Nr. 258 Zweites Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhessen)
Dienstag, 3. November (936
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Dor dem Standesamt in Kattowitz heiratete der polnische Tenor Jan K i e p u r a die Filmschauspielerin Maria Eggerth. Unser Bild zeigt das Künstlerpaar nach der Trauung. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
Häusliche Wärmewirtschafi
Erfahrungen über die beste Ausnutzung des Brennstoffes.
Der nachfolgende Artikel, der gegenwärtig vielfachem Interesse begegnen dürfte, ist in der gestrigen Ausgabe unseres Blattes infolge eines bedauerlichen technischen Versehens unter einer vertauschten Ueberschrift erschienen: wir bringen den Text heute noch einmal, da uns die Frage einer möglichst zweckmäßigen Brennstoffausnutzung gerade in der jetzigen Zeit von weitreichender Bedeutung zu sein scheint.
In Deutschland werden zur Wärmeversorgung des Haushaltes und zur Beheizung von Gebäuden aller Art über 2 5 v. H. des gesamten Brenn st offverbr au ch e s benötigt, und die Aufwendungen hierfür betragen jährlich mehr als 1,5 Milliarden Mark. Es hat daher ein besonderes Interesse, wenn Dr.-Jng. Wilhelm R a i ß in den „Forschungen und Fortschritten" den Stand der Wärmeversorgung des Hauses auf Grund der neuesten Prüfungen und Erfahrungen darstellt. Durch die Brennstoffknappheit der Kriegs- und Nachkriegsjahre wurde die Aufmerksamkeit des Ingenieurs stärker auf die Millionen häuslicher Feuerstellen gelenkt, und es zeigte sich, wie gering die B r e n n st o f f a u s n u tz u n g hier zum Teil noch war. Die neueren Erkenntnisse über die Vorgänge bei der Verbrennung und bei der Wärmeübertragung wurden daher auch auf die Verhältnisse in den kleinen Feuerungen planmäßig übernommen, und so wurden in den letzten fünfzehn Jahren unsere häuslichen Feuerungen vielfach grundlegend geändert.
Bei der Heizung steht immer noch die Feuerung für feste Brennstoffe weitaus an erster Stelle, und dem Einzelofen kommt eine besondere Bedeutung zu. Man hat Prüfungen von Kachelöfen in der Versuchsanstalt für Heiz- und Lüftungswesen der Technischen Hochschule Berlin vorgenommen, während eiserne Oefen in den wärmetechnischen Instituten in Aachen und Darmstadt geprüft wurden. Das Ergebnis solcher Untersuchungen ist, daß es heute für alle Brennstoffe Ofenbauarten gibt, die bei richtiger Bedienung und Instandhaltung 70—85 v. H. der eingebrachten Brennstoffwärme freimachen.
Ein richtig bemessener Rost, ein dichtes Feuer- geschränk, ein hoher Feuerraum und genügend lange Heizgaswege sind die Voraussetzungen einer guten , Ausnutzung. Eine glatte, niedrige Form des Ofens gewährleistet ferner eine bessere Erwärmung der unteren Raumzone und damit eine gleichmäßigere Temperaturoerteilung im geheizten Raum.
Bei der Zentralheizung hat sich die Feuerung mit unterem Abbrand stärker durchgesetzt. Bei geeigneter Stückgröße des Kokses und einwandfreier Feuerführung können Verluste durch Abziehen der unoerbrannten Gase weitgehend vermieden werden, und es sind bei den reichlichen Heizflächen solcher Kessel Wirkungsgrade von 70 bis 80 v. H. zu erzielen. Den zentralen Heizanlagen schenkt man erst in den letzten Jahren erhöhte Beachtung, und es wurden auch die für den Heizbetrieb maßgebenden meteorologischen Einflüsse genauer untersucht. In den letzten Jahren wurden für feinkörnige Magerkohle Gliederkessel entwickelt, die es ermöglichen, diese im Preis günstigen Kohlensorten ähnlich wie Koks im Dauer- brand zu verfeuern. Für die Oelfeuerung, die sich im Ausland großer Beliebtheit erfreut, fehlt bei uns zur Zeit die Voraussetzung, billiges heimisches Heizöl, und auch die Gasheizung hat sich wegen der vielfach hohen Gaspreise für die Zentralheizung nur vereinzelt eingeführt, während sie als Ofenheizung stärker verwendet wird.
