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Oberhessen.

Oer Landmann in Blitzgefahr.

Gewiß, es ist nicht immer leicht, bei einem plötz­lich hereinbrechenden schweren Unwetter ruhig Blut au bewahren und kühl zu überlegen, was zu machen sei: Grelle Blitze züngeln aus rabenschwarzem Ge­wölk, der Donner kracht, es regnet in Strömen, das Vieh wird unruhig, die Kinder weinen, die Frauen sind verwirrt und springen mit den Kleinen irge-dwo hinaus, wo sie Obdach zu finden glauben. Und doch: Der Bauer als Betriebsführer muß feine Leute auch in solchen Situationen fest in der Hand haben und auf Grund besserer Einsicht befehlen können: Wir stehen da und nicht dort unter!

Ist bei schweren elektrischen Entladungen außer einzelnen Bäumen weitum nichts, was Schutz vor dem Regen bieten könnte, so beordere man die Leute auseinander und gebe ihnen den Rat, sich längs auf den Boden hinzulegen. Man beachte auch strengstens: Niemals unter den Wagen liegen! Weg von allen Fahrzeugen und Arbeitsgeräten, die erhöht sind und Metallteile besitzen! Gabeln, Sen­sen usw. lege man ab und entferne sich von ihnen. Weg auch von allen Tieren; eventuell spanne man aus und binde sie an den Wagen.

In meinem Heimatdorf kamen zwei Knechte da­durch ums Leben, daß sie unter Kornpuppen Schutz suchten. Diese bildeten eine Erhöhung; hinzu kam noch die menschliche Ausdünstung (Schweiß!), die bekanntlich nach oben sich bewegende Ströme ver­dünnter Luft erzeugen, die dem Blitz dann nur noch geringen Widerstand entgegensetzen. Um Schweihbildung zu vermeiden, soll man auch nicht rennen und, wie schon gesagt, die Nähe schwitzender und stark ausdünstender Tiere unbedingt meiden. Aus Dem gleichen Grunde sollen die Menschen bei schweren Gewittern sich nicht dicht aneinander auf­halten, sondern 10 bis 20 Meter Abstand nehmen.

Der Dolksmund behauptet zwar, daß bei Ge­wittern gewisse Bäume ganz besonders gefährlich seien; so heißt es:Vor den Eichen sollst du weichen, vor den Fichten sollst du flüchten, auch die Weiden sollst du meiden, doch die Buchen sollst du suchen". Ich glaube, daß eine Gefahr unter jedem Baume besteht; natürlich sind tief herabhängende Aeste und Baumtraufen besonders gefährlich.

Uebertriebene Gewitterfurcht ist ebensowenig an­gebracht wie eine leichtfertige Beurteilung der Blitz­gefahr. Vorstehende Lehren sind der wissenschaft­lichen Erkenntnis und der täglichen Beobachtung entnommen. Sie müssen Allgemeingut besonders der bäuerlichen Bevölkerung werden, die weit mehr als das Stadtoolk den Gefahren des Blitzes aus­gesetzt ist. Dr. K. R.

Tödlicher UnglücksfaU am Bahnübergang.

ch Inheiden, 1.Juli. Ein schwerer U n - alücksfall, dem bedauerlicherweise ein Men­schenleben zum Opfer fiel, ereignete sich in den gestrigen Abendstunden am schrankenlosen Bahn­übergang an der Bahnstation Inheiden. Beim Ueber- schreiten des Gleises wurde der im 56. Lebensjahr stehende Gemeinderechner Otto Jäger von Inheiden von dem um 18.40 Uhr von Friedberg kommenden Hilfsgerätezug erfaßt und zur Seite ge­schleudert. Die hierbei erlittenen erheblichen Ver­letzungen des Mannes hatten seinen un mitte l- barenTodzurFolge. Der Verunglückte hinter­läßt eine Frau und zwei schulpflichtige Kinder.

Steinfurths Jiosenfelder in voller Blüte.

