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geistige Sphäre zwingen, und nur von dem Ge­sichtspunkt aus will er verstanden sein.

Alles das, was bei den meisten Pianisten die vor­nehmliche Grundlage ihres Publikumserfolges be­deutet, die Beherrschung der instrumentalen Seite, ordnet sich bei Backhaus völlig dem musikalisch­geistigen Nachschaffungsprozeß unter. Sei es der einzelne Ton, sei es eine Passage, sei es eine ge­sangliche Linie, immer wieder ist es ein Neuerstehen und Einfügen aus dem Geiste des ganzen Werkes heraus. Stets in unbedingter Eindeutigkeit und individueller Ausgeprägtheit erschließt sich die in erstaunlicher Differenziertheit der Nuancierungen reiche Skala in Anschlagsmodulation und Tonstärke. Die Klänge, die er dem Instrument entlockt, sind farbig, aber nie ist es ein Glänzen und Schillern als Selbstzweck. Wohl selten wird man auf dem Klavier so innerlich ausgeglichene Zusammenklänge hören können wie bei ihm: zum andern aber weiß er die verdeckt in den Mittelstimmen ruhende Thematik zu heben und ganz besonders im Polyphonen zu eindringlicher Deutlichkeit zu führen. Seme Passa­gen sind bei ihm zu letzter Wesensform durchgebil­det als Schwung- und Affektkurven. Die einzelnen Vortragsarten sind ihm in höchster Meisterschaft als jederzeit geläufige Ausdrucksmittel bis zum Letzten gefügig.

Einer so tiefen Einfühlungsgabe erschließen sich die historisch bedingten Stilformen tn ihrem inner­sten Wesen, und so wurde Joh. Seb. Bachs Chromatische Fantasie und Fuge" zum Eingangstor des an Innerlichkeit so reichen Abends. Dieses von starkem Drängen erfüllte Werk aus Bachs Leipziger Zeit erfaßte Wilhelm Backhaus mit höchster Gespanntheit der Passagen: die Rezita­tivszene erschloß sich in Unmittelbarkeit durch die Echtheit des Mitgehens. Die Fuge aber bedeutet gegenüber dem, was wir in Gießen im letzten Jahr­zehnt zu hören bekamen, zweifellos den Höhepunkt. Wie klar er das Thema im plastischen Kontrast zu den Gegenstimmen heraustreten ließ, wie er in fast unglaublicher Kraft der Steigerung die Fuge über dem letzten Themeneinsatz im Baß gipfeln ließ, das schien überwältigend in der Einmaligkeit.

Die weiteren Teile der Vortragsfolge waren romantischer Klaviermusik gewidmet, und da war es um so interessanter, Wilhelm Backhaus von dieser Seite kennen zu lernen, da bei seinen früheren Klavierabenden die Klassik stark im Vordergründe gestanden hatte. Vielleicht ist es gerade der Durch­gang durch die Klassik, der ihn um die Romantik in so impulsiver, ja, ans Dämonische streifender Art bei gezügelter Beherrschtheit erleben läßt. Wenn Schumann selbst über die Fantasie op. 17 (Franz Liszt gewidmet) sich Clara gegen»

lieh erscheinen ließen, sondern gerade durch ihre feine musikalische Artikulierung wahren Jubel der Begeisterung im vollbesetzten Hause weckten. Und als sich nach einem so vielseitigen und umfang­reichen Programm der Konzertgeber dennoch zu mehreren Zugaben bereitfand, wuchs der Beifalls­sturm zu höchstem Ausmaß an. Dr. H.