Bei der Warmwasserbereitung werden in Anbetracht der Vorteile — Sauberkeit, stete Betriebsbereitschaft, Wegfall der Bedienung — etwaige Energiemehrkosten in Kauf genommen. Die Wärmeausnutzung ist im praktischen Betrieb, wie Untersuchungen im wärmetechnischen Institut in Darmstadt gezeigt haben, für gas- und strombeheizte Gerate ungefähr gleich: sie schwankt zwischen 60 und 80 v. H.
Beim Kochen zeigt der übliche Kohlenherd die ungünstigste Wärmeausnutzung, besonders, wenn er lediglich zum Kochen benutzt wird. Rur 7 bis 10 v. H. der Brennstoffwärme werden dabei ausgenutzt, berücksichtigt man Warmwassererzeugung und Raumerwärmung dabei, 30 bis 40 v. H. In neuester
Zeit wurden jedoch Herde entwickelt, die durch bessere Ausgestaltung der Feuerung, Dichtheit des Herdes, gute Wärmeabdämmung und leichte Regelfähigkeit Wirkungsgrade ergeben, wie wir sie von gas- und strombeheizten Herden kennen. Dem Stadtgas, das lange Jahre dem Haushalt als einziger hochwertiger Energieträger für Wärmezwecke zur Verfügung stand, ist ein ernsthafter Wettbewerber in der Elektrowärme entstanden, zumal die Elektrizitätswerke für das elektrische Kochen günstige Sondertarife gewähren. Um festzustellen, wieviel Kilowattstunden im praktischen Haushaltsbetrieb einem Kubikmeter Stadtgas gleichwertig sind, hat die „Hauptstelle für Wärmewirtschaft beim Verein Deutscher Ingenieure" Beobachtungen an über 3000 Neubauwohnungen durchgeführt, die teils mit Gas-, teils mit Elektroherden versehen waren. Es zeigte sich, daß beim Kochen 2,3 bis 2,7 Killowattstunden 1 Kubikmeter Stadt
gas ersetzen. Der Wärmeaufwand ist also beim elektrischen Kochen wesentlich geringer als beim Kochen mit Gas; denn der Heizwert von 1 Kubikmeter Stadtgas ist über viermal größer als der einer Kilowattstunde.
Die Gesamtentwicklung der häuslichen Wärmeversorgung zeigt sehr deutlich den immer stärkeren Uebergang von natürlichen zu hochwertigen und veredelten Energieträgern, die sich vor allem durchsetzen, wenn der Wärmebedarf verhältnismäßig niedrig ist und der Betrieb schnell bereit, leicht zu zu regeln und zu bedienen sein soll. Die Deckung des deutschen Treibstoffbedarfs aus heimischen Energiequellen kann zu einschneidenden Aenderungen in der häuslichen Wärmeversorgung führen, da die Nebenerzeugnisse der Treibstoffgewinnung, zum Beispiel der Schwelkoks, gegebenenfalls im Hausbrand untergebracht werden müssen.
C. K.
Die Bekleidungsindustrie sorgt für den Winter.
VA. Jetzt kommt die Zeit, wo wir schon wieder an unsere Winterkleider denken, die in der Tiefe des Kleiderschranks ein beschauliches Dasein geführt haben. Das Wiedersehen mit ihnen ist nicht auf der ganzen Linie erfreulich. So manches teure Stück blickt uns müde und alterschwach an; manches glänzt (aber nicht vor Freude) und hat seine Zeit und ihren Stil längst überlebt. Auf dem Heimweg von der Arbeit mustern wir die Schaufenster der Bekleidungsgeschäfte, und — da wir es immer so gewohnt waren — sind wir gar nicht erstaunt, sie heute schon mit reicher Auswahl gerüstet zu sehen. Im frühe st en Sommermonat, als wir die „dicken Sachen" im hintersten Winkel verstauten, begann für die Beklei- dungsindustrie die Wintersaison. Da waren Modelle zu entwerfen, zu prüfen und auszuwählen, Stoffe einzukaufen, Zutaten zu beschaffen, Preise zu kulkulieren, Modelle anzufertigen und zu verbessern, Kollektionen zusammenzustellen, die Arbeiten einzurichten und die Verkäufer hinauszuschicken, um für den Absatz zu kämpfen und die Regale der Läden zu füllen. Rund eine halbe Million Menschen waren in Deutschland tätig, um uns vor der Kälte des Winters zu schützen, während wir uns von der Sonne braun brennen ließen.
