Nr. 254 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderyeyeni
Mittwoch, ZV. Oktober (935
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Geburtsstunde des deutschen Films.
Sein Patent trägt die Nummer 88599. Hätte er damals die Gelder besessen, die zum Ausbau der Erfindung notwendig waren: er hätte nicht nur das, sondern auch — den ihm gebührenden Verdienst an der Erfindung des deutschen Films gehabt. Darin waren ihm jedoch die Brüder Lu- miere über: die Schuld daran lag nicht bei ihm — eher fdjoti bei dem Direktor einer Großbank, der Skladanowskys Bitte um Kredit mit den Worten ablehnte: „Für solche Hirngespinste habe ich nichts übrig!"
Die Direktoren des Wintergartens erkannten dagegen besser die Möglichkeiten: sie sicherten sich als Erste die im Mai 1895 von Skladanowsky mit Ko- dak-Film aufgenommenen Szenen eines Va- ristekünstlers, sowie „von Kindern ausgeführter Tanz", Bilder zweier Reckkünstler, Aufnahme „Russischer Tanz" und ähnliches. Jeder der Filme hatte eine Länge von sechs bis acht Meter.
(Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
Vom 1. November ab bringt der Berliner Wintergarten in seinem Programm eine Darbietung mit Max Skladanowsky, dem Erfinder des Films: zur Erinnerung an die vor genau 40 Jahren erfolgte Uraufführung der Skladanowskyschen Erfindung an gleicher Stelle und damit an die erste Bekanntmachung der Oeffentlichkeit mit einer „Novität" (wie es damals hieß), die später eine so ungeahnte Bedeutung erringen sollte. Skladanowsky hatte seit 1892 daran gearbeitet und im Mai 1895 in einem Pankower Gartenrestaurant die erste Freiaufnahme gedreht.
Die Direktoren des damaligen Wintergartens hatten davon gehört und machten die „Reise" nach Pankow, das ja zu dieser Zeit sozusagen noch außerhalb Berlins lag. Sie waren von den Darbietungen Skladanowskys so entzückt, daß sie ihn sofort für ihre Bühne verpflichteten — und außerdem dazu, vorher nichts über sein „B i o s c o p" verlauten zu lassen. Nicht einmal anmelden durfte er sein Patent, aus Furcht, ein anderer könnte es zu früh erfahren. Und vielleicht hätte er es auch gar nicht gekonnt; denn erst von dem Honorar vermochte er die Gebühren überhaupt zu bezahlen.
Kosten 150, Gage 2225 Mark
Wie große Hoffnungen man auf die Darbietungen Max Skladanowskys setzte — sein Bruder Emil half ihm dabei —, beweist schon die Höhe des Honorars: man bot ihm für den Anfangsmonat 2 2 2 5 Mark. Eine für damalige Zeiten ganz ansehnliche Gage. Und wenn man nun dagegen hört, daß ihn seine Erfindung, die „intermittierende Scheibe", wie er sie bezeichnete, ein doppeltes Schneckenradgetriebe aus Präzisionsstahl in der Anfertigung ganze 150,25 Mark gekostet hat, und die Linsen aus dem heute noch am Mühlendamm befindlichen Optikergeschäft von O b e n a u s sogar bloß je 1,50 Mark, die gesamte optische Einrichtung 10 Mark —: dann möchte man meinen, „hat der aber ein gutes Geschäft gemacht". Nun, ganz so „rosig" war es nicht, denn er hat Jahre darauf verwenden müssen, ehe er zu seiner Erfindung kam.
Bereits auf der Schule hat er sich als besonders begabt erwiesen, und zwar schon mit 11 Jahren in der ersten Klasse. Photographie, Glasmalerei und die technische Herstellung von Nebelbilder-Geräten (Bilder, wie wir sie von der Laterna magica aus unserer Jugendzeit her kennen) füllten seine Lehrzeit aus; schließlich übernahm er die Anfertigung von Lichtbildern für seinen Vater, der öffentliche Vorträge hielt, und dem er dabei halst Das erste Mal, daß er auf diese Weise auftrat, war am 18. November 1879; dabei hatte er die Aufgabe, das große Doppelprojektionsgerät zu bedienen: und seit dieser Zeit war er von dem Wunsch beseelt, den starren Bildern Bewegung einzuhauchen. Ein Kinderspielzeug wies ihm den Weg dazu, und so fand er die Möglichkeit, sich hintereinander fortbewegende Bilder vorzuführen, das also, was wir den Film nennen. Allerdinas gibt es manchen, der ihm — zu Unrecht — das Vorrecht an dieser Erfindung streitig zu machen versucht. Denn schon am 30. März 1890 hatte L e P r i n c e in der Pariser Oper eine Probevoraufführung ähnlicher Art veranstaltet, aber Skladanowsky hatte von ihm ebenso wenig gewußt wie etwa von den Versuchen Lum i er es. Unbestreitbar war Skladanowsky der Erste, der eine öffentliche Filmci^fführung veranstaltet hat. Das geschah am 1. November 1895.
