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Nr. 258 Zweites Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhessen)

Dienstag, 3. November (936

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Dor dem Standesamt in Kattowitz heiratete der polnische Tenor Jan K i e p u r a die Filmschauspielerin Maria Eggerth. Unser Bild zeigt das Künstlerpaar nach der Trauung. (Scherl-Bilderdienst-M.)

Häusliche Wärmewirtschafi

Erfahrungen über die beste Ausnutzung des Brennstoffes.

Der nachfolgende Artikel, der gegenwärtig vielfachem Interesse begegnen dürfte, ist in der gestrigen Ausgabe unseres Blattes in­folge eines bedauerlichen technischen Ver­sehens unter einer vertauschten Ueberschrift erschienen: wir bringen den Text heute noch einmal, da uns die Frage einer möglichst zweckmäßigen Brennstoffausnutzung gerade in der jetzigen Zeit von weitreichender Be­deutung zu sein scheint.

In Deutschland werden zur Wärmeversor­gung des Haushaltes und zur Beheizung von Gebäuden aller Art über 2 5 v. H. des gesamten Brenn st offverbr au ch e s be­nötigt, und die Aufwendungen hierfür betragen jährlich mehr als 1,5 Milliarden Mark. Es hat daher ein besonderes Interesse, wenn Dr.-Jng. Wil­helm R a i ß in denForschungen und Fortschrit­ten" den Stand der Wärmeversorgung des Hauses auf Grund der neuesten Prüfungen und Erfahrun­gen darstellt. Durch die Brennstoffknappheit der Kriegs- und Nachkriegsjahre wurde die Aufmerk­samkeit des Ingenieurs stärker auf die Millionen häuslicher Feuerstellen gelenkt, und es zeigte sich, wie gering die B r e n n st o f f a u s n u tz u n g hier zum Teil noch war. Die neueren Erkenntnisse über die Vorgänge bei der Verbrennung und bei der Wärmeübertragung wurden daher auch auf die Verhältnisse in den kleinen Feuerungen planmäßig übernommen, und so wurden in den letzten fünf­zehn Jahren unsere häuslichen Feuerungen viel­fach grundlegend geändert.

Bei der Heizung steht immer noch die Feue­rung für feste Brennstoffe weitaus an erster Stelle, und dem Einzelofen kommt eine besondere Bedeu­tung zu. Man hat Prüfungen von Kachelöfen in der Versuchsanstalt für Heiz- und Lüftungswesen der Technischen Hochschule Berlin vorgenommen, während eiserne Oefen in den wärmetechnischen In­stituten in Aachen und Darmstadt geprüft wurden. Das Ergebnis solcher Untersuchungen ist, daß es heute für alle Brennstoffe Ofenbauarten gibt, die bei richtiger Bedienung und Instandhaltung 7085 v. H. der eingebrachten Brennstoffwärme freimachen.

Ein richtig bemessener Rost, ein dichtes Feuer- geschränk, ein hoher Feuerraum und genügend lange Heizgaswege sind die Voraussetzungen einer guten , Ausnutzung. Eine glatte, niedrige Form des Ofens gewährleistet ferner eine bessere Erwär­mung der unteren Raumzone und damit eine gleich­mäßigere Temperaturoerteilung im geheizten Raum.

Bei der Zentralheizung hat sich die Feue­rung mit unterem Abbrand stärker durchgesetzt. Bei geeigneter Stückgröße des Kokses und einwandfreier Feuerführung können Verluste durch Abzie­hen der unoerbrannten Gase weitgehend vermieden werden, und es sind bei den reich­lichen Heizflächen solcher Kessel Wirkungsgrade von 70 bis 80 v. H. zu erzielen. Den zentralen Heiz­anlagen schenkt man erst in den letzten Jahren erhöhte Beachtung, und es wurden auch die für den Heizbetrieb maßgebenden meteorologischen Ein­flüsse genauer untersucht. In den letzten Jahren wurden für feinkörnige Magerkohle Gliederkessel entwickelt, die es ermöglichen, diese im Preis gün­stigen Kohlensorten ähnlich wie Koks im Dauer- brand zu verfeuern. Für die Oelfeuerung, die sich im Ausland großer Beliebtheit erfreut, fehlt bei uns zur Zeit die Voraussetzung, billiges heimisches Heizöl, und auch die Gasheizung hat sich wegen der vielfach hohen Gaspreise für die Zentralhei­zung nur vereinzelt eingeführt, während sie als Ofenheizung stärker verwendet wird.