Berge von Schwierigkeiten waren zu überwinden, als das Dritte Reich sich daran machte, auch auf dem Gebiete der Bekleidung gesunde Grundlagen zu schaffen. Besonders erschwert wurde die Neuordnung durch die gleichzeitig auftretende Notwendigkeit einer strengen Devisenbewirtschaftung. Die R o h st o f f e unserer Bekleidung waren zum größten Teil Importware und in den Jahren der Systemzeit wurde nach Herzenslust eingekauft. Die Baumwoll- und Wollhändler der Welt saßen auf riesigen Lägern, freuten sich über jeden Abnehmer und gaben bereitwillig Kredit. Sie vergaßen allerdings keineswegs, den deutschen Saldo pünktlich zu belasten und auch die Debetzinsen fein säuberlich aufzurechnen. Mit dieser Pumpwirtschaft radikal Schluß zu machen, war höchste Zeit. Es ergab sich die Aufgabe, einem Volk auf engem Raum trotz seiner Rohstoffarmut die Mittel zu schaffen, seine Selbstbehauptung und Unabhängigkeit zu erkämpfen. Das war schon deshalb nicht einfach, weil gerade auf dem Gebiet der Bekleidung alte Vorurteile nur äußerst schwer zu überwinden sind. Müssen wir denn auf dem Standpunkt stehen bleiben, es gebe für Stoffe nichts Besseres als Wolle und Baumwolle? Sollen wir ergeben mit dem zufrieden fein, was das Ausland uns an Rohmaterial abläßt?
Einstweilen ist die Einfuhr für die Bedürfnisse der Bekleidungsindustrie noch ganz beträchtlich und würde unseren Devisenhaushalt stark beanspruchen, wenn es dem Gewerbe nicht schon gelungen wäre, durch eine ganz beachtliche Ausfuhr von Fertig f a b r ik a t e n die benötigten ausländischen Zahlungsmittel selbst herauszuwirtschaften. Wenn sich auch manche Länder, dem Zug der Zeit entsprechend, bemühen, ihren Eigenbedarf mehr und mehr selbst zu decken, so läßt sich eine Industrie wie
die Bekleidungsfabrikation nicht ohne eine Reihe wichtiger Voraussetzungen aus dem Boden stampfen. Denn nicht nur Maschinen und technische Einrichtungen sind hier erforderlich, sondern vielmehr Erfahrung, Geschicklichkeit, solide Arbeit und ein auserlesener, durch die Kulturstufe des Landes bedingter Geschmack. Der gründlich ausgebildete Facharbeiter hat es im Verein mit dem besonderen Einfühlungsvermögen des modeschaffenden Praktikers zuwege gebracht, daß die internationale Käuferschaft die „Weltmode", die es in der Idee von Paris diktiert sehen will, erst dann übernimmt, wenn sie ihm durch Berlin in die Praxis übersetzt worden ist. Die gebrauchsfähige Fertigware liefert deshalb nicht Paris, sondern in immer steigendem Maße Berlin.
Die Qualitätsarbeit, die hier allein zum Erfolg geführt hat, auch im Inland an die Spitze zu bringen, ist ein Bestreben, dem wir nur beipflichten können, denn wir können es uns nicht leisten, Schund zu kaufen. Höchste Leistung zu angemessenem Preis ist wesentlich bedingt von einer scharfen, kaufmännisch einwandfreien Kalkulation. In diesem Punkt lagen die Dinge im Argen, als die neue Wirtschaftsordnung die einzelnen Betriebe unter die Lupe nahm. Abgesehen von den wenigen Großunternehmen wurde recht oft nach dem System einer Kalkulation „aus dem Aermel" gearbeitet. Verkaufspreis und wirklicher Wert wiesen daher manchmal Spannungen auf, die meist den Käufer benachteiligten. In diesem Jahr hat die Wirtschaftsgruppe durch einen großen Aufklärungsfeldzug jedem Betrieb, auch dem kleinsten, die Wichtigkeit einer genauen Ueberficht ihrer Kostengestaltung vor Augen geführt, um unsinnige Wettbewerbsverhältnisse zu unterbinden.