über äußert: Der erste Satz ist wohl mein Passio­niertestes, was ich je gemacht habe eine tiefe Klage um Dich Jo ist damit der geistige Unter­grund für dieses stürmende und erregte Werk ge­kennzeichnet. Ebenso aber wird man die Tiefe, mit der Wilhelm Backhaus hier nachschuf, ermessen. Wie hoch er hier die Akzente in Eindringlichkeit türmte, wie er den Kantilenenbogen in männlicher Herbheit und Wärme spannte; wie er den zweiten Satz in seinem Marschrhythmus in ungeahnter Steigerungskraft zu höchstem triumphalen Klang führte, und wie er im Finale den Abklang der Erregungen der beiden ersten Sätze erleben ließ, das prägte sich jedem tief nachhallend ein.

Daß der Solist Brahms in so mannigfacher Weise Raum gewährte, sei ihm besonders gedankt. Die nach der schottischen BalladeEdward" in HerdersStimmen der Völker" angeregte d-moll = Ballade (op. 10) ließ das Geschehen der Hand­lung durch Wilhelm Backhaus wach werden und hier Brahms als den Tragiker im nordischen Sinne erfühlen. Dazu wurde die gegensätzliche Welt der zweiten Ball ad» in D-dur mit ihrem schwe­benden Hauptthema offenbar, gespiegelt in den Kontrasten der Mittelsätze; der Schlußteil war be­sonders reizvoll mit seinen weichen Klängen und den betonten Mittelstimmen. Beim Anhören der Rhapsodie (op. 119, Nr. 4; Es-dur) wird wohl keinem zum Bewußtsein gekommen sein, daß es sich hier um ein Spätwerk des Meisters handelt; so jugendfrisch wurde es lebendig mit seinem Taten­drang und seiner sieghaften Eneraiefülle und dem romantischen Einschlag des Mittelsatzes.

Etwas ganz Besonderes aber gab es mit den Walzern op. 3 9. Die unmittelbare Auswirkung der Wiener Sphäre auf den jungen Brahms er­schloß sich hier in den 16 einzelnen Sätzen mit Lebensfülle, Innigkeit, Weichheit, Humor und Fein­sein; unerschöpflich in seiner Gestaltungsfähigkeit ließ hier Wilhelm Backhaus jeden einzelnen Walzer in der ihm spezifisch zukommenden Eigen­art erklingen in treffender Pointierung, als ein neuer Beweis für die umfassende Vielseitigkeit des Wiedergebenden.

Wenn Wilhelm Backhaus im letzten Dortragsteil nun gar Chopin erklingen ließ, so gab es des Bewunderns kein Ende über die klar geschliffene Art seines Spiels (doch nie kalt!), ins Feinste ge­gliedert, nachgebend und wieder voll starkem, leiden­schaftlichem Impuls des Aufwallens in der B a r - Carole op. 60, über den warmen Gefühlston und das Perlen im cis-moll-Walzer (op. 64; 2) und die beiden Etüden (op. 10, Nr. 2; op. 25, Nr. 11), die nicht nur in der Durchbildung des technischen Ausgleichs das Unglaublichste mög-

Man kneife die Gäste nicht in die Ohren!