„Wie er das macht, das soll der Teufel wiffen." Oie Geburtsstunde des deutschen Films vor 40 Jahren.
Charakter dadurch erhalten, daß es die Wintergartenproduktion in verblüffend echten lebensgroßen Copien wiedergibt." Zwei Tage später eine neue Meldung von der Vollendung des Bioscop-Aufbaues und die Erwartung, daß „es eine außergewöhnliche Attraktion zu werden verspricht". Am 1. November konnte man dann zum ersten Mal im Anzeigenteil groß die Ankündigung lesen:
Neu! Das Bioscop! Neu Die interessanteste Erfindung der Neuzeit.
Oie erste
Und bann setzten d i e er st en Besprechungen ein, etwa 50 an der Zahl, die meisten für damalige Verhältnisse ausfallend ausführlich. Eine stellte fest: die Erfindung ist „lehrreich und amüsant" und „mit vielem Geschick verwertet"; zum Schluß heißt es: „Nur das Zittern der einzelnen Figuren erinnert an die Zusammensetzung aus vielen kleinen, durch Elektrizität rasch bewegten und belichteten Bildern". Ein anderes Urteil: „Zu den interessantesten Darbietungen gehört unstreitig das B i o s c o p, ein in Lebensgröße übertragenes Edi- sonsches Kinetoscop, das mit minutiöser Genauigkeit die Bewegung tanzender, turnender und ringender Menschen wiedergibt." Und wieder ein anderer: „Der ingeniöse Techniker benutzt hier ergötzliche Momentphotogramme und bringt sie in vergrößerter Form zur Darstellung, aber nicht starr, sondern lebendig. Wie er das macht, das soll der Teufel wissen?" Und im Fachblatt urteilt man schließlich so: „In Lebensgröße werden ... aus die Bühne gezaubert, daß man staunt. Die Piece ist unstreitig die interessanteste des Abends, so daß man allgemein bedauert, daß sie am Schluß des Programms steht." Doch das war nicht zu ändern; der Raum mußte ganz verdunkelt werden, und daran waren die damaligen Varietebesucher eben noch nicht gewöhnt.
Gage bezahlt - Auftreten verhindert?
An das Auftreten im Wintergarten schlossen sich gleich andere an; so zum Beispiel für den Januar 1896 nach Paris in die Folies Bergeres. Doch nach den ersten Tagen befürchtete man Schwierigkeiten; man bat die Brüder, von weiteren Aufführungen abzufehen, bezahlte ihnen aber die volle Monatsgage von 3000 Franken, — weil man anders nicht konnte. Doch man wollte anscheinend nicht tfnen Deutschen einem Franzosen (Lumiere) gegenüber in Schutz nehmen. Die Skladanowskys gingen dann nach dem damaligen Christiania (Oslo), nach Stockholm, Holland und in einige deutsche Städte. Als Lu - m i b r e jedoch zwei Monate später sein Theater in Berlin aufzog, nahm man es als eine große „Offenbarung" hin: wieder zeigte sich diesmal die Wahrheit des alten Wortes: „Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande."
Skladanowsky fyat damals für die von ihm herausgegebenen Taschenbücher — sie sind heute manchmal noch für Städtebilder in Gebrauch — auch Wilhelm I. und Bismarck ausgenommen — allerdings nicht sie persönlich, sondern einen Opernsänger und einen Mimiker, die sie so gut Wiedergaben, daß beide sich damit einverstanden erklärten. Er hat es mit solchen Aufnahmen und mit seiner Erfindung gewiß nicht zu Vermögen gebracht; die Patente erloschen bald, da er auf die Dauer unmöglich
Reichskriegsminister Generaloberst von Blomberg überreichte dem Ministerpräsidenten General Göring ein Bronzestandbild des preußischen Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. als Hochzeitsgeschenk des Offizierkorps' der Wehrmacht. Der Künstler hat die Statue erst jetzt fertigstellen können. — Unser Bild zeigt den Reichskriegsminister und General Göring mit seiner Gattin vor dem Standbild. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
So konnte die „Uraufführung" vor 1500 Zu-1 schauern stattfinden. Ein ereignisreicher Abend, die Geburtsstunde des deutschen Films! Sogar eine eigene Begleitmusik wurde dazu komponiert; die Noten sind noch heute im Besitz Skladanowskys. Weil aber damals das Auswechseln der Filme nicht so schnell ging wie heute, projizierte er die Titel mit Hilfe einefl* anderen Gerätes auf die Leinwand, so daß die Pausen zwischen den einzelnen Aufnahmen den Zuschauern kaum auffielen.
