillen Wald, knallen Flinten, und es wird auf Hase, Kaninchen, Fasan und Raubwild getrieben. Am 3. November erklingen — leider — nur an wenigen Stellen die Parforce- hörner, eilt die Hundemeute hinter dem Wild, durchquert das rote Feld herbstlicher Wälder und beschließt mit dem Halali die herrliche Jagd.
Wer war St. Hubertus? Ein leidenschaftlicher Jäger, der um 700 n. Ehr. als Ungetanster in Belgien lebte. So erzählt es die Legende. Einmal wagte er es, am Karfreitag einen Hirsch zu jagen und zu Pferde zu verfolgen, bis dieser, stehenbleibend, Hubertus durch den Anblick eines leuchtenden Kreuzes zwischen seinem Geweih so versetzte, daß er sich von der Jagd abwandte und zum Christentum bekehren ließ. Von ihm, der später heilig gesprochen wurde, sagt ein altes, jagdfeindliches Gedicht:
„In aller Heiligen Leben Buch Nicht mehr denn einen Jäger auch! Zur rechten Zeit stellt er es ab!
Solches dir zum Exempel hab!"
Uns fällt der Widerspruch auf, daß ein leidenschaftlicher Jäger durch ein Wunder der Jagd untreu und gerade darum zum Schutzpatron der Jäger gestempelt wird. An dieser „Geschichtsklitterung" sind die Benediktinermönche von St. Hubertus in den Ardennen schuld. In ihre Abtei war 827, hundert Jahre nach seinem Tode, die Leiche St. Huberti geschafft worden. Da die Benediktiner klug und geschäftstüchtig waren und ihr Kloster in einer sehr wild- und waldreichen Gegend lag, machten sie aus ihrem Heiligen einen Schutzpatron der Jäger. Diese Fälschung kam ihrer Einnahmequelle zu gute. Sie pflegten nämlich Menschen und Tiere zu heilen, die von nicht tollwütigen, aber wütenden Hunden gebissen waren — also vor allem Jäger und Jagdhunde. Sie besaßen auf diesem Gebiete bedeutende Kenntnisse durch ihre Zucht der Hubertushunde, die mit dem deutschen Gebrauchshund viel Aehnlichkeit haben. Bei Menschen legten sie in die offene Wund golddurchwirkte Teile der Quasten I von der Stola des Hubertus, so daß die Wunde I
•offen gehalten wurde. Bei Tieren brannten sie die Bißwunde mit einem glühenden Schlüssel des Heiligen aus, wandten also fast die gleichen Heilmethoden an, wie sie noch jetzt, nur nicht so primitiv, angewendet werden.
Zu ihrer Geschichtsfälschung benutzten die Brüder die Legende des Eustachius, der zweihundert Jahre n. Chr. lebte, römischer Feldherr war und vor seiner Bekehrung Placidus hieß. Auch er war ein eifriger Jäger, nicht bloß um des Jagens willen, sondern auch wegen der Ruhe und Einsamkeit, die ihn im Walde umgab. Als er dort über die Frage „Heidentum oder Christentum" nachdachte, erschien ihm, wie die Legende erzählt, der kreuztragende Hirsch, so daß er sich zum Christentum bekehrte.
Diese verständliche Legende veränderten die Mönche des St. Hubertus, ohne allzusehr auf Logik zu achten. Ihr frommer Betrug wurde ihnen dadurch erleichtert, daß der 3. November, der Todestag des Hubertus, nach den lateinischen Martyrologien eigentlich der Festtag des heiligen Eustachius war.
In Deutschland fand St. Hubertus erst spät Eingang in Jägerkreisen, wahrscheinlich durch die Schrift des Jefuitenpaters Roberti „Hiftoria St. Huberti" aus dem Jahre 1521. Im 18. Jahrhundert, zur Zeit der Parforcejagden und des weidgerechten Jägerhofes in Hannover, zur Blütezeit der deutschen Jagd, waren Huberti Name und Ruf weit verbreitet.
Der Kern aber, der in den beiden Sagen steckt, ist noch für uns von großem Wert. Ein Zeichen des beginnenden Gefühls für Weidgerechtigkeit ist es, daß in der damaligen grausamen Zeit ein leidenschaftlicher Jäger wie Hubertus zur jagdlichen Enthaltsamkeit angehalten wird. Ein edler Gedanke ist es, daß ein Jäger wie St. Eustachius in den Wald geht und die Natur sucht, um sich auf sich selbst zu besinnen. Diese beiden Motive sind noch
Sind Sie gestern adend nusgcgcngen?
Wenn Sie mehr als sonst geraucht und getrunken haben, schnell die Zähne mit Nivea-Zahnpasta putzen! Die ganze Mundhöhle nimmt das frische, angenehm wirkende Aroma der Nivea-Zahnpasta auf, und Ihr Atem wird wieder rein und natürlich. Das erfrischt ungemein.
ganz im Gegensatz zu Edwin Fischer — wie das Ausrichten eines Gebäudes, vor dem man schließlich steht, als ob man nichts «.mehr damit zu tun hätte. Wie ein „Ding an sich" ersteht dann das nacbgeschaffene Kunstwerk in einer Gestalt, bei der es dem Künstler darauf ankam, es möglichst genau der Vorstellung etwa von Beethoven oder Brahms anzunähern. Man nennt eine solche Art des Spiels gewöhnlich „objektiv", und wem es höchster Genuß des Hörens ist, wenn das Werk in restlos klarer, um nicht zu sagen: kühler Form ersteht (weil auch der geringste Einbruch des Subjektiven im Spiel als Angriff auf die Einmaligkeit des schöpferischen Genies erscheint), der wird in Giesekings Art den tiefsten Sinn nachschaffender Kunst erblicken.
