Ausgabe 
29.7.1935
 
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Nr. 174 zweiter vlatt

Montag, r».M 1955

Gießener Anzeiger tSenerai-Snzeiger für <i>berWen>

lunb Zeppelinfahrten mitgemacht, ich flog mit der Do X" und mit allen bekannteren Flugzeugtypen,

wird

genommen werden.

HI., Bann 116.

Schmetterling auf eine Blüte.

Ich aber bin wie betäubt von dem Eindruck dieses

Sturmflüge und sogar Notlandungen blieben mir nicht unbekannt. Ich habe sogar mehrfach mit Ernst Udet und anderen Kunstfliegern Loopings gedreht und bin mit den Rädern nach oben und mit dem Kopf nach unten rund um das Schleißheimer Schloß

nationalsozialistischen Jugend angehört haben, ver­liehen. Jedoch ist für die genannten Organisationen eine ununterbrochene Dienstleistung seit dem Aus­scheiden aus der HI. Vorbedingung für die Ver­leihung des Ehrenzeichens.

Das Ehenzeichen soll eine äußere Anerkennung für die Verdienste der alten Garde der HI. sein.

Auch im Bereich des Bonnes 116 der HI. wird die Verleihung der Ehrenzeichen, soweit sie bereits eingetroffen sind, demnächst in feierlicher Form vor-

Gleich nach dem Mittag war man gestartet und Sylvia, die um einige Minuten früher abfuhr, ge­lang es sogar, ihren Vorsprung um ein Beträcht­liches zu vergrößern, dank ihrer gesteiaerten Le­bensfreude von heute, die seltsamer Weise in einer größeren Mißachtung der Gefahren zum Ausdruck kam, wie so wohl oder übel ein übermäßiges Schnellfahren mit sich bringen mußte. Eine knappe Viertelstunde früher als Alexander erreichte Sylvia das Ziel, sie konnte unmöglich erwarten, daß diese geringe Zeitspanne dazu ausersehen war, ihren Vorsprung auf der Landstraße zu benützen, um sie auf der Bahn ihres Lebens um Jahrzehnte zurück­fallen zu lassen. Während sie auf Alexander war­tete in einem kleinen GartencafS neben der Straße hatte sie Zeit über ihr Leben nachzu­denken, unbeabsichtigt, wie der Mensch nun ein­mal ist, der in der Unrast seiner Tage manchmal eine erzwungene Atempause braucht, um sich zur wahren Besinnung verleiten zu lassen.

Zweifellos war Sylvia mit dem Kurs zufrieden, den ihr Lebensschiff genommen. hatte, sei sie es selbst zu steuern versuchte, vorbei an jenem Hafen, der von den Menschen gerade als der sicherste be­zeichnet war man kennt ihn schon; ohne dabei überheblich zu sein, durfte sie sich einqestehen, daß sie keinen Wunsch hatte, dessen Erfüllung sie sich ersehnte. Auf keinen Fall in diesem Augenblick, da sie dort saß im Garten, den Kopf ein wenig nach vorne geneigt, vor sich die kühn abstürzenden Felsen zum weitoffenen Meere, das auf seinem mächtigen und silbergleißenden Rücken ihr die Sonne als feuerroten Spielball zeigte. Vielleicht war Sylvia nahe daran, sich restlos glücklich zu fühlen, sicher wäre es soweit gekommen, wenn nicht im letzten Augenblick ein feinster, fast körperlich ausgeprägter Instinkt sie davor gewarnt hätte, ein Instinkt, der ihr zu eigen war, und wie schon.oft, auch diesesmal den Beweis für die Güte seines Vorhandenseins nicht schuldig bleiben sollte.

Hinter Sylvia waren neue Gäste in den Garten getreten. Ohne es zu wünschen, mußte sie ihnen ihre Aufmerksamkeit zuwenden, ohne die kleinste Be­wegung ihres Körpers nach rückwärts wartete sie gespannt bis sie Platz genommen hatten und war­tete weiter, bis das erste Wort fiel.

Das erste Wort hießAlexis", die Stimme, die es aussprach, gehörte Georg.

