Ausgabe 
29.11.1935
 
Einzelbild herunterladen

Ur. 279 Zweites Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)

Zreitag, 29. November (935

Aus aller Welt

Für des

Das Urteil im Prozeß Varlhelmes.

In dem aufsehenerregenden Prozeß gegen die 34 Jahre alte Luise Barthelmes aus Gersfeld wurde jetzt das Urteil gefällt. Es lautet gemäß dem Antrag des Oberstaatsanwaltes auf eine Gesamt- zuchthausstrafe von drei Jahren sowie auf Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf die gleiche Dauer, und zwar wegen Betrugs und versuchten Meineids. Das Gericht sah als erwiesen an, daß sich die Angeklagte selbst eitrige Flüssigkeit in das Hautgewebe einspritzte und die von einer Blinddarmoperation herrührende Wunde selbst am Heilungsprozeß verhinderte, um so eine Entschädigungssumme von 66 000 Mark zu erschwin­deln. Ein Jahr der erlittenen Untersuchungshaft kommt in Anrechnung.

Zum Tode der Fliegerin Else Hoffmann.

Güte hatte, bitte ich meinen aufrichtigen Dank entgegennehmen zu wollen. Die deutsche Heimat hat mit großer Genugtuung Kenntnisdavon genommen, in wie hohem Maße weite österreichische Kreise, vor allem der Herr Bundespräsident durch seinen Besuch am Krankenlager, der Präsident des Bundes­tages, der Präsident des Aeroklubs, insbesondere aber Aerzte, Pflegerinnen und Bevölkerung sich des tragischen Schicksals der tapferen entschlafenen Flie­gerin angenommen haben, von Papen."

Ausländsdeutsche Vauernfamilie aus demSowjet-Paradies" heimgekehrt.

Von her Sonnenuhr zum Glockenspiel

Eine kulturgeschichtliche Plauderei von allerlei Uhren.

Von Dr. Georg Böse.

vierzig Stunden lang anzeigen und schlagen und im Busen oder im Geldbeutel getragen werden kön­nen." Sie wurden mit Federkraft getrieben, wo­durch erst die verhältnismäßig geringe Größe er­möglicht wurde. Man nannte sie allgemeinNürn­berger Eie r", übrigens nicht wie oft fälsch­lich angenommen wird wegen der Form, denn sie hatten eher die Form einer halbrunden Pillen­schachtel als die eines Eies. Der Name ist vielmehr aus der altertümlichen Bezeichnungörlein" (kleine Uhr) entstanden. Oft waren diese Taschenuhren des 16. Jahrhunderts kostbare Kunstwerke, zum Teil mit frommen Sprüchen versehen wie:Hingeht die Zeit, herkompt der Tod, o Mensch thue Buße und fürchte Gott."

Das Rokoko mit seiner großen Freude an tunst- vollen Gebrauchsgegenständen und Spielwerkzeug entfaltete einen verschwenderischen Luxus an Zier­uhren. Der Mantel solcher zierlichen Taschenuhren war häufig mit Reliefdarstellungen aus getriebe­nem oder mehrfarbigem Gold oder mit einem zar­ten Emailgemälde auf rosa oder blaßblau schim­merndem Grunde geschmückt. Das war auch die Zeit der Spieluhren und der kleinen im Ge­häuse verborgenen musikalischen Ueberraschungen. Es gab Bonbonnieren, in denen ein winziger Ko- lobri mit den Flügeln zu schlagen, den Schnabel zu öffnen und eine Melodie zu pfeifen beginnt, sobald man den Deckel öffnet. Auch in goldenen Feder­haltern oder perlverzierten Nadelbüchsen wurden Uhren angebracht. Bis zum Ende des Biedermeier waren derartige Uhren und Spielwerke sehr beliebt. Ebenso wurden die Standuhren immer kunst­voller ausgebildet.