Die Japaner sind in aller Welt als ein Volk von ausgesuchter Höflichkeit bekannt, und besonders Fremden gegenüber sollen sich die Töchter und Söhne des Inselreiches im Fernen Osten durch außergewöhnlich gesittetes Betragen auszeichnen. Es ist deshalb von Interesse zu erfahren, welche Re­geln die japanische Behörde für die nationale Fremdenindustrie den unter chrer Oberaufsicht zu erziehenden Frauen und Mädchen für ihre Lauf­bahn in Hotels, Restaurants und anderen Unter­nehmungen, die erfahrungsgemäß von Fremden häufig aufgesucht werden, mit auf den Weg gibt. Diese Anstandsvorschriften tragen die Ueberschrift Wie man sich fremden Gästen gegenüber zu be­nehmen hat". Der Leser erfährt dort, daß man in Gegenwart der Besucher nicht wispern oder ki­chern darf, daß es sich nicht gehört, Bananen zu essen, bevor man sie entschält hat, daß man nicht an dem Finger lutschen darf und daß es als höchst unfein gilt, mit Hilfe von Daumen und Zeigefin- ger eine kreisrunde Oeffnung zu bilden. Auch soll man sich hüten, die übertriebenen Gesten nachzu­ahmen, die man bei den Filmschauspielern auf der Leinwand sieht und die auf die japanische Jugend anscheinend einen großen Reiz ausüben. Leichte Scherze, die zur Erheiterung der Stimmung bei­tragen, sind im Sinne dieses Hotel-Knigges ourch- aus angebracht, es wird aber allen Ernstes davon abgeraten, die Gäste etwa in die Ohren zu kneifen. Zwei Regeln verdienen vollste Aufmerksamkeit: Betritt niemals einen Baderaum, während er vom Gast benutzt wird, um dich womöglich nach der Temperatur des Badewassers zu erkundigen. Auch soll man dem Besucher unter den gleichen Umständen nicht seine Hilfe beim Abseifen anbie­ten. Die Fremden pflegen das im allgemeinen selbst zu tun. Den ausländischen Damen sind Servietten anzubieten, unter denen sie beim Sitzen ihre Knie verbergen können." Man sieht, der japanische Ho­tel-Knigge ist voller Eigentümlichkeiten, und der Besucher im Land der Kirschenblüte kann sich ge­trost darauf verlassen, daß er von den Einheimischen in der zuvorkommendsten und angenehmsten Weise behandelt wird.

Boden, auf sonnigen Hügeln blühen schon neben dem Hungerblümchen, das wir auch an Wegrän­dern fanden, ein ähnliches, kleines, dürres Pflänz­chen mit kleinen, weißen Blüten, die D o l d i g e Spurre (Holosteum umbellatum), bann die gelbe Gamsblume oder Aurikel und die große blauviolette Glocke der Kuhschelle (Anemone Pulsatilla oder Pulsatilla vulgaris).

In Bergwäldern sieht man an manchen Orten die seltenen Verwandten der Christrose, die ja schon im Dezember aufblühte, die Helleborus viridis und Helleborus foetidus, die grüne und die stinkende Nieswurz.

Wenig gibt es noch im sumpfigen Gelände und an den Ufern, nur die kaum auffallenden, grünlich- gelben, kleinen Blüten des Milzkrautes (Chry- soplenium alternifolium) und die eigenartige rötliche Pestwurz (Petasites off.).

Diele dieser Blumen, die wir so auf unserem flüchtigen Streifzug durch die verschiedenen Stand­ortgruppen gesehen haben, können wir müheloser in unseren Gärten und Vorgärten finden. Dort blüht vielleicht auch schon manches eher, was in

Freiheit erst später erscheint. Ueberhaupt wollen wir uns ja von Anfang an klar darüber sein, daß die Natur ihre Blüten nicht so pünktlich wie nach einem Fahrplan erblühen läßt, und manches wird man schon sehen können, was wir nicht vermuten, weil feine eigentliche Zeit erst im nächsten Monat ist, und sicherlich werden wir einige diesmal im März noch vergeblich suchen. Ganz ab­gesehen davon, daß alles sowieso nach Gunst oder Ungunst der geographischen Lage, im großen wie im kleinen Raum, wechselt und von der Norm der phänologischen Tabelle abweichen kann.

Eine eingehendere Beschreibung der einzelnen Pflanzen ginge ebenso über diesen Rahmen hin­aus, wie eine vollständige Auszählung. Wir wollen einen Gang durch die märzliche Landschaft tun und mit Freude sehen, wie viel doch schon blüht, sogar an den verschiedenartigsten Orten. Fanden wir im Februar als einzige wirkliche Februarblume nur den Winterling, so sind es diesmal, wenn auch erst gegen Ende des Monats, schon eine ganze Reihe, allen voran das Schneeglöckchen, die Blume im März.

Walther Neurath.

Oberheffen.

Oie rSO-Zahrfeier in Grünberg.

