Ausgabe 
31.12.1935
 
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Dienstag, Zl. Dezember 1935

Gtetzener Anzeige (Genrral-Anzelger für Gverhessen)

Nr. 304 Drittes Blatt

c.w.

Aus aller Well

hebt Matthias Claudius an:

Es war die erste Dämmerung Mit leisem Tagverkünden, Und nur noch eben hell genug, Sich durch den Wald zu finden. Der Morgenstern stand linker Hand, Ich aber ging und dachte Im Eichtal an mein Vaterland, Dem er ein Neujahr brachte."

hundert Menschen in größter Eisgefahr. Sieben russische Dampfer eingefroren.

Im Kaspischen Meer befinden sich fünf Sowjet­dampfer in größter E i s g e f a h r. Zwei Fracht­dampfern, die im Eis steckengeblieben waren, rour den nacheinander drei stärkere Dampfer zur Hilfe gesandt, die aber ebenfalls ein fror en. An Bord der Dampfer, denen die Gefahr droht, vom Eis zerdrückt zu werden, befinden sich etwa 100 Men­schen. Die Lebensmittelvorräte sind ausgegangen. Ein ähnliches Schicksal ereilte einen Dampfer im Ochotskischen Meer, der seit über 4 Wochen im Eis festliegt. Der zu seiner Hilfe entsandte Eisbrecher ^Krassin" ist gleichfalls eingefroren.

Drei Feuersbrünste in England.

Bei einem Brand im Hotel New Waverley in der schottischen Hauptstadt Edinburgh erlitten drei Frauen bcn Feuertod. Sieben Personen trugen z. T. schwere Brandwunden davon. Als das Feuer ausbrach, befanden sich in dem vierstöckigen Gebäude 15 Personen, darunter 10 Angestellte. Bei Ankunft der Feuerwehr stand das Haus bereits in Hellen Flammen, und es dauerte geraume Zeit, ehe man an den Brandherd herankommen konnte. Meh­reren Gästen und Angestellten gelang es, sich mit zusammengeknüpften Bettlaken von einem Fenster aus auf das Dach eines Nachbarhauses herunterzu­lassen. Bei den drei Frauen handelt sich um hotel­angestellte. Unter den Verletzten befindet sich ein Hochzeitspaar. Etwa zur gleichen Stunde brach im Theater Royal in der Industriestadt Sheffield ein Brand aus, der das Gebäude bis auf die Grundmauern vernichtete. Das Theater, das drei Straßenfronten hat, liegt in einem winkligen Stadtviertel. Zum Teil sehr wertvolle Kostüme und Kulissen wurden mit zerstört. Das Theater Royal, eine der ältesten Vergnügungsstätten Sheffields, war erst im Oktober erneuert worden. Ein gro­

ßes Schadenfeuer entstand in der englischen Garnison Aldershot. Dort wurde die Wagenfabrik E. D. Abbot Ltd. durch einen Brand in Asche ge­legt. Während der Löscharbeiten explodierten unter gewaltigem Getöse mehrere Sauerstoff- und Aze- thylenflaschen, wodurch das Innere der Werkstätte in einen wüsten Trümmerhaufen verwandelt wurde. Ueber 20 (nach anderen Meldungen 50) Kraftwagen wurden völlig zerstört. Hunderte von Arbeitern haben durch die Vernichtung der Anlage vorüber­gehend ihre Beschäftigung verloren.

16 Todesopfer eines Schneesturmes in Amerika.

Der seit mehreren Tagen in den Atlantikstaaten von Georgia bis Maine wütende Schneesturm hat bis jetzt wenigstens 16 Todesopfer gefor­dert und einen Sachschaden von mehreren Millio­nen Dollars angerichtet. Riesige Schneewehen leg­ten in den Großstädten jeden Verkehr lahm.

Zwei ünaben im Eis eingebrochen und ertrunken.