Eine „außergewöhnliche Attraktion".
Am 24. Oktober erfuhr zum ersten Mal die Oeffentlichkeit etwas von dieser Erfindung; allerdings wurde nicht gleich gesagt, um was es sich handelte, sondern es wurde vorerst nur angedeutet: „Jin Wintergarten wird die kleine Bühne zur A u f- nahrne einer Novität vorbereitet, die überall — bei Laien wie in wissenschaftlichen Kreisen — das größte Aufsehen erregen wird." Und, um die Neugierde noch mehr zu entfachen, wird hinzugefügt: „lieber die geradezu verblüffende Art, in welcher die merkwürdige Erfindung einem großen Zuschauerkreis zu gleicher Zeit-vorgeführt wird, wird vorläufig nichts verraten." Drei Tage später heißt es: „Auch Skladanowskys ,Bioskop< ist nahezu vollendet. Dasselbe wird einen ausnehmend originellen
Geschenk der Wehrmacht an General Göring.
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Gießener Giadiiheaier.
Shakespeare: „Komödie der Irrungen"
Die „Comedy of Errors" ist eines der ersten Lustspiele, eines der frühesten Dramen Shakespeares überhaupt. Es ist zu bedenken, daß unter dem Gattungsnamen und Sammelbegriff „co= medy" bei Shakespeare eine ganze Stufenleiter dramaturgischer, dichterischer und menschlicher Ausdrucksmöglichkeiten zusammengefaßt wird, daß unter diesem Namen die ganze weite Bogenspannung einer Dramengruppe sich vereinigen läßt, die, weder „tragedy“ noch „history“, vom Schwank über das Lustspiel bis zur echten Charakterkomödie reicht. Und wenn man, nicht chronologisch, sondern dichterisch betrachtet, den „Kaufmann von Venedig", der schon nah an der Tragödie streift, an den Enopunkt dieser Entwicklung stellt, so steht die „Komödie der Irrungen", wiederum nicht nur zeitlich, auf dem entgegengesetzten äußersten Flügel.
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Die Grundlage für das Stück boten, wie man weiß, die „Menaechmi“, die „Zwillinge" des Plau- tus, eine altrömische Verwechslungsposse, die in ihrer Wirkung bereits auf der verblüffenden Aehnlichkett der beiden Brüder beruhte; eine „History of Errors", die ihrerseits eine Bearbeitung des plautt- nischen Stückes darstellte, erschien in London schon vor Shakespeare, und es ist anzunehmen, daß Shakespeare diese Fassung kannte und als Vorlage für sein eigenes Stück benutzte; das ältere ist nicht erhalten, was man vor allem um deswillen bedauert hat, weil man vermutet, daß die Verdoppelung des Doppelgänger- und Verwechslungsmotives dort noch nicht vorhanden, also eine Erfindung Shakespeares gewesen sei.
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In der Tat wird erst durch eine solche Steigerung des ursprünglichen Einfalles die „Komödie der Irrungen" zu dem, was sie ist: zu einem Urbilde des Schwankes, von dessen Möglichkeiten und dessen Situationswirkungen Generationen von Theaterdichtern durch Jahrhunderte bis auf den heutigen Tag gelebt haben. Ohne daß freilich einer — so muß man hinzufügen — die Leichtigkeit und souveräne Beherrschung der Szene erreicht hätte, mit der hier Shakespeare die Fäden der Verwirrung in der Hand hält und fünf Akte lang ein ausgezeichnetes Theater aufführt.
Das Motiv scheint wirklich bis zur äußersten denkbaren Konsequenz gesteigert und zugespitzt: zwei Zwillingsbrüder, die sich nicht nur zum Verwechseln ähnlich sehen, sondern auch aus denselben Namen Antipholus hören und nur durch die ^Nennung der Städte ihrer Herkunft, Ephesus und Syrakus, voneinander unterschieden werden können. Dbefibrein hat jeder von ihnen einen Sklaven bei
sich, und diese Sklaven sind wiederum Zwillingsbrüder, welche sich auch gleichen wie ein Ei dem andern und pben'alls denselben Namen tragen: Dro- mio von Syrakus und Dromio von Ephesus.