Die Königin unter den Uhren aber ist die Turm- uhr mit den Glockenspielen, einer nieder­ländischen Erfindung, geblieben. Wie die schönen Werke der Parochialkirche im alten Berlin und der Potsdamer Garnisonkirche wurden sie zum Wahrzeichen der Stadt. Wer bei einem Gang durch die von Lärm und buntem Menschengewoge erfüllten Straßen der Hauptstadt einmal in die tille Straße der Parochialkirche verschlagen wird und dort hoch vom Turm das zarte Läuten einer einfachen Choralweise vernimmt, ist ganz von dem Zauber ihres Klanges gefangen, der das Vorrücken jeder Stunde getreulich ankündet und doch weit über allem Getriebe des hastenden Lebens Bote zeitloser Ewigkeit ist.

nerung an die Zeiten unserer Ahnen mit ihrer lie­benswürdigen Spielfreudigkeit, mit den vielen kleinen Scherzen, für die wir heute im allgemeinen zu ernst geworden sind.

Die Räume, in.denen unser Meister seine Kost­barkeiten verwaltet und die von Läuten, Klingen, Musizieren, tiefen und Hellen Glockenschlägen erfüllt sind, geben dem Besucher einen eindrucksvollen lieber» blick über ein Gebiet der Kulturgeschichte, das reiz­voll, ja anmutig ist wie kaum ein zweites. Die Geschichte der Uhren zeigt uns die Entwick­lung von Technik und Kunst in schönster Harmonie. Das älteste Mittel zur Darstellung des Zeitablaufs ist die Sonnenuhr; schon die Obelisken der al­ten Aegypter erfüllten diesen Zweck. Aber bei ver­hängtem Himmel verweigerten diese Zeitmesser ihren Dienst. So sann man schon früh aus an­dere Einrichtungen und erfand die Sand- und Wasseruhren. Der griechische Mechaniker Ktesibios von Alexandreia soll 240 v. Ehr. die erste Wasseruhr konstruiert haben, und noch viele Jahr­hunderte später hat sich Heonardo da Vinci mit ihrer Verbesserung befaßt und sie mit einem Läutewerk versehen. Länger als sie behaupteten sich die Sonnenuhren; wir können sie noch heute an den Wänden der alten Bauten sehen. Die Räderuhren sollen im 12. Jahrhundert aufgekom­men fern. Das waren Spindeluhren, deren Hemmung eine Spindel darstellte, die mit zwei An­sätzen in bas Steigrad eingriff. Bald entstanden auch die ersten Turmuhren, die älteste soll zu Padua im Jahre 1344 gebaut worden sein. Nun wollte fast jede Gemeinde ein solches Kunstwerk besitzen, und die Meister wetteiferten darin, nicht nur einen zuverlässigen Mechanismus herzustellen, sondern die Uhren auch prächtig auszuschmücken. Man begnügte sich nicht mit dem Stundenschlag; oben am Turme tauchten seltsame Gestalten auf, oft zogen ganze Prozessionen vorüber, wenn der Zeiger zum Beginn der nächsten Stände vorrückte. Meistens wählte man in diesen Darstellungen religiöse Vor­würfe. Man sah die drei Weisen aus dem Morgenlande, die pünktlich zu jeder Stunde vor der Jungfrau Maria erschienen und im Gebet niederknieten, bisweilen aber auch geharnischte R i t- ter, die mit Speer und Schwert auseinander los-

Dieser Tage ist eine Familie namens Kirch- Höfer, die im Jahre 1885 aus dem Westerwald­ort Biersdorf (Kreis Altenkirchen) nach Ruß- land auswanderte, vollständig mittellos in die alte Heimat Biersdorf zurückgekehrt. Was auch diese Familie, deren Mitglieder vor dem Kriege tüchtige Bauern in ihrer neuen Heimat waren, an Entbehrungen und Leiden dort durchgemacht hat, ist das bekannte Schicksal fast aller Deutschen in Rußland. Während des Krieges nach Sibirien ver­bannt, haben sie mehrere Male aus dem Nichts heraus ihre Existenz neu aufgebaut, um nun doch russischer Willkür und Mißwirtschaft zu weichen. Der Vater der Familie ist in den Gefängnissen der

gingen und durch ihre Stiche und Hiebe die Stun­denzahl anzeigten. Bei der berühmten Turmuhr von Lund ergangen bei dem Erscheinen der drei Weisen schmetternde Fanfaren, die Könige brachten ihre Geschenke dar, und dann verschwanden die Ge­stalten wieder im Gehäuse wie ein Spuk