LPD. Bad-Nauheim, 1. Juli. Eingebettet zwischen Wiesen und Aeckern liegen im benachbar­ten Steinfurth riesige Rosenfelder. Millionen von Rosen, schimmernd in allen Farben, bereiten einen berauschenden Duft. 500 bis 600 Morgen Land stehen in Steinfurth heute der Rosenzucht zur Ver­fügung. Es wird hier vor allem der größte Wert auf das Veredeln gelegt. Jetzt zur Blütezeit wer­den die frisch geschnittenen Rosen in Körben in alle Städte versandt. Wenn man berücksichtigt, daß in einem Jahre allein 5 Millionen Rosen zum Bestand gekommen sind, kann man die Be­deutung der Steinfurther Rosenzucht erkennen.

Landkrpis Gieren

cxd Langsdorf, 30. Juni. Das schwere Wetter, das gestern niederging, hat auch in unserer Gemar­kung Schaden angerichtet. Zwar waren die Nieder­schläge nicht von Hagelschloßen begleitet. Aber der

Mitgliederversammlung der Bezirkssparkasse Grünberg i.H. Erfreuliche Weiterentwicklung.Großer Zugang von Spareinlagen.

+ Grunberg, 1.Juli. Im Sparkassengebäude sand am heutigen Mittwoch die ordentliche Mit- gllederversammlung der Bezirkssparkasse Grünberg statt Außer dem Verwaltungsrot und dem Vor­stand der Kasse waren die Vertreter von 28 Gemeinden anwesend. Der Vorsitzende des Ver- waltungsrats, Lehrer B ö ch e r (Grünberg) be= grüßte die Anwesenden. In seinen einleitenden Wor­ten bezeichnete der Vorsitzende als Zweck der Der- sammlung, den Vertretern der Gemeinden einen ©mblirf in die Entwicklung der Kasse zu geben und das Verhältnis zwischen Kasse und Garantie- gemeinben zu pflegen. Der Vorsitzende teilte mit, daß der Jahresabschluß von der Verbandsrevision, sowie vom Verwaltungsrat geprüft und von der Landesregierung genehmigt worden fei.

seinen weiteren Ausführungen wies der Vor­sitzende auf den im Druck vorliegenden Geschäfts­bericht, insbesondere auf den eingehenden Vor­bericht des Direktors hin. Aus diesem fei der Ver- lauf des Jahres 1935 klar ersichtlich. Herr Böcher Zab dann noch nähere Erläuterungen zum Ge­schäftsbericht und einen Ueberblick über den Stand der Kasse am Ende des Geschäftsjahres.

Der Geschäftsbericht gibt ein Bild über die über­aus günstige Weiterentwicklung der Kasse. Der Um­satz betrug 15 Millionen RM. Die Bilanzsumme mit über 3 Mill. RM. zeigt eine Steigerung von über 300 000 RM. Im Sparverkehr betrugen die Einzahlungen und Zinsgutschriften 637 798 RM., die Rückzahlungen 363 370 RM. Die Spareinlagen erhöhten sich damit um 274 428 RM. auf 2 697 618 Reichsmark und die Zahl der Sparbücher von 4428 auf 4554. Die Einzahlungen waren um 115 000 Reicksmark höher und die Rückzahlungen um 35 000 RM. niedriger als im Vorjahr. Der Spar­einlagenzuwachs betrug mehr als das doppelte des vorjährigen Zuganges. Die Zunahme liegt mit 11,3 v. H. des Standes von Ende 1934 erheblich über dem Reichsdurchschnitt, der sich auf 7,8 v. H. berechnet. Die Zahl der Sparbücher beträgt 157 v. H. und der Einlagebestand 91 v. H. des Standes von Ende 1913. Die Aufgliederung der Spareinlagen nach ihrer Höhe zeigt, daß 62 v. H. der Gesamtzahl der Sparbücher auf Beträge bis 300 RM. entfallen, weitere 22 v. H. auf Beträge von 300 bis 1000 RM. und nur 16 v. H. auf Beträge über 1000 RM. Der Kleinsparverkehr wird gepflegt durch Aus­gabe von Heimsparkassen, Einrichtung von Schul- jparkasfen und Ausgabe von Geschenkurkunden mit Gutscheinen über je 3 RM. für Neugeborene.