Seit gut zehn Jahren hatte ihn Sylvia nicht mehr gesehen, im gleichen Augenblick, da sie ihn erkannte, ohne ihn noch erblickt zu haben, überfiel sie eine seltsame Verwirrung. Sie konnte nicht klar fühlen, ob ihre Liebe ihm noch gehörte wie ehedem, sie

mit mir löst ge- um

Wegen Kanzelmißbrauchs verurteilt.

Hanau, 27. Juli. (LPD.) In einer bis in die Nachtstunden sich hinziehenden Verhandlung hat die Große Hanauer Strafkammer den acht­undvierzig Jahre alten Kuratus Ludwig Roth in Dietges, Kreis Fulda, wegen K a n z e l m i ß - b r a u ch s im Sinne des § 130a des Strafgesetz­buchs (Kanzelparagraph) zu einer Gefängnis- strafe von 8 Monaten verurteilt. Er hatte am 8. Juli v. I. im Vormittagsgottesdienst der Kirche in Dietges in seiner Predigt das politische Gebiet berührt und dabei sich in übler Weise gegen den Nationalsozialismus und seine Weltanschauung gewandt.

unserem Segler hängen. Aber unser Flugzeug wird gleichzeitig von vier starken Männern am Schwanz­ende festgehalten, die sich mit- den Absätzen in den Grasboden einkrallen. Nun beginnen die 14 Mann auf das zweite Kommando hin zu laufen, was das Zeug und der Gummi hält. Und dann, dann...

Das große ZauberwortLos!", vor dem ich vibrierenden Nerven auf der Lauer lag, klingt wie ein betäubender Gong in den Ohren und mit einem Schlage alle Spannung. Was ist fchehen? Hat sich der Holzrumpf noch mehr mich zusammengekrampft wie eine Faust und mich hinweggeschleudert, dreißig, vierzig Meter hoch? Ich spüre einen Druck und Zug, daß mir einen Augen-

Ich fliege Segel!"

Als Passagier motorlos über der Hohen Rhön.

auch allen Parteigenossen, SA.- und SS.« Männern, die bereits vor der genannten Zeit der

Lebens geblieben.

Nun aber kommt wohl der stärkste Eindruck meines Fluges. Frei schweben wir über die große Wiese zwischen Wasserkuppe und Pferdskopf hin­weg. Mit neun Jahren sah ich hier, im Grase liegend, die allerersten Oleitflü^e. Darmstädter Studenten waren es, die m primitiven Appa­raten hängend im Lauf sich vom Boden abstießen, und ich glaube, der später hier tödlich verunglückte Freiherr von Loessl, dessen Gedenkstein wir gerade überflogen haben, war auch dabei. Diese ersten kurzen Gleitflüge den Hang hinunter regten damals unsere jugendliche Phantasie gewaltig an und wir träumten von Seglern, die lautlos durch die Luft ziehen, und sahen den Himmel voller Flugzeuge. Ich schließe heute in meinem Segler für eine kurze Weile die Augen und erlebe noch einmal diesen Traum des Knaben, dann öffne ich sie wieder, und der Traum ist lebendige Wirk­lichkeit geworden. Wohl ein Dutzend Riesen­segler gleiten gerade durch die Luft, und die Wiesen ringsum sind betupft von kleineren Schulungsflug­zeugen, die wie große weiße Blumen auf den grünen Hängen blühen! Beim Begegnen ermuntert man sich, stellt kurze Fragen, und jedes Wort ist zu hören.

