Nr. M Dritter Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
§amüag,29. Zum (935
Aus der Provinzialhauptstadt.
Sonne über Aehren.
Von Reinhold Braun.
„Hier ist ein Zusammenhang und ein Ziel." Diese Worte aus dem Buche „Segen der Erde" Knut Hamsuns fallen mir ein beim Anblick des weiten, sonnenlichten Kornschlages vor mir.
Vom ersten Pflug-Ansetzen bis zur Mahd und darüber hinaus bis zum frisch-duftenden Brote: Ein Zusammenhang und ein Ziel, alles sich einord- nend in den ewigen Kreislauf, ihm dienend nach Vernunft und heiligem Gesetze! Da ist nicht Gewalt, Sinnlosigkeit irgendeines Zwangs. Da wächst im Ringe des menschlichen Tuns und im schaffenden Werk der Natur fein säuberlich und geduldig eins aus dem andern. Da hat alles seinen Ort in Zeit und Raum. Da helfen keine noch so gut gemeinten Worte. Die stille Tat ist alles bei Mensch und Natur.
„Eile mit Weile!" bleibt die ewige Predigt des Ackers.
Du darfst nicht mit Ungestüm pflügen und auch also nicht die Körner werfen, mußt alles wachsen und reifen lassen, mußt den starken, wartenden Glauben an Gottes Segen haben. Und wenn dann der. Tag der Reife gekommen ist, darfst du nicht regellos und wild oder gar mit stumpfem Eisen drauflos ttiähen.
Wer dem Zusammenhangs dienen will, muß sich dem Werdegesetze und dem unausgesprochenen Befehle seiner Bewegungen fügen. Millionen von Fruchtfeldern breiten sich in den Ländern der Völker aus. Aber die Menschen lernen von dem Nächst- liegendep nichts und lassen sich nicht vom ewigen Acker das Herz bewegen! Sie wüten unter sich gegen den vernunftgemäßen Zusammenhang und gegen das von Gott gewollte allgemeine Ziel. Es gibt Völker, die schütten freolerisch den Ueberreich- tum an Korn ins Meer, während andere im Hunger entkräften.
Segen dem Volke, das an seinen Fruchtfeldern immer wieder den Willen zum Zusammenhänge und seinem höchsten Ziele: „Dienet einander" lernt, das ferner durch alles hindurch die Vertiefung seiner eigenen Weisheit sich angelegen sein läßt: „Mit Treue säen jedwedes Ding des Geistes und des Herzens, jedwedes Wachsen voll Tapferkeit und in Einigkeit hüten und alles gläubig ausreifen lassen!"
Sonne über Aehren . . .
O dieses lautlose Schaffen in jedem Halme! Diese Hunderttausende von winzigen Hebewerken! Diese Kraft, Millionen von nährenden Tropfen vom Wurzelgrund bis in die höchsten Aehren steigen zu lassen! Jeder wandert auf seinem Wege und nach seinem Ziele? Wunder der gleichen Zielstrebigkeit!
Da stehst du mit mir am Rande der besonnten Roggenbreite. Wje uns die Ehrfurcht vor dem Unbetretenen verbindet! Das heilige Gebot der Un- betretbarkeit liegt uns so im Blute, daß wir es nicht wagen, auch nur einen Schritt in die Halmdichte hinein zu tun. Heiliger Boden, heiliges Werk da vor uns!
Wie es glücklich macht, am Rande zu verharren und des bloßen Anblicks sich zu freuen!
Wenn wir doch solches Tun und Erleben mehr auf unser Dasein und das Leben untereinander übertrügen! Wie tappen wir oft zerstörerisch in das innerste Sein von Menschen, in ihr Werk, ihre Gesinnung hinein! Wie oft maßen wir uns ein falsches Recht dazu an! Wie oft üben wir Grenzfrevel! Wie oft stoßen wir gewaltsam das Tor zu einem Geheimnisse auf!