Im Giro- und Kontokorrentverkehr betrug der Umsatz rund 4,3 Mill. RM. Am Jahres­ende bestanden 388 Konten und zwar: 302 Gut­habenkonten mit 125 167 RM. und 86 Kreditkonten mit 149 219 RM.

Infolge der günstigen Entwicklung standen für das Darlehnsgeschäft reichlich Mittel zur Ver­fügung. Die gestellten Anträge konnten, soweit sie den Satzungsvorschriften entsprachen und die Zins­leistung gesichert schien, genehmigt werden. Zur Aus­leihung gelangten 114 neue Darlehen, davon gegen Hypothek 113 210 RM. und auf Schuldscheine gegen Bürgschaft oder sonstige Sicherheit 32 240 RM. Der größte Teil dieser Mittel kam der Arbeits­

beschaffung zugute. Am Jahresende betrug die Gesamtzahl der Darlehen 1263 Posten. Eine Auf­gliederung der Darlehen nach dem Berufe der Kre­ditnehmer zeigt, daß alle Berufsgruppen des Bezirks Berücksichtigung finden. Besonders geht daraus die enge Verbundenheit mit der Landwirtschaft hervor. 53 v. H. der Hypotheken und Güterkaufgelder ent­fallen auf Bauern und Landwirte. Aus der Größen- gliederung der Darlehen verdient hervorgehoben zu werden, daß rund 65 v. H. aller Privatdarlehen unter 3000 RM. liegen.

Am Jahresende betrug der Nennwert der eige­nen Wertpapiere Der Kaffe 952475 RM. mit einem Kurswert von 926 921 RM. Dieser Posten steht nur mit 868 249 RM. zu Buch; es ist mithin in demselben eine stille Reserve von 58 672 RM. ent­halten.

An W e ch s e l n wurden 125 Stück im Betrage von 72 560 RM. diskontiert.

Im D e p o t g e s ch ä f t verwaltete die Kasse am Jahresschluß für 216 Kunden Wertpapiere im Ge- famtnennmert von 238 205 RM. als offene Depots. . Die Zahlung sbereitfchaft der Kasse hat sich gegen das Vorjahr noch verbessert. Sie ist höher, als es Gesetz und Satzung vorschreiben. Ge­gen das Vorjahr ist eine erfreuliche Besserung der Zinseingänge eingetreten.

Der nach Abschreibungen und Rückstellungen ver­bleibende Jahresüberschuß beträgt 24 341 Mark; er wurde der Sicherheitsrücklage zugeschrieben. Das eigene Vermögen der Kasse an Rücklage und Rückstellungen beträgt damit zusammen 332 846 Mark, ohne die in den eigenen Wertpapieren enthaltene stille Reserve von 58 000 Mark.

An Zinsen erhebt die Kasse für Hypotheken und Gemeinoedarlehen 4,5 v. H., für die übrigen Darlehen und Kredite 5 v. H. Sie steht damit bei der Zinssenkung in vorderster Reihe.

Durch den Prüfungsausschuß des Verwaltungs­rats erfolgten im Geschäftsjahr außer der ordent­lichen, noch zwei unvermutete Prüfungen; Bean­standungen ergaben sich dabei nicht.

Aus dem Vorstand schied Dr. S ch n a b e l, und aus dem Verwaltungsrat Karl W e tz i g, da er zum zweiten Beigeordneten von Grünberg berufen war, aus. An Stelle des Letzteren wurde Justizinspektor Hans König- Grünberg, von der Aufsichtsbe­hörde in den Verwaltungsrat berufen.

Der Vorsitzende gab Kenntnis von der in der Zeit vom 31. Dezember 1935 bis 15. Januar 1936 stattgefundenen Betriebsprüfung durch die Verbands­revision. Das Ergebnis sei für die Kasse erfreulich, und der Revisor habe sich in der der Revision an- geschlossenen Verwaltungsratssitzung in durchaus günstigem Sinne über die Grundlage der Kasse und die Geschäftsführung ausgesprochen.