Bei der Warmwasserbereitung werden in Anbetracht der Vorteile Sauberkeit, stete Betriebsbereitschaft, Wegfall der Bedienung et­waige Energiemehrkosten in Kauf genommen. Die Wärmeausnutzung ist im praktischen Betrieb, wie Untersuchungen im wärmetechnischen Institut in Darmstadt gezeigt haben, für gas- und strom­beheizte Gerate ungefähr gleich: sie schwankt zwi­schen 60 und 80 v. H.

Beim Kochen zeigt der übliche Kohlenherd die ungünstigste Wärmeausnutzung, besonders, wenn er lediglich zum Kochen benutzt wird. Rur 7 bis 10 v. H. der Brennstoffwärme werden dabei ausge­nutzt, berücksichtigt man Warmwassererzeugung und Raumerwärmung dabei, 30 bis 40 v. H. In neuester

Zeit wurden jedoch Herde entwickelt, die durch bessere Ausgestaltung der Feuerung, Dichtheit des Herdes, gute Wärmeabdämmung und leichte Regel­fähigkeit Wirkungsgrade ergeben, wie wir sie von gas- und strombeheizten Herden kennen. Dem Stadtgas, das lange Jahre dem Haushalt als einziger hochwertiger Energieträger für Wärme­zwecke zur Verfügung stand, ist ein ernsthafter Wettbewerber in der Elektrowärme entstan­den, zumal die Elektrizitätswerke für das elektrische Kochen günstige Sondertarife gewähren. Um fest­zustellen, wieviel Kilowattstunden im praktischen Haushaltsbetrieb einem Kubikmeter Stadtgas gleich­wertig sind, hat dieHauptstelle für Wärmewirt­schaft beim Verein Deutscher Ingenieure" Beob­achtungen an über 3000 Neubauwohnungen durch­geführt, die teils mit Gas-, teils mit Elektroherden versehen waren. Es zeigte sich, daß beim Kochen 2,3 bis 2,7 Killowattstunden 1 Kubikmeter Stadt­

gas ersetzen. Der Wärmeaufwand ist also beim elektrischen Kochen wesentlich geringer als beim Kochen mit Gas; denn der Heizwert von 1 Kubik­meter Stadtgas ist über viermal größer als der einer Kilowattstunde.

Die Gesamtentwicklung der häuslichen Wärme­versorgung zeigt sehr deutlich den immer stärkeren Uebergang von natürlichen zu hochwertigen und veredelten Energieträgern, die sich vor allem durch­setzen, wenn der Wärmebedarf verhältnismäßig niedrig ist und der Betrieb schnell bereit, leicht zu zu regeln und zu bedienen sein soll. Die Deckung des deutschen Treibstoffbedarfs aus heimischen Energiequellen kann zu einschneidenden Aenderungen in der häuslichen Wärmeversorgung führen, da die Nebenerzeugnisse der Treibstoffge­winnung, zum Beispiel der Schwelkoks, gegebenen­falls im Hausbrand untergebracht werden müssen.

C. K.

Die Bekleidungsindustrie sorgt für den Winter.

VA. Jetzt kommt die Zeit, wo wir schon wieder an unsere Winterkleider denken, die in der Tiefe des Kleiderschranks ein beschauliches Dasein ge­führt haben. Das Wiedersehen mit ihnen ist nicht auf der ganzen Linie erfreulich. So manches teure Stück blickt uns müde und alterschwach an; man­ches glänzt (aber nicht vor Freude) und hat seine Zeit und ihren Stil längst überlebt. Auf dem Heimweg von der Arbeit mustern wir die Schau­fenster der Bekleidungsgeschäfte, und da wir es immer so gewohnt waren sind wir gar nicht erstaunt, sie heute schon mit reicher Auswahl ge­rüstet zu sehen. Im frühe st en Sommermo­nat, als wir diedicken Sachen" im hintersten Winkel verstauten, begann für die Beklei- dungsindustrie die Wintersaison. Da waren Modelle zu entwerfen, zu prüfen und aus­zuwählen, Stoffe einzukaufen, Zutaten zu beschaf­fen, Preise zu kulkulieren, Modelle anzufertigen und zu verbessern, Kollektionen zusammenzustellen, die Arbeiten einzurichten und die Verkäufer hin­auszuschicken, um für den Absatz zu kämpfen und die Regale der Läden zu füllen. Rund eine halbe Million Menschen waren in Deutschland tätig, um uns vor der Kälte des Winters zu schützen, wäh­rend wir uns von der Sonne braun brennen ließen.