Appell des ASDStV.Hochschiilgruppe Gießen, vor dem Gaustudentenbundssiihrer.
Am gestrigen Mittag fand im Gießener Studentenhaus zum Semesterschluß ein Appell des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes, Hochschulgruppe Gießen, und der Gießener Studentenschaft statt. Der
Hochschulgruppenleiter Stenger begrüßte die zahlreich erschienenen Kameraden und wies darauf hin, daß vor dem Semesterschluß und vor Beginn der Schulungslager diese Zusammenkunft notwendig gewesen wäre. Pg. Stenger nahm kurz Stellung zu der in diesem Semester betriebenen Schulungsarbeit und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die in diesem Semester bestehenden Arbeitsgemeinschaften die Grundzellen bei der Arbeit des Studentenbundes im nächsten Jahre werden mögen. Nach einigen geschäftlichen Mitteilungen gab er das Wort an den
Gaustudentenbundsführer pg.Walcher
der u. a. folgendes ausführte:
Er werde nur kurz die Parole für die kommenden Semester geben. Im Gemeinschaftsempfang hätten die Kameraden ja alle die Rede des Reichsamtsleiters Derichsweiler mitangehört und er wolle nur betonen, daß im kommenden Semester der Studentenbund zusammen mit den Korporativ- nen gemeinsam arbeiten werde. In den Kampf
jahren hätte es im Studentenbund auch keinen Unterschied zwischen Korporationsstudent und Freistudent oder zwischen Protestant und Katholik gegeben, so müsse man auch in Zukunft sich zur Mitarbeit zusammenfinden. Eins müsse aber ausdrücklich klar sein, die Führung bei der Erziehungsarbeit liege bei dem Studentenbund. In allen politischen Dingen gebe der Studentenbund die Richtung an, daneben sei das Eigenleben einer Korporation nicht gefährdet. Die Korporationen müßten nur die überlieferten Formen mit dem neuen Geiste ausfüllen.
Der einzelne Student müsse zunächst an sich arbeiten und dann müsse er wissen, daß er die Forderungen der Bewegung zu erfüllen habe.
Es sei keine äußere Arbeit, sondern eine Arbeit nach innen und so müsse der Studentenbund den Nachwuchs der Hochschule auf einen bestimmten Nenner bringen und der Junamannschaft die bestimmte Haltung aufdrücken. Wie bei allem, so käme es auch hier auf die Kameradschaft an. In den Lagern solle dieses Kameradschaftserleben, das die anderen Kameraden in den Kampfjahren gehabt hätten, erlebt werden. Zum Schlüsse seiner Ausführungen brachte Pg. W a l ch e r ein dreifaches „Sir.g Heil!" auf den Führer aus, in das alle anwesenden Studenten, als Gelöbnis ihrer Mitarbeit । an dem Aufbau des Dritten Reichs einstimmten. I Das Horst-Wessel-Lied beendete den Appell.
Sonne über Aehren . . . Sinnbild der Kraft und des Geheimnisses!
Wo die zwei schöpferischen Sinne walten und walten dürfen, im Einzel- und Gemeinschafts-Dasein, wächst und reift alles Leben in die Freude und unüberwindbare Gestalt, die sich wiederum offenbart in der Liebe und ihrer Tat, im Dienst am Gott- und Schicksalsbezirke des eignen Volkes!
Sonne über Aehren . . .
7ISAOT.-RTA.
Der NS.-Bund deutscher Technik macht auf den Tonfilm- und Filmvortrag „Forschen und Schaffen" sowie die „Bayrische Z u g s p i tz - bahn" am morgigen Sonntag, 30.Juni, 11 Uhr, Lichtspielhaus, Bahnhofstraße, nochmals aufmerksam. Der Eintritt ist gegen Einladungen frei. Volksgenossen, die noch kein e Einladungen erhalten haben, können, soweit nah Plätze frei sind, Eintrittskarten Sonntag na chl 1 U h r im Lichtspielhaus erhalten.
Landschastsbund Volkstum undHeimat.