Man hat eingewendet, daß dies eine unmögliche und unstatthafte Voraussetzung sei und eigentlich gegen die Spielregeln verstoße; das mag an sich richtig sein, aber für ein Genie, wird man hinzufügen dürfen, gelten eben die Spielregeln und Voraussetzungen der Durchschnittsschreiber nicht. Jedenfalls hat der Erfolg dem Manne aus Stratford weit über dreihundert Jahre lang recht gegeben, und wer sich sonst bei ihm auskennt, wird einräumen müssen, daß eben durch so gehäufte Unwahrscheinlichkeiten das Stück in eine Sphäre der Unwirklichkeit hineingehoben wird, die an die Märchenwelt der späteren Shakespeare-Lustspiele erinnert und den Zuschauer auf die heiterste Weise verzaubert.
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Shakespeare hat es, der Wirkungen des phantasievollen Spieles auf dem Theater sich wohl bewußt, meisterlich verstanden, die beiden Brüder und die beiden Sklaven jeweils erst im allerletzten Augenblick sich begegnen zu lassen, wenn die Verwirrung auf den Höhepunkt gestiegen ist und alle Möglichkeiten einer friedlichen und befriedigenden Lösung erschöpft zu sein scheinen. Fast fünf volle Akte lang spielt er in immer neuen Variationen mit dem Einfall, daß der eine Bruder für den anderen, der eine Sklavenzwillina für sein wandelndes Ebenbild gehalten wird. Bei den beiden Dromios führt dies nur dazu, daß der eine unschuldigerweise die Prügel bezieht, die dem anderen zugedacht waren. Verblüffender aber wirkt sich der Umstand aus, daß der Antipholus aus Syrakus unvermutet in Ephesus auftaucht und dort wider Willen die Rolle feines nichtsahnenden Bruders zu spielen beginnt dergestalt, daß bald beide sich doppelt sehen, jeder sich von Hexerei genarrt glaubt und zuletzt keiner mehr aus und ein weiß.
Wir erinnern uns aus dem „Amphitryon", dessen Wiederentdeckung im Film wir neulich erlebten, zu welchen erstaunlichen Wirkungen solches Doppelspiel führen kann, und in der Tat ist eine der heitersten Szenen der „Irrungen" eben jene, wiederum nach Plautus, wo die Frau des verheirateten Antipholus im wahrsten Sinne des Wortes aus „Versehen", aber im guten Glauben mit dem ledigen Antipholus bei Tisch sitzt, während der rechtmäßige Gemahl zu spät kommt, ausgesperrt wird und unten hungrig an der verschlossenen Tür tobt, wobei wiederum das Doppelspiel der beiden Sklaven die anmutige Begleitmusik abgibt. - ........
So geht das weiter — wir zahlen absichtlich nicht alle Variationen des Motivs auf — bis zu jener echt shakespearefchen Schlußszene, die an die Vorgeschichte anknüpft und die durch Schiffbruch ausem- andergesprengte Familie aufs glücklichste wiederver
eint: nicht nur die Zwillingsbrüder samt den Zwil- lingssklaven, sondern auch — oh unerhörter Zufall! — die beiden alten Eltern der Antipholus; mehr kann man billigerweise nicht verlangen.
Der Aufführung lag die Übersetzung von Hans Rothe zu Grunde, dem wir die erfolgreiche Neubearbeitung einer Reihe von Shakespeare-Stücken verdanken. Er weist (in einer Einführung im Programmheft) auf eine Zeitungsnotiz hin, die er nach der Drucklegung seiner Neufassung entdeckte: sehr interessant, daß die Wirklichkeit, wieder einmal, vor erstaunlichen Unwahrscheinlichkeiten — ganz ähnlich wie in der Fabel bei Shakespeare — nicht zurück- schreckt und überdies den witzigen Schluß der neuen Fassung gleichsam bekräftigt: daß nämlich die beiden Dromios sich in dieselbe Frau verlieben.
Im übrigen hat die Neufassung Rothes den gewohnten Text nicht unerheblich umgestaltet. Er bat die Vorgeschichte gestrichen und gibt die Exposition zum Schluß; er läßt ferner das alte Elternpaar nicht persönlich auftreten, hat den Herzog eingespart und hat auch sonst einiges geändert: mit Glück und Taktgefühl, wie zugegeben werden muß; er hat manches, was Tieck umständlicher und „klassischer" übersetzte, unserer Umgangssprache angenähert ... und dennoch, dies ist entscheidend, nichts Unehrerbietiges getan: diese Neufassung ist sehr ebenmäßig im Geiste des Originals gehalten, und was wir sahen und hörten — mehr kann zum Lobe der Bearbeitung nicht vorgebracht werden — war und blieb allenthalben unmißverständlich doch der junge Shakespeare.
