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Ur. HO Erstes Blatt

185. Jahrgang

Samstag, 29. Juni 1955

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Gießener Anzeiger

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Informationen.

Die englische Oeffentlichkeit hatte in den letzten Jahren mehr als einmal ihrem peinlichen Erstaunen darüber Ausdruck gegeben, daß der Leiter der Außenpolitik des britischen Weltreichs, der Staats­sekretär des Foreign Office, einen wachsenden Teil seiner Amtszeit auf Reifen zubringe. Die häu­figen Tagungen der Völkerbundsorgane zwangen trotz der Einrichtung einer ständigen Vertretung tn Genf, eines sog.zweiten Delegierten", in welcher Funktion besonders Lord Cecil allgemeiner bekannt geworden ist, immer häufiger den britischen Außen­minister, persönlich in Genf zu erscheinen, je mehr es üblich wurde, die zwangsläufigen Zusammen­künfte der leitenden europäischen Staatsmänner in Genf aus Zweckmäßigkeitsgründen zu gleichzeitiger vertraulicher Aussprache zu benutzen. So kam schnell den in kleinem Kreise geführten Gesprächen in den Wandelgängen des Völkerbundspalais oder in der Halle eines Genfer Hotels mehr Bedeutung zu, als den offiziellen Beratungen des Rats oder gar der Dölkerbundsverfammlung. Aber die Zeiten änderten sich bald. Je mehr Lücken dieLiga der Nationen" aufwies, umsomehr trat auch Genf als politische Börse in den Hintergrund. Die Vereinigten Staaten zogen sich von den europäischen Affären zurück, Lateinamerika gewöhnte sich daran, seine Streitigkeiten unter sich auszutragen, nachdem der Völkerbund den Chaco-Krieg nicht hatte ver­hindern können. Der durch die Vermittlung Argen­tiniens und Brasiliens in Buenos Aires zustande- gekommene Friedensschluß zwischen Bolivien und Paraguay beweist den fortgeschrittenen Grad der Abkehr der lateinamerikanischen Welt von der Genfer Hilflosigkeit, Japan verließ den Völker­bund, nachdem es im Mandschurei-Konflikt die Genfer Ratschläge als lästige Fessel für seinen Im­perialismus gespürt hatte. Deutschland, auf dessen leeren Stuhl in Genf einst Macdonald war­nend hingewiesen hatte, zog sich enttäuscht und brüskiert von einer jahrelangen Politik der Heuche­lei und des Opportunismus aus Genf zurück, um mit neuen und weiseren Methoden sich die ihm in Genf beharrlich verweigerte Gleichberechtigung im Rat der Nationen zu erkämpfen. Der Einmarsch der Sowjetunion ift kein Ersatz für das Fehlen oder die Uninteressiertheit der schon genannten Mächte, zumal man mit dem Hereinlotsen der Moskauer Bolschewiken eine Reihe kleinerer Mächte, die unter der Zersetzungsarbeit des Kommunismus im eigenen Lande sehr zu leiden haben, schwer verschnupft hat. Und nun scheint auch noch Italien die Lust am Genfer Unterhaltungsspiel verlieren zu wollen, wenn man ihm bei der Austragung seines Konflikts mit Abessinien ernstliche Schwierigkeiten machen sollte. Da ohnehin Mussolini seit vielen Jah­ren die Grenzen seines Landes nicht mehr überschrit­ten hat, ist also Genf als Mittelpunkt der europäischen Gespräche beträchtlich entwertet worden. Der bri­tische Außenminister mußte von seiner traditionellen Route LondonParisGens immer größere Ab­weichungen vornehmen, um sich durch persönliche Fühlungnahme mit den leitenden Staatsmännern Europas ins Bild zu setzen.