Ottering Gießen.
Heute, Samstag, um 16 Uhr, führt uns Geh. Rat Prof. Dr. Sommer in der Müllerschen Badeanstalt seine Wasser-Skier vor und gibt anschließend jedermann Gelegenheit, zur praktischen Erprobung seiner Erfindung. Unsere Mitglieder und die Mitglieder bev angeschlossenen Verbände zahlen 10 Pfennig Eintritt (Mitgliedskarte oder Anstecknadel), die Familienangehörigen haben freien Eintritt. — Unsere Mitglieder werden noch einmal zum Besuch der KdF.-Veranstaltungen auf dem Schiffenberg eingeladen.
Daten für den 30. Juni.
1503: Johann Friedrich der Großmütige, Kurfürst von Sachsen („Hannfreid"), Gründer der Univer
sität Jena, in Torgau geboren (gestorben 1554). — 1807: der Dichter Friedrich Theodor Vischer in Ludwigsburg geboren (gestorben 1887). — 1899: das Deutsche Reich erwirbt die Karolinen- und Palauinseln mit den Marianen.
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Rheinfahrt am 14. Juli.
Der für den 23. Juni geplante Sonderzug an den Rhein ist, wie schon bekannt, auf den 14. Juli verlegt worden. Die Fahrt mit dem Schiff geht nun, wie ursprünglich vorgesehen, nach Bingen. Es können sich noch einige Volksgenossen melden.
Abendmusik auf dem Schiffenberg und Schiffen- und Schiffenbergfest am 29. und 30. Juni.
Am heutigen Samstag findet in der Klosterkirche auf dem Schiffenberg eine Abendmusik statt, die vom Akademischen Gesangverein und dem Collegium musicum der Universität unter Mitwirkung einiger Berufsmusiker gespielt wird. Der Eintrittspreis beträgt 30 Pfg. Für die am Sonntag auf dem Schiffenberg mitwirkenden Gesangvereine ist der Eintritt frei.
Am Sonntag, den 30. Juni, steigt das Heimatfest auf dem Schiffenberg. Bei Konzert, Tanz, Volksliedern, Preisschießen und Kinderfest mit Kasperltheater wollen wir einen schönen Sonntag verbringen. Der Eintrittspreis beträgt 20 Pfg., das Tanzbändchen kostet 50 Pfg. Durch Omnibus- Pendelverkehr ist die Möglichkeit geboten, am Samstag ab 8 Uhr und am Sonntag ab 3 Uhr auf den Schiffenberg zu fahren.
Eine besonders billige Ferienfahrl. Rur 24,50 TNark.
Diese Fahrt geht vom 27. Juli bis 2. August in die Schwäbische Alb (Lichtenstein) Über Pforz
heim, Tübingen, Reutlingen in einen Teil des Schwarzwaldes. Die Urlauber werden in herzlicher Gastfreundschaft ausgenommen und können in den Wäldern des Schwarzwaldes die herrliche Luft genießen, bis sie über Stuttgart die Heimreise am 2. August antreten.
Sonderzug
zu dem Motorradrennen nach Schollen am 21. Juli.
Unter der Voraussetzung, daß eine Gesamtteilnehmerzahl von 800 zusammenkommt, fährt die NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" einen Sonderzug zu dem bekannten Motorradrennen nach Schotten. Die Fahrt geht gegen 7.30 Uhr in Gießen ab. Der Fahrpreis einschl. Eintrittspreis beträgt 2,35 Mark. Wir fordern die Betriebswarte auf, in allen Betrieben eine Rundfrage aufstellen zu wollen, damit in kurzer Zeit die nötige Teilnehmerzahl zusammenkommt.
Sonderzug an den Nürburgring.