Die Brüder H a b r e ch t aus Schaffhausen waren zu ihrer Zeit wohl die berühmteste Uhrmacher- von ihnen wurde die zweite Uhr des Straß­burger Münsters im Jahre 1574 hergestellt Um die erste Uhr der ehrwürdigen Kirche rankt sich eine düstere Geschichte. Im Volke raunte man sich zu, daß die Ratsherren den Meister nach Vollen­dung seines Werkes blenden ließen, damit er für keine andere Stadt der Welt ein solches Wunder­werk Herstellen könne. Eine ähnliche Legende wird von der kunstvollen Uhr der schönen Marien­kirche in Danzig überliefert. So haben viele Uhren ihre besondere Geschichte. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts stellte 23 urh e au für Lud­wig XIV. eine Meisteruhr her. Da sah man den Sonnenkomg in seiner ganzen Herrlichkeit auf dem Thron sitzen, und jede Stunde kamen genaue Nach­bildungen aller europäischen Fürsten, um sich demütig vor Ludwig bis zur Erde zu verneigen. Wilhelm III. von England, dessen Stolz der Son­nenkönig nie ganz verwinden konnte, mußte beson­ders tief in die Knie. Die Uhr wurde in aller Oef- fentlichkeit vorgeführt. Eines Tages ereignete sich nun em peinlicher Zwischenfall. Eine der Federn im Werk löste sich, schleuderte Ludwig XIV. vom Thron, und zwar gerade vor die Füße des noch aufrecht stehenden englischen Königs. Man führte dieses Versagen des Mechanismus auf eine Nieder­trächtigkeit des Uhrmachers zurück, und der arme Burdeau mußte in die Bastille wandern.

Die ersten Taschenuhren fertigte zu Anfang des 16. Jahrhunderts der Nürnberger Meister Peter Henlein an; es waren wie es in der An­kündigung hießkleine Uhren, mit vielen Rä­dern angeordnet, die (nämlich die Uhren) beliebig umgedreht werden können, kein Zugewicht haben,!

In Berlin, mitten im Herzen der Großstadt, lebt ein Uhrmacher, ein großer Künstler auf feinem Ge­biet. Seine Tätigkeit ist ihm eine Leidenschaft, die ihm tief im Blut steckt. Während er mit liebevollem Blick die ihm anoertrauten Schätze betrachtet, er­zählt er, daß schon sein Vater ein Meister seines Faches war und daß er selber eher das Getriebe einer Uhr fehlerfrei zusammensetzen als lesen und schreiben konnte. Er ist ein Zauberer in seinem Reich, die ältesten Uhren offenbaren ihm ihr Ge­heimnis, und es gibt wohl fein Räderwerk, das er mit feinen behutsamen Händen nicht wieder instand- zusetzen wüßte. Aber auch die neuzeitlichsten Me­chanismen sind ihm nicht fremd. Die große Glockenspieluhr, die für die Besucher der Berliner AusstellungWunder des Lebens" einer der Hauptanziehungspunkte war und die jetzt auf dem Donhoffplatz in der Reichshauptftadt Aufstel­lung gefunden hat, wird von ihm betreut. Seine Werkstatt ist ein kleines M u f e u m von Uhren, Glockenspielen und Spieldosen aus verschiedenen Jahrhunderten. Die größte Spieldose der Welt und auch die kleinste, die in einem Medaillon Platz hat, befinden sich darunter. Eine Dresdner Klavierspieluhr aus dem Jahre 1794 von herrlicher Klangreinheit und eine Potsdamer Holzuhr vom Ende des 16. Jahrhunderts. Schnupftabakdosen, aus denen ein Vögelchen emporsteigt und seine Weise zwitschert, ein Likörschränkchen, das sich mit einer Zarten Melodie zum Gebrauch öffnet und ein klei­ner Singvogel in einem goldenen Käfig, der ebenso unermüdlich singt wie die künstliche Nachtigall in Andersens Märchen, wecken in uns die Erin-