Auf dem Gabower Haus-See in Königsberg (Neumark) vergnügte sich die Dorfjugend mit Schlittschuhlaufen. Plötzlich brach die Eis­decke ein. Nicht weniger als elf Knaben fielen ins Wasser. Während es neun von ihnen gelang, sich in Sicherheit zu bringen, fanden zwei Knaben den Tod.

Vier Kraftwagen verunglückten nacheinander.

Dieser Tage geriet auf der Staatsstraße zwischen Murnau und Waltersberg ein mit hoher Geschwin­digkeit in Richtung Garmisch fahrender Münchener Personenkraftwagen auf der vereisten Straße ins Rutschen und wurde an einen Baum ge­schleudert. Dabei wurde einer der Insassen auf die Straße geworfen, wo er tot liegen blieb. Die beiden anderen Insassen fielen mit dem Kraftwagen die Böschung hinunter, erlitten aber nur leichte Verletzungen. Der Kraftwagen wurde vollständig

Ein selig neues Lahr geh dich an!"

Alte deutsche Neujahrslieder....

zertrümmert. Ein im gleichen Augenblick aus der entgegengesetzten Richtung kommender Kraftwagen fuhr in den Straßengraben, da die am Steuer sitzende Dame beim Anblick der Unglücksstätte un­sicher wurde. Sie kam aber noch glimpflich davon. Ein Kölner Personenauto, das des Weges kam und bcn Verunglückten Hilfe leisten wollte, würbe von einem schwer belabenen Lastwagen bes Eschenlohrer Sägewerks angefahren unb schwer beschäbigt, so baß ber Personenwagen abgeschleppt werben muhte. Einer ber Verletzten bes ersten Wagens, ber im gleichen Augenblick auf bie Straße springen wollte, geriet unter ben Lastkraftwagen, ber aber wunber- barerweise über ihn hinwegfuhr, ohne ihn zu ver­letzen. Die Straße mußte oorüdergehenb gesperrt roerbm.

Die Lee-ElefantenRoland" undGoliath" sind eingegangen.

Der allen Besuchern des Berliner Zoologischen Gartens bekannte große See-Elefant ist dieser Tage tot aufgefunden worden. Damit hat die Tier­sammlung des Zoos einen schweren aber nicht un­ersetzlichen Verlust erlitten. Der See-Elefant hatte einen Wert von etwa 15 000 Mark und gehörte seit rund 14 Jahren dem Tierbestand des Zoos an.

Solche phantastischen Wünsche mehren sich in den Neujahrsliedern, und der Liebende wünscht sich, Macht zu haben über Sonne und Mond, über die Erde und die Meere, über Geister und Pflanzen, um sie in den Dienst der Liebsten zu stellen. Diesen unbefangenen fröhlichen Bitten und Wünschen setzte der Humanismus das steife, in prunkvoll antikem Gewände und mit gelehrten Anspielungen einher­schreitende Gratulationsgedichte entgegen. Patheti­scher Schwulst und hochtönende Wortornamentik entfalten sich in diesen erst lateinisch und dann auch deutsch vorgetragenen Deklamationen und Oden, die eine Freuden- und Friedenspforte vor dem sich wieder neu eröffnenden Tempel des Kronos" er­richten.

Wärmere herzlichere Bekenntnisse werden erst in der Zeit der Not des Dreißigjährigen Krieges wie­der laut. Paul Fleming wünscht, daß im Helm von nun ab bie Schwalben nisten mögen unb aus Spieß unb Schwert Pflug, unb Spaten werben sollen, unb Paul Gerharbt bittet in seinem wür- big einbringlichen NeujahrsgesangNun laßt uns gehn unb treten", ebenfalls statt bes Blutvergießens um Friebensftröme, um hulb unb Gnabenfonne. Aber nach bem Friebensfchluß fchwinben bie echten Töne roieber, man glaubt, in ben gewechselten Alexanbrinern, in bie etwa ber hofbichter Johann Ulrich v. König seine Neujahrswünsche faßt, bie fteifgalanten Komplimente ber gravitätischen Her­ren in ber Puberperücke wieberzufinben, bie sie am 1. Januar ben hohenStanbespersonen" roibmen.