Direktor Diehl gab dann noch einige Aufklärun­gen über die durch das Reichsgesetz über das Kredit­wesen vorgeschriebenen Zins- und Kündigungsbestim- mungen im Sparverkehr und betonte ausdrücklich, daß die Kasse im Rahmen dieser Vorschriften alles tun würde, um den Sparern in jeder Weise, soweit als möglich, entgegenzukammen.

Mit einem Sieg-Heil auf Führer, Volk und Vater­land wurde die Versammlung geschlossen.

Stand der Getreidefelder war bis gestern in allen vier Fruchtarten so prachtvoll, daß man eine Ernte von seltener Güte erwarten durfte. Diese Hoffnung ist durch das Wetter zum Teil zunichte geworden. Denn auf den meisten Aeckern liegt das Getreide wie gewalzt. Da zumal die Sommerfrucht noch nicht geblüht hat, muß mit einem erheblichen Kör­nerausfall gerechnet werden. Leider hat der Regen besonders in unserem besten Gemarkungsteil Scha­den getan, dem Feld südlich des Straßenzuges Lich Hungen.

<5 Allendorf a. d. Lumda, 1. Juli. Bei der vor einigen Tagen stattgefundenen Heugras - Versteigerung von den hiesigen städtischen Wiesen bewegten sich die Preise in mittlerer Höhe. Es wurde für den Morgen je nach Qualität und Güte 18 bis 25 Mark erlöst. Bemerkt sei hierbei noch, daß ein großer Teil der Wiesen durch die Stadt selbst für das Faselvieh 4 Bullen und 2 Ziegenböcke geerntet wird.

* Geilshausen, 1. Juli. Die 56jährige Frau Katharine Buchner von hier zog sich durch einen unglücklichen Sturz einen Bruch des linken Schulterblatts zu und mußte in die Chirur­gische Klinik nach Gießen gebracht werden.

* Rüd Dings hausen, 1. Juli. Der 19jährige hiesige Steinbrucharbeiter Richard Ott zog sich einen Bruch des rechten Unterschenkels zu. Er wurde zur Behandlung nach Gießen ge­bracht.

Wegen Amtsunterschlagung verurteilt.

LPD. Mainz, 29. Juni. Der bei der Stadtkasse in Worms angestellte 50jährige Adolf Peters wurde von der Ersten Großen Strafkammer in Mainz wegen fortgesetzter schwerer Amtsunterschla­gung in Tateinheit mit Untreue, wegen B e - trüge in zwei Fällen und wegen Unterschla­gung in einem Fall zu 1% Jahren Gefäng- n i s und 3 Jahren Ehrverlust verurteilt. Drei Mo­

nate der erlittenen Untersuchungshaft wurden chm angerecknet.

Der Angeklagte entnahm der Stadtkasse ein Dar­lehen von 200 Mark, das er angeblich später wieder zurücklegen wollte. Außerdem machte er sich eines gemeinen Betrugs an einem Metzgerburschen schuldig, den er mit List um 625 Mark brachte. Von einem ihm befreundeten Manne ließ er sich 300 Mark geben, obwohl er genau wußte, daß er diesen Betrag nicht zurückzahlen konnte. Damit nicht genug, brachte er einen ster­benden Invaliden um 40 Mark, dem er versprach, dafür Jnvalidenmarken zu kleben.

Preußen.

Furchtbarer Doppelmord in Bad Homburg.

Lin Ehepaar im Schlafe gelölel. Der Täler vermutlich der eigene Sohn.

Bad Homburg, 1. Juli. Etwas ab­seits der kurz vor Dornholzhausen nach Oberslät- ten abbiegenden Straße liegt das kleine Anwesen des Milchhändlers M a i b a ch. Als dieser am Mitt­wochmorgen bis 10 Uhr noch nicht an der Milch- ablieferungsstetle erschienen war, schöpfte man Ver­dacht, daß hier etwas geschehen sein könnte und benachrichtigte die Polizei, die das haus vollkom­men verschlossen fand. Den Beamten bot sich ein entsetzlicher Anblick. Der Milchhändler selbst tag mit schweren Schädelverlehun- ge n tot in seinem Bette. Er war mit einem Veil erschlagen worden. Die Ehefrau muß scheinbar bei der Ermordung ihres Mannes aufgewacht und aus dem Bett gesprungen sein, hier hat sie dann der Täter ebenfalls mit dem Beil erschlagen. Die Ermordete tag zwischen den Betten und einem Kleiderschrank in einer Blutlache.