Eine Umorganisation innerhalb des Kabinetts Macdonald, die Ernennung Edens zum Lord- siegelbewahrer als Gehilfe des Staatssekretärs Sir John Simon, hatte der neuen Methode bereits Rechnung getragen. Im neuen Kabinett Baldwin hat man diese Arbeitsteilung schärfer abgegrenzt. Eden wurde neben dem neuen Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Sir Samuel Hoare speziell Minister für Dölkerbundsangelegenheiten. Das sollte nicht nur ein Pflästerchen für Eden sein, dessen Jugend angeblich für König Georg ein Hinderungsgrund war, ihn mit der Leitung des Foreign Office zu be­trauen. Es entsprang auch nicht allem dem rem praktischen Bedürfnis, den Außenminister durch einen Kollegen zu entlasten, der durch seine Reisen die notwendigen Informationen einholen mutz die man heute weder durch seine ständige Vertretung in Genf noch durch dar Netz der diplomatischen Nachrichtenübermittlung, die Botschafter und Ge­sandten, in hinreichendem Maße erhalten kann. Nein, es kommt bei der Ernennung Edens zum Dölkerbundsminister der Wunsch zum Ausdruck die große Bedeutung, die England auch trotz aller Ent­täuschungen und Fehlschläge nach wie vor de r Idee und der Organisation des Völ­kerbundes für die Sicherung des Friedens bet- mißt, besonders zu unterstreichen. Es ist wichtig, das festzuhalten, denn nicht nur war Edens letzte In­formationsreise nach Paris und Rom von der Ab­sicht getragen, die Befürchtungen, daß das deutsch- britische Flottenabkommen einen grundsätzlichen Kurswechsel der britischen Außenpolitik bedsiten könnte, entschieden zu zerstreuen, sondern auch in der Kritik, die das Abkommen neben der foist ein­helligen Zustimmung der britischen Oeffentlichkeit hier und da in hochkonservativen Kreisen rote in den Reihen der Liberalen und der Arbeiterpartei gefunden hat, schwang besonders bei den Sprechern der beiden letztgenannten Gruppen lmmer die Sorge mit, England könne der Idee des Völkerbun­des den Rücken kehren, die nun einmal w der bri­tischen Welt zum Symbol einer wahren Friedens­politik geworden ist. ,

Natürlich hat diese Einstellung zum Flottenab­kommen auch ein sehr ausgeprägtes innerpolmsches Gesicht. Die Parlamentswahlen werden erwartet, womöglich noch vor Ablauf dieses Jahres, und Li­berale und ßabourpartei sind begreiflicherweise be­müht, sich rechtzeitig zugkräftige Wahlparolen zu verschaffen. Da der Abschluß des Flottenabkommens wie für die außenpolitische Methode des national­sozialistischen Deutschlands so auch für die Außen­politik des Kabinetts' Baldwin ein nicht wegzudis- putierenber Erfolg von größter Zukunftsbedeutung ist, so suchen Liberale und Arbeiterpartei Distanz

Oer Streit um die beste Methode.

England ist von der Nützlichkeit der Einzelbehandlung und des schrittweisen Fortschreitens überzeugt, aber keine Gegenliebe in Paris.

London, 29. Juni. (DNB. Funkspruch.) Nach­dem Eden der englischen Regierung über seine Be­suche in Paris und Rom berichtet hat, wird die internationale Lage von der Presse lebhaft er­örtert, wobei die englisch-französischen Beziehungen und die abessinische Streitfrage die Hauptrolle spielen.Times" meint, die britische Regierung ist der Ansicht, daß die Verhandlungen über alle Punkte des Londoner Protokolls vom 3. Fe­bruar vorwärts getrieben werden sollen: Luftpakt, Ostpakt, Donaupakt und Rüstungsbegren­zungen. Die Initiative wird am besten von j e - der Macht in Übereinstimmung mit den an­deren Mächten in der Angelegenheit er­griffen, an der sie am meisten interessiert ist. Die britische Regierung könnte z. B. an dem Luftabkommen arbeiten, selbstverständlich mit allen anderen Locarnomächten, die französische Regierung am Ostpakt und die italienische Regierung am Do­naupakt. Die wichtigste Frage von allen, die Be­grenzung der Rüstungen, lasse sich am leichtesten regeln, wenn ein erhöhtes Si­cherheitsgefühl vorhanden sei, das, wie man vernünftigerweise hoffen könne, durch den erfolg­reichen Abschluß von Pakten geschaffen werden dürfte.