In bie fromm betrachtenbe Art bes Gerharbt- schen Kirchenliebes lenkt roieber Gellert ein, wenn er zum neuen Jahre bem Gott Ruhm, Preis

An ber Schwelle des neuen Jahres werfen wir einen Blick in die Vergangenheit zurück, um uns über unser Tun und Lassen Rechenschaft zu geben. Was nicht vollendet und was unterlassen wurde, das soll in Zukunft in Erfüllung gehen, und so verbindet sich mit der Rückschau eine Reihe von Wünschen, die in der zuversichtlichen Stimmung am Jahreswechsel nach Reimen und Musik verlangen.

Damit ist das N e u j a h r s l i e d geschaffen, bas sich schon von früh in ber beutschen Dichtung finbet. Der fromme Bruber Heinrich Suso erzählt, baß bie Jünglinge in Schwaben in ber Nacht bes Jah­resanfangs vor ben Türen ihrer Liebsten Lieber fin­gen unb schöne Gebichte sprechen, bamit sie von ihnen Kränzlein erhalten. Mit bem Befragen ber Zukunft nnb bem Kranzsingen verbinbet sich alsbann noch ber Brauch bes förmlichen Wunfchfprechens. In ber Neu­jahrsnacht gehen verkleibete Leute in ben Gaffen um­her und klopfen an den Türen, wobei sie Wunsch­sprüche hersagen, und dann aus einem Fenster aus- munternbe oder scherzhaft abwehrende Antwort ent­gegennehmen. So sind denn auch die ältesten Neu­jahrslieder, die wir besitzen,Wunschlieder". Ein Bursche wünscht sich etwa, die Liebste möge ihm ein Kränzlein schenken, ober er führt sich als einen Narren ein, ber ganz tolle Wünsche äußern barf. Ein Pferblein möchte er sein, um fröhlich in bie Welt zu traben; ein hünblein klein, um mit ber Liebsten zu spielen; ein Kätzlein, um von ihr geliebkost zu wer­den; ein Vöglein, um in ihr Herz zu fliegen. Für das nächtliche Anklopfen zu Neujahr wurden später­hin ganze Spruchgedichte geschaffen, wie sie uns aus Nürnberg von ben Verfassern zahlreicher Fastnachts­spiele aus bem 15. Jahrhunbert, Hans Rosenblüt unb Hans Folz, erhalten sinb. Formelhaft unb feierlich, wie erste Gelübbe unb Segnungen, klingen die Sprüche von Rosendlüt:

Klopf an! Klopf an!

Ein selig neues Jahr geh bich an! Alles, was bein Herz begehrt. Das wirst bu zu biesem Jahr gewährt, Klopf bannod) mehr!

Daß bir wiberfahr alle Ehr, Und alle Glückseligkeit, Das Helf uns Maria, die reine Maid!"

St. Sebold fei ihm hold, St. Moritz gebe ihm Sinn und Witz, St. Veit behüte ihn zu aller Zeit, St. Mar- tein soll sein Gefährte sein und elftausend Jung­frauen schützen ihn vor allem Herzeleid, St. Niklas, der heilige Himmelsfürst, beschere Wein, wenn ihn dürst! Noch acht weitereKlopf-an" - Sprüche Rosen- blüts rufen alle nur erdenklichen Vorzüge und Herr­lichkeiten auf den zu Neujahr Beglückwünschten herab.