In diesem Augenblick schweben wir lautlos und schemenhaft über dem Fliegerlager. Ich sehe Zelte und nochmals Zelte, große und kleine, und dann wird auf einmal das ganze weite Land unter mir zu einer blühenden, fantastischen Fata Morgana. Die Menschen erscheinen plötzlich als Beduinen, die sich mit langen wallenden Gewändern in ihrem Zeltdorf umherbewegen. Der weiche, warme Wind umspült meinen Körper wie eine zarte Massage, das Blut klopft dumpf wie in weinloser Weinseligkeit und die Fantasie wird bei mühelosem Hinauf- und Hinunterschweben ungebändigt und ausschweifend, als ob sie in Sekt gebadet wäre, und bunt kühne Gebilde auf. Nun sind wir Segler alle nur noch weiße und braune Fetzen, die der Wind umher- treibt, willenlos, wesenlos. Dann aber bei leichten Kurven vermeine ich, die Tragflächen seien unmit­telbar an -den Hüften fest angewachsen und würden kokett hin- und herbewegt wie ein Rokoko-Reifrock beim graziösen Gang seiner Trägerin. Ein neuer Blick in die Tiefe reißt mich aber ganz plötzlich aus allen Fantasien. Wir haben tolle Fahrt und sind wie im Sprung über die Gipfelbaude hinweggefegt. Un­ten am Startplatz erkenne ich deuttich eine Reihe von Bekannten. Sie winken mit rührender Begei­sterung. Als ich aber ebenfalls mein Taschentuch herausziehen will, gelingt dies nicht, denn hierfür ist mein Sitz viel zu eng.

Wir kreuzen noch eine ganze Weile über der Hohen Rhön. Jenseits Abtsroda kommt noch etwas ganz Köstliches: wir reiten eine kurze Weile auf einer kleinen Wolke, die unter uns am Berghang entlanggaloppiert und einen gespenstischen Schatten ins Tal wirft, der mit uns wandert. Nun wirft die Wolke den stolzen Reiter ab, als wir wieder gegen den Wind drehen. Ganz plötzlich jedoch geht schließlich das schöne Märchen zu Ende. Drüben bei der Fuldaquelle setzt der Aufwind aus. Irgend­etwas, das ich nicht sehe und nur fühle, saugt uns an und zieht uns wie einen Fahrstuhl nach unten. Alex Schleicher ruft mir zu, er wolle landen, und dann geht es auch schon steil hinunter in Richtung Startplatz. Dicht über dem Boden fängt er das Flugzeug auf und wunderbar sanft schwebt es aus, um sich dann weich mit ganz kurzem Auslauf auf die Wiese hinzusetzen, so selbstverständlich wie ein

geflogen. Schon oft bin ich gefragt worden, was denn nun der aüerftärffte Eindruck für mich hierbei gewesen sei. Bis jetzt antwortete ich stets: ein Ab­trudeln 1000 Meter tief mit laufendem Motor in senkrechtem Sturzflug, wenn man kaum noch atmen kann, weil die Luft beim 400-Kilometertempo dick und heiß zu werden scheint wie flüssiges Blei! Von jetzt an aber werde ich ohne zu überlegen antwor­ten: ein Segelflug über der Hohen Rhön. 6.

Das HZ. Ehrenzeichen.

Der Reichsjugendführer Baldur von Schi« rach verleiht allen Hitlerjungen und BdM.-Mädels, die bereits vor dem ersten Reichsjugendtag in Pots­dam (1. und 2. Oktober 1932) der nationalsozialisti­schen Jugend (Hitlerjugend-Beweguna) angehört haben, ein besonderes Ehrenzeichen.

Dieses Ehrenzeichen unterscheidet sich in Form und Aussehen von der gewöhnlichen HJ.-Nadel durch eine breiten, goldenen Rand (siehe Abbildung) und

war und es auch bleiben mußte, weil Sylvia nach wie vor jeden Antrag ablehnte.

Am Morgen ihres zweiunddreißigsten Geburts­tages ließ ihr Alexander, ein Freund, der sie seit zehn Jahren in gleicher Beständigkeit verehrte, zu­gleich mit einem großen Geschenk seine neuerliche Bitte überbringen. Sylvia gab ihm seine Zeilen zu- rück, nur mit einer kleinen Zahl versehen und dem Ersuchen, ihr diese Genauigkeit nicht weiter Übel zu nehmen. Alexander lachte darüber als er las, daß er soeben seine zehnte Absage erhalten hatte, hoffte aber, die Zeit möge währen für weitere zehn dieser Briefe, denn im Stillen glaubte er längst nicht mehr an den Tag, da er Sylvia heimführen würde. Hingegen freute er sich jetzt schon auf das bevorstehende Zusammensein mit ihr, wie jedes Jahr an ihrem Geburtstag war er auch diesesmal eingeladen, als einziger Gast bei ihr zu Mittag zu fein.