Italiens großer Sänger Benjamino G i g l i fang in der Berliner Scala für das deutsche Win- te rhi l f s we r k. Zu dem von dem italienischen Botschafter veranstalteten Abend waren Tausende erschienen, um Gigli zu hören, der sich auch in früheren Jahren in den Dienst der deutschen Win- terhilfe gestellt hatte. Die Bedeutung des festlichen Abends wurde dadurch unterstrichen, daß der Führer, Reichsminister Dr. Goebbels Reichsminister Dr. Frick, Reichsaußenminister von Neurath und zahlreiche führende Persön- lichkeiten von Partei und Staat anwesend waren. Ferner bemerkte man zahlreiche Mitglieder des Diplomatischen Korps. Gigli sang unter begeister­tem Beifall einige feiner schönsten Arien, und der Piamst Walter Giese ki ng ließ, nicht minder bejubelt, in wirkungsvollen Stücken feine große Kunst zu den Hörern sprechen. Der Abend wurde ein voller Erfolg für das Winterhilfswerk.

Der Schachwellmeisterschaftskampf.

In Delft wurde die 24. Partie im Kampf um Die S chachweltrnei st erschaff gespielt. Euwe eröffnete mit dem Damenbauern. Aljech im ver­teidigte sich holländisch, und vereitelte im Mittel- splel einen Angriff Euwes. Es kam zum Abtausch aller Figuren und der Damen, so daß nur noch Bauern auf dem Brett standen. Nach dem 33. Zug wurde die Partie remis gegeben. Stand: 7:7 bei 10 Remis-Partien. Die nächste Partie wird am Sonntag in Amsterdam gespielt.

Schriftstück unterzeichnen, wonach er Rußland in mer Tagen zu verlassen hatte. Da er dies ablehnte, meil es nicht möglich war, legte man ihm eine an- öere Verpflichtung vor, nach der er in sieben Tagen öas Land zu verlassen hatte. Was die jetzt glücklich heimgekehrte Familie an Elend imSowjet-Para- öies" hat durchmachen müssen, ist kaum zu schildern. Sechs Todesopfer eines furchtbaren Brandunglücks in Texas.

Aus Fort Worth (Texas) wird ein furchtbares Vrandungluck gemeldet, von dem fast alle B e - w o h n e r e i n e s z w e i st ö ck i g e n W o h n h a u - |e s b e t r o f f e n wurden. Im ersten Stock dieses Wohnhauses war ein Gasbadeofen explo. , J e ,r t' der das ganze Gebäude in rasender Ge­schwindigkeit in Brand setzte. 6 Personen, darunter 3 b e 11 l a g r i g e Frauen, fanden den Tod in 0 e n JI am men. 11 weitere Hausbewohner wur- den zum Teil schwer verletzt, weil sie in ihrer Todesangst vor (Eintreffen der Feuerwehr aus den Fenstern und vom Dach herunter- prangen. Eine Frau sprang dabei unglück- licherweise in einen eisernen Zaun, wobei sich die Stutzen des Zauns so tief in ihren Körper einbohr­te n, daß die Rettungsmannschaften die Verunglückte heraussagen mußten. Sie wurde mit furchtbaren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht.

Der Einbruch in die Sowjelgefandlschaft in Prag aufgeklärt.

Es bestätigt sich, daß der Beamte der sowjet- russischen Gesandtschaft in Prag, K o z i m o w, ein Xatare, den bereits gemeldeten Einbruch in d i e Gesandtschaft verübte. Er konnte mittlerweile

' I * * werden. Bei einer Haussuchung fand die Polizei in seiner Wohnung Damen ft rümpfe und andere weibliche Bekleidungsstücke. Die weiteren Untersuchungen ergaben, daß Kozimow in einem Kraftwagen mit einerDame" aus Prag geflüchtet mar. Daraufhin wurde der Lenker des Kraft- wagens feftgenommen. Begleitet von zwei Delek- tioen fuhr der Kraftwagenführer dann nach Bösiq m der Nahe von Böhmisch-Leipa, wohin er den Kozimow in der Nacht vorher gefahren hatte. Tat­sächlich fand die Polizei den Kozimow völlig betrunken auf einer Kellerstiege in einem Gast- paus in Bösig. Kozimow wurde verhaftet, und auch der Kraftwagenführer wurde in polizeiliches Ge- wahrsam genommen. Sämtliche aus der Gesandt­schaft entwendeten Geldbeträge etwa 700 000 Kronen und die geheimen Dokumente konnten

dem Einbrecher wieder abgenommen werden.