Am 28. Juli findet auf dem Nürburgring das Entscheidungsrennen um den großen Preis von Deutschland statt. Die NS. - Gemeinschaft „Kraft durch Freude" beabsichtigt, einen Sonderzug laufen zu lassen. Die Fahrtkösten einschl. Eintrittspreis betragen nur 5 Mark. Wir bitten die Kameraden, sich umgehend bei den KdF.-Warten zu melden, damit wir einen Ueberblick bekommen.
Das Schumann-Theater wieder in Gießen.
Am Freitag, dem 5. Juli, gastiert das von seiner letzten Tournee in bester Erinnerung stehende Schumanntheater aus Frankfurt a. M. mit vollkommen neuem und großem Variet^programm im Gießener Stadttheater. Die Preise der Plätze sind sehr niedrig gehalten, so daß es jedem Volksgenossen möglich sein wird, diese Vorstellung zu besuchen. Preise der Plätze sind: 0,60, 1,— 1,30 und 1,50 Reichsmark. Karten sind u. a. zu haben im Vorverkauf im Musikhaus Challier, Schokoladenhaus Huntemann, auf der Kreisdienststelle, Schanzenstraße 18, bei Ortswart Pg. Fritz Richter, Feuerbachstraße 10, und bei sämtlichen Betriebswarten der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude".
Reichswehrkonzerl bei Dänninger.
Am kommenden Mittwoch, nachmittags 4 Uhr, findet im Hof der Fittingsfabrik Bänninger G. m. b. H. ein Konzert unserer Wehrmacht statt. Es wird allen Betriebsangehörigen eine Freude sein, nach des Tages Last und Mühe eine Stunde den Klängen unserer Wehrmachtkapelle zuzuhören. Der Betrieb nimmt geschlossen an dieser Veranstaltung teil.
Wandern zum Schiffenberg.
Da am Sonntag, 30. Juni, auf dem Schiffenberg ein Volksfest veranstaltet wird, sind nach Möglichkeit Betriebswanderungen so einzurichten, daß das Ziel der Schiffenberg ist. Das Eintreffen der Wandergruppen soll am frühen Nachmittag erfolgen.
Verkehrserziehung in den Schulen.
Der Reichs - und Preußische Mini st er für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hat die Schulen angewiesen.
Die hevzttchs Bitte
richten wir an alle Reiselustigen, sich ihre Fahrtausweise recht frühzeitig zu besorgen, damit übermäßiger Andrang vor den Ferien nicht zu Stockungen in, der Abfertigung führt. Kostenlose Auskunft in allen Reise-Angelegenheiten.
Heise- und Verkehrsbttro Gießen.
Amtliche Fahrkartenausgabe Selterstor. Tel. 2396.
38-0 0
Warum verkennst du mich, Barbara?
DRoman von Liane Sanden.
Urheberrechtschutzr Fünf-Türme-Verlag, Halle (<5.)
22. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
25. Kapitel.
Oberinspektor Rockesch fuhr inzwischen schon der Kreisstadt zu. Er saß mit gesenktem Kopf da. Seine Stirn war zusammengezogen. Während er sonst gewohnheitsgemäß seine Blicke über die Felder gehen ließ, um festzustellen, wie weit die Ernte gediehen war, achtete er jetzt nicht auf die Landschaft um sich herum. An der Kreuzung der Chaussee bremste der Wagen plötzlich. Es war gerade an der Grenze, wo sich der Landbesitz der Familie Tschewnick keilartig in das Schedlowitzsche Ackerland hineinschob.
„Guten Morgen, Herr Oberinspektor!" sagte eine etwas schrille Frauenstimme.
Oberinspektor Rockesch fuhr aus seinem Sinnen auf. Vor ihm hielt in einem leichten Jagdwagen Frau von Tschewnick. Sie kutschierte selbst. Die Pferde tänzelten unruhig, wie sie jetzt scharf die Zügel anzog.
Oberinspektor Rockesch stieg auf, um Frau von Tschewnick zu begrüßen. Er tat es mit vollendeter Höflichkeit, obwohl ihm diese Begegnung im Augenblick nicht sehr angenehm war.