Berge von Schwierigkeiten waren zu überwinden, als das Dritte Reich sich daran machte, auch auf dem Gebiete der Bekleidung gesunde Grundlagen zu schaffen. Besonders erschwert wurde die Neu­ordnung durch die gleichzeitig auftretende Notwen­digkeit einer strengen Devisenbewirt­schaftung. Die R o h st o f f e unserer Bekleidung waren zum größten Teil Importware und in den Jahren der Systemzeit wurde nach Herzenslust ein­gekauft. Die Baumwoll- und Wollhändler der Welt saßen auf riesigen Lägern, freuten sich über jeden Abnehmer und gaben bereitwillig Kredit. Sie ver­gaßen allerdings keineswegs, den deutschen Saldo pünktlich zu belasten und auch die Debetzinsen fein säuberlich aufzurechnen. Mit dieser Pumpwirtschaft radikal Schluß zu machen, war höchste Zeit. Es ergab sich die Aufgabe, einem Volk auf engem Raum trotz seiner Rohstoffarmut die Mittel zu schaffen, seine Selbstbehauptung und Unabhängig­keit zu erkämpfen. Das war schon deshalb nicht ein­fach, weil gerade auf dem Gebiet der Bekleidung alte Vorurteile nur äußerst schwer zu überwin­den sind. Müssen wir denn auf dem Standpunkt stehen bleiben, es gebe für Stoffe nichts Besseres als Wolle und Baumwolle? Sollen wir ergeben mit dem zufrieden fein, was das Ausland uns an Rohmaterial abläßt?

Einstweilen ist die Einfuhr für die Bedürfnisse der Bekleidungsindustrie noch ganz beträchtlich und würde unseren Devisenhaushalt stark beanspruchen, wenn es dem Gewerbe nicht schon gelungen wäre, durch eine ganz beachtliche Ausfuhr von Fer­tig f a b r ik a t e n die benötigten ausländischen Zahlungsmittel selbst herauszuwirtschaften. Wenn sich auch manche Länder, dem Zug der Zeit ent­sprechend, bemühen, ihren Eigenbedarf mehr und mehr selbst zu decken, so läßt sich eine Industrie wie

die Bekleidungsfabrikation nicht ohne eine Reihe wich­tiger Voraussetzungen aus dem Boden stampfen. Denn nicht nur Maschinen und technische Einrich­tungen sind hier erforderlich, sondern vielmehr Er­fahrung, Geschicklichkeit, solide Arbeit und ein aus­erlesener, durch die Kulturstufe des Landes be­dingter Geschmack. Der gründlich ausgebildete Facharbeiter hat es im Verein mit dem besonde­ren Einfühlungsvermögen des modeschaffenden Praktikers zuwege gebracht, daß die internationale Käuferschaft dieWeltmode", die es in der Idee von Paris diktiert sehen will, erst dann übernimmt, wenn sie ihm durch Berlin in die Praxis übersetzt worden ist. Die ge­brauchsfähige Fertigware liefert deshalb nicht Pa­ris, sondern in immer steigendem Maße Berlin.

Die Qualitätsarbeit, die hier allein zum Erfolg geführt hat, auch im Inland an die Spitze zu bringen, ist ein Bestreben, dem wir nur beipflichten können, denn wir können es uns nicht leisten, Schund zu kaufen. Höchste Leistung zu an­gemessenem Preis ist wesentlich bedingt von einer scharfen, kaufmännisch einwandfreien Kalkulation. In diesem Punkt lagen die Dinge im Argen, als die neue Wirtschaftsordnung die einzelnen Betriebe unter die Lupe nahm. Abgesehen von den weni­gen Großunternehmen wurde recht oft nach dem System einer Kalkulationaus dem Aermel" ge­arbeitet. Verkaufspreis und wirklicher Wert wiesen daher manchmal Spannungen auf, die meist den Käufer benachteiligten. In diesem Jahr hat die Wirtschaftsgruppe durch einen großen Aufklärungs­feldzug jedem Betrieb, auch dem kleinsten, die Wichtigkeit einer genauen Ueberficht ihrer Kosten­gestaltung vor Augen geführt, um unsinnige Wett­bewerbsverhältnisse zu unterbinden.