* ©rünberg, 1. März. Die Vorbereitungen zu der 750-Jahrfeier der Burgerbau­ung in Gründern am 27., 28. und 29. Juni sind rege im Gange. In der nächsten Zeit werden zur Werbung für dieses Heimatfest von den Grün- berger Geschäftsleuten und den übrigen Volks­genossen rund 25 000 Siegelmarken auf den Post­sachen als Werbemittel hinausgeschickt werden, um dadurch die Aufmerksamkeit der Volksgenossen auf dieses Fest zu lenken. Reichsstatthalter Gauleiter Sprenger hat die Einladung zu der Feier an­genommen, ferner wird auch Ministerialrat Rings- Hausen bei dem Festakt zugegen sein. Der Haupt­tag des Festes soll eine große Kundgebung und anschließend einen historischen Festzug bringen.

Sturz in einen Brunnenschacht.

* Alsfeld, 1. März. Ein eigenartiger U n - g l ü ck s f a l l ereignete sich in dem Hofe eines Grundstücks in dem Kreisort Ermenrod. Dort wollte die Frau des Grundstücksbesitzers über den Hof gehen, wobei sie einen sogenannten Deckel- ft e i n betrat der über einen Brunnenschacht gelegt war. Als die Frau auf den Stein trat, zer­brach dieser und die Frau stürzte in den etwa 12 Meter tiefen Schacht. Zum Glück stand das Wasser in dem Brunnenschacht nur etwa ein Meter hoch, ferner konnte sich die Frau durch den geringen Durchmesser des Schachtes nicht überschlagen, so daß sie nur mit einigen leichteren Verletzungen am Kopf davönkam. Um die Ver­unglückte jedoch aus dem Brunnenschacht heraus­zuholen, bedurfte es außerordentlich großer Mühe. Ihr Mann mußte von hilfsbereiten Männern an einem Seil in den Schacht herunter- gelassen werden, wo er erst nach vieler Mühe die Frau an einem zweiten Seil festmachen konnte, so daß dann die Helfer das Ehepaar aus dem Schacht herausziehen konnten.

Landkreis Gießen.

= Steinbach, 1. März. Am Samstag wäre es beinahe zu einem gefährlichen Unglück ge­kommen. Es steht noch in aller Gedächtnis, wie vor drei Jahren ein Kind tödlich verunglückte, das direkt ins Postauto hineinlief. So hätte es wieder gehen können, als in der Adolf-Hitler-Straße ein Kind unmittelbar vor einem Personen­auto über hie Straße laufen wollte. Nur der Geistesgegenwart des Autofahrers, der feinen Wagen jäh bremste, so daß sich der Wagen quer­stellte, ist es zu danken, daß das Kind wohl hin­fiel, aber mit dem Schrecken davonkam. Dieser Vorfall sollte den Eltern zur Warnung dienen.

aber auch alle Wagenführer zur Vorsicht bei Durchfahrt unseres Dorfes mahnen. Bei dem star­ken Gefälle und den unübersichtlichen Kurven, an denen neuerdings Warnungszeichen angebracht wurden, ist die Durchfahrt durch Steinbach trotz der breiten Straße gefährlich.