Vach den bisherigen Feststellungen ist die fürch­terliche Tat mit einem Veit ausgeführt worden. Ob auch Raub vorliegt, konnte noch nicht feslge- stettt iberden.

Als vermutlicher Täter kommt der eigene Sohn des Ehepaares in Frage. Es handelt sich bei ihm um einen sehr übel beleumundeten Burschen, der bereits seit längerer Zeit mit seinen Eltern in Unfrieden lebt und erst wieder am Diens­tagabend mit ihnen einen Wortwechsel hatte. Er ist seit Mittwoch früh mit seinem rot lackierten Fahrrad geflüchtet. Rach dem Täter wird gefahn­det. Er ist 20 Jahre alt, hat zurückgekämmkes haar, ist schlank und Hal eine sehr große, scharf gebogene Rase. Er dürfte mit einem blauen Anzug und schwarzen Schuhen bekleidet sein.

Zweckdienliche Mitteilungen erbittet die Krimi­nalpolizei Frankfurt oder Bad Homburg.

Fortsetzung der Lahnregulierung bei Marburg.

LPD. Marburg, 1. Juli. Der Kreisausschuß des Landkreises Marburg genehmigte einen Nach­tragshaushaltsplan für 1936, der u. a. eine Lahn» und Ohmregulierungsrücklage vorsieht. 42 000 Mark, welche dieser Rücklage sofort zuge­wiesen wurden, sollen mit dazu dienen, die künf­tigen Lahn- und Ohmregulierungsarbeiten möglichst ohne Inanspruchnahme von Krediten durchzuführen. Nachdem der preußische Staat und auch der Vezirksverband Hessen ihre diesjährigen Beihilfen bewilligt haben, wird mit der Lahnregu­lierung von Argenstein aufwärts bis zur Stein­mühle bei Cappel in Kürze begonnen.

Brandstiftung eines Geisteskranken.

LPD. Marburg a. d. L., 1. Juli. Am 25. April d. I. stand plötzlich die Scheune eines Landwirts in Neunkirchen (Kreis Ziegenhain) in Brand und

Sonnenbrand oder gesunde Bräunung?

Schnell braun werden ohne Sonnen­brand das ist die Kunst! Und doch ist es leicht, wenn Sie Nivea-Creme oder -öl benut­zen! Nivea fördert die Bräu­nung, wehrt dem Sonnenbrand und machtnatürlich braun".

Verfluchtes Gold!

Roman von 3. Schneider-Ioerstl.

Urheberrecht: Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.

14 Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Er suchte ihre Arme abzustreifen, spürte, wie sie nur noch fester umschlungen wurden und gab es auf. Unglückschläge kommen immer über Nacht", sagte er apathisch.Aber selbst dann würde ich dich nicht zwingen, mir zu helfen. Nur wenn du freiwillig 3a" sagst. Aber das wird kaum der Fall sein/

,Kaum!"

Lassen mirs also! Eine Frage noch: Ist da sonst jemand, der--?"

Nur dem Umstand, daß Terry ihr bei dieser Ge­wissensfrage nicht ins Gesicht blickte, verdankte es Maria, daß ihr Erröten unbemerkt blieb.Wer sollte es fein, Papa? Du kennst ja alle meine Be­kannten und weißt, daß ich nach keiner Seite hin gebunden bin."

Ja, ja", murmelte er. Das Einschnappen der Tür überhörte er völlig. Er stand am Fenster und blickte in den Park, dessen Bäume sich schon zu ent­lauben begannen. Sie wollte also nicht! Aber nach­dem kein anderer in Betracht kam, war immer noch Hoffnung für einen der Amselmanns. So war das: wenn ein Kind seinen Vater brauchte, war dieser immer da. Nur wenn ein Vater einmal bei seinem Kinde um Hilfe anklopfte-- .