Daily Telegraph" ist der Ansicht, daß, wenn weitere Verhandlungen mit Deutschland über ver­schiedene europäische Fragen eröffnet worden seien, ein Zeitabschnitt ernfter Beanspruchung für die englisch-französischen Bezie­hung " n kommen werde. Infolge der Derwickelt- heit jeder europäischen Frage und der Schwierig­keit, ihre Lösung mit anderen in Verbindung zu bringen, müsse die britische Regierung jetzt d i e Gesamtlage sorgfältig prüfen. Eden habe seinen Kollegen nach feiner Rückkehr nach London wahr­scheinlich wenig erfreuliches zu berichten gehabt. Das zwischen den drei Teilnehmern der in Stresa und Genf geschaffenen Einheitsfront Herr- schende Vertrauen sei nicht wieder voll her- gestellt worden, obwohl kein tatsächlicher Bruch vorliege. Ob die französische und die italienische Re­gierung etwa die britische Versicherung über den deutsch-englischen Flottenpakt in der erhofften Weise ausgenommen hätten? Tatsächlich drängten sie auf der Zusage, daß diese getrennten Verhand­lungen nicht fortgesetzt werden sollen. Die Angelegenheit geht sehr viel tiefer als eine bloße Etikettefrage.

Die die Ansichten franzosenfreundlicher ultrakan- fervativer Kreise wiedergebendeMorning Post" schreibt, die Weigerung der englischen Regierung, irgendein Versprechen abzugeben, daß sie getrennteVerhandlungen mit Deutsch­land nicht fortsetzen wolle, verursache ernste Besorg­nisse in Frankreich und anderen Ländern. Laval habe eine Versicherung erwartet, daß England die Einheit der Stresafront und die Zusam­mengehörigkeit der verschiedenen europäischen Fra­

gen beachten würde. Stattdessen sei er anscheinend von der britischen Reaierung unterrichtet worden, daß die Fragen nach Ansicht Englands am besten gelöst werden könnten, wenn jedes Land mit den Verhandlungen fortschreite, an denen es interessiert sei, und eine allgemeine Rege­lung sich selbst überlasse. Für England bedeute dies die höchste Anstrengung zur Erzielung des West- Luftpaktes. Frankreich würde eingeladen, m i t Deutschland in der Frage der Land­rüstungen zu einer öireften Verstän- bigung zu kommen, währenb Sowjetruß- l a n b und die baltischen und Mittel- europaftaaten in angemessenen Pakten f ü r ihre eigene Sicherheit sorgen würden. Morning Post" wirft in leidenschaftlichen Tönen der englischen Politik Wankelmütigkeit und Unbe­ständigkeit vor. Mit dem deutsch-englischen Flotten­abkommen habe England das Londoner Pro­tokoll und die Stresafront in die Luft gesprengt.Wir können uns selbstverständlich

in diesem besonderen Fall nicht durch irgendwelche erklügelte Aussprache von dem Tadel reinwaschen, die Grundsätze des 3. Februar und Stresas fang» und klanglos aufgegeben zu haben. Aber was ift mit der Zukunft? Ist das Flottenabkommen nur ein einmaliges Ausgleiten, das wir nicht wiederholen wollen?" Eden hat in Paris hinter sich eine Spur der Ungewißheit und des Mißtrauens zurückgelassen.

Daily Mail" meldet, die britischen Minister seien immer noch der Ansicht, daß die Methode, die bei dem Abschluß des deutsch-englischen Flottenab­kommens angewandt und durch die Zeit und Arbeit erspart worden sei, die beste sei. Wenn Frankreich der getrennten Verhand­lung eines Luftpaktes zustimmen sollte, dann nur unter der Bedingung, daß er n i ch t in Kraft treten solle, bis eine Vereinba­rung über d i e anderen Punkte, Landrüstungen, Ostpakt und Donaupakt erzielt sei.