Kunst und Wissenschaft.

Gigli fang für das Mnlerhilsswerk.

Anläßlich des Todes der Fliegerin Else Hoffmann telegraphierte Vizekanzler Starhemberg an den Gesandten von Papen:Anläßlich des tra­gischen Ablebens der Fliegerin Fräulein Hoffmann gestatte ich mir, Euerer Exzellenz im Namen der Oesterreichischen Sport- und Turnfront und im eigenen Namen die Gefühle aufrichtiger Teilnahme zum Ausdruck zu bringen. E. R. Starhemberg." Darauf antwortete Gesandter von Papen: die Teilnahme, die (Eure Durchlaucht anläßlich-----------l|t Ul ucu ^unimmen oer

Todes der deutschen Fliegerin Fräulein Hoffmann Bolschewisten gestorben. Ein Sohn, der neun Mo- im Namen der Oesterreichischen Sport- und Turn- nate im Gefängnis geschmachtet hatte ist jetzt frei front rote im eigenen Namen auszusprechen die geworden. Bei feiner Freilassung sollte er ein

(Ein lachender Philosoph.

3u Mark Twains 100 Geburtstage am 30. November.

Die größte und angesehenste literarische Gesellschaft Amerikas ist die Mark-Twain- Gesellschast, deren Ehrenpräsidium hervor­ragende Männer aller Kulturstaaten ange­hören, für Deutschland der Dichter Frank T h i e ß ,' für Italien Mussolini, und viele andere.

Kaum, daß ich diesen Bericht beginne, würde Mark Twain mich unterbrechen: wenn man schon seinen hundertsten Geburtstag feiert, so soll man nicht vergessen, daß es einmal einen ersten gegeben hat. Dann aber ist der 30. November 1935 fein hundertunderster Geburtstag, und er wäre wieder einmal um ein Jahr weiter als alle andern, die ihn heute grüßen.

Er ist immer ein wenig weiter gewesen als wir, weil er mit einer sieghaften Meisterschaft die töd­lichste und zugleich friedlichste aller Waffen führte, die des Lachens; eines Lachens wissender Ueber- legenheit. Darum ist es flach, ihn heute nur als Humoristen zu feiern. Nie gäbe diese Bezeichnung das Wesen seines Geistes wieder. Die Bedeutung seines Wirkens beruht auf tieferen Kräften.

Aehnlich wie bei Jack Landon geht feine un­geheure Volkstümlichkeit darauf zurück, daß Mark Twain alle jene Spezifika des Amerikanertums in repräsentativer Form herausstellte, die in der zwei­ten Halste des vorigen Jahrhunderts die Größe der Vereinigten Staaten mitbegründet haben. Das Keep smile" immer lächeln ist heute ge­sellschaftliche Phrase geworden, einst war es inte­grierender Bestandteil eines großartigen Positivis­mus, der an einen Aufstieg glaubte, weil er ihn wollte. Gerade wir Deutsche sollten die in einem solchen Glauben ruhende Kraft heute verstehen und uns der vier Eigenschaften erinnern, ohne die Mark Twains Leben und die Jugend feines Vaterlandes nicht zu denken ist: Heiterkeit, Vorurteilslosigkeit, Fairneß, Furchtlosigkeit.

Das Leben Mark Twains, eines in jedem Verstände anständigen, gütigen, furchtlosen Mannes ist repräsentativ amerikanisch und sein Werk ein in jeder Hinsicht national bestimmtes Werk. Mit Witze- niachen hätte er weder in Amerika, noch in der übrigen Welt diesen Ruhm erreicht. Weil sein Hu­mor eine typisch amerikanische und als solche volk- lich-tiefe Form der Ueberwindung des Lebens tft.

mußte dieser zugleich durch seine Echtheit wie feine (Eigenart alle Welt zum Aufhorchen zwingen. So beweist auch Mark Twains Ruhm, daß die Dich­tung eines Volkes sich auf andere Volker nicht durch das überträgt, was sie diesen gleich macht, sondern was sie von diesen unterscheidet. Dies gilt überall, wo überhaupt eine Leistung von Rang geschaffen wird. Aber es gilt zugleich nur unter der Voraus­setzung, daß die Fundamente dieser Leistung im Menschlichen schlechthin ruhen, also in den die Vol­ker voneinander nicht unterscheidenden, sondern sie schweigend verbindendenewigen Gefühlen".