Obwohl Sylvia zu jeder Zeit ein sanftes Lächeln trug, das, gleich einem Spiegel die ruhige und gute Ausgeglichenheit ihres Inneren zeigte, verriet heute ein strahlender Glanz in ihren Augen die außer­gewöhnliche, fast fvrühende Munterkeit ihrer Laune, in der sie auch Alexander, schon bei seinem Eintre­ten lachend ihre beiden Hände entgegenhielt. Diese Hände es muß gesagt sein kamen wirklich in ihrer Schönheit einer Vollendung nahe, die den Gedanken erstehen ließ: Hände, seien eigene, vom Körper unabhängige Wesen, lebendig und begnadet in einer Sprache zu reden, wie der Mund sie in Worten niemals reicher und dem Herzen näher erschaffen konnte. Sylvia selbst erhöhte, ohne es zu wissen, diesen Reiz ihrer Hände durch die Art in der sie ihre Hände trug, wie kleine, kostbare Vögel, die einer sorgsamen und zärtlichen Betreuung be­durften.

Sylvia hatte es nicht leicht, als sie Alexander gegenübersaß, seinen sicher aus aufrichtigem Herzen kommenden Worten der Bewunderung einen wenn nicht zurückweisenden, doch sicheren Damm zu setzen; es war sogar so weit gekommen, daß sie in einem plötzlichen Anflug von Müdigkeit den Wunsch aus­sprach, den Nachmittag im Freien, außerhalb der Stadt zu verbringen. So fanden sie sich dann über­ein, jeder in seinem eigenen Wagen nach Helsen zu fahren, einem kleinen Badeort in der Bucht von Borka, der, wie man wußte, wenig besucht war, aber in einem seltsamen Widerspiel ferner Landschaft des weitoffenen Meeres und der schroffen Felsen, die gemeinsame Liebe und Bewunderung der bei­den schon seit vielen Jahren gefunden hatte.

meinem Rock reiben, und atme tief aus, um mich möglichst schlank zu machen und die Steuerung ja nicht zu behindern. Bin ich nicht mit meinen 170 Pfund ein zu feister Passagier geworden? Nun liegen wir ganz schräg in der Kurve und ein Schauer läuft mir den Rücken herunter bis ganz nach unten, wo meine Beine ein unübersichtliches Knäuel bilden. Wer nun den Motorflug gewohnt ist, empfindet unweigerlich, auch wenn er es weiß, beim Segelkurven ein Gefühl des Abrutschens über den inneren Flügel, weil die Zugkraft fehlt, die das Flugzeug rasch durchreißt. Nun haben wir ganz gedreht und mir ist es, als ob die sechzehn Meter weiten Tragblächen, zierlich wie Spinnweben, unter dem starken Gegenwind ftönen und ächzen. Einen kurzen Augenblick überlege ich: wird er auch hal­ten, der Leim, der das dünne Furnierholz zusam­menhält oder sollen wir dieGeleimten" sein? Ich vertraue meinem guten Stern und der Gründlich­keit des Konstrukteurs und rasch verschwinden diese überflüssigen Gedanken, denn jetzt kommt das große Wunder!

Wir steigen unausgesetzt, während wir an dem berühmten Pelznerhang entlangsegeln, bald lang­sam und steil wie in einem Fahrstuhl, bald rascher und flacher wie auf einer unsichtbaren Treppe im Luftraum. Ich sehe keine Kraft, ich höre keine Kraft, ich ahne und genieße nur in einem grenzen­losen Sinnenrausch dieses unerhörte Märchen! Und wenn dann weiterhin die Drähte leise fingen und die Tragflächen stöhnen, dann klingt es mir in den Ohren bald zart wie Harfenklang, bald, bei starkem Auf- und Gegenwind, als wenn jemand Scarlatti auf einem Spinett spielte!

Jetzt erst begreife ich ganz, daß Menschen monate­lang hungern, darben und sich abplagen, daß die begeisterte neue deutsche Segelfliegerjugend jedes Opfer auf sich nimmt, um einige Wochen in der Hohen Rhön motorlos fliegen zu können. Denn das ist die Rückkehr zur Romantik im Zeitalter der hundertpferdigen Motoren, die sonst die bequemen Verkehrsflugzeuge wie riesige Droschken durch die Luft ziehen!