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Die Aufführung — vom Intendanten Schultze- Griesheim geleitet — war entzückend, man muß es sagen; sie war die beste, einheitlichste und innerlich geschlossenste, die wir bisher hier erlebt haben. Man merkte deutlich, daß gerade den Stücken Shakespeares die besondere Liebe des Spielleiters gehört. Alle Szenen, von der ersten dis zur letzten, waren auf den echten Lustspielton gestimmt, von schwebender Heiterkeit und graziöser Unwirklichkeit erfüllt.
Ernst Bräuer ließ eine zarte Bühnenmusik dazu spielen, und Herr Löffler hatte sich mit dem Bühnenbild, in dem ein klassisches Altertum und ein Märchen-Orient sich zwanglos zu verbinden schienen, selbst übertroffen. Es war da Gelegenheit zu einer herrlichen Balkonszene gegeben, in welcher nicht Romeo, sondern Dromio die Hauptrolle spielte, und zu einer anderen, ernstlicher empfundenen und gesprochenen, an der man merken konnte, wie hoch sich dieses kecke Erstlingswerk des jungen Briten über zahllose Nachläufer aus allen Zonen des Erdballs erhebt.
Wenn es (beim Lesen) schon bedenklich erscheint, daß der Herr den Diener, der Diener den Herrn,
ja die Geliebte den Liebenden und selbst die Frau den eigenen Mann nicht sollte erkennen können und mit einem anderen verwechselt — um wieviel gefährlicher mußte dergleichen auf der Bühne wirken, wo sich die Sachen „hart im Raume stoßen"; aber, wunderbar, es wirkte gar nicht gefährlich, gar nicht gezwungen, sondern ganz natürlich und übernatürlich zugleich: die beiden Antipholus, Heinz Rosenthal (aus Syrakus) und Hans von S p a l l a r t (aus Ephesus) waren so geschickt und fließend aufeinander eingespielt, daß man die zum Verwechseln aeschaffene Zwillingsbruderschast lächelnd anerkannte und dennoch, hier und dort, die Individualitäten, des Liebhabers wie des Ehemannes, gewahr wurde.
Ein köstliches Doppelspiel boten die beiden äthiopischen Zwillinge, die von Herrn Kühne und Herrn Frickhoeffer gegeben wurden: der eine mit der gedrechselten Beredsgmkeit und dem trockenen Witz der shakespearefchen Narren, der andere mit unbezahlbaren Frechheiten aus dem Hintergründe während der schon geschilderten Szeye des Mittagsmahles.
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Auch die weiblichen Rollen waren vorzüglich besetzt. Aenne M a r k g r g f gls Adriana wirkte hier viel persönlicher und konnte sich weit mehr entfalten als in dem modernen Lustspiel, mit dem sie bei uns begann: die uralte, in jedem Gewände und Zeitstil aktuelle und hörenswerte Eva-Klage der liebenden Frau und eifersüchtigen Gattin kam bezwingend natürlich und unwiderstehlich komisch heraus.
Inge B i r f m a n n bestätigte hier vollkommen den starken, ersten Eindruck, den sie als Natalie im „Homburg" hinterlassen hatte: ihre Luziana war eine ganz shakespearesche Erscheinung, zart, anmutig, mit warmem Herzton empfunden und gespielt; die Balkon- und Fensterszene hätte auch in einer minder scherzhaften Umgebung durchaus überzeugend gewirkt.
Sehr roihiq machten sich ferner die stattliche, sehr verliebte Mvhrenköchin Emmelina (Frau Stirl), deren sich Rothe augenscheinlich mit besonderem Vergnügen angenommen hat, und Fräulein Decker als das leichte Mädchen Julia (bei Tieck ganz schlicht: Courtisane), eine immerhin verfängliche Figur, die doch nirgends Maß und Sphäre des Sttickes überschritt.
Die Herren Geiger (sein Angelo war eine treffend ausgespielte und abgerundete Episode), Neuhaus, Nieren und Mosbacher vervollständigten das Ensemble im Sinne der beschwingten Inszenierung.
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Der Erfolg war groß und wohlverdient. Den anhaltenden Beifall der erheiterten Besucher konnte zuletzt auch der Intendant im Kreise der Seinen entgegennehmen. hth.