Ich bin ungerecht, dachte er. Ich habe ja gar nicht gebeten.Wenn dir das Wasser bis an den Hals geht dann vielleicht", hatte ^e gesagt!ßiel= leicht--" Er drehte sich um und blickte abwesend

auf den Diener, der eben mit derselben Geräusch­losigkeit, mit der er eingetreten war. Die Post auf den Schreibtisch legte. Terry nahm eine der Zei­tungen zur Hand, überflog den Leitartikel und dann den Anzeigenteil. Eine fettgedruckte Überschrift:

Mutter!

Deine Söhne bitten Dich 3U verzeihen und ^"öukehren. und H.

Wolfgang und Hylmar",. murmelte er vor sich hin. Es konnte nicht anders heißen. Hertha Amjel-

mann war bei der Beerdigung ihres Mannes nicht zugegen gewesen. Es hieß, daß sich die Söhne ebenso wenig mit ihr verstanden, wie das bei ihrem Mann der Fall gewesen war. Und nun diese Aufforderung. Was hatte die schöne Frau den beiden zu verzeihen?

Plötzlich schoß ein Gedanke durch sein Gehirn. Er war so stark in seiner Auswirkung, daß ihm das Blut in schmerzhafter Welle nach den Schläfen schoß und seine Wangen dunkel färbte. Sein Kopf wandte sich jäh der Tür zu. Sie war geschlossen. Der große Raum leer. Die Hand zitterte ihm, als er jetzt von einem Geschäftsbogen die Adresse weg­schnitt und ein paar Zeilen daraufwarf.

Er trug den Brief selber zum Postkasten und ließ ihn langsam durch den Spalt hinuntergleiten.

*

Acht Tage wartete Terry in banger Ungeduld, ob seine Zeilen beantwortet würden. Der Diener wunderte sich, daß das halbe Dutzend Tagesblätter jetzt nicht mehr ausreichte und noch ein weiteres halbes Dutzend gekauft und auf den Schreibtisch gelegt werden mußte.

Endlich, am neunten Tage, sand Terry die so heiß ersehnte Chiffre:

I. T.

Laß die Vergangenheit ruhen! Es hat keinen Zweck, sie wieder auferstehen zu lassen.

H.

In grenzenloser Enttäuschung sah er darauf herab Hertha hatte keine Adresse angegeben. Nach­dem er sich etwas gefaßt hatte, rief er bei den jun- qen Amselmanns an. Sie konnten ihm ebenso wenig Auskunft geben?Wir haben keinerlei Nach­richt von Mama , lautete der Bescheid, den er von Wolfgang erhielt. *

Maria Terry stand am Geländer der großen Brücke, die die Isar überwölbte und starrte auf das graugrüne Wasser hinab, das sich so eilig dahinwälzte.

Ein rascher Schritt ließ sie Umsehen.Madel da bist du ja!" sagte Ralf Stessen erfreut,Und a durchfroren! Warum kommst du denn früher als wir vereinbart hatten?" Er nahm sie m die Arme und küßte sie zärtlich auf die kalten Lippen. Dann

hielt er sie etwas von sich ab.Seit wann hat mein Prinzeßchen Launen?"

Du weißt, daß ich nicht launisch bin, Rolf!"

Nein?" lächelte er belustigt.Alpdrücken ge­habt? Aerger mit dem Zimmermädchen? Un­gnädig, weil ich zwei Minuten später gekommen bin?"

Alles nicht richtig!" Sie zog ihn am Aermel dicht an das Brückengeländer, zeigte nach dem eilig fließenden Wasser unten und sah ihn an.

Nun, mein Mädchen?"

Ist das unbedingt tödlich?"

Was, Maria?"

Wenn man sich da hinunterstürzt..."

Sein Lachen klang hell durch den grauverhan­genen Nooembertag.Wahrscheinlich! Wenn du aber ganz tot--wirklich mausetot sein willst, mußt

du dich schon ein paar Meter weiter zurück hinunter- stürzen, wo dich nicht das Wasser, sondern die Be­tondecke auffängt. Das gibt dann eine sichere Ga­rantie für raschen und gründlichen Abschluß."

