Nr. 280 viertes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, 50. November (035
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Mei- Wochen als Reken« in Gießen
Rekruten beim Geschützexerzieren.
Unterricht der Kanoniere am Scherenfernrohr und Richtkreis
Die ersten Reitübungen bei her Artillerie,
Die ersten vier Wochen der Rekrutenausbildung sind herum. Jeder Tag brachte den jungen Soldaten bisher viel Neues und Interessantes. Zunächst mußten sie „richtig gehen und stehen" lernen Der „alte Knochen" ist bekanntlich der Ansicht daß der Rekrut das richtige Gehen und Stehen in sei- nem früheren Zivilleben noch nicht gelernt hat. Einzelmarsch, Langsamschntt und das Vorbeigehen
Appell nimmt die Ausbildung wie in den Vormittagsstunden ihren Fortgang. So kommt allmählich 17 Uhr heran, die in der Regel den Abschluß des Außendienstes bringt. Dann folgt noch eine Stunde Unterricht innerhalb der einzelnen Korporal- fchaften, oder der Gemeinschaftsgesang wird geübt und gepflegt, oder Putz- und Flickdienst ongesetzt, bei dem es in der Regel mancherlei zu tun gibt und für den jungen Soldaten allerlei ungewohnte Hindernisse im Umgang mit Nadel und Zwirn zu überwinden sind. Aber auch das lernt man, der eine früher, der andere später. Um 19 Uhr ist in der Regel Dienstschluß, aber auch danach gibt es noch allerlei zu schaffen, so daß sicherlich keiner unserer Soldaten, am allerwenigsten der Rekrut, Grund hat, über Langeweile zu klagen.
21 Uhr ertönt der Zapfenstreich, und nun steigt der tagsüber stramm herangenommene „Krieger" in seinen „Kahn", um bis zum andern Morgen der wohlverdienten Ruhe zu pflegen. Diese Ruhe hat er redlich verdient, denn beim militärischen Dienst im allgemeinen und in den ersten Wochen des Rekrutenlebens im besonderen gibt es im Verlaufe des Tages so überaus reichen Vewegungs- dlenst, daß man es gut und gern glauben kann, wenn der junge Soldat am Abend versichert, er sei rechtschaffen müde
Die Rekruten der Infanterie lernen den militärischen Gruß.
in gerader Haltung mit der rechten Hand an der Kopfbedeckung sind die bekannten Hebungen zum „Gehen- und Stehen-Lernen". Daneben gab es für den Rekruten noch vielerlei andere Dinge seines Waffendienstes, die in den bisherigen vier Wochen feinen Geist und Körper täglich voll in Anspruch genommen haben. Das begann am frühen Morgen mit dem Stuben- und Revierreinigen über die verschiedensten Zwischenstationen des Tages, bei denen für manchen das Essenfassen die bedeutsamste ist, bis zum Ende des Dienstes am späten Abend, wo der Rekrut zur wohlverdienten Ruhe in seinen
Batterie abgesessen!" Die Kanoniere laufen hinter das Geschütz zum Formieren.
Erziehung der Nation.
„Man hat gesagt, der Schulmeister habe unsere Schlachten gewonnen. Meine Herren, das bloße Wissen erhebt den Menschen noch nicht auf den Standpunkt, wo er bereit ist, das Leben einzu- setzen für eine Idee, für Pflichterfüllung, für Ehre und Vaterland; dazu gehört die ganze Erziehung des Menschen. Nicht der Schulmeister, sondern der Erzieher, der M i l i t ä r st a n d, hat unsere Schlachten gewonnen, welcher jetzt bald sechzig Jahr-
e der Nation erzogen hat zu körperlicher Nustlgkelt und geistiger Frische, zu Ordnung und Pünktlichkeit, zu Treue und Gehorsam, zu Vater- landsliebe und Mannhaftigkeit. Meine Herren, Sie können die Armee, und zwar in ihrer vollen Stärke schon im Innern nicht entbehren, für die Erzie- hung der Nation. Und wie nun nach außen?"
Generalfeldmarschall Graf von Moltke im Reichstag 1874.
sich das Ausbildungspersonal vorerst einmal rm großen und ganzen mit den Leistungen zufriedengibt, um dann zur Vertiefung und Verfeinerung des Könnens und Wissens überzugehen. Bis es dazu kommt, hat der Rekrut mehrere Wochen lang strammsten Dienst zu leisten. Den Abschluß des Vormittags bringt die Uhrzeit 11.30 Uhr.