MeRommsedessranzösischenGeneralstabschess.

Militärische Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Italien.

Rom, 29. Juni. (DNB.) Der Besuch des Ge­nerals G a m e l i n in Rom wird mit der größten Zurückhaltung behandelt. General Gamelin, der am Mittwochabend in Rom eingetroffen ist, hat bereits am Freitagmittag mit dem Pariser Luxuszug die Rückreise angetreten. Don italienischer Seite will man dem Besuche Gamelins, der ein persön­licher Freund des französischen Botschafters ist und auch als sein Gast in der französischen Botschaft

uiung nahm, nur privaten Charakter beigemessen sehen. Andere freilich berichten über die militärischen Besprechungen, die Ga­melin in Rom mit dem italienischen Generalstabs­chef Marschall B a d o l g i o geführt hat,.

Der römische Korrespondent desMat»n" schreibt: Die italienische Regierung bewahre über diese Besprechungen eine außerordentliche Zurück­haltung, da es sich zweifellos darum handele, die- zweiseitigen S o n d e r v e r h a n d l u n g e n mit Frankreich über bie Sicherheits - frage nicht so sehr in Erscheinung treten zu las­sen in einem Augenblick, ba bie Diplomatie sich be­mühe, zu einer allgemeinen europäischen Zu­sammenarbeit zu kommen. Immerhin treffe es zu, daß der französische Generalstabschef nach Rom ent­sandt worden sei, um sich über eine mög­liche militärische Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern zu unterhalten. Man könne versichern, daß in den Besprechungen Gamelins kein eigentliches Militär- abkommen vorgesehen sei, ebenso wenig wie

anläßlich des Besuches des französischen Luftfahrt- ministers Denain ein Luftabkommen abgeschlos­sen worden sei. Das schließe aber nicht die Solida­rität der beiden Generalstäbe und die Vorbe­reitung gemeinsamer Maßnahmen aus, die notfalls angewandt werden sollten, um die lange gemeinsame Front vom Rhein bis zum Brenner zu schützen. Man verstehe auch, das besondere Interesse, das Italien für ein derartiges Programm zeige, da feine mili­tärischen Anstrengungen in Oftafrifa einen beträchtlichen Teil seiner Streitkräfte bean­spruchten, so daß es zu einer Abänderung seiner Mobilisations pläne und Trup­pe n k o n z e n t r a t i o n s p l ä n e im Norden gezwungen sei.

Die Besprechung zwischen den beiden General- stabschefs dürfte daher gewiß zu nützlichen Ergeb­nissen geführt haben. Selbst wenn sie nur eine Sondierung gewesen wäre, so sei sie doch erleichtert worden durch bie persönliche Bekannt­schaft ber beiben Generalstabschefs aus ber Zeit, ba Babolgio Botschafter in Brasilien unb Gamelin Leiter ber dortigen französischen Mili­tärkommission gewesen seien. Badolgio gelte außer­dem als überzeugter Anhänger der französisch - italienischen Zusammen- arbeit. Er habe schon 1923 einen gemeinsa­men Aktionsplan für die beiden Armeen aus­gearbeitet, der seinerzeit der französischen Regie­rung übermittelt worden sei.