In den alten Gebets- und Segensformeln, die trotz mancher launigen Wendung darin anklingen, ist die festliche Bedeutung des Brauches zu erkennen. Aus dieser frommen Sitte wird allmählich ein geselliges Spiel, bei dem auch mancher Spaß mit unterläuft. Ein selig neu's Jahr geh dich an", bildet sich nach demKlopf an!" als stehender Glückwunsch aus, an den sich komische und groteske Wünsche anreihen unb ein Mummenschanz begleitet bas Neujahrssingen. Hans Folz schlägt in feinen Sprüchen schon biese lustig frohe Seite ber Feier an. Scherz- unb Spott­reben wechseln in Rebe unb Gegenrebe. Liebeslieber ertönen, unb an sie schließt sich etwa folgenber Wunsch:

So wünsch' ich bich so lange gesunb, Bis eine Linse wiegt hunbert Pfunb, Und bis ein Mühlstein in Lüften fleugt Und ein Floh ein Fuder Weines zeucht Und bis ein Krebs Baumwolle spinnt Und man mit Schnee ein Feuer anzündt; hiemit ein- gut's seliges neus Jahr Und hau hin, daß dich Gott bewahr!

und Dank erschallen läßt. Lessing weiht König Friedrich eine begeisterte Neujahrsode, die das Jahr 1754 mit vollen Akorden einleitet. Den leicht tän­delnden Rokoko-Scherz vertritt bas Neujahrslieb bes jungen Goethe, bas 1768 für Käthchen Schoenkopf gebichtet, feine erste gebrückte Ge- bichtfammlungNeue Lieber" einleitet:

Wer kommt! Wer kauft von meiner War'! Devisen auf bas neue Jahr, Für alle Stänbe.

Und, fehlt auch einer hie und da, Ein einiger Handschuh paßt sich ja An zwanzig Hände."

(Scherl-Bilderdienst-M.)

Aerzte der Tierärztlichen Hochschule wollen nun versuchen, die Todesursache festzustellen. Der ein­gegangene See-Elefant war ein ungewöhnlich gro­ßes Stück dieser Tierart. Als der Wärter seinen Roland" betreuen wollte, fand er ihn in seinem Wasserbecken verendet auf.

Vor einigen Tagen ist auch der See-Elefant G o l i a t h" des Zoos in Hannover e i n g e g a n gen. Das Tier hatte ein Gewicht von 60 Zentnern. Die Untersuchung hat ergeben, daßGoliath" in­folge Platzens eines Blutgefäßes in der Nieren­gegend an innerer Verblutung verendet ist. Er dürfte etwa 14 Jahre alt geworden fein.

Blinder Alarm im Bankgebäude.

Während sich Angestellte unb Arbeiter zu den Arbeitsstätten bewegten, erscholl dieser Tage früh­morgens plötzlich aus der Filiale ber Deutschen Bank unb Dikontogesellschaft in Kassel lautes Si­renengeheul unb am Fenster erschien bas rote Leuchtbilbhilf e, U e b e r f a 11". In ber sich rasch anfammelnben Menge fanb sich schließlich ein Mutiger, ber sich mit einer Taschenlaterne auf bie Suche nach ben vermeintlichen Bankräubern machte. Auf sein energisches Pochen an ber Eingangstür öffnet ihm in höchster Erregung bie Putzfrau; von ihr erhält ber Mann bie Aufklärung bes Alarms: Beim Staub wischen hat sie unvor­sichtigerweise ben Alarmhebel gebrückt. Die Span­nung ber roartenben Menge löste sich in einem gro­ßen Gelächter auf.

Seine kecken unb leicht frivolen Ratschläge unb Wünsche atmen bie Anmut ber lebensfreubigen Anakreontik. Die schwermütige Melancholie ber sentimental-weltschmerzlichen Empfinbsamkeit spricht sich bagegen in benNeujahrsgebanken" bes Frei- Herrn von C r e u z aus, ber sich in ber Silvester­nacht eine welthistorisch phantastische Vision vor bie Seele ruft, wie sie bann in Prosawerken Jean Paul, E. T. A. Hoffmann, Jeremias Gott- Helf ausgestalten. Aus bem Jahre 1784 stammt basNeujahrslieb" von Johann Heinrich Voß: Des Jahres letzte Stunbe ertönt mit ernstem Schlag", bas im ernsten Rückblick unb hoffnungs­frohen Aufblick allgemein menschliche Empfinbun- gen ausspricht, bie ber Chor aufnimmt. Stimmungs­voll ....... ~'

Zwölf Raben in der Neujahrsnacht.