Der nächste Schritt geht dahin, das allgemeine Niveau der Preise für alle Bekleidungserzeugnisse wesentlich zu senken. Die Spitzengruppe der Industrie steht auf dem Standpunkt, daß die Technik der Bekleidungsherstellung seit 1914 keine wesentliche Fortschritte gemacht habe und daß sich bei zweckmäßiger Modernisierung der Betriebe eine Preissenkung erreichen lasse. Ein heikles Thema, das unter der Flagge „M a ß k o n f e k- t i o n" segelte, drängte vorweg zur Bereinigung. In Uebereinstimmung mit dem Reichswirtschaftsministerium wurden zunächst die Begriffe „Maßarbeit" und „F e r t i g k l e i d u n g" festgelegt, an Hand deren jeder Volksgenosse eine Kontrolle darüber hat, mit welcher Ware er bedient wird. Bei der handwerksmäßigen Anfertigung, der Maßarbeit, steht der Verbraucher an erster Stelle, während er bei der fabrikmäßigen Herstellung, der Fertigkleidung, an letzter steht. Die Weiterentwicklung des modischen Geschmacks unserer Bekleidung hat vieles Kopfzerbrechen verursacht. Die Zeit drängt danach, auch die Kunst, uns zu bekleiden, nur von artgemäßem deutschem Empfinden befruchtet zu sehen. Dem Deutschen Mode-Institut obliegt die Aufgabe, ein neues geschmackliches Schaffen auszubilden und zu pflegen.
Zwischen Spiel und Wirklichkeit
Von Karl Ude
Damals sah man m den Straßen, da alle jungen und kräftigen Pferde im Dienst des Heeres standen, nur solche, die müden Schrittes gingen und deren Hals so dünn und hager war, daß der Kopf ihnen tief herabhing. So geschah es oft, daß eines allein vor einen allzu schweren Wagen gespannt, die Hufe nicht mehr richtig zu setzen wußte, ins Stolpern geriet und vor Schwäche zusammenbrach. Ringsum gab es gleich ein wogendes Gedränge von Menschen, die Worte des Bedauerns und des guten Rates sprachen; der Kutscher indessen, ohne auf sie zu hören, löste mürrisch das lederne Geschirr von dem liegenden Körper und klappte die lange Deichsel zurück. Erbost über die plötzliche Verzögerung, nahm er ferne Pechche vom wagen, zerrte mit verkrampfter Faust an der dunklen Mähne seines Tieres, schrie heisere Befehle und schlug dazu ermunternd auf die mageren Beine mit den schweren Husen. Die Frauen wandten sich ah, als die Peitsche knallte, das Pferd aber zuckte nur mit den geschlagenen Gliedern daß aus dem Pflaster gelbe Funken sprangen und blieb liegen. So mußte man schließlich die Feuerwehr benachrichtigen, damit sie dem lebenden Verkehrshindernis wieder auf öie Seme helfe.
Und sie war bald zur Stelle, mit einem o fenen roten Wagen, der allerlei handliches Gerat mit sich führte Vier Männer in blauen Uniformen fliegen heraus, beschauten keineswegs bestürzt die Sachlage, richteten ein drennasUges Gestell über dem Tiere auf daß wir Buben glauben mußten, man werde ihm meinem Wen frUe eineri Ku e= platz schaffen, schoben dann breite Gurte unter dem schnellatmenden Leibe hindurch und begannen mit Hilfe eines Flaschenzuges der von der Spche der durchsichtigen Pyramide herabhmg, den Pferdekörper nach oben zu ziehen so daß endlich wieder seine knochigen Beine senkrecht darunterstanden; md mährend der Wagen unter dem gellenden Geläut seiner blank geputzten MessinMocke geschäftig banonbraufte, tat das Der unsicher die ersten
Manchmal «Ä' ein Mrd so slach aus ter Seite daß es nur mit langen Hebeln, die man unter feinen Rücken schob, aufzurichten war. Die Manner stöhnten sehr, wahrend sie d,e schweren fiölier anfehten, und gaben einander den Takt an, bas Tier jedoch, schon ein wenig hochgehoben, lant im selben Augenblick aus den Boden zuruck, Uem man ihm die Stützen entzog.