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zu gewinnen von ber offiziellen Außenpolitik, ber sie im Grunbe ihre Bewunberung nicht versagen können, inbem sie ihre Zustimmung zum Flottenab­kommen mit ber vorgeblichen Sorge verbrämen, als ob bie beim Abschluß zutage getretene neue M e - thobe zweiseitiger Derhanblungen eine Abkehr von ber trabitioneUen englischen Politik allseitiger Friebenssicherung bebeute, bie für Liberale unb Ar­beiterpartei sowohl ihrer politischen Vergangenheit wie ihrer Doktrin entsprechenb nun einmal im Wilsonschen Völkerbunb ihre Vollenbung gefunden hat. Auch bie ultrakonservativen Dieharbs vom Schlage Lörb Lloybs unb Churchills suchen an ber Methobe zu mäkeln, ba nun einmal bie Sache selbst in unanfechtbaren Sachverstänbigen wie ben Män? nern ber Abmiralität unb bem ehemaligen Flotten­chef Lorb Beatty, einst Abmiral Hippers Gegner in ber Skagerrakschlacht, ihre besten Verteibiger gefun- ben hat. Sie interessiert inbessen nicht so sehr ber Völkerbunb, für besten Wert sie nur ein Achsel­zucken Haden, als Englanbsalte Freunbschaften", womit natürlich Frankreich gemeint ist, bas sie mit Austen ChamberlainHeben wie eine Braut". Damit greifen sie bas Stichwort auf, bas als Echo auf ben Abschluß bes beutsch-britischen Flottenabkommens in Paris ausgegeben würbe.

Hier hat man bie Flottenverhanblungen als Extratour" Englanbs empfunben, als starke Be­lastung ber traditionellen französisch-britischen Freundschaft unb schließlich als Preisgabe ber in bem Londoner Programm vom 3. Februar für die Errichtung des europäischen Friedensqebäudes festgelegten, in Stresa am 14. April bekräftigten Methode. Man könnte meinen, für bie Franzosen spiele ber Erfolg feine Rolle, wenn bie Methode ihrer Ansicht nach falsch war, bie zu bem Erfolg geführt hat. Aber ganz so ausschließlich auf Der gefühlsmäßigen Ebene liegen bie Dinge doch nicht. Es stehen recht greifbare Sorgen hinter ber kühlen Aufnahme, bie Eben in Paris gcfunben hat, als er ben Versuch machte, bie alten Freunde über Sinn unb Ziel unb Nützlichkeit ber britiföen Extratour" aufzuklären. Die Franzosen furchten nämlich nichts mehr, als mit Deutschlanb unb bem Rest ihres umfangreichen Wunschzettels allein ge lassen zu werben, nachbem bie Englänber bies fte m erster Linie oder vielleicht sogar °u-schl-HNch intereffierenben Fragen ber See- unb Lustrustun- gen durch direkte Aussprache mit Deutschland zu

ihrer Zufriedenheit bereinigt Haden. Daher ber lebhafte Wunsch Lavals, sich gegen irgenbwelche deutsch-englische Sonderverhandlungen über ein Luftabkommen analog des Londoner Flottenab­kommens zu versichern. Die englische Presse hat immer wieder darauf hingewiesen, daß England nichts bagegen einzuwenben haben werbe, wenn Frankreich seinerseits in birefte Unterhaltung mit Deutschlanb ein Uebereinfommen über eine Begren­zung ber ßanbrüftungen bei ber großen Ver- schiebenartigkeit ber nationalen Bebürfnisse unb ber schlechten Vergleichsmöglichkeit sicherlich bas schwerste Stück eines umfassenben Rüstungsabkom­mens überhaupt unter Dach unb Fach bringen würbe, ja baß man in England eine solcheExtra­tour" bes französischen Freunbes warm begrüßen würbe.