Heiterkeit, Vorurteilslosigkeit, Ritterlichkeit, Furcht­losigkeit sind keine Eigenschaften, die der Alt-Ameri­kaner vor andern Volkern voraus hätte. Aber in der besonderen Mark Twainschen Verbindung und auf dem Hintergründe eines sich selbst erst ent­deckenden, optimistischen, lebensbegeisterten und raumtrunkenen Volkes formen sie sich in seinen Schriften zum Bilde jener Generationen, die USA. groß gemacht haben. Wieweit das Gesagte für heute noch oder nicht mehr Geltung hat, steht im Augen­blick außer Belang. Sicher ist, daß es Mark Twain seine in gewissem Sinne klassische Be­deutung in der amerikanischen Literatur zumeist. Ihm bleibt das Verdienst, diese Charakterzüge in seinen Schriften auf unverwechselbare Art und an ein paar unvergeßlichen Gestalten ausgeprägt zu haben.

Soweit Mark Twainamerikanischer Klassiker" genannt werden kann (wovor er selbst drei Kreuze schlagen würde), ist er für uns Deutsche zugleich achtunggebietend und überlebt. SeinT o m S a w- y e r" undHuckleberry Finn" sind als Dokumente eines geschichtlich gewordenen Ameri­kanertums interessant, aber als Lektüre für Er­wachsene schwer genießbar (um so empfehlenswer­ter als Jugendbücher). Dagegen bleiben feine Schil­derungen des Mississippi, seine unvergleichlichen Bücher über dasGold- und Silberland" nicht nur als biographische Werke ungemein anziehend, son­dern sie sind auch rein schriftstellerisch Meisterstücke. Dasselbe gilt von seinerReise u m d i e W e l t", die ich dieser Tage wieder mit dem größten Ver­gnügen gelesen habe. (Das Gesamtwert Mark Twains ist in einer Reihe gut ausgestatteter, zum Teil illustrierter Bände bei Robert Lutz in Stutt­gart erschienen.) In ihr ist Wissenswertes, ja Lehr­haftes auf eine so unaufdringliche, elegante und fesselnde Art vorgetragen, daß auch in unserer so veränderten Gegenwart vierzig Jahre nach dem Erscheinen des Buches kaum eine Seite veraltet ist. Alles atmet die größte Frische, die belebende Lust eines freien und temperamentvollen ©elftes.

In dieserReise um die Welt" findet sich der tiefe Satz, den niemand vergessen sollte, der Mark Twain lieft:Leben ist Leiden. Selbst die verbor­gene Quelle des Humors ist nicht Freude, sondern Schmerz. Es gibt keinen Humor im Himmel". Ein wundervolles Wort, in dem sich der ganze Mark Twain spiegelt. Es deckt den Sinn alles Humors auf, der von Gott am achten Tage geschaffen wurde, nachdem er am siebenten sich ausgeruht und gesehen hatte, daß die Welt zwarsehr gut", zu- gleid) aber sehr traurig war. Da blieb ihm nichts übrig, als die Weisheit des Lächelns zu erschaffen Aller echte Humor ist spezifische Frucht unseres ge­liebten und schmerzensreichen Planeten. Er kann nur aus dem Boden mitleidvollen Erlebens erwach­sen. Wie die Schönheit ist er ein Mittel, die Fin­sternis der Existenz zu überspielen und über die l'chtlose Tiefe der Erde die heiteren Wiesen des Lächelns zu bereiten.

95tarf Twain hat das Lied der Welt nie fort- gelacht, sondern es durch die Linse seines welt- offenen Temperaments fallen lassen. Und wenn es auch noch Leid blieb, so erkannte doch der Mensch, der auf diese Art davon Kunde empfing, dieses Leid mcht mehr als eine Grausamkeit Gottes, sondern als ein Element des Weltbaus selbst. Er stand zum Leide der Welt, ja zu seinem eigenen Leide nicht mehr als ein Zorniger, als ein Hassender, sondern als ein Lächelnder und das muß wohl heißen, als em liebender Mensch unter Menschen.