8 L i ch, 29. Febr. Der Volksbildungs­verein L i ch hielt gestern abend in der Gast­wirtschaft Ludwig Heller feine diesjährige ordent­liche Hauptversammlung ab. Der Vereins­führer, Lehrer H i l d, erstattete zunächst einen ausführlichen Jahresbericht, der von reger Ver­einstätigkeit Zeugnis gab. Auch im vergangenen Jahre habe der Verein wiederum einen erfreu­lichen Mitgliederzuwachs zu verzeichnen. Insbe­sondere habe der an die Jugend gerichtete Appell zum Beitritt in den Verein und somit zur Unter­stützung der hohen erzieherischen und volksbilden­den Arbeit des Vereins einen guten Erfolg gezei­tigt, so daß nunmehr die Mitgliederzahl 142 be­trage. Eine der wichtigsten Arbeiten im verflosse­nen Jahre sei die Sichtung der reichhaltigen Bü­cherei gewesen, die in Verbindung mit der Lan­desstelle für das Büchereiwesen durchgeführt wor­den fei. Der Vereinsführer gab hierbei bekannt, daß die Bücherei wiederum eine bedeutende Er­weiterung durch Anschaffung einer großen Anzahl neuer Schriften erfahren habe. Gleichzeitig habe auch ein langgehegter Wunsch der Leser seine Verwirklichung gefunden, da nunmehr ein voll­ständiges Verzeichnis aller Bücher in Druck vor­liege, das zum Preis von 10 Pfennig, auch im Buchhandel in Lich, zu erhalten fei. Den Bücher- roarten, insbesondere Lehrer Schön, den Helfe­rinnen Frl. A l b o h n, Frl. Freitag und Frl. Zimmer sprach der Vereinsführer Dank für die eifrige Mitarbeit aus. Nach der Rechnungsablage, Entlastung des Vorstandes und Erledigung einiger weiterer geschäftlicher Angelegenheiten hielt Leh­rer H i l d einen Lichtbildervortrag überDas deutsche Volkslied", der durch gemeinsam gesun­gene Volkslieder, von Lehrer Stein auf dem Klavier begleitet, seine schöne Untermalung erhielt. Mit dem Treuebekenntnis 3um Führer wurde die Versammlung geschlossen.

Kreis Friedberg.

pb. Butzbach, 1. März. An der hiesigen Weidig - Werner - Oberrealschule fand unter Vorsitz des Ministerialrats G l ü ck e r t die Reifeprüfung statt, der sich acht Prüflinge unterzogen, die alle bestanden. Aus Grund der guten Jahresdurchschnittsleistung konnten drei Abiturienten von der mündlichen Prüfung befreit werden. Gestern Abend veranstaltete die Weidig- Werner-Oberrealschule im großen Saale desHessischen Hofes" zum Besten des Winter-

Nr. 52 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Montag, 2. März 1956

Das Jahr der Blumen.

Die Pflanzenwelt im März.

Einer herrlichen, ausrüttelnden Zeit neben wir entgegen, voll von Leben und Kampf. Des Winters Macht sinkt zu Ende, die Zeit feiner Pracht und ©röfee, von der mir dieses Jahr nicht viel zu sehen bekamen, ist vorüber, und das Licht, die auffteiaenbe Sonne, bricht durch und siegt. Der Frühlina kommt! Ueberall spürt und sieht man es ver? helhungsvoll, die Tage werden merklich länger die Vogel werden munter und lebhaft, Knospen schwel­len. Es will grünen und blühen. Wenn auch erst am 21. März, also im letzten Drittel des Monats die Tag- und Nacht gleiche erreicht ist und dieser Tag als Frühlingsanfang gilt, so will es mir doch scheinen, als ob mir Heuer schon bald rufen konnten:Der Lenz ist da!"

In den Vorgarten und im Gebüsch des Wald­randes grüßen uns die ersten Frühjahrsboten in bescheidenem, aber freudigem Weiß und Gelb Was mir vor vier Wochen voraussagten, ist eingetroffen- die gelben Blütensterne des W i n t e r I i n q 5 leuch­ten über dem dunklen, feuchten Boden, und sogar schon voreilige Schneeglöckchen. Waren auch viele von ihnen so ungeduldig, so zählen sie eigent­lich zu den Blumen dieses Monats.

Die ganze Familie der Amaryllidaceen ist jetzt da und sie läuten mit ihren meißen Glöckchen am anmutig geneigten Stiel den Frühling ein, mie der Volksmund schön und sinnig kündet. Zu dem klei - neu Schneeglöckchen, dem Galanthus nivalis und dem großen, milden, dem Leucoium vernum gesellt sich jetzt auch das größte, die gelbe Narzisse ober ber Märzbecher, Narcissus pseudo-narcissus. Als nächsten Frühblüher erwar- ten bie Phänologen unb Botaniker bas kleine, zier­liche Leberblümchen, Hepatica triloba, mit feinen sechsblättrigen, meist blauen Blüten. Wir ermähnten es schon im Februar, meil es auch oft den Ersten" nicht abmarten kann.