Aber Frankreichs Mißtrauen ist zu groß, um fo sorgfältig gepflegte Theorien, wie bie von ber Unteilbarkeit bes Friebens" von heute auf mor­gen als fortfchrittshemmenb unb utopisch über Borb zu werfen. Laval hat in zwei Reben der letzten Woche zwar angebeutet, baß nach ber gro­ßen Programmrebe des Führers das deutsch-fran­zösische Gespräch offen bleibe unb er nicht zögern werbt zu hanbeln, wenn bie Möglichkeit eines beutsch-französischen Abkommens gegeben fei. Das ist ein Bekenntnis zu nüchterner Realpolitik, bie wir Herrn Laval gerne gutschreiben wollen. Aber in seiner Unterhaltung mit Eben scheint Laval boch zäh geblieben zu sein. Die Pariser Presse meint, man könne wohl an gesäuberte Derhanblun- qen über bie einzelnen Punkte bes Londoner Programms denken, ab-r bindende Abmachungen dürften nur in einem alle Punkte umfassenden Ge­samtabkommen niedergelegt werden. Ob diese Ver­sion tatsächlich eine Abschwächung ber bisher von Frankreich geforderten MethodeAlles auf ein­mal, ober gar nichts" bebeutet unb Eben bamit einen Erfolg zugunsten einer elastischeren Me- thobe bes Derhanbelns mit nach Hause bringen konnte, ist noch nicht klar zu burchschauen. Jeben- salls wirb es noch vielen guten Zurebens bedürfen, um Frankreich wirklich davon zu überzeugen, daß die harte Kruste des Mißtrauens nur langsam auf­tauen kann und daß jede Möglichkeit, hier oder ba eine Bresche zu schlagen, mit Energie ausge- nützt werben muß, bamit einmal von Rinne zu Rinne ber breite Strom gegenseitigen Vertrauens

unb Verstänbnisses zwischen zwei großen Nationen frei zu fließen beginnt.

Eben war auch in Rom. Italiens Stellung zum beutsch-britischen Flottenpakt ist ber seepoli­tischen Lage Italiens entsprechend natürlich sehr viel nüchterner als die Frankreichs. Wohl mehr, um der noch recht jungen Freundschaft der beiden lateinischen Schwestern willen seine Solidarität mit Paris zu bezeigen, hat auch Mussolini an den Me­thoden einiges 'auszusetzen, aber das Ergebnis muß ihm sympathisch fein, denn es bedeutet für Jta- liens seepolitische Sage im Mittelmeer eine spür­bare Entlastung insofern, als eine auch nur in Öen Grenzen des Londoner Flottenabkommens langsam verstärkte deutsche Kriegsflotte natürlich stärkere britische und französische Flotteneinheiten in der Nordsee, im Kanal und im Atlantik binden wird, als bisher. Unb bei aller Freunbschaft, ber alten zu Enalanb unb ber jungen zu Frankreich, weiß boch Italien, was eine Abschwächung bes Drucks frember Kriegsflotten auf feine langgestreck­ten offenen Küsten unb auf die Ueberfahrt nach Afrika zu bedeuten hat. So scheint Eden mit bem Flottenabkommen in Rom keine großen Schwie­rigkeiten gehabt zu haben. Aber wichtiger für ihn war ja auch bie Erörterung bes italienisch- abessinischen Konflikts. Englands 93er- fuch, den offenen Ausbruch von Feindseligkeiten zwischen Italien und seinem ostafrikanischen Nach- harn mit allen Mitteln zu verhindern, entspringt zwei Beweggründen. Einmal hat England im Gebiet des Tana-Sees im nordwestlichen Abessinien Interessen, die es nicht durch kriegerische Ereignisie, die eine Schmälerung der Souveränität des Kaisers von Abessinien ober gar eine italienische Besitz­ergreifung Zur Folge haben könnten, preisgeben darf, wenn nicht bie Wasserversorgung bes Suban unb bamit bie großen wirtschaftlichen Werte ber dort angelegten Baumwollkulturen gefährdet roer- d-n sollen. Zum anderen sieht sich England als Mitglied des Völkerbundes unb über­zeugt von seiner Nützlichkeit für ein weltumspannen­des' Friebenssystem in einer peinlichen Zwickmühle, wenn nach dem Scheitern der gegenwärtig in Sche- oeningen geführten Schiedsverhandlungen Italien zum Kriege schreiten sollte und Abessinien bann das Eingreifen bes Dölkerbunbes forbern würbe.

Ein ähnlicher Konflikt zwischen Opportunität unb Recht, ber einst Japan aus bem Völkerbunb gehrte*