Doch Frau von Tschewnick schien den Wunsch nach einer längeren Unterhaltung zu haben. Sie fragte Rockesch, ob er einen Augenblick Zeit hätte.
Rockesch zögerte. _ .
„Eigentlich nicht, gnädige Frau. Ich habe dringend in der Kreisstadt zu tun. Aber wenn Sie befehlen — selbstverständlich!"
Er wandte sich zu seinem Auto zuruck und gab dem Chauffeur Weisung, langsam etwas vorzufahren. Nun half er Frau von Tschewnick aus dem Wagen, und wandte sich zurück. Auf einem ihrer Felder arbeiteten ein paar Leute.
„He, Stannek! Halte einmal die Gäule!'
Ein Feldarbeiter kam eilig heran und faßte nach der Leine. _
„Ich wollte Sie einmal nach Ihren neuen naat- methoden bei der Lupinebestellung fragen, Herr Oberinspektor!" sagte Frau von Tschewnick laut. „Ich höre, Sie haben da so vorzügliche Erfolge!
Plaudernd war sie mit Rockesch ein wenig weiter geschritten. Nun war sie außer Hörweite der Landarbeiter:
„Nun lieber Rockesch", fragte sie vertraulich, in einem ganz anderen Tonfall, „wie steht es auf Ihrem Gut?"
„Danke, gut, Frau von Tschewnick. Es geht alles in Ordnung."
„Und die Abschlüsse? Ist Ihre Bilanz eine gute?"
„O ja." Es kam sehr zögernd.
Frau von Tschewnick merkte aber nichts davon. Ganz in ihre Gedanken versponnen, sagte sie:
„Sie wissen doch, lieber Rockesch, wir haben ein großes Interesse daran, daß Frau von Stechow endlich einsieht, wie schwer die Bewirtschaftung ihres Besitztums für eine alleinstehende Frau ist. Sobald unsere Pläne sich verwirklicht haben, lösen wir unser Versprechen ein. Sie, lieber Rockesch, werden bann Generalbirektor sowohl ber Tschewnick- schen wie ber Stechowschen Besitzungen. Bergeisen Sie bas nicht! Wir rechnen auf Ihre Hilfe. Ich will übrigens Frau von Stechow in biesen Tagen besuchen unb werbe nicht verfehlen, Ihre Tüchtigkeit roieber zu rühmen. Ich werbe sogar durchblicken lassen, baß Sie sehr große Angebote von anberen Gütern hätten. Dann wirb Frau von Stechow sicherlich Ihr Gehalt um ein Beträchtliches erhöhen."
In Rockeschs Gesicht oeränberte sich keine Miene:
„Ich fürchte, gnäbige Frau, Sie werben biesen Besuch bei Frau von Stechow noch aufschieben müssen."
„Warum?"
„Frau von Stechow ist mit dem Pferde schwer verunglückt."
Franzka von Tschewnick erschrak:
„Mein Gott, ich hatte ja keine Ahnung. Ist es lebensgefährlich? Das wäre ja schrecklich."
Ihr Erschrecken war nicht gespielt. Wenn Barbara von Stechow etwas Ernstliches zustieß, wenn sie starb, bann fielen bie Güter ja an ihren Vater. Mit ben ehrgeizigen Plänen für Josef war es bann aus — bann konnte man ben leichtsinnigen Jungen weiter erhalten. So atmete sie beim erleichtert auf, als Rockesch ihr von ben günstigeren Nachrichten erzählte, bie er burch Mag- balena erhalten.
„Das freut mich wirklich, mein lieber Rockesch! Es wäre ja auch zu schrecklich gewesen, wenn unserer lieben jungen Freunbin irgenb etwas geschehen wäre. Nun werben Sie bie hoppelte Arbeit haben unb über alles allein bestimmen müssen." .
„Das tut nichts, gnäbige Frau, das bin ich \a gewohnt."