Von Geora Briitinq

Die Straße war hart gefroren. Am Nachmittag, so um fünf herum, war es kalt geworben, ein schar­fer Winb war gegangen, ber hatte sich jetzt roieber gelegt, es war ganz ruhig, aber bie Kälte war ge­blieben. Die Rabspuren ber Wagen, ber Ochsen- roagen natürlich, es gab im ganzen Dorf keine Pferde, glaube ich, nur Ochsen und Kühe und Zie­gen, die Radspuren der Ochsenwagen also waren kantig gekerbt und wie hartgeschnittene, länglich­runde Muscheln waren die erstarrten Fußspuren ber Zugochsen.

Der Bach neben der Straße war gefroren, auch erst seit ein paar Stunden. Mittags und Nachmit­tags noch war es tauig gewesen, und da war der Bach noch langweilig geflossen, grüngrauschillernd. Aber jetzt war er wahrhaftig zugefroren, eine grau­weiße, blasige Eisdecke trug er, darunter floß er wahrscheinlich noch, aber das sah man nicht. Wasserpflanzen, die am Rand wuchsen, und Schilf­stengel und so grünes Zeug, das aus dem Wasser emporgetaucht war, zahlreich, das erhob sich nun aus der Eisdecke, komisch genug: bas Eis war frucht­bar unb grünte.

Die meisten Fenster in ben meisten ber Häuser waren schon bunkel, in einigen aber sah man noch Licht. Ich ging schnell unb war am Dorfranb. Die beschneiten Talwiesen lagen vor mir, auch ber Schnee auf ihnen war frofterftärrt, unb, rechts ber Straße, ber Walb stieg blaugrün unb weißbebuscht herab unb hauchte kühl her.

Was jetzt ber Bock wohl trieb, ben wir gestern Hinterm Haus, bicht an ber Stallwanb, belauscht unb belauert hatten? Er lag wohl unter einer alten Schirmfichte, unb sein Atem wölkte grau vor bem feuchtschwarzen Maul, unb bie Augen sahen ruhig vor sich hin. Wer weiß es? Ober es scharrte bie leichte Schneebecke weg, um bas braune Gras zu fressen, wer weiß es?

hinter mir lag bas Dorf, ber spitze Kirchturm gmg hoch in ben monblofen Himmel hinaus. Auf der Wiese, zehn Meter von der Straße, stand eine zaundürre Baumgruppe. Es waren drei Bäume mit dünnen Stämmen und mit verzweifelt gespreizten nackten Aesten. Die Bäume froren, das war er­sichtlich. Ja, ja, im Frühling trugen sie Blüten und im Sommer Laub und im Herbst Früchte, aber jetzt war Winter, es war der einunddreißigste Dezember, und kurz vor Mitternacht, unb ba trugen sie Schwar­zes, Lebendiges: Raben, die Glanzfräcke waren spitz, man scch es deutlich im Schneelicht.

Morgen war der erste Januar und ein neues Jahr I würde da sein, schon in fünf Minuten ein neues | Jahr da fein, die Sterne wußten nichts davon und flimmerten gleichmütig, der Wind hatte es vielleicht gewußt und war kalt und schneidend gekommen am Nachmittag (jetzt hatte er sich schon längst wie­der gelegt) und hatte den sauberen und klaren Frost gebracht, daß das Jahr gut begänne, nicht in Dreck unb Morast, obwohl bas vielleicht auch richtig unb richtiger gewesen wäre, benn Sumpf unb Morast unb Feuchte ist geburtsgut.

Der Winb war gekommen unb bie Kälte, und der Wind war gegangen, und die Kälte war ge­blieben, unb jetzt mußte halb bas neue Jahr sich erheben. Die schwarzen Burschen auf ben bürren Aesten rührten sich nicht, unb ich rührte mich nicht, sie nicht zu verscheuchen, benn sie sind scheu, die Dunkelvögel, ich hatte es oft erfahren.