Aber trotz aller Frühlingssehnsucht ist ber März eben boch noch zu Anfang ein minterlicher Monat. So barf es uns nicht rounbern, menn nach biefen frühesten Frühblühern noch einmal eine Pause im Erblühen ber Pflanzenmelt eingehalten wirb. Es fehlen ja auch noch bie Insekten, bie so viele Blüten zu ihrer Befruchtung brauchen.

Wieber einmal füllt ein Strauch bie Lücke aus, ber Hartriegel, Cornus mas, auch Kornel­kirsche genannt, läßt jetzt schon seine Knospen aufbrechen unb in ber Mitte bes Monats wirb ber noch unbelaubte Strauch im Schmucke gelber Blü- tenbolben bastehen. Jetzt fangen auch bie Weiben, Salix caprea, unb anbere Arten, bereu Kätzchen schon lange silbergrau aus bem kahlen Gezweig leuchten, an zu stäuben, zur Freube ber erwachten Winterbienen. Mit ihnen zusammen, oft schon früher, setzt sich ein mutiger, gerngesehener Fremb- ling aus Sübeuropa burch; überall in ben Gärten erfreuen uns bie violetten, lila unb weißen unb gestreiften Blüten bes F r ü h l i n g s - S a s r a n s, Crocus vernus. Unb wenn bann bie zweite Woche im März vorbei ist, bann fängt es an, bann kommen sie, bie vielen bekannten unb beliebten Frühlingsblumen! Um ben 23. unb 24. März herum erwartet ber Fachmann bas blaue Efeu-Ehre n- preis, Veronica hederifolia, und das zierliche Fr ü h l i n gs-Hu ngerblü mch e n, Draba verna, mit feinen kleinen weißen Blütchen.

Mit ihrem Erscheinen werden wir auf etwas Neues, sehr Wichtiges aufmerksam, auf den Stand- ortderPflanzen. Alle bisher genannten findet man in freier Natur nur im Schutz von Gebüsch und Laubwald. Diese beiden leben in gan$ anderer Umgebung, an Wegrändern, auf Siedern, sogar auf ausgesprochen magerem Boden und grasigen Hügeln. Wir wollen hier keine großen Untersuchungen über die einzelnen Arten von Standorten, ihre Bedin­gungen an die Pflanze und deren Anpassung baran, anstellen, sonbern wollen lieber suchenb unb schau-

enb burch bie Lanbschaft streifen und die kennzeich­nenden Blumen kennenlernen.

Da finden wir an Wegrändern, auf Siedern, auf Schutt und auch in Gärten das allbekannte H i r - tentäschelkraut (Capsella bursa pastoris) und die Vogelmiere (Stellaria media) mit ihren weißen Blüten, dann die goldgelben des Huflat­tichs (Tussilago farfara) auf ihren rötlich be­schuppten Stengeln, die meist vor den Laubblättern da sind. Weiterhin kommen die gelben Blumen des Acker-Goldsterns (Gagea arvensis) und des Kreuz- oder Greiskrautes (Senecio vul­garis), schließlich die rote Taubnessel (Lamium purpureum). Alles bekannte Pflanzen und nun schon eine ganze Reihe. Wir können aber nicht alles nen-

Wald-Windröschen (Anemone silvestris). (Zeichnung: Schäfer, Gießen.)

nen unb so gebrängt wirb man sie auch erst gegen Enbe bes Monats, vor allem aber im April, finben.