Das war ein Anblick, mitleiderzwingend und traurig, und wir hätten gern der großen Kreatur, die, stets für uns ein Inbegriff der Kraft, nun einer beschämenden Schwäche überantwortet war, tröstend das Fell gestreichelt; dann aber, als das Tier wieder und wieder zu Boden fiel, wollte es uns scheinen, hinter diesem willenlos lässigen Zurücksinken verberge sich nichts als eine eigensinnig gepflegte Beguemlichkeit, und die kleine Szene wirkte zuletzt auf uns Jungen erheiternd; so auch blieb sie uns in Erinnerung, und eines Tages daheim, als unser Drahtfox in einer gleichen flachen Lage auf dem Teppich in der Sonne schlief, gab einer von uns sich daran, den Hund wie ein gestürztes Pferd aufzurichten. Er kniete sich neben ihn, schob die Hände wie steife Hebel unter den weißhaarigen Rücken und gab seinen Armen mit einem tiefstimmigen „Hau-Ruck!" den Takt an. Erwachend drehte der Hund ein wenig den Kopf, um zu sehen, was es denn gäbe und warum man ihn störe, streckte sich dann gemächlich und war, nicht weniger hinfällig als das mächtige Karrenpferd auf dem harten Straßenpflaster, durch keine unserer fachmännischen Bemühungen auf die Beine zu bringen, ja, er stemmte die Pfoten steif gegen den Teppich und ließ sich schwer und träge zurückfallen, wenn wir seiner Flanke die Stütze nahmen. Beliebig oft heuchelte er solche Kraftlosigkeit und Erschöpfung, und wir vermeinten ihm anzusehen, daß »r dies nicht ohne ein stilles, sorgsam unterdrücktes Schmunzeln tat. So wiederholten wir dieses kleine Spiel manches Mal; stets war der Hund bereit, mitzutun, und manch einer, dem wir es vorführten, stolz auf den Hund und stolz auch auf unsere dem Leben abgeschaute Erfindung, fand Gefallen daran.
Schließlich aber wollte uns selber dieses sehr vereinfachte Verfahren nicht mehr genügen und wir versuchten, mit nicht weniger Aufwand an technischen Hilfsmitteln ans Werk zu gehen als die bewunderten blauen Männer. Aus drei Spazierstöcken des Vaters banden wir jenes dreimastige Gerüst zusammen, das für die Aufrichtung ganz schwacher Pferde unerläßlich schien, fuhren es auf einem knarrenden hölzernen Wagen, der mit einem anmutigen kleinen Schimmel bespannt war, an den schlafenden Hund heran und richteten das sehr schwankende Gestell über dem noch Ahnungslosen auf. Bevor jedoch die drei Stützen so ausgestellt waren, daß sie sicher und ohne auszugleiten auf dem glatten Teppich standen, sprang der Hund, urplötzlich zu seiner wahren Kraft erwachend, unwillig und verängstigt auf die Beine. Er schüttelte sich mächtig, daß die drei Stöcke über ihm polternd
zusammenfielen, zog in maßlosem Erschrecken den Schwanz ein, lief, noch einen verständnislosen Blick zurückwerfend, aus dem Zimmer und getraute sich hinfort nicht mehr, die scheinbar so dankbare Rolle eines ausgezehrten und altersschwachen Gaules zu übernehmen; uns aber blieb zu bedenken, daß man nie ohne Verlust die fast unsichtbare Grenze zwischen Spiel und Wirklichkeit überschreiten kann...
Oer Schwärmer.
Hinter Gardinenspitzen verflogen fand ich den Falter, rosa-jadegrün, mit der phantastischen Serpentinenzeichnung des Oleanderschwärmers. Da erbarmte mich des verirrten Gauklers; denn ich wollte die kleine sinnlose Tragödie nicht, daß er elend verkomme im Irrgarten aus Filet und Mull und Spitzen, er, der geschaffen ist, im Paradies der Blumendüfte Lust und Leben zu genießen, Licht zu trinken und im Glück der Liebe sein bißchen Dasein fortzuschenken an die lückenlose Reihe unzähliger Geschlechter, die geschaffen sind, im Paradies der Blumendüfte Lust und Leben zu genießen, Licht zu trinken und im Glück der Liebe ihr bißchen Da- fei fortzuschenken an die Reihe überzähliger Geschlechter. So führte Andacht sorglich meine Hand, als ich, ein Mensch mit menschlichem Verstand, Schicksal spielte im Dienste der Schöpfung zum Wohl der blinden Kreatur.