Nun befinden wir uns bald, je höher wir kommen, in bester Gesellschaft. Wir steigen hinauf bis zu den Koryphäen, die seit Stunden oben über der Hohen Rhön geräuschlos und weltenfern ihre Kreise ziehen und denen ich den ganzen Vormittag über erdgebunden vor meinem Start voll Sehnsucht und Bewunderung von der Wasserkuppe aus zu- aesehen hatte. Ein günstiger Aufwind sowie das fabelhafte Geschick meines Piloten tragen uns zu den Kanonen empor, die um den Sieg in den ver­schiedenen Wettbewerben ringen. Während unser braves Flugzeug mit allen Raffinessen Meter um Meter Höhe erobert, finde ich Zeit, mir meinen Piloten einmal genauer anzusehen. Es ist Alex Schleicher, Konstrukteur, Erbauer und Flieger in einer Person, ein zweiter Espenlaub, unter allen Fliegern fast allein ein Sohn der Rhön. Er stammt aus dem am Fuße der Wasserkuppe in einer bezaubernden Landschaft gelegenen Höhen­luftkurort Poppenhausen, dessen Name eines seiner ersten Flugzeuge in Ehren trug. In der Werkstatt seines Vaters erlernte er das Schreiner­handwerk. Als junger Bursche fand er Beschäftigung in der kleinen Segelflugwerst der Röhn-Rossitten- Gesellschaft auf der Wasserkuppe, und dort eignete er sich mit einem Idealismus und Fanatismus ohnegleichen all das an, was ihn nach einer dornen­vollen Laufbahn zum selbständigen Konstrukteur und Flugzeugbauer in eigener Werft gemacht hat.

blick Hören und Sehen vergeht, und ich kaure mich zusammen, soweit das noch möglich ist. Aber diese absolute Untätigkeit bei einem solch unerhörten Er- lebrtis erscheint mir unerträglich und schon beginnt das Hirn zu arbeiten. Wir hängen ja noch an den Gummiseilen und so werfe ich denn rasch einen Blick über die Bordwand, der zur Beruhigung wirb. Ich sehe, wie die Gummiseile sich aus den Karabinerhaken auslösen und pfeifend zu Boden schlagen. Tief unter uns purzeln infolge dieser plötz­lichen Entspannung ein paar Burschen von der Startmannschaft den Hang hinunter. Unser Flug­zeug macht hierbei eine kleine, von mir oft von unten beobachtete Verbeugung als untrügliches Zeichen, daß wir uns glücklich von allem Irdischen losgelöst haben, und nun schweben wir frei hinaus über das tiefe Tal, fort von der Kuppe des Berg­gipfels. Wir waren mit unserem Flugzeug gleich­sam ein lebendiger Pfeil, der vom straff gespann­ten Bogen abgeschossen wurde, hinaus, hinauf in den unendlichen Raum. Der Augenblick bleibt un­vergeßlich und bedeutet auch für den geistig Wohl- vorbereiteten eine Ueberraschung ohnegleichen. Einen einzigen kurzen Augenblick fühlen wir uns als kleine Rakete, die vom Boden sich selbst empor­treibt Vorgefühl kommender Entwicklung! Von jetzt an sind wir ganz auf uns gestellt, denn gleich nach dem Start sehen wir, vierhundert Meter unter uns im Tale, wenig verlockend, einen Wald und zerklüftetes Gestein.

Wir segsln zunächst am Pferdskopf vorbei über den Gersfelder Talkessel. Plötzlich dreht der Mann meines Vertrauens steil gegen den Wind, und da fällt mir auch schon ebenso plötzlich das Herz in die Hose. Ich spüre ganz deutlich, wie sich die dün­nen Drähte, die an den Bordwänden entlang zum Höhen- und Seitensteuer am Rümpfende führen, an

Die deutsche Segelfliegerjugend hat sich wiederum, wie in jedem Jahr, zum großen Wettbewerb auf dem klassischen Gelände der Wasserkuppe in der Rhön versammelt. Die 16. Rhön" nahm am 21. Juli mit einem neuen Langstrecken-Weltrekord ihren Anfang und heiß wird in dieser Zeit um den Sieg in den verschiedenen Wettkämpfen gerungen. Wir geben nachstehend die Erlebnisse und Gefühle eines Passagiers wieder, der zu einem Segelflug über der Hohen Rhön mit­genommen wurde.