Der nächste Schritt geht dahin, das allge­meine Niveau der Preise für alle Beklei­dungserzeugnisse wesentlich zu senken. Die Spitzen­gruppe der Industrie steht auf dem Standpunkt, daß die Technik der Bekleidungsherstellung seit 1914 keine wesentliche Fortschritte gemacht habe und daß sich bei zweckmäßiger Modernisierung der Be­triebe eine Preissenkung erreichen lasse. Ein heik­les Thema, das unter der FlaggeM a ß k o n f e k- t i o n" segelte, drängte vorweg zur Bereinigung. In Uebereinstimmung mit dem Reichswirtschafts­ministerium wurden zunächst die BegriffeMaß­arbeit" undF e r t i g k l e i d u n g" festgelegt, an Hand deren jeder Volksgenosse eine Kontrolle darüber hat, mit welcher Ware er bedient wird. Bei der handwerksmäßigen Anfertigung, der Maß­arbeit, steht der Verbraucher an erster Stelle, wäh­rend er bei der fabrikmäßigen Herstellung, der Fertigkleidung, an letzter steht. Die Weiterentwick­lung des modischen Geschmacks unserer Bekleidung hat vieles Kopfzerbrechen verursacht. Die Zeit drängt danach, auch die Kunst, uns zu bekleiden, nur von artgemäßem deutschem Empfinden befruch­tet zu sehen. Dem Deutschen Mode-Institut obliegt die Aufgabe, ein neues geschmackliches Schaffen auszubilden und zu pflegen.

Zwischen Spiel und Wirklichkeit

Von Karl Ude

Damals sah man m den Straßen, da alle jun­gen und kräftigen Pferde im Dienst des Heeres standen, nur solche, die müden Schrittes gingen und deren Hals so dünn und hager war, daß der Kopf ihnen tief herabhing. So geschah es oft, daß eines allein vor einen allzu schweren Wagen ge­spannt, die Hufe nicht mehr richtig zu setzen wußte, ins Stolpern geriet und vor Schwäche zusammen­brach. Ringsum gab es gleich ein wogendes Ge­dränge von Menschen, die Worte des Bedauerns und des guten Rates sprachen; der Kutscher in­dessen, ohne auf sie zu hören, löste mürrisch das lederne Geschirr von dem liegenden Körper und klappte die lange Deichsel zurück. Erbost über die plötzliche Verzögerung, nahm er ferne Pechche vom wagen, zerrte mit verkrampfter Faust an der dunklen Mähne seines Tieres, schrie heisere Be­fehle und schlug dazu ermunternd auf die mageren Beine mit den schweren Husen. Die Frauen wand­ten sich ah, als die Peitsche knallte, das Pferd aber zuckte nur mit den geschlagenen Gliedern daß aus dem Pflaster gelbe Funken sprangen und blieb liegen. So mußte man schließlich die Feuerwehr benachrichtigen, damit sie dem lebenden Verkehrs­hindernis wieder auf öie Seme helfe.

Und sie war bald zur Stelle, mit einem o fenen roten Wagen, der allerlei handliches Gerat mit sich führte Vier Männer in blauen Uniformen fliegen heraus, beschauten keineswegs bestürzt die Sachlage, richteten ein drennasUges Gestell über dem Tiere auf daß wir Buben glauben mußten, man werde ihm meinem Wen frUe eineri Ku e= platz schaffen, schoben dann breite Gurte unter dem schnellatmenden Leibe hindurch und begannen mit Hilfe eines Flaschenzuges der von der Spche der durchsichtigen Pyramide herabhmg, den Pferde­körper nach oben zu ziehen so daß endlich wieder seine knochigen Beine senkrecht darunterstanden; md mährend der Wagen unter dem gellenden Ge­läut seiner blank geputzten MessinMocke geschäftig banonbraufte, tat das Der unsicher die ersten

Manchmal «Ä' ein Mrd so slach aus ter Seite daß es nur mit langen Hebeln, die man unter feinen Rücken schob, aufzurichten war. Die Manner stöhnten sehr, wahrend sie d,e schweren fiölier anfehten, und gaben einander den Takt an, bas Tier jedoch, schon ein wenig hochgehoben, lant im selben Augenblick aus den Boden zuruck, Uem man ihm die Stützen entzog.