Da, lief nicht ein Zittern über den Himmel, flimmerten nicht die vollzähligen Sterne stärker, glänzte der Spitzturm nicht klarer und eisgrüner? Das war wohl Täuschung, aber das war keine Täuschung, daß jetzt die Kirchenuhr anschlug, klin­gend. Der erste Schlag, und schon flog auch der erste Rabe auf, unb ber zweite Schlag unb ber zweite rauschte auf, unb so bei jebem Schlag ein Vogel, unb es waren zwölf Schläge, unb es waren genau zwölf Vögel, unb beim zwölften Schlag war ber zwölfte unb letzte Vogel auf- unb fortgeflogen, unb ber Kirchturm war roieber stumm, unb bie brei bürren Bäume waren leer, unb bie zwölf Raben hockten tiefer in ber Wiese, stumm, schwarz ver­streut, bie Vvgelschar, bie scheue, unb jetzt roieber regungslos.

Das neue Jahr war ba, unb bie Raben sollen weise sein, unb ich bin nicht weise, unb bie Raben sinb leicht klüger als ich. Dort hockte sie, bie schwarze Gemeinschaft, unb ich ftanb allein hier, unb mir gegenüber bas neue Jahr, bas brängte heran, mäch­tig mit erschreckenden Kaltglanzaugen, einem un­mäßigen Leib unb mit vielen Spinnfüßen, mit einem Dritteltausenb Zappelbeinen, abscheulichen, und ich allein, unb bie klugen Raben immerhin zu zwölfen. Unb unterm gleichmütigen Himmel unb unter ben flimmernden Sternen ging ich ins Dorf zurück und zum Wirtshaus zurück und in die warme Wirtsftube hinein und trank und fang mit den andern, mit den Männern unb ben Frauen.

Ich zählte, es waren elf, fünf Männer unb sechs Frauen, unb ich war ber zwölfte, unb nun waren wir auch ein Dutzenb unb sprachen rabenklug unb vogelweise. Unb bie hölzernen Bänke, auf benen wir vor ben hölzernen Tischen saßen, waren unsere Bäume, unsere rointerbürren Bäume. Deutlich sah man bie Maserung der blankgehobelten Tischplatten,

bläulichrote Linie im Weißgelben, bas war wie eingetrocknetes Blut, unb mit unseren gekrümmten Zeigefingern hackten wir auf bie Adern, wie mit Schnäbeln, und tranken doch nur roten Wein.

Um drei rief einer:Ein Komet!" Wir praffelten durch den Hausgang ins Freie, lärmend, wie ein Dogelgeschwader, und staunten ben Himmel am Es war kein Komet, aber ein großer Stern glänzte nah unb stark wie nie, unb ihn staunten wir an.

Noch später, beim Morgengrauen, ba waren wir Furchtsamen schon längst nicht mehr zu zwölfen, trauten wir uns hinaus in bie junge Frische, unb uns geschah nichts.

Silvester in England.

Von unserem Londoner Serichierstaiier.

L o n b o n , Silvester 1935.

Wenn ber Englänber Silvester feiern will, bleibt er nicht in Lonbvn. Er fährt mit bem Morgen- zug nach Paris ober benutzt eines ber schnellen beutschen Junkersflugzeuge, bas ihn in viereinhalb Stunben nach Deutschlanb bringt zu Stätten, an denen man weiß, wie Silvester gefeiert werden muß wenn auch die Herren Stabtdoktoren mit gemischten Gefühlen der nahen Hochflut von ver­stopften Mägen und rauhen Gurgeln entgegensehen mögen.

Vielleicht liegt die Tatsache, daß in England kein Silvester gefeiert wird, an der Regierung (gute, schöne, alte Entschuldigung!) und ihren humorlosen Steuerbeamten, die wahrend bes Krieges bie eng­lische Reichssteuer auf alle Arten Spirituosen u m bas Vierfache erhöhte unb bie Gasthäuser u m 2 2 Uhr schließen ließ. Schmunzelnb betrachten sie nun bas Ergebnis ihrer moralischen unb geschäft­lichen Tüchtigkeit unb zucken mit ben Achseln, wenn gerabe vor Silvester einer berfreiesten Bür­ger ber Welt" zu bemerken wagt, baß es boch neben hohen Steuern noch anbere Mittel gäbe, ben ver- stänblichen Durst bes braven Mannes zu löschen.