Um diese Zeit beginnt im allgemeinen das Mittagessen, der schönste Dienst mancher Soldaten, denen am Vormittag stundenlang der Körper und Geist nach allen Regeln der militärischen Ausbildungskunst kräftig bewegt worden ist. Da marschieren der Pumper und der Fahrer mit frohem Gesicht zur Küche, um dort ihren „Schlag" zu empfangen, und sie fürchten sich auch nicht, mit einem zweiten kräftigen „Schag" zu „kapitulieren", d. h. noch eine weitere Portion zu holen, wenn es ihnen einmal besonders gut schmeckt. Und hier möchten wir hervorheben, daß nach unseren Beobachtungen die Soldaten eine ausgezeichnete Kost erhalten, die auch den«weitgespannt-'n Erfordernissen des Körpers eines stark in Anspruch genommenen schaffenden jungen Menschen aerecht wird. Die Mütter und die Schätze können also die beruhigende Gewißheit haben, daß für ihre Jungens beim Militär gut ae- sorgt ist. a y
........ Um 13 Uhr beginnt der
Dienst aufs neue. In der Regel findet erst Appell statt, bei dem die hochnotpeinliche Prüfung der ..Brocken" des Mannes oder irgendeines anderen Bestandteiles seines Soldatendaseins vor sich geht. Da wird natürlich auch manche preußische „Zj- garre" verpaßt, die selbstredend ein richtiges Soldatenherz nicht todunglück- fich macht, aber doch die gute Folge hat. daß nach dem ..Zigarrenempfang"
technischen Geheimnisse seiner Waffe eingeweiht. Einmal in der Woche findet die Ausbildung in der Nacht statt, denn der moderne Soldat marschiert in der Nacht und kämpft am Tage. Natürlich wird an den jungen Rekruten dieser ganze Ausbildungsstoff nicht auf einmal herangebracht, sondern es wird auch hier eine weise Abstufung beachtet, damit der Mann die Einzelheiten der Waffe und ihrer Möglichkeiten gründlich in sich aufnehmen und verwerten kann. Nicht zu vergessen ist ferner der Unterricht in der Geländekunde, in der Tarnung und auf den Gebieten der Nachrichtenübermittlung, sowie der Marschsicherung und des Spähtruppdienstes usw
Mit all diesen Dingen wird die Mannschaft an den Vormittoaen in der Regel bis 11 Uhr beschäftigt. Dann beginnt auch hier der..Essendienst", bei dem die Infanteristen nicht minder vortreffiiche Leistungszeugnisse im Bewältigen von ..Schläuen" zu liefern imstande sind als die Artilleristen Dann bat die Mannschaft bis
noch eifriger danach ge- 14 Uhr oder 1^ 30 Uhr. strebt wird, den Dienst je nach dem festgesetzten und seine vielfältigen Ob-! Dienstvlan, Pause, um liegenheiten in einwand- ! schließlich von 14 oder freier Weise zu erfüllen. 114.30 Uhr ab bis 16 oder Im Anschluß an den 117 Uhr noch einmal zu
Don 5.45 Uhr ab bis etwa gegen 11.30 Uhr haben die Kanoniere und die Fahrer Gelegenheit beim Dienst in vielfältiger Weise ihren Körper zu üben und zu stählen für die große Aufgabe des Soldatentums, gleichzeitig auch den umfangreichen Stoff des Wissens und Könnens ihrer Waffenaus- bildung in sich aufzunehmen. Da wird auf dem Kasernenhofe eifrig geübt im Fußexerzieren, im Ge- schutzexerzieren, im Nachrichtendienst, in der Erlernung des Umgangs mit den verschiedenen Hilfsmitteln der Artillerie, wie Richtkreis, Scherenfernrohr usw., dazu kommt der Unterricht in der Schießlehre und die Unterweisung über die Zusammensetzung und die Verwendung der verschiedenen Geschosse. Die Fahrer werden' eingehend belehrt über die richtige Pflege und Behandlung der Pferde, den sachgemäßen Umgang mit den Tieren beim Reiten und Fahren; neben der theoretischen Unterweisung erhalten sie auch die praktische Uebung im Reiten, entweder auf dem Kasernenhof, oder in der Reitbahn. Die Nachrichtenleute haben sich auch mit allen Geräten und Hilfsmitteln ihres Spe- zialdienstes vertraut zu machen, z. B. Feldtelephonbau und -dienst, die Handhabung des Blinkgeräts und so mancher anderer Dinge, die in den Bereich dieses Dienstes gehören. Da' kostet es die jungen Soldaten manchen Schweißtropfen und große Anstrengungen. bis sie so weit gekommen sind, daß