Man hat gern in Mark Twain einen Possenreißer sehen wollen. Er aber hat nie Witze um der Pointe willen gemacht, sondern weil ihm der Witz als die Form erschien, in der man Tiefes auf eine Art sagen kann, die jeder versteht. So ist er als Philo­soph Demokrit nicht unähnlich, der es darauf anlegte, den törichten und unwissenden Menschen Weisheit unmerklich und lachend beizubringen.

Wir Deutschen sollten ihm mit besonders gutem Gewissen ein freundliches Andenken bewahren, denn obwohl wir ein viel zu ernstes Volk sind, hat er uns ehrlich bewundert, ja geliebt und viel dazu beige­tragen, die Mißverständnisse der Welt über uns zu beseitigen. Sein Aussatz über denSchrecken der deutschen Sprache" enthält die liebenswürdigsten Wahrheiten, die je über unsere schwierige Sprache gesagt worden sind. Seine Reisebriefe über den Aufenthalt in Deutschland sind bleibende Dokumente einer scharfäugigen, klaren und tiefen Sympathie, für die wir ihm nicht nur mit dem Munde dankbar sein sollten. Es wäre zu wünschen, daß sein Ge­burtstag Anlaß gäbe, sich erneut den Werken dieses großen Schriftstellers zuzuwenden.

Eran-b Thiess.

"'Die ganze Wett dreht sich um Liebe" .Der Gloria-Palast zeigt unter dieser lieber- lchrift einen Syndikat-Film nach der Operette , Clo- Clo" von Franz Lehar, wozu Hans S a ß m a n n und Ernst M a r i s ch k a das Drehbuch geschrieben haben. Daraus entstand eine Parade-Gesangsrolle für die blonde Maria E g g e r t h , die hier ausgie­big Gelegenheit findet, ihren hohen Koloratur- opran auf der Bühne, hinter der Bühne und auch sonst in allerlei malerischen Episoden und Posen Zur Geltung zu bringen. Die Handlung ist eine Mischung aus Operette und Schwank, nimmt aber gegen Ende eine hochdramatische Wendung, indem mit der Möglichkeit gespielt wird, die auf Grund hef­tiger Verwechslungen zusommengeführten ahnungs­los Liebenden seien Bruder und Schwester; dies stellt sich zum Glück bald als Irrtum heraus, so daß einem happy end im Operettenstil nichts mehr im Wege steht. Im übrigen ist die Handlung vor­wiegend auf bewährte humoristische Wirkungen ab­gestellt, so wenn Vater und Sohn von ihrem ein­samen Gut einen vergnügten Abstecher in die Stadt machen und die besorgte Mama ihnen den seit vie­len Jahren bewährten Diener des Hauses zur Be­aufsichtigung mitgibt. Wieder durch Zufall geraten sie auf die Bühne, wo eben eine Aufführung im besten Gang ist; das führt gegen Ende, als der Konflikt bereits aus dem Wege geräumt ist, zu gro­tesken Situationen, die unwiderstehlich zum Lachen reizen. Hier ist der Komiker Moser aus Wien in großer Form, auch Leo S l e z a k, obwohl er dies­mal nichts zu fingen hat, tut als Vater das Seine, während Rolf W a n k a einen sympathischen jun­gen Liebhaber abgibt. Tourjanskys Spiellei­tung wirkt sich in einigen guten Landschaftsbildern und in der Ausschöpfung des beliebten Kulissen­zaubers am ergiebigsten aus.

*

Auf der Bühne zeigen Natalia Michaylowa und Boris Bojarsky in malerischen National­kostümen eine Anzahl russischer Tänze, die recht beifällig ausgenommen wurden. Außerdem sieht man die Wochenschau und einen KurzfilmPyra­miden und Sphinxe" aus dem alten Kulturlande der Pharaonen. __r__

Hochschulnachrichien.

Der Dozent Dr. Georg R o h d e on der Universi- töt Marburg hat von der türkischen Regierung einen Ruf auf die Professur für klassische Philologe an der neuerrichteten Universität Ankara erhalten und angenommen.