Das war ein Anblick, mitleiderzwingend und traurig, und wir hätten gern der großen Kreatur, die, stets für uns ein Inbegriff der Kraft, nun einer beschämenden Schwäche überantwortet war, tröstend das Fell gestreichelt; dann aber, als das Tier wie­der und wieder zu Boden fiel, wollte es uns schei­nen, hinter diesem willenlos lässigen Zurücksinken verberge sich nichts als eine eigensinnig gepflegte Beguemlichkeit, und die kleine Szene wirkte zu­letzt auf uns Jungen erheiternd; so auch blieb sie uns in Erinnerung, und eines Tages daheim, als unser Drahtfox in einer gleichen flachen Lage auf dem Teppich in der Sonne schlief, gab einer von uns sich daran, den Hund wie ein gestürztes Pferd aufzurichten. Er kniete sich neben ihn, schob die Hände wie steife Hebel unter den weißhaarigen Rücken und gab seinen Armen mit einem tiefstim­migenHau-Ruck!" den Takt an. Erwachend drehte der Hund ein wenig den Kopf, um zu sehen, was es denn gäbe und warum man ihn störe, streckte sich dann gemächlich und war, nicht weniger hin­fällig als das mächtige Karrenpferd auf dem har­ten Straßenpflaster, durch keine unserer fachmän­nischen Bemühungen auf die Beine zu bringen, ja, er stemmte die Pfoten steif gegen den Teppich und ließ sich schwer und träge zurückfallen, wenn wir seiner Flanke die Stütze nahmen. Beliebig oft heuchelte er solche Kraftlosigkeit und Erschöpfung, und wir vermeinten ihm anzusehen, daß »r dies nicht ohne ein stilles, sorgsam unterdrücktes Schmun­zeln tat. So wiederholten wir dieses kleine Spiel manches Mal; stets war der Hund bereit, mit­zutun, und manch einer, dem wir es vorführten, stolz auf den Hund und stolz auch auf unsere dem Leben abgeschaute Erfindung, fand Gefallen da­ran.

Schließlich aber wollte uns selber dieses sehr vereinfachte Verfahren nicht mehr genügen und wir versuchten, mit nicht weniger Aufwand an tech­nischen Hilfsmitteln ans Werk zu gehen als die bewunderten blauen Männer. Aus drei Spazier­stöcken des Vaters banden wir jenes dreimastige Gerüst zusammen, das für die Aufrichtung ganz schwacher Pferde unerläßlich schien, fuhren es auf einem knarrenden hölzernen Wagen, der mit einem anmutigen kleinen Schimmel bespannt war, an den schlafenden Hund heran und richteten das sehr schwankende Gestell über dem noch Ahnungslosen auf. Bevor jedoch die drei Stützen so ausgestellt waren, daß sie sicher und ohne auszugleiten auf dem glatten Teppich standen, sprang der Hund, urplötzlich zu seiner wahren Kraft erwachend, un­willig und verängstigt auf die Beine. Er schüttelte sich mächtig, daß die drei Stöcke über ihm polternd

zusammenfielen, zog in maßlosem Erschrecken den Schwanz ein, lief, noch einen verständnislosen Blick zurückwerfend, aus dem Zimmer und getraute sich hinfort nicht mehr, die scheinbar so dankbare Rolle eines ausgezehrten und altersschwachen Gau­les zu übernehmen; uns aber blieb zu bedenken, daß man nie ohne Verlust die fast unsichtbare Grenze zwischen Spiel und Wirklichkeit überschrei­ten kann...

Oer Schwärmer.

Hinter Gardinenspitzen verflogen fand ich den Falter, rosa-jadegrün, mit der phantastischen Ser­pentinenzeichnung des Oleanderschwärmers. Da er­barmte mich des verirrten Gauklers; denn ich wollte die kleine sinnlose Tragödie nicht, daß er elend ver­komme im Irrgarten aus Filet und Mull und Spitzen, er, der geschaffen ist, im Paradies der Blumendüfte Lust und Leben zu genießen, Licht zu trinken und im Glück der Liebe sein bißchen Da­sein fortzuschenken an die lückenlose Reihe unzäh­liger Geschlechter, die geschaffen sind, im Paradies der Blumendüfte Lust und Leben zu genießen, Licht zu trinken und im Glück der Liebe ihr bißchen Da- fei fortzuschenken an die Reihe überzähliger Ge­schlechter. So führte Andacht sorglich meine Hand, als ich, ein Mensch mit menschlichem Verstand, Schicksal spielte im Dienste der Schöpfung zum Wohl der blinden Kreatur.