Tragisch verblendet flüchtete der zarte Sonderling vor seinem Wohltäter, zerflatterte den Blumenstaub der Flügel in immer dichterem Versteck, zerstieß sich schier den Kopf am trügerischen Fensterglas, töricht eigensinnig, wie wir Menschen selber oft der besseren Einsicht eines überlegenen Verstandes widerstreben.
Leidlich geschont fing ich ihn endlich in geschlossener Hand, stieß das Fenster auf und gab ihn seiner Freiheit.
Aber auch dann noch bedurfte er eines Stoßes, sein Glück zu fassen und zu nutzen.
Das Lächeln einer guten Tat im Herzen, überließ ich mich dem Alltag. Und erst am Abend, als sich unter Lampenschein verdächtig schattenspielend das Falterweibchen aus Mull, Filet und Spitzen löste und einsam durch die Stille geisterte, begriff ich, daß ich Liebende gestört, ein kleines Glück zerrissen und aberwitzig in die Weisheit der Natur eingegriffen hatte. Sinnvoll sah ich nun den Eigensinn des kleinen Sonderlings, und Torheit meine Weisheit. Und ich meine, Freunde, Mütter, Väter, Lehrer, Meister, daß es gut sei etliches daraus zu lernen, eh wir wieder einmal Schicksal spielen!
Richard Euringer.
Gloria-Palast: „Schabernack"
Man fühlt sich an die selige „Pension Schüller" erinnert. Hier ist gleich ein ganzes Hotel etwas verrückt. Die Besitzerin hat sich finanziell übernommen, und keine Gäste. Da trifft es sich gut, daß ein im gleichen Kurort liegendes Diät-Sanatorium abbrennt; die Patienten werden kurzerhand in das leerstehende Hotel einquartiert, und da man die Sanatoriumsgäste im Ort für harmlos Verrückte hält, verabreden diese sich zu einem Schabernack eigener Art: sie tun so, als ob sie wirklich ... man kann sich denken, was das für ein Schabernack wird, zumal in dem Hotel außer dem Personal der echte Vanderbilt aus USA. der einzige ist, der nicht mit zu der Verschwörung gehört. Die Phantasie des Regisseurs E. W. Emo ist üppig ins Kraut geschossen, um das Gasthaus in eine bessere Kaltwasserheilanstalt zu verwandeln. Der Wiener Komiker Moser als Hausdiener nusselt in den höchsten Tönen; Hörbiger, nett wie immer, und Hans Rickter mit bewährter Schnoddrigkeit, gehören ebenfalls zum Personal. Von den andern: T. Marien,Salfner,Gülstorfs und Henckels. — Im Beiprogramm: die Wochenschau: ein hübscher Hundefilm; je ein Vorspann zu „Stärker als Paragraphen" und „Ein Hochzeitstraum". hth.
Oie sagenhafte Geeschlange
Die letzte lebende Seeschlange dürfte endgültig erledigt sein, nachdem das Wundertier von Lochnetz seine Aufklärung gefunden hat. Aber in früheren Zeitperioden, die unser Planet durchlaufen mußte, hat es doch Tier-Arten gegeben, die nahe an ein solches sagenhaftes Ungetüm heranreichten. Fast jeder Naturfreund kennt die in Europa nur in Frankfurt a. M. vorhandene „Donner-Echse", dieses gewaltige Tier-Gerippe im Lichthof des Natur- Museums Senckenberg. In ihrer Zeitschrift „N a - tur und Volk" bringt sie eine Abhandlung über die vermutete Lebensweise dieses Dorwelt-Riesen, wonach die Tiere mit ihren massigen Leibern unter- getaucht lebten, mit den stämmigen Beinen auf dem Grunde der Gewässer umherpatschten und den verhältnismäßig dünnen Schwanz und Hals, die zusammen über 16 Meter messen, bald mehr, bald nur teilweise über dem Wasser sehen ließen. Der rund 20 Meter lange und selbst am Hals V- Meter dicke Saurier möchte schon ein respektables Schlan- genbilb abgegeben haben, und die Auffindung solcher riesenhaften, zahlreichen Hals- und Schwanzwirbel dürfte wohl auch vielerorts die Sage von der Seeschlange veranlaßt haben.