Wilhelm Kempfs.
Nur wenige Tage jünger als Gieseking ist Wilhelm Kempff, aber der Unterschied, der beide nach Herkunft und Typus trennt, ist groß. Fischer wurde in einer der südlichsten deutsch-sprachigen Städte geboren; Gieseking ist der Typus des welt- offenen Deutschen; der heimatliche Boden aber, dem Kempff erwuchs, ist Norddeutschland. Sein Vater war in Jüterbog, später in Potsdam Kantor, m Berlin besuchte der Sohn die Hochschule und konzertierte dann oft mit dem Berliner Domchor, den er als Solist auf feinen Reisen in Deutschland und Skandinavien begleitete. Das Besondere, was dem Hörer beim ersten Ton auffällt, ist die Kraft und Bestimmtheit des Anschlags. Ein Ton, den Kempff anschlägt, „sitzt" nicht nur unerschütterlich, er steht geradezu in einer kompromißlosen Mächtigkeit da, daß es unwillkürlich wie ein Ruck durch den geht, der ihn hört... Diese Kraft des Anschlags kommt dann naturgemäß einem Forte zugute, das in seinem strahlenden Glanz (wenn dieser eher für die Bläser eines Orchesters geltende Ausdruck für das Klavier erlaubt ist) kaum seinesgleichen hat. Kempff ist Organist und Pianist. Hierin liegt vielleicht die tiefere Ursache für die Eigenart, mit der Kempff Bach spielt: er überträgt gewissermaßen den cmsladenden Orgelstü auf das Klavier und erreicht dadurch, zusammen mit der Leidenschaft seiner Gestaltung, eine zuweilen eminente Wirkung — wobei es dahingestellt bleiben mag, wieweit ein solches Spiel dem Stil Bachs entspricht. Aber die unerhörte geistige Beherrschung, die sich mit einer vollkommenen Technik zu einer außerordentlich glücklichen Einheit verbindet, zeigt sich vor allem, wenn Kempff Beethoven oder etwa Schumanns a-moII-Konzert spielt.
Es ist nicht immer nötig, ja es kann den Eindruck erheblich schmälern, wenn man einem Künstler
zusieht: bei Kempff kann man es getrost tun. Man wird womöglich den Genuß noch steigern, wenn man durch die wundervolle Beseelung des Ausdrucks, die jede Regung der Seele mitsprechende Mimik geradezu gezwungen wird, hier jeden Ton mitzuhören, jede musikalische Linie mitzugehen, ohne irgendwo darüberhinwegzuhören. Die edle Ritterlichkeit, die zögernd-nachdenkliche Versonnenheit, das Schalkhaft-Kindliche Schumannscher Romantik wird bei ihm gleicherweise in der Mimik wie im Spiel zu einer so bezwingenden Einheit, daß man im wahrsten Sinne des Wortes gebannt miterlebt. Das fast Priesterliche, mit dem der ernste Norddeutsche dem Werk leidenschaftlich und zutiefst miterlebend, mitgestaltend dient, ist vielleicht ein Erbteil seines und des väterlichen kirchlichen Amtes. Aber darüber hinaus ist es mehr als dies; es ist der Ausdruck einer zutiefst deutschen Auffassung vom Sinn der Kunst.
Zeitschriften.
— Im neuesten Heft der „I l l u ft r i r t e n Zeitung Leipzig" (Verlag I. I. Weber, Leipzig) wird das reizvolle Thema der zielbewußten modernen Schönheitspflege in Wort und Bild behandelt; der Leser erhält nicht nur einen Ueberblick über Ziele und Leistungen der deutschen Schönheitspflege, sondern auch viele Anregungen und praktische Ratschläge. — Es folgen eine Bildreportage über neue Jugendherbergen, eine kulturgeschichtliche Plauderei zum Martinstag, Bildseiten von deutschen Landschaften und der aktuelle Bilderteil.
Pochschulnachrichten.
Der Dozent Dr. Adolf Wendel von der Universität Marburg ist beauftragt worden, in der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Breslau im Wintersemester 1936/37 vertretungsweise die Professur für Altes Testament wahrzunehmen.
Professor Dr. Robert Schröder, Ordinarius für Gynäkologie und Geburtshilfe an der Universität Kiel, ist zum ordentlichen Professor an der Universität Leipzig ernannt worden.
Professor Dr. Otto Spies, Extraordinarius für orientalische Philologie an der Universität Bonn, ist zum ordentlichen Professor an der Universität Breslau ernannt worden.
Professor Dr. Rudolf Helm, Ordinarius für klassische Philologie an der Universität Rostock, ist von den amtlichen Verpflichtungen entbunden worden.