Wenn Silvester in Englanb überhaupt ein Fest ist, bann ist es vielleicht ein F e st ber B e - sinnlichkeit. Nach ben Jahren ber gefährlichen wirtschaftlichen Krisen, ben Bankrotten unb Lohn­kürzungen geht es auch für benkleinen Mann" roieber aufwärts. Die Regierung hatte vier Jahre hinburch ihr Bestes versucht, einen Ausweg aus all ber Misere zu finben, unb wenn es ihr auch nicht voll­ständig gelang, so hatte der Bürger boch Vertrauen unb Hoffnung unb gab ihr bie Möglichkeit, es für weitere vier Jahre zu versuchen.

Ehemänner unb Ehefrauen unb sinb sie nicht überall auf ber Erbe gleich nehmen sich insge­heim ihre Versprechen ab, bie alle mit den gleichen Worten beginnen:Aber im n ä ch st e n Jahr...", und wenn sie es aussprechen:But during the next year ..." welchen Unterschied macht es aus?

*

Silvester 1935 in England aber gibt es eine An­zahl Menschen, die besonders froh sind: die Jung­gesellinnen (und der Leser wird gebeten, den Schreiber nicht für einen Zyniker zu nehmen). Nächstes Jahr ist Schaltjahr, und laut alter eng­lischer Sitte dürfen alle unverheirateten Frauen am 29. Februar 1936 ihrem Auserwälten felbft h i e heirat antragen. Vielleich ist das jener denkwürdige Geburtstag derPantöffelchen", die es in England scheinbar in weit größerer Anzahl als anderswo gibt? Doch jedes Unglück hat Glück im Gefolge. Wo bleiben die vielen hundert eng­lischen Karikaturzeichner, bie aus ber Pantoffelehe immer roieber Material schöpfen, es ber schwächeren Hälfte gehörig einzuverleiben unb mit jenen bissigen Zeichnungen ganze hefte zu füllen, bie ber einge­fleischte Junggeselle schmunzelnb nach Nummern in feinem Bücherschrank orbnet unb ber verheiratete Gatte, ber sich vielleicht getroffen fühlt, mit befrie» bigtem Kopfnicken im Büro ftubiert.

*

Silvester in Schv111anb aüerbings ist eine andere Sache, hier hat man sich neben dem Kilt und Dudelsack auch noch andere Sitten aus roman­tischen Zeiten ins Zeitalter des Gummis und Stahls herübergerettet und jauchzt und jubelt in der Sil­vesternacht in alten Worten, die gesprochen wurden, als die Bewohner der nördlichen halbkugel nichts von Schotten, Engländern, Franzosen unb Deut­schen wußten, sondern von Galliern unb Germanen sprachen.

Silvester in Schottlanb beginnt nach Tagesenbe mit Schmausen, wirb mit Ringel- unb Schwerttänzen fortgesetzt unb enbet wie so manche Herrlichkeit mit verbotenen Mägen unb müben Augen. Im Lanbe, bas bie Distel im Wappen führt, weiß man aber vielleicht, baß es keine Rose ohne Dornen gibt unb kümmert sich wenig barum, wie bas Leibesinnere bie Atzung verträgt, fonbern feiert Silvester, wie man eben ein Fest ber Hoffnung unb Freube feiert.

Nur in Englanb weiß man nicht, was tun. Unb o Schreck meist verlöschen bie Lichter in hüt- ten, Häusern unb Palästen lange bevor bie zwölfte Stunbe schlägt, jene seltsame, ergrei­fe nbe Stunde, in der sich Rückblick und Hoffnung zu wundersamer Empfindung paaren ...

Chr. H. Bauer.