Ausziehen! . . . Laufen!! . . . Los!!! . . Der junge Mensch vor mir ruft diese drei Worte lang- fam, laut, mit kalter Selbstverständlichkeit. Ich weiß genau, daß mich diesmal die Sache unmittel­bar angeht. Zum Ueberlegen bleibt keine Zeit mehr. Unwiderruflich mache ich jetzt meinen ersten Segel- flug! Unser weißer Vogel liegt auf der saftig ge­schwellten Kuppe des Berges in Reih und Glied mit vielen anderen. Gerade hat man mich mühsam zu dem Piloten hineinverpackt in den unglaublich entzen Rumpf dieses Segelflugzeuges der nun meinen langen Leib und mein Gebein so gründlich umschließt wie der Kokon eine Schmetterlingspuppe. Wir starten mit 14MS", das findMenschen- Stürken". Beim ersten Kommando setzen sich zwei- mal sieben Männer in Bewegung und ziehen zwei Paar Gummiseile aus, an deren Enden wir mit

Schleicher sitzt zusammengeduckt in seinem Führer­sitz vor mir, ganz Nerv, den Steuerprügel für die Verbindungsflächen in der Faust und die Füße am Seitensteuer! Er geht erneut in eine Steilkurve, und dann fliegen wir mit dem Wind in sehr schnellem Tempo hoch über das Bergmassiv der -----

Wasserkuppe dahin. Der Blick öffnet sich weit nach Erlebnisses, das mir wohl nur dieses eine Mal ge- Westen, zum ersten Male sehe ich das tiefe Tal I wesen sein dürfte. Ich habe schon Ballonauffttege

Oie große Wandlung.

Von B Brandete.

Sie hieß Sylvia. Sie hatte das nicht unbedeu­tende Vermögen ihres Vaters schon früh geerbt und sich von dieser Zett an ihr Leben so gebaut, wie es dem Wunsch ihres bestimmt nicht einfältigen Herzens entsprochen hatte, genau so, wie ihrer Ge­danken den Weg vorzeichneten in einem starken und dabei sehr fraulich klugen Willen. Sie war zwölf Jahre alt, als sie den Entschluß faßte, niemals zu heiraten. Es war zur 'selben Stunde, als sie mit ihrer Mutter das Haus des Vaters verließ. Nach einer langen Ehe voll schwerem und zermürben­dem Mißverstehen, das in seiner vollen Härte die Mutter allein traf, hatten sich ihre Ettern getrennt. Zwei Jahre darauf war die Mutter im Gram über die Trennung gestorben, obwohl gerade sie es war, die diesen Schritt als einzigen Ausweg gewählt hatte. Am Todestag ihrer Mutter schwor Sylvia, on ihrem fast noch als Kind gefaßten Entschluß um leben Preis festzuhalten. Sie war auch nicht zu ihrem Vater zurückgekehrt, ein Onkel, der Bruder ihrer Mutter hatte sie aufgenommen. Bald daraus war ihr Vater gestorben, sein Testament zugunsten eines entfernten Verwandten konnte für ungültig erklärt werden, so war sie in den Besitz des vollen, wie schon gesagt, nicht unbedeutenden Vermögens ihres Vaters gekommen. Genau zwanzig Jahre war Sylvia damals alt; am Tage vor der Entscheidung über das Testament ihres Vaters hatte Georg sie gebeten, seine Frau zu werden. Sie sagte nein, ob- wohl sie wußte, daß sie niemals einen Mann mehr tieben würde, als ihn. In Freundschaft hatten sie fich getrennt, waren später noch einige Male zu- Fammengetroffen, um sich bann vollenbs aus den Augen zu verlieren. Georg war es auch, ber ihre fränbe geküßt hatte unb babei sagte.. .bie schön­sten ber Wett" unb Sylvia hatte in biefem Augem ölirf gewußt, genau so stark, wie sie heute noch Daran glaubte, bah Georg biese Worte vor etner anberen Frau niemals wieberholen wurde.