Die Ausbildung der Rekruten bei der Jnfan- ; terie ist in erster Linie darauf eingestellt, den jungen Soldaten zu einem ausdauernden, leistungsfähigen Einzelkämpfer zu erziehen, der in der Lage ist, im Toben der Schlacht selbständig und selbsttätig seine Waffe zu bedienen. Dazu kommt noch, daß der Infanterist bei Tag und bei Nacht, bei jedem Wetter unter stärkster Belastung marschieren können muß. Die Bedienung der Waffen, das sind vor allem die leichten und die schweren Maschinengewehre, die Minenwerfer und die Panzerabwehrkanonen, das Gewehr, der Karabiner, die Pistole und die Handgranate, muß mit automatischer Sicherheit erfolgen, und jedes Versagen muß in kürzester Zeit behoben sein. Wir sehen also, daß auch vom Infanteristen eine große Anzahl technischer Kenntnisse verlangt wird. Wenn man nun berücksichtigt, daß fast jeder Infanterist mit der Bedienung dieser Waffen, ferner mit der Gasmaske, mit dem Fernsprecher, mit dem Funkgerät, sowie vielen technischen Meßgeräten umgehen muß, so ersieht man, wie vielseitig die Ausbildung der Infanterie heute ist. Dazu kommt noch, daß ein großer Teil der Infanteristen reiten und fahren können muß. — Ein Bataillon hat heute rund 100 Pferde. — Der ^etrut muß also, um alle diese Aufgaben in einem Jahre zu bewältigen, sehr Vieles 'lernen.
Um fünf Uhr früh wird geweckt. Dann ist die erHß 3ßii des Tages bei der Infanterie in der gleichen Weife ausgefüllt, wie wir es bei der vorstehenden Schilderung aus der Artillerie-Kaserne gesehen haben. Um 6.15 Uhr wird bei der Infanterie rausgetreten zum Dienst, um 6.30 Uhr beginnt bei allen Kompanien der Dienstbetrieb, soweit nicht für eine Kompanie eine besondere Aufgabe gegeben ist. Während der Vormittagsstunden wird dann entweder auf dem Kasernenhofe, auf dem Trieb oder an einer anderen Ausbildungsstätte mit allem Eifer an der Ausbildung der Mannschaften gearbeitet.
Hier wird neben den wenigen formellen Uebun- gen vor allem die Ausbildung des Soldaten für das Gefecht betrieben. Frühzeitig bekommt er das Gewehr, die „Braut des Soldaten", in die Hand gedrückt, und erlernt es in jeder Körperlage, im Laufen, im Kriechen, im Springen zu bedienen. Gleichzeitig lernt er dabei das Gelände ausnutzen, um sich der Sicht und der Wirkung durch den Gegner von der Erde und aus der Luft zu entziehen. Daneben werden Ziel- und Anfchlagsübungen mit peinlicher Sorgfalt ausgeführt Jeder Zielfehler wird registriert; denn was nützt ein Soldat, der nicht schießen kann. Auf den acht Gewehr- und : den vier MG.-Schießständen des Regiments wird 1 fast täglich geschossen, soweit es die Witterung er- - laubt. Die Ausbildung an dem leichten und schwe- ; ren Maschinengewehr wird mit derselben Sorgfalt * betrieben. Durch Zerlegen und Zusammensetzen wird der Rekrut in die ______
Wir besuchen zunächst die A r t i l l e r i e, die bekanntlich von sich behauptet, die Krone aller Waffen zu sein Dort beginnt der Dienstbetrieb schon um 4 Uhr. Zu dieser Zeit tritt die Stallwache an, um Die Stalle zu säubern. Kurz vor 5 Uhr folgt dann die Fütterung der Pferde, der erste angenehme Dienst der treuen vierbeinigen Diener und Kameraden der Fahrer und Reiter. Mittlerweile ist es in den Gebäuden der Mannschaften lebendig geworden. Um 5 Uhr werden die Batterien geweckt. Im Handumdrehen find die Mannschaften in den Wasch- und Duschräumen erschienen, wo mit einem kräftigen Guß über den Körper der letzte Rest des Schlafes sofort beseitigt ist. Ebenso flott sind die Soldaten dann in ihre Uniformen geschlüpft die Vctten werden gebaut, Sie Stuben und das Revier gereinigt Mittlerweile ist der Stubendienst zum Kaffee-Empfang in der Küche erschienen, von wo er für jede Stube in einer großen Kanne den erfrischenden heißen Morgentrunk herbeibringt. Dann sitzt die Stube, also die Wohnkameradschaft, beim Frühstück, bis kurz vor 5.45 Uhr der Ruf „Raustreten zum Dienst" durch die Flure der Gebäude schallt.