„Natürlich, natürlich, mein lieber Herr Inspektor. Aber vielleicht können Sie Frau von Stechow. wenn sie wieder so einigermaßen genesen ist, doppelt zum Bewußtsein bringen, daß eine Frau in solcher Stellung einen tatkräftigen Mann neben sich haben muß. Sie kennen unsere Verabredung."
Statt einer Antwort sagte Rockesch:
„Verzeihung, gnädige Frau, ich muß nun unbedingt in die Kreisstadt, ich werde erwartet.
Er verneigte sich ehrerbietig, als Frau von Tschewnick ihm die Hand entgegenstreckte. Schweigend sah Franzka von Tschewnick dem Inspektor nach, wie er jetzt seinem Wagen zuging und emftieg.
Roesch war heute so sonderbar gewesen. Er war offensichtlich ihren Bemerkungen über Gut Schedlowitz und ihren gemeinsamen Interessen aus-
gewichen. Sollte er unzuverlässig sein? Sie konnte es sich eigentlich nicht vorstellen. Was für eine glänzende Stellung war ihm nach der Verheiratung Barbara von Stechows mit Josef gewiß! Und doch, sie hatte heute das Empfinden, als ob sie sich doch nicht so ganz unbedingt auf Rockesch verlassen könnte. Aber das waren wohl Hirngespinste, hervorgerufen durch ihre Nervosität. Die Berichte der Direktoren aus den Tschewnick- schen Kohlenbergwerken klangen immer schlechter. Man würde sich, wenn es so weiterging, schließlich auch noch einschränken müssen. Es war höchste Zeit, daß man von der Sorge für ben leichtsinnigen Neffen mit seinem unbekümmerten Gelbverbrauch entlastet würbe. —
Rockesch fuhr inzwischen ber Kreisstabt zu.
„Halten Sie am König Nepomuks" befahl Rockesch bem Chauffeur. „Fahren Sie ben Wagen in bie Garage! Ich komme bann hin, wenn ich fertig bin."
Der Chauffeur roenbete. Er hatte, bem ersten Befehl bes Oberinspektors folgenb, ben Weg zur Polizeibirektion nehmen wollen.
26. Kapitel.
Es war Mittagszeit. Trotz bes gestrigen Gewitters hatte sich bie vorsommerliche Hitze nicht gernil- bert. Schon roieber strahlte bie Sonne brennenb von einem weißblauen Himmel hernieber. Die Knechte unb Mägde. atmeten auf, als bie Mittagsglocke aus ben ringsum liegenben Dörfern ertönte. Hacken unb Rechen würben zusammengestellt. Alles suchte ben Schatten ber Bäume unb Büsche auf, mit benen bie Karpener Wiesen bicht um- ftanben waren. Der gestrige Gewitterregen hatte Wunber gewirkt. Die Blätter an ben Bäumen unb Stäuchern, vor ein paar Tagen noch schmal unb burchsichtig, hatten sich sommerlich voll entfaltet. Die Schatten warfen sich breit unb kühl über bie sonnenbeleuchteten Graspartien. Balb waren biefe Schattenplätze alle umlagert von ber Menge ber Knechte unb Mägbe. Die bunten Kopftücher unb bie grellfarbigen Röcke ber Mägbe leuchteten aus bem Grün. Ueberatf stauben bie Körbe, in benen bie Leutemamsell kurz vor bem Mittagläuten bie mit Wurst belegten, dicken Brotscheiben herausgeschickt hatte. In braunen Tonkrügen wartete selbstgekelterter Apfelwein, frisch und kühl aus bem Keller gekommen, ber Durstigen.
Seitbem Barbara Herrin auf Schedlowitz würbe, war es megen seiner guten Verpflegung für bie Leute bekannt. Oberinspektor Rockesch hatte vergeblich Barbara klarzumachen versucht, baß sie bas Gesinde nur „verwöhne", rote er meinte. Auch sein Hinweis, baß man sich daburch auf anberen Gütern unbeliebt mache, weil man bas Essen besser unb reichlicher gäbe als bort, hatte Barbara nicht gelten lassen.