Zwölf Jahre waren seit btefer Zeit vergangen □nb Sylvia war in ihrer gereiften Schönheit noch mehr umworben als mit zwanzig Jahren. Die Männer wußten, baß ihre Gesellschaft neben bcm Anblick eines Bildes vollendeter Grazie den Genuß bedeutete, eine kluge unb in btefer Klugheit boch Mrückhaltenbe Frau sprechen zu ljoren, eine glurf- iche Ergänzung von Schönheit unb Geist bei Syl­via, wie sie wohl bas Wunschbilb so vieler Manner

ber Lütter aus ber Vogelperspektive, bort kenne ich jeben Baum unb Strauch, jebe Wiese unb jeben Weg, unb ich recke mich hoch aus bem Flugzeug­rumpf heraus, bis sich bie Borbränber über meiner allzu breiten Hüfte fefttlemmen. Am Dorfeingang nach Poppenhausen steht ber Hof meines Groß­vaters, unoeränbert unb unverrückt seit vielen Gene­rationen. So manche Schulferien habe ich, ber Großstabtjunge, auf diesem Hof unb in biefer Rhön verbracht, unb es finb bie schönsten Wochen meines

hätte sich selbst ja sagen müssen in ber Erwägung, bah sie, bie in jeber Lebenslage sonst gefaht war, angefangen hatte, nachzubenken, in welcher Weise sie ihm begegnen sollte, wenn er sie plötzlich er­kannte, aufftanb unb ihr gegenübertreten würbe. Der Zwiespalt in ihrem Innern aber war hervor­gerufen burch ben zärtlichen Ton seiner Stimme, in bem er bas erste Wort ausgesprochen hatte, in bem er weiterhin ber sanften Frauenstimme neben sich begegnete. Denn baraus spürte Sylvia, daß bie mit Alexis Angeredete, die Frau seines Herzens war.

Jedes einzelne Wort des Gespräches zwischen Georg und Alexis konnte Sylvia verstehen, sogar deutlich verstehen. Sie horchte, horchte immer weiter. Ein Vogel fang auf einem nahen Baum, der Him­mel war ocker gefärbt von ber Sonne, vom Meer her sprang eine leichte Brise auf.

Du hast bie schönsten Hände ber Welt, Alexis" sagte Georg.*

Sylvia wollte schreien, sie wollte bavonlaufen nach vorne zu ben Felsen unb bem Meer entgegen. Sie war gelähmt. Nur langsam und unter dem Aufwand ihrer letzten Kraft konnte sie den Kopf ein wenig zur Seite wenden, denn sie mußte diese Hände sehen, die nach dem Urteil des Mannes, dem sie vertraut hatte und immer noch vertraute, schöner waren als ihre eigenen Hände, die es wert waren, einen Verrat zu begehen, an bem Sinn bes einmal Gesprochenen.

Sylvia traten zwei große klare Tränen bitterer Enttäuschung in bie Augen, zugleich spürte sie ihr Herz in ber Empörung verletzten Stolzes unb schwe­rer Demütigung aufschlagen, als sie eine Hanb er­blickte, bie unvergleichlich ihrer Hand sich barfteüte, in ber Form unschön war, viel zu breit, unb in ihrem Ansehen kaum bie Erforbernisse erfüllen konnte, bie an jebe gepflegte Frauenhanb von vorneherein zu stellen finb.

Dies war eine Hand, sie lag breit auf ber Tisch- fläche, und als Sylvia ihren Kopf noch weiter zur Seite drehte, sah. sie erst die zweite Hand, von der Georg gesprochen hatte sie liebkoste ein kleines Kind.

Es war die Hand einer Mutter.

Sylvia fielen die Augen zu, sehnsüchtig wandte sie ihren Kopf nach vorn, während sie daran dacht« und erkannte, die Größe der Worte des Manne», die er einmal feiner Geliebten sagen durfte, ohns sie wiederholen zu können, die er ein zweitesmal Der Mutter seines Kindes sagen mußte; beide Male aufrichtig, aus dem Tiefsten feine» gläubigen Herzens erwachsen.

Niemals hat Alexander erfahren, wie es gekom­men war, daß Sylvia seine Frau wurde.