Also ein paar Meter weiter zurück..." Sie zerrte ihn nach der Stelle, wo tief unter der Brücke die weißen Steinquadern leuchteten.Hier also?"

Ja, hier! Hat sich wieder einmal jemand hin- untergestürzt?" fragte Rolf ernst werdend. ,Hch habe gestern die Zeitungen nur ganz flüchtig ge­lesen. Da entgeht einem, was sich alles ereignet. Manchmal ist es sogar besser, man weiß es nicht. Ich sehe in Der Klinik soviel Leid und Elend, daß ich am Abend ehrlich froh bin, wenn ich etwas ab­gelenkt werde. Jetzt aber Laufschritt, Maria! Wenn wir nicht schneller gehen, kriegen wir keine Schlagsahne mehr", mahnte er und begann lange Schritte zu machen.Und im Cafs Drüben ist es schön warm. Du frierst ja!"

Bis in Die Seele/

Er fühlte wie ihr Körper zitterte unD begann noch weiter auszuholen.Wir wollen uns Das nächste Mal anDersroo treffen, Liebes. Auf Der Brücke zieht es so. Ich bin ein Esel, Daß ich Das nicht be- Dacht habe. Nun hast Du Dich wahrscheinlich erkältet, unD ich roerDe Die ganze Nacht kein Auge zutun aus Sorge, ob Du mir nicht krank wirst."

Sicher nicht, Rolf!" Dabei ging wieDer ein Schauer Durch ihren Körper.Würdest du sehr böse

sein, wenn ich gleich nach Hause fahren möchte? Mir ist wirklich sehr elenD." Sie ftanDen jetzt unter Den Bäumen, Die Den schmalen Steig säumten. Er blieb stehen, blickte sie aus erschrockenen Augen an unD öffnete Dann feinen Mantel, ihre zitternoe Ge­stalt hineinnehmenD. Sein Herz schlug so stark, Daß sie es Durch Kleid unD Jacke fühlte.

Wärmebedürftig nestelte sie sich Dicht an seine Brust. Wie wohl Das tat! In iyrem Kops häm­merte es. Die Finger waren steif. Sie tastete nach seinem Halse hinaus unD suchte seinen Blick, Der angstvoll in Dem ihren ruhte.Hast Du mich sehr lieb, Rolf?"

Das fragst Du noch?"

WürDeft Du sehr traurig fein, wenn ich nicht mehr bin?"

Warum quälst Du mich so, Maria?"

Ich wollte Dich nicht quälen", sagte sie, schwer gegen seine Brust gelehnt.Aber wenn man sich so schlecht fühlt, hat man immer gleich böse An- wanDlungen. UnD ich habe solche Angst vor Dem Sterben! Solche Angst! Ich höre heute noch meine Mutter röcheln. Es Drang Durch alle Zimmer. Wenn, Dann möchte ich. Daß es schnell geht. Ganz schnell, Rolf." Ihre Stirn lag jetzt gegen feine Schulter.

Du wirst nickt sterben", lächelte er über ihren Kopf hinweg.Wofür ftuDiere ich im zehnten Se­mester MeDizin? Weißt Du, mein Siebes, Das ist immer so: wenn man noch nie richtig krank gewesen ist, kriegt man es gleich mit Der Angst zu tun. Komm, Maria! Wir beeilen uns jetzt, Damit wir Die nächste Tram erreichen. Ich bring Dich heim. Du legst Dich in Dein Bettchen, trinkst heißen Tee unD schläfst wie ein Murmeltier, unD morgen ist alles wieDer gut."

Ja", sagte sie gehorsam, hob Den Kopf und streichelte seine kalte Wange.Lach' mich Doch aus. Daß ich so ein Angsthase bin." Ihre fahrigen HänDe knöpften ihm Den Mantel wieDer zu.

Nun komm aber". Drängte Rolf. Sie faßten sich an Den HänDen, liefen Den Steig hinauf und kamen an Die breite Straße. Damit Marias Atem geschont war, sprach Steffen kein Wort und legte Den Fin? ger an Die Lippen, als sie ihn etwas fragen wollte,

(Fortsetzung folgt!)