Hr. 149 vierter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für (Vberheffen)Samstag, 29. Juni {055
Vom bunten Vadeleben an der Lahn.
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Blick über eine der Badeanstalten an der Lahn.
vieler Hinsicht so geprie«
aus. Aber es war fchon
Die Natur gefällt sich manchmal in außerordent- lichen Zuständen. Wie oft erscheint sie uns launisch! Bor allem aber richtet sie sich mit der Gestaltung des' Wetters (um schon von dem in den letzten Ta-
fchäftsfchluß an die Lahn rasen Die Urlauber sind bereits schön braun gebrannt und können sich nun ein spöttisches Lächeln über die „Blaßgesichter" nicht verkneifen
$n den Badeanstalten beginnt zur Zeit der Tag sehr früh. Um %6 Uhr treffen häufig schon die ersten Gäste ein und erfrischen sich an einem Bad, bevor sie an ihre Arbeit gehen, wenig später kommen Soldaten, und allmählich bevölkern sich die
Das Leben hat, wenn man im Badetrikot ftecri, einen ganz anderen Rhythmus als sonst Obwohl es in unseren. Bädern gar nicht ruhig zugeht (dafür sorgt schon die stets zahlreich anwesende Jugend), herrscht doch eitel Gemütlichkeit Zu meckern gibt es ja auch nichts! Eine große Anzahl der Badegäste ist meist in der horizontalen Lage anzutreffen Es gibt unter ihnen sogar welche die das Wasser gar nicht findet Sie baden aber dafür um so ausgiebiger „Licht und Lust" Diele haben es unter Zuhilfenahme von Del bereits zu einem satten Indianerbraun gebracht, um das sich die Blonden unter ihnen meist vergebl'ch bemühen.
sene Natur in diesem Jahre drei Wochen länger als sonst auf den Frühling warten, sie schickte dann wie zur Abwechslung sehr kalte Tage zu ungelegener Zeit, so daß wir Menschen in diesem Jahre der Frühobsternte verlustig gehen müssen. Dann wiederum schien der Himmel nur noch aus Wolken zu bestehen, bis wir nun vor wenigen Tagen endlich wieder einmal für längere Zeit die Sonne kennen- • lernen sollten. Aber auch hier gestattet sich die Natur einen kleinen Treppenwitz: die Sonne zeigte sich uns just an dem Tage zum ersten Male in ihrer ganzen Kraft, da sie bereits Der (Sprunflturm. Oer Mittelpunkt her Badeanstalt. H"die,e-W erdichte und sich Nun anschickt, T~- - <2 für unsere Perspektive
.....V wieder in weniger fteb tz. ler Kurve ihre Bahn
ZU vollenden So gab - es tn den letzten Tagen
gen so viel zitierten Wetter auch an dieser Stelle zu reden) so gar nicht nach unserem Kalender. So ließ uns die sonst und in i ' 7 7 7' „ .
bis zu 30 Grad Celsius nn Schatten. Die männliche Menschheit, soweit sie mit Kragen und Schlips gehen zu müssen alaubte, stieß einen Seufzer nach dem andern
immer so: „Was dem einen die Eule, das ist dem Ja anderen die Nachtigall!" Wer wüßte jemanden, der
sich gerade über dieses Wetter königlicher freute, als der Badeanstaltsbesitzer?
Die Badeanstalten waren bis vor kurzem wie ver- DUWAM waist. Sie sahen trostlos aus. Aber nun sind sie er- j füllt von einem quicklebendigen Betrieb Die Flucht MMMregM; » an die Lahn ist eine allgemeine geworden: man kann
von vielen Tausenden sprechen, die für einige Stun- den die lästigen Kleider los fein wollen. Arn besten sind jene daran, die ihren Erholungsurlaub per Diesel in diese Wochen verlegten und sich nun m
Ein Besuch in einer unseren hiesigen Badeanstalten läßt die verschiedensten Temperamente erkennen Die einen stehcn herum, laufen da und dorthin, finden einfach keinen Platz zum Sitzen ober Liegen. Andere liegen stundenlang auf dem Bauch oder auf dem Rücken und rühren sich nicht. Der oder jene lieben die unmittelbare Berührung mit dem deutschen Boden, andere tun es nicht ohne Badetuch Eine Reihe von Volksgenossen fühlt sich gar auf der harten Bretterpritsche am wohlsten.
Dem aufmerksamen Badegast ist das Leben am Wasser wie ein Bilderbuch. Hier steht ein Mädchen am Wasser und denkt „Soll ich oder soll ich nicht?", dort wird ein Junge von seinen Kameraden vom Laufsteg aus in das Wasser geschubbst (wehe, wenn er es übel nimmt!) und klatscht hart auf; oben auf dem Sechs-Meter-Sprungbrett liegen zwei Jungens auf dem Bauch und betrachten sich den Betrieb aus der Vogelschau, dort bemüht sich der Bademeister, einem angehenden Schwimmer den komplizierten Rhythmus des Brustschwimmens beizubringen, und im Badekasten der Kleinsten läßt eine Mutter ihren zweijährigen Sprößling mit dem Wasser vertraut werden, denn: „Was ein Häkchen werden will, krümmt sich bei Zeiten"
Die Jugend am Wasser ist ein besonderes Kapitel. Was ein Kerl ist und richtig schwimmen kann, der macht zunächst einmal einen Ausflug bis unter die Lahnbrücke (weil es verboten ist!) ober er springt vom Drei- ober Sechs-Meter-Brett aus tn bas Wasser, er probiert, ob er nicht bie schweren Hanteln zur Hochstrecke bringt ober er beteiligt sich am Wasserball - Spiel, bas Kraft unb Ausbauer verlangt.
Hier hockt einer mit untergeschlagenen Beinen wie weiland Diogenes in einer großen Tonne und lieft in einem Buch, das er sich mitgebracht hat auf dem Sandplatz wühlen die Kleineren tiefe Löcher und bauen Burgen. Andere schaukeln, so wild es geht, und wieder andere belagern die Rutschbahn. Tischtennis kann auch gespielt werden und wenn die Jugend alles dessen
müde ist, bann wirb entroeber im Wasser getobt ober ein Groschen für Eis geopfert. (Später noch einer!) Die Zeit wirb am unb im Wasser sozusagen mit allen Mitteln totgeschlagen, liefbefriebigt, vor allem aber hungrig, kehrt man nach Hause. So ist bas Leben an ber Lahn, von dem sich noch viel mehr erzählen ließe, eine einzige Quelle der Freude unb ber Entspannung.
Drei kleine Faulpelze lassen sich bräunen.
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Diogenes in feiner Bütt.
Die Wippschaukel — sehr beliebt.
Mit Korbei und Blechbüchse beim Fischfang.
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Bild oben (mitte): Unter ber JBraufe. Da- kühle q?a6 erfrischt unb belebt. — Unten links. Papa hat Eis gestiftet. Brüberchen und Schwesterchen e fen mit Anbacht unb'Behagen. — Unten Mitte. Ein Zweijähriger, wohlbehütet, mach Bekanntschaft mit ber Lahn Es bereitet ihm sichtlich Spaß - Unten rechts: In beschaulicher Ruhe werben Sonnenlicht unb -wärme auf dem Laufsteg genoffen.
(Aufnahmen Ul): Neuner, Gießener Anzeiger.^
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