Dieser stramme Dienst, bei dem alle Uebungen immer aufs neue eifrig durchgenommen werden muffen, damit sie den Männern vollkommen in Fleisch und Blut übergehen, ist eben die fundamentale und unentbehrliche Grundlage, auf der allein es möglich ist, aus den jungen Männern im Laufe eines Jahres richtige und leistungsfähige Soldaten zu machen, die den Aufgaben des Militärdienstes nach jeder Richtung hin gewachsen sind.
Um em ganzes Volk zu Soldaten zu machen, muß r r .mitten im Frieden militärischer (wir sagen: tisch er) Geist eingeflößt werden. Als Mittel zu diesem Zweck dienen: Allgemeine Volksbewaffnung, kriegerischen Geist erweckende Uebun- gen die Erziehung des Volkes zu Verteidigern ihres' Herdes ihres Eigentums und ihrer Familie, zur Anhänglichkeit an Regierung und Vaterland.
Generalfeldmarschall Graf Gneisenau.
Beim Ueben der Gewehrgriffe.
(Aufnahmen [6]: Photo-Pfaff.)
den verschiedensten Dienstleistungen auf dem Kafernenhof oder den nahegelegenen Uebungs- Plätzen anzutreten. Gewehrreinigen, Unterricht, Putz- und Flickstunde, Gemeinschaftssingen, Appell und dergleichen bilden den Abschluß des täglichen Dienstes, der in der Regel um 18 Uhr beendet ist. Aber auch hier ist es so wie bei den Rekruten aller Waffengattungen: nach dem offiziellen Feierabend gibt es noch so mancherlei zu tun, was unerläßlich ist, wenn der junge Landser nach dem Zapfen- streich um 21 Uhr mit sich selbst zufrieden und be- ruhigt durch die Zufriedenheit seiner Vorgesetzten in die „Klappe" steigen will, nachdem er vielleicht vorher noch auf ein Stündchen sich in der Stadt umgeschaut hat — wobei er grundsätzlich aber nicht nach den Mädels guckt.
Bau steigt. An manchem Tag wird er sich ja gesagt haben, daß auch für ihn die Zeit kommen wird, in der er als vollwertiger Soldat gilt, der erste Urlaub und die Zeit des Ausgangs ins Städtchen kommt, und es auch hinausge'ht in Feld und Wald zum Geländedienst. Aber einstweilen muß er sich damit abfinden, daß er von den alten Soldaten noch als richtiger „Anfänger" angesehen wird, daß erst vier Wochen seiner Soldatenzeit verflossen sind und noch elfmal vier Wochen vor ihm liegen, der erste Urlaub durch größten Eifer verdient' werden muß, kurz und gut, daß er eben — ein ganz krasser Rekrut ist. Und doch kann der aufmerksame Beobachter die Feststellung machen, daß diese ersten Rekruten der erfreulicherweise in Deutschland wieder geltenden allgemeinen Dienstpflicht in diesen vier Wochen bei ihrer Ausbildung rasch voran- gekommen sind, mit großer Hingabe ihrem Dienst obliegen und erhoffen lassen, daß aus ihnen schon in verhältnismäßig kurzer Zeit gute Soldaten gemocht werden können. Folgen wir nun einmal der Tagesarbeit unserer Gießener Rekruten auf den Kas'rn'nhäken und an den übrigen Ausbildnngs- P';*-’n Hm hnhei rm Geiste mit ihnen verein^ zu
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M nes alle Kraft einzusetzen für das Vaterland