Eine anbere Gruppe von Bekannten wächst auf Wiesen unb Weiben, also auch auf offenem, wenig geschütztem Gelänbe. So etwa bas Gänse­blümchen, bie beliebten gelben Schlüssel­blumen (Primula) unb bas wohlriechenbe Veilchen (Viola odorata).

Am buntesten wirb es an geschützten Orten, an Walbränbern, im Gebüsch unb im Walb. Außer ben zu Anfang genannten blühen bort jetzt bie Hohe Primel (Primula elatior), bas anmutige weiße Bufch-Winbröschen (Anemone nemorosa), auch Osterblume geheißen, bas ebenfalls weiße Erbbeerfingerkraut (Potentilla sterilis) unb befonbers gern an schattigen Abhängen ber eigen­artige, vielfarbige Lerchensporn. Wo er vor- tommt, bietet er einen prächtigen Anblid. In großen Scharen stehen ba bie loderen Trauben ber weißen, gelblichen, rosa unb roten gespornten Blüten bes Corydalis cava unb bes Corydalis solida, bie im Hirzstein z. B. noch in großen Mengen Vorkommen.

Ebenso gesellig, aber nicht unter Naturschutz ge­stellt wie die vorigen, finden wir das Lungen­kraut (Pulmonaria offic.), dessen trichterförmige Blüten rot erblühen und dann allmählich blauviolett werden. Bekannt aus ben Gärten finb auch bie hüb­schen blauen Blütensterne ber Scilla bifolia, ber Sternhyazinthe.

Sogar in völlig anderer, ungastlichen Umwelt bringt ber Frühling vor. Auf felsigem, trodenen

Gießener Konzeriverein.

Klavierkonzert von Wilhelm Backhaus.

Die ungewöhnlich starken Erfolge, die Wilhelm Backhaus in früheren Jahren hier in Gießen berechtigterweise feiern konnte, ließen wohl kaum erahnen, daß über ein solches enormes Können als Musiker und Pianist hinaus noch eine Steige­rung möglich wäre. Und dennoch, was man kaum für glaublich gehalten hätte, das Konzert am Samstag überzeugte jeden davon durch die voll­endete Tatsache.

Was einem jeden bei Wilhelm B a ck h a u s auf­fällt, wenn er auf dem Podium schafft, das ist fein alleiniges Dasein nur für das Werk, em sichtbarer Ausdruck für die Kraftquelle, aus der er schöpf - schärfste geistige Konzentration und äußerste plinierung der ausübenden Faktoren. Seme Macht der Darstellungsgabe zwingt leben unbedingt m ihren Bann durch die Ursprünglichkeit und Tiefe mit der sie den Werken das Leben gibt. Nicht bie Klangumsetzung bes Notenbilbes, nicht bas, was wir gemeinhin instrumentale Technik nennen, ist bei ihm bas Enbziel; er schürft mit tiefgründiger (Stm dr7ngungs7raf bis zum letzten Wesenselement des Werkes?unb so eröffnen sich ihm jene meist ver­schlossenen Hintergrünbe, bie einst bem Schaff ben ben Anstoß gaben und zu dieser einmaligen £e9 Ö:?ernnmit, ES

hätten seines Lebens. Darum erscheint oie -wreoer «MVVFMN« Problematik ist hier gelost und 9 Qpbtcn Das

Element des Werke; bis zum

Beziehung zum Ganzen ersaßt, die in reftlal-r -u- tielung und Versenkung gewannen wurde wßt Werk in ursprünglicher Wesenheit crstrahlerr

Diese musikalisch geistige Straffung erwachst aus höchstem Verantwortungsbewußt em s wob Werk wie auch den Hörern gegenüber. Wer sich am Klang unb an instrumentaler Virtuosiiaie^ götzen will, wirb zwar auch bei]) $mßfen ber Dar- Rechnung kommen; aber das letzte Wes oe stellungsfähigkeit bei Wilhelm B a h 1 mehr vom Publikum; der tiefe Ernst, der^oen jj siker Backhaus bewegt, will auch ben Hörer m ferne