„Wer arbeitet, ber soll auch essen, und zwar gut essen", war ihre bestimmte Grroiberuna geroebm. „Wenn die Besitzer auf den anderen Gütern finden, daß wir ihnen darin voraus sind — nun, bann brauchen sie uns ja nur nachzuahmen. Sie
sind ja sonst in vielen Dingen unseren Arbeitsmethoden gefolgt, mögen sie es auch darin tun."
Barbaras Verhalten ihren Leuten gegenüber hatte sich gelohnt. Nirgends arbeiteten Knechte unb Mägbe so unermüdlich wie auf Gut Scheblowitz. Ihre Wiesen waren am ersten geschnitten, ihre Aecker am frühesten umgegraben ober bestellt, wie bie Jahreszeit es wollte. Keine Ernte war so schnell eingebracht, wie bie Ernte von ben Sched- lowitzer Felbern. Drohte ein Wetter, so arbeiteten bie Leute unermüblich, um bie Früchte bes Felbes vor bem Toben ber Elemente zu schützen. Auch bei bem Gewitter unb Wolkenbruch gestern fyatte man bas Grünfutter noch geborgen, während es auf den anderen Wiesen geradezu verschlammt worben war.
All bas überbachte Eckeharb, ber nun bie Mittagspause auch im Schatten eines Baumes, ein wenig abseits von ben Leuten, verbrachte. Er hörte bas fröhliche Schwatzen ber Mägbe, bie ge- bämpften Stimmen ber Männer. Unb immer wieder in ben Gesprächen, ganz gleich ob es bie Unterhaltung ber tsche^ischen ober ber beutschen Arbeiter war, tauchte Barbaras Name auf. Man spürte, alle hier waren von bem Unglücksfall ber Herrin noch erschreckt unb voll Sorge. Einer nach bem anbern war heute zaghaft unb verlegen an Eckeharb herangekommen, um nach Barbara zu fragen. Rockesch gegenüber hatten sie es wohl nicht gewagt: ber war bei ben Leuten mehr gefürchtet als beliebt.
Freunblich hatte Eckeharbt Auskunft gegeben — er sah, wie bie Leute aufatmeten. Wieviel Liebe genoß Barbara von Stechow boch bei biesen einfachen -Meuchen! Wie gütig unb voll tiefer Verpflichtung war sie ihnen begegnet! Warum war sie nur ihm gegenüber so anbers? Dies war bas Rätsel, an bem er immer roieber scheiterte. Wenn sie genesen sein würbe, mußte sie ja auch über sein Abschiedsgesuch entscheiben. Dann mürbe er sie fragen — nicht zur Rebe stellen: nein. Aller Groll war ja in ber Sorge um sie gewichen. Aber zu ihr sprechen, Mensch zu Mensch. Vielleicht würbe sie bann einmal ben Unterschieb vergessen können, ber jetzt zwischen ihr unb ihm war. Würbe die Barbara von einst sein, deren gütiges, warmherziges Wesen er ebenso verehrt, wie er ihre Schönheit angebetet hatte.
Am liebsten wäre er jetzt in der Mittagszeit hinübergeritten zum Schloß, zu hören, wie es nun um Barbara stand. Aber ber Weg war zu weit für bie kurze Mittagspause. Unb es roiberftrebte ihm, sich hier ein Vorrecht vor seinen Leuten zu nehmen. Sehnsüchtig spähte er hinaus in bie fon- nenfümmernbe Landschaft, dorthin, wo hinter den grünschimmernden Hügeln Schloß Scheblowitz lag. Wenn boch wenigstens Magbalena Gerroig an ihn denken und herauskommen würde, um ihm Bescheid zu geben! Mit dem Jagdwagen war es doch nur eine kurze Strecke. Aber die sonnenflimmernde Weite blieb menschenleer, nur ab und zu ratterte ein Bauernwagen die Chaussee entlang.
(Fortsetzung folgt!)