Tragisch verblendet flüchtete der zarte Sonder­ling vor seinem Wohltäter, zerflatterte den Blu­menstaub der Flügel in immer dichterem Ver­steck, zerstieß sich schier den Kopf am trügerischen Fensterglas, töricht eigensinnig, wie wir Menschen selber oft der besseren Einsicht eines überlegenen Verstandes widerstreben.

Leidlich geschont fing ich ihn endlich in geschlosse­ner Hand, stieß das Fenster auf und gab ihn seiner Freiheit.

Aber auch dann noch bedurfte er eines Stoßes, sein Glück zu fassen und zu nutzen.

Das Lächeln einer guten Tat im Herzen, über­ließ ich mich dem Alltag. Und erst am Abend, als sich unter Lampenschein verdächtig schattenspielend das Falterweibchen aus Mull, Filet und Spitzen löste und einsam durch die Stille geisterte, begriff ich, daß ich Liebende gestört, ein kleines Glück zer­rissen und aberwitzig in die Weisheit der Natur ein­gegriffen hatte. Sinnvoll sah ich nun den Eigensinn des kleinen Sonderlings, und Torheit meine Weis­heit. Und ich meine, Freunde, Mütter, Väter, Lehrer, Meister, daß es gut sei etliches daraus zu lernen, eh wir wieder einmal Schicksal spielen!

Richard Euringer.

Gloria-Palast:Schabernack"

Man fühlt sich an die seligePension Schüller" erinnert. Hier ist gleich ein ganzes Hotel etwas ver­rückt. Die Besitzerin hat sich finanziell übernommen, und keine Gäste. Da trifft es sich gut, daß ein im gleichen Kurort liegendes Diät-Sanatorium ab­brennt; die Patienten werden kurzerhand in das leerstehende Hotel einquartiert, und da man die Sa­natoriumsgäste im Ort für harmlos Verrückte hält, verabreden diese sich zu einem Schabernack eigener Art: sie tun so, als ob sie wirklich ... man kann sich denken, was das für ein Schabernack wird, zu­mal in dem Hotel außer dem Personal der echte Vanderbilt aus USA. der einzige ist, der nicht mit zu der Verschwörung gehört. Die Phantasie des Re­gisseurs E. W. Emo ist üppig ins Kraut ge­schossen, um das Gasthaus in eine bessere Kaltwasser­heilanstalt zu verwandeln. Der Wiener Komiker Moser als Hausdiener nusselt in den höchsten Tö­nen; Hörbiger, nett wie immer, und Hans Rickter mit bewährter Schnoddrigkeit, gehören ebenfalls zum Personal. Von den andern: T. Mar­ien,Salfner,Gülstorfs und Henckels. Im Beiprogramm: die Wochenschau: ein hübscher Hundefilm; je ein Vorspann zuStärker als Para­graphen" undEin Hochzeitstraum". hth.

Oie sagenhafte Geeschlange

Die letzte lebende Seeschlange dürfte endgültig erledigt sein, nachdem das Wundertier von Lochnetz seine Aufklärung gefunden hat. Aber in früheren Zeitperioden, die unser Planet durchlaufen mußte, hat es doch Tier-Arten gegeben, die nahe an ein solches sagenhaftes Ungetüm heranreichten. Fast jeder Naturfreund kennt die in Europa nur in Frankfurt a. M. vorhandeneDonner-Echse", dieses gewaltige Tier-Gerippe im Lichthof des Natur- Museums Senckenberg. In ihrer ZeitschriftN a - tur und Volk" bringt sie eine Abhandlung über die vermutete Lebensweise dieses Dorwelt-Riesen, wonach die Tiere mit ihren massigen Leibern unter- getaucht lebten, mit den stämmigen Beinen auf dem Grunde der Gewässer umherpatschten und den ver­hältnismäßig dünnen Schwanz und Hals, die zu­sammen über 16 Meter messen, bald mehr, bald nur teilweise über dem Wasser sehen ließen. Der rund 20 Meter lange und selbst am Hals V- Meter dicke Saurier möchte schon ein respektables Schlan- genbilb abgegeben haben, und die Auffindung sol­cher riesenhaften, zahlreichen Hals- und Schwanz­wirbel dürfte wohl auch vielerorts die Sage von der Seeschlange veranlaßt haben.